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FLUGHAFEN TEMPELHOF

Architektur- und Bauzeichnungen aus den Jahren 1936 bis 1963

Die Schließung des Flughafen Tempelhof hinterlässt nicht nur ein weites Feld inmitten Berlins und ein Baudenkmal enormer Ausmaße, sondern auch ein beachtliches Bauarchiv. Nach Beendigung des Flugbetriebs im Oktober 2008 wurde es von der 1924 gegründeten Berliner Flughafengesellschaft zurückgelassen. Die folgende Ausstellung zeigt eine kleine Auswahl des mehrere tausend Bauzeichnungen umfassenden Bestands und stellt dabei drei zentrale Bauabschnitte in der Genese des Ortes in den Fokus.

Der Neubau des Flughafengebäudes (1936-1944) erfolgte in der Zeit des Nationalsozialismus unter der Bauherrschaft des Reichsluftfahrtministeriums, wobei der monumentale Bau auch propagandistische Funktion hatte. In den Nachkriegsjahren beauftragte der Berliner Magistrat mit Erlaubnis der alliierten Besatzungsmächte den seitlichen Anbau einer kleinen Abfertigungshalle (1959-1951), um erstmals einen Zivilflughafen in dem Gebäude betreiben zu können. Mit der Instandsetzung der großen Abfertigungshalle (1959-1963) wurde erst 23 Jahre nach Baubeginn das Herzstück der gesamten Anlage eröffnet. Als Bauherr agierte diesmal die Bundesrepublik.

Die gezeigten Bauzeichnungen haben folglich auch unterschiedliche Urheber. Der größte Teil wurde von Mitarbeitenden der ‚Neubauleitung Flughafen Tempelhof‘ unter Leitung Ernst Sagebiels geschaffen. Die Baupläne für den späteren Anbau wurden in der Bauabteilung der ‚Berliner Flughafengesellschaft‘ erstellt. Die Zeichnungen für den Ausbau der zentralen Gebäudeteile wie wir sie heute kennen, wurden vom ‚Bauamt Süd der Sondervermögens- und Bauabteilung‘ angefertigt.

01
Prestigeprojekt einer ‚Welthauptstadt‘

Die Baugeschichte des Flughafen Tempelhof begann 1923 mit wenig imposanten Holzbaracken, die von den Fluggesellschaften Aero Lloyd und Junkers vorfinanziert waren. Nach Gründung der Berliner Flughafengesellschaft im darauffolgenden Jahr folgte der Bau des ersten Flughafengebäudes. Dieser Vorgängerbau, auch ‚alter Flughafen‘ genannt, wurde im Verlauf der späten 1920er und frühen 1930er Jahre beständig ausgebaut, um den rasant steigenden Passagierzahlen gerecht zu werden. Dennoch wurde ein größerer Neubau bald unausweichlich und die Berliner Flughafengesellschaft beauftragte den freiberuflichen Architekten Heinrich Kosina mit ersten Entwürfen.

Spätestens 1934 weckte der geplante Flughafenneubau aber auch das Interesse von Adolf Hitler, der von einer Neugestaltung Berlins als Welthauptstadt träumte. An die in diesem Kontext geplante Prachtstraße der Nord-Süd-Achse sollte auch der Flughafen angebunden werden. Zunächst kommunizierte Hitler seine Vorstellungen noch mit der Berliner Flughafengesellschaft. Am 20. Juli 1935 wurde ihr die Zuständigkeit für das Projekt jedoch entzogen. Als Bauherr agierte fortan das Reichsluftfahrtministerium unter Hermann Göring. Die Entwurfsverantwortung wurde dem dortigen Leiter der ‚Abteilung für Sonderaufgaben‘ Ernst Sagebiel übertragen.

