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Klänge des Protests?!

Wie die Jazzwerkstatt Peitz Geschichte(n) schreibt

Ein Ort der Demokratiegeschichte, der durch die Kraft der Musik lebendig wird, ist die Jazzwerkstatt Peitz. Das seit 1973 stattfindende (Free-)Jazzfestival zählte zu den größten der DDR und wurde 1982 verboten. Seit 2011 sammeln sich nun zahlreiche Künstler*innen und Musikbegeistertere erneut in der brandenburgischen Provinz, um sich von der Energie mitreißen zu lassen.

Die virtuelle Ausstellung gibt Einblicke in den zeitgeschichtlichen Hintergrund zum Jazz in der DDR, insbesondere in die Bedeutung der Jazzwerkstatt Peitz und unterschiedlicher Künstler*innen.

Eine virtuelle Ausstellung von

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Free Jazz in der DDR

Die Ursprünge des Jazz um 1900 lagen in der Eigenart, gewohnte Formen und Strukturen aufzubrechen sowie sich von Traditionen und Vorbildern loszusagen. Ein neues, eigenwilliges Subgenre etablierte sich in den 1960ern in den USA - insbesondere mit dem Genre-prägenden Album von Ornette Coleman »Free Jazz« (1961) - später aber auch in anderen Ländern wie etwa der DDR. Dabei ließ sich im Free Jazz oft ein subversives Potential vermuten: Spontan, frei, unmittelbar und manchmal sogar laut zu sein, stand dem Mainstream gegenüber. In der DDR galt Jazz zunächst als westlich dekadent. Mit dem Kahlschlags-Plenum (das 11. Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) 1965 folgten unter anderem Berufsverbote für Musiker*innen. Dennoch entwickelte sich eine Jazzszene, die vom sozialistischen Staat im Laufe der Zeit anerkannt wurde. 1984 wurde die Sektion Jazz im Komitee für Unterhaltskunst der DDR gegründet.

 

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»Peitz bedeutete Mut« - Die Jazzwerkstatt Peitz 1973–1982

Die Jazzwerkstatt

Der Begriff »Werkstatt« stammte aus der Szene: Schon seit den späten 1950ern wurde damit, etwa von dem Bassisten Charles Mingus, eine Plattform zum Musizieren benannt, die unabhängig von kommerziellen Interessen funktionierte und das Experiment und die Improvisation in den Mittelpunkt stellte. In der Werkstatt wurden Klänge, Melodien, Geräusche erarbeitet; sie war ergebnisoffen. Das Festival in Peitz ermöglichte es, bei diesem Prozess zuzuschauen. So ist es kein Zufall, dass sich Peter »Jimi« Metag und Ulrich »Ulli« Blobel mit dem 1973 ins Leben gerufenen Festival diesem Begriff bedienten. Die Konzerte in der brandenburgischen Provinz waren eine Werkstatt, in der die Musiker*innen in einmaligen Konstellationen zusammentrafen, um gemeinsam unvergleichliche, lebendige und kreative Klangmomente mit ihren Experimenten und Improvisationen zu schaffen.

Mit Ausnahme von Czeslaw Bartkowski (Polen) spielten im April 1974 vorwiegend ostdeutsche Jazzgrößen im Filmtheater Peitz, wie unter anderen Günter »Baby« Sommer (Schlagzeug), Ernst-Ludwig »Luten« Petrowsky (Saxophon) und Manfred Hering (Saxophon). Ab 1979 waren auch Musiker*innen aus westlichen Ländern dabei, wie etwa die international renommierten Jazzer Evan Parker (Saxophon), Tony Oxley (Schlagzeug), beide aus Großbritannien, und der südafrikanische Harry Miller (Bass, Cello). Die Künstler*innen waren vorher noch nie mit ostdeutschen Musiker*innen aufgetreten. Vor Ort wurde geprobt und improvisiert. Neue Musik und Formationen entstanden unmittelbar vor dem Publikum.

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»Wir haben das freie Spiel genossen, Genossen«

»Werter Herr Blobel...«

Mit diesem Satz endete die Jazzwerkstatt Peitz. Am 17. Mai 1982 erreicht das kurze Schreiben Ulrich »Ulli« Blobel, welches ohne jegliche Begründung die Vorbereitung und Durchführung der Konzerte verbot. 

Ob das Verbot eine Folge davon war, dass in der Jazzwerkstatt Peitz mit dem immer größer werdenden Publikum seitens des Staates subversives Potential vermutet wurde, lässt sich nur mutmaßen: Die experimentellen Klänge sind unvorhersehbar, disharmonisch, chaotisch, anarchisch und eben schwer zu kontrollieren. Dadurch, dass es den Stücken zumeist an Texten fehlt, mangelte es den Behörden an konkreten Anhaltspunkten, die Musik zu untersagen. 

Die Jazzwerkstatt zog immer mehr Personen in die brandenburgische Kleinstadt. So könnte etwa die Versammlung von etwa 3.000 Gästen während der Open Airs, die ab 1979 stattfanden, als bedrohlich wahrgenommen worden sein. Sie wurden besonders kritisch beäugt, da viele der Jazzer Jeans trugen - ein Produkt aus dem Westen - oder lange Haare hatten und daher bisweilen als sogenannte »Gammler« abgewertet wurden. Daneben gab es gegen Blobel ein Ermittlungsverfahren wegen eines Devisenvergehens, was jedoch eingestellt wurde, als er 1984 seinen Ausreiseantrag bewilligt bekam. 

Die »verschlafenen Kleinstadt«, wie Blobel Peitz bezeichnet, sei ein Standortvorteil gewesen, da sie aufgrund des provinziellen Charakters wenig von Kontrollorganen beachtet wurde. Es ist auch denkbar, dass genau diese Abgeschiedenheit als eine Bedrohung seitens der Staatsorgane wahrgenommen wurde.

