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Einführung

Die Trennung werde nur von kurzer Zeit sein, es werde alles gut – mit dieser Hoffnung schickten Eltern ihre Kinder auf die sogenannten Kindertransporte. Etwa 20.000 Kinder und Jugendliche entkamen so zwischen November 1938 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im September 1939 der nationalsozialistischen Diktatur. Unter ihnen waren mindestens 600 Kinder aus Frankfurt. 

Die Trennung war jedoch nicht von kurzer Zeit. Und es wurde auch nicht alles wieder gut. Für die Kinder bedeutete die Flucht die Rettung vor der Verfolgung; zugleich aber auch eine unverstandene Trennung von der Familie, Traumatisierungen und Schuldgefühle. In den Aufnahmeländern standen die Kinder häufig unter einem enormen Anpassungsdruck, teilweise lebten sie auch unter nicht kindgerechten Bedingungen. In ihrer Heimat hinterließen sie eine Leerstelle: in den Familien, den Schulklassen, im öffentlichen Leben. Die meisten Kinder sahen ihre Eltern, Geschwister und Verwandten nie wieder. Die Erfahrungen aus der Kindheit waren lebensprägend, auch für die späteren eigenen Familien. 

Bereits vor 1938 gab es eine Auswanderung von Kindern aus dem nationalsozialistischen Deutschland, allerdings in einem geringen Umfang, da kaum eine Familie bereit war, die schmerzvolle Trennung auf sich zu nehmen. Zudem war die Aufnahmebereitschaft anderer Länder sehr begrenzt. Aber die unmittelbar nach der Annexion Österreichs einsetzende Entrechtung der österreichischen Jüd*innen und die Novemberpogrome 1938 ließen keinen Zweifel mehr an der Notwendigkeit, möglichst viele Kinder und Jugendliche aus dem Machtbereich der nationalsozialistischen Diktatur herauszubringen. Das gelang nur durch die Zusammenarbeit einer Vielzahl von Organisationen, Initiativen, Behörden und Privatpersonen. Aber nicht alle Kinder hatten die gleichen Chancen: Junge Mädchen waren leichter, Jungen ab zwölf schwer vermittelbar. Für Geschwisterpaare war ein Zusammenbleiben nur in Ausnahmefällen möglich, und jüdischen Kindern konnte die Aufnahme in einer jüdischen Pflegefamilie nicht garantiert werden. Kinder mit Behinderungen hatten kaum eine Chance. 

Mit dem Begriff „Kindertransporte“ wird in der Regel die Emigration von Kindern und Jugendlichen nach Großbritannien in der Zeit zwischen Dezember 1938 und September 1939 verbunden. Doch auch andere Länder erklärten sich zur Aufnahme bereit: Die Kinder und Jugendlichen flohen unter anderem nach Belgien, Frankreich, Palästina, in die Niederlande und die Schweiz, nach Schweden und in die Vereinigten Staaten. 

Die Ausstellung „Kinderemigration aus Frankfurt“ zeigt, dass jede Geschichte der Kinderemigration eine individuelle und einzigartige Geschichte ist. Sie widmet sich sechs Biografien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Zugleich richtet sie den Blick auf die lokalen Gegebenheiten in Frankfurt, auf die Situation in den Aufnahmeländern sowie auf die bürokratischen Aspekte und die Helfer*innen bei der Auswanderung. Den Rahmen bildet die Frage danach, wie wir die Kinderemigration heute erinnern können.

Es wäre doch sehr schön, wenn in meiner Heimatstadt ein Denkmal sein würde für die Kindertransport-Kinder. […] Ich persönlich wäre nicht am Leben ohne den Kindertransport. […] Und ich möchte bitten, dass Sie sich eilen sollen, denn ich bin 93 Jahre alt.

