Direkt zum Inhalt

Aus der Feder, mit der Feder

Collagen, Zeichnungen und Gedichte von Annette von Droste-Hülshoff

Johann Joseph Sprick: Annette von Droste-Hülshoff, 1838

Annette von Droste-Hülshoff zum 175. Todestag

Sie war eine der bedeutendsten deutschsprachigen Autorinnen des 19. Jahrhunderts. Heute gilt Annette von Droste-Hülshoff vor allem als Meisterin einer öko-sensiblen Literatur. Als sie am 24. Mai 1848 mit 51 Jahren starb, hinterließ sie nicht nur ein literarisches Œuvre von Weltrang, sondern auch weitgehend unbekannte Collagen, Zeichnungen und Scherenschnitte. Am Leitfaden von Federn und Vögeln stellen wir vor, was die Dichterin zu Papier brachte, indem sie schnitt, klebte, nähte, zeichnete und schrieb.

Burkhard Jüttner: Deutschland. Nordrhein Westfalen. Burg Huelshoff. Geburtsort von Annette Freiin Droste zu Huelshoff, 2004
Seit ihrer Kindheit waren Droste Vögel vertraut. Sie flatterten und zwitscherten im elterlichen Garten auf Burg Hülshoff bei Münster. Federn fielen zu Boden und wurden gesammelt, bearbeitet und verschenkt. Droste kannte auch Artefakte von Vögeln: Beschreibungen und Bilder aus dem prächtig illustrierten Bilderbuch für Kinder (1790–1830) von Friedrich Justin Bertuch.

Unsrer sind Vier / Ich, Feder, Dinte, und Papier

Annette von Droste-Hülshoff: Die Stadt und der Dom. Eine Carricatur des Heiligsten. In: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. I,2. Gedichte zu Lebzeiten. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1997. S. 608–627, hier S. 612. 

Jacob von der Heyden: Handstudien, 1601–1650
Als Droste das Schreiben erlernte, waren Federkiele von Vögeln als Schreibinstrumente in Gebrauch. Seit Jahrhunderten hatte sich der Kiel der Gänsefeder bewährt, obwohl vereinzelt auch Adler- und Truthahnfedern benutzt wurden. Zu Drostes Lebzeiten begann die industrielle Produktion von Schreibfedern aus Stahl, die den Gänsekiel bald ablösen sollten. Der Begriff der Feder als Synonym für Schreibgeräte hat sich aber bis heute erhalten.

Anonym: Porträt von Annette von Droste-Hülshoff nach einer Daguerreotypie, ohne Jahr
Die Schreibfeder war der Grund dafür, dass Federn und Vögel zu Zeichen und Sinnbildern für Dichterinnen und Dichter geworden sind – im Federschwung kommen Hand und Feder, Mensch und Vogel zusammen. Auch Droste beschrieb sich auf diese Weise, so in einem Brief an Levin Schücking vom 8. Januar 1844.

01
Mit fremden Federn geschmückt

Annette von Droste-Hülshoff: Stammbuchblatt für einen unbekannten Empfänger, 1820

Die Collage lässt ein Auge samt Wimpern, Iris und Pupille erkennen. Das extravagante Pfauenauge spricht mehrere Sinne an. Wo das Bild den Blick des Gegenübers sucht, da fordert der Text zum Lesen und Hören auf: „Lieben und nicht sagen, Leiden und nicht klagen, Treu ohne Wanken, Gesundheit in Gedanken. / Hülshoff [den] [am] 20ten September 1820 / Nette“.

Annette von Droste-Hülshoff: Stammbuchblatt für einen unbekannten Empfänger [...]. Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Hs. S. Droste-Hülshoff 2,005. Fol. 1 r.

Annette von Droste-Hülshoff: Stammbuchblatt für Ludowine von Haxthausen, 1820

Droste schuf diese Collage für ihre Tante Ludowine von Haxthausen. Sie ist ebenfalls auf das Jahr 1820 datiert. Links auf dem Papier sind gepresste Blüten, Teile einer Pfauenfeder und weiße Federn aufgenäht, die man bei einem Klick auf die Collage gut erkennt. Sie fügen sich mit einem handschriftlichen Gedichttext zu einem Bild zusammen. Die leuchtenden Farben und die schriftlich erzeugten Umrisse einer Blüte und eines Stängels lassen an ein Veilchengewächs denken: das Stiefmütterchen.

