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Die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen in Karikaturen ab 1871

Eine virtuelle Ausstellung von

"Die Zukunft unserer beiden Länder, der Grundstein, auf dem die Einheit Europas gebaut werden kann und muss, und der höchste Trumpf für die Freiheit der Welt bleiben die gegenseitige Achtung, das Vertrauen und die Freundschaft zwischen dem französischen und dem deutschen Volk."

Quelle: De Gaulle, Charles: Rede an die deutsche Jugend, in: Deutsch-Französisches Institut (Hrsg.): Über die Freundschaft hinaus… Deutsch-französische Beziehungen ohne Illusionen, Stuttgart, 1988, S. 64-66.

01
1871 - 1945 Die drei Kriege

Deutschland und Frankreich haben zwischen 1870 - 1945 drei Kriege gegeneinander geführt. Sowohl der Friede von Frankfurt (geschlossen 1871 zwischen der III. Französischen Republik und dem Deutschen Reich) als auch der Friedensvertrag von Versailles (geschlossen 1919 zwischen Frankreich und seinen Verbündeten und dem Deutschen Reich) waren mit hohen Auflagen für den jeweiligen Verlierer des Konflikts verbunden, was negative Auswirkungen auf die Beziehungen zueinander und die Sichtweise aufeinander hatte. Dennoch wurden auch in diesen von Spannungen geprägten Jahrzehnten Stimmen laut, die eine Normalisierung der Beziehungen und eine engere Zusammenarbeit beider Länder forderten.

02
1945 - 1963 Die Versöhnung im Zeichen des europäischen Einigungsprozesses

Nach der bedingungslosen deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 wurden die Teile des ehemaligen deutschen Reichs, die nicht einem der Nachbarländer zufielen, in eine sowjetische, eine französische, eine britische und eine US-amerikanische Besatzungszonen aufgeteilt. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im April 1949 und der Deutschen Demokratischen Republik im Oktober 1949 wurde die deutsche Teilung in zwei Staaten besiegelt. Mit dem Abschluss der Pariser Verträge im Mai 1955 erhielt die Bundesrepublik ihre volle Souveränität und wurde durch die Aufnahme in das Verteidigungsbündnis NATO in die Gemeinschaft der Westmächte integriert. Parallel dazu schritt der Aufbau der Bundesrepublik schnell voran und der Schuman-Plan mit der Gründung der Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS) 1951 verwirklicht.

Zwei Fragen, die in dieser Zeit die deutsch-französischen Beziehungen bestimmten, waren die nach dem Status des Saarlandes, von 1947 – 1956 ein französisches Protektorat, und die nach dem Aufbau einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG), der die Bundesrepublik angehören sollte. Die erste wurde durch ein Referendum im Saarland im Jahr 1955 beantwortet, bei dem sich die Bevölkerung gegen einen europäischen Status und für eine Eingliederung in die Bundesrepublik aussprach. Die zweite durch die Nicht-Ratifizierung des Vertrags zur Gründung der EVG, die am Widerstand innerhalb des Landes gegen eine deutsche Wiederbewaffnung Anfang der 1950er-Jahre scheiterte.

Trotzdem näherten sich beide Länder schon in dieser Zeit über den europäischen Einigungsprozess langsam aneinander an, ein französisches Dekret im Mai 1951 legte fest, dass deutsche Staatsangehörige nicht mehr als „Feinde“ gelten sollten. Auf der Konferenz von Messina im Juni 1955 bekräftigten die sechs EGKS-Staaten ihre Absicht, die europäische Einheit zunächst über die Wirtschaft und gemeinsame Institutionen voranzutreiben, was zur Unterzeichnung der Römischen Verträge am 25. März 1957 und zur Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) führte.

Der Weg zur Aussöhnung (1945-1961)

Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begannen deutsche und französische Bürgerinnen und Bürger damit, die Schrecken der Kriegszeit zu überwinden. Bereits in den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren wurden auf der zivilgesellschaftlichen Ebene erste Kontakte zwischen beiden Ländern geknüpft. Diese führten zu wechselseitigen Begegnungen sowie der Gründung von Einrichtungen, wie etwa des Deutsch-Französischen Institutss (dfi), die die deutsch-französische Aussöhnung zum Ziel hatten.

