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Lebenswege früher Archäologinnen

Ein gut Theil Eigenheit

Eine virtuelle Ausstellung von

Mir wohnt ein gut Theil Eigenheit inne, und so wenig ich von fremder Hand einen Stich an einer von mir gefertigten Handarbeit dulden würde, so wenig könnte ich in meine schriftlichen Arbeiten fremdes Machwerk einfließen lassen.

Dies schrieb Johanna Mestorf (1828–1909), eine selbstbewusste, geachtete Forscherin in einem Brief, 1865

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Neue Wege – Die ersten Archäologinnen

Die ersten Altertumskundlerinnen entstammten dem Adel oder dem höheren Bürgertum und waren wohlhabend: Sie konnten ihren Neigungen und Interessen nachgehen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hingen die Möglichkeiten einer Frau vom gesellschaftlichen Stand und Vermögen der Familie ab, sowie von deren Bereitschaft, in die Bildung einer Tochter zu investieren.

Im 19. Jahrhundert waren Frauen in den Wissenschaften nicht gerne gesehen. Höhere Töchter wurden dazu ausgebildet, einen standesgemäßen Haushalt zu führen. Die Dame des Hauses sollte Fremdsprachen sprechen und den Hausherrn und die Gäste mit musikalischen Darbietungen und angenehmer Konversation unterhalten können. Ihre wissenschaftliche Expertise in den Archäologien erarbeiteten sie sich meist selbst.

In den ersten Jahren des Deutschen Kaiserreiches (1871–1918) war Mädchen der Zugang zu Gymnasien und Universitäten grundsätzlich verwehrt. Nicht viele Familien ermöglichten ihnen nach der Volksschule weiterführenden Privatunterricht. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten die ersten Mädchengymnasien in Deutschland. Zur gleichen Zeit wurden an manchen Universitäten Gasthörerinnen zugelassen, dazu war aber die Genehmigung des jeweiligen Professors, teilweise auch der Fakultät oder des Rektors nötig – manchmal sogar des Landesministeriums.
Baden ließ Frauen 1899/1900 zum regulären Studium zu, Preußen erst 1909.

Die Weimarer Republik (1918–1933) brachte wichtige Meilensteine auf dem Weg zur Gleichberechtigung. 1918 erhielten Frauen das Wahlrecht in Deutschland.
Zwei Jahre später wurde auch die Habilitation für Frauen und Männer erstmals gleich geregelt: Frauen stand damit formal der Weg zu Professuren offen. Es dauerte aber über vierzig Jahre, bis ein Lehrstuhl in Klassischer Archäologie mit einer Frau besetzt wurde, in der Ur- und Frühgeschichte geschah dies noch später.

Es folgen die Biographien von vier Frauen, die sich mit Zähigkeit und Fleiß als Autodidaktinnen ihren Zugang zu Wissenschaft und Forschung selbst geschaffen haben.

02
Bildung und Studium – Von Rückschritten und Fortschritten

Im 19. Jahrhundert grenzten sich die archäologischen Fächer sukzessive voneinander ab. Wichtige Impulse zu ihrer Entwicklung kamen aus den Altertumsvereinen. Frauen waren von Anfang an mit dabei. Vor etwas mehr als 100 Jahren erhielten Frauen Zugang zur Universität.

Die erste Frau, die ein Archäologiestudium abschloss, war Elvira Fölzer (1868–1937): Sie promovierte 1906 in Bonn, ein Jahr vor Margarete Bieber (1879–1978). Bis zum Ersten Weltkrieg folgten ihnen drei klassische Archäologinnen. 1928 verteidigte Hildegard Knack (1902–1945) in Jena als erste Frau in der ur- und frühgeschichtlichen Archäologie ihre Doktorarbeit.

Studieren war kostspielig: Lebensunterhalt und akademische Gebühren mussten finanziert werden. Die ersten Studentinnen kamen daher aus wohlhabenden Familien oder hatten eigenes Vermögen. Waldtraut Schrickel (1920–2009) etwa bezahlte 200 Reichsmark (entspricht heute ca. 920 €) allein für die Zulassung zur Promotion 1944.

Es folgen die Biographien von zwei Frauen, deren Lebenswege von zahlreichen Hindernissen geprägt waren und die doch auf ihre Weise immer wieder die Ersten waren.

