Erna Arnhold (1881-1965)
Eine Berlinerin auf Reisen
Diese studentisch kuratierte Ausstellung widmet sich dem Leben und Wirken von Erna Arnhold (1881–1965), einer Reisefotografin, Radiojournalistin, Goetheforscherin und Kunstsammlerin. Die Ausstellung zeigt, wie sich in Erna Arnholds Lebensweg und ihrem Schaffen als Autorin, Fotografin und Sammlerin die großen Konflikte des 20. Jahrhunderts spiegeln: Frauenemanzipation und jüdische Familientradition, Besitz und Enteignung, populäre Wissensvermittlung und akademische Ausgrenzung, Kolonialismus und Antisemitismus, NS-Verfolgung und Exil, Rückkehr und Entschädigung.
Eine virtuelle Ausstellung von
Erna Arnhold (1881–1965)
Vor und nach dem Ersten Weltkrieg reiste die Nichte des Kunstmäzens Eduard Arnhold durch die ganze Welt, immer mit der Kamera in der Hand. In Zeitungsartikeln, Radiovorträgen und in einer Reihe von Sachbüchern unter dem Titel Draußen in fernen Ländern (1927/28) berichtete sie von ihren Reisen. Zurück in ihrer Heimatstadt Berlin, verfasste sie eine große Studie über Goethes Berliner Beziehungen (1925). 1939 flüchtete die geborene Jüdin gemeinsam mit ihrem Ehemann vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten in die USA. Ihre Bibliothek und ihre Kunstsammlung wurden von der Gestapo beschlagnahmt. Mitte der 1950er Jahre kehrte sie aus dem Exil nach Berlin zurück.
01
Erna Arnholds Berlin – Leben in einer Metropole
Erna Grabowsky wuchs in Berlin-Kreuzberg auf. Sie wohnte mit ihrer Familie in der Feilnerstraße 1. Die Eltern Julius und Margarethe Grabowsky hatten neben der Tochter Erna noch zwei Söhne: Adolf Grabowsky und Fritz Grabowsky.
Nach ihrer Heirat im Jahr 1902 zog Erna mit ihrem Mann Eduard Herrmann Arnhold ins Berliner Tiergartenviertel. Das Ehepaar mietete eine Wohnung in der Matthäikirchstraße 12. Dort lebten sie Tür an Tür mit anderen kunstsinnigen Menschen. Zur unmittelbaren Nachbarschaft gehörte der Kunsthändler Julius Schlesinger. Auch der Unternehmer und Kunstmäzen Eduard Arnhold, Erna Arnholds Onkel, lebte mit seiner Frau Johanna um die Ecke.
Im November 1932 zogen Erna Arnhold und ihr Mann nach Berlin-Charlottenburg um, in die Neue Kantstraße 21. Das Tiergartenviertel wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Matthäikirchstraße gibt es nicht mehr.
Berlin im Wandel
Erna Arnhold interessierte sich schon als junge Frau lebhaft für die Geschichte Berlins. In einem Brief vom November 1910 bezeichnete sie sich als „eifriger Sammler alles dessen, was auf das alte Berlin bezug hat“.
Dieser Brief war an den Journalisten Julius Rodenberg (1831–1914) gerichtet, der – mittlerweile hochbetagt – in ihrer Nachbarschaft im Tiergartenviertel lebte. Erna Arnhold hatte sich einen Band von Rodenbergs Bildern aus dem Berliner Leben (1885–1888) gekauft.
Die Lektüre regte sie zu Beobachtungen darüber an, wie sehr sich Berlin seit den 1880er Jahren verändert habe. An Rodenberg schrieb sie: „Aus dem beschaulichen Berlin von damals ist die hastende amerikanisierte Millionenstadt geworden, Unter den Linden ist längst nicht mehr allein die vornehme Triumpfstrasse, sondern eine Straße der großen Hallen und der eleganten Läden.“
02
Erna Arnholds Buch „Goethes Berliner Beziehungen“ (1925)
Zum Geleit!
Erna Arnhold verehrte Johann Wolfgang von Goethe. In dem schwungvollen Geleitwort zu ihrem Buch Goethes Berliner Beziehungen (1925) erklärt sie den Dichter zum Leitstern ihres Lebenswegs. Als sie in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg durch „alle vier Erdteile“ gereist sei, habe ihr ein Wanderlied aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Wanderjahre (1821) als Motto gedient:
„Bleibe nicht am Boden heften,
Frisch gewagt und frisch hinaus!“
Die „ferne Tropeninsel“, die Erna Arnhold im Geleitwort erwähnt, ist die Insel Luzon, die zu den Philippinen gehört. In der Hauptstadt Manila lebte sie einige Zeit gemeinsam mit ihrem Ehemann, der dort geschäftlich als Teilhaber eines Handelsunternehmens tätig war.
Erna Arnhold positioniert sich mit ihrem Buch in der angespannten politischen Lage der 1920er Jahre. Sie ruft zwei damals gängige Schlagwörter auf: den demokratischen „Geist von Weimar“ und den antidemokratischen „Geist von Potsdam“.
Nicht nur Goethes Gestalt ragt aus diesem Werke hervor, sondern auch ein wundervolles Stück Berliner Kultur- und Sittengeschichte steigt aus dem mit Spürsinn zusammengetragenen Material herauf. Den Berliner Goethe-Freunden schenkt Erna Arnhold zugleich ein Stück Kulturgeschichte und eine Art Ehrenrettung ihrer Heimat.
