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Corinth werden!

Der Künstler und die Kunstgeschichte

Eine virtuelle Ausstellung von

Einleitung

Lovis Corinth (1858–1925) gilt neben Max Liebermann (1847–1935) und Max Slevogt (1868–1932) als herausragender Vertreter einer antiakademischen künstlerischen Richtung an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert. Seine Ausbildung führte ihn an die Kunstakademien von Königsberg (heute Kaliningrad) und München sowie nach Antwerpen und an die Académie Julian in Paris. Wichtige Wirkungsorte waren München (bis 1901), Berlin (ab 1901) und Urfeld am Walchensee (Kauf eines Hauses im Jahr 1919). 

Der Künstler partizipierte an den vielschichtigen Stilbewegungen der Zeit um 1900, wie etwa Realismus, Impressionismus und Symbolismus. Rückblickend wurde sein Schaffen dagegen als Vorausgriff auf den Expressionismus gedeutet. Mit Hilfe einer genuin malerischen Malerei haben sich Künstler wie Corinth im Umfeld der Secessionsbewegungen von den traditionellen Regelwerken einer künstlerischen Theorie und Praxis losgesagt, wie sie prominent in der offiziellen Staatskunst eines Anton von Werner (1843–1915) repräsentiert wurde. Seine Gemälde, Zeichnungen und Grafiken zeichnen sich durch einen gestischen, oft expressiven Duktus aus, der in der Tradition von Künstlern wie Rembrandt (1606–1669) oder Frans Hals (1580–1666) steht. Das Material des künstlerischen Schaffens, also beispielsweise die Ölfarbe in ihrer Pastosität, wird dabei bewusst sichtbar gemacht. Die in vielen Werken geradezu wild aufgetragenen Pinselstriche führen bisweilen zu einer regelrechten Auflösung der Figuren, Objekte und Räume in ein Farb- und Formengewirr. Im Vergleich zu den radikalen Ansätzen der Avantgarden nach 1900 blieb der Künstler jedoch Zeit seines Lebens in mancher Hinsicht traditionellen Auffassungen von künstlerischem Schaffen verhaftet, etwa in Bezug auf die von ihm übernommene Einteilung der Malerei in hierarchisch gestufte Bildgattungen – auch wenn er deren ästhetische Konventionen immer wieder subversiv zu unterlaufen suchte.

Öl auf Holz | 60 x 50 cm | Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Regensburg

Selbstporträt (1920) | Lovis Corinth

Digitalisat: © Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

Für die kunsthistorische Einordnung blieb Corinth folglich stets ein zwiespältiger Fall. Dies lässt auch eine Einschätzung des Kunstschriftstellers Julius Meier-Graefe (1867–1935) erkennen, der sich 1925 mit einer Mischung aus Belustigung und Respekt über den Künstler äußerte: 

„Seine Malerei war die Zerfleischung einer konventionellen Methode, die seiner Keule Widerstände entgegensetzte. Er behielt oft noch in der Wüstheit einen fatalen Beigeschmack von Konvention.“  

Wie diese pointierte Formulierung erkennen lässt, lag die Entstehung des öffentlichen Bildes von Corinth und somit sein Ruhm nicht nur in dessen Hand. Vielmehr erwachsen sie aus einem sich über viele Jahrzehnte entfaltenden Ensemble von Artefakten, Texten und Medien: Von Kunstwerken bis zu deren Reproduktionen, von eigenen bis zu fremden Schriften, von Biographien bis zu Retrospektiven, von Werkkatalogen bis zu kunsthistorischen Aufsätzen. Die Ausstellung am ZI nimmt das einhundertste Todesjahr des Künstlers zum Anlass, um in elf Kapiteln die kunsthistorische Erforschung Corinths über einen Zeitraum von etwa 120 Jahren mit einigen Schlaglichtern zu verfolgen. Veranschaulicht wird so der wichtige Beitrag, den die Disziplin für die Entstehung der öffentlichen Wahrnehmung sowie der kunsthistorischen Einschätzung von Corinth geleistet hat – bis hin zu jüngeren Auseinandersetzungen mit dem Werk und seiner kunsthistorischen Rezeption. Ergänzt wird die Ausstellung durch einige kürzere Beiträge auf dem hauseigenen Institutsblog ZI Spotlight [>>]. Das Corinth-Jahr 2025 gibt so Gelegenheit, in einer Zeit der historisierenden Reflexion über die Epoche der Moderne den Beitrag der Kunstgeschichte zu ihrer Konstruktion zu reflektieren.

Die Ostdeutsche Galerie Regensburg, die im Rahmen der dort gezeigten Ausstellung [>>] mit dem ZI kooperiert, bereitet einen Werkkatalog von dessen Skizzenbüchern vor. Eine Auswahl der digitalisierten Blätter, die Einblick in die bildkünstlerische ‚Werkstatt‘ des Künstlers geben, können in dieser Onlineausstellung erkundet werden. Sie liefern gleichsam die Innenansicht einer Werkgenese, deren Rezeption, Reflexion und kunsthistorische Konstruktion in der Ausstellung nachvollzogen werden kann.

Die Online-Ausstellung wurde gegenüber der Präsentation am ZI um zahlreiche Abbildungen von Werken Corinths aus unterschiedlichen Gattungen erweitert, die die fachgeschichtliche Perspektive ergänzen.

Die Ausstellung wurde von Dr. Dominik Brabant konzipiert. Bei der Ausstellung wirkten mit: Leon Krause B.A., Dr. Franziska Lampe, Elias Neuhaus B.A., Veronika Schmidt M.A., Peter Seeland M.A., Sarah von der Lieht M.A.

Laufzeit der Ausstellung: 23.10.2025 - 06.03.2026
Ort: Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München | Lichthof Nord, 1. OG

01
Corinth als Autor - Corinth als Motiv

Lovis Corinth ist uns heute vor allem als Maler und Grafiker ein Begriff. Doch trat er ab 1904 in der Zeitschrift Kunst und Künstler auch als Autor von im weitesten Sinne kunstkritischen und kunsthistorischen Beiträgen in Erscheinung.

Noch bevor eine nennenswerte Zahl von Kunstkritikern oder Kunsthistorikern über den Künstler schrieb, äußerte er sich in Artikeln und Nachrufen kenntnisreich und mit sprachlicher Verve über das zeitgenössische Kunstgeschehen sowie über Kollegen wie Olaf Gulbransson (1873–1958), Wilhelm Leibl (1844–1900) und Wilhelm Trübner (1851–1917).

1908 erschien bei Cassirer sein Handbuch Das Erlernen der Malerei, mit dem er seine malerische Methode an seine Leserinnen und Leser vermitteln wollte. Zu Walter Leistikow (1865–1908) verfasste er eine 1910 veröffentlichte Monografie, die zugleich Einblicke in die kulturpolitischen Kämpfe im Berlin der Gründerzeit gibt. Darin entwirft er ein Panorama der Auseinandersetzungen zwischen der wilhelminischen Kunstpolitik, angeführt vom langjährigen Akademiedirektor Anton von Werner, und den oppositionellen Künstlern, die sich schließlich in der Secession zusammenschlossen und für die Leistikow eine wichtige Leitfigur war.

In seiner 1926 postum veröffentlichten Autobiografie lässt er – durchaus humorvoll – seine Leserinnen und Leser am schwierigen Prozess der Selbstfindung als Künstler teilnehmen.

Mehr auf dem Blog ZI Spotlight im Beitrag: Elias Neuhaus über Lovis Corinth als Autor: Regieanweisungen für ein Künstlerbild

Das Image eines Künstlers ist kein festes Bild – es entsteht im Zusammenspiel von Rezeption, persönlicher Nähe und zeittypischen Diskursen. Familie, Weggefährten, andere Künstlerinnen und Künstler oder die Öffentlichkeit prägen jeweils eigene Vorstellungen. Auch die Bildzeugnisse in der Photothek des ZI spiegeln diese Vielfalt: Sie zeigen, wie unterschiedlich Lovis Corinth inszeniert, wahrgenommen und erinnert wurde. So präsentiert eine Aufnahme den Künstler im Atelier bei der Arbeit: Pinsel und Schwert bewegen sich kunstvoll arrangiert aufeinander zu.

Zwei eindrückliche Beispiele sind die Aufnahmen von zwei Porträtbüsten: Die Bronze von Fritz Klimsch (1870–1960) aus dem Jahr 1906 zeigt Corinth als kraftvollen, energischen Schaffenden – als einen Künstler mit physischer Präsenz. Ganz anders hingegen die Büste von Edwin Scharff (1887–1955) von 1923: Hier erscheint Corinth als nachdenklicher, fast zerbrechlich wirkender Intellektueller – sensibel, zurückgenommen, feingeistig. Beide Bildhauer, so unterschiedlich ihre Auffassungen des Künstlers auch sind, eint ihre späteren Verbindungen zum NS-Regime, wobei Werke von Scharff – ebenso wie im Fall von Corinth – im Rahmen der Aktion ‚Entartete Kunst‘ selbst als ‚entartet‘ diffamiert wurden. Solche Kontraste machen deutlich: Das Bild des Künstlers ist stets auch ein Spiegel seiner Zeit – und seiner Betrachterinnen und Betrachter.

FOKUS: DER KÜNSTLER IM BLICK AUF SICH SELBST

Lovis Corinth: Selbstbiographie mit 22 schwarzen und 4 farbigen Bildnissen, Leipzig: S. Hirzel 1926

Mit zahlreichen Anekdoten aus seiner Kindheit betonte Corinth in seiner Selbstbiographie seine rustikale Herkunft aus Ostpreußen, die zunächst nicht auf eine künstlerische Karriere im zeitgenössischen Kunstbetrieb hoffen ließ. Indem er das bäuerliche und kleinstädtische Leben, die Charaktere der Familienmitglieder, der Handwerker und Mägde sowie die landschaftlichen Besonderheiten seiner Heimatstadt Tapiau (heute Gwardeisk, Russland) schilderte, arbeitete er an seinem öffentlichen Bild als zupackender, zugleich jedoch melancholisch grundierter Künstlertypus.

Corinths postum erschienene Autobiografie rekurrierte inhaltich auf den 1909 in der Textsammlung Legenden aus dem Künstlerleben erschienen Aufsatz Aus meinem Leben. Geradezu strategisch baute er, auch mit Blick auf seine späteren Jahre in München und Paris, ein Künstlerimage auf, das sich von seinen oftmals großstädtisch geprägten Kollegen abgrenzte. Spätere Biographien des Künstlers haben die in diesen Texten eingestreuten Anekdoten vielfach aufgegriffen. In der kunsthistorischen Forschung wurden diese mal affirmierend, mal historisch distanzierend zu Narrativen eines Künstlerlebens zwischen Lebenszugewandheit und melancholischer Reflexion umformuliert.

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Schwer ist es mit einer Lebensbeschreibung zu Ende zu kommen. Man kommt mit seinem Charakter nie zu Ende. Die größte Unzufriedenheit habe ich mit dem Stil des Schreibens gehabt. […] Ich will mich als Künstler zeigen. Jeder Künstler ist wieder anders, größer oder kleiner. Der größte Künstler ist in meinen Augen Goethe oder auch Homer; erst dann kommen unsere von der Zunft: Michel Angelo, Tizian, vielleicht Beethoven, aber für die Musik ist mir das Gefühl verschlossen.

– Lovis Corinth: Selbstbiographie. Mit 22 schwarzen und 4 farbigen Bildnissen, Leipzig 1926, S. 159 – 160.

Literatur zur Sektion:

Lovis Corinth: Selbstbiographie, Leipzig: S. Hirzel 1926, BZI: D-Co 1450/78 [Volltext >>].

Lovis Corinth: Legenden aus dem Künstlerleben, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1909, BZI: D-Co 1450/28 [Volltext >>].

Lovis Corinth: Das Erlernen der Malerei, Berlin: Paul Cassirer Verlag 1908. BZI: 145/26 R [Volltext >>].

Lovis Corinth: Olaf Gulbransson, in: Kunst und Künstler, 6/1908, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1908, S. 55-64, BZI: ZDB-Bestand 6.1908 [Volltext >>].

Lovis Corinth: Schmidt-Reute, in: Kunst und Künstler, 8/1910, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1910, S. 222-223, BZI: ZDB-Bestand 11.1913 [Volltext >>].

Lovis Corinth: Wilhelm Leibl's 'Wilderer', in: Kunst und Künstler, 10/1912, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1912, S. 203-207, BZI: ZDB-Bestand 10.1910 [Volltext >>].

Lovis Corinth: Wilhelm Trübner, in: Kunst und Künstler, 11/1913, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1913, S. 452-463, BZI: ZDB-Bestand 11.1913 [Volltext >>].

 

02
Kunstschriftsteller und Familienmitglieder über den Künstler

Nachdem der Kunsthistoriker Hans Rosenhagen (1858–1943) 1902 in der Zeitschrift Die Kunst für alle Lovis Corinth (damals noch unter dem Vornamen Louis) einem breiteren Publikum bekannt gemacht hatte, erschienen ab 1908 erste Monografien zu dem Künstler. Die Entwicklung seiner Kunst wird vorwiegend am Leitfaden von Biografie und Werksentstehung geschildert. Der robuste Charakter und das vitale Temperament des Künstlers werden dabei als wesentliche Impulsgeber für Corinths künstlerische Produktivität verstanden.