Als exemplarisches Beispiel gilt die deutsch-französische Bürgermeisterkonferenz. 1948, nur drei Jahre nach Kriegsende, trafen sich deutsche und französische Bürgermeister nahe dem Mont-Pèlerin am Genfer See. Ziel dieses Treffens war es, einen Neubeginn in den bilateralen Beziehungen einzuleiten. Die Konferenz wurde 1949 in Bürgenstock und 1950 in Stuttgart fortgesetzt. Das dritte Treffen markierte eine besonders wichtige Etappe, da es erstmals auf deutschem Boden stattfand.

Auf dieser Konferenz äußerte der Bürgermeister der französischen Stadt Montbéliard, Lucien Tharradin, den Wunsch nach einer offiziellen Städtepartnerschaft. Wenige Monate später wurde die erste deutsch-französische Städtepartnerschaft geschlossen. 2025 feierte die Partnerschaft Ludwigsburg-Montbéliard ihr 75-jähriges Jubiläum. Diese zivilgesellschaftlichen Initiativen zeigen, dass sich Deutsche und Franzosen bereits vor dem Élysée-Vertrag von 1963 um eine Annäherung bemühten und so den Grundstein für die spätere institutionalisierte Zusammenarbeit legten.

Verlobungszeit (1961-1963)

Ab 1958 bestimmte Charles de Gaulle als Präsident der neu gegründeten V. Republik wieder das politische Geschehen in Frankreich und leitete gemeinsam mit Bundeskanzler Konrad Adenauer eine neue Ära in den Beziehungen der beiden Nachbarländer ein. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges setzten sich beide Politiker intensiv für den Aufbau Europas unter deutsch-französischer Führung ein, was sich insbesondere in den Fouchet-Plänen von 1961/62 und den wechselseitigen Staatsbesuchen Sommer 1962 manifestierte.

Die von dem französischen Diplomaten Christian Fouchet erarbeiteten Pläne zielten auf die Schaffung einer europäischen Politischen Union ab, die neben der wirtschaftlichen Integration auch eine enge außen- und sicherheitspolitische Zusammenarbeit vorsah. Das Projekt wurde vor allem von den Benelux-Staaten abgelehnt, da sie eine Schwächung der supranationalen Institutionen der Europäischen Gemeinschaft fürchteten und zu starke bilaterale Dominanz von Paris und Bonn vermeiden wollten. Letztlich scheiterten die Fouchet-Pläne an diesen Widerständen, doch sie bereiteten den Weg für den Élysée-Vertrag von 1963, der die deutsch-französische Zusammenarbeit dauerhaft institutionalisierte.

03
1963 - 1983 Im Ehealltag

Zwischen 1963 und 1974 durchliefen die deutsch-französischen Beziehungen Phasen der Entfremdung und der Wiederannäherung. Während sich die deutsch-französische Aussöhnung dank zahlreicher neuer Städtepartnerschaften oder der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) auf der zivilgesellschaftlichen Ebene kontinuierlich verbesserten, schien das deutsch-französische Paar auf politischer Ebene nach dem Rückzug Konrad Adenauers seinen Schwung zu verlieren. Die Weigerung Frankreichs, Großbritannien in die Europäische Gemeinschaft aufzunehmen, und sein Rückzug aus der militärischen Integration der NATO 1966 stehen für Unstimmigkeiten in diesen Jahren. Doch dank des Willens, die wirtschaftlichen und politischen Divergenzen zu überwinden, sowie der im Elysée-Vertrag für die höchste Ebene vorgesehenen Austauschmaßnahmen konnten doch immer Lösungen gefunden werden. 1972 akzeptierte Frankreich beispielsweise unter der Präsidentschaft von Georges Pompidou (Präsident von 1969 – 1974) den Beitritt Großbritanniens zur EWG und die Gründung des Europäischer Wechselkursverbunds.

Im Zeitraum 1974-1983 symbolisierten in der Karikatur v.a. das Duo Helmut Schmidt und Valéry Giscard d'Estaing die deutsch-französischen Beziehungen. Trotz fortbestehenden Meinungsverschiedenheiten in wirtschaftlichen und politischen Fragen wurde das gemeinsame Vorgehen in diesen Jahren vom Wunsch nach Versöhnung, wirtschaftlichem Pragmatismus und dem Willen, die europäische Integration zu stärken geprägt.

