Ankunft im Unbekannten.
Flüchtlinge und Vertriebene im Lemgo der Nachkriegszeit (1945-1949).
Eine virtuelle Ausstellung von
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Fluchtgeschichten
Seit dem Winter 1944/45 floh die deutsche Bevölkerung aus Ostpreußen, Schlesien und später Pommern aus Angst vor Vergeltung vor der vorrückenden sowjetischen Armee: Im Juni 1941 hatte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen, Städte und Dörfer zerstört und hunderttausende Zivilisten ermordet. Nach Kriegsende wurden weitere Menschen aus den deutschen Siedlungsgebieten, u.a. dem Sudentenland, Böhmen und Mähren, systematisch vertrieben oder zwangsumgesiedelt. Bis zu 14 Millionen Menschen waren in dieser Zeit auf der Flucht, Hunderttausende verloren dabei ihr Leben. Wichtig ist an dieser Stelle nicht zu vergessen, was gerne verdrängt wird: ohne die nationalsozialistischen Verbrechen hätte es die Vertreibungen aus den ehemaligen deutschen „Ostgebieten“ nicht gegeben.
Während des gesamten Krieges wurden durch die NS-Machthaber Durchhalteparolen und Propaganda an die Bevölkerung ausgegeben. Unter anderem sollte hiermit die Angst vor dem Bolschewismus geschürt werden. Besonders zum Kriegsende hin, während die sowjetische Armee vorrückte, wollten die Nationalsozialisten deutlich zeigen, was der Bevölkerung bei einer Kriegsniederlage drohe. Weil das Eingeständnis einer solchen nicht infrage kam, war aber jede Flucht strengstens und unter Strafe verboten, sodass die deutsche Bevölkerung in den "Ostgebieten" viel zu spät aufbrechen konnte. Die Flüchtlinge wurden nicht selten von der Front eingeholt, überrollt und gerieten in Kampfhandlungen.
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Ankunft
Ankunft in Lippe
Erste Station für die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den Ostgebieten, die mit dem Zug ankamen, war in Lippe oft Detmold. Zwischen Herbst 1945 und Sommer 1946 trafen dort fast 20.000 heimatlose Menschen ein. Personen, die dem Kreis Detmold zugeteilt wurden, kamen zunächst zumeist im Flüchtlingsdurchgangslager in der Werre-Kaserne unter. Im Kreis Lemgo war vor allem das Auffanglager Grevenmarsch erste Anlaufstelle. Von den Durchgangslagern wurden die Flüchtlinge dann weiter verteilt.
Von Marienborn wurden wir in einem Personenzug bis nach Detmold gebracht. In Detmold war ein Auffangslager [sic]. Von hieraus wurden wir in die Ortschaften verteilt
In allen namhaften Lemgoer Betrieben waren während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter eingesetzt gewesen. Die Baracken, die man für diese errichtet hatte, wurden nun an die Stadt Lemgo vermietet und für die Unterbringung der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen zur Verfügung gestellt.
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Wohnen und Unterbringung
Ein Dach über dem Kopfe zu haben war für uns sehr viel. Wir waren neun Personen: mein Mann, ich, eine halberwachsene Tochter, zwei Schwägerinnen, vier halbwüchsige Kinder […] Auf 35 qm Wohnfläche leben und wohnen wir; mein Sohn schläft im Sommer auf dem Boden […]. Trotz mehrfacher Anträge, für mich und meine Familie eine Wohnung zu bekommen, sind wir immer noch nicht erhört worden.
Nach der Währungsreform 1948 wurde der Neu- und Ausbau von Wohnungen durch staatliche und kommunale Kredite gefördert. So hoffte man, endlich Abhilfe bei der allgemeinen Wohnungsnot schaffen zu können. In Lemgo wurden Baugrundstücke bereitgestellt und erschlossen. Der Siedlungsbau war ein vorherrschendes Thema. Neben dem Stadtkern entstanden in Lemgo zahlreiche Kleinsiedlungen mit typisierten Siedlungshäusern, die die zukünftigen Eigentümer oft in Eigenleistung errichteten. Unter den Bauherren waren auch zahlreiche Ostvertriebene.
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Versorgung
Die finanzielle Lage der meisten Flüchtlinge und Vertriebenen war, zumindest in der ersten Zeit nach der Ankunft in Lippe besorgniserregend. Es bedurfte sofortiger Hilfemaßnahmen durch die örtlichen Verwaltungen.
Die folgende Bildergalerie gibt einen Überblick über die Verteilung von Bedarfsgütern an Vertriebene in einigen Lemgoer Ortsteilen.
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Alltag und Integration
Die Integration der Flüchtlinge aus dem Osten verlief vor allem in der unmittelbaren Nachkriegszeit nicht ohne Probleme und Konflikte. Zwar handelte es sich bei den Neuankömmlingen um Deutsche, doch von einer Willkommenskultur kann keine Rede sein. Nicht selten hörte man Schimpfworte wie „Polacken“ oder „Rucksackdeutsche“. Erst als die Wirtschaft sich in den 1950er Jahren langsam erholte, nahmen auch die Vorbehalte ab.
Lippe war bezüglich der Aufnahme von Evakuierten und Flüchtlingen im Vergleich zu den Regierungsbezirken Münster, Minden und Arnsberg die am stärksten belegte Region. Im Frühjahr 1947 machten Evakuierte und Flüchtlinge hier zusammen ein Drittel der Bevölkerung aus. Viele Einheimische sahen diesen Bevölkerungszuwachs als belastend an und begegneten den Neuankömmlingen oftmals mit Vorbehalten.
