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Forget it?!

Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung

Forget it?!

Zukünfte und Geschichten der Wissensspeicherung

Wissen speichern

Eine der größten menschlichen Errungenschaften ist die Speicherung von Wissen. Ohne sie wäre kultureller und technischer Fortschritt undenkbar. Die Mittel der Speicherung haben sich in den letzten Jahrtausenden stark verändert. 
Wir wagen eine Zeitreise durch die Geschichte der Wissensspeicherung und blicken anhand ausgewählter Beispiele in ihre Zukunft: vom Hungerstein und Gedächtnisketten in früher Zeit bis hin zu existenziellen Fragen der Atomsemiotik, Bioarchiven, Asservatenkammern und Zeitkapseln und den ersten Versuchen, Wissen auf DNA oder Memristoren zu speichern.

01
Leben und Tod

Leben und Tod

Erinnerung ist für den Menschen überlebenswichtig. Immer und überall haben Menschen daher Wege gesucht, wie 
man die Erinnerung an katastrophale Ereignisse über lange Zeit aufrechterhält. Die Botschaft muss verständlich und 
der Erinnerungsträger beständig sowie imstande sein, das Wissen für Jahrhunderte zu speichern. Hungersteine in der Elbe erinnern bereits seit Jahrhunderten an vergangene Dürreperioden. 
Aber wie stellt man die Erinnerung für die Zukunft her? Der Atommüll, den wir produzieren, wird länger strahlen als 
jede Sprache, mit der man vor ihm warnen kann. Daher ist es erforderlich, von Generation zu Generation dafür zu sorgen, 
dass die Lagerstätten von Atommüll auch in ferner Zukunft noch erinnert werden. Nur, wie stellt man das an?

Uncensored Library

Wie informiert man sich in Ländern, in denen staatliche Zensur unabhängige Medienarbeit unmöglich macht? In denen das Löschen und Vergessen zur staatlich diktierten Propaganda wird? 
Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat in dem Computerspiel Minecraft eine Bibliothek erbaut: die „Uncensored Library“. Das virtuelle Gebäude kann überall online betreten werden – auch in Ländern, in denen die Meinungsfreiheit von staatlicher Zensur beschnitten wird. Artikel und Bücher von Journalist*innen, die unter Publikationsverbot stehen, werden dort online gespeichert.

02
Arche Noah oder: Archive der Zukunft

Versprechen an die Zukunft

Archive sind mehr als bloße Speicher – sie sind Versprechen an die Zukunft. Manche entstehen absichtsvoll, als sorgfältig geplante Sammelstätten von Wissen. Andere bilden sich zufällig: Spuren, Reste, Ablagerungen, die erst später als Archiv erkannt werden. Ob bewusst geschaffen oder zufällig gewachsen – stets geht es um die Frage, was bleibt. 

Die Archive der Zukunft sind dabei keine starren Tresore, sondern wandelbare Arche Noahs: Sie bewahren, ordnen neu, übersetzen und öffnen Zugänge. Sie verbinden Fragmente der Vergangenheit mit Projektionen des Kommenden und halten die Möglichkeit offen, dass Menschen in anderen Jahrhunderten unsere Stimmen, Bilder und Gedanken noch einmal aufgreifen können.

Golden Voyager Record

1977 starten die Raumsonden „Voyager 1“ und „Voyager 2“. Mit an Bord ist jeweils ein Exemplar der Golden Voyager Record, die Grüße in 55 Sprachen und 90 Minuten ausgewählter Musik enthält. Die Auswahl reicht von traditionellen Gesängen über Beethovens 5. Sinfonie bis zu Chuck Berry und Babygeschrei. Sofern die Raumsonden nicht in ein Schwarzes Loch fallen oder von anderen kosmischen Objekten zerstört werden, sind diese Records in 500 Millionen Jahren die vielleicht letzten Beweise, dass es uns gegeben hat.

03
Gene, Speicher, Mensch-Maschine

Alles nur Science Fiction?

Speicher sind nicht nur technische Medien oder biologische Grundlagen – sie entstehen im Zusammenspiel von Mensch und Maschine. Gene lassen sich als Code lesen, DNA wird zum Datenträger und Materialien wie Memristoren vereinen Rechen- und Gedächtnisprozesse. Daraus wächst eine neue Gedächtnislandschaft, in der Leben und Technik ineinandergreifen.

