Direkt zum Inhalt

Eine virtuelle Ausstellung von

ÜBER DIE AUSSTELLUNG

Unter dem Titel „Aus den Archiven. Mysteriös, Ungesehen, Verstaubt: Greifswalds antike Schätze“ präsentieren Studierende des Historischen Instituts vom 10. Juni bis zum 31. Juli 2025 eine außergewöhnliche Sonderausstellung. Gezeigt werden antike Objekte, die bislang im Verborgenen lagerten und der Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich waren. Dafür wurden verschiedenste universitäre und private wissenschaftliche Sammlungen durchforscht - die Gustaf-Dalman- und Victor-Schultze-Sammlungen, die Kustodie der Universität Greifswald sowie die Sammlung vorgeschichtlicher Altertümer.

Die Ausstellung rückt Exponate aus verschiedenen Lebensbereichen der Antike in den Mittelpunkt: Alltag, Totenkult sowie die Rezeptionsgeschichte der Antike. Besucherinnen und Besucher erhalten damit nicht nur einen seltenen Einblick in die materiellen Spuren vergangener Jahrtausende, sondern auch in das universitäre Sammeln und Bewahren, das sich oft abseits der Öffentlichkeit vollzieht.

Die Ausstellung gliedert sich in vier Bereiche:

  1. Palästina und Sammlungen
  2. Alltag in der Antike
  3. Das Grab
  4. Lehre

PALÄSTINA UND SAMMLUNGEN

Historische Objekte aus der Region Palästina bilden einen der vier Schwerpunkte dieser Ausstellung. Dementsprechend soll in den folgenden Abhandlungen die Geschichte und Kultur der Region ausgehend von der späten Bronzezeit bis hin zur byzantinischen Besetzung betrachtet werden:

  • Palästina in der ur- und frühgeschichtlichen Zeit
  • Palästina in der Zeit des Hellenismus (etwa von 330 – 67 v. Chr.)
  • Palästina unter römischer Herrschaft (67 v. Chr. – 330 n. Chr.)
  • Palästina im Byzantinischen Reich

Gustaf Dalman

Gustaf Dalman (1855 – 1941) war ein deutscher Theologe und Palästinaforscher. Nach seinem Studium am Theologischen Seminar der Brüdergemeinde im schlesischen Gnadenfeld verbrachte er einige Zeit als Lehrer und später als Dozent in seinem früheren Seminar. Für sein Buch “Die Worte Jesu” (1898), in dem er argumentierte, dass Aramäisch die Muttersprache Jesu sein müsse, erhielt er ein Stipendium der Albrechtstiftung der Leipziger Universität. Mit diesem Geld unternahm Dalman seine erste Palästinareise. Von 1899 bis 1900 reiste Dalman für 15 Monate nach Syrien und Palästina. Dort teilte er die Lebensweise der Bauern und Beduinen, ihre Kleidung und Haus- bzw. Zelttypen, ihre Art, Brot zu backen, den Acker zu bestellen und Gastfreundschaft zu pflegen. Das Studium an Menschen und Sachen statt an Büchern gefiel Dalman außerordentlich, was sich auch aus vielen von ihm erstellten Bildaufnahmen nachvollziehen lässt. Ohne Zögern folgte er daher dem Ruf, als erster Direktor an das 1902 gegründete Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes in Jerusalem. Bis 1914 hat Dalman dieses Institut aufgebaut und wesentlich geprägt - schon hier legte er den Fokus auf die Alltagswelt der Menschen, was in seinen vielen erhaltenen Bildaufnahmen deutlich wird. 

Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges waren weitere Palästinareisen nicht mehr möglich und so nahm Dalman 1917 eine Professur an der Theologischen Fakultät Greifswald an. Er begann dort, Fundstücke zusammenzutragen, welche für ihn das Palästina seiner Zeit ausmachten. Bereits 1920 gründete er an der Universität ein eigenes Institut für Palästinakunde, welches seine eigene Sammlung sowie spätere Schenkungen und Nachlasse umfasst.

