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Hans Graeder

1919 - 1998

Eine virtuelle Ausstellung von

Eigenwillig und experimentierfreudig: Hans Graeder brachte einen Hauch der großen weiten Welt in die Quadratestadt und war gleichzeitig Integrationsfigur in der Kunstszene.

01
Familie und Kindheit

Hans Graeder wird am 15. 7. 1919 in Mannheim geboren.  Der Vater ist Kaufmann, die Familie lebt im Stadtteil Lindenhof und in der Innenstadt. Der älteste Bruder Hermann ist 1915 geboren, sein jüngerer Bruder Helmut 1922, seine Schwester Gertrude 1920.

Schon sehr früh zeigt sich seine zeichnerische Begabung. Und so beginnt er 1934 nach acht Jahren Volksschule eine vierjährige Ausbildung zum Lithografen in Mannheim und arbeitet im Anschluss als Geselle in der Lithografie- und Steindruckerei Thomas Seitz in S 6, 27.

Aus dem Fotoalbum der Familie: Hans Graeder als Boxer. Foto: Marchivum Mannheim / Nachlass Hans Graeder

Eine weitere Leidenschaft seit der Kinderzeit ist das Boxen, Max Schmeling Graeders großes Ideal. In den 1930er Jahren nimmt er an vielen Wettkämpfen teil.

Die Härte des Boxens prägt nicht nur sein Leben, sondern definitiv auch seine Kunst. In den 1980er Jahren zu einem Vergleich zwischen dem Boxen und seiner Kunst befragt, antwortet er: "In der Kunst ist es nicht viel anders als im Ring."

Dia-Negativ einer Zeichnung von Hans Graeder. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
Hans Graeder als Soldat. Foto: Marchvium Mannheim/ Nachlass Hans Graeder

Hans Graeders Biografie und vor allem sein künstlerisches Arbeiten ist nicht ohne die Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs zu verstehen. 

Neben dem Boxen sind es vor allem seine Erlebnisse als Soldat im Krieg, die ihn geprägt und in seinen künstlerischen Arbeiten Spuren hinterlassen haben.

Schon frühe Arbeiten vor 1933 aus der Schule zeigen, wie das nationalsozialistische Gedankengut ganz selbstverständlich in das Leben einfließt.

Dia-Negativ mit einer Zeichnung von Hans Graeder in seiner Schulzeit, 1931, zum Thema "Esst deutsches Obst". Foto: Künstlernachlässe Mannheim

02
Drittes Reich und Zweiter Weltkrieg

1939 wird Graeder zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, 1940 zum Kriegseinsatz nach Ostrowo/ Polen abkommandiert.

Das private Fotoalbum der Familie hält die Kriegsstationen fest: Frankreich mit dem "jubelnden Einzug in Paris", Griechenland mit seinen antiken Ruinen, Rumänien, Russland.

Das Fotoalbum wird dabei zum Seismografen einer allmählich einsetzenden realistischeren Wahrnehmung und verschwindenden Euphorie. Sind die Fotomotive zu Beginn noch „fröhlich“, mit lachenden Kameraden beim Feiern, ändern sie sich spätestens mit dem Einsatz auf dem Balkan. Sie zeigen die Zerstörungen durch Bombenabwürfe, die Armut und das elende Leben der Landbevölkerung in Rumänen, vor allem der Roma.

Aus dem Fotoalbum der Familie Graeder: Fotos aus Einsatzgebieten als Soldat. Foto: Marchivum Mannheim / Nachlass Hans Graeder
Hans Graeder in Kriegsgefangenschaft in Marseille, Frankreich. Foto: Marchivum Mannheim / Nachlass Hans Graeder

1943/44 ist er für einige Zeit in Mannheim, weil verwundet, und besucht die Freie Akademie Mannheim.

Ein Versuch, einem erneuten Kriegseinsatz durch Freistellung zu entgehen, scheitert: Er wird nach Frankreich abkommandiert und kommt 1945 in Kriegsgefangenschaft in Marseille.

