... schreib mal wieder!
Zur Kulturgeschichte des Briefes
Eine virtuelle Ausstellung von
Briefe
Seit Jahrtausenden schicken Menschen einander Nachrichten. Ob mit Rauchzeichen, auf ägyptischen Tonscherben, im Briefumschlag oder als E-Mail: Material, Transport und Formate ändern sich, das Bedürfnis nach Information und Kommunikation bleibt. Erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts erreicht der Brief seine*n Adressat*in im Umschlag.
Wie funktionierte die schriftliche Kommunikation über die Jahrtausende? Wer schrieb wem was? Seit wann gibt es das Briefgeheimnis und wie wurde es gewahrt? Welchen Weg nahm der Brief von Absender*in zur*m Empfänger*in? Und wie geht es mit dem Medium Brief in Zukunft weiter? Diese und viele andere Fragen haben uns interessiert. Schauen Sie rein.
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Die Anfänge des Briefes
Brief = lateinisch „brevis“ = „kurz“
Im alten Ägypten, in Griechenland, dem Römischen Reich und Persien wurden bereits schriftliche Nachrichten verfasst.
Auf Stein- oder Tontafeln, Papyrus oder Pergament niedergeschrieben, dienten diese Schreiben in erster Linie amtlichen oder militärischen Zwecken. Im frühmittelalterlichen Europa setzte sich dies fort. Auf Pergament geschrieben, waren es hauptsächlich die Herrscherhäuser und Klöster, die Briefe versandten. Erst Jahrhunderte später entwickelten sich Post und Privatbrief, wie wir sie heute kennen.
Heute kann jede*r, adlig oder nicht, auf verschiedensten Materialien, Medien und Transportwegen Briefe verschicken. Welch einen fundamentalen Wandel der Brief über die Jahrtausende durchlief, wird beim Betrachten einer E-Mail bewusst: Überholt ist der langwierige Prozess, einzelne Schriftzeichen in Ton zu drücken, ihn trocknen zu lassen und per Boten zu verschicken. Man tippt, liest vielleicht noch Korrektur und klickt auf „Senden“.
Erste Postsysteme
Im 15. Jahrhundert etablierten sich erste Postsysteme. Sie bestanden aus in Stafetten organisierten, laufenden oder berittenen Boten. Anstatt eine Sendung direkt dem*der Empfänger*in zu übergeben, gaben sie die Nachrichten nur noch an den nächsten Boten weiter, wodurch Briefe schneller und über größere Distanzen überbracht werden konnten, da Pferd und Reiter in regelmäßigen Abständen wechselten. Im chinesischen Kaiserreich, dem Römischen Reich und dem Inkareich gab es solche Systeme bereits zwischen dem ersten und 13. Jahrhundert v.Chr., also lange bevor sie in Europa eingerichtet wurden.
Für die habsburgischen Lande verlieh Maximilian I. den Brüdern Janetto und Francesco de Tasso 1490 das Privileg, zwischen Innsbruck und Mechelen eine Postroute einzurichten. Diese diente zunächst exklusiv dem Kaiser, doch konnte - vor allem wegen Finanzierungsschwierigkeiten beim Betrieb der Route - bald auch Privatpost über diesen Weg verschickt werden. Über die Jahrhunderte wurde das Netz der Postrouten weiter ausgebaut, Gebühren vereinheitlicht und die Regelmäßigkeit der Post gesteigert. Die Thurn und Taxische Post bestand bis ins 19. Jahrhundert.
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Warum wir Briefe schreiben
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Die Materialien des Briefes
Beschreibmaterial
Eine Voraussetzung für das Verfassen von Briefen sind die richtigen Materialien. Da ist zunächst der Beschreibstoff, auf dem die Nachricht niedergeschrieben wird.
Während heute die überwiegende Zahl von Briefen auf Papier geschrieben werden, waren es in den vergangenen Jahrhunderten zunächst an andere Beschreibstoffe: Tontafeln, Holztafeln mit Wachsbeschichtung, Papyrus oder Pergament.
Papier etablierte sich in Europa erst im 14. Jahrhundert: 1390 ging eine erste Papiermühle in Nürnberg in Betrieb. Allerdings wurde dem Papier noch lange das Pergament vorgezogen, da es als beständiger galt. Lange stellten die Papiermacher das auch heute noch beliebteste Beschreibmaterial aus zerkleinerten Lumpen her. Ab der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde Holzschliff zum bevorzugten Rohstoff.
Umschläge
Vor der Zeit der normierten Briefumschläge faltete oder rollte man die beschriebenen Blätter und versiegelte sie mit Wachs oder Siegellack.
Papier war lange Zeit sehr kostbar, weshalb es nicht für Umschläge genutzt wurde. Im Jahr 1820 verkaufte die Firma S.K. Brewer aus Brighton die ersten Briefumschläge im Handel.
Einheitliche Papier- und damit auch Umschlagformate schuf die „Deutsche Industrie-Norm“ in Deutschland mit der Einführung der DIN 476 im Jahr 1922. Dadurch konnte der Prozess des Postversands vereinheitlicht werden. Heute gibt es eine Vielzahl an Umschlägen: In DIN A4 oder A5 Format, „DIN Lang“, mit oder ohne Fenster. Natürlich kann man auch einen eigenen Umschlag gestalten, je nach Anlass.