Die Zeitzeugin Lee Edwards über ein Denkmal an die Kindertransporte in Frankfurt, 2017

Ein Denkmal für die Kindertransporte in Frankfurt

Lee Edwards‘ Wunsch aus dem Jahr 2017 hat sich inzwischen erfüllt. Auf Anregung von damaligen Kindern, des Vereins Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt am Main sowie des Ortsbeirats für den Ortsbezirk 1 hat sich die  Stadt Frankfurt am Main zur Errichtung eines Denkmals für die Kinder und Jugendlichen entschieden, die damals Frankfurt verlassen hatten. Die Schirmherrschaft für das Projekt hat die in Frankfurt lebende Publizistin und Moderatorin Bärbel Schäfer übernommen. Fünf Künstler*innen wurden zu einem Wettbewerb eingeladen: Yael Bartana, Anne Imhof, Ella Littwitz, Michaela Melián und Ernst Stark. Die Jury entschied sich für den Entwurf von Yael Bartana.

Seit September 2021 erinnert das von Bartana entworfene Denkmal The Orphan Carousel an der Ecke Kaiserstraße/Gallusanlage an die Kinderemigration aus Frankfurt. Das Denkmal stellt den Moment des Abschieds und den Aspekt der Abwesenheit ins Zentrum. In den Erläuterungen zum Denkmalsentwurf skizziert Yael Bartana, welche Fragen sie bei der Konzeption unter anderem bewegten: Was blieb den Eltern von ihren Kindern, nachdem sie abgereist waren? Wie gingen die Eltern mit der Abwesenheit der Kinder um? Besuchten sie die Spielplätze, auf denen sie sich das Lachen ihrer Kinder noch vergegenwärtigen konnten?

Emigration aus Frankfurt während des Nationalsozialismus

Foto: Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main, ISG_S7FR-9416

Bis 1933 war Frankfurt am Main die deutsche Stadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil. Jüdische Bürger*innen hatten die Stadt mitgeprägt und zur wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Entwicklung beigetragen. Überall in der Stadt befanden sich Synagogen, jüdische Schulen und Ausbildungsorte, Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der Wohlfahrt sowie bedeutende jüdische Gemeinden.

Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialist*innen 1933 wurden die Ausgrenzung und die Entrechtung der Jüd*innen systematisch vorangetrieben. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden jüdische Bürger*innen Frankfurts festgenommen, inhaftiert und mehr als 3.000 Personen in die Lager Buchenwald und Dachau deportiert. Im Umland war der Antisemitismus so ausgeprägt, dass sich der Zuzug von Jüd*innen nach Frankfurt am Main,  der bereits 1933 eingesetzt hatte, weiter verstärkte; viele Eltern baten um Aufnahme ihrer Kinder in die Frankfurter Jüdischen Waisenhäuser. Zugleich versuchten viele Familien nun, ins Ausland zu gelangen. In der Zeit zwischen November 1938 und dem Auswanderungsverbot im Oktober 1941 emigrierten ca. 7.000 Frankfurter*innen.

01
Lina Liese (genannt Liesel) Carlebach, später Lee Edwards

Foto von Liesel Carlebach, Frankfurt am Main, 1930er Jahre, Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Kurzbiografie Lina Liese (genannt Liesel) Carlebach, später Lee Edwards

Adressen: Obermainanlage 21, Gaußstraße 16
Schule: Samson-Raphael-Hirsch-Schule
Weg: 1939 Großbritannien, 1946 Deutschland, 1948 Großbritannien, 1948 Kanada, 1952 USA

13. Dezember 1923
Lina Liese Carlebach wird als zweites Kind von Moritz und Sophie Carlebach, geb. Runkel, in Frankfurt am Main geboren. Ihr Vater ist Kaufmann und betreibt die Firma Gebrüder Carlebach.
 

November 1938
Während der Novemberpogrome wird Liesel Carlebachs Vater nach Buchenwald verschleppt. Dort ist auch ihr Bruder Emil, der in der kommunistischen Jugendbewegung aktiv war und bereits 1934 verhaftet wurde, bis zur Befreiung 1945 inhaftiert.
 

Dezember 1938
Liesel Carlebachs Vater wird entlassen. Die Eltern beschließen, ihre Tochter mit einem Kindertransport nach Großbritannien zu schicken.

