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„Frag nach!“

Virtuelle Ausstellung zu den digitalen interaktiven Interviews von Inge Auerbacher und Kurt S. Maier

Die Ausstellung "Frag nach!" ist seit September 2023 und noch bis Ende 2027 im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 in Frankfurt zu sehen. Sie erzählt die Lebensgeschichten von Inge Auerbacher (*1934) und Kurt Salomon Maier (*1930). Beide haben den Nationalsozialismus als Kinder erlebt, die antisemitische Verfolgung durch die Nationalsozialisten überlebt und gelangten mit ihren Familien auf unterschiedlichen Wegen ins Exil in die USA.

Das Exilarchiv hat mit den beiden zwei digitale interaktive Interviews erstellt. Nutzer*innen können mit dem Format interagieren, die digitalen Zeitzeugnisse geben - unterstützt durch Künstliche Intelligenz - Antworten auf ihre Fragen.

Die virtuelle Ausstellung zeigt ausgewählte Objekte aus "Frag nach!" und bietet Gelegenheit, die Lebensgeschichten Kurt Salomon Maiers und Inge Auerbachers kennenzulernen. Die Interviews sind für Interessierte vor Ort in Frankfurt sowie auf der Website www.fragnach.org zugänglich (Registrierung erforderlich, das Angebot ist kostenfrei).

Die beiden Interviews sind im Programm "Dimensions in Testimony" der USC Shoah Foundation entstanden. Sie gehören zu den ersten Interviews dieser Art in deutscher Sprache. Das Projekt wurde gefördert im Rahmen des Landesprogramms "Hessen aktiv für Demokratie und gegen Extremismus" (2021) und von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (2021-2024).

Seit dem 27. Januar 2026 wird die Ausstellung zusätzlich in Essen präsentiert. Dort ist sie Teil eines neuen Erinnerungs- und Lernortes auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein. Neben Inge Auerbacher und Kurt S. Maier werden im Rahmen des Projektes HOLO-VOICES, das vom nordrhein-westfälischen Ministerium für Kultur und Wissenschaft initiiert wurde, weitere Zeitzeug*innen vorgestellt.

01
Kindheit in Kippenheim

Inge Auerbacher und Kurt S. Maier wurden im beschaulichen Kippenheim am Rande des Schwarzwaldes geboren. Jüdinnen und Juden lebten dort seit dem 17. Jahrhundert. Viele von ihnen arbeiteten als Geschäftsleute und Viehhändler. Es gab eine Synagoge, jüdische Vereine, eine koschere Metzgerei und einen jüdischen Friedhof.

Mittelpunkt des religiösen Lebens der jüdischen Gemeinde Kippenheim war die Synagoge. Das repräsentative Gebäude war in den Jahren 1850 bis 1852 erbaut worden. Ihre Größe und ihre Lage mitten im Ort zeugen von der rechtlichen Besserstellung jüdischer Gemeinden in Deutschland im Laufe des 19. Jahrhunderts und einem dadurch gewachsenen Selbstbewusstsein. 

Die Familie Maier war eng mit der jüdischen Gemeinde in Kippenheim verbunden. Sie beging die jüdischen Feiertage und lebte koscher. Jeden Freitagabend kam die Familie zusammen, um Schabbat zu feiern. Kurt besuchte mit seinem Vater die Synagoge, während die Mutter zuhause das Schabbatessen vorbereitete.

Auch im Leben der Familie Auerbacher hatte die jüdische Religion einen hohen Stellenwert. Sie besuchten regelmäßig den Schabbatgottesdienst und begingen die jüdischen Feiertage wie Purim, Sukkot oder Chanukka.

Zu Kurts Familie gehörten seine Eltern Siegfried und Charlotte Maier, geb. Auerbacher, außerdem sein Bruder Heinz und die Großeltern Hermann und Sofie Auerbacher. Die Familie bewohnte ein Haus in der Querstraße 46. Dort befand sich auch das „Lädele“, in dem die Mutter Stoffe, Kurzwaren, Schuhe und Lebensmittel anbot. Der Vater reiste als Vertreter im eigenen Auto. Die Eltern mussten ihre beruflichen Tätigkeiten einstellen, nachdem die nationalsozialistische Gesetzgebung als jüdisch Verfolgten 1938 das Autofahren und zum Januar 1939 den Betrieb von Handel verbot. Seit 1936 besuchte Kurt die Volksschule in Kippenheim, zuvor einen evangelischen Kindergarten.