Erna Arnholds Privatbibliothek
Erna Arnhold besaß eine auf das Berlin der Goethezeit spezialisierte Büchersammlung. Da ihre Bücher 1941 beschlagnahmt und versteigert wurden, lässt sich ihre Bibliothek nicht mehr in Gänze rekonstruieren. Einzelne Bände aus ihrem Besitz sind jedoch in Antiquariatskatalogen und im Bestand öffentlicher Einrichtungen nachweisbar. Man erkennt sie an einem persönlichen Besitzvermerk: Das in den Innenspiegel ihrer Bücher eingeklebte Exlibris zeigt Erna Arnhold als Leserin im Profil vor dem Brandenburger Tor, umrahmt von schlichten Blumenranken und einem oben mittig platzierten Medaillon mit dem Berliner Bär. Das Exlibris wurde von dem Graphikkünstler Heinrich Eickmann (1870–1911) gestaltet.
Goethe-Bibliothek am Leipziger Platz
Neben ihrer eigenen Büchersammlung nutzte Erna Arnhold eine besondere Bibliothek für ihre Arbeit an dem Buch Goethes Berliner Beziehungen (1925). Das erwähnt sie bei der „Angabe der wichtigsten Quellen“ für ihr Buch:
„Die reiche Goethebibliothek Professor Erich Schmidts, nach seinem Tode von Herrn Dr. Rudolf Mosse angekauft, wurde mir von dessen Witwe für meine Arbeit gütigst zur Verfügung gestellt, wofür ich auch an dieser Stelle meinen besten Dank aussprechen will.“
Hinter dieser knappen Danksagung an versteckter Stelle liegt eine lange Geschichte. Der berühmte Goetheforscher Erich Schmidt, ab 1887 Professor an der Berliner Universität, war im April 1913 gestorben. Der Zeitungsverleger Rudolf Mosse hatte dessen Privatbibliothek gekauft und sie ab März 1914 an vier Tagen in der Woche für jeweils zwei Stunden unter Aufsicht in seinem Palais am Leipziger Platz zugänglich gemacht. Nach seinem Tod im September 1920 kümmerte seine Frau Emilie Mosse sich weiter um die Bibliothek und ermöglichte Erna Arnhold den Zugang. Emilie Mosse starb im Oktober 1924, erlebte die Veröffentlichung von Erna Arnholds Buch also nicht mehr.
Ab 1934 wurde die Schmidt-Mosse-Bibliothek schrittweise zwangsverkauft. Ein vierbändiges Verzeichnis der Büchersammlung Rudolf Mosse (früher Univ.-Prof. Erich Schmidt) aus dem Jahr 1934 bietet eine Auflistung des Buchbestands, mit dem Erna Arnhold noch hatte arbeiten können.
Mit unermüdlichem Fleiß und großer Gewissenhaftigkeit hat Erna Arnhold aus den entlegensten Winkeln der Literatur, aus den Bänden der damaligen Tageszeitungen und Zeitschriften und aus den Briefen der Zeitgenossen alles zusammengetragen, um das Verhältnis Goethes zu Berlin klarzustellen.
Verlagswerbung
Erna Arnhold hatte Mühe, einen Verlag für ihr Buch zu finden. Der Stuttgarter Cotta Verlag lehnte eine Veröffentlichung in einem Brief vom 10. Oktober 1924 „auf Grund der gegenwärtigen Wirtschaftslage“ ab. Man schrieb ihr: „Die Kaufkraft des Publikums ist, wie Sie, sehr geehrte gnädige Frau ja auch wissen werden, gerade in jenen geistigen Kreisen, die als Abnehmer für Ihr Werk in Frage kämen, aufs äußerste geschwächt.“
Es war schließlich der gelernte Buchhändler Leopold Klotz (1878–1956), der das verlegerische Risiko einging. Klotz hatte sich 1925, nach langjähriger Tätigkeit beim Perthes Verlag, gerade erst selbstständig gemacht. Goethes Berliner Beziehungen war eins der ersten Bücher, die in seinem Verlag erschienen. Er bewarb das Buch mit halbseitigen Werbeanzeigen in verschiedenen Zeitschriften und mit dieser ganzseitigen Annonce im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel.
Widmung an das Ehepaar Kuttner
Erna Arnhold hat ein Exemplar ihres Buches einem befreundeten Berliner Ehepaar zugeeignet:
Meinen lieben Freunden
Helene und Ludwig Kuttner
in alter Anhänglichkeit
1. September 1925
Erna Arnhold
Die langjährige Freundschaft zwischen dem Ehepaar Arnhold und dem Ehepaar Kuttner war mit einer Geschäftsbeziehung verbunden. Erna Arnholds Ehemann Eduard Arnhold war Teilhaber der Handels- und Versicherungsfirma Fröhlich & Kuttner, die Ludwig Kuttner ab den 1880er Jahren auf den Philippinen aufgebaut hatte. Helene Kuttner gebar die gemeinsamen Söhne Franz und Joachim 1889 und 1898 während längerer Aufenthalte in Manila, der Hauptstadt der Philippinen. Später, in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, lebten auch Erna und Eduard Arnhold einige Zeit auf den Philippinen.
03
Reisen mit der Kamera – Erna Arnholds Blicke auf Fremde
Erna Arnhold hat die ganze Welt bereist. Sie besuchte verschiedene Länder in Europa, in Ostasien, am Mittelmeer und in Amerika. Mit ihrem Mann lebte sie vor dem Ersten Weltkrieg mehrere Jahre lang auf den Philippinen. Von ihren Erlebnissen im Ausland berichtete sie in Vorträgen, Zeitungsartikeln, Radiosendungen und Sachbüchern. Nicht das Exotische wollte sie dabei sichtbar machen, sondern das Alltägliche. Ihr Motto: „Keine Abenteuer schildern, sondern vom Alltag erzählen.“
Ihre Eindrücke hielt sie mit der Kamera fest: Ihr fotografisches Werk umfasst Aufnahmen von Landschaften, Gebäuden, einzelnen Menschen und Menschengruppen. Sie verwendete diese Fotografien zur Illustration in ihren Vorträgen, Artikeln und Sachbüchern. Einige fanden auch Aufnahme in hochwertige Bildbände. Es war Erna Arnhold wichtig, den Menschen, die sie fotografierte, mit Respekt zu begegnen. Aber ihre Bilder sind weder objektiv noch neutral: Sie zeigen, wie eine privilegierte europäische Luxustouristin fremde Lebenswelten wahrnahm.