März 1939
Liesel Carlebach reist nach Großbritannien aus. Ein junges Ehepaar aus Coventry nimmt sie auf.
 

29. März 1939
Liesel Carlebachs Vater stirbt an den Folgen der Lagerhaft. Sie erfährt erst bei ihrer Rückkehr nach Deutschland 1946 von seinem Tod. Mit ihrer Mutter hält Liesel Carlebach bis zum Beginn des Krieges telefonischen Kontakt.
 

1940
Nach den Bombenangriffen auf Coventry zieht das Paar, bei dem Liesel wohnt, fort. Lee, wie Liesel inzwischen genannt wird, lebt fortan bei einer Nachbarin.
 

1941–1945
Lee Carlebach belegt Abendkurse an einer Handelsschule und der Technischen Hochschule in Coventry. Sie lernt dort Kurzschrift und Französisch.
 

8. Mai 1942
Lee Carlebachs Mutter wird nach Izbica deportiert, ihr Todesdatum und -ort sind unbekannt.
 

1946
Lee Carlebach kehrt als Zivilangestellte der US-Army nach Deutschland zurück. Sie ist zunächst in Esslingen stationiert. Dort lernt sie Arnold James Edwards (früher Eckhaus) kennen. Kurze Zeit später ziehen die beiden nach Frankfurt, wo sie weiterhin für die US-Army tätig sind.
 

1. März 1947
Lee Carlebach und Arnold James Edwards (genannt Jim) heiraten in Frankfurt.
 

1948
Das Paar wandert nach einem kurzen Aufenthalt in Großbritannien nach Kanada aus.
 

1952
Das Paar erhält Visa für die USA. Sie leben zunächst in San Francisco, dann lassen sie sich in Los Angeles nieder. Beruflich nutzt Lee Edwards ihre in Großbritannien erlernten Fähigkeiten im Maschinenschreiben.
 

1960er Jahre
Lee Edwards macht für sich Entschädigungsansprüche wegen „Schadens im beruflichen Fortkommen“ geltend. Das Verfahren zieht sich über Jahre hin, bis ihr Entschädigung zugesprochen wird.
 

1990er Jahre
Als Zeitzeugin erzählt Lee Edwards in Deutschland und in den USA von ihrer Lebensgeschichte. Für ihr Engagement wird sie mehrfach geehrt. Jim Edwards starb 2005.

12. Oktober 2022
Lee Edwards stirbt in der Nähe von Los Angeles.

 

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Literaturhinweis:

 

Zu Lee Edwards siehe auch Angelika Rieber: "Die Halskette". Lee Edwards, geb. Liesel Carlebach. In: Angelika Rieber; Till Lieberz-Groß (Hg.): Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main - Lebenswege von geretteten Kindern. Frankfurt am Main 2018, S. 70-79.

02
Josef Einhorn, später Josef Karniel

Foto von Josef Einhorn, 1930er Jahre, Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Kurzbiografie Josef Einhorn, später Karniel

Adresse: Frankfurter Kinderhaus der Weiblichen Fürsorge e.V., Hans-Thoma-Straße 24; Israelitisches Waisenhaus in Frankfurt, Röderbergweg 87
Schule: Samson-Raphael-Hirsch-Schule
Weg: 1939 Palästina

28. November 1925
Josef Einhorn wird als drittes von fünf Kindern in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern Philipp und Sabine Einhorn, geb. Bletz, kommen aus Polen, leben aber seit Jahren in Frankfurt. Weil die Mutter erkrankt, wächst Josef in verschiedenen Kinderheimen auf.
 

August 1935
Josef Einhorn wird Zeuge der antisemitischen Ausschreitungen gegen das 
Deutsch-Israelitische Kinderheim in Diez an der Lahn, wo er untergebracht ist. In der Folge wird er mit weiteren Kindern nach Frankfurt gebracht. Sein neues Zuhause wird das Israelitische Waisenhaus.

