China in Leipzig
Einblicke in die chinesische Schriftkultur
Eine virtuelle Ausstellung von
Über die Ausstellung
„China in Leipzig“— dieser Titel ist ein großes Versprechen. Aus einer Stadt heraus eine Weltkultur in den Blick zu nehmen — sicher gewagt. Aber die Spuren sind da, und das Interesse an China hat in Leipzig tatsächlich eine lange Geschichte. So besitzt die Universitätsbibliothek Leipzig, eine der größten Altbestandsbibliotheken Deutschlands, Zehntausende Bücher aus und über China, von denen die ältesten aus dem 16. Jahrhundert stammen.
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Die Sinica der Universitätsbibliothek Leipzig
Die Sinica der Universitätsbibliothek Leipzig
von Thomas Fuchs
Die UB Leipzig blickt auf eine mehr als 150-jährige Erwerbungsgeschichte chinesischer Drucke und Handschriften zurück und besitzt heute eine bedeutende Sammlung an Sinica. Die chinesischen Drucke sind in drei Signaturbereichen aufgestellt: in der „Bibliothek Grube“, der Fachsignaturgruppe „Sinica“, sowie nach „Numerus currens“ für Drucke ab ungefähr 1960. 1997 kam die Schenkung der Bibliothek des Bochumer Sinologen Alfred Hoffmann (1911—1997) ins Haus. In einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt wurden von 2011 bis 2015 alle diese Bestände auch in Originalsprache katalogisiert. Dadurch wurden ältere gedruckte Kataloge ersetzt.
August Conrady
Spuren der Erwerbung von Sinica für die in der Fachgruppe „Sinica“ aufgestellten Bücher datieren bis in das Jahr 1845 zurück. Die Fachgruppe Sinica wurde im Wintersemester 1878/1879 mit der Berufung von Hans Georg Conon von der Gabelentz (1840—1893) auf die erste an einer deutschen Universität eingerichtete Professur für Ostasiatische Sprachen eingeführt. Die darauffolgenden Erwerbungen wurden von von der Gabelentz veranlasst, dürften aber nicht sehr umfangreich gewesen sein. 1902 wurden chinesische Bücher aus dem Besitz von August Conrady (1864—1925) erworben, der seit 1897 (und bis 1925) als Professor für Ostasiatische Sprachen an der Universität Leipzig lehrte (s. Abb.). Dazu kam die „Bibliothek Grube“ des Sinologen Wilhelm Grube (1855—1908), der in Leipzig promoviert hatte und am Museum für Völkerkunde in Berlin tätig war.
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Hans Georg Conon von der Gabelentz
Hans Georg Conon von der Gabelentz
von Jörg H. Hüsemann
Die Entwicklung der deutschen Sinologie ist untrennbar mit dem Sprachwissenschaftler und Sinologen Hans Georg Conon von der Gabelentz verbunden. Von seinem Vater ermutigt, entwickelte Hans Georg Conon von der Gabelentz (1840-1893) bereits in jungen Jahren ein Interesse an Sprachen. Besonders eifrig war er bestrebt, Chinesisch zu erlernen, und seine Bemühungen wurden von seinem Vater aktiv unterstützt, der ihm zu seinem sechzehnten Geburtstag Jean-Pierre Abel-Rémusats (1788—1832) Élémens de la Grammaire Chinoise schenkte.
Die Suche nach einer geeigneten akademischen Anstellung gestaltete sich für von der Gabelentz schwierig und er schickte sogar eine Initiativbewerbung an das sächsische Kultusministerium. In seinem Schreiben bat er um die Einrichtung einer Professur für Chinesisch, Japanisch und Mandschurisch an der Universität Leipzig und schlug sich selbst als geeigneten Kandidaten für diese Position vor. Die Bewerbung blieb jedoch erfolglos und erst durch die Fürsprache des bedeutenden Orientalisten Heinrich Leberecht Fleischer (1801—1888) wurde Hans Georg Conon von der Gabelentz 1878 auf eine außerordentliche Professur für Ostasiatische Sprachen in Leipzig berufen.
