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Architektur der Welt im Buchblock

Die Buchfaltkunst des Bernd Reinhard

Eine virtuelle Ausstellung von

Bernd Reinhard

ist Mitarbeiter der Universitätsbibliothek Trier - und er hat zu Büchern ein nicht nur bibliothekarisches Verhältnis.

Denn wo dieses Verhältnis aufhört, da setzt seine künstlerische Leidenschaft ein: Ausgesonderte, zur Makulatur bestimmte Bücher verwandelt Reinhard, inzwischen weit über seine Heimatstadt hinaus bekannt, in einzigartige Faltkunstwerke. Hier eine kleine Auswahl zum Thema "berühmte Bauwerke", jeweils gepaart mit historischen Ansichten aus den Beständen der Universitätsbibliothek und unter den Überschriften:

  1. Türme
  2. Tempel
  3. Tore
  4. Traumbrücke, Turmbrücke
  5. Vom Tiber nach Tarforst

01
Türme

Der schiefe Turm von Pisa (1173-1372)

Galileo Galilei soll bei Experimenten von diesem Turm aus die Fallgesetze entdeckt haben, sehr passend bei einem Bauwerk, das seit achthundert Jahren mit der Schwerkraft ringt - bislang erfolgreich, muss man anerkennend hinzufügen.

Stützt lieber den weltberühmten Turm

als irgendein großherzogliches Wappenschild, möchte man den beiden Putten zurufen, die Nelly Erichsen (1862-1918) hier im Vordergrund festgehalten hat. Die englische Malerin und Illustratorin dänischer Herkunft, die ab 1900 in Italien lebte, wurde erst 2018, hundert Jahre nach ihrem Tod, durch eine Biographie der Autorin Sarah Harkness wieder gebührend gewürdigt.

Eiffelturm, Paris (1889)

Seinem Namen zum Trotz verdankt Frankreichs Jubeltum zum hundertsten Jahrestag der Revolution seine Form- und Konstruktionsidee dem Ingenieur Maurice Koechlin (1856-1946), einem Verwandten des großen Komponisten Charles Koechlin. Wenn man will, kann man in dessen filigranen und dabei technisch exakt konstruierten Kompositionen sogar eine gewisse Parallele zum Stahlkunstwerk seines entfernten Vetters erkennen.

Neben dem damals höchsten Bauwerk der Welt

wirkt selbst die Himmelskugel zwergenhaft auf diesem Foto, das den Stahlkoloss zwischen den Wundern der Weltausstellung von 1900 zeigt - ein inzwischen ikonisches Lichtbild aus dem Studio der Brüder Neurdein, das ab 1863 überaus erfolgreich Photographien und ab 1875 auch Postkarten mit Ansichten aus aller Welt auf den Markt brachte.

 

02
Tempel

Maya 1

Pyramide des Kukulcán, Chichén Itzá, Mexiko (ca. 8.-12 Jh.)

"Über die dunklen Wipfel ragte ein Hügel empor, hoch, steil. Und auf der Spitze dieses Hügels erhob sich, übergossen vom kalten Silberlicht des Mondes, ein Tempel. Im nächtlichen Schweigen stand er über den Wipfeln wie der Parthenon einer indianischen Akropolis." (C. W. Ceram: Götter, Gräber und Gelehrte: Roman der Archäologie)

Pyramide von Tuxpan

"Alte Pyramide der Totonaken in Tusapan" nannte der deutsche Maler Carl Nebel (1805-1855) ein Anfang der 1830er Jahre in Mexiko entstandenes Gemälde; einige Jahre später als Lithographie veröffentlicht, diente es wiederum dem vorliegenden Holzstich als Vorlage. Dargestellt ist die heute unter dem Namen "Castillo de Teayo" bekannte und meist dem Volk der Huasteken zugeschriebene Pyramide (ca. 10.-12. Jh.) nahe Tuxpan (Veracruz), damals noch von wildromantischer Vegetation umgeben und von einem christlichen Glockenturmgestühl gekrönt, das später entfernt wurde.

Parthenon, Athen (438 v. Chr.)

Zweifellos das ikonische Bauwerk der westlichen Architektur, virulent bis in die Moderne (Aby Warburg erkannte seine Nachwirkung noch im Design eines Rolls-Royce-Kühlergrills),  die Postmoderne und die Post-Postmoderne.

Aber wie kam diese Architektur

überhaupt ins allgemeine Bewusstsein? Roms Ruinen lagen vor der Tür, Griechenland dagegen wurde allenfalls mit der Seele gesucht. Da sprangen John Stuart (1713-1788) und Nicholas Revett (1720–1804) in die Bresche, überquerten die Adria und nahmen als erste detaillierte Vermessungen und Aufnahmen der athenischen Altertümer vor - ein Unternehmen, das für das Aufkommen des Klassizismus in Europa von unschätzbarer Bedeutung wurde.

Dom St. Peter, Trier (ab 310)

Dass Deutschlands mutmaßlich älteste Stadt auch Deutschlands älteste Bischofskirche besitzt, hatte man sich fast gedacht. Respekt nötigt aber auch die Tatsache ab, dass das immer noch gewaltige Bauwerk bei seiner Gründung durch Konstantin den Großen eine doppelt so große Grundfläche einnahm wie heute - so wie auch das antike Trier doppelt so groß war wie das mittelalterliche. 