Neben professionellen Kunstschriftstellern hat sich auch Corinths Familie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs publizistisch betätigt und an einer historischen Aufarbeitung seiner Biografie mit persönlichen Erinnerungen und Dokumenten beteiligt, die zum öffentlichen Bild des Künstlers beitrugen. Corinths Ehefrau Charlotte Berend-Corinth (1880–1967), die selbst Malerin, Lithografin, Buchillustratorin und Autorin war und 2022 als eigenständige Künstlerin mit einer Ausstellung gewürdigt wurde, veröffentlichte 1948 aus der amerikanischen Emigration ihre tagebuchartigen Memoiren Mein Leben mit Lovis Corinth. Berend-Corinths gut einen Monat nach dem Tod des Malers einsetzende Reflexionen lassen sich als fortgesetzte Trauerarbeit über den Verlust des für sie so prägenden Partners lesen.

1979 folgte dann der Sohn Thomas Corinth (1904–1988) mit einer umfangreichen Dokumentation des Briefverkehrs, weiterer Selbstzeugnisse sowie privater Fotografien und Dokumente des Vaters. 1990 schließlich veröffentlichte die Tochter Wilhelmine Corinth-Klopfer (1909–2001) ihre persönlichen Erinnerungen unter dem vielsagenden Titel Ich habe einen Lovis, keinen Vater.

FOKUS: POPULÄRE KÜNSTLER-MONOGRAPHIEN UM 1900

Georg Biermann und Lovis Corinth: Lovis Corinth: mit 123 Abb. nach Gemälden, Zeichn., darunter 8 farbigen Einschaltbildern, Bielefeld: Velhagen & Klasing 1913

Georg Biermann (1880–1949), der mehrfach zu Corinth publiziert hat, veröffentlichte 1913 eine streckenweise mit Pathos aufgeladene Monographie zu dem Künstler in der bekannten Reihe Künstler-Monographien im Verlag Velhagen & Klasing, die vor allem für ihre zahlreichen, qualitätvollen, teils farbigen Abbildungen bekannt war. In dem Text ohne weitere Gliederung und ohne Fußnoten wird in einer engen Verflechtung von Leben und Werk die Entwicklung des Künstlers und die Herausbildung seiner Bildsprache verfolgt. Dabei richtet sich der Autor weniger an ein Fachpublikum als vielmehr an ein kunstinteressiertes Bildungsbürgertum. In dem Buch verknüpft er den künstlerischen Aufbruch, für den der Künstler seiner Ansicht nach einsteht, mit durchaus revanchistischem Gedankengut in Bezug auf den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71: „Ja, man wird eine so starke künstlerische Potenz, wie sie L o v i s  C o r i n t h zu eigen ist, überhaupt nur richtig einzuschätzen vermögen, wenn man sie schlechthin selbst als das Produkt dieses neuen Geistes anspricht, der mit dem Wachsen unseres Volkes im Sozialen auch die künstlerische Entwicklung unserer Zeit vorbereitet hat.“ (S. 1).

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Mehr auf dem Blog ZI Spotlight im Beitrag: Dominik Brabant zu Lovis Corinth x 3. „Feder und Pinsel sind seine Waffen geworden“: Georg Biermann: Lovis Corinth, Bielefeld/Leipzig 1913

Gestern war in der Sezession Lichtbildervortrag von fünfzig Werken von Corinth. Das Leben rollte an mir vorbei, sein Leben ohne mich, sein Leben mit mir. Mein Leben, welches ich nun distanziert sehe, war außergewöhnlich. Ich begreife es wohl, und als ich am Abend nachher in seinem Sessel saß, mit seinem Selbstporträt an der Wand Zwiesprache haltend, da sah ich mich und mußte urteilen, daß ich seiner unwert gewesen bin.

– Charlotte Berend-Corinth: Mein Leben mit Lovis Corinth, Hamburg-Bergedorf 1947, S. 65.

Literatur zur Sektion:

Hans Rosenhagen: Louis Corinth, in: Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur, 18. Jahrgang, Heft 4, München: Bruckmann 1902, S. 82-92, BZI: ZDB-Bestand [Volltext >>].

Rudolf Klein: Lovis Corinth, Paris: Librairie artistique et litteraire 1909, BZI: 4° D-Co 1453/27 R [Volltext >>].

Georg Biermann und Lovis Corinth: Lovis Corinth: mit 123 Abb. nach Gemälden, Zeichn., darunter 8 farbigen Einschaltbildern, Bielefeld: Velhagen & Klasing 1913, BZI: D-Co 1453/39 [Volltext >>].

Herbert Eulenberg: Lovis Corinth. Ein Maler unserer Zeit, München: Delphin-Verlag 1920, BZI: D-Co 1453/60.

Charlotte Berend-Corinth: Mein Leben mit Lovis Corinth, Hamburg-Bergedorf: Strom-Verlag 1948, BZI: D-Co 1451/47.

Thomas Corinth: Lovis Corinth. Eine Dokumentation, Tübingen: Ernst Wasmuth 1979, BZI: D-Co 1453/220.

Wilhelmine Corinth-Klopfer: "Ich habe einen Lovis keinen Vater..." Erinnerungen, München: Langen Müller 1990, BZI: D-Co 1453/264.

03
‚Dreigestirn des Impressionismus‘? Temperamentvolle Malerei und antiakademische Tendenzen

Bis in die Gegenwart hinein werden die Künstler Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt publikumswirksam als ‚Dreigestirn des deutschen Impressionismus‘ bezeichnet. Diese Formulierung dürfte auf die geschickten Marketingstrategien des Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer (1871–1926) zurückgehen. Vor allem für den deutschen Kunstmarkt wurde so ein Äquivalent zum französischen Impressionismus aus der Taufe gehoben.

Ältere Museumskataloge, aber auch jüngere Ausstellungen haben vielfach an dieser Formulierung eines ‚deutschen Impressionismus‘ festgehalten. In der kunsthistorischen Forschung dagegen wurden vermehrt skeptische Stimmen bezüglich dieser Etikettierung laut. Als fragwürdig wird erachtet, ob man der Malweise dieser Künstler, aber auch ihrer soziokulturellen Prägung mit dem Stichwort des ‚Impressionismus‘, der bekanntlich auf die französische Kunstbewegung seit 1874 zurückgeht, beikommen kann. Die Vorliebe von Corinth und Slevogt für drastische Historienszenen sowie der gestisch geprägte Pinselduktus lassen sich nur sehr bedingt mit der französischen Vorliebe für moderne, urbane Szenerien und einer tüpfelnden Malweise vergleichen. Auch der zweite zentrale Aspekt der französischen Malerei, nämlich die künstlerische Erforschung momentaner Seheindrücke und ihre malerische Übersetzung auf die Leinwand, findet sich nur in einem bestimmten Teil der jeweiligen Gesamtwerke wieder.

Neben der französischen Kunst bot auch die künstlerische Tradition der Niederlande einen wichtigen Bezugspunkt für Künstler wie Liebermann und Corinth: In den Jahren um 1900 herrschte eine tiefgreifende Faszination für anti-akademisch geprägte Künstler wie Rembrandt oder Frans Hals. Was diese so unterschiedlichen Persönlichkeiten eint, ist ihr Bekenntnis zu einer genuin malerischen Malerei. Diese künstlerische Praxis lässt im fertigen Gemälde vielfach die Spuren des Arbeitsprozesses sowie das Malmaterial sichtbar. Für die aufmerksam Betrachtenden wird so der sich zeitlich entfaltende Malvorgang nachvollziehbar. Die Begeisterung dieser Generationen für Rembrandt wurde unter anderem durch die Rezeption des Holländers in Frankreich im Kontext der Realismus-Debatte entfacht. Auch Wilhelm von Bodes (1845–1929) intensive Beschäftigung mit dem holländischen Künstler war ausschlaggebend für diese Wirkung auf junge Maler. Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker haben die deutschnationalistischen Imaginationen in den Blick gerückt, die bisweilen mit einer Bevorzugung dieser Malerei einhergingen und die in Julius Langbehns (1851–1907) anonym veröffentlichter Schrift Rembrandt als Erzieher. Von einem Deutschen (1890, in den Folgejahren zahlreiche Auflagen) Ausdruck fanden.

Öl auf Leinwand | 116 x 147 cm | Privatbesitz

Ariadne auf Naxos (1913) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 135, BZI: D-Co 1459/916.

Gebirgslandschaft mit Phacelienfeld (1904) | Max Slevogt

Aus: Kat.Ausst. Max Slevogt - Neue Wege des Impressionismus, hg. von Sigrun Paas (Mainz, Landesmuseum Mainz, 04.05.2014-12.10.2014), München: Hirmer 2014, Kat. 182, BZI: D-Sl 29/408.

Öl auf Leinwand | 55,2 x 40 cm | Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart
Öl auf Leinwand | 55 x 75 cm | Privatbesitz

Blumenstauden vor dem Gärtnerhäuschen im Wannseegarte (1926) | Max Liebermann

Aus: Kat.Ausst. Max Liebermann und die französischen Impressionisten, hg. von Tobias G. Natter/Julius H. Schoeps (Wien, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 07.11.1997-18.01.1998), Köln: DuMonat 1997, S. 179, BZI: D-Li 559/336.

Der rote Christus (1922) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 147, BZI: D-Co 1459/916.

Öl auf Holz | 130 x 107,4 cm | Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Neue Pinakothek, München
Öl auf Leinwand | 78,5 x 65,3 cm | Landesmuseum Mainz, Mainz

Tänzerin in Silber (1895) | Max Slevogt

Aus: Kat.Ausst. Max Slevogt - Neue Wege des Impressionismus, hg. von Sigrun Paas (Mainz, Landesmuseum Mainz, 04.05.2014-12.10.2014), München: Hirmer 2014, Kat. 117, BZI: D-Sl 29/408.

Jäger in den Dünen (1913) | Max Liebermann

Aus: Kat.Ausst. Max Liebermann und die französischen Impressionisten, hg. von Tobias G. Natter/Julius H. Schoeps (Wien, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 07.11.1997-18.01.1998), Köln: DuMonat 1997, S. 169, BZI: D-Li 559/336.

Öl auf Leinwand | 70 x 100 cm | Österreichische Galerie Belvedere, Wien
Öl auf Leinwand | 83,2 x 60,5 cm | Landesmuseum Hannover, Hannover

Die Kegelbahn (1913) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 43, BZI: D-Co 1459/916.

Ringerschule (1893) | Max Slevogt

Aus: Kat.Ausst. Max Slevogt - Neue Wege des Impressionismus, hg. von Sigrun Paas (Mainz, Landesmuseum Mainz, 04.05.2014-12.10.2014), München: Hirmer 2014, Kat. 95, BZI: D-Sl 29/408.

Öl auf Leinwand | 137 x 140 cm | Max Slevogt-Galerie, Schloss Villa Ludwigshöhe, Edenkoben
Öl auf Leinwand | 40 x 55 cm | Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld

Judengasse in Amsterdam (1905) | Max Liebermann

Aus: Kat.Ausst. Max Liebermann und die französischen Impressionisten, hg. von Tobias G. Natter/Julius H. Schoeps (Wien, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 07.11.1997-18.01.1998), Köln: DuMonat 1997, S. 135, BZI: D-Li 559/336.

Tanzender Derwisch (1904) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 79, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 98 x 88 cm | Buchheim Museum der Phantasie, Bernried am Starnberger See
Öl auf Leinwand | 200 x 160 cm | Max Slevogt-Galerie, Schloss Villa Ludwigshöhe, Edenkoben

Sommermorgen (Frau mit Sonnenschirm) (1901) | Max Slevogt

Aus: Kat.Ausst. Max Slevogt - Neue Wege des Impressionismus, hg. von Sigrun Paas (Mainz, Landesmuseum Mainz, 04.05.2014-12.10.2014), München: Hirmer 2014, Kat. 38, BZI: D-Sl 29/408.

Reiter am Meer nach links (1900) | Max Liebermann

Aus: Kat.Ausst. Max Liebermann und die französischen Impressionisten, hg. von Tobias G. Natter/Julius H. Schoeps (Wien, Jüdisches Museum der Stadt Wien, 07.11.1997-18.01.1998), Köln: DuMonat 1997, S. 111, BZI: D-Li 559/336.

Öl auf Leinwand | 46 x 55 cm | Musée d'Art moderne et d'Art contemporain de la VIlle de Liège, Lüttich

FOKUS: KUNSTHISTORISCHE FORSCHUNGEN ZU DEN SECESSIONSBEWEGUNGEN

Peter Paret: Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland, Berlin: Severin und Siedler 1981

Die internationale Forschung hat mit sozial- und politikgeschichtlichen Interessen die Kulturkämpfe zwischen der offiziellen Kunstpolitik Wilhelms II. (1859–1941) sowie der fortschrittlichen, am internationalen Kunstgeschehen orientierten Kunstszene, die in den Secessionsbewegungen kulminierte, aufgearbeitet. Prägende Figuren wie der fortschrittliche Museumsdirektor Hugo von Tschudi (1851–1911), der 1909 nach einem Eklat von der Nationalgalerie Berlin an die Staatlichen Galerien nach München wechseln musste, Kunsthändler wie die Cassirers, aber auch der Mäzen und Publizist Harry Graf Kessler (1868–1937) boten mit ihren an der französischen Moderne orientierten Kunstauffassungen ein Gegengewicht zur konservativ geprägten Berliner Hochschule für die Bildenden Künste. Deren Geschicke wurden von 1874 an für 40 Jahre von dem Historienmaler Anton von Werner gelenkt.

