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Die Blumenstadt Erfurt

Die historische Gartenbauliteratur aus der Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt

Eine virtuelle Ausstellung von

Die Anfänge im Mittelalter

Erfurts Ruf als Blumenstadt geht bis auf die Gartenbautradition des Mittelalters zurück. Die zur Selbstversorgung angelegten Kräuter- und Gemüsegärten rings um die Stadtmauer wurden im Laufe des Mittelalters um Sonderkulturen wie Obstgärten, Hopfengärten und Weinberge ergänzt. Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert florierten der Anbau und der Fernhandel mit der Färberwaidpflanze und machten die Stadt Erfurt im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit wohlhabend. Die Erfurter Bürgerschaft stellte 1378 einen Antrag auf Eröffnung einer Universität – in ihrem Gefolge sollten sich in den darauffolgenden Jahrzehnten zahlreiche Buchdruckereien in der Stadt ansiedeln.

Färberwaid (Isatis tinctoria) aus dem Kniphof'schen Kräuterbuch im Naturselbstdruckverfahren gedruckt.

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Das Kniphof'sche Kräuterbuch

Die "Botanica in originali"

Der Erfurter Arzt und Botaniker Johann Hieronymus Kniphof (1704-1763) ließ 1733 sein Lebendig-Officinal-Kräuter-Buch, die Botanica in originali pharmacevtica, durch den Universitätsbuchdrucker Johann Michael Funcke (1678-1749) drucken.

Der Stadtbrand von 1736 war wohl die Ursache für den Abbruch des in losen Folgen erschienenen Werkes. In Halle wurden von 1757 bis 1764 zwei weitere Auflagen gedruckt – diesmal mit der von Linné eingeführten Nomenklatur. Die Stadt- und Regionalbibliothek Erfurt hat ihr Exemplar der Botanica in originali als Depositum der Universitätsbibliothek Erfurt überlassen. Es handelt sich dabei um die Ausgabe von 1733 mit ergänzenden Texten von Christian Reichart zu Gartenpflanzen. Hier gelangen Sie zum Katalogeintrag.

Der Naturselbstdruck

Die Pflanzenillustrationen dieses gedruckten Herbariums waren im nachträglich kolorierten Naturselbstdruck hergestellt, um als Lehrbuch für Mediziner und Apotheker detailgetreue Abbildungen der Pflanzen zu erhalten. Im Unterschied zum modellhaft illustrierenden Kupferdruck mussten die Pflanzenexemplare fachkundig je nach Vegetationsstadium ausgewählt werden. 

Hier dienten die Pflanzen oder Pflanzenteile selbst als Druckvorlage. Um diese für den Druck vorzubereiten, mussten sie auf bestimmte Weise präpariert, gepresst und getrocknet werden. Das Druckpigment bestand anfangs aus mit Öl vermischtem Ruß, später feiner Druckerfarbe, die auf ein Brett oder eine Kupferplatte gestrichen wurde. Der Farbübertrag auf die präparierte Pflanze, welche auf die geschwärzte Platte gelegt und mit Makulaturlagen abgedeckt worden war, erfolgte mit Hilfe eines Druckerballens. […] Die auf diese Weise gefärbte Pflanze wurde hierzu zwischen saubere Papierbögen gelegt und in der Presse gedruckt.

Kräuterdruck – die Kunst, Bilder ganzer Pflanzen auf Papier zu bringen / Dr. Kathrin Böhme. – In: Bibliotheksmagazin. - 1.2016, Seite 68

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Christian Reichart - Begründer des Erwerbsgartenbaus in Erfurt

Der "Land- und Garten-Schatz"

Jurist, Ratsmeister, Stadtchronist, Gärtner, Begründer des Erwerbsgartenbaus

 

Die Erfolgsgeschichte von Christian Reichart (1685-1775) begann mit der Übernahme der Güter seines Stiefvaters im Dreienbrunnengebiet um 1720. Als Autodidakt trug er das Erfahrungswissen über den Gartenbau von Gärtnern und Wissenschaftlern sowie aus der praktischen Erprobung in seiner Gärtnerei zusammen. Ganz im Sinne der Aufklärung veröffentlichte er den in ganz Europa vertriebenen Land- und Garten-Schatz, erschienen in sechs Bänden von 1753 bis 1774.  So legte Christian Reichart die Grundlage für einen neuen Wirtschaftszweig – insbesondere der Samenzucht und des Samenhandels.

