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Konstruktion – Dekonstruktion

Bauingenieure im Krieg

Eine virtuelle Ausstellung von

Bauingenieure im Krieg

Zeiten des Krieges sind Zeiten der (Selbst-)mobilisierung von Wissenschaft und Technik, denen sich oftmals ungeahnte Handlungsoptionen eröffnen. Dies gilt für die kriegerischen Auseinandersetzungen im „Zeitalter der Weltkriege“ ebenso wie für die im Zeichen der Blockkonfrontation auch auf diesen Gebieten geführte Systemauseinandersetzung im Kalten Krieg. Veränderte Rahmenbedingungen, eine standardisierte Massennachfrage des Militärs und Ressourcenknappheit können zuweilen dazu führen, dass kriegerische Auseinandersetzungen die technische Entwicklung beeinflussen und Innovationen hervorbringen.

Festung Königstein in Sachsen, unter Christian I. ab 1589 ausgebaut zur Festung von Paul Buchner (1531–1607)

Doch galt dies auch für das in weiten Teilen traditionell agierende Bauwesen, das bis in das frühe 20. Jahrhundert den größten Teil der Ingenieure stellte? Unsere Ausstellung nähert sich einer Beantwortung dieser Frage, indem sie Schlaglichter auf ausgewählte Bauingenieure und ihre (militärischen) Projekte seit der Frühen Neuzeit wirft.  Experten, die Straßen, Kanäle und Befestigungsanlagen planten, die Städte und Bauten errichteten, gab es bereits in den frühen Hochkulturen. Sie wurden immer gebraucht. Aber seit dem 16. Jahrhundert begann sich im militärischen Umfeld im Zuge eines Professionalisierungsprozesses das spezifische Berufsbild des Ingenieurs herauszubilden. In der Industrialisierung der beginnenden Moderne schienen sich die Bauingenieure weiter von den Architekten wie auch von ihrer militärischen Herkunft zu emanzipieren. Die kriegerische Anwendung ziviler Innovationen erforderte dennoch ihre Expertise. Dies galt umso mehr für die industrialisierten Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Im Kalten Krieg galten Ingenieursleistungen schließlich als wichtiges Element im Systemwettstreit. 

Die Ausstellung "Konstruktion - Dekonstruktion." ist im Rahmen der Forschungen des DFG-Projekts Willy Gehler (1876–1953): Spitzenforschung, politische Selbstmobilisierung und historische Rezeption eines bedeutenden Bauingenieurs und Hochschullehrers im "Jahrhundert der Extreme" an der Seniorprofessur für Technik- und Technikwissenschaftsgeschichte der TU Dresden entstanden.

01
Frühe Neuzeit

Herausbildung der Profession seit dem 16. Jahrhundert

Die mittelalterliche Figur des Baumeisters beinhaltete sowohl Aufgabenbereiche, für die heute Architekten zuständig sind, als auch klassische ingenieurtechnische Handlungsfelder. Seit der Renaissance nahmen die handwerklich ausgebildeten Baumeister zunehmend auch unternehmerische Funktionen wahr. Ihre Hauptaufgabe verschob sich immer weiter in Richtung Planung und Organisation. Zugleich wuchsen die mathematischen Anforderungen, was eine Ausdifferenzierung der bautechnischen Berufe beschleunigte. Denn moderne Waffen machten neuartige Formen der Befestigung notwendig, die berechnet werden mussten, und stabile Aufstellungsmöglichkeiten für Geschütze sowie Flankenschutz bei Ausschluss toter Winkel beinhalten sollten.

Bereits im 15. Jahrhundert schlug Francesco di Giorgio Martini (1439-1502) u. a. das für die kommenden Jahrhunderte charakteristische, polygonale, bastionäre Grundrisssystem für Wehrbauten vor. Daraus entwickelten sich Festungsbaulehren, die der italienischen, später auch der niederländischen, deutschen oder französischen "Manier" folgten. Die frühen Festungsbaumeister waren hoch mobile Spezialisten, für die es kein Problem darstellte - teils auch parallel - für unterschiedliche - teils verfeindete - Dienstherren zu arbeiten. Ein intensiver Wissenstransfer über Grenzen hinweg war daher kennzeichnend für die Ingenieursarbeit in der Frühen Neuzeit.

Christoph Weigel: Der Ingenieur, in: Abbildung Der Gemein-Nützlichen Haupt-Stände... 1698.