FOKUS: REMBRANDT-BEGEISTERUNG UM 1900

Johannes Stückelberger: Rembrandt und die Moderne. Der Dialog mit Rembrandt in der deutschen Kunst um 1900, München: Fink 1996

Neuere kunsthistorische Studien, wie etwa die Untersuchung Rembrandt und die Moderne. Der Dialog mit Rembrandt in der deutschen Kunst um 1900 von Johannes Stückelberger haben die Faszinationsgeschichte für diejenigen Künstler, die sich entschieden von einer Glattmalerei abgewendet haben, aus kunsthistorischer Perspektive aufgearbeitet. Die malerische Verve, mit der die Künstler ihre Werke vortrugen, stand dabei auch für einen modernen Individualismus ein, der sich nicht dem akademischen Regelkanon unterwerfen wollte. Künstler der Secessionsbewegung wie Corinth, Slevogt oder Liebermann schätzten die alla-prima-Malweise, da sie ihnen ermöglichte, ihren künstlerischen Wirklichkeitszugriff als einen von Spontaneität und Temperament geleiteten Vorgang zu markieren. Der Kunstschriftsteller Julius Meier-Graefe trug wesentlich zur Wertschätzung dieser Malerei bei, auch wenn seine Einschätzungen deutscher Künstler wie Corinth und Slevogt von einer Ambivalenz gegenüber deren nationaler Prägung gekennzeichnet waren.

[Volltext >>]

Literatur zur Sektion:

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Katalog der Ausstellung des Lebenswerkes, hg. von Paul Cassirer (Berlin, Berliner Secession, 19.01.1913-23.02.1913), Berlin: Secession 1913, BZI: D-Co 1459/65 [Volltext >>].

Bruno Cassirer: Neue graphische Arbeiten von Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth, Rudolf Grossmann, Hans Meid und Georg Grosz, Berlin: o.V. 1922, Lagerkat. Berlin Cassirer 1922 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Max Liebermann - Lovis Corinth - Max Slevogt. Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen, hg. von Badischer Kunstverein (Karlsruhe, Badischer Kunstverein, 26.06.1960-11.09.1960), Karlsruhe: o.V. 1960, BZI: Kat.Ausst. Karlsruhe 1960/6.

Peter Paret: Die Berliner Secession. Moderne Kunst und ihre Feinde im Kaiserlichen Deutschland, Berlin: Severin und Siedler 1981, BZI: EC 30/362.

Heinz Höfchen: Bestandskataloge der Graphischen Sammlung 1. Graphik des deutschen Impressionismus. Lovis Corinth, Max Liebermann, Max Slevogt, Kaiserslautern: o.V. 1985, BZI: Kat.Mus. Ka 22/1985(1.

Kat.Ausst. Liebermann, Slevogt, Corinth. Deutsche Impressionisten aus dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, hg. von Bernd Schälicke (Hamburg, BATIG, 29.04.1987-12.06.1987), Hamburg: BATIG 1987, BZI: Kat.Ausst. Hamburg 1987/4.

Maria Makela: The Munich Secession. Art and artists in turn-of-the-century Munich, Princeton: Princeton Univerity Press 1990, BZI: ET-Mu 32/364.

Johannes Stückelberger: Rembrandt und die Moderne. Der Dialog mit Rembrandt in der deutschen Kunst um 1900, München: Fink 1996, BZI: D-Re 3126/774 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Impressionismus in Leipzig 1900-1914. Liebermann, Slevogt, Corinth, hg. von Marcus A. Hurttig/Alfred Weidinger (Leipzig, Museum der Bildenden Künste Leipzig, 24.11.2019-01.06.2020), Leipzig: E.A. Seemann 2019, BZI: Kat.Ausst. Leipzig 2019/5.

04
Ein Gesamtwerk entsteht: Werkverzeichnisse, Monographien, Retrospektiven

Für die kunsthistorische Forschung, aber auch für die öffentliche Wahrnehmung einer Künstlerin oder eines Künstlers sind Werkkataloge, Monografien (im Sinne von Gesamtdarstellungen des Schaffens) und Retrospektiven wichtige Instrumente. Hier formt sich das Bild des Gesamtschaffens einer Künstlerin oder eines Künstlers, auch wenn in den Publikationen oftmals die vielfältigen Entscheidungen und kontingenten Faktoren, die auf die Konstruktion eines Œuvres einwirken, unsichtbar bleiben.

Zu den zentralen Etappen der kunsthistorischen Aufarbeitung des Schaffens von Lovis Corinth zählt der 1958 bei Bruckmann in München von dessen Ehefrau Charlotte Berend-Corinth publizierte Werkkatalog. Dieser ist in aktualisierter Form 1992 nochmals veröffentlicht worden, nun in Bearbeitung von Béatrice Hernad. In den Beständen der Photothek des ZI befinden sich die annotierten Kartons mit Reproduktionen der Gemälde, die die Grundlage für die Entstehung des Werkkatalogs bildeten.

Ebenso bedeutsam sind kunsthistorische Gesamtdarstellungen des Schaffens, wie sie etwa von Gert von der Osten (1910–1983, Buch: 1955), Horst Uhr (geb. 1934, Buch: 1990), Michael F. Zimmermann (1958–2025, Buch: 2008) und Peter Kropmanns (geb. 1963, Buch: 2008) vorgelegt worden sind. Wie schon in Monografien aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts werden hier biografische und werksgenetische Aspekte miteinander verschränkt. Aber die neueren Darstellungen unterscheiden sich – nicht zuletzt aufgrund des historischen Abstands – von den Vorgängern, insofern sie dem ‚Mythos Corinth‘ eher distanziert entgegentreten. Verstärkt wird Corinths Produktion und Rezeption vor dem Hintergrund der politischen, sozialgeschichtlichen und kunsthistorischen Kontexte gesehen, innerhalb derer sein Werk entstanden ist.

Nicht weniger ausschlaggebend für die Entstehung einer breiten Bekanntheit von Lovis Corinth sind eine Reihe von frühen Retrospektiven, die von Museen und Ausstellungshäusern organisiert worden sind, beispielsweise die von Ludwig Justi (1876–1957) ausgerichtete Ausstellung von Gemälden und Aquarellen zu seinem Gedächtnis in der Berliner Nationalgalerie 1926. In den 1950er Jahren mehrten sich zur 25. Wiederkehr des Todesjahres sowie zum 100. Geburtstag des Künstlers Ausstellungen zu seinem Gedächtnis, deren Kataloge jedoch im Umfang eher bescheiden blieben.

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FOKUS: ORDNUNGEN DER ŒUVRES IN RETROSPEKTIVEN

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Ausstellung von Gemälden und Aquarellen zu seinem Gedächtnis, hg. von Ludwig Justi (Berlin, Nationalgalerie, 1926), Berlin: o.V. 1926

Die hier versammelten Kataloge der Retrospektiven ordnen Corinths Werk, dem damaligen Usus der Kunstgeschichte entsprechend, vorwiegend in chronologischer Reihung und/oder nach Kunsttechniken, also mithilfe der Unterteilung in Ölgemälde, Zeichnungen und Aquarelle sowie Grafik. Wie das Vorwort von Ludwig Justi zur Berliner Gedächtnisausstellung in der Nationalgalerie verdeutlicht, wurden durch die kuratorische Auswahl von Werken und ihre räumliche Inszenierung spezifische Akzente gesetzt. Dabei sei „nicht ein Grundsatz hartköpfig durchgeführt“ worden, sondern es sollten die „Zusammengehörigkeit des Gegenstandes, der Entstehungszeit, der Farbigkeit, der Gebundenheit oder Lockerheit der Malerei“ sichtbar werden (Kat.Ausst. Lovis Corinth. Ausstellung von Gemälden und Aquarellen zu seinem Gedächtnis, hg. von Ludwig Justi (Berlin, Nationalgalerie, 1926), Berlin: o.V. 1926, S. 10f.).

Erst seit den 1980er-Jahren wurde in Ausstellungen ein solches Schema, das primär die zeitliche Entwicklung des künstlerischen Werks als Ordnungskategorie verwendet, durch eine Präsentationsweise nach Bildgattungen bzw. ikonographischen Klassen erweitert. Die Ausstellung Lovis Corinth. Prints & Drawings in the Collection of the Late Heinrich Müller (London 1980) gliederte das Werk nach biblischen, mythologischen und allgemein figürlichen Motiven sowie nach Gattungen wie Selbstporträt und Porträt, Landschafts- und Tierdarstellungen. Wohl nicht zuletzt aufgrund einer zunehmenden Skepsis gegenüber streng chronologischen Entwicklungsdarstellungen in der Kunstgeschichte wurde die Einteilung von Corinths Œuvre nach Bildgattungen zunehmend beliebt.

Literatur zur Sektion:

Karl Schwarz: Das graphische Werk von Lovis Corinth, Berlin: Gurlitt 1922, BZI: 4° D-Co 1452/16 R [Volltext >>].

Kat.Ausst. Ausstellung Lovis Corinth Kunsthaus Zürich, hg. von Wilhelm Wartmann (Zürich, Kunsthaus Zürich, 10.05.1924-29.06.1924), Zürich: Berichthaus Zürich 1924, BZI: D-Co 1459/120 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Ausstellung Galerie Wiltschek, hg. von Curt Glaser, Berlin: Galerie Wiltschek 1925, BZI: D-Co 1459/125 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Ausstellung von Gemälden und Aquarellen zu seinem Gedächtnis, hg. von Ludwig Justi (Berlin, Nationalgalerie, 1926), Berlin: o.V. 1926, BZI: D-Co 1459/130.

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Gedächtnis-Ausstellung: Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, Graphik, hg. von Sächsischer Kunstverein (Dresden, Sächsischer Kunstverein zu Dresden, 22.01.1927-Mitte März 1927), Dresden: v. Baensch-Stiftung 1927, BZI: D-Co 1459/135 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Lovis Corinth, hg. von Künstlerbund Hagen (Hagen, Neue Galerie, März-Mai 1929), Hagen: Künstlerbund 1929, BZI: D-Co 1459/145 [Volltext >>].

Charlotte Berend-Corinth und Hans K. Röthel: Die Gemälde von Lovis Corinth. Werkkatalog, München: Bruckmann 1958, BZI: D-Co 1452/55 [Volltext >>].

Heinrich Müller: Die späte Graphik von Lovis Corinth, Hamburg: Lichtwarkstiftung 1960, BZI: D-Co 1452/105.

Karl Schwarz: Das graphische Werk von Lovis Corinth, San Francisco: Wofsy 1985, BZI: D-Co 1452/85 [Volltext >>].

Horst Uhr: Lovis Corinth, Berkeley [u.a.]: University of California Press 1990, BZI: D-Co 1453/266.

Peter Kropmanns: Lovis Corinth. Ein Künstlerleben, Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2008, BZI: D-Co 1453/300.

05
Neuere Forschungen zum Werkverzeichnis von Charlotte Berend-Corinth

Ein Werkverzeichnis als systematisch geordnetes, wissenschaftlich fundiertes Gesamtverzeichnis des Œuvres einer Künstlerin oder eines Künstlers spielt in der kunsthistorischen Forschung eine zentrale Rolle. Von den Autorinnen und Autoren kuratiert, beeinflusst es aktiv die Rezeption, indem es Kunstwerke durch die Aufnahme authentifiziert und zugleich nobilitiert. Für Sammlerinnen und Sammler, Kunsthändlerinnen und Kunsthändler sowie für Institutionen wie Museen ist das Werkverzeichnis mit seinen Praktiken der Zu- und Abschreibung von hoher, auch ökonomischer Relevanz.

Im Fall von Lovis Corinth liegt die Deutungshoheit in den Händen der Witwe Charlotte Berend-Corinth als Nachlassverwalterin. Mit ihr als Autorin wird das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlichem Anspruch einerseits und interessengeleiteter Publikation andererseits besonders deutlich. Nachdem Charlotte Berend-Corinth das Projekt eines Werkverzeichnisses bereits 1925 begonnen und 1932 abgeschlossen hatte, dauerte es weitere 26 Jahre, bis die Publikation 1958 – zum 100. Geburtstag des Künstlers – endlich das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Diese Jahre waren geprägt von politischen Systemwechseln, Verlagswechseln, Verlusten und Wiederentdeckungen.

Insbesondere für die Provenienzforschung kann dieser späte Erscheinungstermin irreführend sein – das Material von 1932 wurde vor der Publikation 1958 nur marginal überarbeitet und ergänzt. Es klafft daher eine große Lücke in den Provenienzangaben. Die systematische Enteignung jüdischen Besitzes während der NS-Zeit wurde im Bestandskatalog völlig ausgeblendet.