Übersetzungen ins Bulgarische
1928/29 erschienen bulgarische Übersetzungen von Erna Arnholds Sachbüchern. Der Verlag von Žeko Marinov übernahm die Einbandgestaltung der deutschen Ausgaben und brachte die sechs Hefte in der Reihe Historisch-Geografische Bibliothek heraus.
1929/30 wurden die Hefte noch einmal, nun mit anderer Einbandgestaltung und vermutlich in höherer Auflage, in der Reihe Illustrierte Geografische Bibliothek veröffentlicht, die auch im Abo bezogen werden konnte.
Nachdem ich noch, nach modernem Brauch, das junge Paar photographiert hatte, schieden wir von unseren Wirten mit der Überzeugung, ein seltenes Erlebnis gehabt zu haben.
Wenn ich in Ostasien Dienerinnen in Kaffeehäusern, Geishas oder Kindergruppen photographierte und mich die Aufgenommenen um ihr Bild baten, habe ich sie nie enttäuscht. Oft habe ich ein paar Tage später entlegene Gegenden wieder aufgesucht, nur um die Bilder zu überbringen, und unendlich viel Freude habe ich damit bereitet.
04
Touristisches Reisen – Als deutsche Frau im Ausland
Erna Arnhold reiste oft allein, sowohl über Meer als zu Land. Das war zur damaligen Zeit für eine Frau ungewöhnlich. Humorvoll schildert sie in ihren Reiseberichten, mit welchen Erwartungen sie konfrontiert war. So erzählt sie, dass man sie als kinderlose Frau in China mit Geringschätzung behandelt habe.
Aber sie brachte auch ihre eigenen Erwartungen mit: Die europäische Frauenemanzipation war der Maßstab, den sie an die Lage der Frau in anderen Weltregionen anlegte. Dem Fortschritt in Deutschland stellte sie die vermeintliche Rückschrittlichkeit in Japan und China gegenüber. Sie war überzeugt: Erst wenn die japanischen Traditionen durch „abendländische Sitten“ ersetzt würden, werde sich die „Stellung der Frau“ in Japan verbessern. Solche Ansichten waren in der bürgerlichen Frauenbewegung im deutschsprachigen Raum häufig anzutreffen. Sie definierten Erna Arnholds Selbstverständnis als deutsche Kulturbotschafterin im Ausland und ihr Engagement im Auslandsbund deutscher Frauen.
Ich, als alleinreisende Frau,
mußte mir ja sowieso eine gewisse Zurückhaltung auferlegen.
Eine Hochzeit auf den Philippinen
Dies ist die erste bislang bekannte Veröffentlichung von Erna Arnhold. Ihr anschaulicher Bericht über eine Hochzeit auf den Philippinen erschien im Dezember 1909 in der Frauen-Rundschau, einer auf das weibliche Publikum zugeschnittenen Beilage zum Berliner Tageblatt. Der Text scheint breiten Anklang gefunden zu haben, denn er wurde wenige Wochen später in zwei internationalen deutschsprachigen Zeitungen nachgedruckt: in der Unabhängigen Tageszeitung zur Förderung des Deutschtums im Fernen Osten, die unter dem Titel Der ostasiatische Lloyd vertrieben wurde, und im nordamerikanischen Nebraska Staatsanzeiger und Herold.
Diese Veröffentlichung zeigt, dass Erna Arnhold vom Aufkommen der Frauenpresse profitierte. Viele ihrer Publikationsorgane hatten Frauen zum Zielpublikum, etwa die Frauen-Rundschau des Berliner Tageblatts, die überregionale Wochenbeilage Aus dem Reich der Frau und die Deutsche Lehrerinnenzeitung. In Berlin vernetzte sie sich mit gleichgesinnten Frauen – sowohl informell als auch in Vereinsstrukturen. Bruch und Rebellion lagen ihr indes fern. Sie bewahrte eine konservativ-bürgerliche Haltung und hielt Distanz zu sozialistischen Frauenrechtlerinnen.
Wenn man in Deutschland von japanischen Mädchen spricht, dann schmunzeln die meisten Leute und sagen das Wort Geisha. Ich möchte gern wissen, was wir dazu sagen würden, wenn Ausländer eine Kellnerin aus einem Münchner Bräuhaus als Vertreterin der deutschen Frau ansehen würden.
Auslandsbund deutscher Frauen
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, mussten Erna und Eduard Arnhold aus dem Ausland nach Berlin zurückkehren. Während ihr Mann als Leutnant im Feld war, sorgte Erna Arnhold bei einem „Empfang im Auslandsbund deutscher Frauen“ für vergnügliche Ablenkung, wie das Berliner Tageblatt im April 1916 berichtete:
„Nach einer Teeplauderstunde sprach Frau Erna Arnhold unter der Benutzung eines reichen, auf ihren Weltreisen aufgenommenen Lichtbildermaterials über Sitten und Gebräuche bei den verschiedenen Völkern des Orients.“
Ziel des Auslandsbunds deutscher Frauen war es, die aktive Kulturarbeit von Frauen zu fördern: Frauen sollten im Ausland deutsche Kultur vertreten und damit ihren Teil zum „Wiederaufbau“ beitragen, so steht es in den Stimmen und Richtlinien (1918), „ohne aus dem Gebiet ihres eigentlichen Frauenlebens hinauszugehen“. Damit zielten die Bemühungen des Vereins weniger auf die Selbstermächtigung von Frauen als auf deren Indienstnahme für nationale Zwecke.