Haupttitelseite mit Kupferstich des Verfassers aus dem Land- und Garten-Schatz von Christian Reichart 1819.

Christian Reichart entstammte der wohlhabenden Bürgerschicht Erfurts. Er studierte in seiner Heimatstadt und in Jena u.a. Jura, Botanik und Chemie. 1752 wurde er zum Ratsmeister ernannt. 1754 wirkte er bei der Gründung der Akademie nützlicher Wissenschaften zu Erfurt mit. Als Stadtchronist schrieb er die Erfurtische Chronik von 1700-1757. Der Erfurter Gartenbau-Verein stiftete 1867 ein Denkmal zu seinen Ehren.

Illustration zu Christian Reicharts "Saamen-Cabinet" aus seiner "Abhandlung von allerhand Saamen-Werk", 1751

Das Saamen-Cabinet

"Bei Anwendung eines schlechten und falschen Saamens erhält man keine oder untaugliche Früchte, die Mühe und Kosten der Kultur werden nicht ersetzt, und die Auslagen für den Saamen sind unnütz verwendet. Gleichwohl ist man vielleicht bei keinem Handelszweige größeren Täuschungen und gewissenloseren Betrügereien ausgesetzt, als beim Saamenhandel. […] Am allerhäufigsten wird man aber durch Saamen getäuscht, der von schwächlichen, fehlerhaften Saamenpflanzen entnommen wurde. Denn die meisten die sich mit Saamenerziehung zum Verkauf abgeben bekümmern sich wenig um die innere Güte des Saamens, sondern bestreben sich lediglich, nur recht vielen Saamen zu erndten und diesen so wohlfeil wie möglich herzustellen [...] Eine gründliche Saamenkenntniß ist das sicherste Mittel, diesem Betruge auszuweichen. Am leichtesten wird man sich dieselbe erwerben, durch Anlegung eines ökonomischen Saamenkabinets. Für welches man sich gute, ächte, vollkommene Saamen von jedem Kulturgewächse zu verschaffen suchen muß."

Aus: Christian Reichart´s Land- und Garten-Schatz : Erster Theil / bearbeitet und herausgegeben von Dr. Hieron. Ludw. Wilhelm Völker. – Neue Ausgabe oder sechste Auflage. – Erfurt : Keysersche Buchhandlung, 1819, Seite 229-231

Der Erfurter Gartenbau

Seit Erfurt ab 1664 wieder von den Mainzer Erzbischöfen regiert wurde, bemühten sich die Statthalter Philipp Wilhelm von Boyneburg (1656-1717) und Anselm Franz Ernst von Warsberg (1732-1760) um eine merkantilistische Wirtschaftspolitik. Handel, Gewerbe und Industrie wurden gefördert. Manufakturen wurden gegründet und Obstplantagen angelegt. In der Merkantilkommission war auch Christian Reichart Mitglied.

Vor diesem Hintergrund entwickelte er einen ertragssteigernden 18-jährigen Fruchtfolgewechsel zur Kultivierung von Gemüsesorten. Der Boden sollte tiefer gepflügt werden und mit Viehmist und Gründüngung verbessert werden. Der Gemüse- und Kräuteranbau wurde auf die landwirtschaftlichen Felder ausgedehnt.

Günstige Rahmenbedingungen waren, dass Erfurter Bürger keinem Flurzwang unterlagen und die Weiderechte auf Äckern abgeschafft wurden. Bei den Arbeitskräften konnten die Landbesitzer auf Tagelöhner aus dem Thüringer Wald und dem Eichsfeld zurückgreifen. Die verkehrsgünstige Lage an zentralen Handelswegen eröffnete Absatzmöglichkeiten der gartenbaulichen Erzeugnisse.

Über den Erfurter Blumenkohl

Christian Reichart führte Blumenkohlsamen in Erfurt ein und kultivierte eine den klimatischen Bedingungen angepasste Sorte. Im Laufe der Zeit verkaufte sich das Saatgut in ganz Europa.