Bei dem in der Photothek des ZI aufbewahrten Material handelt es sich um die Vorarbeiten zum Werkverzeichnis der Gemälde Corinths. Diese Karten mit Abbildungen der Werke und handschriftlichen Notizen von Berend-Corinth bieten der Forschung die Möglichkeit, den Entstehungsprozess des Werkverzeichnisses detailliert nachzuvollziehen und gleichzeitig die Probleme bei der Bearbeitung der Publikation zu beleuchten.

Im fertigen Werkverzeichnis tritt der lexikalische Charakter in seiner Ordnung und Vereinheitlichung deutlich hervor. In chronologischer Reihenfolge folgt jeder Eintrag der gleichen Struktur. Diese Gliederung wurde bereits bei den Vorarbeiten ab 1925 festgelegt. Jedes Gemälde erhielt eine Karteikarte mit den wichtigsten Informationen. Titel, Maße, Technik, Bezeichnung und Beschreibung wurden als Eckdaten des Werkes angegeben. Darüber hinaus wurden Ausstellungen und Publikationen aufgelistet, in denen das jeweilige Gemälde erwähnt oder abgebildet wurde. Es folgen (aus heutiger Sicht oft lückenhafte) Angaben zu den Besitzern. Zum Nachweis der Werkidentität ist jeder Karte ein Foto des Gemäldes beigefügt.

Diagramme und statistische Auswertungen können in der Kunstgeschichte wertvolle Instrumente sein. Sie helfen beispielsweise Strukturen, Entwicklungen oder, wie hier gezeigt, geografische Verteilung zu visualisieren. Ihre Aussagekraft ist jedoch an die Quantität und Qualität der zugrunde liegenden Daten geknüpft. Fehlerhafte oder lückenhafte Daten können zu falschen Schlussfolgerungen führen. Zudem bedarf die Interpretation von Grafiken einer sorgfältigen Kontextualisierung. Sie muss den spezifischen historischen, sozialen und kulturellen Bezugsrahmen berücksichtigen, der durch Zahlen nicht abgebildet werden kann. Auch die hier gezeigten Diagramme stellen lediglich eine Ergänzung zur kunsthistorischen Forschung dar: Sie müssen kritisch hinterfragt und im Gesamtzusammenhang beurteilt werden. Grundlage der vorliegenden Datensammlung bildet der Werkkatalog der Gemälde von Lovis Corinth. Der Katalog wurde von seiner Ehefrau Charlotte Berend-Corinth verfasst und erschien im Jahr 1958 im Bruckmann Verlag (im Rahmen der Datenerfassung wurde sich mit der Entstehungsgeschichte des Werkverzeichnisses nicht auseinandergesetzt). Jedes Gemälde wurde mit spezifischen Informationen gelistet, die für die Auswertung systematisch erfasst wurden. Zu diesen Informationen gehören Angaben wie: Titel, Werkmaße, verwendetes Material, Entstehungsjahr sowie Signatur und die bekannten Besitzverhältnissen bis 1958. Ein Großteil der Werke ist zudem mit Beschreibungen, Bemerkungen, Angaben zu Reproduktionen in Druckerzeugnissen und Ausstellungsteilnahmen versehen, so dass eine große heterogene Menge an Daten vorliegt. Auch das „systematische Verzeichnis“ von Charlotte Berend-Corinth wurde übernommen und in einem zweiten Schritt mit einer Kategorisierung nach kunsthistorischen Gattungsdefinitionen ergänzt (Lexikon der Kunstwissenschaft, Jordan/Müller 2012). Somit kann die Datensammlung in Diagrammen abgebildet und nach unterschiedlichen Parametern befragt werden. Die anschließenden Auswertungen erlauben erste Anhaltspunkte für eine Vielzahl an möglichen Fragstellungen: Für die Provenienzforschung ist beispielsweise interessant, dass 1958 das Besitzverhältnis von 30% der Werke Corinths unbekannt zu sein scheint (siehe Grafik Bekannte Besitzverhältnisse). Weitere Nachforschungen zu diesen Gemälden könnten somit neue Erkenntnisse über den derzeitigen Verbleib der Gemälde liefern.

Die Begleittexte der gezeigten Diagramme sind nicht als Interpretationen zu verstehen. Sie sollen vielmehr eine Auswahl möglicher kunsthistorischer Fragestellungen präsentieren, bei denen eine Auswertung der Diagramme von Nutzen sein kann. Damit verweisen sie auf Ausgangspunkte und/oder Zwischenstationen für kunstwissenschaftliche Analysen. Gleichzeitig werden die Grenzen statistischer Darstellungen durch das Fehlen von kontextualisierenden Informationen verdeutlicht.

Charlotte Berend-Corinth: Lovis Corinth. Die Gemälde. Werkverzeichnis. Neu bearbeitet von Béatrice Hernad

München: Bruckmann 1992, BZI: D-Co 1452/98.

FOKUS: DIE ANNOTIERTEN KARTEN ZUM WERKKATALOG

Ein Blick auf das Material zeigt, dass jede Karte gegenüber den Angaben im Werkverzeichnis eine Vielzahl von zusätzlichen Informationen birgt. Unterschiedlichste Handschriften ergänzen und korrigieren die Daten und Hinweise. Auch das Foto zum Werk dient nicht nur der eindeutigen Identifikation, sondern bietet auf der Rückseite Platz für weitere Informationen, die handschriftlich oder per Stempel aufgebracht sind. Das Material hält so eine Fülle an Hinweisen und Erkenntnissen bereit, die sich mal mehr, mal weniger leicht interpretieren lassen und die bisweilen im eigentlichen Endprodukt, also dem Werkverzeichnis als dem vereinheitlichten Überblickswerk, nicht aufgenommen wurden.

Es wird also deutlich: Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem vorliegenden Material, in seiner Vielfältigkeit und seiner Entstehungsgeschichte, ist notwendig. Ein besonderes Augenmerk sollte mit Blick auf das Material in der Provenienz- und Sammlungsforschung liegen. Woher stammen die Angaben zu den Besitzern? Wer hat die Namen korrigiert, ergänzt, gestrichen? Und wann genau haben die hier notierten Personen das Gemälde besessen?

Diese Forschung zur Entstehungs- und Nutzungsgeschichte des Werkkatalogs liefert zahlreiche Ansatzpunkte für eine grundlegende Auseinandersetzung mit der Gattung Werkverzeichnis in ihrer bis heute unangefochtenen Relevanz für die Kunstgeschichte und den Handel. Nicht zuletzt bietet sie die Chance, weitreichende Erkenntnisse über den Künstler Lovis Corinth und seine Rezeptions- und Sammlungsgeschichte zu gewinnen.

Keine andere Textgattung der Kunstgeschichte entwickelt eine solche Spannung zwischen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und interessengeleiteter Realisierung wie das Werkverzeichnis. Und keine andere Textgattung war und ist so zentral für die kunsthistorische Forschung (von der Relevanz für Künstlerinnen und Künstler, Sammlerinnen und Sammler, Kunstmarkt und Ausstellungsbetrieb ganz zu schweigen), ohne bislang umfassend kritisch reflektiert worden zu sein.

– Ulrich Pfisterer: Das Genre Werkverzeichnis in der kunsthistorischen Forschung, in: Ingrid Pérez de Laborda/Aya Soika/Eva Wiederkehr Sladeczek (Hg.): Handbuch Werkverzeichnis = Œuvrekatalog = Catalogue raisonné, Berlin 2023, S. 23–35, hier S. 23.

Literatur zur Sektion:

Charlotte Berend-Corinth: Lovis Corinth. Die Gemälde. Werkverzeichnis. Neu bearbeitet von Béatrice Hernad, München: Bruckmann 1992, BZI: D-Co 1452/98.

06
Weiblichkeit im Blick

Das Verhältnis der Geschlechter zueinander, aber auch die Suche nach einem eigenen Geschlechtsverständnis in Gemälden und Texten spielen im Schaffen Corinths herausragende Rollen. Dabei kreisen die Gemälde meist um den menschlichen Körper als ein vom Leben durchpulster Organismus im Spannungsfeld von Emotionen, Begierden und Affekten.

Durch seine malerische Virtuosität wusste Corinth vor allem den weiblichen Körper mit changierenden Inkarnatstönen in seiner leiblichen Präsenz und erotischen Attraktivität auf die Leinwand zu bannen. Der gestische Pinselduktus, der die Körperformen gleichsam schmeichelnd nachvollzieht, lässt sich streckenweise wie die Spur der subjektiven Erregung im Vollzug des Aktmalens lesen.

Die feministische Kunstgeschichte seit den 1970er Jahren hat insbesondere die Blickverhältnisse kritisch analysiert, die entstehen, sobald ein männlicher Künstler für ein überwiegend männliches Publikum weibliche unbekleidete Körper zeigt, die dem Blick als Objekt des Begehrens preisgegeben sind. Aus heutigem Blickwinkel hat der Künstler sicherlich einer Verfestigung der geschlechtlichen Machtverhältnisse zugearbeitet. Durch eine geschlechtersensible Forschung und in rezenten Ausstellungen wie Frauenkörper. Der Blick aufs Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman (Kurpfälzisches Museum Heidelberg, 2022), die sich wandelnden Vorstellungen von Weiblichkeit und Schönheitsidealen widmete, sind Corinths Darstellungen in eine zugleich historisierende wie aktualisierte Perspektive gerückt worden.

Öl auf Leinwand | 98,5 x 108,5 cm | Privatbesitz

Selbstporträt mit Charlotte Berend und Sektkelch (1902) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900, hg. von Barbara Martin (Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, 26.02.2017-11.06.2017), Dresden: Sandstein Verlag 2017, S. 49, BZI: D-Co 1459/960.

Liegender weiblicher Akt (1907) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 97, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 96 x 120 cm | Österreichische Galerie Belvedere, Wien
Öl auf Leinwand | 200 x 159,5 cm | Museum Georg Schäfer, Schweinfurt am Main

Perseus und Andromeda (1900) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Der Sieger. Zum Gemälde "Perseus und Andromeda", 1900, hg. von Sigrid Bertuleit (Schweinfurt am Main, Museum Georg Schäfer, 21.03.2004-18.07.2004), Schweinfurt am Main: Museum Georg Schäfer 2004, Buchrücken, BZI: D-Co 1457/249.

Porträt Charlotte Berend im weißen Kleid (1902) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 139, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 105 x 54 cm | Stadtmuseum Berlin, Berlin
Aquarell auf Papier | 44,5 x 29,8 cm | Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Berlin

Mädchenakt mit Hut (1914) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Aquarelle und späte Gemälde, hg. von Achim Sommer (Emden, Kunsthalle Emden, 27.03.2004-20.06.2004), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 34, BZI: D-Co 1459/886.

Die schwarze Maske (1908) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Impressionismus in Leipzig 1900-1914. Liebermann, Slevogt, Corinth, hg. von Marcus A. Hurttig/Alfred Weidinger (Leipzig, Museum der Bildenden Künste Leipzig, 24.11.2019-01.06.2020), Leipzig: E.A. Seemann 2019, S. 154, BZI: Kat.Ausst. Leipzig 2019/5.

Öl auf Leinwand | 105 x 88 cm | Hessen Kassel Heritage, Kassel
Öl auf Leinwand | 141 x 180 cm | Österreichische Galerie Belvedere, Wien

Die Waffen des Mars (1910) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth: 1858-1925, hg. von Zdenek Felix (Essen, Museum Folkwang, 10.11.1985-12.01.1986/München, Hypo-Kulturstiftung, 24.01.1986-30.03.1986), Köln: DuMont 1985, Abb. 10, BZI: D-Co 1459/730

Fußwaschung (Bei der Toilette) (1910) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Frauenkörper. Der Blick auf das Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman, hg. von Dagmar Hirschfeld/Frieder Hepp (Heidelberg, Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg, 24.10.2021-20.02.2022), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2021, S. 107, BZI: Kat.Ausst. Heidelberg 2021/1.

Öl auf Leinwand | 106 x 131 cm | Städtische Kunsthalle Mannheim, Mannheim
Öl auf Leinwand | 90 x 70 cm | Kunstsammlungen der Stadt Düsseldorf, Museum Kunstpalast, Düsseldorf

Kriegsbeute (1911) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Entre impressionnisme et expressionnisme, hg. von Serge Lemoine/Marie-Amélie zu Salm-Salm (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostedeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Paris: Musée d'Orsay 2008, S. 113, BZI: D-Co 1459/918.

Italienerin in gelbem Stuhl (1912) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900, hg. von Barbara Martin (Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, 26.02.2017-11.06.2017), Dresden: Sandstein Verlag 2017, S. 83, BZI: D-Co 1459/960.

Öl auf Leinwand | 90,5 x 70,5 cm | Landesmuseum Hannover, Hannover
Öl auf Holz | 149 x 113,5 cm | Museum Georg Schäfer, Schweinfurt am Main

Flora (1919) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Flora. Blumenstücke und Stillleben von Lovis Corinth, hg. von Sigrid Bertuleit (Schweinfurt am Main, Museum Georg Schäfer, 08.07.2007-04.11.2007), Schweinfurt a. M.: Museum Georg Schäfer 2007, S. 51, BZI: D-Co 1459/912.

Selbstporträt mit Rückenakt (1903) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse, hg. von Ulrich Luckhardt/Uwe M. Schneede (Hamburg, Hamburger Kunsthalle, 19.11.2004-06.02.2005), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 41, BZI: D-Co 1459/890.

