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Fäden des Wirkens

Leben und Arbeit der Julia v. Bodelschwingh

Die Ausstellung

Julia v. Bodelschwingh wurde 80 Jahre alt und prägte zusammen mit ihrem Ehemann Friedrich v. Bodelschwingh, der von 1910 bis 1946 Anstaltsleiter war, die Gestalt Bethels aktiv mit.

Sie setzte sich für viele Menschen persönlich ein und schuf neue Arbeitsstätten für Menschen mit und ohne Behinderung.

Die Malerei und Weberei waren bei all dieser Arbeit immer eine Konstante in ihrem Leben. Selbst in den letzten Lebensjahren ließ sie ihr Tatendrang und das Streben nach Veränderung nicht los. Sie setzte auch in dieser Zeit eigene Pläne und Projekte mutig in die Tat um.

Von ihrer Biografie soll diese Ausstellung berichten. Historische Dokumente und Fotos sollen hierbei das Leben und Wirken dieser eigenständigen Frau nachvollziehbar darstellen.

01
Die Kindheit von Julia v. Ledebur

Porträt von Julia v. Ledebur in jungen Jahren.

Julia v. Bodelschwingh wurde am 7. Juni 1874 als Julia v. Ledebur auf Gut Crollage im Kreis Lübbecke geboren. Sie war das elfte Kind von Albrecht Freiherr v. Ledebur und seiner Frau Marie. Im Alter von eineinhalb Jahren verlor Julia ihre Mutter. Sie starb an Kindbettfieber bei der Geburt des jüngsten Kindes Albrecht. Erzogen wurden Julia und ihre Geschwister daraufhin von ihrem Vater und ihrer ältesten Schwester Mathilde. Der Vater verreiste oft mit den jüngsten Kindern und die älteste Schwester brachte den Mädchen die Haushaltsführung bei.

Ihre Schulzeit und Jugend verbrachte Julia in Hannover. Hier besuchte sie den Konfirmandenunterricht und die private Höhere Töchterschule von Julie Boysen. Regen Kontakt hielt sie in dieser Zeit mit ihren Tanten Caroline und Luise v. d. Recke sowie mit ihrer Schwester Else. Julia schrieb ihnen oft. Sie verschickte Geburtstagsgrüße, erzählte aber auch über ihren Alltag, die Hausaufgaben und ihre Sorgen.

„Sie ist durch vieles hindurchgegangen, und ist ein sehr entschlossener, lebevoller Mensch, und sieht das Leben von so überraschend anderen Gesichtspunkten an, daß der Verkehr mit ihr erfrischend und anregend ist.“

Eine Briefabschrift von Adelheid v. Bodelschwingh an Caroline v. Zacha vom 29. Dezember 1910. 

02
Julia und die Malerei

Julia v. Bodelschwingh, im Alter von 76 Jahren, beim Malen im Fritz v. Bodelschwingh-Heim in Westerhausen.

Die erste praktische Begegnung mit der Malerei hatte Julia v. Bodelschwingh, damals noch v. Ledebur, im Alter von 20 Jahren. Sie durfte zu einem dreimonatigen Studienaufenthalt nach Dresden reisen. Hier besuchte sie ihre ersten Malklassen. Im Anschluss daran musste sie aber wieder zurück in die heimische Provinz, um ihren Vater auf Gut Crollage zu unterstützen.

Die Malerei ließ Julia v. Ledebur trotzdem nicht mehr los. Etwa sechs Jahre nach dem Tod ihres Vaters entschied sie sich im November 1905 für einen privaten Malkurs bei dem Impressionisten Franz Skarbian und für den Besuch der Kunst- und Gewerbeschule des Kunstgewerbemuseums in Berlin.

Sie lebte in dieser Zeit mit ihrer eineinhalb Jahre älteren Schwester Marie, die ebenfalls studierte, zusammen in einer eigenen Wohnung. Beide unterhielten viele Freundschaften. Unter anderem entstand in dieser Zeit eine sehr enge Beziehung zwischen Julia und dem Kunsttheoretiker Heinrich Wölfflin.

Auch nach dem Ende ihres Studiums und der Heirat mit Friedrich v. Bodelschwingh im darauffolgenden Jahr ließ sie die Kunst nicht los. Wann immer etwas Zeit übrig blieb, malte Julia v. Bodelschwingh. Die Aquarellmalerei war hierbei ihr bevorzugtes Medium. Auch gab sie selbst Unterricht in Malerei in Bethel und verkaufte ihre Werke als Postkartenmotive in der Umgebung.