November 1938
Nach den Novemberpogromen bemüht sich das Ehepaar Isidor und Rosa Marx, das das Israelitische Waisenhaus leitet, um die Ausreise der Kinder.

April 1939
Josef Einhorn fährt gemeinsam mit 34 weiteren Jungen mit dem Zug von Frankfurt nach München, von dort weiter nach Triest. Mit dem Schiff reist die Gruppe am 19. April weiter nach Haifa, wo sie am 25. April ankommt. Begleitet werden die Kinder von Isidor Marx.

Ab 1939
Josef Einhorn lebt im Kinderdorf Kfar HaNoar HaDati in der Nähe von Haifa. 
Er erhält eine Schulbildung und arbeitet in der Landwirtschaft. Zu seinem Vater, der in Belgien lebt, hält Josef Einhorn brieflich Kontakt. Der Vater stirbt 1939. Von seiner Mutter und den Geschwistern hat er keine Nachricht. Später erfährt er, dass bis auf seine Schwester Betty die gesamte Familie ermordet wurde.

1943
Josef Einhorn verlässt das Kinderdorf Kfar HaNoar HaDati und lebt in verschiedenen Kibbuzim. Er erlernt den Beruf des Tischlers.

Ende 1946
Josef Einhorn lässt sich dauerhaft im Kibbuz Ein HaNetziv nieder. Dort lernt er seine spätere Frau Ruthi Goldmann kennen, ebenfalls eine Überlebende der Shoah.

18. November 1952
Josef Einhorn und Ruthi Goldmann heiraten, sie werden Eltern von sechs Kindern.

1953
Josef Einhorn nimmt einen hebräischen Namen an und nennt sich fortan Josef 
Karniel.

1955
Josef Karniel beantragt für sich Entschädigung wegen „Schadens im beruflichen Fortkommen“, die Entschädigung wird ihm zugesprochen.

1970
Josef Karniel hat einen Herzinfarkt und leidet fortan an gesundheitlichen 
Einschränkungen.

1980er Jahre
In kleinen Erinnerungsschriften legt Josef Karniel Zeugnis von seinen Erfahrungen als Kind ab.

3. Juni 1993
Josef Karniel stirbt an den Folgen seiner Herzkrankheit.

03
Lili Fürst, später Lili Schneider

Foto von Lili Fürst, Sommer 1933, Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Kurzbiografie Lili Fürst, später Lili Schneider

Adresse: Gärtnerweg 6
Schulen: Varrentrappschule, Philanthropin
Weg: 1939 Schweden
 

26. Juni 1925
Lili Fürst wird in Frankfurt am Main als einziges Kind von Sally und Ida Fürst, geb. Wertheimer geboren. Die Eltern betreiben eine Mehlhandlung, die bis Dezember 1938 besteht.
 

1936
Sally und Ida Fürst bemühen sich vergeblich um eine Ausreise der Familie in die USA.

1938
Die Familie entscheidet, Lili mit einem Kindertransport nach Schweden in Sicherheit zu bringen.

Januar 1939
Lili Fürst fährt mit dem Zug nach Berlin und erreicht am 17. Januar den Grenzort Trelleborg. Von dort fährt sie weiter nach Malmö. Die jüdische Kaufmannsfamilie Lempert nimmt Lili als Pflegetochter auf, sie muss im Haushalt arbeiten und das neu geborene Kind der Familie betreuen. Mit ihren Eltern steht Lili in engem brieflichen Austausch.

Ab 1939 
Lili Fürst und ihre Eltern bemühen sich um eine Auswanderung in die USA und hoffen, dort wieder vereint zu sein. Lili wird auch selbst aktiv und schreibt ihrem Onkel, der seit 1939 in den USA lebt. Doch die Versuche bleiben erfolglos.

August 1940
Nach dem Abschluss der Volksschule beginnt Lili Fürst eine Ausbildung zur 
Modistin. Ab 1942 arbeitet sie in diesem Beruf.
 