Neubauleitung Flughafen Tempelhof 1936-1944

Sagebiel stand fortan einer neugegründeten Abteilung namens ‚Neubauleitung Flughafen Tempelhof‘ vor, die für die Planung des prestigeträchtigen Gebäudes verantwortlich war. Zwischenzeitlich arbeiteten rund 150 Mitarbeiter für die eigens gegründete Baubehörde. Sie war unterteilt in ein in der Mohrenstraße ansässiges Entwurfsbüro und in ein Baubüro, das in einer eigens errichteten Baracke auf der Baustelle untergebracht war. Die hier entstandenen Bauzeichnungen blieben nahezu vollständig erhalten und dokumentieren unterschiedliche Planungsstände zwischen 1936 bis 1944. Obwohl mit Kriegsbeginn ein Baustopp verhängt wurde und die Baustelle zum Erliegen kam, wurde insbesondere an der Innenausstattung stetig weitergezeichnet.

02
Monumentalität des Fluggastbereichs

Flugreisende hätten nur einen vergleichsweise kleinen Bereich des gigantischen Flughafengebäudes erlebt, der sich auf die zentralen Bauteile konzentrierte. Sie stellten das Kernelement des Gesamtentwurfs dar und wurden besonders monumental und eindrucksvoll gestaltet. Nach Hitlers Vorstellung hatten repräsentative Bauten möglichst gewaltig zu sein, um bei der ‚Volksgemeinschaft‘ ein Gefühl der Größe der eigenen Rasse zu erzeugen. Ganz der Architekturideologie der NS-Zeit entsprechend sollten sich Besucherinnen und Besucher bereits beim Eintreten in den Flughafen klein und überwältigt fühlen.

Der Fluggastbereich war als dramatische Abfolge monumentaler Räume inszeniert und die Bauzeichnungen lassen den beabsichtigten Raumeindruck eindrücklich nachvollziehen.  Ankommende gelangten vom Kreisplatz zunächst auf einen von Läden umsäumten Ehrenhof. Von dort traten sie durch den Haupteingang in eine gigantische Empfangshalle, um über eine breite Treppe die nicht weniger beindruckende Abfertigungshalle zu erreichen. Nach der Gepäckabgabe wurden sie zum Flugsteig geleitet, um in separierten Wartebereichen Platz zu nehmen. Hier hatten sie freien Blick auf die Flugsteighalle unter dem gigantischen Stahldach. Das Rollfeld erreichten sie über eine von zwanzig Einzeltreppen, sobald ihr Flugzeug bereitgestanden hätte.

03
Entwürfe während des Krieges

1936 wurde mit dem Bau des Flughafens begonnen, die Bauarbeiten gingen zunächst zügig voran. Zwei Jahre später waren die Verwaltungsbauten um den Kreisplatz nahezu fertig und wurden bereits von der Berliner Flughafengesellschaft, der Deutschen Lufthansa und Hansa Luftbild bezogen. Mit Kriegsbeginn kam der Bauprozess aber zum Erliegen, die restlichen Teile des Gebäudes blieben weitestgehend im Rohbauzustand.

 

Dennoch wurde in der Neubauleitung fleißig weitergeplant, wobei sich die Art der Zeichnungen immer weiter von den Entwurfsidealen der Moderne entfernten und immer neoklassizistischere Züge annahm. Entstanden sind in dieser Zeit unter anderem Bauzeichnungen für die Etagen über der großen Abfertigungshalle. Dort hätte sich eine Gaststätte mit Dachterrasse befinden sollen sowie ein innenliegender Dachgarten, der umsäumt war von zwei Speisesälen, einem Bankettsaal, einem Tanzsaal und einer Bar.

 

Diese geplanten Veranstaltungsflächen sollten über separate Seiteneingänge erreichbar sein und hätten damit temporär vom Fluggastbereich abgetrennt werden können. Die Außenfassade lässt eine solche Nutzung nicht vermuten. Es scheint vielmehr so, als erstrecke sich die Abfertigungshalle über die volle Höhe des Gebäudes. In der baulichen Struktur war damit die Möglichkeit angelegt, hier abgeschirmt von der Außenwelt und unbeobachtet von Flugpassagieren rauschende Feste zu feiern. Ob dies tatsächlich intendiert war, bleibt aber Spekulation, denn Schriftquellen zum Zweck dieser Flächen sind nicht bekannt.

