Deutsch-Marokkanische Lebenswege
Geschichten über das Suchen, Ankommen und Engagieren
Eine virtuelle Ausstellung von
Einleitung
"Deutsch-Marokkanische Lebenswege - Geschichten über das Suchen, Ankommen und Engagieren“ ist ein Sammelwerk, dass die deutsch-marokkanische Community in Deutschland in ihrer Vielfalt abbilden möchte. 32 Deutsche mit einem marokkanischen Migrationshintergrund kommen zu Wort. Dabei geht es um Migrant*innen der ersten Generation, die den mutigen Schritt wagten, aus ihrem Heimatland Marokko nach Deutschland zu ziehen um sich ein gänzlich neues Leben aufzubauen; bis hin zur zweiten Generation, die zwischen zwei Kulturen in Deutschland aufwuchs und ihre Identität selbst zu suchen hatte.
Mit der Hoffnung, gesellschaftliche Vorurteile abzubauen, sollen diese Geschichten auch Mut zusprechen, den eigenen Weg zur Entfaltung eigener Persönlichkeit und Fähigkeiten zu finden, mit oder ohne Migrationshintergrund. Erst als E-Book veröffentlicht und als gedrucktes Buch in Deutschland verteilt, wird das Projekt nun auch als Online-Ausstellung aufbereitet.
01
Von Marokko nach Deutschland
02
Erste Generation
Zineb Daoudi
„Ich will euch nicht als Sklavinnen sehen ...“, sagte Zineb Daoudis Vater. Aus seinen Erzählungen erfuhr sie, dass deutsche Frauen gebildet und emanzipiert waren, Autos fuhren und Flugzeuge steuerten. Deutsche Frauen wurden zu ihrem Vorbild. Deshalb ist sie 1972 nach Deutschland ausgewandert, um von ihnen zu lernen. In Deutschland angekommen, traf sie auf Fabrikarbeiterinnen und lernte statt Emanzipation den modernen Wahnsinn kennen: Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Schicht- und Akkordarbeit, Brutto- und Netto-Einkommen. Sie rebellierte und widmete sich seitdem sozialen Fragen.
03
Bildungsmigrant*innen
Jean-Joseph Lévy
Dr. med. Jean Joseph Lévy war marokkanischer Staatsbürger jüdischer Herkunft und arbeitete als Dermatologe in Berlin. Sein 2011 verstorbener Vater, Professor Simon Lévy, ist der Gründer des einzigen Museums jüdischer Geschichte in der arabischen Welt, in Casablanca. Herr Dr. Lévy ist eine Stimme für das Zusammenleben zwischen Juden und Muslimen.
Nachruf
Jean Lévy hat stets eine starke Verbundenheit mit seiner Heimat bewahrt. Er engagierte sich energisch für die Aktivitäten des AAMJM, (Association des Amis du Musée du Judaïsme Marocain), wo er seit der Gründung des Vereins wichtige Aufgaben übernahm. So trug er aktiv zur Restaurierung der Slat Al Fassiyin-Synagoge bei, die 2013 eingeweiht wurde. Jean lag es am Herzen, das kulturelle Erbe der marokkanischen Juden zu bewahren und vor allem dafür zu sorgen, dass die jüngeren Generationen des Landes den Platz der jüdischen Gemeinschaft in der nationalen Geschichte kennenlernen konnten.
Dank des Internets verfolgte Jean regelmäßig die aktuellen Ereignisse in Marokko. Täglich hielt er sich durch das Lesen von Nachrichtenseiten über das politische, soziale und kulturelle Leben in Marokko auf dem Laufenden. Seine Aufenthalte in Marokko gaben ihm die Gelegenheit, an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurückzukehren. Er liebte es, durch die Straßen der Altstadt von Casablanca zu schlendern, dabei immer wieder bestimmte Viertel und Gebäude neu zu entdecken und sich auf Darija mit einem Händler oder einem alten Bekannten auszutauschen...