Dass zumindest in der Anfangszeit offenbar wenig Entgegenkommen von der ansässigen Bevölkerung kam, zeigt dieses Schreiben des Oberkreisdirektors des Kreises Lemgo an die Stadt- und Dorfgemeinden des Kreises von Mai 1946. Offenbar wurden Flüchtlinge und Vertriebene in den ortsansässigen Kaufläden und Handwerksbetrieben nicht selten abgewiesen und konnten kaum mit Unterstützung rechnen.
Nicht nur Privatpersonen empfanden den Zustrom der Fremden als belastend. Auch in den Verwaltungsakten gibt es Beschwerden von Mitarbeitenden, dass die Arbeitsbelastung aufgrund der vielen Flüchtlinge und weiterer Aufgaben, die die Nachwirkungen des Zweiten Weltkrieges mit sich brachten, nicht mehr zu bewältigen sei. Auch über unberechtigte Beschwerden wurde geklagt.
Allerdings finden sich auch immer wieder Hinweise darauf, dass die Stadtverwaltung in Lemgo wohl eine besonders gut organisierte und sehr bemühte Unterstützung der Flüchtlinge und Vertriebenen leistete. Zum Beispiel wurde besonders zügig Gartenland zur Verfügung gestellt und versucht, besonders viele Bedürftige hierbei zu berücksichtigen.
Den Spannungen und Konflikten, die im Zusammenleben zwischen Einheimischen und Flüchtlingen bzw. Ostvertriebenen auftraten, wollte man in den Verwaltungen mit strukturierten Vermittlungsformen begegnen. So wurden auch im Kreis Lemgo die Gemeinden von der Kreisverwaltung beauftragt, nach dem Flüchtlingsgesetz von 1948, Betreuungsstellen für Flüchtlinge und Vertriebene einzurichten. Dort sollten die Gemeindeflüchtlingsbeiräte Sprechstunden anbieten und die Gemeinden bei der Betreuung der Flüchtlinge unterstützen.
In jeder Gemeinde im Kreis Lemgo gab es außerdem einen Flüchtlingsausschuss, der als Interessenvertretung fungieren sollte. Man legte großen Wert darauf, dass fünfzig Prozent der gewählten Mitglieder Vertriebene waren. So sollte eine direkte Vertretung und ein Mitspracherecht der Betroffenen ermöglicht werden. Personen, die selber Fluchterfahrungen gemacht hatten, kannten die Bedürfnisse und Probleme anderer Betroffener am besten.
Die Möglichkeit Interessenverbände zu gründen, gab es für die Vertriebenen zunächst nicht, da durch die Militärregierung, aus nachvollziehbaren Gründen, ein Vereinsverbot erlassen worden war.
1948 wurde das Verbot für Vereine Vertriebener durch die britische Militärregierung aufgehoben, sodass sich nun auch Vertriebenenverbände zusammenschließen konnten. Man organisierte sich entsprechend der Herkunftsregionen der Vertriebenen in Landsmannschaften.
Zunächst standen aufgrund der Notlage vieler Flüchtlingsfamilien vor allem soziale Fragen, zum Beispiel die Unterbringung oder berufliche Eingliederung, im Mittelpunkt. Hilfestellungen gaben die Verbände auch bezüglich der Antragstellung für den Lastenausgleich oder Flüchtlingsausweise, oder waren Vermittlungsstelle zwischen Vertriebenen und Behörden. Darüber hinaus trat man für heimatpolitische Belange und die Bewahrung des kulturellen Erbes ein.
Heute sind die meisten dieser regionalen Verbände im Bund der Vertriebenen – Vereinigte Landmannschaften und Landesverbände e.V. (BdV) zusammengeschlossen. Es handelt sich um den einzigen repräsentativen Verband jener geflüchteten und vertriebenen Deutschen, die in der Bundesrepublik aufgenommen wurden.
Die Landsmannschaften im Kreis Lemgo gaben früh ihre Eigenständigkeit auf und traten dem BdV bei, da man sich vom Zusammenschluss eine erfolgreiche Zusammenarbeit, eine bessere Organisation und mehr Reichweite erhoffte. Der Kreisverband Lemgo wurde dann auch zum Träger des sog. „Volksbildungswerks deutscher Osten“. Organisiert wurden hier vor allem heimatkundliche (Lichtbild-)Vorträge über die ehemaligen deutschen "Ostgebiete", aber auch zu Lippe. So erhoffte man sich, die Bevölkerung trotz verschiedener Vorgeschichten einander näher zu bringen und die Probleme des jeweils anderen besser zu verstehen. Ebenfalls auf der Tagesordnung standen Veranstaltungen zu Brauchtum, Volkstanz und Volksliedern oder Lesungen aus Werken ostdeutscher Schriftsteller.
Das Interesse an Mitgliedschaften in den Landsmannschaften wurde mit der Zeit weniger und die Vereine lösten sich im Lemgo auf.
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Ausblick
Mit dem Wirtschaftswunder gingen die Spannungen zwischen der einheimischen Bevölkerung und den Vertriebenen zurück. Finanzielle Entschädigungen durch den Lastenausgleich und eine klare Regelung zu den Rechten der Flüchtlinge durch das 1953 eingeführte Bundesvertriebenengesetz (BVFG) entspannten die Lage zusehends. Auch die Möglichkeit ein Eigenheim zu bauen, förderte bei vielen Flüchtlingen und Vertriebenen das Gefühl, endlich angekommen zu sein.