Sowohl Theologen als auch Historiker konzentrieren sich vor allem auf das geschriebene Wort, während bei Archäologen materielle Fundstücke im Mittelpunkt stehen. So verbindet die Sammlung relevante ethnologische, archäologische, geographische, theologische, botanische und mineralogische Fundstücke. Die in Europa heute einmalige Sammlung des Instituts dokumentiert das von Bauern und Hirten geprägte Palästina, wie es Dalman erlebt hat und heute nicht mehr existiert.. Neben einer beeindruckenden Bibliothek enthält die Sammlung viele bedeutende materielle Exponate. Dalman betonte immer wieder, dass es nicht möglich sei, die Bibel richtig zu verstehen, ohne die Geographie, die Flora und Fauna, sowie die Lebensweise der Bewohner zu berücksichtigen. 

Das Gustaf-Dalman-Institut ist noch heute als Traditionsinstitut ein Teil der Theologischen Fakultät der Universität Greifswald. In Greifswald gibt es neben der noch immer bestehenden Sammlung auch eine App, die kostenlos und digital durch die Sammlung führt. Wer keine Zeit hat, sich die Sammlung selbst anzuschauen, kann dies ganz einfach kostenlos und digital mit der „Tin Gustaf“-App tun. 

ALLTAG IN DER ANTIKE

Der Alltag in der Antike war geprägt von einer Vielzahl an Objekten, die nicht nur funktional, sondern auch Ausdruck von Status, Identität und religiösem Leben waren. Kleidung bestand meist aus rechteckigen, kunstvoll drapierten Stoffen wie Peploi oder Chitons, die mit Gürteln zusammengehalten wurden. Je aufwendiger und farbenfroher die Gewänder, desto höher war der gesellschaftliche Rang der Trägerin oder des Trägers. Während die Oberschicht häufig Sandalen trug, gingen viele Menschen barfuß.

Schmuck spielte eine zentrale Rolle im antiken Alltag. Er war nicht nur Zierde, sondern zeigte auch Stand und Zugehörigkeit. Gold galt als das bevorzugte Material der Oberschicht und war ihnen vorbehalten. Für ärmere Bevölkerungsschichten wurden Schmuckstücke aus preiswerteren Materialien wie Glas, Bronze oder vergoldeter Terrakotta gefertigt. Besonders zu religiösen Festen wurde Schmuck gerne getragen, um den eigenen Stand oder die eigene Frömmigkeit zu repräsentieren. Auch Amulette waren verbreitet und wurden als Schutz- und Glücksbringer genutzt.

Körperpflege und Kosmetik waren sowohl für Frauen als auch für Männer von großer Bedeutung. Öffentliche Badehäuser und private Räume dienten der Reinigung und Pflege. Öle und Salben, hergestellt aus Olivenöl, Nüssen oder Blüten, wurden zur Hautpflege verwendet und schützten vor dem trockenen Klima. Exotische Zutaten wie Dufthölzer, die durch den Handel ins Mittelmeergebiet gelangten, kamen ebenfalls zum Einsatz. Auch Milch wurde für die Hautpflege genutzt. Salbungen nach dem Bad waren alltäglich; duftende Öle und Parfüms, oft aufwändig in kleinen Fläschchen aus Glas oder Ton aufbewahrt, waren begehrte Luxusgüter. Make-up wie Bleiweiß oder Kreide für einen hellen Teint, Rouge und dunkle Augenfarben waren Teil der Schönheitsroutine, wobei Männer wie Frauen Wert auf ein gepflegtes Äußeres legten.

Auch Münzen gehörten zum Alltag: Sie waren nicht nur Zahlungsmittel, sondern trugen Bilder von Herrschern, Göttern oder symbolischen Szenen, die politische Botschaften vermittelten oder die Identität einer Stadt betonten. Im Handel, auf dem Markt oder beim Besuch öffentlicher Bäder war Bargeld unverzichtbar. Gleichzeitig dienten Münzen auch als Träger von Propaganda und halfen, das Selbstverständnis einer Gesellschaft zu prägen. In religiösen Kontexten wurden sie als Weihegaben in Tempeln geopfert oder den Toten als Obolus für die Reise ins Jenseits mitgegeben.

Die ausgestellten Objekte geben Einblick in diese facettenreiche Alltagskultur: Sie erzählen von Mode, sozialem Status, Körperpflege, Geldwirtschaft und religiösem Leben im antiken Mittelmeerraum. 

