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Erfolgreich. Gescheitert.

Tefifon, Video 2000 und Co.

Eine virtuelle Ausstellung von

Eine Ausstellung zum Scheitern

Die Rundfunkbranche lebt von erfolgreichen Erfindungen, technischem Fortschritt und stetiger Verbesserung: Mehr Leistung, satterer Sound, höhere Bildauflösung. Doch längst nicht alle Produkte sind ein Erfolg - Grund genug, diesen eine Ausstellung zu widmen.
Uta Köbernick: Scheitern (2011)

Was ist Scheitern?

Scheitern ist im Gegensatz zum Erfolg die größere Wahrscheinlichkeit für ein neues Produkt. Viel mehr Ideen scheitern, als tatsächlich verwirklicht werden. Von der Erfindung bis zur finalen Entwicklung und Markteinführung ist es ein steiniger Weg. Und selbst Geräte, die am Markt eingeführt werden, scheitern.
Das kann viele Gründe haben: Die Konkurrenz setzt sich durch, es sind keine Käuferinnen und Käufer zu überzeugen, neue Materialien und Techniken verbannen die älteren Modelle vom Markt. Technische Probleme und wirtschaftliche Fehleinschätzungen gehören ebenfalls dazu.

Scheitern gehört dazu

Dabei liegen Erfolg und Misserfolg oft nah beieinander. Manchmal bedingt der Erfolg eines Produktes das Scheitern eines anderen. Oder umgekehrt: Erst weil eine Idee scheitert, ergibt sich eine Alternative. Scheitern ist also elementarer Bestandteil des Entwicklungsprozesses.
Was gilt nun als erfolgreiches, was als gescheitertes Produkt? Diese Zuordnung ist nicht immer einfach und oft von zeitlichen sowie räumlichen Faktoren abhängig. Eine allgemeine Definition, was tatsächlich als „gescheitert“ gilt, kann es daher nicht geben.
Die größte Konstante beim Erfinden ist das Scheitern.
Alexander Schug

Vom Phonographen zum Grammophon

Thomas Alva Edison erfand 1877 den Phonographen. Damit konnte man Töne aufnehmen und wiedergeben. Eine Membran nimmt die Stimme auf, die Schallschwingungen werden mit einem spitzen Stift in eine Zinnfolie auf einer Walze geritzt. Das Abspielen funktioniert analog rückwärts. Anfangs waren die Aufnahmen schlecht und auch die Vervielfältigung war ein Problem: Jede Walze musste neu bespielt werden, eine Vervielfältigung war nicht möglich. Das Grammophon von Emil Berliner ersetzte den Phonographen, und die vervielfältigbare Schallplatte die teuren und unpraktischen Wachswalzen.

Die Schellackplatte

Emil Berliner führte 1887 erstmals ein Grammophon und eine Schallplatte vor. Phonograph und Walzen waren damit gescheitert.
Ein von der Membran bewegter Stift ritzte die Schallwellen in mit Wachs überzogene Zinkblechscheiben. Von den Vorlagen fertigte man einen Negativabdruck, wovon beliebig viele, günstige Abzüge möglich waren. Die Positive wurden zunächst auf Hartgummi, später auf stabilerem Schellack gepresst. Die mögliche kommerzielle Vervielfältigung der Platten verhalf Berliners  Entwicklungen zum Durchbruch.
Ever tried. Ever failed. No matter. Try Again. Fail again. Fail better.
Samuel Beckett

Aus zwei mach eins: Das Tefifon

Karl Daniel arbeitete in den 1930er Jahren an einem Anrufbeantworter, der jedoch nicht zugelassen wurde. Er übertrug den Namen auf seine andere Erfindung: Te (Telefon), fi (Film) und phon (Ton). 1936 präsentierte er ein Schallbandgerät unter dem Namen „Tefiphon“. Dafür nutzte er ein Endlos-Schallband mit eingepressten Schallrillen, das mehrere Stunden Musik ohne Plattenwechsel ermöglichte.
In den 1940er Jahren war das Tefifon marktreif, setzte sich jedoch kaum gegen Schallplatte und Magnettonband durch. Bekannte Künstler waren bereits bei Schallplattenfirmen unter Vertrag.

Der Walkman: Alles nur geklaut?!

Der japanische Konzern Sony brachte 1979 den ersten Walkman auf den Markt. Mit dem handlichen, mobilen Kassettenabspielgerät gelang dem Unternehmen ein Verkaufsschlager. Doch die Produktidee stammt nicht von Sony. Seine Vision einer tragbaren Hi-Fi-Anlage stellte der Deutsche Andreas Pavel 1976 auf einer Messe Vertretern von Philips und Sony vor. Diese zeigten kein Interesse, Sony entwickelte die Idee jedoch insgeheim weiter. Nach der Markteinführung klagte Andreas Pavel schließlich gegen Sony, erst 2004 einigten sich die Parteien auf einen Ausgleich.

