Donaugeschichten
Leben an der Donau in historischen Fotografien
Eine virtuelle Ausstellung von
Die langen Ufer der Donau können als Symbol der kulturellen Vielfalt gelten. Entlang des Stroms lebte schon immer eine Vielzahl von Völkern und Volksgruppen, es wurden unterschiedliche Sprachen gesprochen, unterschiedliche Religionen ausgeübt. Im 18. Jahrhundert wanderten deutsche Aussiedler den Fluss abwärts und besiedelten die Pannonische Tiefebene, später auch Gebiete in Rumänien und Jugoslawien. Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten ihre Nachfahren, die Donauschwaben, in Nachbarschaft mit anderen Nationalitäten teils in unmittelbarer Nähe der Donau, teils weiter entfernt. Der Fluss spielte in ihrem Leben nicht nur eine historische Rolle, sondern begleitete sie durch den Alltag und wurde vielfach zur Lebensgrundlage.
Die ausgestellten historischen Fotografien zeigen die Donau als wirtschaftliche Ressource, als Ort des alltäglichen Arbeitens sowie als Voraussetzung und Hindernis von Mobilität. Dabei stellt sich stets die Frage nach Authentizität und Inszenierung volkskundlicher Fotografie.
Bei den Aufnahmen handelt es sich um Bild-Dokumente aus dem Archiv des Instituts für Volkskunde der Deutschen des östlichen Europa (IVDE), Freiburg.
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Die Donau - ein fotogener Fluss?
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Die Donau als Lebensgrundlage
Die Pannonische Tiefebene entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zur „Kornkammer der Donaumonarchie“. Die fruchtbaren Donauufer boten eine ideale Grundlage für die Landwirtschaft. Außerdem brachten die deutschsprachigen „Kolonisten“ die nötige Erfahrung und erprobte Kenntnisse moderner Methoden des Landbaus mit. Das geerntete Korn wurde häufig in Schiffsmühlen gemahlen, die als schwimmende Wassermühlen zahlreich auf der Donau vertreten waren und die Kraft des Flusses nutzten. Neben Getreide wurden hier auch Tabak und Gewürze, wie etwa Paprika, gemahlen.
Der Fluss und sein Delta mit den vielen Seen sind trotz den vorgenommenen Hochwasserschutz- und Regulierungsarbeiten noch heute ein Naturparadies mit reichem Fischbestand. Neben Wildkarpfen, Zander, Donauheringen, Schleien, Hechten und Welsen lebt hier auch der größte Süßwasserfisch Europas, der Hausen. Er kann bis zu 100 Jahre alt werden, eine Länge von sechs Metern und ein Gewicht von über einer Tonne erreichen.
Jede Fischergemeinde entlang der Donau verfügte früher über einen eigenen Fischmarkt, den „Fišplac“, auf dem die Frauen der Fischer täglich die fangfrische Ware verkauften. Die Fischer der Donau und der größeren Teiche lebten meist auf Einzelhöfen in den Hochwassergebieten. Sie arbeiteten in Gruppen und schlossen sich Fischerzünften, Vereinen und Genossenschaften an.
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Die Donau als Transportweg
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Die Donau trennt und verbindet
Das „Eiserne Tor“ galt lange als der gefährlichste Flussabschnitt der Donau. Das Durchbruchstal bildet die Grenze zwischen Serbien und Rumänien – auf der einen Seite liegen die Serbischen Karpaten, auf der anderen die Banater Gebirge. Der einzige Wasserzugang zum Schwarzen Meer findet sich dahinter. Weil die Strömung zwischen den steilen Felsen zu stark und zu unberechenbar war, konnte die Schlucht, die lange als Grenze zwischen Okzident und Orient aufgefasst wurde, nicht ohne ortskundige Lotsen passiert werden. Erst die zunächst von den Habsburgern initiierten Regulierungsarbeiten im 19. Jahrhundert und dann später in den 1970er-Jahren der Bau der Wasserkraftwerke und Stauanlagen zähmten die wilden Gewässer.