Annette von Droste-Hülshoff: Stammbuchblatt für Ludowine von Haxthausen, 1820

Droste schrieb in der damaligen Kurrentschrift. Ihre Schrift ist hier sehr fein, sauber und regelmäßig. Nur dort, wo wenig Platz zum Schreiben blieb, sieht sie etwas unordentlicher aus. Die Konturen der fünf Blütenblätter bestehen aus fünf Versen. Sie beginnen am Schnittpunkt von Blüte und Stängel und lassen sich im Uhrzeigersinn lesen: „So viel Stern‘ am Himmel stehen / So viel Schäflein als da gehen / Auf dem grünen grünen Feld / So viel Vöglein als da fliegen / Als da hin und wieder fliegen“. Am Stängel wieder angekommen, dreht sich die Richtung der Schrift gegen den Uhrzeigersinn und fällt nach unten ab. „So viel mahl seyst du gegrüßt.“

Annette von Droste-Hülshoff: Stammbuchblatt für Ludowine von Haxthausen [...]. Universitäts- und Landesbibliothek Münster. Hs. S. Droste-Hülshoff 2,003. Fol. 1 r.

Annette von Droste-Hülshoff: ohne Titel [Stammbuchblatt von Maria Anna von Haxthausen], ohne Jahr

Mit Blick auf die Verse kann die Bildlichkeit der Collage auch religiös gedeutet werden. Demnach bilden die vier Pfauenaugen in der Bildmitte ein Kreuz. Es ist das Sinnbild Jesu, des Christentums und zugleich Zentrum des Textes. Ein Strahlenkranz (aus Federästen) und ein Kreis (aus Schriftzeichen) umgeben das Kreuz. In der christlichen Bildtradition entsprechen sie einem Heiligenschein und in der Bildsprache des Gedichts dem „Himmelsbogen“, der um das Ich „gezogen“ ist. Das Innerste der Collage korrespondiert so mit dem Innersten des Subjekts, das sich der Liebe zu Jesus Christus hingibt.

02
Bleistift-Miniaturen

Mag ich nicht mehr lesen, so zeichne ich

Annette von Droste-Hülshoff an Elise Rüdiger [30. Juli 1846]. In: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. X,1. Briefe 1843–1848. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1992. S. 388–393, hier S. 392.

Zeichnungen, Aquarelle, Scherenschnitte: Annette von Droste-Hülshoff schuf Bildwerke, von denen nur wenige erhalten sind. Ein wertvolles Stück befindet sich in Münster: ein Zeichenbuch mit zehn Bleistiftzeichnungen und zwei Scherenschnitten. Drostes bildkünstlerisches Werk ist bislang kaum gewürdigt worden.

Schon mit neun Jahren erhielt sie Zeichenunterricht von einem Maler. Auch später galt ihre Schaffenskraft der Bildenden Kunst. 1834 schrieb sie ihrer Schwester: „[...] ich freue mich darauf Dir diesen Winter allerley auszuschneiden, und auch zu zeichnen und mahlen“. Vielleicht hat sie ihr Zeichenbuch damals begonnen.

Annette von Droste-Hülshoff an Jenny von Laßberg [22. Oktober 1834]. In: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. VIII,1. Briefe 1805–1838. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1987. S. 146–149, hier S. 147.

Annette von Droste-Hülshoff: Schuber des Zeichenbuchs, ohne Jahr
Annette von Droste-Hülshoff: Schuber und Einband des Zeichenbuchs, ohne Jahr

Interessant ist das kleine Format. Drostes Zeichenbuch ist nur 6,8 cm breit und 10,2 cm hoch. Damit ist es nur wenig größer als eine Chipkarte, zum Beispiel eine Bank- oder Mensakarte. Der Schuber, der das Zeichenbuch umschließt, fällt nur wenig größer aus.

Annette von Droste-Hülshoff: Zeichenbuch aufgeschlagen, ohne Jahr

Droste hat ihr Zeichenbuch mit Miniaturen gefüllt. Die Bleistiftzeichnungen sind so klein, dass sie auf einer Chipkarte Platz finden würden. Wahrscheinlich nahm die Dichterin beim Zeichnen eine Lupe zur Hilfe. Außerdem ist überliefert, dass sie höhergradig kurzsichtig war.

03
Mit der Schere zeichnen

Annette von Droste-Hülshoff: ohne Titel [Waldkapelle mit Kruzifix], ohne Jahr

Die letzte künstlerische Darstellung in Drostes Zeichenbuch ist dieser Scherenschnitt. Auf einem erdig anmutenden Grund scheint eine Treppe zu einem Gotteshaus zu führen. Am Wegrand sind Bäume und ein Flurkreuz zu sehen. Bei einem Klick auf das Schnittbild wird deutlich, wie plastisch Droste es gestaltet hat. Es suggeriert in der Vergrößerung eine verblüffende Räumlichkeit. Die Äste und Blätter erinnern durch ihre schwunghafte Schnittführung an Federn.

