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Vom Kalten Krieg zum europäischen Umbruch

Das Institut für Europäische Geschichte 1950–1990

01
Einführung

02
Der französisch-deutsche Gründungsimpuls

Ein »Schuman-Plan der Geschichtsforschung« und ein europäisches Geschichtsbuch

Bei der Gründung des Instituts für Europäische Geschichte wirkten unterschiedliche Kräfte zusammen: Die französische Militärregierung förderte Einrichtungen, die der »Umerziehung« der Deutschen zur Demokratie und der Verständigung mit Frankreich dienen sollten. Den Nationalismus überwinden wollten nach 1945 auch deutsche Historiker. Einige setzten dabei auf ein »christliches Europa«, andere auf die Geschichte der gesamten Menschheit. Ein unabhängiges Forschungsinstitut sollte diese neuen Geschichtsbilder etablieren. Franzosen und US-Amerikaner stellten die Mittel bereit.

03
Die Doppelstruktur

»…von der Grundkonzeption her aufeinander bezogen«* – ein Institut, zwei Abteilungen

1957 wurde das Institut für Europäische Geschichte in die gemeinsame Finanzierung der Länder aufgenommen. Erst jetzt war es finanziell und organisatorisch abgesichert. In der prekären Phase zuvor hatte sich ein Gegensatz zwischen Joseph Lortz und Fritz Kerns Nachfolger Martin Göhring verfestigt. Pläne, das Institut zu erweitern und sein Forschungsprofil abzurunden, verliefen im Sand. Die Abteilungen entwickelten ihr jeweils eigenes Profil. Göhrings Nachfolger Karl Otmar von Aretin bemühte sich nach 1968 um die »Aussöhnung beider Abteilungen«.

 

* Fritz Kern und er seien sich einig gewesen, dass die beiden Abteilungen »von der Grundkonzeption her aufeinander bezogen sein sollten«. Joseph Lortz an Martin Göhring, Mainz 09.11.1956 (Kz.), Bl. 4. IEGA 730.

04
Legitimierungen

Ein Kalter Krieg um »das gemeinsame europäische Erbe«*

Die Gründung des Instituts war mit hohen Erwartungen verknüpft. Es sollte auf wissenschaftlichem Weg auf ein einiges Europa hinarbeiten. Auf welchen Grundlagen dieses Europa aufbauen sollte, war umstritten. Zwischen 1953 und 1956 veranstalteten beide Abteilungen öffentliche Vortragsreihen und je einen großen Kongress zum Thema Europa. Dabei zeigten sich weltanschauliche Gegensätze zwischen den Direktoren. Erst nach dem Umbruch von 1989/1990 wurde im Institut wieder grundsätzlich über »Europa« nachgedacht.

* Joseph Lortz, Religionsgeschichte und Abendländische Einheit, in: Theodor Heuss, Martin Göhring, Joseph Lortz, Drei Reden, Mainz 1953, S. 15–60, 25.

05
Lasten

Selbst-Entnazifizierung und Wiedereingliederungshilfe – ein Europa-Institut und der Nationalsozialismus

Joseph Lortz und Martin Göhring stehen exemplarisch für die Herausforderung, ein Wissenschaftssystem unter freiheitlich-demokratischen Vorzeichen aufzubauen – mit Personen, die den Nationalsozialismus mitgetragen hatten. Beide waren 1933 bzw. 1935 in die NSDAP eingetreten. Der ältere, bereits etablierte Professor hatte sich für eine Verbindung von katholischer Kirche und NS-Regime ausgesprochen, der Jüngere die Chancen auf eine akademische Karriere genutzt. Als Direktoren eines Europa-Instituts gingen sie unterschiedlich mit der »Last« des Nationalsozialismus um.

06
Der Ort und die Menschen

Die Domus Universitatis als Arbeits- und Wohngemeinschaft

Das Institut für Europäische Geschichte wurde buchstäblich auf den Ruinen des Zweiten Weltkriegs errichtet, den Deutschland begonnen hatte. Die wieder aufgebaute Mainzer »Alte Universität« sollte eine internationale Gemeinschaft beherbergen: Hier lebten unter einem Dach nicht nur Direktoren und Hausmeister (mit ihren Familien), sondern auch die Stipendiat/innen. Deren Wohnheim wurde erst Mitte der 1960er-Jahre für Frauen geöffnet. 1968 durchzog selbst die ehrwürdige Domus Universitatis ein rebellischer Geist, der flache Hierarchien im Institut etablieren wollte.

07
Etablierung und Ausbau

Eine »Forschungsgemeinschaft mit inter- oder übernationalem Charakter«*

Das Mainzer Institut war mit dem Auftrag gegründet worden, sich international zu vernetzen. Ein elitär angelegter Förderverein scheiterte (auch) an zu hohen Erwartungen. Doch das internationale Stipendienprogramm wurde zu einem Pfeiler der Institutsarbeit. In der alltäglichen Begegnung unterschiedlichster Wissenschaftstraditionen löste das Institut seinen »völkerverständigenden« Gründungsimpuls ein. Es wurde zu einem internationalen Knoten der westdeutschen Geisteswissenschaften im Kalten Krieg. Mit Tagungen und Publikationen suchte das Institut diese Internationalisierung seit den 1970er-Jahren weiter zu befördern.

* »die aufzubauende Forschungsgemeinschaft [müsste] schon nach aussen hin gleichsam inter- oder übernationalen Charakter haben«. Martin Göhring an Raymond Schmittlein, 12.01.1952. IEGA 136.

08
Profilierungen (I)

Ein »katholischer« Luther – Konfessionskonflikt, Zensur und Ökumene

Zehn Jahre vor Gründung des Instituts für Europäische Geschichte hatte Joseph Lortz »Die Reformation in Deutschland« (1939/1940) veröffentlicht. Das Institut profitierte vom Erfolg und der Wirkung des Werks. Es geriet aber auch in die Kontroversen um weitere Auflagen des Buchs hinein, das nach dem II. Vatikanischen Konzil in vier Sprachen übersetzt wurde. Lortz’ Nachfolger stellten sich der Herausforderung, sein »Erbe« in ökumenischer Absicht weiterzuentwickeln und darüber hinauszugehen.

09
Profilierungen (II)

Ein neues Bild vom Alten Reich – Rechtsordnung und politisch-soziales System

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte der nationale Machtstaat unter preußischer Führung nicht mehr als Endziel deutscher Geschichte gelten. Nun rückten föderale und rechtsstaatliche Traditionen in den Blick. Dadurch wurde das Heilige Römische Reich interessant. Wie hatte dieses komplexe Gebilde so lange funktionieren können? Karl Otmar von Aretin trug von Mainz aus entscheidend dazu bei, dass sich ein neues Bild vom »Alten Reich« etablierte.

10
Aufbrüche

Wissenschaft als Ostpolitik – »Kaffeerunden« vor und hinter dem Eisernen Vorhang

Mit seinem internationalen Stipendienprogramm schuf das Institut für Europäische Geschichte wissenschaftliche Kontaktzonen zwischen West und Ost. Zudem beteiligte sich das Institut maßgeblich an Initiativen zur wissenschaftspolitischen »Entspannung«. Die wissenschaftliche Kooperation blieb freilich durch ideologische Gegensätze und politische Rücksichten geprägt. Seit dem europäischen Umbruch von 1989/1990 hat sich die »brückenbauende« Rolle des Mainzer Instituts grundlegend gewandelt.