Von Gebühren bis zur Briefmarke
Briefmarken sind heute Standard, mit verschiedensten Motiven und Werten, selbstklebend, zum Anfeuchten oder als Nummerncode.
Vor dem 19. Jahrhundert gab es zwei unterschiedliche Bezahlmodelle beim Verschicken eines Briefes: Man konnte gleich beim Aufgeben der Sendung bezahlen oder man schickte den Brief ab und der Empfänger musste die Rechnung begleichen. Je nach Umfang des Postempfangs konnte die zweite Variante teuer werden. Als erste Briefmarke zirkulierte ab 1840 in England die „One Penny Black“, eine Marke mit dem Portrait Königin Viktorias. Es gab jedoch verschiedene Vorläufer. Allen gemein war das Prinzip, vor Absendung zu bezahlen. Quittiert wurde dies durch Stempel oder Gebührenstreifen. Oder man kaufte bereits abgestempeltes Briefpapier (sogenannte Ganzsachen).
Nur 12 Jahre nachdem die „One Penny Black“ ihren Weg auf die Briefe gefunden hatte, begann auch das Postunternehmen Thurn und Taxis, eigene Briefmarken herauszugeben. Hier zu sehen ist die schwarze Freimarke für ½ Silbergroschen von 1852 und die Freimarke für 3 Silbergroschen von 1864.
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Die Kunst des Briefeschreibens
Briefsteller
Eine Hilfe beim Verfassen von Briefen bot der sogenannte Briefsteller. Hierbei handelte es sich um ein Genre von Büchern, das vor allem im 17. und 18. Jahrhundert an Bedeutung gewann. Der Briefsteller diente als Vorlage zum Formulieren eines Briefes. Neben theoretischen Erläuterungen beinhalteten diese Bücher auch Text-Mustersammlungen. Für jede Lebenslage und Personenkonstellation gab es Beispiele und Hinweise, wie man sich am besten ausdrückte.
Wie der Brief selbst, waren auch die ersten Anleitungen zum Briefeschreiben auf behördliche Korrespondenz ausgelegt. In ihnen wurden Ratschläge zum Verfassen von allerlei Schriftgut gegeben, das in Kanzleien ausgestellt wurde, so auch Urkunden, Formulare und dergleichen.
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Singende Post, Brieffreundschaft und ein Blick in die Zukunft
Singende Post
Singende Grußkarten sind keineswegs nur ein Phänomen der Gegenwart: Im Jahr 1904 wurden erstmals in Frankeich und Deutschland Patente für sogenannte Tonbild-Postkarten ausgestellt. Sie bestanden aus kleinen Schallplatten, die auf Ansichtskarten geklebt und mit der Post verschickt wurden. Der*Die Empfänger*in konnte das kurze Musikstück auf dem eigenen Plattenspieler anhören.
Singende Post der Gegenwart
Die heutigen singenden Postkarten haben sich der Entwicklung der Technik angepasst. Sie bestehen nicht mehr aus einer Karte und der aufgeklebten Schallplatte. Vielmehr sind sie ausgestattet mit kleinen Lampen, Lautsprecher und Batterien, um dem*der Empfänger*in ein kleines Lied zu spielen.
Brieffreundschaft
Für gewöhnlich handelt es sich bei Brieffreundschaften um einen Austausch zwischen zwei Personen durch Briefe, die sich im Prozess des Schreibens näher kennenlernen.
Im Fall von Johann Wilhelm Ludwig Gleim gestaltete sich dies anders. Der Dichter und Sammler aus dem 18. Jahrhundert kannte die Menschen, denen er schrieb. Die Besonderheit war, dass er ihnen sogar gegenübersaß, wenn er einen Brief an sie verfasste.
Johann Gleim hatte nämlich eine Portraitgalerie mit Bildnissen seiner vielen Brieffreunde, so war es, als redete er direkt mit ihnen, wenn er schrieb.
Schick ihr einen Brief. Es ist unwahrscheinlich, dass sie WhatsApp-Nachrichten in 40 Jahren auf dem Dachboden findet...
Blick in die Zukunft
Wie wird das Medium Brief in 100 Jahren aussehen? Auf was für einem Material werden wir schreiben? Wird überhaupt noch handschriftlich geschrieben oder nur noch getippt oder gesprochen? Und welchen Weg wird der Brief nehmen?
Mit E-Mails und Kurznachrichten ist ein großer Schritt in diese Richtung getan. Materialsparend, schnell verfasst und in Sekundenschnelle verschickt – alles Vorteile des digitalen Mediums. Audionachrichten ersetzen gar das Schreiben. Und trotzdem, viele E-Mail-Programme und Nachrichtendienste verwenden den Briefumschlag als ihr Symbol.
Denn wer freut sich nicht, Post zu bekommen? Ein handgeschriebener Brief im Postkasten zeigt, dass jemand sich Zeit genommen und Mühe gemacht hat. Denn E-Mails können zwar die gleichen Inhalte vermitteln, aber den persönlichen Charakter eines Briefes können sie nicht ersetzen. Zukünftige Untersuchungen werden zeigen, ob die digitale Kommunikation das menschliche Miteinander langfristig verändern wird. Zum Guten? Zum Schlechten? Sowohl als auch?