Das Konzept der Mensch-Maschine wird zu Beginn des 19. Jahrhunderts erstmals greifbar und ist seitdem fester Bestandteil von Science Fiction. Zugleich stellen die neuen Speicher- und Lebensformen uns vor drängende Fragen: Wem gehören diese Speicher? Welche Spuren wollen wir festhalten und wie schützen wir sie vor Manipulation oder Vergessen?

04
Identität: Erinnern und Vergessen

Persönliche Dimensionen des Erinnerns

Oft wird Erinnerung zur öffentlichen Angelegenheit. Dabei betrifft die Wechselbeziehung zwischen Erinnern und Vergessen den Kern unserer persönlichen Identität. Wer nichts mehr vergessen oder sich an nichts mehr erinnern kann, erfährt schmerzhaft, wie elementar diese Fähigkeiten für das eigene Selbst sind. Und auch das Erinnern und Vergessen der anderen an die eigene Person beschäftigt den Menschen seit jeher. Dem Wunsch, in der Erinnerung ewig zu leben, begegnen gegenwärtig ungeahnte technische Möglichkeiten, die unsere ethischen Grenzen vor neue Herausforderungen stellen. 

Aschediamanten

Die Erinnerung an Verstorbene ist traditionell an Orte gebunden. Friedhöfe sind Wallfahrtsorte des Trauerns und Gedenkens. Daneben existiert (außerhalb Deutschlands) die Urne als mobiles Ornament. 

Seit einiger Zeit wird das Konzept der mobilen Urne weitergedacht, als sogenannter Aschediamant: Ein Teil der kremierten Überreste wird in Form eines Diamanten gepresst und als Schmuckstück den Hinterbliebenen übergeben und die Erinnerungskultur in den Alltag integriert. Kritiker dieser Praxis argumentieren mit der Unteilbarkeit menschlicher Überreste gegen diese Art der Kommerzialisierung.

Digital Afterlife Industry

Verstorbene als digitale Avatare auferstehen zu lassen – darin sehen immer mehr Unternehmen weltweit ein Geschäftsmodell: Die sogenannte Digital Afterlife Industry verspricht den Hinterbliebenen, mithilfe von Avataren oder Chatbots mit Toten sprechen und interagieren zu können. Basis des Geschäftsmodells sind Anwendungen der Künstlichen Intelligenz. Ihre Voraussetzung: eine hinreichend große Datenmenge über die verstorbene Person. Diese Form der Trauerbewältigung wirft ethische Fragen auf, die an den Kern des Menschseins rühren.

05
Weltwissen in Gefahr

Weltwissen in Gefahr

Lauerten die größten Gefahren für die Speicherung des Weltwissens in der Vergangenheit in Kriegen, Umweltkatastrophen, 
Unfällen oder technischen Pannen, so zeichnet sich derzeit ab, dass Autokratien zu deren Feinden Nummer 1 werden könnten. Ob durch die Löschung von Datenbanken, die flächendeckende Streichung von Geldern für bestimmte Wissenschafts-
zweige oder die Entlassung von Wissenschaftler*innen: Die US-amerikanische Regierung beispielsweis hat in den vergangenen Monaten unter Donald Trump unumkehrbare Schritte getan, Themen wie Klimawandel, Geschlechtergerechtigkeit, 
Gesundheitsversorgung, die Rechte der LGBTQ („Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und Queer“) etc. aus der Öffentlichkeit zu verbannen. Mit verheerenden Folgen.

Error 404

Das Skelett ist seit Entstehung der Wissenschaften ein Symbol für die Erforschung des menschlichen Lebens. Fehlen Knochen im Skelett, ist augenscheinlich, dass die wissenschaftliche Datenbasis nicht vollständig ist. 

Die Wissensbasis aktueller Forschungsspraktiken besteht vor allem in Datenbanken, bei denen Fehlstellen, Veränderungen, Manipulationen oder Löschungen nicht ohne Weiteres rekonstruiert werden können. Was bedeutet dieses potenziell spurlose Verändern oder Löschen von Daten für das Weltwissen und die Forschung? Droht das Ende der Geschichte, wenn Quellen massenhaft verändert und gelöscht werden, ohne dass Spuren die Eingriffe rekonstruierbar machen? Was bleibt? Error 404?