03
Neuanfang nach 1945

Hans Graeder in München beim Studium. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

1946 kehrt er zurück nach Mannheim. Für Graeder ist eindeutig klar, dass er Künstler werden will und er schafft es, im Sommersemester 1946 ein Stipendium an der Akademie München zu bekommen.

1947 kann er im Grafiksaal der Kunsthalle Mannheim ausstellen. Seine Arbeiten fallen durch ihre zeichnerische Virtuosität auf. Heinz Fuchs, der damalige Direktor, ist von dem Fixieren der Eindrücke und dem Blick für das Motiv angetan.

Graeder greift in seinen Zeichnungen keine Tendenzen oder moderne Richtungen auf – wo hätte er sie in denn auch sehen können in den Jahren des Nationalsozialismus.  Und auch die Malerei ist für ihn noch kein Thema – aber das wohl eher aufgrund der Knappheit des Materials.

Für seine Zeichnungen entwickelt er ein feuchtes Wischverfahren, das er auch in den späteren Jahren weiter verwendet. Das Verfahren gibt den Zeichnungen den Charakter gedruckter Blätter.

Dia-Negativ einer Zeichnung von Hans Graeder. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
Lebensmittelladen der Familien Graeder und Langbeen in der Verschaffeltstraße Mannheim. Foto: Marchivum Mannheim/ Nachlass Hans Graeder

Doch wovon leben? Und wie ein Studium finanzieren? Kunst kauft nach 1945 niemand. Graeders Familie betreibt ein Lebensmittelgeschäft im Stadtteil Neckarstadt-Ost, um ein Auskommen zu finden.

Mit Unterstützung der Kunsthalle und der Stadt Mannheim versucht Graeder, an der Hochschule der Bildenden Künste in Karlsruhe ein Stipendium und einen Studienplatz zu bekommen.

Doch genau jener Professor Haupt, der 1944 versuchte, mit Graeders außergewöhnlicher Begabung seine Freistellung vom Kriegsdienst zu erreichen, lehnt ihn jetzt ab. Einmal, weil es keine Ateliers gibt, aber auch, weil er es bezweifelt, „dass der Weg den Sie bei den vorliegenden Arbeiten einschlagen, zu einem Ziel führen kann, das der heutigen Kunstsituation mit ihren außerordentlichen Ansprüchen entspricht.“ Das hat Graeder sicher verletzt.

04
Ab in die USA

Hans Graeder, wahrscheinlich in Rockford, Illinois, ca. 1955. Foto: Marchvium Mannheim / Nachlass Hans Graeder

Im Mai 1953 fliegt Hans Graeder mit seiner Frau Anita, die er 1952 geheiratet hat, und seiner einjährigen Tochter von Frankfurt aus nach New York.

In Rockford/Illinois, eineinhalb Stunden westlich von Chicago entfernt, wagt er den Neuanfang. Um den Lebensunterhalt zu sichern und um die Sprache zu lernen, arbeitet er zunächst in einer Eisengießerei, später auch als Boxer, Aber sein Ziel bleibt, sich als Künstler selbständig zu machen.

1955 hat er in Rockford seine erste Ausstellung. Die harte Arbeit in der Eisengießerei prägt die Formensprache seiner "Eisenbilder" – auf deren Oberfläche bemalte Figuren aus gegossenem Eisen kleben.

Eisenbild, ca. 1955. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

Nachts zieht er durch Kneipen und Restaurants und zeichnet Porträts. 1958 wird er amerikanischer Staatsbürger, 1959 zieht er nach Los Angeles, Kalifornien, 1959 nach Phoenix, Arizona.

Hans Graeder als Porträtzeichner in den USA. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

Lebensunterhalt: Wandgemälde

Mit Wandgemälden verdient Hans Graeder viele Jahre seinen Unterhalt in den USA:

  • Erotische Szenen aus Pompeji  für den berühmten Nachtclub Ciro‘s auf dem Sunset Boulevard, Hollywood
  • Patriotisches aus der Geschichte der USA – Die Ankunft der Mayflower für das Hotel Ocean House in San Diego
  • Ein Wandmosaik mit einer Trapper-Szene unter Bäumen im Del Webb House in Phoenix
  • Szenen aus der biblischen Geschichte in einer katholischen Kirche in Rockford

Seine soldie Ausbildung als Lithograf und seine zeichnerische Begabung sind sein Kapital. Keine Auftragsarbeit ist ihm zu banal. Er bedient jeden Geschmack der Auftraggeber, immer in ganz unterschiedlichem Stil und unterschiedicher Technik.