Als sich die Landesherren dazu entschlossen, Fachleute für Wehrbauten enger an sich zu binden und auch selbst auszubilden, entstand die neue Berufsgruppe der Ingenieure. Das Bauwesen wurde damit zum zentralen Ort der Herausbildung der Ingenieurprofession. In dem 1698 von Johann Christoph Weigel (1661–1726) herausgegeben Ständebuch wird in typisch barocker Manier die zentrale Funktion frühneuzeitlicher Ingenieure benannt:

„Mest fleissig in Gedancken ab, die Erde zu dem engen Grab, so wird kein Feind sich schadend wage, zu der verlangten Werkens-Stadt, wo die bewehrte Tugend hat, ihr festes Lager aufgeschlagen.“

Ihre Hauptaufgabe war der Festungsbau. Daher werden sie bei Weigel unter den militärischen Ständen geführt. Daneben gehörte auch die Belagerung und Eroberung befestigter Orte zum Aufgabenfeld der frühen Ingenieure.

Ein erster Professionalisierungsschub nahm seit 1675 in Frankreich seinen Ausgang: Durch ein königliches Dekret wurde das „Corps des ingénieurs du génie militaire“ gegründet, um die bautechnischen Verbände zusammenzufassen. Dazu gehörten unterschiedliche Gruppen von Spezialisten: Sappeure für den Graben- und Schanzenbau, Mineure für den Bau unterirdischer Anlagen, Pontoniere für den Brückenbau. Die Ingenieurkorps waren Vorläufer der modernen Pioniertruppe.

Das erste eigenständige Ingenieurkorps in deutschen Landen entstand um 1712 in Sachsen, als August Christoph von Wackerbarth (1662–1734), der Chef der sächsischen Ingenieuroffiziere, dieselben aus dem Artilleriecorps herauslöste. In Friedenszeiten wirkten die Ingenieure vor allem in Wasserbau und Melioration, im Wege- und Brückenbau sowie als Geodäten und Kartographen in der Landesvermessung. Damit gaben sie zahlreiche Impulse für die Infrastruktur- und Regionalentwicklung.

Eine weitere Institutionalisierungsstufe erreichten die im Staatsdienst stehenden Ingenieure – wiederum von Frankreich ausgehend – durch die Gründung gesonderter Ingenieurschulen seit dem 18. Jahrhundert. In Dresden nahm die Ingenieurakademie bereits 1743 mit den Fächern Festungsbau und Zivilbau, Mathematik, Geodäsie und Geographie sowie Mechanik und Maschinenkunde den Lehrbetrieb auf.

02
19. Jahrhundert

Bauingenieure in der Industrialisierung

Im Zuge der Industrialisierung differenzierten sich die akademischen Berufe des Bauwesens weiter aus. Dabei entstand das moderne, auf konstruktive Arbeiten und Bauausführungen konzentrierte Berufsbild des Bauingenieurs.  Begleitet wurde diese Entwicklung von Prozessen der Verwissenschaftlichung.

Durch preussischen Artilleriebeschuss zerstörtes Gebäude in Paris, 1871

Aber auch die Ingenieurkorps in den Armeen der europäischen Staaten behielten ihre Bedeutung. Das zeigt sich eindrücklich am Beispiel der Pariser Stadtbefestigung, die zwischen 1840 und 1844 mit einem Ring aus 16 detachierten Forts im Bastionärsystem und einem zehn Meter hohen Hauptwall großzügig ausgebaut wurde. Allerdings bewirkten waffentechnische Fortschritte, dass diese Befestigungsanlagen bereits wenige Jahre nach ihrer Fertigstellung veraltet waren. Dies rächte sich im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71, als der modernen Belagerungsartillerie wenig entgegengesetzt werden konnte und die französische Hauptstadt schließlich kapitulieren musste. In der Folgezeit wurde die Pariser Stadtbefestigung mit einem zweiten Fortring erneut ausgebaut, wobei der militärische Wert durch neu aufkommende „Brisanzgranaten“ wiederum bald in Frage stand. Vor allem entlang der neuen französischen Ostgrenze intensivierte sich jetzt aber die Festungsbautätigkeit: Der General der Pioniere Raymond Adolphe Séré de Rivières (1815–1895) propagierte hierzu ein neuartiges System aus Festungsregionen und Sperrforts mit an die Lokalitäten angepassten Verteidigungsbauten. Seit den späten 1880er Jahren wurde dabei als innovativer Baustoff auch Stahlbeton eingesetzt. Die so entstandene Barrière de fer trug im Ersten Weltkrieg entscheidend dazu bei, dass der deutsche Vorstoß auf Paris abbrach und in die Materialschlachten des Grabenkrieges überging.

