Jugendwehren
„Eine Ehrenpflicht gegenüber dem Vaterlande“: Die militärische Vorbereitung der Jugend im Kreis Gütersloh während des Ersten Weltkrieges
Eine virtuelle Ausstellung von
Einführung der Jugendwehren
Bereits kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges leitete die preußische Regierung Maßnahmen ein, um auch die Jugend an das Militär heranzuführen. Diese Idee war nicht neu, schon vorher hatte es entsprechende Überlegungen gegeben. Die in weiten Bevölkerungsschichten verbreitete Euphorie nach Ausbruch des Krieges versuchte die preußische Regierung nun für eine freiwillige Vorbereitung auf den Militärdienst zu nutzen.
Am 16. August 1914 appellierten der preußische Kriegsminister, der Kultusminister und der Innenminister an alle Jugendlichen ab dem 16. Lebensjahr, sich an Übungen zur militärischen Vorbereitung zu beteiligen. Die Teilnahme an derartigen Veranstaltungen „für die sittliche und körperliche Kräftigung“ sei „eine Ehrenpflicht gegenüber dem Vaterlande“.
Komprimierte Grundausbildung für Infanteristen
Wie die militärischen Übungen für die Jugendlichen genau aussehen sollten, wurde vom Kriegsministerium in einer Richtlinie detailliert festgelegt: Schnelles lautloses Antreten, Märsche, Geländekunde, Bildung von Schützenlinien, Entfernungsschätzen und richtiges Weitergeben von Meldungen gehörten ebenso dazu wie die Benutzung von Karten und Kompassen sowie die Anlage von Schützengräben.
Mit den Übungen strebte das Kriegsministerium eine komprimierte Grundausbildung für Infanteristen an, soweit dies ohne Waffen möglich war. Neben der körperlichen Ausbildung war es erklärtes Ziel der preußischen Regierung, „auf die Herzen der Jugend durch Erzählung von den Großtaten der Väter einzuwirken“ und durch Mitteilung von Kriegsnachrichten den „Zorn gegen den Feind zu entfachen“.
Intensive Werbung im Kreis Halle
Im Kreis Halle ist umgehend mit dem Aufbau von Jugendwehren begonnen worden. Zunächst kümmerte sich der Haller Landrat Dr. Röhrig um die Suche nach geeigneten Ausbildern. Vor allem Lehrer, Angehörige des öffentlichen Dienstes, Selbstständige und Geistliche stellten sich als Ausbilder zur Verfügung.
Es folgte eine intensive Werbung für die Jugendwehren. Aufrufe im Haller Kreisblatt warben für eine rege Beteiligung, die Gemeindevorsteher gingen zum Teil von Haus zu Haus, um Eltern und Jugendliche für die Jugendwehren zu begeistern. Auch Schulen und Geistliche beteiligten sich an den Maßnahmen. Zu Beginn des Jahres 1915 waren die Jugendwehren im Kreis Halle schließlich flächendeckend eingeführt, über 750 Jugendliche hatten sich angemeldet.
„Begeisterter Widerhall“ im Kreis Wiedenbrück
Auch im Kreis Wiedenbrück ist umgehend mit dem Aufbau von Jugendwehren begonnen worden. Landrat Klein zeigte sich zufrieden mit dem „begeisterten Widerhall“, auf den die Anregungen zur militärischen Vorbereitung der Jugend gestoßen seien. Er betonte, dass die Jugendlichen, „wenn sie alt und grau geworden, sie von späteren Generationen beneidet und bewundert werden würden, eine solche Zeit miterlebt zu haben“.
Alleine in Gütersloh waren über 350 Jugendliche den Aufrufen gefolgt. Für die Übungen der Gütersloher Jugendwehr ist sogar eigens ein eigener Platz im Ortsteil Pavenstädt angelegt worden. Zur Eröffnung am 1. August 1915 zeigte die Jugendwehr der Gütersloher Bevölkerung das Erlernte: Exerzierübungen, Gefechtsszenen und die Nutzung von Zeltbahnen u.a. zum Verwundetentransport standen auf dem Programm.
„Pünktliche Befolgung der gegebenen Befehle“
Der Beginn der Jugendwehren war also durchaus verheißungsvoll für die Verantwortlichen. Die Jugendlichen waren neugierig und brachten der Ausbildung großes Interesse entgegen. Diese umfasste nicht nur Maßnahmen zum körperlichen Training, sondern auch ganz konkrete Aufgaben zur Vorbereitung auf den Militärdienst. Dazu gehörten etwa „Schnelles Antreten in ein und zwei Gliedern und in Kompagniefront, „Patrouillen, Verhalten derselben“ sowie „Schätzen von Entfernungen und Kartenlesen“.