Übrigens macht die Frauenemanzipation in China auch allmählich Fortschritte. Besonders ist sie durch die Ausstellung in Nanking bedeutsam gefördert worden. Bisher waren die Frauen im Reich der Mitte von jeder öffentlichen wirtschaftlichen Tätigkeit, ausgenommen der in Textilfabriken, ausgeschlossen. Keine Chinesin durfte außerhalb der elterlichen oder ehelichen Wohnung arbeiten. Es gab weder Modistinnen noch Näherinnen, weder Wäscherinnen noch Kellnerinnen oder Laufmädchen, von Telephonistinnen und weiblichen Kutschern ganz zu schweigen.
Erna Arnhold im Radio
Erna Arnhold war zwischen 1925 und 1933 oft im Radio zu hören. Sie führte ihre Zuhörer:innen durch die Stadtgeschichte Berlins, berichtete von ihren Reiseabenteuern im Ausland und widmete sich dem Frauenleben in aller Welt. Ihre Vorträge wurden vom Berliner Sender Deutsche Welle ausgestrahlt. Tonaufnahmen sind nicht erhalten, aber die Auflistung ihrer Vorträge zeigt, wie präsent ihre Stimme in diesen Jahren war – bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten.
Ausgestattet mit einem auf vielen Reisen durch fast alle Weltmeere erworbenen Wissen, will ich am Rundfunk allen denen, die noch nie in fremden Erdteilen waren, ein wenig vorplaudern von den Reizen der Reisen zur See.
Erna Arnholds Radiosendungen
1925
Sonntag, 9. August 1925, 7:30 Uhr: Rundgang durch Alt-Berlin (Teil 1)
Donnerstag, 20. August 1925, 7:45 Uhr: Rundgang durch Alt-Berlin (Teil 2)
Donnerstag, 27. August 1925, 7:00 Uhr: Rundgang durch Alt-Berlin (Teil 3)
Freitag, 4. Dezember 1925, 18:55 Uhr: Goethe und Berlin
1926
Mittwoch, 30. Mai 1926, 14:30 Uhr: Reisen und Abenteuer. Was ich in Griechenland erlebte
Dienstag, 22. Juni 1926, 7:30 Uhr: Berühmte Frauen im Alten Berlin
1927
Dienstag, 1. Februar 1927, 14:00 Uhr: Die Anfänge des Theaters in Berlin (Teil 1)
Dienstag, 8. Februar 1927, 14:00 Uhr: Die Anfänge des Theaters in Berlin (Teil 2)
Mittwoch, 27. Juli 1927, 15:00 Uhr: Sommerfreuden im alten Berlin
1928
Donnerstag, 31. Mai 1928, 14:30 Uhr: Reisen und Abenteuer. Was ich in Griechenland erlebte
Dienstag, 24. Juli 1928, 18:30 Uhr: Seereisen I
Mittwoch, 25. Juli 1928, 18:30 Uhr: Seereisen II
Sonntag, 7. Oktober 1928, 18:30 Uhr: Heilige Stätten der Menschheit (Teil 1)
Sonntag, 14. Oktober 1928, 18:30 Uhr: Heilige Stätten der Menschheit (Teil 2)
Sonntag, 21. Oktober 1928, 18:30 Uhr: Heilige Stätten der Menschheit (Teil 3)
Sonntag, 28. Oktober 1928, 18:30 Uhr: Heilige Stätten der Menschheit (Teil 4)
Donnerstag, 20. Dezember 1928, 17:30 Uhr: Der Tag einer deutschen Frau auf den Philippinen
1930
Samstag, 20. September 1930, 15:00 Uhr: Mit dem Entdecker Pizarro nach Peru
Dienstag, 11. November 1930, 15:20 Uhr: Frauenleben in den Vereinigten Staaten
Samstag, 27. Dezember 1930, 17:30 Uhr: Wie lebt der Amerikaner, wenn er nicht Millionär ist?
1931
Samstag, 3. Januar 1931, 17:30 Uhr: Die heutige Kultur in den ehemaligen spanischen Kolonien
Freitag, 6. Februar 1931, 10:10 Uhr: Quer durch das alte Kulturreich der Inka („Schulfunk“)
Montag, 27. Juli 1931, 15:20 Uhr: Mädchenerziehung im modernen Japan
Dienstag, 28. Juli 1931, 15:00 Uhr: Reisen mit und ohne Führer
Samstag, 1. August 1931, 17:00 Uhr: Blumen und Menschen in Hawaii
Mittwoch, 5. August 1931, 17:30 Uhr: Mohammedanisches Frauenleben
Mittwoch, 4. November 1931, 15:20 Uhr: Frauenleben in Südamerika
1932
Samstag, 9. Januar 1932, 15:20 Uhr: Bei den Indianern von Arizona („Jugendstunde“)
Montag, 15. August 1932, 15:00 Uhr: Wagen und Schiff in aller Welt
1933
Dienstag, 10. Januar 1933, 16:00 Uhr: Frauen in Lateinamerika
05
Kunstsinn – Sammlung und Raub
Erna und Eduard Arnhold waren kunstsinnige Menschen. Sie besaßen wertvolle Kunstwerke, darunter ein Landschaftsgemälde von Camille Pissarro. Ihre Reisen prägten ihren Geschmack. Ein Schwerpunkt ihrer Sammlung lag auf Kunsthandwerk aus Ostasien, insbesondere Japan und China: Mobiliar, Keramik, Textilien und Holzstatuen. Erna Arnhold beschäftigte sich intensiv mit der Kunst und Kultur verschiedener Weltgegenden und tauschte sich darüber mit anderen aus.
