Communicanten, Kommunikation – ein weites Feld
Eine virtuelle Ausstellung von
Reisewege des Apostels Paulus
Kommunikation gehört von Anfang an zur Gemeinschaft der Christinnen und Christen. Ihre ersten Missionare, die Apostel, nutzten die guten Kommunikationswege rund um das Mittelmeer.
Paulus begann im Jahr 47 die erste von drei Missionsreisen, die in der Apostelgeschichte dokumentiert sind. Während der zweiten Reise gründete er eine Gemeinde in Thessaloniki.
Ihr schrieb er im Jahr 50 einen Brief, der das älteste Buch im Neuen Testament ist (1. Thessalonicher).
Die schriftliche Kommunikation von Paulus, anderen Aposteln und ihren Schülern mit den Gläubigen formte die christliche Lehre. Ihre Briefe geben Einblicke in das Denken und Leben der frühen Gemeinden.
Zweite Reformation in Hessen-Kassel
Der Begriff Kommunikation kommt vom lateinischen Wort „communicare“. Es bedeutet „etwas gemeinsam machen“ oder „vereinigen“.
Kommunizieren meint im kirchlichen Sprachgebrauch auch das Vereinen mit der Gemeinschaft der Gläubigen, die lateinisch „communio“ genannt wird. Sie zeigt sich in der Feier des Abendmahls, der Kommunion.
Über ihre Form wurde viel gestritten. Für Reformierte ist Jesus im Abendmahl nur geistlich anwesend. Lutheraner bekennen auch seine leibliche Gegenwart und nehmen Brot und Wein als sein Leib und Blut. Als in Hessen-Kassel 1605 das reformierte Bekenntnis verpflichtend wurde, boykottierten viele Lutheraner das Abendmahl in dieser Form:
„1 alb[us] vor brodt der Communicanten, Sindt aber nit erschienen“.
Communicantenlisten
Um festzuhalten, wer als Kommunikant am Abendmahl teilgenommen hatte, wurden Listen geführt, entweder in eigenen Büchern oder in den Kirchenbüchern wie dem der lutherischen Gemeinde Schweinsberg.
Dort wurden nach den Kommunikanten von 1638 erst wieder die von 1672 eingetragen. Die Kleinstadt bei Marburg war im Dreißigjährigen Krieg 1635 und nochmals 1641 geplündert und niedergebrannt worden.
Bis heute führen die Landeskirchen Statistiken über die Teilnahme am Abendmahl. Sie erstrecken sich auf sämtliche Abendmahlsgäste.
Zirkularbuch
Zur Kommunikation, die von Behörden ausgeht, gehören neben den gezielten Einzelnachrichten auch Rund- oder Zirkularschreiben. Sie sind an mehrere Personen oder Institutionen gerichtet.
Dass jede und jeder von ihnen die Nachricht erhält und behalten kann, ist seit dem Einsatz von Kopiergeräten üblich und mit der elektronischen Kommunikation selbstverständlich geworden.
Bevor diese Möglichkeiten bestanden, gingen Zirkularschreiben wirklich auf eine Rundreise und wurden von jedem Adressaten abgeschrieben.
So verpflichtete das Konsistorium Marburg, die kirchliche Behörde für Oberhessen, am 12. Februar 1784 die Pfarrämter in seinem Bezirk, dass
„die Prediger auf die Circular-Schreiben welche sie erhalten, den Tag und die Stunde des Empfangs und der Abschickung bemerken, sie von Wort zu Wort in ein besonderes Buch einschreiben, und den Inhalt im Register bemerken sollen“. W. Ledderhose, Anleitung zum Hessen-Casselischen Kirchenrecht, Kassel 1785, S. 459 f.
Das 1770 angelegte Zirkularbuch der Pfarrei Haina enthält bis 1782 überschaubare ein bis vier Rundschreiben pro Jahr. 1783 steigt die Zahl deutlich auf 12 an und bleibt nach dem Erlass von 1784 im höheren Bereich.
Zirkularbuch der Pfarrei Haina 1770 – 1839, Seite 18/ Transkription
Serenissimi Hochfürstl.[iche] Durchlaucht, haben dem
vom Land-Rath Schenck zu Schweinsberg
bey höchstdemselben über die beym Eintragen
der Extracte, theils in den Kirchen-büchern,
theils in den Cantons-Listen vergessene Nrn
der Häußer, unterm 1ten July unterthänigst
eingereichten bericht uns in Abschrift zugehen –
und per Extractum General Directorial
protocolli d.[e] d.[ato] Geismar den 29ten Jul.[i] 1777
gnädigst resolviren laßen: die Consistoria
haben das nötige zu verfügen.
Wir befehlen euch hierauf, außer dem bey
Anfang und Fortgang eines jeden Jahres, in die
Kirchen-bücher einzutragenden Sterb-Fällen,
Copulationen oder Geburten von Kindern, auch
solchen die Nro der Häußer, von den Hauß-
Vättern beyzufügen, und als denn den Land-
räthen in Ansehung der zu formirenden Cantons-
Listen am Ende eines jeden Jahres einen Specifiquen
Ectract auf vorbeschriebene Art bey Vermeidung
willkürlicher Ahndung einzuschicken.
H.[och] Fürstl.[iches] Consistorium daselbst.“
Kirchensiegel
Kommunikation genießt besonderes Vertrauen, wenn sie beglaubigt ist. Das Recht der Pfarrämter, Kopien und Auszüge zu beglaubigen, geht zurück auf die Anfänge der protestantischen Kirchen. Sie entstanden unter der Regie der Landesherren, die bischöfliche Rechte übernahmen, das Summepiskopat. Die Pfarrer waren durch ein Treueverhältnis an den Landesherrn gebunden und in seine Verwaltung einbezogen.
