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BERLIN ZEICHNET MODE

Die Modezeichnung ist das älteste Medium zur Visualisierung von Kleidung und unentbehrliche Grundlage innerhalb des Designprozesses. Mit Erstarken der Fotografie ab Mitte der 1950er Jahre verlor sie zwar an medialer Präsenz und damit an Bedeutung, doch gehört das Übersetzen der anatomischen Zeichnung in eine individuelle Modeskizze nach wie vor zum Curriculum der Modeausbildung.

Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Berlin zeichnet Mode“ wurden Modezeichnungen aus den Archiven der beteiligten Institutionen erschlossen, digitalisiert und zugänglich gemacht. Gemeinsam umspannen diese Zeichnungen einen Zeitraum von über 100 Jahren. Sie geben Auskunft über Netzwerke und Traditionslinien verschiedener Ausbildungsorte und über Generationen von Modeschaffenden in Berlin. Sie erzählen von den Besonderheiten des Ausbildungsprozesses, illustrieren den Zeitgeist und künstlerische Individualität und machen funktionale Anforderungen des Mediums sichtbar.

 

Die Ausstellung „Berlin zeichnet Mode“ zeigt einzelne Schlaglichter der Berliner Zeichentradition und macht deren Fortführung bis in die jüngste Vergangenheit hinein sichtbar. Zahlreiche Querverbindungen zwischen den Akteur:innen verweisen auf die gewachsene Tradition der Berliner Modeausbildung.

01
Modezeichnungen im Archiv

Bibliotheken, Museen und Archive sind Gedächtnisorte einer Gesellschaft. Was hier eingeht, wird zum kulturellen Erbe. Sammlungsobjekte und Archivalien erlauben jeder Generation aufs Neue, Vergangenes zu interpretieren.  „Das Spannende an Archiven ist gerade, dass sie ermöglichen, die Vergangenheit immer wieder neu zu befragen und dies für die Gestaltung der Gegenwart fruchtbar zu machen.“

Wer kreative Anregung sucht, wird in den Archiven der Sammlung Modebild der Lipperheideschen Kostümbibliothek, im Lette Verein oder in der Sammlung Mode und Textilien des Stadtmuseums fündig. Hier werden originale Handzeichnungen wie Modeentwürfe und -illustrationen sowie Kostümentwürfe, die von aktuellen Arbeiten bis zu Zeichnungen des 16. Jahrhunderts reichen, gesammelt, bewahrt, erforscht und zugänglich gemacht.

Die Wege, auf denen die Zeichnungen in die Sammlungen gelangen, sind von Fall zu Fall verschieden. Teilweise sind intensive Nachforschungen erforderlich, um die Provenienz der Zeichnungen oder die Biographien der Zeichner:innen zu rekonstruieren und mögliche Nachkommen zu finden. Die Klärung von Urheberschaft und Nutzungsrechten ist Grundlage dafür, die Arbeiten zu publizieren und auf Internetplattformen öffentlich zu präsentieren. Angesichts der komplexen Rechtslage ist dies manchmal gar nicht so leicht.

 

Spurlos: Wer war Marie Schulz?

Ein solcher Fall sind die Zeichnungen von Marie Schulz in der Lipperheideschen Kostümbibliothek. Schulz lernte in den 1920er Jahren an der Berliner Reimann-Schule und entwarf unter anderem äußerst originelle Fantasiekostüme für die berühmten Reimann-Bälle. Später, in den 1950er Jahren, wollte sie ihre Zeichnungen aus der Schulzeit eigentlich entsorgen. Da sie aber einer damaligen Freundin gefielen, schenkte sie die 124 Blätter stattdessen ihr. Trotz intensiver Recherche lässt sich Marie Schulz` Biografie nicht weiterverfolgen. Was bleibt, sind ihre Modezeichnungen, die den Esprit der 1920er Jahre wunderbar veranschaulichen. Solange sich aber keine Rechtsnachfolge feststellen lässt oder ihr Werk zur freien Nutzung gemeinfrei wird, dürfen sie derzeit nicht online publiziert werden.