1751 erntet Reichart etwa 1.250 Pfund Blumenkohlsamen.*

Die Erfurter Blumenkohlkultur zeichnete sich durch eine hohe Qualität aus, da hier das Zuchtergebnis im Vordergrund stand. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde im Gartenbaubetrieb Franz Anton Haages schließlich eine kleine widerstandsfähige Blumenkohlsorte, der "Erfurter Zwerg", gezüchtet.

*Quelle: Ausgewählte Nachrichten aus Erfurts Vergangenheit zu Gartenbau und Pflanzenzucht / zusammengestellt von Gerhard Herz. -In: Stadt und Geschichte - Zeitschrift für Erfurt, Sonderheft No. 20, März 2021, Seite 11

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Die Blütezeit im 19. Jahrhundert

Der Erfurter Gemüsegärtner / Liebau & Co. Hoflieferanten. – Erfurt : [Keyser], [ca. 1897]

Der "Erfurter Gemüsegärtner"

Die Gärtnerei Liebau & Co. gab die in zahlreichen Auflagen erschienene Schriftenreihe Liebau-Hefte heraus. Die Publikationen konnten verkaufsfördernd zusammen mit der Samenbestellung geordert werden. Der Ratgeber gibt Anleitung zur Vermehrung, Aussaat, Anbau und Ernte der verschiedenen Gemüsearten. Vom Ackersalat, Endivien, Kresse, Löwenzahnsalat, Rhabarber bis hin zur Zwiebel werden über 150 Gemüse- und Kräutersorten auf 80 Seiten beschrieben. 

Die Erfurter Gemüsesorten

Erfurter Sorten um 1880:

Erfurter blassrote Kopfzwiebel
Erfurter blutrotes Riesenkraut
Erfurter Dreienbrunnen-Kohlrabi
Erfurter Dreienbrunnen-Radies
Erfurter Dreienbrunnen-Salat
Erfurter feinstgekrauster Winterkohl
Erfurter frühes blutrotes oder schwarzrotes Salatkraut
Erfurter großer später Wirsing
Erfurter lange grüne Schlangengurke
Erfurter lange schwarzrote Salatrübe
Erfurter mittellange grüne Gurke
Erfurter rotgelbe Möhre
Erfurter rundes weißes Spätkraut
Erfurter Puffbohne
Erfurter Winter-Rettig
Erfurter Zuckerspargelbohne
Erfurter Zwerg
...

siehe: Erfurter Gemüse-Sorten / Friedrich Huck, Handelsgärtner in Erfurt. - In: Der Hausgarten, II. Jahrgang, 10. Juli 1881, No. 7, Seite 58-59

Die Kakteenkultur

Aus der Haage'schen Gärtnerdynastie stammend, gründete Friedrich Adolph Haage 1822 in Erfurt eine Kunst- und Handelsgärtnerei. Zuvor war er beim Hofgärtner des sächsischen Königs in der Kakteensammlung in Dresden ausgebildet worden. Anerkennung fanden seine Zuchterfolge von Rosen, Nelken, Astern und Levkojen.

Neben dieser Vielfalt an Freiland-, Kalt- und Warmhauskulturen galt Haages besondere Liebe aber stets den Kakteen und weiteren Sukkulenten. Schnell entwickelte Haage sich zum besten Kenner dieses Spezialgebietes. [...] Als Erster nutzte Haage die Kakteen aber nicht nur zur Repräsentation, sondern vor allem zur kommerziellen Vermehrung. So wurden durch ihn die Kakteen breiteren Liebhaberkreisen, auch in weniger bemittelten Bürgerhaushalten, zugänglich gemacht.

Aus: "Die Familie Haage - 325 Jahre Gärtnereigeschichte / Ilsabe Schalldach. - In: Blumenstadt Erfurt. – Erfurt : Sutton, 2011, Seite 89

Haage´s Cacteen-Kultur / von Ferd. Haage, Friedrich Adolf Haage junior Kunst- und Handelsgärtnerei Erfurt, [1900]

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Die Internationale Gartenbauausstellung (iga)

Zu guter Letzt: Ein Blick in den Lesepavillion der Stadt- und Bezirksbibliothek Erfurt auf dem iga-Gelände.