Wandgemälde im Fleet Room des Ocean House, San Diego, Kalifornien. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
Wandmosaik am Dell Webb House, Phoenix. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
Hans Graeder beim Arbeiten an einer biblische Szene in der katholischen Kirche in Rockford, Illinois. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

05
Zurück nach Mannheim

Hans Graeder im Herbst 1965. Foto: Marchivum Mannheim, Nachlass Hans Graeder

Weil Hans Graeder durch Heinz Fuchs, den damaligen Kunsthallendirektor, die Möglichkeit bekommt, in der Kunsthalle Mannheim auszustellen, kommt er 1964 zurück nach Mannheim. Die amerikanische Staatsbürgerschaft behält er. Seine Ehe ist geschieden.

Mit Verve stürzt er sich in das Kunstleben der Stadt und engagiert sich in der Kulturpolitik Mannheims.  Und er findet auch eine neue Liebe: Gisela Neidig.

Blick in die Ausstellung in der Kunsthalle Mannheim, im Herbst 1965. Foto: M. Wickenhäuser, Kunsthalle Mannheim

06
Das Bild des Menschen

Graeders Arbeiten aus den 1950er und 1960er Jahren zeigen oft leere Tische und Stühle, doch gerade diese Abwesenheit des Menschen lässt die menschlichen Bezüge nur noch intensiver erscheinen.

In den 70er Jahren kehrt der Mensch mit leidenschaftlicher Vehemenz in seine Arbeiten zurück, vor allem Porträts, die man aber eher als "Kopf-Bilder" bezeichnen muss.

Sehr expressiv deformiert Hans Graeder diese Köpfe, setzt sein ganzes Repertoire an Techniken ein, arbeitet mit Spiegeleffekten und mit Collage-Elementen.

Zwei Männerköpfe. Dia-Negativ mit einer Zeichnungen von Hans Graeder. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
„Graeder malträtiert das Porträt, sein bevorzugtes Sujet, unterzieht es einem Zerreißprozeß. Spann- und Fliehkräfte werde aktiviert wie Kohäsion und Expansion der Materie. Einem Lichtschirm vergleichbar prägen sich die Gesichtszüge an der Oberfläche ab, dehnen sich und zerfließen im Raum.“
Joachim Heusinger von Waldegg

Porträt. Dia-Negative mit einer Zeichnung von Hans Graeder. Foto: Künstlernachlässe Mannheim
Clappage, ca. 1980, Foto: Künstlernachlässe Mannheim

In diesem Zusammenhang entstehen auch dreidimensionale Arbeiten, die Graeder „Clappagen“ nennt: großformatige, gefaltete, bemalte und beklebte Arbeiten auf festem Karton, die frei im Raum stehen. Diese Technik verwendet er auch für seine „Kopf-Bilder“, aus denen sich Teile des Gesichts heraus- und aufklappen lassen.

07
Dias und Projektionen

Diafilm war in den 1970/80er Jahren ein hochinteressantes, angesagtes Medium. Es war für viele Künstler ein Experimentierfeld, wie es das Filmnegativ für die Film-Avantgarde in den 1920er Jahren war. Wie Graeder dazu kommt, dieses Material zu nutzen, wissen wir nicht, aber er hat es künstlerisch bis an die Grenze seiner Möglichkeiten ausgereizt.