„Am 1. November fangen in Berlin Skarbians Stunden an. So lange bleiben wir ja noch zusammen. Mein Weg ist schön und klar, freue mich entsetzlich.“

Brief von Julia v. Ledebur an ihre Schwester Else v. Ledebur 21. September 1905.

Ein Brief von Julia v. Bodelschwingh an Studienrätin Muttray vom 28. September 1933

In einem Brief vom 28. September 1933 an Studienrätin Muttray schreibt Julia v. Bodelschwingh über ihre Malstunden im Arbeitshaus in ihrem Garten. Auch verweist sie darauf, dass ihre alltägliche Arbeit kaum Zeit hierfür lässt. Deshalb sucht sie nach fähigen Lehrkräften, welche die Malstunden übernehmen können. In diesem Brief wird deutlich, dass Julia v. Bodelschwingh ein hohes Pensum an Arbeit in Bethel hatte. Auch lässt sich gut erkennen, wie sie selbst Bethel in kleinen Schritten prägte und Beschäftigungsmöglichkeiten für die Bewohner schuf.

03
Die Arbeit als Paar in Bethel

Das Leben zu zweit begann für Julia und Friedrich v. Bodelschwingh mit der kirchlichen Trauung am 30. April 1911 in der Moorkirche in Freistatt. Hierfür entschied sich das Paar, um eine große Hochzeitsfeier in Bethel zu vermeiden.

Lange Flitterwochen folgten daraufhin nicht, da Friedrich v. Bodelschwingh seine Aufgaben als Anstaltsleiter wieder aufnahm. Hierbei wurde er fortan von Julia v. Bodelschwingh unterstützt. Als Ehefrau des Anstaltsleiters und Pastors der Gemeinde, nahm auch sie an öffentlichen Terminen innerhalb und außerhalb Bethels teil und führte Korrespondenzen im Namen ihres Mannes. Ebenfalls setzte sie sich für die Bewohner Bethels ein. Unter anderem nutzte sie ihre privaten Netzwerke, um Wohnraum und Arbeitsstellen innerhalb Bethels zu vermitteln. Auch verwirklichte sie eigene Projekte, wie den Aufbau einer Weberei und Färberei in Bethel.

Das Haus Burg, welches zentral in Bethel gelegen war, diente dabei als Wohnort des Paares. Hier konnten sie sich zurückziehen, aber auch Gäste empfangen. Oft wohnten sogar Verwandte und Bekannte mit in dem Haus. Eine Mitbewohnerin war für viele Jahre die Bauhauskünstlerin Benita Koch-Otte, die von 1934 bis 1957 in der Weberei in Bethel als künstlerische Leitung tätig war.

Am 4. Januar 1946 starb Friedrich v. Bodelschwingh. Er litt schon mehrere Jahre an einem chronischen Lungenleiden, welches ihn in seiner Arbeit immer wieder einschränkte. Julia pflegte ihren Mann und reiste mit ihm zu Kuraufenthalten. Die Arbeit in Bethel verloren beide aber auch in dieser Zeit nie aus den Augen. Sie arbeiteten bis kurz vor dem Tod Friedrich v. Bodelschwinghs Hand in Hand und bewältigten die anfallenden Aufgaben für Bethel.

Julia und Friedrich v. Bodelschwingh kurz nach der Hochzeit im Garten von Haus Burg.

„Viele seiner Verwandten und Freunde werden sich einen Engel für ihn gemalt haben, der sie absolut nicht ist und sein will, sondern ein echter Mensch, der von Herzen möchte nach Gottes Willen leben.“

Eine Briefabschrift von Adelheid v. Bodelschwingh an Caroline v. Zacha vom 29. Dezember 1910. Julias Schwester beschreibt den Konflikt zwischen dem Wesen von Julia v. Bodelschwingh und den Vorstellungen der Verwandten von Friedrich v. Bodelschwingh.

04
Die Weberei

Undatierte Postkarte eines Gemäldes des Hauses Alt-Ebenezer von Erich Winter.

Die erste Weberei in Bethel entstand um 1913 im Haus Alt Ebenezer. Durch den Einsatz von Julia v. Bodelschwingh, die zuvor selbst einen Webstuhl in ihrem eigenen Haus aufstellen ließ, konnten Menschen mit Behinderung zusammen mit Menschen ohne Behinderung das Weben erlernen und Kunsthandwerk betreiben.

1937 waren in Bethel schon 87 Webstühle im Einsatz. Sie verteilten sich nicht nur auf das Haus Alt Ebenezer, auch in weiteren Pflegehäusern wurden Webräume eingerichtet. Hergestellt wurden vor allem Teppiche, Gardinen und Antependien für diakonische Einrichtungen, Kirchengemeinden und Privatleute.