Die Machtergreifung der Nationalsozialisten war ein tiefer Einschnitt in Erna Arnholds Leben. Ab 1933 wurde sie aus dem öffentlichen Leben gedrängt, 1938 musste sie aus allen Gesellschaften und Vereinen austreten. Das Ehepaar Arnhold flüchtete 1939 aus NS-Deutschland. Auf die freiwilligen Reisen folgte nun eine erzwungene Reise. Die Gestapo beschlagnahmte 1941 im Hamburger Freihafen das Umzugsgut und ließ es versteigern. So raubten sie den Arnholds ihre Habseligkeiten.
Vereinsmitgliedschaft und erzwungener Austritt
Erna Arnhold war aktives Mitglied zahlreicher Gesellschaften und Vereine, darunter die Vereinigung der Freunde antiker Kunst in Berlin, die Gesellschaft für Ostasiatische Kunst, die Deutsche Orient-Gesellschaft, die Vorderasiatisch-ägyptische Gesellschaft, die Religionswissenschaftliche Vereinigung und die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte.
Das nationalsozialistische Regime drängte Vereine und Gesellschaften dazu, ihre jüdischen Mitglieder zum ‚freiwilligen‘ Austritt aufzufordern. Im Januar 1939, kurz vor ihrer Flucht, beugte Erna Arnhold sich dem Druck und erklärte ihren Austritt aus der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU) – nicht ohne „Dank auszusprechen für die reichen Belehrungen und Anregungen auf so vielen Wissensgebieten“. Sie blickte bei dieser Gelegenheit wehmütig auf „eine mehr als 30jährige Mitgliedschaft“ zurück. Ihr Mann Eduard Herrmann Arnhold war ab 1907 Mitglied der Gesellschaft. 1923 nahm Erna Arnhold seine Stelle ein und besuchte über viele Jahre regelmäßig die Sitzungen und Vorträge, die im Königlichen Museum für Völkerkunde in der Königgrätzer Straße (heute Stresemannstraße) stattfanden – ganz in der Nähe von Eduard und Erna Arnholds Wohnung im Tiergartenviertel.
Beschlagnahmter Besitz
Als Eduard und Erna Arnhold Anfang 1939 vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aus Deutschland flohen, ließen sie in Berlin ihren gesamten Besitz – Mobiliar, Bücher, Kunstgegenstände – zurück. Sie beauftragten eine Speditionsfirma damit, ihnen ihre Besitztümer in die USA nachzuschicken. Die drei Liftvans mit dem Umzugsgut des Ehepaars wurden allerdings nie verschifft, sondern 1941 im Hamburger Freihafen von der Gestapo beschlagnahmt und zur Versteigerung freigegeben.
Als Eduard und Erna Arnhold nach Kriegsende als Opfer des Nationalsozialismus eine Entschädigung für ihre Verluste beantragten, fügten sie eine Auflistung der Gegenstände bei, die sich in den drei Liftvans befunden hatten. Die karge, mit der Schreibmaschine getippte Liste vergegenwärtigt den Verlust einer exquisiten Wohnungseinrichtung, die vom Wohlstand und Kunstsinn sowie von der Bildung ihrer Bewohner:innen zeugte. Am Ende der Liste werden einige besonders wertvolle Ostasiatika gesondert ausgewiesen.
06
Reisen unter Zwang – Flucht, Exil, Entschädigung
Anfang 1939 flohen Erna und Eduard Arnhold über die Schweiz und Großbritannien aus NS-Deutschland. Mit einem Visum, dass sie in London erhalten hatten, reisten sie im August 1940 über Kingston, Jamaica, nach New York und von dort weiter nach Los Angeles in Kalifornien. Dort lebten sie über zehn Jahre lang im Exil. 1941 beantragten sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Die Rückkehr war ein vorsichtiger, langsamer Prozess. 1949 reiste Erna Arnhold erstmals wieder nach Europa. 1952 kam sie erneut, diesmal zusammen mit ihrem Mann, für einige Wochen nach Deutschland. Ende September 1952 flogen sie zurück in die USA, kehrten aber schließlich ganz nach Deutschland zurück. Eduard Arnhold verlebte seine letzten Jahre in München. Er starb dort am 7. Dezember 1957.
Im Auftrag von Eduard und Erna Arnhold bemühte sich ab 1948 der Rechtsanwalt Fred Lottberg in Deutschland um eine Entschädigung für den geraubten Besitz des Ehepaars. Er fand heraus: Einige Ostasiatika aus dem Umzugsgut waren 1941 an das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gelangt. Das Museum restituierte die Objekte. Da der Transport in die USA für das Ehepaar zu teuer war, lagerten die Objekte allerdings zunächst weiter im Museum. 1952 entschieden Erna und Eduard Arnhold aus Geldnot, die Stücke aus ihrer Ostasiatika-Sammlung versteigern zu lassen. Der Verbleib zahlreicher weiterer wertvoller Stücke, darunter ein Wandteppich und eine Goldlacktruhe aus China, konnte nie geklärt werden.
Es handelte sich bei dem fraglichen Umzugsgut teilweise um Gegenstände von ausgesprochenem Sammlerwert, und es hing dies damit zusammen, dass die Eheleute Arnhold vor dem erstem Weltkrieg viele Jahre in Ostasien ansässig waren und ihr Heim mit einer erheblichen Wohnkultur ausgestattet hatten, abgesehen davon, dass sich Frau Arnhold auch literarisch und in Vorträgen über ostasiatische Kunst geäußert hat. Es wäre infolgedessen wirklich zu begrüßen, wenn es gelingen würde, eine Wiederbeschaffung dieser kleinen Privatsammlung zu erreichen.