04
Gedichte aus Drostes Feder

Annette von Droste-Hülshoff: Gedichte. Stuttgart und Tübingen, 1844

In Drostes Literatur sind Vögel prominent vertreten. Ihr ornithologisches Interesse springt regelrecht ins Auge. Es zeigt sich in zahlreichen Gedichten und ist nicht etwa auf exotische Vögel beschränkt, sondern richtet sich vor allem auf heimische Vögel: In Gedichten wie Die Lerche und Die Krähen sind sie die Titelhelden. Die häufige Verwendung des Vogelmotivs zeigt eine tiefe Verbundenheit mit der Natur und dem Leben. Außerdem eröffnet die Verbindung des Vogels mit der Dichtkunst die Möglichkeit, den Schreibprozess in der Lyrik selbst zu thematisieren.

So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor, / Wie‘ s musizirt aus grünem Haid hervor.

Annette von Droste-Hülshoff: Die Lerche. In: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. I,1. Gedichte zu Lebzeiten. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1985. S. 33–35, hier S. 34, Verse 61–62.

05
Mit der Feder aus der Bank

20 DM-Banknote der Serie BBK3 (Rückseite), 1992

Nach ihrem Tod wurde Droste berühmt und gewürdigt, sogar geldlich. Als die Deutsche Bundesbank 1990 beschloss, neue Geldscheine herauszugeben, bekam Droste den Zwanzigmarkschein. Auf der Rückseite kreuzt eine übergroße, horizontal ausgerichtete Feder den vertikal aufragenden Stamm einer Buche. Der Geldschein ist also symbolisch codiert. Im Zeichen des Kreuzes, das auf das Christentum anspielt, kommen die Feder als Symbol für Autorschaft und die Buche als Symbol für Drostes Literatur zusammen. Die Buche verweist auf Drostes bekanntesten literarischen Text, die Kriminalnovelle Die Judenbuche (1842). Sie erzählt von Kapitalverbrechen wie Totschlag und Mord und von einer mörderischen Umweltzerstörung. Dabei werden auch Probleme der damaligen Rechtsvielfalt angesprochen.

20 DM-Banknote der Serie BBK3 (Vorderseite), 1992

Die Vorderseite zeigt Droste als junge Frau in Anlehnung an ihr Portrait des Malers Wilhelm Stiehl aus dem Jahr 1820. Im Hintergrund ist Meersburg zu sehen, wo sie 1848 starb, während ein vorgelagerter Lorbeerzweig symbolisch auf ihren Ruhm als Dichterin verweist. Die Banknote wurde von dem Grafiker Reinhold Gerstetter gestaltet.

Johann Joseph Sprick: Porträt der Annette von Droste-Hülshoff, 1838

Mit Einführung des Euro im Jahr 2002 verschwand Droste für 20 Jahre aus den Geldbörsen. Seit 2022 kann sie aber samt Federn und Vögeln wieder im Portemonnaie Platz nehmen. Anlässlich ihres 225. Geburtstags ließ die Bundesregierung eine Zwanzig-Euro-Sammlermünze mit Drostes Portrait prägen. Von der Stuttgarter Schmuckdesignerin Anna Auras entworfen, zitiert die Münze dieses Gemälde von Johann Joseph Sprick.

Hans-Jürgen Fuchs: 225. Geburtstag Annette von Droste-Hülshoff / 20-Euro-Sammlermünze, 2021

Kopf oder Zahl? Die Bildseite (Kopf) zeigt die Dichterin ähnlich wie in Spricks Portrait, jedoch mit wehenden Haaren. Eine poetische Entsprechung birgt ihr Gedicht Am Thurme (1842), wo ein Ich sein Haar dem Spiel des Windes überlässt. Mit dem fliegenden Vogel verweist die Münze auf zentrale Motive von Drostes Schaffen – Vögel und Federn prägen ihre Literatur, Zeichnungen und Collagen. Dass auf der Wertseite (Zahl) ein geflügelter und gefiederter Adler zu sehen ist, fügt sich bestens in den Kontext dieser Ausstellung.

Ich wollte wir könnten unsern Nachruhm wie einen Pfauenschweif hinter uns ausbreiten und beäugeln

Annette von Droste-Hülshoff an Levin Schücking [11. Mai 1843]. In: Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Bd. X,1. Briefe 1843–1848. Hrsg. von Winfried Woesler. Tübingen: Niemeyer 1992. S. 43–50, hier S. 44.

Willy Pragher: Hamburg: Pfau schlägt Rad, 1963