Im Format von 4 x 4 Zentimetern entstehen eigenständige Arbeiten: Collagen, in denen er Bilder aus kleinen Folienteilen zusammensetzt, farbige Folien übereinander klebt, auf die Folien mit Tusche zeichnet. Er projiziert diese Arbeiten, schneidet die neuen Dias zurecht, färbt sie ein, projiziert sie erneut, z. B. auf einen dreidimensionalen Hintergrund und fotografiert es wieder als Dia ...
Dia-Negativ von Hans Graeder im Nachlass der Künstlernachlässe Mannheim
Dia-Negativ von Hans Graeder aus dem Nachlass der Künstlernachlässe Mannheim.
Dia-Negativ von Hans Graeder aus dem Nachlasse der Künstlernachlässe Mannheim.
Dia-Negativ von Hans Graeder aus dem Nachlasse bei den Künstlernachlässe Mannheim.
Dia-Negativmit Skizze zur Projektion auf den Wasserturm von Hans Graeder aus dem Nachlass bei den Künstlernachlässen Mannheim.

Das ganze Experiment gipfelt 1981 in einem Lichthappening, in Zusammenarbeit mit dem damals noch jungen Fotografen Horst Hamann, bei dem die Dias auf den Wasserturm – Mannheims zentrales Wahrzeichen – projiziert werden.

08
Re-Visionen

Dia-Negativ einer Re-Vision. Fotos: Künstlernachlässe Mannheim

Hans Graeder ist 71 Jahre alt, als er das Prinzip der Collage entscheidend abändert: Die Vorlagen sind seine eigenen Bilder! Er zerschneidet alte Arbeiten aus verschiedenen Werkphasen und neue Arbeiten in Längsstreifen und klebt sie auf sehr großformatige, ungerahmte Leinwände zusammen. Die Ausschnitte aus seinen Arbeiten werden zu Fragmenten und verschmelzen in eine neue Bildstruktur. Dieses Prinzip wendet er auch in seinen Dias an.

Die Re-Visionen stellt Hans Graeder 1990 in der Kunsthalle Mannheim und im Rosengarten Mannheim aus.

Die Durchblicke und Ausblicke zwischen den Streifen ergeben eine andere Realität, sie „vermitteln die Spannung zwischen Nähe und Ferne, Faktizität und Fiktion. So öffnet der Künstler den Blick auf imaginäre Räume.“ Joachim von Heusinger von Waldegg

Eine Arbeit aus den Re-Visionen. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

09
Der Nachlass

Hans Graeder stirbt am 25. 2. 1998. Seine Frau Gisela lässt das Atelier, so wie es ist. Immer wieder will sie sich kümmern, aber die Masse der Arbeiten lässt sie scheitern. Als sie 2012 stirbt, ruft der Nachlassverwalter die Künstlernachlässe Mannheim zu Hilfe.

Auch wir sind von der Flut der Arbeiten in den vier Atelierräumen und dem Kelleratelier überfordert: Die Atelierwohnung scheint seit zwölf Jahren konserviert. Alles macht den Eindruck, als wäre Hans Graeder mal kurz auf ein Bier weggegangen und käme gleich wieder zurück, um weiter zu arbeiten.

Begonnene Zeichnungen auf der Arbeitsplatte, gerahmte Arbeiten mal kurz auf die Seite gestellt. Alles ist unsortiert, selten sind Arbeiten signiert. Auch für uns ist das mehr als eine Herausforderung. Aber in einem Arbeitsraum steht ein alter Küchenschrank, in dem wir Kisten mit vielen hunderten Dias finden. Und beim Sichten stellt sich heraus, dass Graeder fast alle seine Arbeiten fotografiert hat. Auch wenn sie keine Jahreszahlen und Titel haben, geben sie doch einen Überblick über sein künstlerisches Schaffen und die Ideen, die ihn umgetrieben haben.

Und so haben wir, neben den fantastischen Dia-Collagen, quasi ein kleines digitales Werkverzeichnis. Mit Unterstützung des Kulturamts Mannheim werden die Dias digitalisiert. Die Künstlernachlässe Mannheim übernehmen nur eine kleine Anzahl exemplarischer Arbeiten in den Bestand.

Blick in den Hof von Graeders Wohnhaus, in dessen Keller sich ebenfalls ein Atelier befand. Foto: Künstlernachlässe Mannheim

Es ist immer der Einzelne, der in diesen Arbeiten auf der Strecke bleibt; ausgeliefert, zerschunden und am Ende ausgelöscht. 

Harold Woetzel