 

Die Sammlung Modebild - Lipperheidesche Kostümbibliothek gehört weltweit zu den größten Sammlungen an Quellenliteratur und Grafiken rund um das Thema Kleidung und ist in ihrer Vielfältigkeit einzigartig. Den Grundstock legte das Verlegerpaar Lipperheide mit seiner Sammlung für Kostümwissenschaft, welche 1898 als Schenkung an das Kunstgewerbemuseum überging. Franz und Frieda Lipperheide sind übrigens spatestens ab 1868 als Mitglieder des Lette Vereins nachgewiesen.

Bislang nur in verpixelter Ansicht zu veröffentlichen – Marie Schulz, Mitte 1920er Jahre.

02
(K)eine Chronik: Modeschulen in Berlin

Die Tradition der Modeausbildung in Berlin geht auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zurück. Die Reimann-Schule und der Lette Verein waren zu dieser Zeit die ersten Lehrinstitutionen, die eine berufliche Qualifikation in der Mode mit unterschiedlichen Ausbildungsschwerpunkten anboten. Damit reagierten sie auf die gewachsene Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften in dieser Branche. Wichtige Arbeit- und Auftraggeber waren die Berliner Konfektionsbetriebe, die vornehmlich am Hausvogteiplatz ansässig waren, sowie das Berliner Verlagswesen mit seinen zahlreichen Publikationen an Modezeitschriften.

Die Zeit des Nationalsozialismus beendete diese Entwicklung. Viele Unternehmen mussten schließen oder wurden arisiert. Die großteils jüdischen Besitzer:innen wurden verfolgt, mussten emigrieren oder wurden ermordet. Die wirtschaftliche Isolation Deutschlands und der Zweite Weltkrieg bewirkten dann den Niedergang der Branche in Berlin. In den Nachkriegsjahren beeinflusste die Teilung Berlins in Ost und West den Wiederaufbau der Modeindustrie. Es entstanden zwei neue Zentren für Mode, die durch die Messestandorte Leipzig und Düsseldorf repräsentiert wurden.

Für die Modeausbildung blieb auch das geteilte Berlin ein wichtiger Standort. In Westberlin wurde weiterhin am Lette Verein sowie an der Hochschule der Künste Berlin (heute Universität der Künste) Mode gelehrt. In Ostberlin etablierten sich die Kunsthochschule Weißensee sowie die Fachschule für Textilindustrie und Mode, aus der später die Ingenieurschule für Bekleidungstechnik hervorging. Zwei Studiengänge der Ingenieurschule gingen 1993 in der heutigen HTW Berlin auf. Neben Privatschulen bieten die drei staatlichen Lehreinrichtungen sowie der Lette Verein als Stiftung des öffentlichen Rechts nach wie vor eine hochwertige Ausbildung im Bereich Mode an.

03
Funktion und Poesie: Die Modezeichnung

Das visuelle Spektrum von Modezeichnungen ist groß: Es reicht von objektiv technischer Strichführung bis zur subjektiven, künstlerischen Ausdrucksform. Auch ihre Funktion ist vielfältig. In der Modeskizze nimmt die Entwurfsidee Gestalt an. Sie ist von leichter Hand hingeschrieben, flüchtig, spielerisch, poetisch. Als betriebsgerechte Werkstattzeichnung ist sie Arbeitsmittel für Konstruktion und Fertigung vor dem Hintergrund bestimmter soziokultureller Bedingungen. Als historisches Dokument gibt sie Aufschluss über die Modegeschichte, aber sie ist auch eigenständiges künstlerisches Werk, gibt Anregung zum Träumen und kann Inspiration für zeitgenössisches Modeschaffen sein. Nicht zuletzt ist die Modezeichnung Kommunikationsmittel über die Befindlichkeiten und Stimmungen des Zeitgeists.

Gerd Hartung, 1932

Zwischen den Weltkriegen: Blütezeit der Berliner Modezeichnung

In der Zeit des Ersten Weltkrieges und den darauffolgenden Jahren erlebte die Berliner Modezeichnung einen Höhepunkt. Berlin war Modemetropole. Neben dem Bedarf der Industrie an Werkzeichnungen verlangten die zahlreichen Modezeitschriften nach druckfertigen künstlerischen Illustrationen. Die hohe zeichnerische Qualität jener Zeit entspringt zum einen dem hohen Niveau der Berliner Ausbildungsstätten, zum anderen ist sie der Wertschätzung des Genres geschuldet. So stellte etwa der bekannte Modezeichner und Pädagoge Kenan die „kultivierte Modezeichnung als Kunstwerk“ auf eine Ebene mit der Malerei.