6. Oktober 1941
Die überlieferte Korrespondenz mit den Eltern endet. Sally und Ida Fürst werden am 19. Oktober 1941 in das Getto Litzmannstadt (Łódz´ ) deportiert. Ort und Datum ihrer Ermordung sind nicht bekannt.

1945
Lili Fürst verlässt die Pflegefamilie.

1947
Lili Fürst heiratet den Zuschneider Willi Schneider. Sie wird schwedische Staatsbürgerin. 1951 wird ihr Sohn Jan, 1956 ihre Tochter Yvonne geboren. Als die Kinder älter sind, arbeitet Lili Schneider als Verkäuferin in einem Bekleidungsgeschäft.

Ab 1955
Lili Schneider beantragt für sich und ihre ermordeten Eltern Entschädigung. 
Das Verfahren zieht sich bis in die 1960er Jahre, schließlich wird ihr eine Entschädigung zugesprochen.

14. März 1972
Lili Schneider stirbt bei einem Flugzeugabsturz.

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Literaturhinweis:
 


Zu Lili Fürst siehe auch den Beitrag von Mona Wikhäll in: Initiative Stolpersteine Frankfurt am Main, 16. Dokumentation, 2018, S. 91-92.

04
Renate Adler, später Renata Harris

Renate Adler, Juni 1939, Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Kurzbiografie Renate Adler, später Renata Harris

Adresse: Gervinusstraße 22
Schule: Philanthropin
Weg: 1939 Großbritannien, ab 1960er Jahre Österreich

26. Juni 1929
Renate Adler wird als einziges Kind von Alfred und Margarete Adelheid Adler, geb. Golisch, in Frankfurt am Main geboren. Sie wächst in einem wohlhabenden und liberalen Elternhaus auf.

August 1938
Der Vater beantragt für die Familie Einreisevisa in die USA. Sie werden zunächst nicht bewilligt.

November 1938
Der Vater wird während der Novemberpogrome verhaftet und nach Buchenwald deportiert. Mit Unterstützung einer englischen Sponsorin wird er im Januar 1939 entlassen und kann im April 1939 nach Großbritannien emigrieren.

Ende August 1939
Renate Adler verlässt Frankfurt mit einem Kindertransport. Über Hoek van Holland erreicht sie London, Liverpool Street Station. Nach der Ankunft verbringt sie zwei Tage mit ihrem Vater, bevor sie in einem Internat untergebracht wird. Ihren Vater sieht sie danach nur wenige Male, bevor er am 19. Oktober 1953 stirbt.

Bis 1942
Von ihrer Mutter erhält Renate Adler regelmäßig liebevolle Briefe. Wegen des Kriegsbeginns gelingt es Margarete Adler nicht mehr auszureisen. Am 11. Juni 1942 wird sie aus Frankfurt deportiert und im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

1939–1943
Renate Adler besucht eine kleine Privatschule in Selsey/Sussex, südwestlich von London. Sie nennt sich nun Renata.
 

Ab 1943
Renata Adler besucht die renommierte St. Paul’s School in London.

Juli 1946
Renata Adler macht ihren Schulabschluss und beginnt zunächst eine Ausbildung in einem Kinderheim. Ab 1947 arbeitet sie in einem Hotel in London.

1950
Renata Adler beginnt eine Ausbildung zur Stewardess und arbeitet bis zu ihrer Hochzeit 1952 in diesem Beruf. Danach ist sie als Reiseleiterin tätig.

November 2011
Renata Harris reist zur Einweihung eines Denkmals an die Kindertransporte nach Hoek van Holland. Für sie beginnt mit dieser Reise eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Lebensgeschichte, sie wird zur aktiven Zeitzeugin.

Bis heute
Renata Harris besucht mehrfach Frankfurt am Main und spricht im Rahmen von Zeitzeug*innengesprächen immer wieder über ihre Erfahrungen. Renata Harris lebt heute in Seefeld/Tirol.