Inge war das einzige Kind von Berthold Auerbacher und seiner Frau Regina, geb. Lauchheimer. Die Großeltern Betty und Max Lauchheimer lebten in Jebenhausen, ca. 200 km entfernt. Sie schenkten Inge die geliebte Puppe Marlene zum zweiten Geburtstag. Bis zu Inges viertem Lebensjahr wohnte die Familie in Kippenheim in der Poststraße, im Mai 1939 zog die Familie nach Jebenhausen zu den Großeltern. Der Vater betrieb einen Textilhandel.

02
Ausgrenzung

1933 wohnten in Kippenheim 1.856 Menschen, 144 davon gehörten der jüdischen Gemeinde an. Das waren knapp 8% und damit deutlich mehr als der Anteil der jüdischen Bevölkerung in Deutschland insgesamt (knapp 1%).  Zahllose antisemitische Gesetze und Verordnungen der Nationalsozialisten schränkten auch in Kippenheim Schritt für Schritt die Rechte von als jüdisch verfolgten Menschen massiv ein: Sie erhielten Berufsverbote und ihre Geschäfte wurden enteignet. Grundlage dafür war die Verabschiedung der sogenannten Nürnberger Gesetze am 15. September 1935: Jüdinnen und Juden galten ab sofort nicht mehr als Reichsbürger mit allen politischen Rechten, sondern als "einfache Staatsangehörige", Eheschließungen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen wurden verboten. Als jüdisch galt, wer drei oder vier jüdische Großeltern hatte; Menschen mit ein oder zwei jüdischen Großeltern galten als "Mischlinge".

In Folge der stärker werdenden Ausgrenzung und Diskriminierung bereiteten viele jüdische Familien die Emigration ins Ausland vor. Doch das war mit bürokratischen und finanziellen Hürden verbunden. Nicht allen, die ausreisen wollten, gelang dies. Aus Kippenheim emigrierten zwischen 1934 und 1940 etwa 75 Personen.

Am 9. und 10. November 1938 zogen gewalttätige Gruppen, Mitglieder verschieder NS-Organisationen, deutschlandweit durch Städte und Dörfer und griffen, teils mit Unterstützung der Bevölkerung, jüdische Häuser und Geschäfte an. In den Pogromen gipfelte der antijüdische Terror des Jahres 1938. Zugleich waren die Ereignisse erst der Anfang - hin zur existenziellen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung.

In Kippenheim wurden die Synagoge und der jüdische Friedhof geschändet. Auch die Wohnhäuser der jüdischen Familien wurden angegriffen. Alle jüdischen Männer des Dorfes wurden am 10. November festgenommen und für mehrere Wochen im Konzentrationslager Dachau inhaftiert.

Wegen der immer stärkeren Ausgrenzung und Entrechtung hatte die Familie Maier seit August 1938 die Ausreise in die USA vorbereitet. Doch die Emigration gelang nicht.

Während des Novemberpogroms wurde das Haus der Familie demoliert. Vater und Großvater wurden nach Dachau verschleppt. Kurt musste die Volksschule verlassen und auf die jüdische Schule in Freiburg wechseln, denn seit dem 15. November 1938 war jüdischen Schülerinnen und Schülern der gemeinsame Schulbesuch mit nicht-jüdischen Kindern verboten.

Auch das Haus der Familie Auerbacher wurde während des Novemberpogroms beschädigt. Inges Vater und Großvater waren für Wochen in Dachau inhaftiert. Wenig später trennten sich die Lebenswege der Familien Maier und Auerbacher.

Im Mai 1939 zog Familie Auerbacher nach Jebenhausen zu den Großeltern. Sie hofften, bald emigrieren zu können – vergeblich. Großvater Max Lauchheimer starb im Mai 1939. Ab 1941 musste Inge die jüdische Schule im entfernten Stuttgart besuchen. Inges Großmutter wurde im Dezember 1941 deportiert. Inge und ihre Eltern mussten in ein Gettohaus in Göppingen umziehen.

Die „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“ trat am 15. September 1941 in Kraft. Sie verpflichtete alle Jüdinnen und Juden ab sechs Jahren zum Tragen eines gelben Sterns auf der Kleidung in der Öffentlichkeit.

Inge Auerbacher war zu diesem Zeitpunkt sechs Jahre alt. Sie trug den Stern daher auch auf ihrem Weg zur jüdischen Schule in Stuttgart. Den Weg dorthin legte sie mit dem Zug ganz allein zurück. 

03
Deportation

Die Deportation der Familie Maier

Am 22. und 23. Oktober 1940, am jüdischen Feiertag Sukkot, wurden auf Initiative der Gauleiter Robert Wagner und Josef Bürckel über 6.500 Jüdinnen und Juden aus der Saarpfalz und aus Baden in das südfranzösische Internierungslager Gurs deportiert. Nur wenigen gelang es, das Lager wieder zu verlassen. Die meisten wurden später von Gurs aus in Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. 

