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Führer, wir gehören Dir

Jugend in der NS-Zeit im heutigen Märkischen Kreis

Eine virtuelle Ausstellung von

Führer, wir gehören Dir

Der Titel dieser Ausstellung entstammt der offiziellen "Hymne der Hitlerjugend". Den Text zu „Vorwärts, vorwärts“ (auch bekannt unter „Unsre Fahne flattert uns voran“) schrieb Reichsjugendführer Baldur von Schirach 1933 für den Propagandafilm "Hitlerjunge Quex".

Mit dieser Ausstellung will das Kreisarchiv darstellen, wie Jugendliche in Schule und Freizeit durch die damaligen Machthaber manipuliert wurden, und wie es dazu kommen konnte, dass die I-Männchen des Jahres 1933 gegen Ende des Krieges als Flakhelfer bei der Luftwaffe, in Aufräumkommandos der HJ nach Bombenangriffen im Ruhrgebiet und zuletzt im Volkssturm ihr Leben riskierten.

Die Vorgeschichte und Ereignisse in der Weimarer Republik werden nur knapp reflektiert.

Ohne den Ersten Weltkrieg, den "Versailler Schmachfrieden" und die Probleme der Weimarer Republik wäre das "Dritte Reich" jedoch nie möglich geworden.

Weimarer Republik

Die "Machtergreifung" am 31. Januar 1933 durch die NSDAP kam weder überraschend noch über Nacht.

Für viele Deutsche war der Erste Weltkrieg nicht mit dem Waffenstillstand vom 11. November 1918 zu Ende. Der "Versailler Schandfrieden" und die Hilflosigkeit des Staates, der die wirtschaftlichen und politischen Krisen nicht bewältigen konnte,  führten zu einem Erstarken linker und rechter Extremisten.  Auch im Bereich des heutigen Märkischen Kreises traten antidemokratische und rassistische Tendenzen offen zu Tage.

Schule

Deutliche Auswirkungen hatte die „Machtergreifung“ auf den Schulalltag.

Um Kinder und Jugendliche im Sinne des Nationalsozialismus zu erziehen, wurden neue Lehrpläne erstellt und unliebsame Lehrer*innen aus den Schulen gedrängt. Schlagworte wie "Blut und Boden" sowie „Rasse und Sippe“ wurden Schwerpunkte der Bildungsinhalte.

Neuer Schulalltag

Die NS-Schulpolitik wollte im ersten Volksschuljahr die Gefühlswelt der Kinder ansprechen und sowohl ein "Wir"-Gefühl entwickeln als auch die Liebe zur Heimat stärken. Der Unterricht in den höheren Klassen sollte die Schulkinder in die "Ganzheit der nationalsozialistischen Weltanschauung" einführen. Link zum Lehrplan Gau Westfalen Süd Auch am Realgymnasium Altena veränderten sich der Unterricht und das Schulleben. Oberschullehrer Willschütz, der schon im Ersten Weltkrieg die paramilitärische Ausbildung von Jungen in der Jugendwehr durchgeführt hatte, besuchte in den Osterferien einen Wehrsportlehrgang in Bad Schwalbach. Unter dem kommissarischen Schulleiter Hermann Flebbe schauten Schüler am 18. Oktober 1933 im Kino den Propagandafilm „SA-Mann Brand“, der anschließend im Unterricht der Oberprima als Aufsatzthema „Filmtechnische und künstlerische Bewertung des SA-Mann Brand Filmes“ besprochen wurde. Der Kinofilm „Hitlerjunge Quex“ stand am Tag nach der „Nagelung des HJ Schildes auf dem Bungern“ am 5. Dezember 1933 auf dem Stundenplan.

Lesebücher

Im ersten Schuljahr sollte nationalsozialistisches Gedankengut im Hintergrund stehen, wurde aber in den Lesefibeln durchaus übermittelt. Zwei Ausgaben der in märkischen Schulen verwendeten Fibel „Gute Kameraden“ aus den Jahren 1935 und um 1940 verdeutlichen, wie sich Lehrinhalte vor und nach dem Kriegsbeginn veränderten.

Link zur Gegenüberstellung ausgewählter Passagen

Links ist eine Fibelseite aus der 1935 erschienenen Ausgabe abgebildet, rechts die entsprechende Seite aus der Auflage um 1940. Auffällig ist, dass in der späteren Ausgabe die NS-Symbole in ihrer Bildsprache teils drastisch zurückgenommen wurden. Finden sich 1935 Abbildungen von Hitlerjungen, Hakenkreuzfahnen und vom "Führer", so sind diese um 1940 weitestgehend verschwunden bzw. durch weniger starke Zeichnungen ersetzt. Allein die Lesetexte stellten einen inhaltlich stärkeren NS-Bezug her.

Austausch missliebiger Lehrkräfte

Als Johann Passe am 27.11.1934 seine Antrittsrede als Schulleiter des Altenaer Realgymnasiums hielt, beschwor er eine neue Zeit und einen neuen Geist. Die Schule werde sich anderen Lehrinhalten zuwenden und die „falschen Erziehungsprinzipien der alten Zeit“ hinter sich lassen. "Die kommende Schule wird sehr stark die körperliche Ertüchtigung betonen […] und am Schluss kommt erst das Wissen, weil ja das ganze Leben noch eine Schule zur Übermittlung von Erleben und Wissen ist.“ Die neue Aufgabe der Schule sei vielmehr die Formung des Charakters im Geiste der neuen Zeit.