Die König-Karl-I.-Brücke, die jetzige Anghel-Saligny-Brücke, überquert die Donau bei Cernavodă in Rumänien. Die heute stillgelegte Eisenbahnbrücke galt zu ihrer Fertigstellung im Jahre 1895 mit ihren 4.087,95 Metern Länge als die längste Brücke Europas.
Mehr als 130 Verkehrsbrücken überqueren heute die Donau von der Quelle bis zur Mündung. Daneben existieren unzählige Fußgängerbrücken und Stege. Je näher die Donau ihrer Mündung kommt, desto weniger Brücken gibt es.
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Die Fotografen: Forscher, Sammler, Reisende und...
Welche „Donaugeschichten“ erzählt die Ausstellung?
Die in der Ausstellung präsentierten Aufnahmen stammen aus den Nachlässen von Rudolf Hartmann (1902–2001) und Otto Klett (1910–1976). Sie haben eine jeweils spezifische Entstehungs- und Überlieferungsgeschichte, die wesentlichen Einfluss darauf hat, was diese Bilder über ihre Motive hinaus den heutigen Betrachtenden zu „erzählen“ vermögen.
Unsere Bestände hätten noch viele weitere Donaugeschichten erzählen können. Wir haben eine Auswahl getroffen.
Manche Donaugeschichten fehlen hier, weil sie von unseren Nachlassgeber:innen nicht gesammelt wurden – so etwa die Donaugeschichten der jüdischen Bevölkerung
Rudolf Hartmann (1902-2001)
Der in Leipzig geborene Rudolf Hartmann besaß ein ausgeprägtes volkskundliches Interesse, wirkte aber nicht als universitärer Forscher im engeren Sinne. Er hielt auf Reisen insbesondere durch donauschwäbische Regionen unterschiedliche Aspekte des alltäglichen Lebens fotografisch fest. Die Aufnahmen stellen den Hauptertrag seiner volkskundlichen Aktivitäten dar. Bereits während seines Studiums der Germanistik, Geschichte, Geographie und Volkskunde an der Universität Leipzig unternahm Hartmann Reisen ins südöstliche Europa und entwickelte Interesse an der bäuerlichen Kultur der deutschsprachigen Minderheiten vor allem in Ungarn. Zwischen 1928 und 1941 war er als Lektor für deutsche Sprache an den Universitäten in Szeged, Debrecen und Budapest tätig. Trotz zahlreicher beruflicher Verpflichtungen hatte er die Gelegenheit, mit seiner Kamera deutschsprachige Orte in Ungarn zu bereisen. Dabei galt sein Interesse nicht allein den Ungarndeutschen. In seinen Fotografien zeigt er auch das Zusammenleben mit anderen ethnischen Gruppen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich Hartmann in Wernigerode nieder, wo er als Religionslehrer arbeitete. Im Jahr 1955 trat er im hessischen Laubach die Stelle eines Studienrates an einem Gymnasium an. Bald danach wurde er Mitglied der damaligen Kommission für ostdeutsche Volkskunde, in deren Jahrbüchern und Schriftenreihe er regelmäßig publizierte. Er verstarb 2001 im Alter von 99 Jahren.
Obwohl vor allem die bis zum Jahr 1938 veröffentlichten Ergebnisse seiner volkskundlichen Feldforschungen in Ungarn zum Thema Tracht, Volksschauspiel und ländliche Architektur großes Interesse in wissenschaftlichen Kreisen etwa der sogenannten Sprachinselvolkskunde weckten, waren es doch seine Fotografien, die das Bild der Ungarndeutschen prägten. Kein anderer Volkskundler benutzte die Kamera so intensiv und systematisch wie Hartmann.
Mit seiner Rolleiflex dokumentierte er den Alltag der Menschen, begleitete sie bei der Arbeit und bei ihren Feierlichkeiten.
In mehr als 10.000 Fotografien hielt er den soziokulturellen Wandel der Dörfer fest und zeigt uns so eine Welt, die schon längst der Vergangenheit angehört. Neben zahlreichen Manuskripten, Korrespondenzen und wissenschaftlichen Arbeiten befinden sich im Bildarchiv des IVDE über 2.000 Fotografien Hartmanns.