Chinesische Grammatik
Die berühmte Grammatik von Georg von der Gabelentz gilt bis heute als eine der besten Gesamtübersichten über das geschriebene Chinesisch in einer westlichen Sprache. Auch wenn sich der Verfasser auf mehrere frühere Grammatiken stützen konnte, die meisten davon in französischer oder englischer Sprache, unterschied sich sein Ansatz. Er untersuchte die Grammatik des Chinesischen, indem er die syntaktische Funktion einzelner Wörter ins Zentrum seiner Analysen stellte. Während seine Grammatik heute in erster Linie als Nachschlagewerk aufgefasst wird, benutzten er selbst und seine Nachfolger in Leipzig sie als Lehrwerk im Sprachunterricht.
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Die Vielsprachigkeit der Qing-Dynastie
Die Vielsprachigkeit der Qing-Dynastie
von Elisabeth Kaske
Die Qing-Dynastie (1644–1911) mit ihrem mandschurischen Herrscherhaus war ein mehrsprachiges Reich. Die Mandschus hatten ihre Heimat im Nordosten Chinas, also in der Mandschurei. Ihre Vorgänger verwendeten das Ethnonym Jurchen und regierten als Jin-(Gold-)Dynastie von 1115 bis 1234 in weiten Teilen Nordchinas. 1616 vereinigte Nurhaci im Kampf gegen die Oberherren der chinesischen Ming-Dynastie (1368—1644) die verstreuten Klans der Jurchen zur Späteren Jin-Dynastie. 1635 gab Nurhacis Sohn Hungtaiji seinem Volk den neuen Namen „Mandschu“ und gründete ein Jahr später die Qing-Dynastie. 1644 eroberten Mandschu-Truppen Peking und herrschten bis 1911 über ganz China.
Im Bewusstsein ihrer Minderheitenposition in China wurde die Mehrsprachigkeit für die Mandschus zu einem wichtigen Teil der herrschenden Ideologie. Zweisprachige und oft mehrsprachige Inschriften waren in der Sprachlandschaft der Qing ein alltäglicher Anblick. Nie zuvor blühten Sprachstudien so wie unter den Qing-Mandschu-Herrschern. Die Bestände der Universitätsbibliothek Leipzig spiegeln den Ansatz westlicher Sinologen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wider, das gesamte Spektrum der Qing-Sprachen, vom klassischen Chinesisch bis zum gesprochenen Dialekt, sowie Mandschurisch und Mongolisch zu lernen und zu erforschen.
Wörterbuch für Ausländer
Das 1716 von Zhang Yushu unter Kaiser Kangxi (1661—1722) erstellte Kangxi-Wörterbuch war eines der ersten großen offiziellen Wörterbuchprojekte der Qing-Dynastie, mit dem das größte jemals kompilierte Zeichenwörterbuch geschaffen werden sollte. Sein Ziel war es nicht, die zeitgenössische Sprache widerzuspiegeln, sondern alle chinesischen Schriftzeichen und ihre Variationen zu sammeln, was zu über 40.000 Schriftzeichen führte. Der Herausgeber erarbeitete auch die maßgebliche Taxonomie für die Zeichensuche, 214 semantische Radikale, geordnet nach der Anzahl der Striche von „一“ (die Nummer eins) bis „龠“ (17 Striche für „Flöte“), die auch heute noch im UNICODE Chinese Character Grid Index verwendet werden. Im Jahr 1878 erstellte John Chalmers (1825—1899), seit 1852 Missionar bei der Londoner Missionsgesellschaft, gemeinsam mit einem chinesischen Mitarbeiter, eine gekürzte Ausgabe (s. Abb.) mit übersichtlicherem Layout sowie neuen, z. T. latinisierten phonetischen Tabellen, hier für die südliche (Guangdong), nördliche (Beijing) Dialekt- sowie die Standardaussprache.