Lange genügte zum Beglaubigen das geschriebene Wort der Pfarrer. Erst im späten 18. Jahrhundert war es durch Siegel zu ergänzen. So verfügte es am 3. November 1787 das Konsistorium Kassel, die kirchliche Behörde für Niederhessen:
„Nachdem […] man oft, da man die Handschrift aller Prediger nicht kennen kann, durch falsche Bescheinigung hintergangen worden, und wir daher resolvirt haben, daß die Prediger in hiesigen Landen mit einem ordentlichen Kirchensiegel von Meßing, worauf eine Kirche, mit der Umschrift: Siegel des Kirchspiels N. N. in Heßen, gestochen, versehen werden sollen […], dieses Siegel auch bey dem Hof-Graveur Kirchner allhier zu 15 Alb.[us] mit dem Stiel accordirt worden. So habt Ihr daßelbe […] bey ermeldetem Hof-Graveur bestellen, und gegen Bezahlung dieses Quanti aus dem Kasten jeden Orts abholen zu laßen.“Sammlung Fürstlich Hessischer Landes-Ordnungen, 7. Teil, Kassel 1802, S. 207
Auch in der Gegenwart führt jede Kirchengemeinde ein Siegel, das vom Landeskirchenamt genehmigt wurde.
Schreibmaschine
Die amtliche Kommunikation der Pfarreien nahm im 20. Jahrhundert deutlich zu. Ab den 1920er Jahren begannen daher auch Pfarrämter, Schreibmaschinen einzusetzen. In staatlichen und kommunalen Amtsstuben wurden sie schon vor dem Ersten Weltkrieg genutzt.
Ein Angebot zum Vermitteln verbilligter Schreibmaschinen erhielt 1930 das Landeskirchenamt Kassel, die Oberbehörde der 1924 gebildeten Evangelischen Landeskirche in Hessen-Kassel.
Absender war Pfarrer Ernst Thiem aus Zella-Mehlis in Thüringen. Er warb für die dort ansässigen Mercedes Büromaschinen-Werke, um mit den Provisionen die Renovierung seiner Kirche zu finanzieren.
Dem Brief beigelegt waren Prospekte der Mercedes Schreibmaschine. Thiem bot an, sie für 280 Reichsmark zu vermitteln. Regulär kostete sie 472 Reichsmark. Der Monatsverdienst eines Pfarrers in Hessen-Kassel lag damals bei etwa 650 Reichsmark.
Das Landeskirchenamt leitete den Brief von Pfarrer Thiem mit den Prospekten an den Vorsitzenden des Pfarrervereins von Hessen-Kassel weiter. Vermutlich wurde das Angebot dann in der Pfarrerschaft bekannt gemacht. Ob und gegebenenfalls wie oft es angenommen wurde, ist den Akten nicht zu entnehmen.
Heut gehn wir in's Archiv
Kommunikation besteht aus den Komponenten Senden und Empfangen, es gibt stets Sender und Empfänger. Nachdem unsere kleine Ausstellung diese universale Konstellation bisher in unterschiedlichen Jahrhunderten archivalisch bespielt hat, wechseln wir nun auf die Ebene des persönlichen Austauschs im Archiv selbst.
KOMMUNIKATION - „KOMM“ ins Archiv: Alle Aktivitäten, die junge Benutzer ins Archiv holen, haben Vorrang vor solchen Aktivitäten, die wieder vom Archiv wegführen oder das Arbeiten im Archiv überflüssig machen. Der vom Archivpädagogen Wolfgang Müller formulierte Grundsatz und das „Detmolder Modell“ werden bei uns umgesetzt. In den Genuss von Erlebniswelt und Lernort Archiv kommen Grundschüler (auf dem Foto sind Zweitklässler zu sehen, die 2008 Archivwagen und Rollregalanlage getestet haben) ebenso wie Konfirmanden oder Gymnasiasten. Der Austausch von Informationen findet direkt und persönlich vor Ort statt.
Briefmarke
Das Landeskirchliche Archiv leistete sich zum 20. Geburtstag im Jahr 2014 eine eigene Briefmarke. Briefmarken sind bekanntlich amtliche Postwertzeichen, die die Zahlung des aufgedruckten Betrages eines Beförderungsunternehmens bestätigen. Die Übertragung von Informationen, also Kommunikation, läuft hier über das Medium Papier von einem Absender an einen Empfänger.
Bleistifte
KOMMUNIKATI-ON: Die Bleistifte verweisen als Träger von Informationen auf das Internet. Zum Landeskirchlichen Archiv Kassel kann jederzeit und von überall recherchiert werden, und dies über ganz unterschiedliche Zugriffe: etwa über das archivportal-d, natürlich über die DDB (Deutsche Digitale Bibliothek), über die Website der AABevK (Arbeitsgemeinschaft der Archive und Bibliotheken in der evangelischen Kirche) oder auch über Archion.de (Kirchenbücher online).
Epilog
Unsere Ausstellung bespielt die universale Konstellation des Sendens und Empfangens exemplarisch in ganz unterschiedlichen Zeiten und auf verschiedenen Ebenen. Zu bieten haben wir u.a. neben der Überlieferung der theologischen Komponente beim Abendmahl und diversen Verwaltungskomponenten eben auch den persönlichen Austausch von Informationen (Grundschüler im Archiv), die Papiervarianten per Post (Briefmarken) und Schreibmaschine sowie Online-Versionen (Kommunikation via Archion.de oder Archivportal-d.de).
Über fünf Jahrhunderte werfen wir ein paar Schlaglichter auf dieses Universalthema – Kommunikation ist und bleibt „ein weites Feld“ (Theodor Fontane, Effi Briest).