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„Eine Folterkammer des Ungeschmacks“

Gustav E. Pazaurek und seine „Sammlung der Geschmacksverirrungen“ im Landesgewerbemuseum Stuttgart

Eine virtuelle Ausstellung von

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Vorbild und Muster: das Stuttgarter Landesgewerbemuseum

Wie viele seiner Schwesterinstitutionen entstand auch das ehemalige Stuttgarter Landesgewerbemuseum aus einer großen, ab Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Muster- und Vorbildersammlung. Ziel war die Wirtschaftsförderung und die Entwicklung des noch stark agrarisch geprägten Königreichs Württemberg zu einem schlagkräftigen und innovativen Industriestaat. Zur Förderung des Gewerbes hatte König Wilhelm I. bereits 1848 die staatliche „Centralstelle für Gewerbe und Handel“ gegründet. Sie war in mehreren Feldern tätig:

  • Beratung in Gesetzgebungs- und Verwaltungsfragen
  • Organisation von Messen und Märkten
  • finanzielle und technische Unterstützung der Gewerbetätigkeit
  • obrigkeitliche Tätigkeiten als Landespatenamt oder Landeseichamt
  • Ausbildung in Form von Gewerbeschulen und Ausstellungen.
Die Fassade des Landesgewebemuseums (Zeichnung: Peter Schnorr, Lichtdruck: Hofkunstanstalt Martin Rommel & Co)

Die Mustersammlung umfasste mehrere tausend Objekte unterschiedlichster Gattungen und war für ein breites Publikum zugänglich. Handwerker und Unternehmer konnten begutachten und ausleihen, was für ihre eigenen Produktentwicklungen von Interesse war.

Medaille auf die Ausstellung für Elektrotechnik und Kunstgewerbe sowie das neue Landesgewerbemuseum in Stuttgart, Mayer & Wilhelm
Neues Landesgewerbemuseum Suttgart, Innenansicht Bibliothek und König-Karl-Halle, Skjold Neckelmann 1894, Architekturmuseum der TU Berlin

Da der Bestand von Exponaten mehr und mehr anwuchs, wurde der Ruf nach einem Neubau für das Landesgewerbemuseum, wie das Musterlager seit 1886 hieß, immer lauter. Zehn Jahre später am 6. Juni 1896 durch König Wilhelm II. von Württemberg das Gebäude des Königlich Württembergischen Landes-Gewerbemuseums eingeweiht, „ein neuer Bau, vom Baumeister mit ungewohnter Pracht erstellt“, wie es im Vorwort der Festschrift zur Einweihung stolz hieß.

Das Museum beherbergte eine Mustersammlung gewerblicher Produkte, die der württembergischen Industrie ausländische Vorbilder und neue technische Entwicklungen vor Augen führte, andererseits aber auch auswärtigen Gästen die Erzeugnisse der heimischen Firmen präsentierte. Im frühen 20. Jahrhundert war ein weiterer Fokus die ästhetische Bildung der breiten Bevölkerung.

Ein besonderer Publikumsmagnet war ab 1909 die Abteilung der „Geschmacksverirrungen“. In begleitenden Publikationen entwickelte Pazaurek einen komplexen Kriterienkatalog, nach dem sich seiner Meinung nach ästhetische Fehlentwicklungen klar erkennen und benennen ließen.

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Gustav E. Pazaurek

Gustav Edmund Pazaurek wurde 1865 in Prag geboren und studierte dort an der Deutschen Universität Kunstgeschichte. 1906 ging er nach Stuttgart ans Landesgewerbemuseum und war dort von 1913 bis 1932 Vorstand der kunstgewerblichen Abteilung. Pazaurek war Mitglied des 1907 gegründeten Deutschen Werkbundes und widmete sich mit großem Eifer dem Kampf gegen den „schlechten Geschmack“.

Wie viele seiner Zeitgenossen setzte sich Pazaurek intensiv für die „schöne“ Form der Dinge ein und kämpfte verbissen gegen den schlechten Geschmack. Im Landesgewerbemuseum baute er zum einen die reichen kunsthandwerklichen Bestände aller Gattungen und Epochen aus, die als positive Vorbilder dienen sollten.

Zum anderen legte er eine Kollektion negativer Vorbilder an, die sich großer Beliebtheit erfreute: die „Sammlung der Geschmacksverirrungen“ – „ein furchtbares Extrakabinett, in welchem dem ästhetischen Dickhäuter die negativen Musterstücke, die abschreckenden Beispiele in übersichtlichen Gruppen mit den entsprechenden Erläuterungsschriften vorgeführt werden,“ wie er es in seiner Publikation ausdrückte.