Bei der Betrachtung der Zeichnungen gilt eines zu bedenken: Modebilder sind Wunschbilder. In den 1910er bis 1930er Jahren zeigten sie vornehmlich das Leben einer kleinen, wohlhabenden, kosmopolitischen Gesellschaftsschicht. Diese stand im extremen Gegensatz zur Mehrzahl der Berliner Bevölkerung, die auf engem Raum mit geringem Einkommen lebte. Mode spielt mit Begierden, und die Zeichnungen erzählen von einem Lebensgefühl, das für die meisten Sehnsucht bleiben musste.

04
Gestaltung und Gegenwart

Der Blick in die Vergangenheit des Modezeichnens lohnt sich. Als Entwicklungsgeschichte ist sie mit der Identität Berlins als Modestadt mit seiner Vielzahl an Modeschulen auf das Innigste verknüpft. Sie gibt Aufschluss über die kulturelle Bedeutung von Mode im gegenwärtigen Berlin und kann Visionen eines zukünftigen Modeschöpfens eröffnen.
Berlin, als sich stetig wandelnder Ort, knüpft nicht an Stereotype der etablierten Modemetropolen wie Paris, New York oder Mailand an und kommt ohne Haute Couture und Prestige aus. Die vielen historischen Brüche befördern - ja verlangen - eine andere Kultur der Kreativität. Die traditionsreiche und vielseitige Landschaft der Berliner Modeschulen ist ein Raum unter vielen, an dem sich diese Kreativität entfaltet.

Die Modesammlungen Berlins laden zu schöpferischer Recherche ein und sind Anlaufstellen für alle, die Mode studieren, Mode kreieren oder schlichtweg Mode lieben. Wurden Sammlungen und Archive in der Vergangenheit oftmals mit Staub, Vergessenheit und Lebensferne assoziiert, so verwandelten sie sich mit der Zeit in den „schillernden Topos einer aktiven Wissensproduktion“. Es ließe sich sogar behaupten, dass Archive gegenwärtig im Trend liegen, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit aktuell dem Zeitgeist entspricht - auch in Hinblick auf die Mode. So spricht die deutsche Vogue von einem „Archive Movement“ und vermerkt: „Mit dem Tragen von Archiv-Stücken beweist man Modekenntnis.“


Quellenangaben der Zitate in chronologischer Reihenfolge:

Zimmermann, Olaf: Aus dem Schatten treten. Archive sind zentrale Kulturorte, in: Politik & Kultur. Zeitung des deutschen Kulturrates (2020), Nr. 3, S. 15.
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Hartung, Gerd: Lehr(er)jahre heute. Ein halbes Jahrhundert im Modegeschehen, in: Kleider machen viele Leute. Mode machen - aber wie?, hg. v. Katja Aschke, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 80.
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Kenan in „Farbe und Form“, 1927, zitiert nach: Kuhfuss-Wickenheiser, Swantje: Die Reimann-Schule in Berlin und London 1902-1943. Ein jüdisches Unternehmen zur Kunst- und  Designausbildung internationaler Prägung bis zur Vernichtung durch das Hitleregime, Aachen 2009, S. 97.
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Mundt, Barbara: Metropolen machen Mode. Haute Couture der Zwanziger Jahre, Berlin 1977, S. 122.
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Mundt, Barbara: Metropolen machen Mode. Haute Couture der Zwanziger Jahre, Berlin 1977, S. 125.
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Lepper, Marcel; Raulf, Ulrich: Idee des Archivs, in: Handbuch Archiv. Geschichten, Aufgaben, Perspektiven, Stuttgart 2016, S.4.
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Riedl, Ann-Kathrin: Archive Movement: Warum Vintagemode so begehrt ist wie nie, in: Vogue (2019) unter https://www.vogue.de/mode/artikel/archive-movement-warum-vintagemode-so-begehrt-ist-wie-nie (abgerufen am 16.1.2022).
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