In Kippenheim waren von dieser ersten Massendeportation durch Ordnungs- und Sicherheitspolizei 31 Personen betroffen, darunter die Familie Maier. Es existieren mehrere Fotografien, die das Geschehen zeigen und die 1995 an die Öffentlichkeit kamen. 

Die Deportation der Familie Auerbacher

Familie Auerbacher erhielt Mitte August 1942 einen Bescheid zur "Abwanderung". Sie mussten sich auf dem Killesberg in Stuttgart einfinden, wo sie nach Geld und Wertsachen durchsucht wurden. Unter schlimmen Bedingungen warteten sie bis zum Transport. Ihre Puppe Marlene durfte Inge behalten.

Der Deportationszug verließ Stuttgart am 22. August 1942 und erreichte am Tag darauf Bauschowitz (tschech. Bohušovice) in der Nähe des Gettos Theresienstadt. Von dort aus gingen die Deportierten zu Fuß.

04
Getto und Lager

Das Lager Gurs

Schon bevor die badischen und saarpfälzischen Jüdinnen und Juden deportiert wurden, existierte das Lager Gurs. Es wurde 1939 am Rande der Pyrenäen errichtet. Seit Mitte 1940 unterstand es dem Vichy-Regime, das mit den Nationalsozialisten kollaborierte. Der nördliche Teil Frankreichs war zu dieser Zeit schon von den Deutschen besetzt. 

Nach der Ankunft in Gurs wurde Familie Maier getrennt. Kurt lebte mit seiner Mutter und seiner Großmutter in der Frauenbaracke. Sein älterer Bruder Heinz dagegen war mit dem Vater und dem Großvater in der Männerbaracke untergebracht. Wegen der schlechten medizinischen Versorgung verbreiteten sich schnell Krankheiten und Seuchen. Auch Kurt wurde krank. Sein Großvater starb einen Monat nach der Ankunft.

Kurt S. Maier erinnert sich an ein traumatisches Erlebnis im Lager Gurs

Das Getto Theresienstadt

Ende 1941 richteten die Nationalsozialisten das Getto Theresienstadt (tschech. Terezín) ein. Wie alle Konzentrationslager wurde es von der SS geleitet. Bis 1945 wurden etwa 150.000 Jüdinnen und Juden dorthin deportiert, aus Deutschland vor allem alte Menschen sowie Kriegsversehrte. Rund 35.000 Menschen starben in Theresienstadt. Etwa 88.000 wurden von hier aus weiter nach Osten in Vernichtungslager wie Maly Trostinez und Auschwitz gebracht, wo die meisten von ihnen ermordet wurden. 

In Theresienstadt musste Inge in schlimmen Verhältnissen leben, es war beengt, schmutzig und die Versorgung schlecht. Inge erkrankte im Getto. Wochenlang war sie von ihren Eltern getrennt. Später infizierte sie sich mit Tuberkulose.

Inge Auerbacher erinnert sich an den Hunger im Getto Theresienstadt

05
Rückkehr?

Als Inge und ihre Eltern im Juli 1945 nach Deutschland zurückkamen, lagen drei schreckliche Jahre in Theresienstadt hinter ihnen. Die Großeltern lebten nicht mehr.

Die Auerbachers bezogen eine Wohnung in Göppingen. In ihren Erinnerungen "Ich bin ein Stern" schildert Inge: "Der Bürgermeister lud uns ins Rathaus ein. Als wir dort sein Bürozimmer betraten, fiel Mama sofort der Orientteppich auf: Es war unserer. Auch die Standuhr hatte einen vertrauten Klang. Sie hatte ebenfalls uns gehört. Nach unserer Deportation nach Theresienstadt war unsere gesamte Habe an verschiedene christliche Familien verteilt worden. Einiges davon hatte seinen Weg ins Rathaus gefunden."

Obwohl der Vater als Textilhändler beruflich schnell Fuß fassen konnte und die Familie so ein finanzielles Auskommen hatte, wurden die Auerbachers in der deutschen Nachkriegsgesellschaft nicht mehr heimisch. So verließen sie Deutschland, als sich die Möglichkeit zur Emigration in die USA bot.

Es war ein Kippenheim wie früher, aber Kippenheim ohne Juden.

Kurt S. Maier

Kurt S. Maier kehrte ebenfalls zeitweilig in die frühere Heimat zurück: 1953 kam er als Soldat der US-Armee an seinen Herkunftsort Kippenheim. Das Dorf war zwar äußerlich wenig verändert, aber jüdisches Leben gab es dort nicht mehr.

