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Besetzter Raum

Plakatanschläge deutscher Besatzer 1939–1945

Eine virtuelle Ausstellung von

Wird ein Staat von einem anderen besetzt, ist die Bevölkerung des besetzten Staates der Besatzungsmacht faktisch ausgeliefert. Ebenso steht es mit der Rechtsordnung des Staates, seinen Institutionen sowie Kulturgütern und seinem sonstigen Eigentum. Der besetzte Staat steht in Gefahr, in seinen grundlegenden Elementen völlig ausgelöscht zu werden.

Carolin Söfker: Durch die Besatzungsmacht geprägte Neuordnungen besetzter Staaten. München: Utz, 2015. 

Besetzung bedeutet, Kontrolle über ein Gebiet und die darin lebende Bevölkerung auszuüben.  Sie umfasst militärische und administrative Maßnahmen. Nach Beendigung militärischer Kampfhandlungen wird die öffentliche Ordnung neu hergestellt. Die jeweilige Besatzungsmacht bedient sich oft lokaler Verwaltungsstrukturen, die neuen  Befehlen folgen.  Die Machtausübung der Besatzer geht – in der älteren Geschichte und bis heute – mit Beeinträchtigungen für die Bevölkerung einher.  
Die Neuordnung in den besetzten Gebieten erfolgt über die Anordnung von Gesetzen, Regelungen, Weisungen, Bekanntmachungen. Im 20. Jahrhundert nimmt das Medium Plakat als Informationsträger im öffentlichen Raum dabei eine besondere Stellung ein.  Anschläge an Mauern, Zäunen, Litfaßsäulen oder Hauswänden appellieren an die Bevölkerung auf der Straße.  Die Texte, oft in der Sprache der Besatzer und der Sprache der Besetzten zugleich, befehlen ein bestimmtes Verhalten, oft unter Androhung von Gefahren.  Die hier präsentierten Plakatanschläge zeigen einen Ausschnitt der Sondersammlung Zweiter Weltkrieg der Deutschen Nationalbibliothek.
1941 wird das Abreißen von Plakaten im Generalgouvernement unter Strafe gestellt

01
Alltag

Alltag und Zwangsarbeit

Im Deutschen Reich gab es mit Beginn des Krieges einen großen Bedarf an Arbeitskräften für Industrie und Landwirtschaft. Zunächst wurde im besetzten Polen um Freiwillige geworben, die sich für die Arbeit in Deutschland verpflichteten. Als dieses Vorgehen nicht den gewünschten Erfolg brachte, wurde aus der freiwilligen Entscheidung eine Arbeitspflicht. Wer sich entzog, den erwarteten schwere Strafen.

02
Bürokratie

03
Assimilation – Ausgrenzung – Verfolgung

Die nationalsozialistische Bevölkerungspolitik unterlag der Ideologie des sogenannten «Herrenmenschentums» und der «Volksgemeinschaft». Alles was nicht deutsch war, wurde herabgesetzt, ausgegrenzt oder vernichtet. Eine kulturelle Vermischung wurde entschieden abgelehnt. Die Umbenennung von Straßen und Plätzen, die Aufforderung Deutsch zu sprechen oder Lokalitäten zu besuchen, die «der deutschen Art entsprechen», sind Beispiele für die rigide Germanisierungspolitik. Ein Nichtbekennen zum deutschen Volkstum wurde als Verrat angesehen. Letztendlich ging es besonders in den eroberten Gebieten Osteuropas darum, «Lebensraum» für die nachfolgenden deutschen Generationen zu schaffen.

04
Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung

Die nationalsozialische Rassenideologie sah die jüdische Bevölkerung als Feind, der besiegt und ermordet werden muss, damit die deutsche «Rasse» weiterhin bestehen kann. Die Besatzungsplakate bezeugen diesen  menschenverachtenden Antisemitismus, der die geistige Grundlage für den Holocaust bildete. Die Bild-Propaganda bedient dabei sowohl auf der Text- als auch auf der Bildebene antisemitische Klischees.