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Geographie
Geographie
von Elisabeth Kaske
In der chinesischen Ming- und Qing-Dynastie diente der größte Teil der geographischen Publikationen administrativen Zwecken. Das Hauptgenre „zhi“, das gewöhnlich Ortslexikon (Englisch: gazetteer) übersetzt wird, bezeichnet Kompendien von Verwaltungsgebieten — von Bezirken über Präfekturen bis hin zu Provinzen, die in unregelmäßigen Abständen von Beamten und lokalen Literaten zusammengestellt wurden. Sie kombinierten kartographische und textliche Beschreibungen der physischen und menschlichen Geographie mit Abhandlungen über Verwaltung und Besteuerung, Listen von Beamten und bemerkenswerten Persönlichkeiten, literarischen Werken lokaler Schriftsteller, sowie Beschreibungen lokaler Bräuche, Religionen und Ereignisse. Das erste reichsweite Ortslexikon (yitongzhi) wurde in der Yuan-Dynastie (1279—1368) erstellt. Weltkarten waren weitgehend eine Erweiterung der kaiserlichen Karten, wobei das Reich den größten Raum in der Mitte einnahm, während abhängige Gebiete und andere bekannte Länder als Flecken und oder nur in Schriftform an den Rändern erschienen.
Die früheste umfassende Beschreibung der Welt außerhalb Chinas
Nach der Niederlage Chinas im Ersten Opiumkrieg (1839—1842) wurde das Bedürfnis nach mehr Wissen über die westlichen Länder spürbar. Ein Ergebnis war eine offiziell in Auftrag gegebene, umfangreiche Sammlung weltweiter geographischer Informationen, der Illustrierten Beschreibung der Überseekönigreiche, welche 1843 zunächst in 50 Kapiteln veröffentlicht und dann schrittweise erweitert wurde, bis sie in der endgültigen Ausgabe von 1852 100 Kapitel umfasste. Hier abgebildet ist die „Karte der drei Länder Deutschland, Preußen und Österreich“. Sehr deutlich auf der linken Seite ist die preußische Provinz Sachsen (Saxunbu 撒遜部) zu sehen, in der Mitte viel kleiner das Königreich Sachsen. Leipzig erscheint als „Gemeinde Lixi 立悉邑“ links neben der Buchfalte im Zentrum der Karte.
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Religionen in China
Religionen in China
von Philip Clart
Europäische Denker des 17. Jahrhunderts hatten China als von einem aufgeklärten Kaiser und einer rationalen, humanistischen, meritokratischen Bürokratie ohne religiöse Präferenz oder eine formelle Staatsreligion regiert gesehen. Dieses Verständnis drückte die Hoffnung dieser Denker auf eine neue Ordnung aus, die die religiösen Konflikte, die Westeuropa seit der Reformation geplagt hatten, beenden würde; die chinesischen Realitäten, die dieser Vision zugrunde lagen, wurden jedoch eher selektiv wahrgenommen. Ja, China beherbergte ein wesentlich größeres Maß an religiöser Vielfalt als Europa: Daoistische Tempel standen neben buddhistischen Klöstern, christliche Kirchen neben Moscheen, und es gab sogar kleine jüdische Gemeinden mit ihren Synagogen. Gleichzeitig war aber auch der Staat selbst eine sakrale Einheit, eine Ekklesia, mit dem Kaiser als Hohem Priester: Der Sohn des Himmels war für die Vermittlung der Beziehung zwischen der Menschheit und dem Kosmos verantwortlich, und er tat dies in einem hoch artikulierten und komplizierten Staatskult, der regelmäßige Opfer für Himmel, Erde, die Gottheiten der Berge, Flüsse und Meere, die kaiserlichen Vorfahren und die Weisen der Vergangenheit beinhaltete.
Kultivierung der Unsterblichkeit
Dies ist ein Kompendium der daoistischen Kultivierungs- und Gesundheitspraktiken in einer aufwendigen Ausgabe aus der späten Ming-Periode. Die Bilder zeigen die Verfeinerung von reinem Yin und reinem Yang aus gemischten Zuständen, symbolisiert durch Trigramme aus dem Buch der Wandlungen (kan ☵ und li ☲ werden durch Vertauschen ihrer Mittellinien zu qian ☰ und kun ☷).