Münzsammlung der Universität Greifswald

Münzen stellen eine ausgezeichnete historische Quelle dar - sie bilden nicht nur die politische Geschichte des Mittelmeerraums ab, sondern bieten auch Einblicke in verschiedene Themen, beispielsweise in die Selbstdarstellung von Herrschenden, wirtschaftliche Entwicklungen oder kulturelle Verflechtungen.

Die Münzen aus der Sammlung der Universität Greifswald stammen aus unterschiedlichen Epochen und Regionen: von der Blütezeit Athens über die Römische Republik bis zum Byzantinischen Reich, von Athen bis nach Arabien.

DAS GRAB

In der Eisenzeit, die in Vorpommern etwa von 800 v. Chr. bis zur Zeitenwende reicht, war der Totenkult von der Praxis der Brandbestattung geprägt. Die Verstorbenen wurden auf einem Scheiterhaufen verbrannt, und die verbliebenen Knochenreste sowie Asche wurden in Urnen gefüllt und in flachen Gräbern beigesetzt. Diese Urnengräber lagen meist in Gräberfeldern, die über längere Zeiträume genutzt wurden. Die Urnen bestanden aus Ton und waren oft schlicht gearbeitet, gelegentlich aber mit eingeritzten Mustern oder einfachen Verzierungen versehen. In einigen Fällen wurden die Gräber mit Steinen markiert oder eingerahmt.

Ein wesentlicher Bestandteil der Bestattung waren die Grabbeigaben, die wichtige Einblicke in das soziale und kulturelle Leben der eisenzeitlichen Bevölkerung geben. Häufig finden sich in den Gräbern Fibeln, Messer, Nadeln, Glasperlen, Gürtelbestandteile und kleine Gefäße. Diese Gegenstände wurden entweder direkt in der Urne oder neben ihr in der Grabgrube niedergelegt. Die Auswahl und Art der Beigaben spiegelten oft das Geschlecht, den sozialen Rang oder die persönliche Rolle der Verstorbenen wider. So finden sich in Männergräbern häufiger Waffen oder Werkzeuge, während in Frauengräbern Schmuckstücke oder Gegenstände des häuslichen Alltags vorherrschen.

Die Grabbeigaben erfüllten vermutlich sowohl praktische als auch symbolische Funktionen. Einerseits könnten sie als Ausstattung für das Jenseits gedacht gewesen sein, andererseits als Ausdruck von Identität, Status oder familiärer Zugehörigkeit. Die Sorgfalt, mit der Urnen und Beigaben in die Erde gelegt wurden, zeigt, dass der Tod nicht als Ende verstanden wurde, sondern als Übergang in eine andere Daseinsform oder ein Leben nach dem Tod.

LEHRE

Antike und Verlust: Die Archäologische Sammlung der Universität Greifswald

Die Auseinandersetzung mit der Antike hat an der Universität Greifswald eine lange Tradition. Besonders die Kunstsammlungen, die später in die Archäologische Sammlung übergingen, spielten dabei eine zentrale Rolle. Über viele Jahrzehnte wurde ein umfangreicher Bestand aufgebaut - darunter auch eine bedeutende Gipsabgusssammlung antiker Skulpturen.

Diese Sammlung war nicht nur ein wichtiges Lehrmittel für Studierende, sondern dokumentierte auch das wissenschaftliche Interesse an der Antike in Greifswald. Doch im Jahr 1956 kam es zur Vernichtung eines Großteils der Sammlung. Die Gründe dafür sind bis heute nicht abschließend geklärt.

Erst 2005 wurden einzelne Fragmente wiederentdeckt: Eine Büste sowie zwei Metopen sind erhalten geblieben, allerdings in stark beschädigtem Zustand. Sie zeugen von einem bedeutenden wissenschaftlichen Erbe - und zugleich von einem empfindlichen Verlust.

Geschichte, Forschung und Ideologie: Die Universität Greifswald 1933 – 1945

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde auch an der Universität Greifswald Geschichte nicht objektiv vermittelt, sondern politisch umgedeutet. Die historischen und archäologischen Wissenschaften dienten zunehmend der nationalsozialistischen Ideologie.