Bei einem seiner frühen Besuche fotografierte Kurt S. Maier die ehemalige Kippenheimer Synagoge, die für ihn ein wichtiger Ort gewesen war. Sie wurde nun als landwirtschaftliches Warenlager genutzt.

06
Exil

Auf der Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung versuchten viele Menschen in die USA zu gelangen. Aber es war schwer, eine Einreise- und Aufenthaltserlaubnis zu erhalten. Die USA nutzten ein Quotensystem, um die Zahl der Einreisenden zu begrenzen. Aus Deutschland durften 25.975 Menschen pro Jahr ins Land kommen – das reichte bei weitem nicht für alle, die Zuflucht suchten. Zudem wurden die Kontingente nicht immer ausgeschöpft. 

Ungewissheit prägte für die Flüchtenden auch die Zeit bis zur Ankunft im Zufluchtsland. Sowohl Kurt S. Maier als auch Inge Auerbacher überquerten den Atlantik mit dem Schiff. Die Reise dauerte für beide etwa zwei Wochen.

Kurts Weg ins Exil

Kurt und seine Familie reisten im Sommer 1941 auf einem portugiesischen Passagierschiff. Es herrschte Krieg, und wegen der möglichen Angriffe durch feindliche U-Boote war die Überfahrt gefährlich.

Bei Kurts Ankunft in New York 1941 lebten dort ca. 7,5 Millionen Menschen. Der Kontrast zwischen der pulsierenden Großstadt mit Wolkenkratzern und U-Bahn gegenüber dem ländlichen Kippenheim hätte kaum größer sein können.

 

Inges Weg ins Exil

Inge und ihre Familie traten die Reise in die USA im Mai 1946 auf einem amerikanischen Truppentransporter an. In einem Sammellager warteten sie auf die Abfahrt der SS Marine Perch. Wie die Auerbachers waren die meisten Menschen an Bord sogenannte Displaced Persons, waren also aus ihrer einstigen Heimat verschleppt oder vertrieben worden. Viele Passagiere waren Überlebende der Konzentrationslager.  Am Abend des 23. Mai 1946 kamen sie im Hafen von New York an. Auch für Inge war die Ankunft in New York der Eintritt in eine sehr fremde Welt. 

07
Zeitzeugenschaft

Die Zeitzeugin Inge Auerbacher

Inge Auerbacher ist seit den 80er-Jahren als Zeitzeugin engagiert. Ihre Erfahrungen schildert sie auch in ihren Büchern. Ihr Buch „Ich bin ein Stern“ ist in viele Sprachen übersetzt worden und wird weltweit gelesen. Am 27. Januar 2022 hielt sie ihre wichtigste Rede: die Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag. Für ihr Engagement wurde sie mehrfach ausgezeichnet.

Der Zeitzeuge Kurt S. Maier

Kurt S. Maier hält vor allem in Deutschland Vorträge als Zeitzeuge. Aber auch in den USA ist er mit seiner Geschichte präsent, z. B. durch ein Interview im „Visual History Archive“ der USC Shoah Foundation. Seine Lebenserinnerungen "Unerwünscht. Kindheits- und Jugenderinnerungen eines jüdischen Kippenheimers" verfasste Kurt S. Maier auf Deutsch in den USA. 

Digitale interaktive Zeitzeugnisse

Um die wichtigen Berichte der Zeitzeug*innen nicht zu verlieren, werden sie bereits seit Jahrzehnten aufgezeichnet. Das ermöglicht auch nachfolgenden Generationen die Beschäftigung mit ihnen. Eine Interaktion mit den Zeitzeug*innen ist so allerdings nicht möglich. Die fortgeschrittene Technik erlaubt es heute, mit digitalen Zeitzeugnissen in einen Dialog zu treten. Das ist kein Ersatz für reale Gespräche mit den Zeitzeug*innen – und will es auch nicht sein. Möglich wird aber eine neue Form der Interaktion. Sind digitale Zeitzeugnisse ein zukunftsfähiges Format? Das wollen wir mit den interaktiven Interviews von Inge Auerbacher und Kurt S. Maier herausfinden. Wir müssen es jetzt tun, solange die Zeitzeug*innen noch Auskunft geben können über Shoah und Exil.

Frag nach!

Wer mehr über die Lebensgeschichten Kurt S. Maiers und Inge Auerbachers erfahren möchte, kann ihre digitalen interaktiven Interviews nutzen. Sie sind nach einer kostenfreien Registrierung unter fragnach.org zugänglich.

Auf der Seite gibt es außerdem animierte Graphic Novels, Lesehefte zum Leben von Kurt und Inge sowie Ideen und Arbeitsmaterialien für den Einsatz der Interviews im Unterricht und für die außerschulische Bildung.