Als erster „industrieller“ Krieg der Geschichte, in dem moderne technische Innovationen auf breiter Front rücksichtslos genutzt wurden, kann aber der Krimkrieg (1853–1856) gelten. Im Laufe dieser Kämpfe errichteten Bauingenieure monumentale Festungsanlagen, ausgedehnte Grabensysteme sowie die erste strategische Feldbahn. Der Eisenbahnbau war auch ein bevorzugtes Betätigungsfeld für die zahlreichen Kolonialingenieure, die im Zeitalter des Imperialismus abhängige Gebiete industriell erschloßen. Bekanntestes Beispiel eines imperialen Eisenbahnprojekts war aber die zur Ausweitung der deutschen Einflusssphäre für das Osmanische Reich geplante Bagdadbahn, der im Ersten Weltkrieg eine kriegswichtige Rolle zukommen sollte.

03
Erster Weltkrieg

Bauingenieure im technisierten Krieg

Durch die Mobilisierung aller Ressourcen vollzog sich im Ersten Weltkrieg vollends der Übergang zum technisierten Krieg. Technisch-industrielle Leistungsfähigkeit wurde zum entscheidenden Faktor. Die "Urkatastrophe" des 20. Jahrhunderts avancierte damit auch zu einem Krieg der Ingenieure. Die durch (Selbst-)Mobilisierung der Techniker intensivierte Innovationstätigkeit war Voraussetzung dafür, dass sich das destruktive Potential moderner Technik in zuvor nicht vorstellbarem Maße entfalten konnte.

Luftbildfotographie deutscher Stellungen nördlich von Verdun, 1917

Durch die Erstarrung der Westfront im Herbst 1914 wurde das rasche Scheitern des Schlieffen-Plans offenbar. Eine veränderte Kriegsführung war die Folge: Durch massierten Artilleriebeschuss in immer neuen Offensiven wollte der Chef des deutschen Generalsstabs Erich von Falkenhayn (1861–1922) Geländegewinne erzwingen und den Gegner zum „Weißbluten“ bringen. Gigantische Materialschlachten prägten den Fortgang des Krieges, ohne dass sich der Frontverlauf dabei entscheidend veränderte.

Erst unter der dritten Obersten Heeresleitung kam es im Frühjahr 1917 zu einer erneuten Strategieänderung, als deutlich wurde, dass sich die eigenen Ressourcen erschöpften. Die deutschen Truppen zogen sich auf die zuvor ausgebaute "Siegfriedstellung" zurück. Unterstützt durch die mit dem "Hindenburg-Programm" intensivierte Industrieproduktion, konnte diese Linie bis Herbst 1918 gehalten werden.  

Die für den Stellungsbau und die Kriegsführung benötigten ungeheuren Mengen an Baumaterial machten deutlich, dass eine Bewirtschaftung des Baustahls notwendig war. Diese Aufgabe oblag der im Rahmen der deutschen Kriegswirtschaft in Berlin eingerichteten Bautenprüfstelle. Die von Bauingenieuren geführte Behörde verfasste Listen vorrangig zu errichtender Gebäude, überwachte die Genehmigung ziviler Bauten und propagierte die Verwendung alternativer Baustoffe. Darüber hinaus entwickelte sie sich im Laufe des Krieges zu einer Keimzeile des Normungsgedankens im Bauwesen.

04
Zweiter Weltkrieg

Bauingenieure im "totalen Krieg"

Der Zweite Weltkrieg ermöglichte den Bauingenieuren einen beschleunigten sozialen Aufstieg. Aspekte der nationalsozialistischen Ideologie – die „Deutsche Technik“ –, neue Korporationen wie die Organisation Todt und die konkrete Kriegssituation boten ihnen die Möglichkeit, aus dem Schatten ihrer Bauwerke und vor allem auch dem der Architekten zu treten, und als eigenständige Berufsgruppe soziale Anerkennung zu erlangen. Der Bauingenieur, Nationalpreisträger, NS-Funktionär und Reichsminister Fritz Todt formulierte 1939 in der ersten Ausgabe der Fachzeitschrift für Bauingenieure und Architekten Der Deutsche Baumeister die Anforderungen, an die der soziale Aufstieg geknüpft war, und die zu bewältigenden Aufgaben wie folgt:

Elbtal bei Schwaden (heute Ústí nad Labem-Svádov) mit Bunker, um 1938

„Das Dritte Reich braucht für seine gewaltigen Aufbauarbeiten den größeren Ingenieur, der zwar die spezielle Technik als unentbehrliches Handwerkszeug vollständig beherrscht, der aber darüber hinaus die großen Zusammenhänge erkennt und im Einklang damit seine Schöpfung gestaltet. Nur so kommen wir zu einer Technik, die volksverbunden und naturverbunden ist. Dies gilt besonders für die Bauschaffenden, deren stolze Aufgabe es ist, die Bauten des Führers, des Grenzschutzes, der Wehrhaftmachung, des Vierjahresplanes, aber auch die Wohnungsbauten, die unseren heutigen Auffassungen von Wohnkultur entsprechen, die Verkehrsanlagen und die Anlagen zur Förderung der Nahrungsfreiheit zu schaffen.“

Dabei reihte sich der Sozialaufstieg der Bauingenieure in eine allgemeine Emanzipation der Ingenieure im Nationalsozialismus ein. Durch die Konkurrenz mit den Architekten, die in Friedenszeiten durch propagandistisch in Szene gesetzte städtebauliche Programme das Bild des Bauwesens bestimmten, vollzog sich der Aufstieg der Bauingenieure allerdings erst später als in anderen Ingenieursgruppen, nämlich vor allem mit Kriegsbeginn. Der Krieg forderte vor allem Infrastruktur- und Bunkerbauten, die in das Aufgabengebiet der Bauingenieure fielen und diesen dadurch die Möglichkeit boten, sich öffentlichkeitswirksam als leistungsfähige und selbstlose „Volks- und Kampfesgenossen“ zu inszenieren. Dies war die zentrale Voraussetzung, die den Aufstieg in die sozial anerkannten Eliten des „Dritten Reiches“ ebnete.

05
Kalter Krieg

Epilog

Fritz Leonhardts Aktivitäten während der NS-Zeit wurden zeitlebens kaum thematisiert. Handelte es sich dagegen um eine besonders herausgehobene Persönlichkeit des öffentlichen Lebens, konnte die Vergangenheit zuweilen – insbesondere im Zuge der deutsch-deutschen Systemauseinandersetzung während des Kalten Krieges – als Waffe eingesetzt werden:

1966 lanciert das Ministerium für Staatssicherheit in der DDR-Presse eine Kampagne gegen den zweiten Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland Heinrich Lübke (1894–1972), in der dieser als „KZ-Baumeister“ und „Kriegsverbrecher“ diskreditiert wird. Da der Geheimdienst dazu auch gefälschte Aktendeckel benutzt, kann die westliche Seite diese Vorwürfe zurückweisen.

Tatsächlich arbeitete der studierte Geodät und Ökonom Lübke während des Zweiten Weltkriegs als Vermessungsingenieur und Bauleiter für ein Ingenieurbüro, das dem Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Albert Speer unterstand und auch in der Heeresversuchsanstalt Peenemünde eingesetzt wurde. Zwischen 1943 und 1945 trug er dabei die Verantwortung für den Einsatz von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, die Hitlers „Vergeltungswaffen“ produzieren sollten. Als Mitglied des Jägerstabs war Lübke darüber hinaus an der Untertageverlagerung von Flugzeugwerken in der Endphase des Krieges beteiligt. Dabei wurden unter seiner Leitung auch Unterkünfte für Sklavenarbeiter errichtet. Der Vorwurf aus der DDR erweist sich posthum als zutreffend.

Technik ist nicht neutral. Sie dient – ob in Kriegs- oder Friedenszeiten – immer auch außertechnischen Zwecken. Die Aufnahme von Zivilklauseln, die militärische Forschung verbieten, in die Grundordnungen vieler  Technischer Universitäten mag ein erster Schritt in die richtige Richtung sein. Techniker und Ingenieure sollten sich aber darüber hinaus gehend bewusstmachen, dass sie Teil politisch geformter Innovationssysteme sind und gesellschaftliche Verantwortung tragen. Im besten Fall trägt unser Blick in die Geschichte der Bauingenieure, der auf die militärischen Wurzeln des Ingenieurberufs verweist, dazu bei.