Da gab es viel zu schreiben: Titelblatt einer Chronik des Erzbistums Trier

mit zwei Innen- und einer Frontansicht des Doms. Dreißig Jahre hatte der Jesuit Christoph Brouwer (1559-1617), ein gebürtiger Niederländer, an dem Werk gearbeitet, erst nach seinem Tod erschien ein Teildruck und erst 1670 diese stark überarbeitete und ergänze Ausgabe. Stich von Philipp Kilian (1628-1693).

03
Tore

Porta Nigra, Trier (ca. 170 n. Chr.)

"Shock and awe" sollte dieses ungeheuerliche Bauwerk zweifellos unter den Besuchern des antiken Trier hervorrufen, und das tut es bis heute, schwarz und fremd wie es noch immer am Ende der Fußgängerzone steht - "reisst es ein / Was euch so dauernd höhnt", mit dieser Meinung stand der Gegenwartshasser Stefan George ziemlich allein da.

Aber was für ein Tor

ist diese Porta Nigra eigentlich? Das war nicht immer so klar, wie es heute scheint. Der in jeder Hinsicht originelle Autor Peter Adolph Hannibal Linde (1795-1862) identifizierte sie als kaiserliches Triumphtor des späten 4. Jahrhunderts; noch besser, er deutete ihren Namen als "Neckartor". Vergangene Dispute beiseite, lohnt ein Blick auf den anmutigen Stich, der seinem Trier-Büchlein von 1852 beigegeben ist. Erst wenige Jahrzehnte ist der Rückbau von christicher Kirche zu römischem Baudenkmal her; noch steht neben dem großen Tor das kleine, das lange Zeit den eigentlichen Zugang zur Stadt bildete; die Kiepen der Bäuerinnen deuten auf einen Markttag hin.

 

Brandenburger Tor, Berlin (1793)

Als Carl Gotthard Langhans (1732-1808) das Tor im frühklassizistischen Stil errichtete, diente es als Zollschranke und Herrschaftsrepräsentation - niemand konnte ahnen, mit welcher politischen Symbolik es im 20. Jahrhundert noch aufgeladen werden würde.  

Heute ist das Tor die Mitte von Berlin,

damals war es der Eingang. Daher noch in den 1920er Jahren der Witz, wo denn der berühmte Maler Max Liebermann wohne (er residierte direkt neben dem Tor am Pariser Platz). Antwort: "Also wenn Sie nach Berlin reinkommen, dann gleich links."  

04
Traumbrücke, Turmbrücke

Rialtobrücke, Venedig (1591)

Der Bau einer Steinbrücke über den Canal Grande war das Prestigeprojekt im Venedig des 16. Jahrhunderts; Stararchitekten wie Michelangelo und Palladio bewarben sich mit ihren Entwürfen. Doch anscheinend haben die Venezianer alles richtig gemacht, als sie die Brücke schließlich von zwei relativ unbekannten Baumeistern errichten ließen: Sogar in Macao, wo ein originalgetreuer Nachbau steht, möchte man unter keiner anderen Brücke gondeln als dieser.

Aus Venedigs letzter Blütezeit

stammt diese Ansicht der Rialtobrücke von 1753. Es ist, natürlich, auch die Zeit von Canaletto, an dessen lebendige Darstellungen des Lebens auf und an den Kanälen dieser Stich fast zwangsläufig erinnert: Gegenüber einer früheren Version, in der alle Venezianer Urlaub auf dem Lido zu machen scheinen, hat der Künstler hier dafür gesorgt, dass auf dem Canal Grande ordentlich Verkehr herrscht. 

Tower Bridge, London (1894)

Gotischer Stil und modernste Technik waren conditio sine qua non, als Horace Jones (1819–1887) und John Wolfe Barry (1836-1918) an den Entwurf ihres bekanntesten Bauwerks gingen: der eine zuständig für die neo-mittelalterliche Ummantelung, hinter der sich die Stahlkonstruktion und der hydraulische Klapp- und Hebemechanismus des anderen verbargen.

Londons einstiges Wahrzeichen

(heute wäre das wahlweise ein Riesenrad oder das eine oder andere Gurken- bzw. Scherbenhochhaus) in der 11. Auflage der Encyclopedia Britannica von 1910.

05
Vom Tiber nach Tarforst

Kolosseum, Rom (80 n. Chr.)

Eine architektonische Meisterleistung der Superlative und Schauplatz höchst grausamer Vergnügungen: Allein die Eröffnungsspiele sollen 5000 Tieren das Leben gekostet haben; wieviele Gladiatoren dabei über die Klinge sprangen, ist nicht bekannt.

Das Kolosseum um 1700,

Kupferstich aus einem Monumentalwerk des Barockarchitekten Carlo Fontana (1638-1714). In diesem hochinteressanten Buch wird nicht nur der gegenwärtige Zustand des Gebäudes dokumentiert und der ursprüngliche archäologisch rekonstruiert. Fontana macht darüber hinaus detaillierte Vorschläge, den Ort, an dem so viele Christen von den Löwen gefressen wurden, zu exorzieren und zur katholischen Märtyrerkirche umzunutzen. 

Universitätsbibliothek Trier, Bibliothekszentrale (1978)

Wie Hans Scharoun seine Planungen für Westberlin  aus einem eiszeitlichen Urstromtal ableitete, so entwickelten Hans Schneider (1919-2010) und Kollegen ihren Entwurf für die Universitätsbibliothek Trier aus den Bodenformen des Stadtteils Tarforst: Versetzte Geschosse und das stufenförmig gefaltete Dach sollten das vom Tal her ansteigende Gelände fortsetzen. 

Exlibris aus den frühen Jahren der UB Trier,

entworfen um 1978 von einem Mitarbeiter, dem Buchbinder Hans Buch (1927-2016).