Ausdrücklich wurde hervorgehoben, dass „bei Ausführung der Uebungen [..] insbesondere auf pünktliche Befolgung der gegebenen Befehle, auf schnelles Antworten und Vortreten Aufgerufener gehalten [wird], um die Jugendlichen zum Gehorsam, zur Aufmerksamkeit und zur geistigen Regsamkeit zu erziehen.“
Mützen, Spaten und Holzgewehre
Für einheitliche Erkennungszeichen der Jugendwehren wurde gesorgt. In Versmold trugen alle Mitglieder eine feldgraue Mütze, in Halle und im Kreis Wiedenbrück dachten die Verantwortlichen über die Einführung einer Mütze mit schwarz-weiß-roter Kokarde nach. Für die Ausbilder wurden Instruktionsbücher angeschafft, für die praktische Ausbildung gebrauchte Spaten, Rucksäcke, Brotbeutel, Feldflaschen, Flaggen sowie Liederbücher.
Die Gütersloher Jugendwehr rief die Bürgerschaft sogar zu Spenden auf: Für das Bauen von Schützengräben und Unterständen benötige man Bretter und Stangen sowie Werkzeuge. Seit 1916 setzten die Jugendwehren Übungshandgranaten und Holzgewehre ein, um die militärische Vorbereitung realistischer gestalten zu können.
Übungen, Unterricht und Märsche
Die Übungen der Jugendwehren fanden in der Regel sonntagnachmittags statt. Im Sommer ging es hierzu vor allem ins Gelände, ansonsten wurden zentrale Plätze neben Gemeindehäusern genutzt. Bei schlechtem Wetter und im Winter gestaltete sich das Ganze schon schwieriger. In einigen Gemeinden konnten die Jugendwehren auf Turnhallen zurückgreifen, ansonsten standen Schulen, Säle in Gastwirtschaften, Fabrikgebäude oder Scheunen zur Verfügung.
Viele Jugendwehren organisierten zudem unterhalb der Woche noch theoretischen Unterricht etwa über den Gebrauch von Kompassen und Vorträge über den Kriegsverlauf. Neben Übungen fanden auch immer wieder Märsche statt. Ende Januar 1915 ging es für die Gütersloher Jugendwehr beispielsweise zum Kriegsgefangenenlager in der Senne.
Organisatorische Probleme und nachlassendes Interesse
Doch schon bald nach der flächendeckenden Einführung der Jugendwehren mehrten sich die Probleme. Viele Ausbilder wurden an die Front einberufen. Die Teilnehmerzahlen gingen kontinuierlich zurück. Die Gründe hierfür waren vielfältig. Da Arbeitskräfte fehlten, wurden die Jugendlichen zunehmend in der Landwirtschaft und im Handwerk gebraucht. Die Verkehrsverhältnisse verschlechterten sich im Lauf des Krieges immer mehr. Und nicht zuletzt war der Reiz des Neuen, den die Jugendwehren anfänglich noch verströmten, schnell verflogen. Andere Freizeitaktivitäten entfalteten eine größere Anziehungskraft. Immer mehr Jugendwehren in den Kreisen Wiedenbrück und Halle mussten den Dienst einstellen.
Versuch einer Trendwende
Mit verschiedenen Maßnahmen sollte eine Trendwende eingeleitet werden. Der Haller Landrat Röhrig bemühte sich, neue Ausbildungsleiter für die Jugendwehren zu gewinnen. In Gütersloh und Wiedenbrück baten die Bürgermeister die einheimischen Firmen um Unterstützung bei der Rekrutierung der Auszubildenden. Auch mit Belohnungen versuchten die Behörden, noch zögerliche Jugendliche zu überzeugen, etwa mit Vorteilen bei der Wahl des Truppenteils nach der Einberufung.
Seit 1916 wurden in Bielefeld zudem zweitägige Fortbildungskurse für die Ausbildungsleiter angeboten, die auch in den Kreisen Halle und Wiedenbrück auf reges Interesse stießen. Sogar aus Berlin wurde Hilfe angeboten. Die Auskunftsstelle über Kriegs- und wirtschaftliche Fragen für Jugendkompagnien stellte fertige Vorträge zur Verfügung, etwa zum Thema „Wie müssen die Daheimgebliebenen zum Siege beitragen?“
Zwangsrekrutierungen zu den Jugendwehren?
Trotz aller Gegenmaßnahmen verschärften sich die Probleme der Jugendwehren. In vielen Gemeinden existierten gegen Ende des Krieges überhaupt keine Gruppierungen mehr oder hatten mit großen Problemen zu kämpfen. Lediglich die Jugendwehren in Gütersloh und Halle konnten sich diesem Trend entziehen.
Die lokalen Behörden und die meisten Ausbildungsleiter befürworteten daher eine Zwangsrekrutierung zu den Jugendwehren. So vertrat der Leiter der Harsewinkeler Jugendwehr die Haltung, dass „die Teilnahme an der so schönen, vaterländischen Jugendwehr-Einrichtung [..] für die Beteiligten Pflicht sein [müßte].“ Doch die preußische Regierung zögerte, derartig unpopuläre Maßnahmen einzuführen. So war es eigentlich nur noch eine Randnotiz, als nach dem Ende des Ersten Weltkrieges die Jugendwehren auch offiziell aufgelöst wurden.