04
Zweite Generation
Nariman Hammouti-Reinke
Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern in Gehrden bei Hannover geboren. 2005 startete sie zunächst ihre Feldwebellaufbahn bei der Bundeswehr. Mitte 2016 wechselte sie zur Offiziersausbildung des militärfachlichen Dienstes und ist jetzt Leutnant zur See. Als parteiloses Mitglied in der „Kommission für Migration und Teilhabe des Niedersächsischen Landtags“ engagiert sie sich aktiv für eine moderne Integrationspolitik in Deutschland.
Ausschnitt aus dem Buch „Ich diene Deutschland. Ein Plädoyer für die Bundeswehr – und warum sie sich ändern muss“ von Nariman Hammouti-Reinke.
05
Vereinsarbeit
Mohamed Bouziani
Mohamed Bouziani ist Vereinsvorsitzender des Islamisch-Marokkanischen Kulturzentrums mit Sitz in der Arrahman Moschee in Hilden. Aus einem Verein von Gastarbeitern, die sich in einer Baracke zum Karten spielen trafen, entwickelte sich ein Kulturzentrum, das inzwischen unter anderem interkulturelle Veranstaltungen und Predigten für alle bietet.
Die Arrahman Moschee Hilden hat auch einen eigenen Web-Auftritt. Hier gibt es alle Infos über den Verein und rund um die Moschee, einen Blog und Ankündigungen zu Veranstaltungen.
06
Kulturschaffende
Hayat Chaoui
Hayat Chaoui studierte zuerst Sprachen, bevor sie nach dem Examen ein Gesangsstudium in Köln aufnahm. Sie initiierte u.a. das Singangebot KIWI – Kinder- und Wiegenlieder aus aller Welt und leitet den internationalen Frauenchor WoW – Women of Wuppertal, den der Deutsche Kulturrat 2018 für den Nationalen Integrationspreis der Bundeskanzlerin nominierte. 2019 hat sie ihre Tätigkeit als Bildungsreferentin aufgenommen.
07
Sport
Rachid Azzouzi
Rachid Azzouzi ist ein ehemaliger marokkanischer Fußballspieler und derzeitiger Fußballfunktionär. Seine Fußballkarriere führte ihn über Alemannia Mariadorf, den 1. FC Köln, MSV Duisburg und Fortuna Köln hin zur SpVgg Greuther Fürth. Azzouzi hat über 300 Ligaspiele bestritten, in dieser Zeit spielte er auch für die marokkanische Nationalmannschaft.
Auch wenn er nicht mehr selbst spielt, ist Azzouzi noch immer erfolgreich im Fußball aktiv: Diese Saison 21/22 ist sein Verein SpVgg Greuther Fürth zum zweiten Mal in die 1. Bundesliga aufgestiegen.
08
Literatur/Poesie
Idriss Al-Jay
Idriss Al-Jay, in Fès geboren, ist durch seinen Vater schon als Kind mit traditioneller Dichtung und Musik in Berührung gekommen. Je älter er wurde, umso mehr Interesse entwickelte er dafür. Ihm ist es wichtig, die mündliche Erzählung im traditionellen marokkanischen Stil zu überliefern, so wie er es von berühmten Meistern der Erzählung vor der Stadtmauer in Fès oder auf dem Platz Djemaa el Fna in Marrakesch erlebt hat.
Die Kunst als Brücke zwischen den Kulturen
Mir ist zu Ohren gekommen, oh ihr glücklichen, weisen Leser. Möge euch ein langes Leben beschert sein. Eines Tages, als der Tag erwachte und die Sonne lachte, machte sich ein Theatermann aus der Stadt Fès mit einem fliegenden Teppich aus Stahl und Metall auf den Weg in die Ferne. Er wurde von einem Künstler aus seiner Stadt eingeladen, um neue künstlerische Perspektiven zu entdecken und seinen kulturellen Horizont zu erweitern. Er kehrte dem Sonnenaufgang den Rücken und wendete sein Antlitz Richtung Sonnenuntergang, bis er die Stadt im Abendland, Hannover, 1991, erreichte. Es war eine gewaltige Wendung in seiner künstlerischen Vorstellung, wie auch in seinem allgemeinen Leben. Jetzt erst begriff er, dass er sich im Land der großen Dichter, Denker und Künstler befand. Nietzsche, Hegel, Marx, Goethe, Schiller, Brecht, Zuckmayer, Fassbinder, Wim Wenders ... der, der ihre Werke schon in seiner Geburtsstadt gelesen und gesehen hatte.