 

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Literaturhinweis:
 


Zu Renata Harris siehe auch Angelika Rieber: "Da habe ich meine Mama das letzte Mal gesehen". Renata Harris, geb. Adler. In: Angelika Rieber; Till Lieberz-Groß (Hg.): Rettet wenigstens die Kinder. Kindertransporte aus Frankfurt am Main - Lebenswege von geretteten Kindern. Frankfurt am Main 2018, S. 42-57.

05
Elisabeth Calvelli-Adorno, später Elisabeth Reinhuber-Adorno

Elisabeth Calvelli-Adorno, 1938, Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek, mit freundlicher Genehmigung der Familie

Kurzbiografie Elisabeth Calvelli-Adorno, später Elisabeth Reinhuber-Adorno

Adresse: Feldbergstraße 25
Schulen: Ludwig-Richter-Schule, Anna-Schmidt-Schule 
Weg: 1939 Großbritannien, 1955 Deutschland
 

2. Dezember 1925
Elisabeth Calvelli-Adorno wird als ältestes der drei Kinder von Franz und Helene Calvelli-Adorno, geb. Mommsen, in Frankfurt am Main geboren.

1929–1933
Die Familie lebt in Dortmund. Wegen des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums verliert der Vater seine dortige Stelle als Landgerichtsrat. Die Familie kehrt nach Frankfurt zurück.

November 1938
Die Eltern beschließen, die beiden ältesten Kinder Elisabeth und Ludwig mit einem Kindertransport in Sicherheit zu bringen.
 

27. Juni 1939
Elisabeth Calvelli-Adorno und ihr Bruder Ludwig reisen mit dem Zug nach Hoek van Holland, von dort mit der Fähre nach Harwich und weiter mit dem Zug nach London, Liverpool Street Station.

1939
Das Ehepaar Hulford nimmt die Geschwister auf. Der Vater hatte das Paar bei einer Erkundungsreise kennengelernt. Sie leben nahe London, in Purley. 
Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs geben die Pflegeeltern die Kinder ab, die Geschwister werden getrennt und müssen mehrfach ihre Wohnorte und Bezugspersonen wechseln.

Januar 1940
Elisabeth Calvelli-Adorno wird in einer katholischen Privatschule aufgenommen, ein Jahr später wechselt sie an eine staatliche weiterführende Schule.

Juni 1940
Elisabeth Calvelli-Adorno wird von dem Ehepaar Hayes aufgenommen. 
Ab Sommer 1942 lebt auch Ludwig dort.

1943
Elisabeth Calvelli-Adorno schließt die Schule ab und arbeitet als Sekretärin.

September 1945 
Die Korrespondenz mit den Eltern setzt wieder ein.

1947 
Elisabeth Calvelli-Adorno und ihr Bruder Ludwig erhalten Besuch von den Eltern. Ein Jahr später erfolgt der Gegenbesuch in Deutschland.

1950–1955
Elisabeth Calvelli-Adorno kehrt temporär nach Frankfurt zurück. Sie lernt Kurt Reinhuber kennen, den sie 1955 heiratet. Bis 1953 absolviert sie an einer 
Londoner Universität ein Studium der Volkswirtschaftslehre.

1955
Elisabeth Reinhuber-Adorno kehrt dauerhaft nach Deutschland zurück. 
Mit ihrem Mann und den drei Kindern lebt sie bei Frankfurt.

Ende der 1950er Jahre
Elisabeth Reinhuber-Adorno stellt einen Antrag auf Entschädigung wegen „Schadens in der Ausbildung“. Um die Anerkennung als Verfolgte muss sie 
kämpfen, bevor ihr Entschädigung zugesprochen wird.

1960er Jahre
Elisabeth Reinhuber-Adorno beginnt, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren.

2000er Jahre
Elisabeth Reinhuber-Adorno spricht immer wieder als Zeitzeugin über ihre 
Lebensgeschichte.