Wie viele und welcher der genannten Gründe das Ende der Jazzwerkstatt bedeuteten, bleibt letztlich offen. 

Die Geschichte(n) weiterschreiben

Seit 2011 findet die Jazzwerkstatt Peitz wieder statt. Zahlreiche Besucher*innen kommen wieder in der Lausitzer Kleinstadt zusammen, um der internationalen Jazz- und Improvisationsszene zu lauschen. Mehr noch, Peitz bleibt ein aufregender Experimentierraum, der mit progressiver Musik zum Austausch anregt und Gemeinschaft stiftet. 

50 Jahre nach der Gründung übergab Ulli Blobel die Jazzwerkstatt Peitz an seine Tochter Marie Blobel, die nun das Festival weiterführt, Traditionen aufgreift und gleichermaßen eigene Impulse hinzugibt. 2026 erhielt sie den Deutschen Jazzpreis in der Kategorie »Festival des Jahres«.

Dass auch Musik ein Medium des Widerstandes und des Kampfes um Demokratie sein kann – selbst dann, wenn es sich um die vermeintlich unpolitische Form der reinen Instrumentalmusik handelt: Davon legt die Geschichte der 1972 im nordöstlichsten Zipfel der Oberlausitz gegründeten Jazzwerkstatt Peitz ein beredtes Zeugnis ab. 2024 übernahm das Deutsche Buch- und Schriftmuseum das Archiv der Jazzwerkstatt an und ermöglicht damit einen dauerhaften Zugriff auf einen demokratiegeschichtlich relevanten Bestand als nationales Kulturgut. Der Bestand ist über das Portal der Deutschen Nationalbibliothek abrufbar: https://d-nb.info/1331975484.

Weitere Informationen:

Zum gesamten Archivmaterial der Jazzwerkstatt Peitz der Deutschen Nationalbibliothek: https://d-nb.info/1331975484 

Website der Jazzwerkstatt Peitz: https://www.jazzwerkstatt-peitz.de

Archiv für Jazz- und Popularmusik in Eisenach: https://www.lippmann-rau-stiftung.de 

Rainer Bratfisch, Artikel „Jazz“, in: Musikgeschichte Online, hg. von Lars Klingberg, Nina Noeske und Matthias Tischer, 2018ff. Stand vom 12.02.2025, online verfügbar unter https://mugo.hfm-weimar.de/de/topics/jazz , zuletzt abgerufen am 18.02.2026.

Quellen:

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Breternitz, Martin 2022: Honorare, https://mugo.hfm-weimar.de/de/topics/honorare , letzter Aufruf 09. Juli 2025.

Brüning, Uschi / Schädlich, Krista M. 2019: So wie ich. Autobiographie. Berlin: Ullsteinverlag.

Dieckmann, Christoph 2023: Kohlroulade ist aus, Peitz lebt. In Ulli Blobel (Hg.), Woodstock am Karpfenteich II. Gera: jazzwerkstatt, 73–88.

jazzwerkstatt Peitz 2020: Joe Sachse (das erste mal Peitz und den Jazz in der DDR), https://www.youtube.com/watch?v=Jpoo1v7fMYA , letzter Aufruf 01. September 2025.

Kaldewey, Helma 2020: A people's music. Jazz in East Germany, 1945-1990. Cambridge: Cambridge University Press.

Krüger, Thomas 2011: Freie Töne. In Ulli Blobel (Hg.), Woodstock am Karpfenteich. Die Jazzwerkstatt Peitz. Peitz / Berlin: jazzwerkstatt.

Kropinski, Uwe (2025): Biographie. Online verfügbar unter https://www.kropinski.com/deutsch/biografie, zuletzt geprüft am 09.07.2025.

Niesar, Denny; Johansson, Sven-Åke (2021): Das Fremde aus der Nähe sehen. Sven-Ake Johansson im Gespräch mit Denny Niesar. In: Sven-Åke Johansson (Hg.): Dynamische Schwingungen: mit Händen und Füßen gespielt. Erste Auflage. Köln, Hofheim: Edition MusikTexte; Wolke, S. 223–232.

Noglik, Bert 1990: Vom Linden-Blues zum Zentralquartett -. Fragmentarisches zur Entwicklung des Jazz in der DDR. In Klaus Wolbert (Hg.), That's Jazz: der Sound des 20. Jahrhunderts; eine Musik-, Personen-, Kultur-, Sozial- und Mediengeschichte des Jazz von den Anfängen bis zur Gegenwart. Frankfurt am Main: Bochinsky, 421–432.

Noglik, Bert 2023: Zufällige Notizen zur Geschichte eines Antidepressivums. 50 Jahre jazzwerkstatt Peitz. In Ulli Blobel (Hg.), Woodstock am Karpfenteich II. Gera: jazzwerkstatt, 51-60.

Samuels, Alexander (2024): Die Liebe der Stasi zum Jazz. Wie verstrickt war Ulli Blobel? In: taz, 15.06.2024. Online verfügbar unter https://taz.de/Wie-verstrickt-war-Ulli-Blobel/!6015075/, zuletzt geprüft am 14.03.2026.

Schmitz, Alexander: Kropinski. Porträt: Kluger Lakoniker. Online verfügbar unter https://www.kropinski.com/presse/porträt-von-alexander-schmitz/ , zuletzt geprüft am 09.07.2025.

Sellhorn, Josh / Wielgohs, Jan 2009: Kropinski, Uwe. Biographische Angaben aus dem Handbuch "Wer war wer in der DDR?":, https://www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/biographische-datenbanken/uwe-kropinski , letzter Aufruf 09. Juli 2025.