Kultivierung der inneren Natur
Das Xingming guizhi ist ein sehr einflussreicher Text, der die Praxis der daoistischen „inneren Alchemie“ (neidan 內丹) erläutert, d. h. die Manipulation von Körperenergien zur Erzeugung eines „unsterblichen Embryos“, der den Tod des Körpers überleben und die Unsterblichkeit seines Besitzers ermöglichen kann. Weder die Identität des „Vollkommenen Menschen Yin“ noch die seines Schülers, dem dieses Buch zugeschrieben wird, sind bekannt. Es wurde erstmals 1615 veröffentlicht.
Buddhistische Hagiographie
Eine aufwendig illustrierte Ausgabe über das Leben des Buddha, finanziert und produziert von Mitgliedern der kaiserlichen Familie, die sowohl den chinesischen als auch den tibetischen Buddhismus förderte. Hier wird die Episode der Bekehrung der Jäger durch den Buddha gezeigt, der sie dazu überredete, das Töten von Tieren als Lebensgrundlage aufzugeben. Dies ist ein früher und sehr gut erhaltener Druck dieses Werkes.
Ein Sutra mit Kommentaren
Das Diamant-Sutra (Vajracchedikā Prajñāpāramitā Sūtra) ist eine der wichtigsten Schriften des chinesischen Mahāyāna-Buddhismus. Das älteste gedruckte Buch der Welt ist ein Diamant-Sutra aus dem Jahr 868 n. Chr., das sich heute in der British Library befindet. Die hier gezeigte kommentierte Ausgabe war besonders beliebt, da sie ursprünglich vom dritten Kaiser der Ming-Dynastie, Zhu Di, kompiliert wurde, der von 1402 bis 1424 regierte. Der Text des Sutra (in großen Zeichen gedruckt) ist mit Kommentaren (in kleinen Zeichen) von 53 Meistern aus verschiedenen Perioden der chinesischen Geschichte durchsetzt. Die Namen der Kommentatoren sind in weißer Schrift auf schwarzem Hintergrund abgedruckt.
Durchführung von Tempelopfern
Eine offizielle Publikation, die die ordnungsgemäßen rituellen Abläufe in Tempeln beschreibt, die von der Fluss- und Kanalverwaltung des unteren Jangtse-Gebiets betreut werden. Gezeigt wird hier die Anordnung von Opfergaben in einem Tempel für den Flussgott. Um das Problem zu vermeiden, dass großformatige Illustrationen auf zwei einander gegenüberliegende Seiten verteilt oder auf einem gefalteten Druckbogen halbiert werden, wurden die Illustrationen hier auf Bögen gedruckt, die doppelt so groß sind wie das Buchformat, und dann so gebunden, dass sie zur ungehinderten Betrachtung aufgefaltet werden können.
Konfuzianische Hagiographie
Enthalten ist auch eine Sammlung von 144 illustrierten Kurzbiographien bedeutender Konfuzianer, die im Konfuzius-Tempel von Suzhou verehrt wurden. Hier ist das Porträt von Zeng Shen, dem Hauptschüler des Konfuzius, abgebildet.
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Praktische Künste
Praktische Künste
von Jörg H. Hüsemann
Schriften über die praktischen Künste haben in China eine lange Tradition und decken ein breites Themenspektrum ab: Almanache, die Informationen z. B. über rituelle Aktivitäten, Wettervorhersagen oder die besten Zeiten für das Pflanzen und Ernten enthalten, oder technische Schriften, die sich u. a. mit Themen wie Porzellanherstellung, Landwirtschaft, Seidenraupenzucht und Kräuterkunde befassen. Die hier vorgestellten Schriften unterscheiden sich sehr stark in Struktur und Stil, und während einige dieser Werke privat verfasst wurden, ließ der Hof andere auf kaiserlichen Befehl hin kompilieren. Die zum Teil reich illustrierten Schriften bieten der modernen Forschung interessante Einblicke in die Entwicklung des praktischen und technischen Wissens sowie in die sozialen Verhältnisse und das Alltagsleben im kaiserlichen China.