04
1984 - 2000 Eine wackelige Beziehung

Von 1984 bis 2000 durchliefen die deutsch-französischen Beziehungen einen tiefgreifenden Wandel. Eingeleitet wird dieser Wandel durch das gemeinsame Gedenken an die Toten beider Weltkriege in Verdun 1984, bei dem François Mitterrand und Helmut Kohl (Bundeskanzler von 1982 bis 1998) während der Nationalhymnen minutenlang Hand in Hand nebeneinanderstehen und so die Verbundenheit beider Völker demonstrieren. In den folgenden Jahren entwickeln sich die Beziehungen zu einer echten strategischen Allianz, die Gründung der Deutsch-Französischen Brigade 1989 ist eines ihrer Ergebnisse. In den 1980er Jahre wurden auch wichtige europäische Projekte, die von beiden Ländern initiiert, wie z.B. Erasmus, EUREKA, der deutsch-französische Fernsehsender ARTE oder die gemeinsame Währung.

Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts engagierten sich beide Länder in den 1990er Jahren für einen weiteren Ausbau der europäischen Integration und waren dafür bereit, einige ihrer Machtinstrumente zu opfern: Deutschland die D-Mark, Frankreich die taktischen Atomwaffen. Die guten Beziehungen zwischen den „Führungstandems“ Mitterrand und Kohl oder Jacques Chirac (Präsident von 1995 bis 2007) und Gerhard Schröder (Kanzler von 1998 bis 2005) trugen in dieser Zeit dazu bei, Probleme beim Ausbau der Zusammenarbeit in Europa, deren Motor beide Länder zu dieser Zeit waren, auszuräumen.

05
2000 - 2017 Die Rückkehr der Krisen

In den Jahren 2000 bis 2017 gerieten die deutsch-französischen Beziehungen wegen Differenzen in der Europapolitik immer wieder in Schwierigkeiten, andererseits wurden in dieser Zeit aber auch dank der Zusammenarbeit beider Länder bedeutende Fortschritte auf europäischer Ebene erzielt: U.a. wurde der Euro eingeführt und die europäische Integration durch den Vertrag von Lissabon vertieft.

Die gemeinsame Weigerung von Gerhard Schröder und Jacques Chirac, die USA im Jahr 2003 im Irakkrieg zu unterstützen, stärkte die strategische Partnerschaft Deutschlands und Frankreichs. Beim Amtsantritt von Angela Merkel (Bundeskanzlerin von 2005 – 2021) im Jahr 2005 wurden Stimmen laut, die fürchteten, dass sie wegen ihrer ostdeutschen Herkunft kein Gespür für die deutsch-französische Sonderbeziehung entwickeln könne. Doch Angela Merkel gelang es dank ihres Pragmatismus gegenüber den Charmeoffensiven des erfahrenen Politikers Jacques Chirac und den Initiativen des ambitionierten Nicolas Sarkozy (Präsident von 2007 – 2012) diese Zweifel zu entkräften und sich als starke Führungspersönlichkeit im deutsch-französischen Tandem zu etablieren. Anfang der 2000er-Jahre wurde das Programm der Deutsch-Französische Hochschule ausgebaut, und die Rolle des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) und des gemeinsamen Fernsehsenders ARTE als Akteure der bilateralen Zusammenarbeit weiter gestärkt. Trotz aller Krisen und Stolpersteine blieb das deutsch-französische Paar ein zentraler Pfeiler und Orientierungspunkt für die europäische Integration.

Die wohl größte Herausforderung, die Europa nach der Jahrtausendwende bewältigen musste, war die griechische Schuldenkrise, die als Folge der US-Finanzkrise entstand. Sie stellte einen Höhepunkt der deutsch-französischen Kooperation dar – sowohl während der Amtszeit von Nicolas Sarkozy (2007-2012) als auch unter dessen Nachfolger François Hollande (2012-2017). Während seiner Präsidentschaft waren Frankreich und Deutschland mit weiteren innereuropäischen Problemen, wie der britischen Entscheidung für einen Austritt aus der EU oder den zunehmenden Spannungen zwischen Russland und der Ukraine, konfrontiert. Auch wenn Angela Merkel und François Hollande unterschiedlichen politischen Lagern entstammten, bemühten auch sie sich, gemeinsam Lösungen für Europa zu finden.

