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Glauben | Sammeln

Kleine Andachtsbilder im Nachlass Adolf Spamers

01
Einleitung

02
Kontext

03
Sammeln als wissenschaftliche Praxis

Was ist Sammeln?

Wissenschaftliches Arbeiten und Sammeln gehören untrennbar zusammen. In der Renaissance entstanden private „Kunst- und Wunderkammern“. Sie wurden von Museen, Bibliotheken und Archiven abgelöst, die sowohl der Arbeit, Weiterbildung wie auch der Kontemplation dienen können. Für Forschungs- und Lehrzwecke entstanden Universitätssammlungen. Aber auch im privaten Umfeld sammelten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, was interessant und für ihre Arbeit notwendig schien. Sammeln als Zusammentragen von Dingen und Informationen umfasst das Suchen, die Kommunikation, den Erwerb, die Dokumentation, das Aufbewahren und Ordnen, aber auch die Auswertung und die Vermittlung.

Bildnis des französischen Schriftstellers Edmond Duranty, Gemälde von Edgar Degas, Pastell und Tempera, 1879
Postkarte von P. Anselm Mauser O.S.B. an Adolf Spamer, 1929

Suchen: auf Verdacht

Adolf Spamer sammelte kleine Andachtsbilder, um ihre Kulturgeschichte nachzeichnen zu können. Anfangs war er auf private Sammler und Klöster angewiesen: [U]nsere Museen [haben] nur ganz vereinzelt kleine Sammlungen solcher Andachtsbilder erworben […], so daß der Forscher heute, abgesehen von ein paar Klostersammlungen auf die zahlreichen und weitverstreuten Sammlungen einzelner Privater angewiesen ist, referierte er 1912. Neben größeren privaten Sammlungen wie denen des Münchner Architekten und Ministerialrats Philipp von Kremer oder des Antiquars Max Kummer aus Landshut fand und nutzte er unter anderem die Sammlungen der Benediktinerabtei Beuron, des Klosters Disentis und der Erzabtei St. Ottilien.

Suchen: per Zufall

Exponate für seine eigene Sammlung fand Adolf Spamer in Antiquariaten, aber auch auf Jahrmärkten. Eines der ältesten Bildchen, eine kolorierte Radierung der heiligen Klara, hatte er 1908 auf der Auer Dult erworben. Zu diesem traditionellen Münchner Jahrmarkt, der seit dem 14. Jahrhundert stattfindet, gehört bis heute ein Kunst- und Antiquitätenmarkt. Vielleicht war dies für sammelnde Wissenschaftler*innen eine feste Adresse, denn auch die Münchner Volkskundlerin Marie Andree-Eysn hatte eine Votivtafel aus dem Jahr 1773 dort erworben, wie ein Etikett auf deren Rückseite verrät.

Erwerben

Seine eigene Sammlung baute Adolf Spamer zum Teil durch Käufe in Antiquariaten aus. Die Rechnungen finden sich heute noch in seinem Nachlass. 1912 erwarb er zum Beispiel beim Antiquariat Gilhofer und Ranschburg im Rahmen einer Auktion am 23. März 1912 im Dorotheum in Wien 27 Bildchen zum Preis von 147 Kronen, was 125 Mark entsprach, wie er auf der Rechnung notierte.

Rechnung des Antiquariats Gilhofer & Ranschburg an Adolf Spamer, 1912
Notizen zum Sterbebild des Erbtruchseßes Ferdinand Christoph Graf von Zeil von der Hand Adolf Spamers, um 1910

Dokumentieren

Sofern Adolf Spamer Sammlungen oder Objekte im Besitz von Dritten für seine Forschungen konsultieren konnte, fertigte er Notizen an. Bisweilen transkribierte er den Text und zeichnete die Bilder in vereinfachter Form ab. Manchmal nutzte er auch Reproduktionen, die er zwischen seine handschriftlichen Aufzeichnungen klebte.

Vortrag Adolf Spamers zum kleinen Andachtsbild, 1912

Auswerten und Vermitteln

Im Jahr 1912 hielt Adolf Spamer einen Vortrag über kleine Andachtsbilder aus der Sammlung Philipp von Kremers vor Mitgliedern des Bayerischen Landesvereins für Heimatschutz. Dies dürfte sein erster öffentlicher Beitrag zu dem Thema gewesen sein. Seine wissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Sujet endete mit der Veröffentlichung seines Standardwerks „Das kleine Andachtsbild vom XIV. bis zum XX. Jahrhundert“ beim Münchner Verlag F. Bruckmann 1930.

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Kleine Andachtsbilder aus der Sammlung Spamer

Motive

Maria | Jesus | Heilige | Orte

Funktionen

Andenken | Sterbezettel | Gebetszettel | Fleißbildchen

Hauchbild mit Darstellung der 14 Nothelfer und des Jesuskindes des Gnadenaltars aus der Basilika Vierzehnheiligen bei Bad Staffelstein, undat.

Fleißbildchen

Als Freundschaftsbeweis unter Kindern wie auch als Motivationsanreiz in der Schule dienten Fleißbildchen. Deutlich wird hieran die Entwicklung, die kleine Andachtsbilder als Massenprodukt auch nehmen konnten: weg von religiösen Devotionalien hin zu einem säkularisierten Objekt.

Material und Techniken

Papier und Luxuspapier | Pergament | Stoff | Hausen | Holzschnitt | Kupferstich | Radierung | Lithografie | Handzeichnung | Collage

Hausen

Sogenannte Hauchbildchen waren als Spielerei vor allem für Kinder gedacht. Bei Wärme – durch Anhauchen oder Hautkontakt – rollen sich die hauchdünnen, durchscheinenden Bildchen ein. Grundlage für diesen Effekt war zunächst ein Bindemittel, das aus der Schwimmblase eines Fisches, des Europäischen Hausen (Beluga-Stör), gewonnen wurde. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich stattdessen die günstigere Gelatine durch.

Holzschnitt

Zur Herstellung des Massenprodukts Andachtsbildchen fanden vor allem mechanische Drucktechniken Anwendung, denn so war es möglich, eine größere Menge in kürzerer Zeit herzustellen. Der Holzschnitt ist eines der ältesten Druckverfahren: In eine Holzplatte wird das Motiv eingeschnitten, dieser sogenannte Druckstock wird weiter bearbeitet, Farbe aufgetragen und schließlich das Motiv gedruckt. Der Holzschnitt ist ein Hochdruckverfahren, weil die eingefärbten, druckenden Teile im Vergleich zu den nicht druckenden Teilen erhaben sind.

Tafel mit vier kleinen Andachtsbildern mit Darstellungen Marias, undat., Holzschnitte