Restitution
Erna und Eduard Arnhold entschlossen sich 1952, die Stücke aus ihrer Ostasiatika-Sammlung, die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ihnen restituiert hatte, zu veräußern. Die Versteigerung erfolgte am Montag, den 17. November 1952 beim Auktionshaus von Ernst Hauswedell in Hamburg. Den Katalog hat Peter W. Meister zusammengestellt, der sich in den Jahren zuvor am Museum um die Restitution gekümmert hatte. Die Stücke aus der Sammlung der Arnholds sind unter den jeweiligen Katalognummern genau beschrieben:
- Nr. 152: Riechfläschchen, Porzellan mit rötlich-gelber Lasur und Löwenkopfgriffen in Relief an der Schulter. Unter dem Boden Marke: Ku-Yüeh Hsüan. (Alter Mondpavillon). Höhe: 6,5 cm. China, 18. Jahrhundert. Schätzpreis 80 DM.
- Nr. 165: Riechfläschchen aus geschnittenem Achat. In Relief auf der Vorderseite Vase, Glücksszepter und Vogel. Höhe: 6,5 cm. China, 18. Jahrhundert. Schätzpreis 80 DM.
- Nr. 171: Stehende Kuan-Yin. Hände fehlen. Holz mit Elfenbeingesicht. Höhe: 14,3 cm. China, 18. Jahrhundert. Schätzpreis 100 DM.
- Nr. 175: 2 Sessel mit Rück- und Armlehnen aus dunkelbraunem Hartholz mit Mattensitz. Höhe: 86 cm. China, 19. Jahrhundert. Schätzpreis 300 DM.
- Nr. 176: Bank mit niedriger Rücklehne und runden Armstützen. Dunkles Hartholz. Höhe: 65 cm, Länge: 181 cm. China, 19. Jahrhundert. Schätzpreis 200 DM.
- Nr. 191: Runde Rotlackdose. Holzkern mit Rotlack in Relief geschnitten. Auf beiden Hälften spielende Kinder. Durchmesser: 8,2 cm. China, 18.–19. Jahrhundert. Schätzpreis 120 DM.
- Nr. 207: Kleines lamaistisches Kultbild: Buddha Amitabha. Farben auf Seide. Auf Holz aufgeklebt und mit Sockel versehen. Höhe: 21 cm. Tibet, 16. Jahrhundert. Schätzpreis 30 DM.
- Nr. 227: Buddha, sitzend auf Lotossockel. Holz, gelackt und vergoldet. (Sockel nicht zugehörig.) Höhe der Plastik: 30 cm, Höhe des Sockels: 30 cm. Japan, 17.–18. Jahrhundert. Schätzpreis 350 DM.
- Nr. 228: 2 Buddhistische Priesterstatuetten, der eine mit zusammengelegten Händen, der andere mit Rosenkranz. Holz, gelackt und bemalt. (Ehemals Sammlung Exz. Solf.) Höhe: 38 cm. Japan, 18. Jahrhundert. Schätzpreis 400 DM.
- Nr. 244: 2 Supraporten, holzgeschnitzt, vergoldet und bemalt. Höhe: 60 cm und 65 cm, Länge: 169 cm und 186 cm. Japan, 19. Jahrhundert. Schätzpreis 150 DM.
Auf der Flucht
Erna und Eduard Arnhold flohen Anfang 1939 im letzten Moment vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ins Ausland. Ihre Reisepässe wurden am 24. Dezember 1938 ausgestellt. Das Ehepaar reiste zunächst Ende Januar 1939 in die Schweiz. Dort verzögerte sich die Weiterreise, weil Erna Arnhold erkrankte und mehrere Wochen lang in einer Zürcher Klinik behandelt werden musste. Kurz vor Kriegsausbruch gelangte das Ehepaar Anfang August 1939 nach Großbritannien. Dort beantragten Eduard und Erna Arnhold beim amerikanischen Generalkonsulat Einwanderungsvisa für die USA. Als sie diese im Juli 1940 erhalten hatten, reisten sie per Schiff über Jamaika - nur auf einem Frachtschiff nach Kingston waren noch Plätze zu bekommen - nach New York weiter. Als sie schließlich an ihrem Zielort Los Angeles ankamen, waren fast zwei Jahre seit ihrer Ausreise aus Deutschland vergangen.
Die Fotokopien der Pässe lassen mit ihren Einreisestempeln und befristeten Aufenthaltserlaubnisse erahnen, wie belastend diese erzwungene Reise für Erna und Eduard Arnhold gewesen sein muss.
07
Rückkehr nach Berlin – Kultur und Wissenschaft in Dahlem
Erna Arnhold kehrte 1955/56 zurück nach Berlin und entschied sich, in ihrer alten Heimatstadt zu bleiben. Sie fand eine Wohnung in der Willdenowstraße 16 – am Rand des Botanischen Gartens und ganz in der Nähe des Museums Berlin-Dahlem und der Freien Universität. In diesem Umfeld suchte sie den Austausch mit anderen kulturell interessierten Menschen und ging ihren vielfältigen Interessen nach. Sie wurde wieder Mitglied der Deutschen Orient-Gesellschaft, wo sie den Architekturhistoriker Ernst Heinrich kennenlernte. Sie trat der Archäologischen Gesellschaft zu Berlin bei, in der ihre Bekannte Edelgard von Kalckreuth bereits Mitglied war. Mit dem Prähistoriker Otto-Friedrich Gandert machte sie Bekanntschaft durch die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Erna Arnhold besuchte nicht nur viele Fachvorträge, sie ging auch in Kunstausstellungen und in die Oper. Mit Freundinnen wie Elisabet Proctor tauschte sie sich über ihre Lektüre von Büchern und Zeitungen aus.