10. Juni 2016
Elisabeth Reinhuber-Adorno stirbt in Oberursel.

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Literaturhinweis:
 


Zu Elisabeth Reinhuber-Adorno siehe auch Angelika Rieber: "Wir sahen das zerstörte Frankfurt". Elisabeth Reinhuber, geb. Calvelli-Adorno, und Ludwig Calvelli-Adorno. In: Angelika Rieber; Till Lieberz-Groß (Hg.): Rettet wenigstens die Kinder, Kindertransporte aus Frankfurt am Main - Lebenswege von geretten Kindern. Frankfurt am Main 2018, S. 58-69.


 

06
Karola Ruth Siegel, später Dr. Ruth K. Westheimer

Foto von Karola Ruth Siegel, Dezember 1938, Privatbesitz, mit freundlicher Genehmigung von Dr. Ruth K. Westheimer

Kurzbiografie Karola Ruth Siegel, später Dr. Ruth K. Westheimer

Adresse: Brahmsstraße 8
Schule: Samson-Raphael-Hirsch-Schule
Weg: 1939 Schweiz, 1945 Palästina, 1950 Frankreich, 1956 USA 
 

4. Juni 1928
Karola Ruth Siegel wird als einziges Kind von Julius und Irma Siegel, geb. Hanauer, im fränkischen Wiesenfeld geboren. Sie wächst in Frankfurt in 
einem jüdisch-orthodoxen Elternhaus auf. Ihr Vater betreibt ein Großhandelsgeschäft für Kurzwaren.

16. November 1938
Nach den Novemberpogromen wird der Vater verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau deportiert. Im Februar 1939 wird er entlassen.

5. Januar 1939
Karola Siegel fährt mit dem Zug über Basel und Rorschach nach Heiden im Schweizer Kanton Appenzell. Dort findet sie im Kinderheim Wartheim Aufnahme. Als Flüchtling ist sie nur temporär geduldet. Karola Siegel besucht die Heimschule und absolviert später eine Haushaltslehre.

29. Oktober 1941
Karola Siegel erhält von Verwandten die Nachricht, dass ihre Eltern deportiert wurden. Vergeblich schreibt sie an eine ihr übermittelte Adresse der Eltern im Getto Litzmannstadt (Łódz´).

1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollen die Jugendlichen weiterziehen. Karola Siegel wandert im August 1945 nach Palästina aus und lebt dort zunächst in einem Kibbuz.

1947–1948
Während des zionistisch-arabischen Bürgerkriegs schließt sich Ruth Siegel der Untergrundorganisation Hagana an. Bei einer Granatenexplosion wird sie schwer verletzt.

1950
Ruth Siegel heiratet und lebt zeitweise in Paris. Sie arbeitet in einem zionistischen Kindergarten und nimmt an der Sorbonne ein Psychologiestudium auf.

Ab 1953
Ruth Siegel beantragt für sich, ihre ermordeten Eltern und ihre ermordete Großmutter Entschädigung. Das Verfahren wird Mitte der 60er Jahre abgeschlossen, ihr wird eine Entschädigung zugesprochen.

1956
Ruth Siegel wandert mit ihrem zweiten Mann in die USA aus. 1957 kommt ihre Tochter auf die Welt.

1959
Ruth Siegel schließt ihr Studium der Soziologie an der New School for Social Research mit einem Master ab.

1961
Ruth Siegel heiratet Manfred Westheimer. 1963 wird ihr Sohn geboren.
 

1970
Promotion an der Columbia University. Ab 1972 Assistant Professor in New York. Ruth K. Westheimer arbeitet in der Lehrer*innenausbildung und bildet sich zur Sexualtherapeutin weiter.

Ab 1980
Ruth K. Westheimer erhält eine eigene Radiosendung, zwei Jahre später folgt eine eigene Fernsehsendung. Als „Dr. Ruth“ wird sie berühmt.

1987
Veröffentlichung der Autobiografie All in a Lifetime.

2007
Ruth K. Westheimer nimmt zusätzlich zur US-amerikanischen wieder die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Bis 2024
Ruth K. Westheimer lebt in New York City.

12. Juli 2024
Ruth K. Westheimer stirbt in Manhattan, New York City.