Medaille auf den 60. Geburtstag von Gustav Pazaurek, Staatliche Porzellan-Manufaktur Meißen 1925

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Sein Buch „Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe“ (1909) Und „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“ (1912)

Die Sammlung der Geschmacksverirrungen, Gustav Edmund Pazaurek, Führer durch die kunstgewerblichen Sammlungen, 1913.

Am 11. Februar 1909 öffnete im Stuttgarter Landesgewerbemuseum die Abteilung der „Geschmacksverirrungen“ ihre Türen für das Publikum. Diese Präsentation erregte weithin Aufsehen. So pries auch ein Stuttgart-Reiseführer aus dem Jahr 1912 als besondere Sehenswürdigkeit im Landesgewerbemuseum „die sehr interessante Gruppe der kunstgewerbl. Geschmacks-Verirrungen, eingerichtet von Prof. Dr. Gust. Pazaurek. Zum ersten Male überhaupt sind hier abschreckende Beispiele von Versündigungen gegen den guten Geschmack zusammengestellt“.  

Zur Eröffnung erschien die erste Ausgabe des Ausstellungsführers mit dem Titel „Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe“, dem 1912 eine 365 Seiten umfassende Publikation mit dem Titel „Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe“ folgte.

In beiden Publikationen stellte Pazaurek ein ausgefeiltes Klassifikationsmodell zur klaren Erkennbarkeit von „schlechtem Geschmack“ vor, das er in drei Hauptkategorien sortierte. Diese benannte er als „Materialfehler“, „Konstruktionsfehler“, und „Dekorfehler“. Zahlreiche Unterkategorien mit drastischen Titeln wie „Transformationssucht“, „Selbstherrlichkeit des Ornaments“, „Schmuckverschwendung“, „Zweckkollision“ oder „Materialprotzerei“ lassen deutlich erkennen, mit welcher Vehemenz, wissenschaftlichem Anspruch und Ernsthaftigkeit er dem schlechten Geschmack den Kampf ansagte.

Pazaurek wollte allen ein Werkzeug an die Hand geben, um schöne, zweckmäßige Form eindeutig zu erkennen. Darüber hinaus forderte er die Abkehr vom überdekorierten Historismus und hegte wie viele seiner Zeitgenossen die Hoffnung, dass man auch und trotz der aufkommenden Industrialisierung mit ihren technisch-maschinellen Herstellungsprozessen schöne Gestaltung nach wie vor als maßgebliches Kriterium kunstgewerblicher Produktentwicklung sehen möge.

1. Kategorie „I. Materialfragen“

Unter der Kategorie „Materialfragen“ kritisierte Gustav E. Pazaurek „schlechte Kombinationen von zwei nicht zusammengehörigen Materialen“. Er versammelte darunter Objekte aus Stroh, Fischschuppen, Schmetterlingsflügel, Gewürze oder Menschenhaaren. Explizit genannt wird neben dem Blumenstilleben aus Fischschuppen auch ein nicht mehr erhaltenes „Chrysanthemum-Sträußchen aus abgeschnittenen Fingernägeln“. 

Aber auch zahlreiche Objekte, die nicht seinem Anspruch an Materialgerechtigkeit entsprachen, wie Keramikarbeiten mit Holzmaserungs- oder Metalldekor, fanden hier als Negativbeispiele Eingang.

2. Kategorie „II. Zweckform und Technik“

Die zweite Kategorie, betitelt mit „Zweckform und Technik“, versammelt Objekte, die laut Pazaurek aufgrund ihrer „schlechten, verfehlten Konstruktion“ zu kritisieren seien. Dazu gehören „Gefäße, die schlecht stehen oder sich nicht reinigen lassen“, Kannen und Becher, die im Alltag nicht funktionieren, „schlechte, verfehlte Konstruktionen“ oder Griffe und Henkel, die man nicht richtig anfassen kann.

Aber auch „Konstruktions-Pimpeleien“ und „Konstruktions-Attrappen“ fallen in diese Kategorie, zu der Pazaurek als Beispiele Sitzmöbel aus Geweihen, Briefbeschwerer aus Geschoßbruchstücken, Girandolen aus Bajonetten, Tiere als Nadelbehälter oder „Totenkopfscherze“ zählt.

3. Kategorie „III. Kunstform und Schmuck“

Unter der dritten Kategorie „Kunstform und Schmuck“ kritisiert Pazaurek in seinen Publikationen in erster Linie „Dekor-Brutalitäten“ und die „Heranziehung von Schmucktechniken oder Motiven, die überhaupt keinen Schmuck bedeuten, sondern Material-Vergewaltigungen darstellen“.