Als Autorin trat Erna Arnhold allerdings – nach dem Bruch durch Verfolgung und Exil – nicht mehr hervor. Vergeblich bemühte sie sich um eine Neuauflage ihres Hauptwerks: Noch wenige Wochen vor ihrem Tod, am 26. Januar 1965, fragte sie beim Rowohlt Verlag an, ob Interesse an einer Neuauflage ihrer Studie Goethes Berliner Beziehungen (1925) bestehe. Doch der Verlag lehnte den Vorschlag am 8. Februar 1965 ab.
Es ist mir geglückt eine kleine Wohnung gegenüber dem Botanischen Garten, Willdenowstraße 16, zu ‚erobern‘, eine Gegend, die ich darum bevorzugt habe, um nahe der Freien Universität und der Museen zu leben.
Kontaktaufnahme
Nach ihrer Rückkehr war es Erna Arnhold ein Anliegen, wieder zurück ins Berliner Geistesleben zu finden, aus dem man sie ab 1933 ausgeschlossen hatte. So nahm sie 1956 Kontakt zum Akademischen Auskunfts- und Informationsdienst der Freien Universität auf, um in Erfahrung zu bringen, welche der gelehrten Gesellschaften noch existierten, in denen sie vor 1939 Mitglied gewesen war.
Rolf Hildebrandt verwies sie in seiner Antwort vom 22. September 1956 an die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU).
Gelehrtes Leben
Erna Arnhold schrieb Anfang Oktober an Otto-Friedrich Gandert, den Vorsitzenden der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte (BGAEU). Dieser lud sie gleich zur nächsten Sitzung am 8. Oktober 1956 ein. Erna Arnhold dankte ihm in ihrem Antwortschreiben und kündigte an: „Ich werde sehr gern dort erscheinen und mich freuen wieder einem Verein anzugehören, dem ich so unendlich viel Anregung verdanke.“
Gandert hatte sich auf Erna Arnholds Bitte hin auch nach dem Fortbestand weiterer Gesellschaften erkundigt, in denen sie vor 1939 Mitglied gewesen war. Sie erklärt, dass sie die noch bestehenden Gesellschaften – die mittlerweile zum Teil ihren Sitz in Dahlem hatten – in Kürze aufsuchen werde, da sie bald in der Nähe wohnen werde: „Es ist mir geglückt eine kleine Wohnung gegenüber dem Botanischen Garten, Willdenowstraße 16, zu ‚erobern‘, eine Gegend, die ich darum bevorzugt habe, um nahe der Freien Universität und der Museen zu leben.“
Museen in Dahlem
Bereits vor dem Ersten Weltkrieg hatten Planungen für einen großen Museumskomplex in Berlin-Dahlem begonnen. In vier Neubauten sollten die großen Berliner Sammlungen aus Asien, Afrika, Ozeanien und Amerika untergebracht werden. Nur eines dieser Gebäude konnte 1921 fertiggestellt werden (Architekt: Bruno Paul). Dieses Gebäude in der Arnimallee, in dem sich heute das Museum Europäischer Kulturen (MEK) befindet, wurde bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges als Magazin der ethnologischen und anthropologischen Sammlungen genutzt.
Nach Kriegsende beherbergte das Dahlemer Gebäude in der Arnimallee provisorisch mehrere Sammlungen, für die in Westberlin zunächst keine anderen Gebäude zur Verfügung standen. Dazu gehörten auch die europäischen Gemälde- und Skulpturensammlungen sowie die ägyptische Sammlung mit der Nofretete. Die Vielfalt dieser ,,Museen" machte Dahlem für Erna Arnhold attraktiv, wie sie in ihrem Brief vom 4. Oktober 1956 schreibt.
Am Botanischen Garten
Erna Arnholds Wohnung in der Willdenowstraße 16 lag direkt am Botanischen Garten in Berlin-Lichterfelde. Die Straße ist nach dem Botaniker Carl Ludwig Willdenow benannt. Ab 1954 erschienen die Mitteilungen aus dem Botanischen Garten und Museum Berlin-Dahlem unter dem Obertitel Willdenowia.
Wenn sie im Botanischen Garten spazieren ging, konnte Erna Arnhold sich angesichts der Pflanzen aus aller Welt an ihre Reisen erinnert fühlen. Ein Interesse an Pflanzfotografie scheint sie im Exil entwickelt zu haben. Wie aus Ankündigungen in der kalifornischen Gartenzeitschrift Golden Gardens hervorgeht, hat Erna Arnhold in den frühen 1950er Jahren in den USA Vorträge gehalten, bei denen sie „beautiful color pictures of Southern California flowers“ zeigte.
Ich habe so lange in besserem Klima, auf den Philippinen und in Californien gelebt, dass ich bei diesen Temperaturen mich direkt krank fühle. Aber einmal wird es ja auch in Berlin Frühling werden.
Erna Arnhold in Gesellschaft
Anfang 1960 wandte sich Erna Arnhold an den Vorstand der Archäologischen Gesellschaft zu Berlin. Auf Empfehlung einer Bekannten – Edelgard von Kalckreuth, geb. von Winterfeld – wollte sie Mitglied werden. Aus Erna Arnholds Brief geht hervor, dass sie sich auch im hohen Alter von fast 80 Jahren lebhaft für die Geschichte und Kultur verschiedener Weltregionen interessierte und weiterhin Fernreisen unternahm.