Seidenproduktion
Das Cansang cuibian ist das umfassendste Werk über die Seidenraupenzucht aus dem kaiserlichen China. Für diese Kompilation sammelte Wei Jie (19. Jahrhundert) exemplarische Beschreibungen aus verschiedenen früheren Schriften über die Praktiken der Seidenraupenzucht und Seidenproduktion und wob diese zu einer neuen Schrift zusammen. Das Cansang cuibian behandelt verschiedene Methoden der Bodenvorbereitung, des Pflanzens von Maulbeerbäumen und der Ernte von Maulbeerblättern, der Aufzucht von Seidenraupen, der Herstellung von Seidenfäden, sowie des Spinnens (wie hier dargestellt) und des Webens.
Getreideanbau
Das Gengzhi tu ist eine berühmte Sammlung von Illustrationen und Gedichten über die Arbeitsschritte beim Getreideanbau (geng tu 耕圖 „Bilder vom Pflügen“) und die Aktivitäten der Frauen bei der Herstellung von Seide (zhi tu 織圖 „Bilder des Webens“). Während der Qing-Dynastie befahl Kaiser Kangxi 康熙 (reg. 1661—1722) Jiao Bingzhen 焦秉貞 (1689—1726), das Gengzhi tu zu überarbeiten und eine qualitativ hochwertige Ausgabe des Textes zu erstellen, um diese im Reich zu verbreiten. Die Abbildung zeigt das zweite Jäten.
Landwirtschaft
Das Gedicht auf der rechten Seite lautet:
解衣日炙背, Ziehst Du Dein Hemd aus, so wird die Sonne Dir den Rücken verbrennen
戴笠汗濡首. Obwohl Du einen Bambushut trägst, rinnt Dir der Schweiß vom Kopf.
敢辭冒炎蒸, Wie könntest Du Dich weigern, die Hitze und Feuchtigkeit zu ertragen,
但欲去莨莠. wünschst Du doch das Unkraut zu entfernen.
壺漿與簞食, Ein Gefäß mit Congee und ein Korb mit Reis,
亭午來餉婦. Treffen des Mittags ein, serviert von den Frauen.
要兒知稼穡, Wenn Du möchtest, dass die Kinder das Säen und Ernten verstehen,
豈曰事携幼. wie könntest Du Ihnen [einzig] von diesen Angelegenheiten berichten, anstatt sie mitzubringen?!
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Die Kunst des angemessenen Briefeschreibens
Die Kunst des angemessenen Briefeschreibens
von Elisabeth Kaske
So genannte „Briefsteller“ waren in China und im frühneuzeitlichen Europa beliebte Bücher, die die Kunst des angemessenen Briefeschreibens lehrten. In einer Zeit, in der soziale Hierarchien komplizierte Anforderungen an das Schreiben von Briefen stellten, wie die Verwendung klassischer Stile und kunstvoller Ausdrücke, halfen sie einer wachsenden Zahl von Menschen aus weniger privilegierten Verhältnissen, an der literarischen Gesellschaft teilzuhaben. In China kam der größte Aufschwung dieser Literatur im 20. Jahrhundert, als ein moderner umgangssprachlicher Stil aufkam, die Alphabetisierung einen enormen Aufschwung nahm und sich die sozialen Beziehungen rasch veränderten. Im Anschluss an die 1918/19 einsetzende Bewegung für eine neue Kultur, die das Schreiben in der Umgangssprache förderte, lehrten die neuen Briefsteller die Gebildeten, ihren Stil gegenüber dem klassischen Stil, der zweitausend Jahre lang verwendet worden war, zurückzuschrauben. Sie definierten auch die sozialen Hierarchien neu gemäß den Veränderungen des politischen Systems. Noch im heutigen China erscheinen ähnliche Bücher unter der Kategorie „angewandter Stil“ (yingyongwen 應用文, im Gegensatz zum literarischen Stil). Während Briefanthologien berühmter Autoren seit Jahrhunderten gesammelt, veröffentlicht und studiert werden, sind chinesische Briefsteller in Bibliotheken selten.