Öl auf Leinwand | 101 x 90 cm | Kunsthaus Zürich, Zürich
Öl auf Leinwand | 119 x 95 cm | Jüdisches Museum Berlin, Berlin

Petermannchen (1902) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Impressionismus in Leipzig 1900-1914. Liebermann, Slevogt, Corinth, hg. von Marcus A. Hurttig/Alfred Weidinger (Leipzig, Museum der Bildenden Künste Leipzig, 24.11.2019-01.06.2020), Leipzig: E.A. Seemann 2019, S. 42, BZI: Kat.Ausst. Leipzig 2019/5.

Die Nacktheit (1908) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 99, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 119 x 168 cm | Landesmuseum Hannover, Hannover
Öl auf Leinwand | 156 x 175 cm | Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Albertinum, Dresden

Bathseba (1908) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Impressionismus in Leipzig 1900-1914. Liebermann, Slevogt, Corinth, hg. von Marcus A. Hurttig/Alfred Weidinger (Leipzig, Museum der Bildenden Künste Leipzig, 24.11.2019-01.06.2020), Leipzig: E.A. Seemann 2019, S. 155, BZI: Kat.Ausst. Leipzig 2019/5.

Die Gattin des Künstlers (1906) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Aquarelle und späte Gemälde, hg. von Achim Sommer (Emden, Kunsthalle Emden, 27.03.2004-20.06.2004), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 31, BZI: D-Co 1459/886.

Aquarell auf Papier | 33,6 x 50,2 cm | Privatsammlung
Öl auf Leinwand | 75 x 62 cm | Saarland-Museum, Saarbrücken

Matinée (1905) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 105, BZI: D-Co 1459/992.

Corinths Akt hat nichts von der kühlen Ebenmäßigkeit nackter Marmorstatuen. Kein Reispuder idealisiert das Fleisch zu vollkommen glattem Marmor oder macht es wie Pin Ups als plastikartiges Fleisch konsumierbar. Dieses Fleisch lebt, ist zum Anfassen, ja es bebt begehrend heiß. Es hat nichts Geglättetes, nichts Sublimiertes. Die Pinselstriche, gut sichtbar, unterstreichen seine Materialität. Nicht den Umriss, das Inkarnat sehen wir zuerst.

Lucian Freud und Jenny Saville stehen in der Tradition dieser Aktmalerei. Aber hier kippt die pure Fleischlichkeit, die sich nach Corinths Vorbild richtet, oft genug ins Abstoßende. Corinth beherrscht den schmalen Grat zwischen Bedrohung und Versuchung, zwischen Schönheit und Verworfenheit eines überwältigenden Begehrens meisterhaft und beglaubigt diese Meisterschaft durch seine Signatur.

– Barbara Vinken: Lovis Corinth. Liegender weiblicher Akt. Flesh for Fantasy. Der Akt des Betrachtens, Drama des Sehens [bezüglich des Gemäldes Liegender weiblicher Akt, 1915, Öl auf Holz, 58 x 113 cm, Auktion 411 im Kunstauktionshaus Neumeister, München, LOT 1012], in: Neumeister Magazin (online), 12/2023.

Geschlechtlichkeit wird in den Illustrationen Corinths zu Friedrich Schillers (1759–1805) Gedicht Der Venuswagen (1782) besonders explizit. Die acht Farblithografien zeigen drastische Vorstellungen mit mythologisch-bacchantischem Anstrich: nackte, dominierte, vergewaltigte und erniedrigte Frauen, jagende und gewalttätige Männer sowie das ironische Spiel mit Moralisierungen. Weiblichkeit und der weibliche Körper werden hier offenbar vor allem für männliche Blicke in einem bildungsbürgerlichen Kontext erotisiert und inszeniert.

Corinths Interesse an Schillers Venuswagen fand Anschluss an die Idee einer illustrierten Buchreihe zu Erotik und Kulturgeschichte des Berliner Verlegers Fritz Gurlitt (1854–1893). Der Venuswagen entstand 1919 als erstes Buch der gleichnamigen Reihe und richtet sich in einer kleinen Auflage an ein Sammlerpublikum erotischer Kunst. Die Reihe wurde bis 1920 fortgeführt, ehe Gurlitt 1921 wegen Verbreitung unsittlicher Inhalte im Venuswagen verurteilt wurde. Der Druck wurde verboten und die Exemplare eingezogen, was eine Debatte um Sittlichkeit und Kunst im Reichstag auslöste. Anschließend geriet die Reihe in Vergessenheit und ist bis heute kaum beforscht.

Der Venuswagen (1782) ist ein eher unbekanntes Frühwerk, das Schiller nie in sein Gesamtwerk aufnahm, sondern anonym publizierte. In dem Gedicht geht es zwar auch um Sinnlichkeit und Erotik, doch vordergründig um einen kulturhistorischen und persönlichen Kampf zwischen dem vernünftig Apollinischen und dem triebhaft Dionysischen.

In Corinths Venuswagen (1919) lehnen sich die Lithografien an das Grundthema Schillers an und zeigen etwa Venus auf einem Stier reitend. Doch spitzt sich diese Sinnlichkeit im Laufe des Buches, begleitet von dem für den späten Corinth typischen Einsatz impulsiver Striche und kräftiger Farbigkeit, auf Motive von Erotik und Leid, von Eros und Thanatos und vor allem Gewalt zu. Corinth zeigt den Trieb hier als beherrschende, zerstörende und belebende Kraft. Verführung, Verfolgung und Vergewaltigung, aber auch Kirche, Justiz und Moral werden in den Blättern explizit ausgehandelt.

Stets sind es dabei Frauen, die dem Blick des Publikums ausgesetzt werden, und Männer, die sich mit brutaler Gewalt nehmen, was sie begehren. So auch bei der vorliegenden Studie zu Venus Finger: ein Mann jagt eine Frau und fällt vergewaltigend über sie her. Der Titel verweist auf die Penetration, die der Kuss und die Hand im Schritt der Frau andeuten. Es wird deutlich, dass die Gewalt am weiblichen Körper hier entscheidender Träger der Erotik ist.

Motivisch, stilistisch und inhaltlich fügt sich Corinths Serie Der Venuswagen in sein Spätwerk ein. Vor allem das Sujet der Umarmung als gewaltsam-sexueller Überfall findet sich ebenso in der Radierung Faun, Nymphe und Schweinehirt (1923) oder in dem Gemälde Bacchanal (1921).
 

Lithografie | 24,5 x 21,5 cm | Privatbesitz

Studie zu Blatt IV aus der Serie Venuswagen (o.D.) | Lovis Corinth

 

Studie zu Blatt V aus der Serie Venuswagen (o.D.) | Lovis Corinth 

 

Lithografie | 25 x 20 cm | Privatbesitz

Ja so heule – Metze, kein Erbarmen! Streift ihr kek das seidne Hemdchen auf. Auf den Rücken mit den runden Armen! Frisch! und patschpatsch! mit der Geißel drauf.

– Friedrich Schiller: Der Venuswagen, Stuttgart 1782, 14. Strophe.

FOKUS: DER KÜNSTLER ALS KUNSTSCHRIFTSTELLER IN EIGENER SACHE

Lovis Corinth: Der Akt in der bildenden Kunst, in: Kunst und Künstler, 2/1904, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1904, S. 109-112

1904 hat sich Corinth in einem Aufsatz mit dem Titel Der Akt in der Bildenden Kunst emphatisch zu einem Körperbild bekannt, das sich von klassisch-akademischen Idealvorstellungen lossagt. Werke wie den Apoll im Belvedere und die Laokoon-Gruppe, die seit den berühmten Aufsätzen von Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) und Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) zu Inbegriffen einer klassizistischen Ästhetik geworden sind, bezeichnete er abschätzig als „unglücklicherweise schlechte […] antike […] Funde“. Im Museum für Abgüsse klassischer Bildwerke können diese Werke vor Ort studiert werden. Neben Raffael (1483–1520), laut Corinth der „grösste […] Streber aller Kunstepochen“, und Raphael Mengs (1728–1779), den er gerne „an den Pranger der Kunstgeschichte gestellt“ sehen wollte, seien es gerade diese Vorbilder gewesen, die aus der Darstellung des menschlichen Körpers ein „hohle[s] Schema“ (S. 110) gemacht hätten: Für Corinth sind sie Vertreter eines regelkonformen „Latein der Malerei“ (S. 109).

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Literatur zur Sektion:

Lovis Corinth: Der Akt in der bildenden Kunst, in: Kunst und Künstler, 2/1904, Berlin: Bruno Cassirer Verlag 1904, S. 109-112, BZI: ZDB-Bestand [Volltext >>].

Carl Georg Heise und Charlotte Berend-Corinth: Lovis Corinth. Bildnisse der Frau des Künstlers, Stuttgart: Reclam Verlag 1958, BZI: D-Co 1457/174 [Volltext >>].

Kat.Ausst. Nackt und bloß. Lovis Corinth und der Akt um 1900, hg. von Barbara Martin (Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover, 26.02.2017-11.06.2017), Dresden: Sandstein Verlag 2017, BZI: D-Co 1459/960.

Kat.Ausst. Frauenkörper. Der Blick auf das Weibliche von Albrecht Dürer bis Cindy Sherman, hg. von Dagmar Hirschfeld/Frieder Hepp (Heidelberg, Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg, 24.10.2021-20.02.2022), Petersberg: Michael Imhof Verlag 2021, BZI: Kat.Ausst. Heidelberg 2021/1.

07
Materialität des (Farb-)Körpers

In den letzten Jahren hat sich in der kunsthistorischen Forschung ein verstärktes Interesse an der Darstellung des Körpers in den Bildkünsten gezeigt. Dies hat zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Körperbildern von Corinth geführt.

Man interessiert sich für dessen bildhafte Evokationen eines von Emotionen, Begierden und Affekten durchzogenen Leibes, der im Zuge des Emotional Turn ins Zentrum der Aufmerksamkeit der Kulturwissenschaften gerückt wurde. Eine material-technisch orientierte Kunstgeschichte legte den Fokus auf Corinths pastose alla-prima-Technik, durch die er die Leiblichkeit und Fleischlichkeit der dargestellten Figuren eindrücklich zu evozieren wusste.

Ebenso wurden Corinths Gemälde aus phänomenologischer Perspektive gedeutet, etwa indem sie mit Überlegungen von Maurice Merleau-Ponty (1908–1961) zur leibgebundenen Wahrnehmung, von Georges Didi-Huberman (geb. 1953) zur Metaphorik der Bildoberfläche, von Dieter Mersch (geb. 1951) und Harmut Böhme (geb. 1944) zum Tastsinn oder von Winfried Menninghaus (geb. 1952) zum Ekel als ästhetischer Kategorie in einen Dialog gesetzt wurden.

Öl auf Leinwand | 78 x 89 cm | Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart

Im Schlachthaus (1893) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 165, BZI: D-Co 1459/992.

Schlachterladen in Schäftlarn an der Isar (1897) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 171, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 69 x 87 cm | Kunsthalle Bremen, Bremen
Öl auf Pappe | 35 x 27 cm | Privatbesitz

Geschlachteter Ochse (1892) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 163, BZI: D-Co 1459/992.

Geschlachtete Kälber (1896) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 161, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 68 x 88 cm | Österreichische Galerie Belvedere, Wien
Öl auf Leinwand | 82 x 59 cm | Privatbesitz

Geschlachtete Schweine (1912) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 169, BZI: D-Co 1459/992.

FOKUS: ANTIKISCHE TRAVESTIEN

CORINTHS BACCHANTENPAAR

Paardarstellungen wie diejenige von Corinth und seiner Frau Charlotte Berend-Corinth (1902) sowie das Bacchantenpaar von 1908, das ebenfalls den Künstler mit seiner Frau zeigt, verdeutlichen die Vorliebe des Malers für kunsthistorische Referenzen und Vorbilder wie Rembrandt. Darüber hinaus lassen sie auch allgemein Rollenspiele und Travestien erkennen. Gleichzeitig wird an Werken wie diesen der freie Umgang des Künstlers mit Gattungsgrenzen und seine Lust an der Vermischung von Gattungen deutlich.

Lovis Corinth | Bacchantenpaar (Selbstporträt) | 1908 | Öl auf Leinwand | 111,5 x 101,5 cm | Museum Georg Schäfer, Schweinfurt am Main

FOKUS: GEWALT UND MITLEID

CORINTHS TIERDARSTELLUNGEN

Corinths Darstellungen von Tierkörpern wurden im Kontext einer Beschäftigung mit Mensch-Tier-Verhältnissen einer Neubetrachtung unterzogen. Mit heftigem Pinselduktus, einem pastosen Farbauftrag und einem vielfältig modulierten Kolorit evozierte der Künstler in Gemälden von geschlachteten Ochsen den Eindruck von archaischer Gewalt und zugleich doch auch der Schönheit des Vergänglichen, womöglich auch Gefühle von Mitleid für die geschundenen Kreaturen. Diese und weitere Aspekte lassen Corinths Schaffen auf unerwartete Weise für gegenwärtige bildwissenschaftliche, bildphänomenologische und materialästhetische Fragen über gängige Epochengrenzen hinweg anschlussfähig erscheinen. „In den Ochsengemälden von Corinth und Soutine geht es weniger um eine Fleischschau als um die Zurschaustellung des Farbmaterials als des eigentlichen ‚Fleisches der Malerei‘.“ (Matthias Krüger: Der geschlachtete Ochse als ein Stück Malerei. Tier- und Bildkörper bei Lovis Corinth und Chaim Soutine, in: Finke, Marcel (Hg.): Materialität und Bildlichkeit. Visuelle Artefakte zwischen Aisthesis und Semiosis, Berlin 2012, S. 249–267, S. 250).

