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geografisch-postkolonial

Wie aus Karten und Bildern Welt entsteht

Das Prinzip Schlüssellöcher

Durch fünf verschiedene Schlüssellöcher gibt die Ausstellung einen kritischen Einblick darin, wie Hamburger Geograph*innen seit dem 19. Jahrhundert durch Karten und Bilder Welt herstellen, wie sich diese Weltbilder immer wieder verändert haben und welche Folgen dies in unterschiedlichen Bereichen hatte und immer noch hat.

01
Schlüsselloch Schule

Lust zu Puzzeln ?

Schlüsselloch Schule

Schule als Ort des Erlernens von Konzepten, Kategorien und Weltbildern ist auch ein Raum der Macht von Wissen.  Das stark stereotypisierende Konzept der Kulturerdteile von Albert Kolb und die verräumlichte Kartenform von Jürgen Newig zeigen und analysieren wir als ein problematisches Beispiel. Hier wird eine anscheinend einheitliche „Kultur“ mit spezifischen „Wesenmerkmalen“ im Raum verortet. Das Kulturerdteilkonzept prägt den Geographieunterricht bis heute und spiegelt sich vor allem in Bildern wider, die wir in einer Analyse von Fotografien in Schulbüchern (1957 bis 2015) gefunden haben. So wird ein Denken in Schubladen befördert und Stereotype nicht aufgebrochen, sondern immer wieder hergestellt.

02
Schlüsselloch Forschung

Schlüsselloch Forschung

Durch das zweite Schlüsselloch schauen wir auf die geographische Forschung über „Afrika“ am Hamburger Institut für Geographie.

In den Zeitschnitten der 1910/20er, 1930/40er, 1960/70er und der 2000er/2010er Jahre werden exemplarisch geographische Arbeiten zu afrikanischen Kontexten präsentiert. Die Forschungsthemen sind eng an die jeweiligen zentralen politischen Themen in Deutschland angelehnt, völlig unabhängig davon, was in „Afrika“ relevant war/ist. Es wird deutlich, mit welchen Stereotypen (siehe Bild links), Interessen und Rassismen auf „Afrika“ von Deutschland aus geschaut  wurde und wird. Die Vielfalt eines ganzen Kontinentes wird dabei in eine wirkmächtige und abwertende Erzählung gepresst.

Forschung und die Forschenden sind immer in die jeweilige Zeit, in der sie wissenschaftlich arbeiten, eingeschrieben .

Die Brille, die der*die Geograph*in aufsetzt und mit der er oder sie Forschung in Afrika betreibt, lässt häufig nur eingeschränkte Sichtweisen und Perspektiven zu.

Wie in der Ausstellung könnt ihr, wenn ihr durch die Brille seht, auch nur schemenhaft erkennen, was in Afrika zur Zeit der Forschung passiert ist.

03
Schlüsselloch Lehre

Schlüsselloch Lehre

Wissenschaftliche Lehre ist ein Ort, an dem Wissen und Weltbilder unterrichtet werden. Da die Studierenden diese Lehrinhalte als junge Menschen hören, nehmen sie die darin erlernten Weltbilder mit in ihr weiteres (Berufs-)Leben, wo sie noch viele Jahrzehnte damit arbeiten, diese „sharen“ (re-produzieren), „retweeten“ (verschieben) oder auch verwerfen. Dieser Teil der Ausstellung schaut anhand der wirtschaftsgeo-graphischen Lehre kritisch auf diese Weltbilder und die Verantwortung der Geographie darin.

Wir wagen einen Blick durch das Schlüsselloch der Lehrveranstaltungstitel, um zu beleuchten, wie sich die in der Lehre verwendeten Weltbilder verändert haben.

04
Schlüsselloch Standorte

Schlüsselloch Standorte

In der Forschung wird sehr selten die Position, aus der heraus Wissen formuliert wird, offengelegt.

Gerhard Sandner hat am Institut für Geographie in Hamburg jahrelang geforscht und gelehrt. Er arbeitete u.a. zu den  Verwicklungen der deutschsprachigen Geographie im Nazi-Regime, wofür er viel Kritik erntet und als „Nestbeschmutzer“ bezeichnet wurde. Am Ende seiner Karriere reflektierte er seine eigene Arbeit, auch seine Momente des Scheiterns. Sandner kann deshalb in mancher Hinsicht als Vorreiter kritischen Denkens über die eigene Position angesehen werden. Dennoch bleibt auch er in problematischen Kontinuitäten oftmals verhaftet und profitiert davon. Das Schlüsselloch gibt einen Einblick in Sandners Auseinandersetzung und zeigt Möglichkeiten des Anders-Machens von Wissenschaft.

05
Schlüsselloch Werkzeuge

Schlüsselloch Werkzeuge

In diesem Schlüsselloch gewähren wir Einblicke in einige Karten und zeigen eine Filmdokumentation zur Hamburger Kartographie. So werden die verschiedenen Formen des Karten-Machens gezeigt.

Darüber hinaus gibt eine Hörstation Auskunft darüber, wie Kartographie als Instrument des Kolonialismus eingesetzt wurde. Geräte und Karten von Hamburger Kartograph*innen sowie Karten aus der Kartensammlung stellen wir ebenso vor wie digitale GIS-Karten und kritische Karten.

06
Schlüsselloch Landschaft

Schlüsselloch Landschaft

In der Geographie ist „Landschaft“ ein schwieriger Begriff. Mehrfach wurde er in der Vergangenheit verworfen. In der Hamburger Geographie war Siegfried Passarge ein wichtiger Vertreter der Landschaftsforschung in den 30er Jahren. Jedoch missbrauchte er den Begriff der Landschaft in seinen offen rassistischen und antisemitischen Arbeiten.  Er erstellte Arbeiten über die Minderwertigkeit von Menschen und Kulturen u.a. in den damaligen Kolonien. Damit rechtfertige Passarge die Unterdrückung, Ausbeutung, Versklavung und Auslöschung von Menschen. Sein Raumverständnis entspricht dem eines Containerraums, bei dem Landschaft statisch definiert und kategorisiert wird. In den 1960er Jahren kritisiert die junge Generation diese aus ihrer Sicht unpolitische, unwissenschaftliche Art der Forschung. Der Landschaftsbegriff wird zum „Unwort“ in der Geographie.