Briefe und Umgangsformen
Diese umfassende Einführung in das Briefeschreiben erschien 1827 und liegt hier in einer Taschenbuchausgabe (1883) vor. Darin zeigt ein Beispiel, wie man sich ein Pferd von einem Nachbarn ausborgt. Offenbar sollte man einen Gefallen nicht persönlich erbitten, sondern stattdessen einen Boten mit einer schriftlichen Bitte vorbeischicken.
Ausleihen eines Pferdes: Ihr jüngerer Bruder [Name] ist zutiefst besorgt, Sie zu belästigen, doch zu gehen wäre beschwerlich, eine [von Menschen] getragene Sänfte zwar praktisch jedoch höchst langsam. Nur ein temperamentvolles Pferd aus Ihrem ehrenwerten Stall könnte tausend Meilen wie der Wind galoppieren. Deshalb möchte ich Sie inständig um Erlaubnis bitten, es zu reiten. Um Ihren jüngeren Bruder vor dem Laufen zu bewahren, werden Sie sicherlich bereit sein, das zu teilen, was Sie besitzen, um uns Heutige nicht vergeblich unsere Vorfahren im Altertum beneiden zu lassen.
Die Antwort ein paar Seiten weiter unten lautet:
Antworten Sie, dass Sie kein Pferd zur Verfügung haben: Auch wenn es im Altertum Brauch war, ein Pferd zum Reiten zu leihen, und heute gelegentlich noch vorkommt, so gibt es doch kein Pferd in [meinem] Stall, und ich habe nichts, um Ihrer Bitte zu entsprechen, auch wenn es zutiefst bedauerlich ist, Ihren Boten mit leeren Händen zurückkehren zu lassen
Umgangssprache und klassischer Stil
Bis 1930 hatte der umgangssprachliche Stil (baihua) die klassische Sprache (wenyan) im politischen Diskurs weitgehend ersetzt, doch beherrschte letztere nach wie vor die Briefkultur der Eliten. Spezielle Anleitungen überbrückten die Kluft.
Dieses Buch wurde vom National Publishing House in Shanghai herausgegeben. Das Buch zeigt, wie die Menschen in den 1930er Jahren die Struktur ihrer Gesellschaft wahrnahmen. Der Herausgeber bittet die Leser, sich mit einem der sozialen Kreise zu identifizieren, nämlich mit Kaufleuten und Studenten, Bauern und Arbeitern/Handwerkern, Frauen, Militär und Adel.
Die Seite im Bild links zeigt, dass sich der Bleisatzdruck von der Nachahmung des Holzblockdrucks emanzipierte und zur Verwendung von Papier und Einband im europäischen Stil und einem Layout mit unterschiedlichen Schriftgrößen und Interpunktionszeichen überging. Sie zeigt auch, dass der klassische Stil — in größerer Schrift gedruckt, gefolgt von dem umgangssprachlichen Text in kleiner Schrift — immer noch ein höheres Prestige genoss.
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Chinesische Altertumskunde
Chinesische Altertumskunde
von Philip Clart
Ähnlich wie im frühneuzeitlichen Europa sammelten und studierten in China Gelehrte antike Dokumente und Inschriften. Diese Beschäftigung war weitgehend der gebildeten und wohlhabenden Elite vorbehalten; darin flossen ernsthafte wissenschaftliche Interessen, ästhetische Wertschätzung, die Freude am Sammeln von Kostbarkeiten sowie soziales Prestige zusammen. Die Sinica-Sammlung der Universitätsbibliothek Leipzig enthält eine Reihe von illustrierten und kommentierten Katalogen solcher Sammlungen, sowohl kaiserlicher als auch privater Provenienz. Die darin behandelten Sammlungsobjekte reichen von archaischen Bronzegefäßen (mit besonderem Schwerpunkt auf ihren Inschriften), über Bronzespiegel, Abriebe kalligraphischer Steininschriften bis hin zu beschrifteten Dachziegeln und Münzen. Diese Arbeiten zeigen die flexiblen Möglichkeiten des Holzblockdrucks, verschiedene Schriften und Bilder in das Seitenlayout zu integrieren.