Die Faszination von den Werken dieser Genies war schon in seiner Heimat groß und doch vergingen einige Jahre, bis er deren Werke in deren Muttersprache lesen konnte. Mit der Zeit und den Fortschritten in der Sprache des neuen Landes, wurde er immer gieriger und durstiger nach mehr Wissen. Er verschlang alles, was er über die alte und neue Heimat und vor allem über seine Geburtsstadt Fès lesen konnte. Durch das Lesen erwachten in ihm Erinnerungen aus der Vergangenheit und Kindheit und so stellten sich viele Fragen in Verbindung mit seinem neuen Leben in der neuen Heimat: „ Wohin mit all diesen Gefühlen, der Sehnsucht, dem Heimweh und der Nostalgie?“ Nach vielen Bemühungen begann er langsam, seine Theateraktivitäten, in der Sprache der neuen Heimat, fortzusetzen und auf der Suche nach einem neuen Horizont, schloss er sich unterschiedlichen Theaterkarawanen an und reiste mit ihnen durch Täler, Flüsse und Berge, segelte auf den Meeren der Bühnen des Landes; von Nord nach Süd und von Ost bis West. Es war ein schönes Gefühl, wieder in seinem Fach, im eigenen künstlerischen Element zu sein.
Es ist schön, Stücke der anderen zu spielen oder zu inszenieren, aber was ist mit seiner eigenen Kultur? Wie kann er diese den anderen Menschen in diesem Land vermitteln und verständlich darstellen? Er fühlte sich gegenüber seiner alten Heimat verpflichtet, deren Kultur, Sitten, Gebräuche und Denkart den Menschen in der neuen Heimat nahezubringen, wie auch die Kultur dieses Landes seinen Landsleuten zu erklären. Nach langem Suchen und Überlegen, fand er die Antwort in dem vielfältigen Garten der Erzählung. Das harmonierte mit seiner Person, denn er stammt selbst aus einer Familie, die die mündliche Kultur der Erzählung pflegt. Und so konnte er, durch Geschichten und Märchen inspiriert, von seiner ursprünglichen Kultur und auch von den Übersetzungen beider Sprachen, eine Brücke zwischen der Kultur des Morgen- und Abendlandes schlagen. Jetzt hat mich die Morgendämmerung erreicht, ich werde schweigen – aber nicht für immer, nur bis zum nächsten Abend, zur nächsten Geschichte.
09
Nachwort
Das Buch "Deutsch-Marokkanische Lebenswege" wurde als E-Book im Internet veröffentlicht, auch wurden etwa 250 Exemplare gedruckt und an die Autor*innen, Unterstützer*innen, Marokkanische Vereine in Deutschland, an diverse Multiplikator*innen aus Politik und Gesellschaft und an Bibliotheken verschickt, um die Botschaft des Werks zu verbreiten.
Außerdem fanden eine Reihe von Online-Veranstaltungen im Rahmen des Projekts statt: Von Online-Singen marokkanischer Kinderlieder, über Gesprächsabende zur Integration oder dem Finden der eigenen Stimme, bis hin zu Schreibworkshops: Die Mitautor*innen des Buchs brachten sich ein, es kamen stets interessierte Gäste dazu und lernten so die deutsch-marokkanische Kultur besser kennen.
Beiträge wie dieses Buch sind unfassbar wichtig, um aufzuzeigen, wie divers unsere Gesellschaft ist und dass man niemanden in Schubladen stecken kann. Natürlich wird es noch lange dauern, bis wir in der deutschen Gesellschaft alle Vorurteile und Vorbehalte über die Kulturen, die hier zusammenkommen, abgelegt haben. Doch Projekte wie diese sind wichtige Schritte in die richtige Richtung für eine diverse Gesellschaft.