Nationalsozialistische Vorstellung des typischen Familienbilds eines Nordmanns.

Ein Beispiel hierfür ist das Archäologische Institut, dessen Forschungsarbeiten sich in dieser Zeit veränderten. Die Ur- und Frühgeschichte wurde ideologisch aufgeladen: Kulturen wie die der „Nordmänner“ wurden gezielt als Teil einer „arischen“ Vergangenheit dargestellt. Forschungsergebnisse, die nicht in das Weltbild der Nationalsozialisten passten, wurden ignoriert oder unterdrückt.

1936 entstand das Institut für Vererbungswissenschaft, das sich der damals staatlich geförderten Rassenlehre widmete. Zugleich begann die systematische Ausschließung jüdischer Mitarbeiter aus dem akademischen Leben.

Auch das Menschenbild wurde durch die Ideologie bestimmt. Die nationalsozialistische Idealvorstellung von Familie – Vater, Mutter, Kind, alle blond und blauäugig – fand Eingang in Forschung, Lehre und Darstellung. Dieses Bild spiegelte das propagierte Rollenverständnis der Geschlechter und die „rassische Reinheit“ wider.

Im Zweiten Weltkrieg passte sich die Universität weiter an: Lehrinhalte wurden auf die Bedürfnisse der Kriegswirtschaft zugeschnitten. Die Ausbildung diente zunehmend dem Ziel, den Krieg wissenschaftlich und technisch zu unterstützen.

Die Jahre 1933 bis 1945 markierten eine Phase, in der die Universität Greifswald - wie viele wissenschaftliche Einrichtungen im Deutschen Reich - stark unter dem Einfluss der politischen Verhältnisse stand. Forschung und Lehre wurden an die Ziele und Vorstellungen des NS-Regimes angepasst. Diese Entwicklungen zeigen, wie sehr Wissenschaft in bestimmten historischen Kontexten durch äußere Ideologien geprägt und gesteuert werden kann.

Historische Fotosammlungen

Sowohl die Gustaf-Dalman-Sammlung als auch die Kustodie der Universität Greifswald bewahren historische Karten und Fotografien auf, die im Zusammenhang mit archäologischen Expeditionen, Grabungskampagnen und Feldbegehungen entstanden sind.  Im Rahmen dieser Ausstellung werden Aufnahmen und Kartenmaterialien präsentiert, die sich mit den Grabungen in Troja im Nordwesten der heutigen Türkei befassen. Sie geben Einblicke in die damalige Forschung und zeigen, wie archäologische Grabungen fotografisch dokumentiert wurden.

Objektschutz im Museum: Präventive Konservierung

Das Ziel moderner Museumsarbeit ist nicht nur das Ausstellen, sondern vor allem das Bewahren. Die präventive Konservierung verfolgt das Ziel, Schäden an Sammlungsobjekten durch geeignete Umgebung und sorgfältige Handhabung zu vermeiden. Sie ist eine der vier Grundaufgaben jedes Museums: Sammeln, Bewahren, Erforschen und Vermitteln.

Präventive Maßnahmen betreffen unter anderem:

  • Klima (Temperatur, Luftfeuchtigkeit)
  • Licht und Strahlung
  • Biologischen Befall (Schädlinge, Mikroorganismen)
  • Schadstoffe, Wasser, Feuer, physikalische Kräfte
  • Dissoziation: Verlust von Objektinformationen durch mangelhafte Dokumentation

Diese sogenannten „10 Schadensfaktoren“ wurden vom Canadian Conservation Institute zusammengefasst und bilden eine internationale Grundlage für Schutzmaßnahmen.

Ein wirkungsvoller Schutz basiert auf dem 4-Stufen-Modell:

  • Avoid – Vermeiden von Risiken
  • Block – Barrieren schaffen
  • Detect – Schäden frühzeitig erkennen
  • React – schnell und kontrolliert reagieren

Zudem sind materialgerechte Lagerung, eine eindeutige Inventarnummerierung und eine gute Dokumentation entscheidend. Maßnahmen wie regelmäßige Reinigung, Quarantäne für Neuzugänge oder das Vermeiden von Lebensmitteln im Depot gehören zum Alltag der präventiven Konservierung.