Antiquitäten aus der kaiserlichen Sammlung
Diese Neuauflage (1588) eines Bronzegefäße-Katalogs der Sammlung des Kaisers Huizong der Song-Dynastie (reg. 1100—1126) kombiniert verschiedene Text- und Bildformate, etwa Strichzeichnungen der Objekte (hier ein Bronzegefäß aus dem ersten Jahrtausend v. Chr.), Abriebe von Inschriften und deren Transkriptionen in moderne chinesische Schriftzeichen. Ein beschreibender Text gibt die Maße des Objekts an. Die Texte auf der rechten Seite beziehen sich auf das auf der Rückseite desselben Blattes abgebildete Objekt, nicht auf das auf der gegenüberliegenden Seite abgebildete Objekt. Dies ist eines der ältesten chinesischen Bücher in der Universitätsbibliothek Leipzig.
Eine kaiserliche Münzsammlung
Dieser Katalog der historischen Münzen in der Sammlung des Qianlong-Kaisers der Qing-Dynastie (reg. 1735—1796) Ist eine Reproduktion vom Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts. Wie in Europa war die Numismatik in China eine Teildisziplin der paläographischen und historischen Forschung; daher wird den Inschriften und historischen Kontexten der Münzen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Die gezeigten Münzen stammen aus der Liao- Dynastie (916—1125).
Bronzegefäße und ihre Inschriften
Das Werk ist eine Studie über Inschriften auf Bronzegefäßen aus der Sammlung des bedeutenden Beamten und Gelehrten Ruan Yuan, 1804 erstmals veröffentlicht. Veranschaulicht wird auf schöne Weise die Flexibilität des Holzschnitts bei der Integration von Faksimile-Versionen paläographischer Texte mit erläuternden Texten in modernen Schriftzeichen. Auf der rechten Seite ist die Reproduktion einer Inschrift auf einer antiken Bronzeschale (oben) mit ihrer Transkription in modernen chinesischen Schriftzeichen (unten) und erläuternden Kommentaren (links) abgebildet.
Dachziegel als historische Quellen
Ein Katalog mit 195 beschrifteten Dachziegeln aus dem 3. Jh. v. Chr. bis zum 2. Jh. n. Chr. kombiniert zwei Drucktechniken: Holzschnitt für den Text und Abriebe für die Bilder. Auf der rechten Seite ist der Abrieb eines Dachziegels aus der Han-Periode mit der glücksverheißenden Inschrift chang le wei yang 長樂未央 („Freude ohne Ende“) zu sehen, links begleitet von einem erläuternden Text.
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Kaiserliche Urkunden
Kaiserliche Urkunden
von Elisabeth Kaske
Obwohl die Qing-Dynastie (1644—1911) ein nicht-chinesisches Herrscherhaus besaß, erbte sie das System der Ränge und Ehrentitel von der Ming-Dynastie (1368—1644), in der außer der kaiserlichen Familie kein echter Adel existierte. Der Kaiser konnte den Untertanen Rangbezeichnungen in drei abgestuften Skalen verleihen: Zum einen waren da erbliche Ränge, die meist an Mandschus, gelegentlich aber auch an hohe chinesische Beamte (manchmal posthum), verliehen und an den Erstgeborenen vererbt wurden. Zweitens gab es zivile und militärische Beamtenränge (jeweils neun Ränge und achtzehn Klassen), die sowohl von Mandschus, als auch von chinesischen Beamten mit ihrem Amt bekleidet wurden. Drittens gab es Ehrentitel, die weitgehend der offiziellen Rangordnung entsprachen.
In einer Gesellschaft, die tief in Hierarchien verstrickt war, änderten Ehrentitel das Benehmen der Menschen, die Anrede und die Art der Fortbewegung (die Farbe der Sänfte, die Anzahl der Träger usw.). Die Universitätsbibliothek Leipzig verfügt über eine ungewöhnlich große Sammlung
kaiserlicher Patente, darunter fünf Patente für erbliche Militärränge, das früheste aus dem Jahr 1664, und 26 Patente für Ehrentitel, dessen ältestes Stück in das Jahr 1668 datiert.