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Politische Systeme – Anpassung und Anfeindung

Die wechselvolle politische Geschichte Deutschlands im 19. und 20. Jahrhundert wirkte sich massiv auf die Bildungschancen von Mädchen und die Frauenerwerbstätigkeit aus. Wer beruflich erfolgreich sein wollte, musste sich mit dem jeweiligen politischen System mindestens arrangieren. Manche engagierten sich aktiv im Dienste einer Ideologie, wie, zumindest anfangs, Liebetraut Rothert (1909–2005) im Nationalsozialismus.

Andere, wie Margarete Bieber, Elisabeth Jastrow (1890–1981) oder Hermine Speier (1898–1989), waren gezwungen, sich zu verstecken oder zu emigrieren.

Während des Zweiten Weltkriegs übernahmen Frauen zunehmend Verantwortung an den Universitäten, Museen und in der Denkmalpflege. Nach 1945 mussten viele von ihnen ihre Positionen zugunsten von Kriegsrückkehrern räumen – insbesondere in den westlichen Besatzungszonen und der BRD. Manch eine setzte die archäologische Arbeit im Ehrenamt fort.

Es folgen die Biographien von vier Frauen, deren Karriere vom Nationalsozialismus – direkt oder indirekt – beeinflusst wurde.

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Getrennte Welten – Bundesrepublik und DDR

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Frauen im geteilten Deutschland auf unterschiedliche Weise rechtlich und strukturell benachteiligt. In der Bundesrepublik schlossen sich Familiengründung und Karriere gegenseitig weitgehend aus. Bis 1958 hatte der Ehemann das alleinige Bestimmungsrecht über seine Ehefrau und Kinder. Politisch war die langfristige Vollzeiterwerbstätigkeit von Frauen nicht erwünscht.

Hochqualifizierte Tätigkeiten übten nur wenige verheiratete Frauen aus. Kinderbetreuungsmöglichkeiten waren rar, und gesellschaftlich waren arbeitende Mütter oft nicht akzeptiert.

In der DDR (1949–1990) waren zwar die meisten Frauen berufstätig und im Bildungssystem nominell gleichberechtigt, aber in der Archäologie waren Frauen bei der Vergabe der wenigen Studienplätze im Nachteil, da sich Männer durch freiwillig verlängerten Wehrdienst die Vorimmatrikulation sichern konnten.

Es folgen die Biographien von vier Frauen, die in den politischen Systemen nach dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich Fuß fassen mussten.

05
Und heute?

»Mir wohnt ein gut Theil Eigenheit inne.«


Was Johanna Mestorf im Jahr 1865 über sich selbst sagte, ist auch im 21. Jahrhundert aktuell: Nach wie vor müssen archäologisch arbeitende Frauen individuelle Wege finden, um strukturelle Hürden zu meistern. Hinzukommt die Schwierigkeit, einen archäologischen Beruf mit einem Privatleben und gesellschaftlich erwarteter Care-Arbeit zu verbinden.

Für die Vergangenheit hat die Ausstellung einige dieser individuellen Geschichten vorgestellt. Gleichzeitig möchte sie andere Frauen ermutigen, an die bereits begonnenen gesellschaftlichen Umstrukturierungen anzuknüpfen und in der Zukunft ebenfalls ihren eigenen Weg in der Archäologie zu gehen.

Es braucht immer mutige Menschen, wie die Archäologin Maria Reiche, die den Blick nach Vorne richten.

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Das Projekt AktArcha und die Museumsausstellungen

Die in dieser virtuellen Ausstellung gezeigten Biografien und Inhalte sind eine verkürzte Form der Ausstellung „Ein gut Theil Eigenheit“ – Lebenswege früher Archäologinnen. Diese ist das Produkt des Forschungs- und Vermittlungsprojektes „Akteurinnen archäologischer Forschung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften: im Feld, im Labor, am Schreibtisch“ – kurz „AktArcha“.

Als museale Sonderausstellung war „Ein gut Theil Eigenheit“ – Lebenswege früher Archäologinnen im Museum August Kestner in Hannover sowie im Landesmuseum Württemberg in Stuttgart zu sehen und wurde dafür um weitere Biografien dortiger Archäologinnen ergänzt. 

Zum Abschluss dieser virtuellen Ausstellung folgen ein kurzer Überblick über das Projekt AktArcha, dessen intensiven Forschungen diese Ausstellung zu verdanken ist, sowie ein Einblick in die beiden Ausstellungen in Hannover und Stuttgart.