 

04
Luftwaffenstützpunkt und Rüstungsindustrie

Die Planungen der NS-Zeit wurden nie vollständig umgesetzt. Mit Kriegsbeginn wurden Baumaterialen zur Mangelware und jegliche zivile Bautätigkeit musste eingestellt werden. An eine Eröffnung war in naher Zukunft nicht mehr zu denken, als aktiver Flughafen fungierte weiterhin der Vorgängerbau. Stattdessen erteilte das Reichsluftfahrtministerium die Anweisung, die Räumlichkeiten notdürftig herzustellen, um sie für die Produktion von Kriegsflugzeugen vorzubereiten.

1940 belegten Lufthansa AG und Weser Flugzeugbau GmbH alle Hangars. Sie richteten Werkstätten für die Flugzeugmontage ein, wo tausende von Zwangsarbeitern schuften mussten, die in Barackenlagern auf dem Fluggelände hausten. Ab 1942 wurde auch der Sturzkampfbomber Ju 87 im Flughafen produziert. Zu diesem Zweck verschwand die offene Flugsteighalle hinter einem Bretterverschlag und die elegante Abfertigungshalle wurde zur Fabrikhalle umfunktioniert. Eine Fertigungsstraße für die Reparatur des Jagdfliegers Fw 190 wurde im darunterliegenden Eisenbahntunnel eingerichtet.

Über die Nutzung des Flughafengebäudes in den 1940er Jahren geben die Bauzeichnungen der Neubauleitung keinerlei Auskunft. An dieser Stelle ist aber ein Blick in die Plankammer der Berliner Flughafengesellschaft aufschlussreich.

Berliner Flughafen GmbH 1924-2008

Die 1924 gegründete Berliner Flughafengesellschaft verantwortete im Auftrag der Stadt Berlin den Bau und Betrieb des sogenannten ‚alten‘ Flughafens. Nachdem ihr das Reichsluftfahrtministerium 1935 die Planungshoheit für den Neubau entzogen hatte, oblag ihr weiterhin der Betrieb des Vorgängerbaus, der bis Kriegsende als Luftwaffenstützpunkt genutzten wurde.

Bezüglich des Neubaus war die Berliner Flughafengesellschaft zuständig für die Vermietung von Flächen und die Sicherung des Geländes, auch verfolgte sie den Baufortschritt des Bauprojekts. Entsprechend hatte sie eine Art Beobachterfunktion inne, wodurch die von ihr angefertigten Übersichtspläne allerlei Informationen enthalten.

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Kriegsende und Neubeginn

Am 22. April 1945 verließen die letzten Maschinen den Flughafen in Richtung Travemünde und München. Wenige Tage später besetzte die Rote Armee den Bezirk Tempelhof und befreite die Zwangsarbeiter des Luftrüstungszentrums am Flughafen. Am 2. Mai wurde die sowjetische Flagge über dem Haupteingang gehisst. Zwei Monate später wurde das gesamte Areal von US-amerikanischen Truppen übernommen.

Mitarbeitende der Berliner Flughafengesellschaft waren noch immer vor Ort. Von der US-amerikanischen Besatzungsmacht zunächst zur Wirtschaftsstelle degradiert, zeichnete sich die Gesellschaft während der Luftbrücke 1948/49 als verlässlicher Partner bei der Instandsetzung des Gebäudes und dem Bau neuer Landebahnen aus.