In seinem Antwortschreiben vom 13. Januar 1960 lud der Vorstandsvorsitzende Hans Bernhard Jessen sie herzlich zu den Veranstaltungen der Archäologischen Gesellschaft ein. Er bot ihr auch an, die archäologische Bibliothek zu nutzen, die sich in der Wiegand-Villa in der Peter-Lenné-Straße 28–30 in Dahlem befand, also in fußläufiger Entfernung von Erna Arnholds Wohnung.
Leider habe ich die letzten Vorträge versäumt. Ich habe mir ein Opernabonnement verschafft, und meine Vorstellungen waren immer am gleichen Tage wie die Vorträge, hoffentlich wird das nicht immer der Fall sein.
Erna Arnhold blieb zeitlebens eine begeisterungsfähige Leserin. Im März 1961 fand sie in der Sonntagsbeilage der Zeitung Die Welt ein humoriges Großstadt-Gedicht des Schriftstellers Walter Kolbenhoff. Es traf offenbar ihren Geschmack. Gemeinsam mit einer Freundin namens Elisabet Proctor schrieb sie am 11. März 1961 einen Brief an die Redaktion, um dem Verfasser des Gedichts ihre „große Bewunderung für dies geistreiche kleine Meisterwerk“ auszudrücken. Das Gedicht lautet:
Im Brennpunkt des Verkehrs
In tausend Jahren dunkelt hier vielleicht ein Wald
und fremde Vögel singen fremde Lieder,
sie seh’n auf unsere Skelette nieder,
die moosbedeckt in Stein und Schutt verkrallt.
Vielleicht auch fliegen bunte Glaspaläste
von hier aus fahrplanmäßig auf den Mond,
die Venus ist zum Wochenend bewohnt,
nachmittags kommen Stratosphärengäste.
Vielleicht auch sitzt, wo jetzt die Fernsprechzelle steht,
ein Kannibale und frißt seinen Vater,
und drüben, vor dem neuen Stadttheater,
versucht ein Tier, wie man auf nur zwei Beinen geht.
08
Leben und Nachleben – Erna Arnholds Vermächtnis
Tod
Erna Arnhold starb am 6. März 1965 in ihrer Heimatstadt Berlin. Ihr Bruder Adolf Grabowsky, der mit seiner Familie in der Schweiz lebte, kümmerte sich um die Bestattung und würdigte seine Schwester in Traueranzeigen und Dankschreiben als Weltreisende, Goetheforscherin und Berlinerin. Viele nahmen Anteil an ihrem Tod.
Andenken
Erna Arnhold war zeitlebens eng vertraut mit ihrem Bruder Adolf Grabowsky. Der Politikwissenschaftler flüchtete 1933 mit seiner Familie vor der NS-Verfolgung in die Schweiz. Nach ihrer eigenen Flucht in die USA sandte Erna Arnhold mehrere Bittschreiben an hochrangige Persönlichkeiten, um auch ihrem Bruder die Ausreise in die Vereinigten Staaten zu ermöglichen – vergeblich. Ihr Bruder blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1969 mit seiner Familie in der Schweiz. Von dort aus kümmerte er sich nach Erna Arnholds Tod am 6. März 1965 um die Trauerangelegenheiten.
Aus Anlass des Hinscheidens meiner Schwester Frau Erna Arnhold, geb. Grabowsky sind mir viele Beileidsbezeugungen und Blumenspenden zugegangen. Die zum Teil ausführlichen Briefe sind von einer ungewöhnlichen Herzlichkeit erfüllt und auch von einem großen Verständnis für den Charakter und die bedeutende Begabung der Verewigten. Ohne Zweifel ist mit ihr eine ausgezeichnete Persönlichkeit geschieden, ein Mensch mit grösster Hingabe an geistige Güter und einer geistigen Aktivität, wie sie selten anzutreffen ist. Mit ihrem Buch Goethes Berliner Beziehungen hat sie nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Goetheliteratur geliefert, sondern hat auch ihre tiefe Verbundenheit mit ihrer Heimatstadt Berlin dokumentiert. Auch ihre vielen kleineren Veröffentlichungen, namentlich die über ihre ausgedehnten Reisen, haben einen Menschen hoher Aufnahmefähigkeit erkennen lassen. Die Verewigte wird nicht allein ihrer Familie fehlen, sondern auch dem weiten Kreis aller derer, die ihr nahestanden und die sie um sich versammelt hat. Wir nehmen Abschied von ihr mit dem Gelöbnis, in ihrem, der Völkerfreundschaft gewidmeten Sinn zu leben und zu wirken.
Erna Arnhold (1881–1965)
Bald nach ihrem Tod fiel Erna Arnhold dem Vergessen anheim. Schon durch die NS-Verfolgung und die Flucht in die USA waren viele Spuren ihrer öffentlichen Wirksamkeit verwischt. Nach ihrem Tod verloren diese letzten Spuren sich weiter: In neueren Nachschlagewerken ist sie entweder gar nicht oder mit unvollständigen Angaben erfasst. Der Eintrag zu Erna Arnhold im Deutschen Literatur-Lexikon (2000) zeigt, wie wenig um die Jahrtausendwende noch über sie bekannt war. „Biographische Einzelheiten“ konnten „nicht ermittelt“ werden, wie die Verfasserin Anke Hees erklärt: Festhalten kann sie nur, dass Erna Arnhold „Schriftstellerin“ war und „zuletzt 1934 in Berlin“ lebte.
Diese Ausstellung macht Erna Arnholds Leben und Wirken jetzt erstmals wieder sichtbar. Über hundert Jahre nach der Publikation ihrer großen Studie Goethes Berliner Beziehungen (1925) und sechzig Jahre nach ihrem Tod erinnern wir an eine Berlinerin auf Reisen.