Link zur gesamten Rede von Johann Passe

Zum Zeitpunkt seiner Rede war der aus Gladbeck stammende Passe seit einem halben Jahr mit der kommissarischen Leitung der Schule betraut. Sein Vorgänger, Dr. Friedrich Heyne, seit 1925 Schulleiter, war von den neuen Machthabern zum 01.09.1933 beurlaubt und Anfang Oktober in den Ruhestand versetzt worden. Heyne war Mitglied der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), hatte seine ablehnende Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus seit Beginn der 1930er Jahre offen ausgedrückt und sich für jüdische Mitbürger eingesetzt.

Rassenkunde in der Schule

Die Bedeutung von Rasse und Sippe spiegelt sich in den neuen Lehrplänen wider. Im Januar 1936 besuchten Schüler der katholischen Schule am Lennestein rassenkundliche Ausstellungen. Der Bericht über die Lehrinhalte des Realgymnasiums im Schuljahr 1933/34 erwähnt allerdings, das „zeitraubende wiederholende Hinweise […] nötig [waren], ohne die eine erfolgreiche rassenkundliche Belehrung und die darin verwobene sexuelle Belehrung und Erziehung nicht recht möglich“ sein würde.

Bericht des Realgymnasiums Altena über "Sexuelle Belehrung und Erziehung der Jugend" als Lehrplaninhalte 1933/34 

Der Biologieunterricht lehrte durch die NS-Vererbungslehre nationalsozialistisches Gedankengut: Während in der Unterstufe Tiere und Pflanzen behandelt wurden, war bereits in der Untersekunda der wichtigste Lehrinhalt die "Auffassung der ethischen Grundlagen der Schicksalsfragen, die für unser Volk Sein oder Nichtsein bedeuten".

Auslese und Gattenwahl

Das Lehrbuch „Lebenskunde“ widmete dem Thema „Rasse und Volk“ knapp ein Viertel seines Inhaltes. Ein Lernstoff war die „Ausmerze der Asozialen“, denn „die asozialen Großfamilien, die von den erbgesunden kinderreichen Familien schärfstens zu trennen sind, bedeuten die schwerste Gefahr für das Erbgut unseres Volkskörpers“. Diese „breite Schicht der asozialen (gemeinschaftsunfähigen) Sippen“ wurde als „arbeitsscheue Elemente, politische Untermenschen, die von der Fürsorge der übrigen Volksgenossen mit durchgeschleppt werden müssen“ gebrandmarkt. Deren „völliger Mangel an Gemeinschaftssinn, der erblich bedingt ist, macht sie sehr gefährlich.“

Wie sie es zum Wohle ihrer Rasse und ihres Volkes besser machen sollten, erfuhren vor allem Schülerinnen unter dem Punkt Auslese und Gattenwahl (10 Gebote für die Gattenwahl) .

"Freizeit"

"Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn nun diese Knaben, diese Mädchen mit ihren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen [...] dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend [...] dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs oder sieben Monate geschliffen [...] dann die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre [...] und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben."

Zitat aus der" Reichenberger Rede" Adolf Hitlers vom 2. Dezember 1938.

Aufnahme in die Jugend des Führers

Die Hitlerjugend war seit 1933 die einzige staatlich zugelassene Jugendorganisation. Das „Jungvolk“ bildeten die 10-13-jährigen „Pimpfe“, die 14-17-Jährigen waren „Hitlerjungen“. Der Jungmädelbund (JM) erfasste Mädchen im Alter von 10-13 Jahren, der Bund Deutscher Mädel (BDM) die 14-17-jährigen. Jeweils am 20. April (Hitlers Geburtstag) wurde der neue Jahrgang der zehnjährigen Jungen und Mädchen in die HJ aufgenommen.

Artikel aus den Lüdenscheider Nachrichten, 1943.

Wie inszeniert man Volksgemeinschaft?

Eine NS-Kernidee war die Schaffung einer Volksgemeinschaft ohne Klassengedanken nach Überwindung gesellschaftlicher Unterschiede: Ein durch Rasse und Blut geeinter Volkskörper, in dem jede*r als vollwertiger Teil einer Gemeinschaft mitwirken sollte - sofern man den "arischen Kriterien" entsprach. Volksgemeinschaft bedeutete somit immer auch Ausgrenzung. Durch geschickte Propaganda, Uniformen, Aufmärsche und gemeinsame Sammelaktionen schufen die Nationalsozialisten das Bild eines geeinten Volkes, das, auf den "Führer eingeschworen", ein neues Reich aufbaute.  

Die Ausstellung zeigt verschiedene Situationen, in denen dieses Ideal der Volksgemeinschaft konstruiert wurde. Das "eigene Opfer" diente der Stärkung der Gemeinschaft. Dieser "Opfergedanke" war ein zentraler Bestandteil der nationalsozialistischen Ideologie.

Kriegszeit

"Wieder steht unser Volk wie in den Augusttagen des Jahres 1914 vor einer großen geschichtlichen Aufgabe [...] Am 1. September 1939, morgens 5 Uhr 45, begann der deutsche Abwehrkampf [...]"

(Chronik der Schule Lennestein, Altena)