Auch als Resultat dieser erfolgreichen Zusammenarbeit gestattete der High Commissioner for Germany (HICOG) 1950 die Einrichtung eines kleinen zivilen Abfertigungsbereichs in einem Seitentrakt des Flughafens. Die bauliche Umsetzung wurde der nun rehabilitierten Berliner Flughafengesellschaft übertragen. Am 9. Juli 1951 wurde der bescheidene Anbau feierlich eröffnet. Zwölf Jahre lang war hier die erste zivile Abfertigung im nicht mehr ganz so neuen Flughafen untergebracht.

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Fliegen in der geteilten Stadt

Der größte Teil des Flughafens blieb militärisches Sperrgebiet und das Nebeneinander von Militärflughafen und Zivilflughafen blieb für Tempelhof prägend. 1959 gab die U.S. Air Force jedoch Ehrenhof, Empfangshalle, Abfertigungshalle und Flugsteig für die zivile Nutzung frei und zog sich damit aus den zentralen Gebäudeteilen zurück. Dies galt jedoch nur für die unteren Etagen. Der klandestine Charakter der darüberliegenden Ebenen war auch den Amerikanern nicht verborgen geblieben. Unbeobachtet von der Außenwelt wurde hier Basketball, Bowling, Billard und Tischtennis gespielt. Und im mittig gelegenen früheren Dachgarten wurde eine Geheimdienstzentrale eingerichtet.

 

Mit den Instandsetzungsarbeiten der zentralen Bauteile als Vorbereitung für eine zivile Nutzung wurde 1959 begonnen, doch die Bundesregierung verhing schon im Folgejahr einen Baustopp. Mit dem Umzug der Air France nach Tegel Anfang 1960 kamen Zweifel an dem Bauprojekt auf. Auch war bereits absehbar, dass die Tempelhofer Start- und Landebahnen für die kommende Generation an Flugzeugen unzureichend sein würde. Es schien fragwürdig, ob eine Investition in den Ausbau des Tempelhofer Flughafens noch lohnend sei. Weitergebaut wurde letztlich dennoch, nun aber unter neuer Planungshoheit. Ein zweites Mal in der Geschichte der Berliner Flughafengesellschaft wurde ihr die Verantwortung für ein prestigeträchtiges Bauprojekt aus der Hand genommen.

 

Bauamt Süd der Sondervermögens- und Bauverwaltung 1950-1993

Seit 1950 wurden Baumaßnahmen für den militärischen Teil des Flughafens vom ‚Bauamt Süd‘ verantwortet, das für Bauprojekte der Besatzungsmächte im Berliner Süden zuständig war. Formal handelte es sich um eine Landesdienststelle, sachlich war sie jedoch dem Bundesministerium für Finanzen unterstellt. Dank einer Sondervereinbarung projektierte das Bauamt Süd auch die Instandsetzung der zentralen Gebäudeteile für die zivile Abfertigung Anfang der 1960er Jahre.

Die Bauzeichnungen der Neubauleitung, der Berliner Flughafengesellschaft und des Bauamts Süd aus den Jahren 1936 bis 1963 nehmen uns mit auf eine Reise vom Baubeginn bis zur Eröffnung des Restaurants in der großen Abfertigungshalle. Viele Jahrzehnte mussten vergehen, bevor der Flughafen in den 1960er Jahren seiner eigentlichen Bestimmung zugeführt werden konnte und die imposante Haupthalle zugänglich wurde.

Bis dahin hatte sie bereits einige Umbauten erfahren und war die ursprüngliche Bausubstanz schon längst wieder überformt worden – sei es für die Einrichtung einer Rüstungsproduktionsstätte, durch die Sprengung des Fußbodens in den Wirren der letzten Kriegstage oder durch die Instandsetzungsarbeiten der 1960er Jahre. Ein Großteil der einzelnen, hier illustrierten Bauphasen sind im Bau selbst kaum noch zu entdecken. Umso wichtiger ist es, das kulturelle Erbe der Bauzeichnungen zu bewahren, um das Wissen darum verfügbar machen zu können.