Die Weberei war eine Herzensangelegenheit von Julia v. Bodelschwingh. Sie unterstützte die Leitung der Weberei zu Lebzeiten, indem sie Kontakte zu Kunden herstellte und gezielt nach neuen Ideen und Erweiterungsmöglichkeiten für den Betrieb Ausschau hielt.

Ebenso war Julia v. Bodelschwingh im Namen der Weberei immer wieder auf der Suche nach besonders geschicktem und kreativem Personal. Dabei wurde sie auch auf die Bauhauskünstlerin Benita Koch-Otte aufmerksam. Julia v. Bodelschwingh lud Benita Koch-Otte zur Arbeit in Bethel ein. Dieses Angebot lehnte die Künstlerin zunächst ab. Erst nach dem Tod ihres Mannes im Dezember 1934 nahm sie das  Angebot war. Als künstlerische Leiterin fertigte sie daraufhin in Bethel selbstentworfene Teppiche an, führte Auftragsarbeiten aus und lehrte das Weben. Über die gemeinsame Arbeit und das Wohnen in einem Haus wurden Benita Koch-Otte und Julia v. Bodelschwingh zu engen Vertrauten.

Durch den Einsatz von Julia v. Bodelschwingh wurde die Weberei zu einem nicht wegzudenkenden Bestandteil Bethels. Bis heute werden im Julia von Bodelschwingh-Haus in Bethel handgewebte Stoffe von Menschen mit und ohne Behinderung hergestellt.

Eine Briefabschrift von Julia v. Bodelschwingh an Albrecht v. Ledebur vom 31. Juli 1934

In einem Brief an ihren Bruder Albrecht aus dem Jahr 1934 fragt Julia v. Bodelschwingh unter anderem nach Informationen zu neuen Webmaterialien aus China, welche man möglicherweise auch in Bethel nutzen könnte. Ob dieses Material tatsächlich eingesetzt wurde, lässt sich heute nicht mehr sagen. Der Brief zeigt aber, dass Julia v. Bodelschwingh immer auf der Suche nach Verbesserungs- und Innovationsmöglichkeiten für die Weberei war, um die Effizienz und Rentabilität der Einrichtung zu verbessern.

05
Julia v. Bodelschwingh im Alter

Auch nach dem Tod ihres Ehemannes verließ Julia v. Bodelschwingh nicht der Tatendrang. Sie unterstützte auch in diesen Jahren weiterhin die Weberei, setzte sich für die Menschen in Bethel ein und pflegte ihr privates und berufliches Netzwerk.

Letzteres ermöglichte ihr trotz großer finanzieller Schwierigkeiten die Umsetzung ihres finalen Projekts: die Gründung und den Bau des Fritz v. Bodelschwingh-Heims in Westerhausen bei Melle. Die Planung des Alten- und Flüchtlingsheims begann um 1949 und die Grundsteinlegung sowie das Richtfest des Hauptgebäudes fand im Sommer 1950 statt. Etwa zwei Jahre später erfolgte eine zusätzliche Vergrößerung des Gebäudes.

Julia v. Bodelschwingh lebte zu diesem Zeitpunkt selbst in dem Haus. Sie besaß im Hauptgebäude eine eigene Wohnung. Dort verbrachte sie ihre letzten Lebensjahre, bevor sie am 29. September 1954 in Bethel verstarb und drei Tage später auf dem alten Zionsfriedhof beerdigt wurde.

Julia v. Bodelschwingh vor dem Fritz v. Bodelschwingh-Heim in Westerhausen.
Ein Foto von Julia v. Bodelschwingh zu Fuß auf der Landstraße.

Der aus dem Jahr 1952 stammende Ausschnitt aus dem Bauplan verschafft einen guten Überblick über die angestrebte Größe des Fritz v. Bodelschwingh-Heims nach der Erweiterung im Jahr 1952. Zu sehen ist der Hauptbau aus dem Jahr 1950 sowie der Anbau auf der Südostseite des Grundstücks mitsamt eines fensterreichen neuen Sonnenraums.

Die Todesanzeige der Julia v. Bodelschwingh aus dem Meller Kreisblatt vom 2. Oktober 1954

Die Todesanzeige der Julia v. Bodelschwingh aus dem Meller Kreisblatt vom 2. Oktober 1954 fasst ihr Leben noch einmal zusammen. Ihre persönlichen Eigenschaften und Erfolge werden herausgehoben. Julia v. Bodelschwingh verstarb nach längerer Krankheit in Folge mehrerer Schlaganfälle.