Lovis Corinth | Geschlachteter Ochse | 1892 | Öl auf Pappe | 35 x 27 cm | Privatbesitz

Als letzter ‚naivischer‘ Maler des Naturalismus hat Corinth noch vor Francis Bacon die Spannung von Blut und Inkarnat in seinen Bildern – wie in seinem Künstlermythos – präsent gehalten. Er stellt nicht die Schönheit des geschlachteten Tieres, diesen Perlmuttglanz, umgeben von dem noch warmen und dampfenden Fleisch, der Erotik der Körper gegenüber, die er auf der Leinwand darstellt und dem Betrachter immer so nahe bringt. Im Gegenteil, er vereint sie in einem zugleich grausamen und sanften Karneval – ein Fest, zugleich kultiviert, weil genährt von der Tradition einer malerischen Malerei, die von Rembrandt bis Manet reicht, und barbarisch. Er vereint die Einheit von carnagione, der Metapher für den Organismus, der das Kunstwerk bildet, und der Haut, der Epidermis, die die Leinwand ist.

– Michael F. Zimmemann: Corinth und das Fleisch der Malerei, in: Ulrike Lorenz (Hg.): Lovis Corinth und die Geburt der Moderne [Kat.Ausst. Paris, Musée d‘Orsay/Leipzig, Museum der Bildenden Künste], Bielefeld 2008, S. 320–328, hier: S. 327.

Literatur zur Sektion:

Matthias Krüger: Der geschlachtete Ochse als ein Stück Malerei. Tier- und Bildkörper bei Lovis Corinth und Chaim Soutine, in: Marcel Finke (Hg.): Materialität und Bildlichkeit. Visuelle Artefakte zwischen Aisthesis und Semiosis, Berlin: Kulturverlag Kadmos 2012, S. 249-267, BZI: BA 10/2716.

Oliver Jehle: Ekel empfinden: Corinth und die Erotik der Farbe, in: Christoph Wagner und Ulrike Lorenz (Hg.): Kunst und Eros. Lovis Corinth zwischen Tradition und Moderne, Regensburg: Schnell + Steiner 2015, S. 91-103, BZI: D-Co 1456/158.

Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, BZI: D-Co 1459/992.

08
Malen in Gattungen – kunsthistorisches Denken in Gattungen

Solche Bilder möchte ich malen: Harnische, wallende Mäntel, sammetne Draperien und namentlich, wie der Hochmeister in geäderter Hand den Festungsschlüssel hält. Das waren meine Motive um das Jahr 1876. Ein Kunsthistoriker würde darüber in seinen Heften notieren, daß die Historienmalerei zu jener Zeit am höchsten bewertet wurde und Wilhelm von Kaulbach, der Direktor der Münchener Akademie, als würdiger Nachfolger der Nazarener zuschätzen sei.

– Lovis Corinth: Selbstbiographie. Mit 22 schwarzen und 4 farbigen Bildnissen, Leipzig 1926, S. 68.

Auch wenn Corinths Malweise für Zeitgenossen unakademisch wirkte, so blieb der Künstler dennoch dem Schema der klassischen Bildgattungen verhaftet. Kunsthistorische Studien und Ausstellungen haben an Corinths Umgang mit Gattungsnormen aufgezeigt, dass es ihm häufig um eine aufsehenerregende Subversion der Publikumserwartungen ging.

Auch wenn das Zitat von 1926 anderes erwarten lässt: Historienszenen werden von Corinth oft wie Travestien behandelt. In seinen frühen Gemälden mit mythologischen und biblischen Motiven zeigt der Künstler unter anderem bacchantische Züge im dionysischen Rausch und historische Figuren wie die Salomé als zeitgenössische femme fatale. Der Maler erweist sich darin als Repräsentant einer von Nietzsches (1844–1900) Gedankenwelt und Oscar Wildes (1854–1900) Ästhetizismus geprägten Kultur des fin de siècle.

In einigen Genreszenen aus der bäuerlichen Lebenswelt hat Corinth offenbar auch seine eigene Herkunft aus einem ruralen Umfeld zum Thema gemacht. Zugleich arbeitete er an einem Selbstverständnis als Künstler, das sich als Gegenentwurf zur Vorstellung des Malers als urban geprägten Bürger verstand. In Porträts, vor allem auch in Selbstbildnissen, spielte er immer wieder mit Aspekten der Hässlichkeit und ihrer schonungslosen Darstellung.

Eine Reihe von Ausstellungen und Untersuchungen hat sich den einzelnen Gattungen Corinths zugewandt. Die von ihm intensiv gepflegte Gattung des Selbstporträts hat in jüngerer Zeit das angestiegene Interesse der Kunstgeschichte geweckt, nicht zuletzt aufgrund des sprunghaften Anstiegs von medialen Praktiken wie Selfies in den sozialen Medien. Im Jahr 2007 wurde den bis dahin von der Forschung eher vernachlässigten Blumenstücken und Stillleben von Lovis Corinth im Museum Georg Schäfer in Schweinfurt eine eigene Ausstellung gewidmet. Die Stillleben, häufig in Form von Blumenarrangements, oszillieren zwischen dem melancholischen Wissen um den drohenden Verfall alles Lebendigen und der Feier einer überwältigenden, alles überbordenden Vitalität – bis hin zur Aufgabe einer strukturierten Bildkomposition.

Öl auf Leinwand | 83 x 108 cm | Nationalgalerie Prag, Prag

Odysseus im Kampf mit dem Bettler (1903) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Impressionismus in Leipzig 1900-1914. Liebermann, Slevogt, Corinth, hg. von Marcus A. Hurttig/Alfred Weidinger (Leipzig, Museum der Bildenden Künste Leipzig, 24.11.2019-01.06.2020), Leipzig: E.A. Seemann 2019, S. 43, BZI: Kat.Ausst. Leipzig 2019/5.

Bacchanale (1896) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth: 1858-1925, hg. von Zdenek Felix (Essen, Museum Folkwang, 10.11.1985-12.01.1986/München, Hypo-Kulturstiftung, 24.01.1986-30.03.1986), Köln: DuMont 1985, Abb. 5, BZI: D-Co 1459/730

Öl auf Leinwand | 117 x 204 cm | Städtisches Museum Gelsenkirchen, Gelsenkirchen
Öl auf Leinwand | 190 x 150 cm | Kunstmuseum Basel, Basel

Ecce Homo (1925) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth: 1858-1925, hg. von Zdenek Felix (Essen, Museum Folkwang, 10.11.1985-12.01.1986/München, Hypo-Kulturstiftung, 24.01.1986-30.03.1986), Köln: DuMont 1985, Abb. 18, BZI: D-Co 1459/730

Selbstporträt (1887) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse, hg. von Ulrich Luckhardt/Uwe M. Schneede (Hamburg, Hamburger Kunsthalle, 19.11.2004-06.02.2005), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 33, BZI: D-Co 1459/890.

Öl auf Leinwand | 53,5 x 43 cm | Museum Georg Schäfer, Schweinfurt am Main
Bleistift auf Papier | 47,2 x 30 cm | Kupferstich-Kabinett Dresden, Dresden

Selbstbildnisse auf einem Studienblatt (verso) (1895) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse, hg. von Ulrich Luckhardt/Uwe M. Schneede (Hamburg, Hamburger Kunsthalle, 19.11.2004-06.02.2005), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 34, BZI: D-Co 1459/890.

Letztes Selbstporträt (1925) | Lovis Corinth

Aus: Charlotte Berend-Corinth: Lovis Corinth. Die Gemälde. Werkverzeichnis. Neu bearbeitet von Béatrice Hernad, München: Bruckmann 1992, Titelseite, BZI: D-Co 1452/98.

Öl auf Leinwand | 80,5 x 60,5 cm | Kunsthaus Zürich, Zürich
Öl auf Leinwand | 90 x 70 cm | Musée d'Orsay, Paris

Porträt Julius Meier-Gräfe (1917) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 243, BZI: D-Co 1459/916.

Porträt Walter Leistikow (1893) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 205, BZI: D-Co 1459/916.

Öl auf Leinwand | 124,5 x 100 cm | Stadtmuseum Berlin, Berlin
Öl auf Leinwand | 180,5 x 170,5 cm | Von der Heydt-Museum, Wuppertal

Rudolf Rittner als Florian Geyer (1906) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 221, BZI: D-Co 1459/916.

Hymnus an Michelangelo (1911) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Flora. Blumenstücke und Stillleben von Lovis Corinth, hg. von Sigrid Bertuleit (Schweinfurt am Main, Museum Georg Schäfer, 08.07.2007-04.11.2007), Schweinfurt a. M.: Museum Georg Schäfer 2007, S. 22, BZI: D-Co 1459/912.

Öl auf Leinwand | 138 x 199 cm | Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München
Öl auf Karton | 65 x 85 cm | Privatsammlung

Der Hase (1921) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 282, BZI: D-Co 1459/916.

Blumen und Tochter Wilhelmine (1920) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, S. 287, BZI: D-Co 1459/916.

Öl auf Leinwand | 111 x 150 cm | Kunstmuseum Basel, Basel

FOKUS: CORINTHS MÜNCHNER SELBSTBILDNIS MIT SKELETT

In Selbstporträts wie demjenigen mit Skelett von 1896 im Münchner Lenbachhaus hat der Künstler ohne Scheu vor der Offenlegung körperlicher Alterserscheinungen in vergleichsweise jungen Jahren ein nüchternes, gleichwohl selbstbewusstes Bild seiner selbst gemalt. Er zeigt sich darin als ebenso robuster wie von leisen Selbstzweifeln geprägter Mann mit einem klassischen Vanitas-Symbol, das hier jedoch in der profanierten Form eines Atelierrequisits auftaucht. Schon im Jahr 1913 meinte Georg Biermann in seiner Monographie (siehe Kapitel II) in dem Gemälde ein Werk zu erkennen, das „man eines Tages […] in eine Reihe mit den berühmten Porträts der Kunstgeschichte stellen wird, obwohl sich der Meister in den nachfolgenden Jahren wie Rembrandt gern und oft in wechselnder Erscheinung porträtiert hat.“ (S. 43).

Lovis Corinth | Selbstporträt mit Skelett | 1896 | Öl auf Leinwand | 68,5 x 88,6 cm | Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

FOKUS: CORINTHS SELBSTDARSTELLUNGEN

ZUR AKTUALITÄT EINER GATTUNG

Jüngere Ausstellungen zu Corinths Selbstporträts, wie etwa Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse (2005) in der Hamburger Kunsthalle heben die Aktualität von Corinths künstlerischen Selbstinszenierungen hervor. Fokussiert wurde auf die vielfach schonungslose Selbstanalyse des Künstlers im gemalten, gezeichneten und grafisch reproduzierbaren Bild. Ikonographische und interpikturale Deutungen von Corinths Selbstbildnissen haben diverse Facetten der Selbstmodellierung herausgearbeitet und ein Netzwerk an ikonographischen Referenzen und Zitaten angeführt, von Rembrandt über Frans Hals bis zu Nicolas Poussin (1594–1665).

Lovis Corinth | Selbstporträt als Fahnenträger | 1911 | Öl auf Leinwand | 146 x 130 cm | Muzeum Narodowe, Posen

Literatur zur Sektion:

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Das Portrait. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen, hg. von Klaus Gallwitz (Karlsruhe, Badischer Kunstverein, 04.06.1967-03.09.1967), Karlsruhe: Müller 1967, BZI: D-Co 1459/336.

Peter Hahn: Das literarische Figurenbild bei Lovis Corinth, Tübingen: o.V. 1970, BZI: D-Co 1456/80.

Kat.Ausst. Lovis Corinth - Der Sieger. Zum Gemälde "Perseus und Andromeda", 1900, hg. von Sigrid Bertuleit (Schweinfurt am Main, Museum Georg Schäfer, 21.03.2004-18.07.2004), Schweinfurt am Main: Museum Georg Schäfer 2004, BZI: D-Co 1457/249.

Kat.Ausst. Ich, Lovis Corinth. Die Selbstbildnisse, hg. von Ulrich Luckhardt/Uwe M. Schneede (Hamburg, Hamburger Kunsthalle, 19.11.2004-06.02.2005), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, BZI: D-Co 1459/890.

Kat.Ausst. Flora. Blumenstücke und Stillleben von Lovis Corinth, hg. von Sigrid Bertuleit (Schweinfurt am Main, Museum Georg Schäfer, 08.07.2007-04.11.2007), Schweinfurt a. M.: Museum Georg Schäfer 2007, BZI: D-Co 1459/912.

Thomas Andratschke/Katja Lembke/Claudia Andratschke/Kirsten Hinderer: Das Bacchanale von Lovis Corinth. Landesmuseum Hannover, Berlin: Kulturstiftung der Länder 2020, BZI: D-Co 1457/314.