Als Beispiele nennt er zahlreiche architektonische Vergehen und deren „sinnwidrige Wahl von Schmuckmotiven für die betreffenden Objekte“. Aber auch „religiöse oder patriotische Darstellungen auf Schnupftüchern, Eßwaren oder deren Packungen“ sind ihm genauso ein Dorn im Auge wie ganz allgemein ein „äußerlich angehefteter, zeit- und landfremder Schmuck“, oder das „Schwelgen in historischen oder ethnographischen Stilmotiven“, wo es von der reinen Produktgestaltung her gar nicht notwendig wäre.

4. Kategorie „IV. Kitsch"

Einen finalen Sonderbereich stellt die große Kategorie „Kitsch“ dar. Auf schärfste Weise und mit drastischen Worten kritisiert Pazaurek „unkünstlerischen Massenschund“. Weder Objekten aus dem Bereich „Andenkenkitsch“ noch dem in seiner Zeit verbreiteten „Hurra-Kitsch“ kann er etwas abgewinnen. Unter letzterem Begriff kritisiert er idealisierte „Weltkriegs-Greueln“ und den „Mißbrauch der Granatenform, des Eisernen Kreuzes, der alten Reichsfarben, der Unterseeboote, hervorragender Persönlichkeiten usw.“.

Zu einem Bierkrug in Form des Kopfes Otto von Bismarcks schrieb Pazaurek: „Unsere hervorragendsten Staatsmänner, wie etwa Bismarck, glaubt man dadurch besonders ehren zu können, wenn man ihren Kopf in Fayence als Bierseidel gestaltet, der bei jedem Trunk erst trepaniert [den Schädel mit einem Bohrer geöffnet] werden muß, um die Schädeldecke bzw. den Gefäßdeckel zu lüften."

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Die „Sammlung der Geschmacksverirrungen“: zeitgenössische Zitate und Bemerkungen

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Museen und Geschmacksbildung heute

Museen und Geschmacksbildung heute

Viele kunsthistorische Fachleute und Museumsschaffende im Europa des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert waren sich darüber einig, dass Museen in Geschmacks- und Formfragen einen erzieherischen Auftrag haben und diesen deutlich formulieren sowie ihre Sammlungen und Ausstellungen entsprechend ausrichten sollten. Zwar ging nicht jeder so weit wie Pazaurek (1865–1935) mit seiner „Sammlung der Geschmacksverirrungen“. Dennoch waren Themen um Geschmacksbildung und ästhetische Erziehung in Museen des 19. und 20. Jahrhunderts immer wieder Diskursgegenstand.

Heute werden Fragen nach Geschmack, Stil und Vorlieben deutlich offener beantwortet und an anderen Orten verhandelt: Neben der generellen Prägung durch Herkunft, Bildung und Zeiteinflüsse haben Social Media-Plattformen weltweit an Einfluss gewonnen, wenn es darum geht, Trends zu setzen, Moden zu folgen oder Geschmack herauszubilden. Museen verstehen sich heute als offene Diskurs- und Verhandlungsorte, die gesellschaftsformend wirkende Räume schaffen, aktuelle Themen aufgreifen und gesellschaftskulturelle Statements entwerfen.

Quellenliteratur

  • Gaupp, Robert et al. Das K. Württembergische Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart. Stuttgart: Kgl. Zentralstelle für Gewerbe und Handel, 1896.
  • Hartel, August und Skjøld Neckelmann. Aus unserer Mappe: Auswahl hervorragender Entwürfe: Von Hartel & Neckelmann, Architekten zu Leipzig: Band 2, 1888. Leipzig 1889.
  • Landesgewerbeamt Stuttgart. Hundert Jahre staatliche Gewerbeförderung in Württemberg: 1848-1948. Stuttgart 1948.
  • Neckelmann, Skjøld. Das Königlich Württembergische Landes-Gewerbemuseum in Stuttgart. Berlin 1898.
  • Pazaurek, Gustav E. Geschmacksverirrungen im Kunstgewerbe, Stuttgart 1909.
  • Pazaurek, Gustav E. Guter und schlechter Geschmack im Kunstgewerbe. Stuttgart 1912.
  • Pazaurek, Gustav E. Das Kunstgewerbe in Württemberg. In: Württemberg unter der Regierung Wilhelms II., hg. von Viktor Bruns, 661-680. Stuttgart 1916.