06
Seit 2017 Ein zerbrechliches Paar

Der Zufall will es, dass 2017 sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ein Wahljahr ist. In Frankreich wird mit Emmanuel Macron ein Newcomer zum Präsidenten gewählt, der sich im Wahlkampf vehement für eine Fortführung der europäischen Integration ausgesprochen und zugleich erklärt hat, weder rechts noch links zu sein. Auf der anderen Seite des Rheins gewinnt ein weiteres Mal die CDU/CSU die Wahl und sichert so Angela Merkel eine vierte Amtszeit als Bundeskanzlerin. Die anschließenden Koalitionsverhandlungen zogen sich diesmal über sechs Monate hin, Monate, in denen die deutsche Regierung nur eingeschränkt handlungsfähig war.

Am 26. September 2017, wenige Tage nach der Bundestagswahl, hielt Emmanuel Macron an der Pariser Universität Sorbonne eine Rede, in der er seine Vision von Europa darlegte und dazu aufrief, den deutsch-französischen Motor wiederzubeleben, und gemeinsam nach neuen Wegen zu suchen, auch wenn man sicher in vielen Punkten nicht einer Meinung sei. Eine Antwort aus Deutschland, blieb auch wegen der dort unklaren politischen Lage, aber lange aus. 

Nach der Amtseinführung der neuen Bundesregierung im März 2018 gelang es jedoch beiden Ländern, ihre Zusammenarbeit wieder zu beleben und mit dem Abschluss des Vertrags von Aachen am 22. Januar 2019 noch einmal ein starkes Zeichen für ihre Freundschaft zu setzen. Entschieden wurden u.a. die Gründung einer deutsch-französischen parlamentarische Versammlung, die Förderung von Eurodistrikten sowie die Unterstützung zivilgesellschaftlicher Initiativen durch den Deutsch-Französischen Bürgerfonds.

Die Ungleichzeitigkeit des Momentums, in der eine der beiden Seiten bereit war, großangelegte gemeinsame Initiativen für eine Fortführung der europäischen Integration zu starten, prägt die Beziehung beider Länder aber seit 2017. Angesichts der sich häufenden europäischen und globalen Krisen - COVID-19-Pandemie, Rückkehr des Krieges auf europäischem Boden oder zunehmender Nationalismus - fällt es ihnen immer schwerer, zu den großen unserer Fragen unserer Zeit mit einer Stimme zu sprechen. Dies wird von einigen boshaften Karikaturisten sehr gut ins Bild gesetzt.

07
Und jetzt?

Mit dem Bild der eher verhaltenen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des Élysée-Vertrags endet diese virtuelle Ausstellung zur Geschichte und Entwicklung der deutsch-französischen Beziehungen. Diese nüchtern wirkende Darstellung darf jedoch nicht als Zeichen des Scheiterns gewertet werden. Schon seit 1973 kursiert der Topos vom „goldenen Zeitalter“ der deutsch-französischen Partnerschaft – eine idealisierte Phase, die als Maßstab für heutige Erwartungen dient.

In Wahrheit – und genau das möchte diese Ausstellung sichtbar machen – verlaufen die deutsch-französischen Beziehungen in Wellen: Zeiten der Annäherung und engen Zusammenarbeit wechseln sich ab mit Phasen der Zurückhaltung oder auch Konflikten. So folgte auf die gemeinsame deutsch-französische Ablehnung des Irakkriegs das Scheitern der Europäischen Verfassung. Auch in den frühen 2020er Jahren war das Verhältnis der beiden Länder vielfach von Spannungen geprägt. Doch zum Zeitpunkt des Abschlusses dieser Ausstellung mehren sich die Signale für eine neue Dynamik: Auf beiden Seiten des Rheins gibt es Stimmen, die die Bedeutung der deutsch-französischen Zusammenarbeit für Europa erneut betonen – darunter auch von Präsident Emmanuel Macron und der seit Mai 2025 amtierende Bundeskanzler Friedrich Merz, die beide zu einem entschlosseneren gemeinsamen Handeln aufrufen.

Mit diesen Hoffnungsschimmern endet unsere Reise durch 150 Jahre deutsch-französischer Geschichte. Wie sich diese Beziehung weiterentwickelt, lässt sich nicht vorhersagen. Sicher ist jedoch: Sie wird weiterhin aufmerksam begleitet – von der Presse, der Öffentlichkeit und nicht zuletzt von den Karikaturistinnen und Karikaturisten, die mit wenigen, pointierten Strichen oft mehr sagen als andere mit vielen Worten.