Flankiert wurden die Propaganda-Bildplakate von Textplakaten, die die Ghettoisierung anordneten oder davor warnten, der jüdischen Bevölkerung beizustehen. Sie demonstrieren das nüchterne Verwaltungshandeln, das zum Völkermord führen wird.

Ausschnitte mehrerer Anschläge aus dem besetzten Polen

05
Terror

Terror als Machtinstrument

Millionen Menschenleben wurden während der deutschen Herrschaft in den besetzten Gebieten Europas vernichtet. Gewalt und Terror waren allgegenwärtig und verschärften sich,  je widerwilliger den Anordnungen der Besatzungsmacht nachgekommen wurde und je schlechter sich die Kriegslage entwickelte.

Die Veröffentlichung von «Todeslisten» mit hingerichteten oder als Geiseln genommener Menschen, die Drohung mit der Vernichtung ganzer Dörfer als «Sühnemaßnahme» und die permanente Androhung schärfster Strafen sollten die Bevölkerung gefügig machen und zur Kooperation zwingen.

Ich bin daher gezwungen, schärfste Massnahmen zu treffen, welche über die gesamte Bevölkerung unermässliches Leid bringen und auch Unschuldige treffen werden.

Plakatanschlag vom Chef der Zivilverwaltung Franz Kutschera aus dem besetzten Oberkrain

Partisanenbewegungen  leisteten erbitterten Widerstand gegen die deutsche Besatzung. Diese bezeichnete die Aktionen als «Banditenüberfälle» und versuchte die einheimische Bevölkerung gegen die Widerständigen aufzubringen, indem sie diese als gewöhnliche Kriminelle darstellte. Jede mangelnde Distanzierung oder gar Unterstützung wurde auf das Schwerste bestraft.

06
Zeugen aus Papier

Die Plakate sind Teil der Weltkriegssammlung, die von der Deutschen Nationalbibliothek/Deutschen Bücherei im September 1939 initiiert wurde. Sämtliche Druckschriften aus Deutschland und den besetzten Gebieten sollten bewahrt werden, insbesondere  Flugblätter, Zeitungen, Plakate und Maueranschläge.

Durch Aufrufe an Vereine, Verbände, Stadtverwaltungen, Unternehmen, den Buchhandel, aber auch NSDAP und Wehrmacht wurde die Sammlung angereichert. Angesichts der 1933 verfügten Unterstellung der Bibliothek unter das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda wurden zahlreiche Dienststellen angewiesen, Drucksachen direkt nach Leipzig einzusenden, so etwa die Reichspropagandaämter, der Reichsverband der deutschen Presse, das Zentralbüro der Deutschen Arbeitsfront (DAF), das Hauptamt des Reichsführers SS, die Abteilung Volksaufklärung und Propaganda des Amtes des Generalgouverneurs usw. Auch Bibliotheksmitarbeiter und -nutzer, die an der Front waren, spendeten Material. Aus Westeuropa wurde die Sammlung durch gezielte Erwerbungsreisen erweitert. Im Osten standen Beschaffungen aus dem Generalgouvernement und dem Protektorat Böhmen und Mähren im Vordergrund. 

Die Plakate und anderen Blätter der Kriegssammlung sind seit 2018 Teil der Grafischen Sammlung des Deutschen Buch- und Schriftmuseums. Über 6.000 Blätter aus der Zeit von 1933 bis 1945 bilden ein für die historische Forschung interessantes Fragment. Ein Teil dieser Sammlung konnte bereits erschlossen werden. Aus Bestandsschutzgründen sind nicht alle Plakate frei zugänglich. Um die Bestände für Wissenschaft & Forschung bereitzustellen und in Kontexte der europäischen Erinnerungskultur einzubinden, arbeitet die Deutsche Nationalbibliothek kontinuierlich an der Erschließung, Digitalisierung und Konservierung dieser wichtigen historischen Zeugnisse. 

Onlinekatalog: Plakatsammlung Zweiter Weltkrieg

Arbeit an den Plakaten