Gerades Scheitern steht höher als ein krummer Sieg.

Sophokles

Der Bildschirmtext: Fast wie Internet

Das neue Medium Bildschirmtext wurde in den 1970er Jahren entwickelt. Es war ein Informations- und Kommunikationsdienst, der den Zugriff aller Nutzer auf zentrale Datenbanken und den Nachrichtenaustausch ermöglicht. Auf der IFA wurde das System 1977 vorgestellt und anschließend in der BRD  getestet. Die Einführung erfolgte 1983 durch den Postminister. Die erwartete stürmische Entwicklung blieb jedoch aus und damit auch die vielen erhofften Nutzer. Es fehlten günstige Endgeräte. Schließlich ließ das aufkommende Internet den Bildschirmtext scheitern.

Die Laserdisc: Qualität für wenige

Die Laserdisc war eine analoge Bildplatte für Videos, die von einem Laser abgetastet wird. Im professionellen wie im privaten „Heimkino“ überzeugte sie mit ausgezeichneter Bild- und Tonqualität. Der erste Laserdiscspieler erschien 1978. Zum Massenmedium schaffte es die Disc aber nicht, sondern blieb einem kleinen Kreis an „High End-Usern“ vorbehalten. Ein mangelhaftes Marketing verhinderte ihre Popularisierung: Die Platten waren nur in Metropolen und bei Fachhändlern erhältlich. Um 2000 verdrängte die DVD die Laserdisc vom Markt.
Unser größter Ruhm ist nicht, niemals zu fallen, sondern jedes Mal wieder aufzustehen.
Nelson Mandela

Wer hat sie nicht: Die CD

Sony und Philips entwickelten Ende der 1970er Jahre gemeinsam ein neues Speichermedium: die Compact Disc (CD). Ein Laserstrahl tastet die darauf in winzigen Vertiefungen (Pits) gespeicherten Daten berührungsfrei ab. Die analogen Tonsignale werden bei der Herstellung in digitale Impulse umgesetzt, beim Abspielen werden diese wieder in analoge Schallsignale umgewandelt. Ein Vorteil: Der Laser verursacht keinen Verschleiß, Tonstörungen sind ausgeschlossen. Die CD löste ab den 1980er Jahren die Schallplatte und die Kassette ab. Ab den 2010er Jahren verdrängen MP3s, Musikdownloads und -streaming die CD vom Markt.

Zu spät: Video 2000

Video 2000 von Grundig und Philips ist ein Magnetbandsystem zur Aufzeichnung und Wiedergabe von analogen Film- und Audiosignalen. Es wurde 1979 eingeführt, sieben Jahre später jedoch bereits gestoppt.
Obwohl es der Konkurrenz von Betamax (Sony) und VHS (JVC) technisch überlegen war, scheiterte das Produkt: Die Markteinführung erfolgte zu spät. VHS und Betamax hatten sich bereits etabliert. Selbst die Besonderheiten wie die patentierte Spurnachführung und die langen Spielzeiten führten nicht zum Erfolg. Zu viele Nachteile wie anfängliche Unzuverlässigkeit und Kompatibilitätsprobleme standen dem gegenüber.

Ich bin nicht gescheitert – ich habe 10.000 Wege entdeckt, die nicht funktioniert haben.

Thomas Alva Edison

Scheitern - ein alltägliches Tabu?

In der aktuellen Gesellschaft scheint für Misserfolge kein Platz zu sein. Das Streben nach Erfolg und die Suche nach Anerkennung dominieren. Über das Versagen spricht man nicht gerne. Scheitern ist als Thema nach wie vor tabu, obgleich Probleme und Fehler verstärkt diskutiert werden. Dabei steht vor allem der Umgang mit dem Scheitern im Vordergrund. Ratgeber, wie man „konstruktiv“ oder „richtig“ scheitert, ergänzen die ausufernde Karriere-, Erfolgs- und Motivationsliteratur.

Mut zum Scheitern

Oft wird Scheitern als Bedrohung des Selbstwertes verstanden. Allerdings sind Fehler wichtig für die Entwicklung, sie befördern sozialen, emotionalen und intellektuellen Fortschritt. Fehlversuche weisen den Weg zur Erkenntnis, mit Hilfe von „Versuch und Irrtum“ gelingt schließlich der Erfolg.

Scheitern ist zunächst ein Makel, kann aber auch eine Chance im Entwicklungsprozess sein. Denn: Man kann erfolgreich sein oder scheitern. Oder erfolgreich scheitern.