Kat.Ausst. Lovis Corinth, hg. von Cornelia Manegold/Lena Cornuel (Paris/Köln/St. Moritz, Galerie Karsten Greve, 29.01.2022-21.05.2022), Köln [u.a.]: Galerie Karsten Greve 2022, BZI: D-Co 1459/1002.

09
Corinths Spätwerk zwischen Feier und Verfemung: Landschaften vom Walchensee

Corinths Spätwerk ist eng mit dem Walchensee verbunden, wo die Familie seit 1919 ein Domizil in dem Örtchen Urfeld hatte. In den Gemälden, die dort entstanden sind, lässt sich nachvollziehen, wie der Künstler Schritt für Schritt zu einem neuartigen Konzept von Landschaftsmalerei gefunden hat. Viele seiner späten Gemälde, darunter auch einige Werke dieser Gruppe, wurden von den Nationalsozialisten als ‚entartet‘ klassifiziert. Im Jahr 1937 wurden 359 seiner Werke in verschiedenen Museen beschlagnahmt. Eine Reihe von Gemälden, unter anderem auch zwei Walchensee-Landschaften, wurde im Rahmen der Femeausstellung ‚Entartete Kunst‘ in München im gleichen Jahr ausgestellt.

Der Kunstgeschichte gelten Corinths Landschaften vom Walchensee heute als Inbegriff einer weitreichenden Modernisierung dieser traditionellen Gattung. Im Blick-Dialog mit der oberbayerischen Alpenlandschaft fand der Künstler zunehmend zu einer gestisch-expressiven, aber auch abstrahierenden Farb- und Formensprache. Räumliche Tiefenwirkung wird in diesen Gemälden schrittweise zugunsten einer Betonung der Flächigkeit des Bildträgers und der durch die Pinselstriche geschaffenen arabesken Strukturen aufgegeben. Vielfach erscheint der Bildvordergrund mit dem Hintergrund durch die Malweise verflochten.

Die Nationalsozialisten haben die Folgen von Corinths Schlaganfall, den dieser 1911 mit 53 Jahren wohl nicht zuletzt aufgrund seines zeitweise exzessiven Lebensstils erlitten hatte, zum Anlass genommen, um im Werk des Künstlers Spuren einer Degenerationsgeschichte ausfindig zu machen – gerade auch in dessen Landschaftsszenen. In Alfred Rosenbergs (1893–1946) einflussreicher antisemitischer Schrift Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Bewertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit in der Ausgabe von 1934 wird Corinth zwar im Vergleich zu anderen Künstlern eine „gewisse Robustheit“ attestiert. Jedoch wird die Kunst „diese[s] Schlächtermeister[s] des Pinsels“ als „von einem lehmig-leichenfarbigen Bastardtum des syrisch gewordenen Berlins“ (S. 300) negativ geprägt charakterisiert.

Bei den Walchensee-Gemälden, die auf der Münchner Ausstellung ‚Entartete Kunst‘ 1937 gezeigt wurden, handelt es sich einerseits um das heute in einer Privatsammlung befindliche Gemälde Regenstimmung am Walchensee von 1923 und andererseits um Walchenseelandschaft (Der Jochberg am Walchensee) von 1924, das heute in Regensburg im Kunstforum Ostdeutsche Galerie aufbewahrt wird. Kontrastiert wurden diese Werke aus Corinths später Phase mit einer Reihe von in einer Vitrine gezeigten Fotografien früher Gemälde, die, so der beigefügte Text, den „noch gesunde[n] und bodenständige[n] Künstler“ repräsentieren sollten.

Kaltnadelradierung | 31 x 22,5 cm | Kunsthalle Bremen, Bremen

Am Walchensee (1918) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 222, BZI: D-Co 1459/740.

Walchensee (1918) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 191, BZI: D-Co 1459/740.

Aquarell auf Papier | 21 x 27,5 cm | Galerie St. Etienne, New York
Öl auf Leinwand | 60 x 75 cm | Verbleib unbekannt

Walchensee, blaue Landschaft (1919) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 121, BZI: D-Co 1459/740.

Gebirgssee (1919) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 223, BZI: D-Co 1459/740.

Kaltnadelradierung | 24 x 32 cm | Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München
Farblithographie | 24,5 x 31,5 cm | Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau, München

Walchensee, Abendliche Stimmung bei Sonnenuntergang (1919) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 225, BZI: D-Co 1459/740.

Blick auf Walchensee (1921) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 200, BZI: D-Co 1459/740.

Aquarell auf Papier | 55,4 x 44,5 cm | Staatliche Graphische Sammlung München, München
Aquarell auf Papier | 36 x 51 cm | Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, Mülheim an der Ruhr

Walchenseelandschaft im Herbst (1921) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Aquarelle und späte Gemälde, hg. von Achim Sommer (Emden, Kunsthalle Emden, 27.03.2004-20.06.2004), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 51, BZI: D-Co 1459/886.

Walchensee Neuschnee (1922) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth, Seelenlandschaften. Walchenseebilder und Selbstbildnisse, hg. von Cathrin Klingsöhr-Leroy (Kochel am See, Franz Marc Museum, 08.02.2009-19.04.2009), Köln: Wienand 2009, S. 15, BZI: D-Co 1456/146.

Öl auf Pappe | 54 x 66 cm | Privatsammlung
Öl auf Holz | 18,5 x 26,5 cm | Pfalzbibliothek, Kaiserslautern

Walchensee, Mondnacht (1923) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Max Liebermann - Lovis Corinth - Max Slevogt. Gemälde - Aquarelle - Zeichnungen, hg. von Badischer Kunstverein (Karlsruhe, Badischer Kunstverein, 26.06.1960-11.09.1960), Karlsruhe: o.V. 1960, Abb. 109, BZI: Kat.Ausst. Karlsruhe 1960/6.

Walchensee im Winter (1923) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 205, BZI: D-Co 1459/992.

Öl auf Leinwand | 70 x 90 cm | Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, Frankfurt am Main
Öl auf Leinwand | 100 x 80 cm | Staatsgalerie Stuttgart, Stuttgart

Walchensee, Landhaus mit Wäscheplatz (1923) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth - Das Leben, ein Fest!, hg. von Stella Rolling/Alexander Klee/Andrea Jahn/Kathrin Elvers-Švamberk (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 18.06.2021-03.10.2021/Saarbrücken, Saarlandmuseum Moderne Galerie, 05.11.2021-20.02.2022), Köln: Walther und Franz König 2021, S. 209, BZI: D-Co 1459/992.

Walchensee-Panorama, Blick von der Kanzel (1924) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, S. 177, BZI: D-Co 1459/740.

Öl auf Leinwand | 100 x 200 cm | Wallraf-Richartz-Museum, Köln
Aquarell auf Papier | 50,4 x 67,7 cm | Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett, Berlin

Walchenseelandschaft (1925) | Lovis Corinth

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth. Aquarelle und späte Gemälde, hg. von Achim Sommer (Emden, Kunsthalle Emden, 27.03.2004-20.06.2004), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, S. 87, BZI: D-Co 1459/886.

FOKUS: NATIONALSOZIALISTISCHE KONSTRUKTION DER DEGENERATION

Bruno Kroll: Deutsche Maler der Gegenwart. Die Entwicklung der Deutschen Malerei seit 1900, Berlin: Rembrandt-Verlag 1944

In der Publikation Deutsche Malerei der Gegenwart. Die Entwicklung der Deutschen Malerei seit 1900 von Bruno Kroll (1895–1984) aus dem Jahr 1937 (hier gezeigt die dritte Auflage 1944), dessen erste Abbildung das Gemälde Bildnis des Führers von Heinrich Knirr (1862–1944) zeigt, wird Corinth im Kapitel Der deutsche Impressionismus neben Künstlern wie Fritz von Uhde (1848–1911), Adolph von Menzel (1815–1905) und Max Slevogt behandelt. Zwar meint der Autor in Corinth das „größte Malergenie des Jahrhunderts“ zu erblicken, aber doch spreche aus dem Spätwerk nur noch „die ungefüge Schnellschrift eines vom Tode Gezeichneten.“ (S. 33f.). Unmissverständlich setzt Kroll die „Werke der kranken Spätzeit“ mit denjenigen „der gesunden Meisterschaft“ (S. 34) in Kontrast und folgt so der nationalsozialistischen Trennung von Krankheit und Gesundheit, die auch die Bewertung des Œuvres in der Femeausstellung ‚Entartete Kunst‘ fundierte.

Die im Jahr 2025 gezeigte Ausstellung Im Visier. Lovis Corinth, die Nationalgalerie und die Aktion ‚Entartete Kunst‘ untersucht Werke Corinths aus der eigenen Sammlung unter dem Aspekt ihrer oftmals komplexen Provenienzgeschichten und vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Deutschland im 20. Jahrhundert, in die das Schicksal von Corinths Werk eingebunden ist.

Literatur zur Sektion:

Kat.Ausst. Führer durch die Ausstellung Entartete Kunst, hg. von Fritz Kaiser (München, Hofgartenarkaden, 19.07.1937-November 1937), Berlin: Verl. für Kultur- und Wirtschaftswerbung 1937, BZI: Kat.Ausst. Zz 1937/3 R

Bruno Kroll: Deutsche Maler der Gegenwart. Die Entwicklung der Deutschen Malerei seit 1900, Berlin: Rembrandt-Verlag 1944, BZI: ERc 13/399.

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Die Bilder vom Walchensee. Vision und Realität, hg. von Werner Timm (Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 27.04.1986-15.06.1986/Bremen, Kunsthalle Bremen, 22.06.1986-17.08.1986), Regensburg: o.V. 1986, BZI: D-Co 1459/740.

Kat.Ausst. Lovis Corinth am Walchensee. Späte Bilder, hg. von Elke Ostländer/Hans-Dieter Erbsmehl/Helga Redmann (Berlin, Galerie Pels-Leusden, 08.04.2002-29.05.2002), Berlin: Galerie Pels-Leusden 2002, BZI: D-Co 1459/878.

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Aquarelle und späte Gemälde, hg. von Achim Sommer (Emden, Kunsthalle Emden, 27.03.2004-20.06.2004), Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz 2004, BZI: D-Co 1459/886.

Kat.Ausst. Lovis Corinth: Ein Fest der Malerei, hg. von Agnes Husslein-Arco (Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 25.03.2009-19.07.2009), München: Prestel 2009, BZI: D-Co 1459/920.

Kat.Ausst. Lovis Corinth, Seelenlandschaften. Walchenseebilder und Selbstbildnisse, hg. von Cathrin Klingsöhr-Leroy (Kochel am See, Franz Marc Museum, 08.02.2009-19.04.2009), Köln: Wienand 2009, BZI: D-Co 1456/146.

Meike Hoffmann und Dieter Scholz (Hg.): Unbewältigt? Ästhetische Moderne und Nationalsozialismus. Kunst, Kunsthandel, Ausstellungspraxis, Berlin: Verbrecher Verlag 2021, BZI: V 2019/96.

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Corinth verorten: Der Künstler und die Kunst des 20. Jahrhunderts

In Überblickswerken zur Kunst der Moderne in Deutschland, aber auch in internationaler Perspektive, nimmt Corinth häufig die Position eines Vermittlers zwischen historisierenden Traditionen des 19. Jahrhunderts und jenen avantgardistischen Tendenzen des 20. Jahrhunderts ein, die das Bild als Repräsentation von Wirklichkeit ikonoklastisch angegriffen haben.

Im 3. Band der Geschichte der Deutschen Kunst von Heinrich Klotz (1935–1999) wird Corinths Schaffen einer „Zwischenzeit“ in den Gründerjahren zugeordnet. Während der frühe Corinth noch an einer „dramatisierenden Interpretation überlieferter Themen“ gearbeitet habe, die in thematischer Hinsicht kaum „die Heraufkunft der Moderne“ erahnen lasse, sei das Spätwerk als „Freudenfest der Farbe und des handschriftlichen Ausdrucks“ zu verstehen. Durch dieses habe der Künstler eine genuin malerische Tradition „in die Zeit des Bauhauses und des Triumphs einer abstrakten Kunst“ hinübergerettet.

In einer einflussreichen Geschichte der internationalen Kunst seit 1900, die von Benjamin Buchloh (geb. 1941), Rosalind E. Krauss (geb. 1941), Yve-Alain Bois (geb. 1952) und Hal Foster (geb. 1955) verfasst wurde, wird Corinth dagegen nur am Rande genannt – als Vertreter eines „provincial German modernism“. Lediglich in den Werken des von der Autorin und den Autoren wenig geschätzten Georg Baselitz (1938–2026) zeige sich ein Aufgreifen dieser Richtung.

Auch in der jüngeren Literatur dominieren Einschätzungen, die die Schwierigkeit einer Einordnung Corinths in kunsthistorische Tendenzen der Zeit um 1900 betonen. Dies kann einerseits einem Narrativ dienen, durch das der Künstler zum großen Einzelgänger, zum radikal Unangepassten stilisiert wird. Andererseits verweist eine solche Verlegenheit auch auf die Unzulänglichkeiten einer modernistischen Fortschrittslogik, mit der die Vielschichtigkeit einer Künstlerin bzw. eines Künstlers – gerade auch in Bezug auf ihre oder seine historische Stellung – eher verdeckt als erhellt wird.

Öl auf Leinwand | 130,97 x 98,11 cm | Buffalo AKG Art Museum, Buffalo

Geschlachteter Ochse (1925) | Chaïm Soutine

Aus: Kat.Ausst. Lovis Corinth: 1858-1925, hg. von Zdenek Felix (Essen, Museum Folkwang, 10.11.1985-12.01.1986/München, Hypo-Kulturstiftung, 24.01.1986-30.03.1986), Köln: DuMont 1985, S. 45, BZI: D-Co 1459/730

FOKUS: CORINTH-REVIVALS IN DER KUNST DES 20. JAHRHUNDERTS

In wichtigen Corinth-Retrospektiven (München/Berlin/Saint Louis/London 1996/97 sowie Leipzig/Regensburg 2008/2009) wurde in Aufsätzen der Rezeption seiner Malerei in Werken von Manfred Bluth (1926–2002), Willi Sitte (1921–2013), Francis Bacon (1909–1992), Hermann Nitsch (1938–2022), Georg Baselitz (1938–2026), Rainer Fetting (1949) und anderen nachgegangen. Corinths Wirkung auf jüngere Künstlerinnen und Künstler wurde vor allem in einer Kunstauffassung gesehen, die diese als Medium der Befragung der conditio humana und der unhintergehbaren Leiblichkeit und Sterblichkeit des menschlichen Lebens versteht. Manfred Bluth zitiert das Selbstporträt mit Skelett in nüchtern-sachlichem Stil, ohne sich Corinths Malweise anzueignen. Willi Sitte und Francis Bacon beziehen sich dagegen in offensichtlichen Hommagen oder diskreten Referenzen auf Corinths spezifische Auffassung des Körpers als einen pulsierenden, exuberanten, erotisch affizierten, aber auch gequälten Organismus.

Malerei als Abenteuer – das trieb Lovis Corinth bis an den Rand zum Formlosen und über den guten Geschmack hinaus. Auf der Schwelle zur Moderne stand für ihn alles auf dem Spiel: das Menschenbild und die ewigen Existenzfragen zu Eros und Tod, Gewalt und Leidenschaft. Akademiker, Naturalist, Impressionist, Expressionist – wie kaum ein zweiter deutscher Künstler verweigert sich Corinth kunsthistorischem Schubladendenken. Bis heute fand er seinen festen Platz in der Kunstgeschichte nicht. Er blieb ein Einsamer, Unzeitgemäßer.

– Ulrike Lorenz: Malerei als Abendteuer. Corinth – Grenzgänger zwischen Tradition und Avantgarde, in: Dies./Christoph Wagner (Hg.): Kunst und Eros. Lovis Corinth zwischen Tradition und Moderne (Regensburger Studien zur Kunstgeschichte, Bd. 8),Regensburg 2015, S. 77–89, hier S. 88.

Literatur zur Sektion:

Kat.Ausst. Lovis Corinth: 1858-1925, hg. von Zdenek Felix (Essen, Museum Folkwang, 10.11.1985-12.01.1986/München, Hypo-Kulturstiftung, 24.01.1986-30.03.1986), Köln: DuMont 1985, BZI: D-Co 1459/730

Kat.Ausst. Manfred Bluth: Malerei 1943-1990, hg. von Neue Galerie Kassel (Kassel, Neue Galerie Kassel, 23.11.1990-29.01.1991, Kassel: Staatliche Museen 1990, BZI: D2-Blu 440/220.

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Anläßlich der Ausstellung "Lovis Corinth. Retrospektive" im Haus der Kunst, München, hg. von Peter-Klaus Schuster (München, Haus der Kunst, 04.05.1996-21.07.1996/Berlin, Nationalgalerie, 02.08.1996-20.10.1996), München: Prestel 1996, BZI: D-Co 1459/830.

Kat.Ausst. Lovis Corinth und die Geburt der Moderne, hg. von Ulrike Lorenz/Marie-Amélie zu Salm-Salm/Hans-Werner Schmidt (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostdeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Bielefeld: Kerber 2008, BZI: D-Co 1459/916.

Kat.Ausst. Lovis Corinth. Entre impressionnisme et expressionnisme, hg. von Serge Lemoine/Marie-Amélie zu Salm-Salm (Paris, Musée d'Orsay, 01.04.2008-22.06.2008/Leipzig, Museum der Bildenden Künste, 10.07.2008-18.10.2008/Regensburg, Ostedeutsche Galerie Regensburg, 09.11.2008-15.02.2009), Paris: Musée d'Orsay 2008, BZI: D-Co 1459/918.

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Copy, Paste, Corinth: Reproduktionen in den Sammlungen der ZI-Photothek

Welche Prozesse sind erforderlich, um einen Künstler in den Kanon aufzunehmen? Wie kann die Sichtbarkeit und Relevanz eines Werkes über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten gewährleistet werden? Die Spuren des Malers Lovis Corinth in der Photothek des ZI veranschaulichen eindrucksvoll die zentrale Rolle von Reproduktionen – in ihrer ganzen Vielfalt – in der kunsthistorischen Forschung und in der Wahrnehmung eines Künstlers.

Fotografien zu Werk und Leben von Corinth sind in zahlreichen Beständen der Photothek zu finden, beispielsweise in der Künstler-Abteilung, im Bildarchiv Bruckmann oder in der Sammlung Schrey. Die mediale Bandbreite umfasst frühe Albumine, Mezzotintodrucke, Fotogravüren, Negativ-Glasplatten, Silbergelatineabzüge, Diapositive und Ektachrome. Der ‚Media-Mix‘ umfasst einen Zeitraum von rund 100 Jahren und demonstriert eindrucksvoll die anhaltende Popularität und Vielgestaltigkeit des Schaffens von Corinth.

Jedes Bild zählte. In Anlehnung an den Kunsthistoriker Erwin Panofsky (1892–1968) lautet das inoffizielle Motto: „Wer die meisten Bilder hat, gewinnt“. Über Jahrzehnte sind so Sammlungen entstanden, die nicht nur der Dokumentation dienten, sondern auch aktiv kunsthistorische Narrative prägten. Die Reproduktionen erzählen von unterschiedlichen Gebrauchs- und Funktionsweisen: Die Objekte wurden gesammelt, sortiert, beschriftet und kategorisiert. Sie dienten als Forschungsinstrument, als publizistisches Mittel, als Teil kunstpädagogischer Sammlungen oder als populäre Sammelkarte, als Museum im Handformat.

Mehr auf dem Blog ZI Spotlight im Beitrag: Franziska Lampe on Lovis Corinth: Copied into Canon 

Die Reproduktionen geben auch Auskunft über verschiedene Zustände der Werke, etwa mit oder ohne Rahmungen, mit Retuschen oder Ausschnittsmarkierungen. Dass jedes Bild zählte, zeigt sich beispielsweise auch darin, dass selbst ein Abzug von einem schadhaften, gesprungenen Glasnegativ aufbewahrt oder auch Zeitungsausschnitte und Kalenderblätter gesammelt wurden.

In den Beständen des ZI ist eine unterschiedliche Verortung von Corinth festzustellen. Die Werke werden nach spezifischen Kriterien sortiert, um eine optimale Übersichtlichkeit und Zugänglichkeit zu gewährleisten. Dazu werden sie ‚klassisch‘ nach Motiven und Gattungen, also etwa nach Bildnissen oder Grafiken, oder nach Techniken geordnet. In der Sammlung Schrey wird Corinth beispielsweise als Künstler des 19. Jahrhunderts klassifiziert. Die Sammlungsordnungen spiegeln somit nicht nur wissenschaftliche Interessen, sondern auch Hierarchien und Wertungen wider.

Die Reproduktionen der Werke Corinths ermöglichen somit einen Einblick in sein Schaffen, sondern geben auch Aufschluss über die Geschichte der Kunstgeschichte selbst, ihre Methoden und Medien sowie die verschiedenen Einsatzorte der Bilderwelten.

Carte-de-Cabinet, Sammelkarte Moderne Galerie, 17 x 11,4 cm, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, Bildarchiv Bruckmann, Nr. 38

Salome (1900) | Lovis Corinth

Lovis Corinth (4. v. links sitzend) und Charlotte Berend-Corinth (1. v. rechts sitzend) im Kreis der Jury der Berliner Secession 1911 (1911) | Hermann Boll

Aufgezogener Silbergelatineabzug | 21 x 26 cm | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, Bildarchiv Bruckmann, Nr. 334
Aufgezogener Silbergelatineabzug, 16 x 20,4 cm | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, Bildarchiv Bruckmann, Nr. 38

Die Ratsherren von Tapiau (1917/18) | Lovis Corinth

Carl Hagebeck in seinem Tierpark (1911) | Lovis Corinth

Aufgezogener Silbergelatineabzug | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, ZI-1864
Aufgezogener Albuminabzug mit Retuschen und Ausschnittsmarkierungen, 17,2 x 22,6 cm, Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, Bildarchiv Bruckmann, Nr. 38

Die Lebensalter (Detail) (1904) | Lovis Corinth

Selbstbildnis (vor 1912) | Lovis Corinth

Fotogravüre aus dem Sonderheft zu Corinth der Zeitschrift „Licht und Schatten“, 1912.14, 29,8 cm 24 cm | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, Sammlung Schrey
Postkarte mit Stanzlöchern, die von ihrer Archivierung in Aktenordnern zeugen, Farbdruck, 14,7 x 10,4 cm | Zentralinstitut für Kunstgeschichte, München, Photothek, DKV-Farbkarten

Großes Selbstportrait vor dem Walchensee (1924) | Lovis Corinth

Strickende Frau in Dachau (1892) | Lovis Corinth

FOKUS: CORINTH DIGITAL

DIE SKIZZENBÜCHER DES KUNSTFORUMS OSTDEUTSCHE GALERIE REGENSBURG

In der Ausstellung Lovis Corinth – Bildrausch (24.10.2025–18.1.2026) des Kunstforums Ostdeutsche Galerie in Regensburg werden erstmals die zwölf Skizzenbücher des Künstlers aus dessen Bestand aufgeschlüsselt. In einer Gegenüberstellung mit Gemälden aus der eigenen Sammlung sowie Leihgaben aus anderen Museen werden aufschlussreiche Einblicke in Corinths Motiv- und Themenwahl ermöglicht. Darüber hinaus liefern maltechnische Untersuchungen vertiefende Informationen zum Entstehen seiner Bilder.

Das ZI dankt dem Kunstforum Ostdeutsche Galerie für die Möglichkeit, eine Auswahl aus den zwölf Skizzenbüchern im Rahmen der Onlineausstellung Corinth werden! Der Künstler und die Kunstgeschichte in digitalisierter Form zeigen zu dürfen. Während die Ausstellung im ZI vor allem die Entstehung des öffentlichen Bildes von Corinth sowie die Forschungsgeschichte in den Blick rückt, haben Besuchende so die Möglichkeit, in die bildhafte Ideenwerkstadt des Künstlers einzutauchen.

Mehr auf dem Blog ZI Spotlight im Beitrag: Sebastian Schmidt zu Lovis Corinths Regensburger Skizzenbüchern

Lovis Corinth | Kompositionsstudie: Todesvision | Skizzenbuch X, Blatt 11v/13r | 1911/12 | Bleistift | 21 x 46,6 cm (Doppelblatt) | Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg

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100 ZUM 100. TODESTAG: CORINTH NACH GATTUNGEN

Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Monographien, Werksverzeichnisse und Kataloge die wichtigsten Medien, um sich mit den Werken einer Künstlerin oder eines Künstlers auch jenseits ihrer Präsentation in Museen und Ausstellungen vertraut zu machen. Heute dagegen scheint bereits ein Klick auf die Bildersuche bekannter Suchmaschinen wie Google zu genügen, um eine Fülle von (digitalen) Abbildungen zu erhalten: Das Schlagwort ‚Lovis Corinth‘ führt zu einem bunten Bildermix, der vorwiegend aus Abbildungen von bekannten Gemälden besteht. Die Quellen dieser Images sind Homepages von Museen und Sammlungen, aber auch die Internetpräsenzen von Zeitungen und weiteren Medien, schließlich kommerzielle Internetseiten, auf denen Reproduktionen der Werke verkauft werden.

Einem solchen, ganz wesentlich durch die Algorithmen bestimmten Ergebnis der Bildersuche wird hier eine Sammlung von Gemälden Corinths entgegengesetzt, die eine konzentrierte und exemplarische Auswahl seiner Werke nach Gattungen ordnet. Jeweils zehn Werke sind zehn für den Künstler besonders charakteristischen Bildgattungen zugewiesen, auch wenn manche der Werke in mehr als eine ‚Schublade‘ passen würden. Dabei wird deutlich: Corinth bedient die Erwartungen seines Publikums nach Orientierung in seinen vielgestaltigen Bilderwelten, indem er sich an das akademisch geprägte Gattungsschema der Malerei hält: Historiengemälde mit mythologischen und religiösen Motiven zählen ebenso zu seinem Œuvre wie Porträts, Selbstporträts, Landschaften, Genreszenen und Stillleben. Zugleich aber zeigt vor allem eine chronologische Reihung der Werke, wie Corinth gegen die Normen, die durch die Gattungen vorgegeben wurde, zunehmend rebellierte und ihre Grenzen auslotete.