Vom Waisenkind zum Millionär
200 Jahre Heinrich Klemm
Eine virtuelle Ausstellung von
Er war ein kleiner, unansehnlicher Mann …
… hieß es 1906 in der Allgemeinen Deutschen Biographie über ihn. Dabei war Heinrich Klemm ein beispielhafter Aufstiegsbürger des 19. Jahrhunderts. Er kam aus kleinsten Verhältnissen und wurde durch eine hervorragende Geschäftsidee zum Millionär.
Mit seinem Vermögen kaufte er eine bedeutende Sammlung historischer Bücher. Diese bildete den Grundstock für das Buchgewerbemuseum Leipzig, das heutige Deutsche Buch- und Schriftmuseum. Seine Büchersammlung gehört heute zu den 100 größten Inkunabelsammlungen der Welt.
Altfranken
Am 19. September 1819 wurde Heinrich Klemm in Altfranken bei Dresden geboren. Heute ist dort der Heinrich-Klemm-Weg nach ihm benannt.
In Altfranken verbrachte er den Großteil seiner Kindheit und ging im benachbarten Ort Pesterwitz zur Schule. Seine Eltern starben früh und er wuchs in einer Pflegefamilie auf. Mit 13 Jahren begann er eine Schneiderlehre in Wilsdruff.
Konfektions-Schneiderei
Während seiner Gesellenwanderung durch Deutschland fiel ihm auf, wie unzeitgemäß das Schneiderhandwerk an vielen Orten war und dass es dringend einen Umbruch brauchte.
1844 gründete er mit seinem Bruder in Leipzig ein Zeicheninstitut für Kleidermacher. Er entwickelte ein System um Schnittmuster auf individuelle Körperformen anzupassen: die Konfektionsmode war geboren.
Schnittmuster
In Dresden gründete Klemm zusammen mit Gustav Adolf Müller die »Deutsche Bekleidungs-Akademie«, eine Fachschule für Schneider. Zusammen mit Müller entwickelte er sein Schnittmustersystem weiter. In ihrem gemeinsamen Verlag publizierten Klemm und Müller ihre Schnittmuster sowie zahlreiche Modezeitschriften für Schneider.
Corporismetrischer Gürtel
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Europa überall andere Längenmaße in Gebrauch. Es war deshalb schwer, Nähanleitungen zu schreiben, die überall verstanden werden konnten. Deshalb entwickelten Müller und Klemm für ihr Zuschnittsystem ein spezielles normiertes Maßband, den »neuen corporismetrischen Gürtel«, das das Anpassen der Schnittmuster erleichterte. Das Geschäftsmodell war genial: wer das System einmal gelernt hatte, konnte aus einem großen Fundus unterschiedlicher Modelle schöpfen und wurde über Zeitschriften immer mit den Neuigkeiten der Saison versorgt. Die Schnittmuster konnten sogar ins Ausland verkauft werden und seine Zeitschriften erschienen in vielen europäischen Sprachen.
Erfolgsverlag
Im Laufe der Zeit erschienen dutzende Bücher und Zeitschriften in seinem Verlag, auch zu anderen Themen als Mode. Ihnen allen gemeinsam war ein Hauch von Luxus und Eleganz. Schon die Verlagskataloge waren ungewöhnlich aufwendig gestaltet mit einer farbigen Schmuckbordüre und zahlreichen dekorativen Schriften.
Neujahrsgruß
Klemm versuchte sich auch als Lyriker – wie mit diesem amüsanten, etwas holprigen Neujahrsgruß aus dem Jahr 1848.
Wie Alles muß dem Wechsel unterliegen,
Gleich wie der Mode, sonder Rast und Ruh,
So fällt auch, kaum zur Höh’ emporgestiegen,
Der Erde Schönstes selbst dem Lethe zu.
Traun, unser ganzes Leben gleicht der Mode;
Des Schicksals Lauf, – er schwankt ohn’ Unterlaß, –
Ja, stände drob die Wahl uns zu Gebote,
Fürwahr, wir kührten selbst bald dies, bald das!
Und fröhnt nicht gar der Himmel solchem Wandel?
Schaut! Welchen grellen Wechsel er stets bringt:
Am Tage blau, des Nachts im Sternenmantel
Und purpurn, wenn die Sonne scheidend sinkt.
Doch mag die Mode selbst sich neu gestalten
Sie ändert nichts an Kunst und Wissenschaft,
Kann nur durch sie stets frischen Reiz entfalten,
Schöpft aus der Beiden Quell die Meisterschaft.
Der Praxis Schönheitssinn eng zu verbinden,
Muß fort und fort des Künstlers Streben sein,
Mag drum, was heute schön, auch morgen schwinden,
Es tritt dann leicht das Schön’re dafür ein.
So zeig’ uns jeder Wechsel, jedes Schwanken
In höherer Potenz, was gut und schön!
Nur Zweierlei: – o möcht’ es nimmer wanken:
Der werthen Leser Gunst, Ihr Wohlergehn!!
Das Bibliographische Museum
Zu was für großem Reichtum Klemm es gebracht hatte, konnte man an seinen beiden Villen in Dresden sehen. Dort waren seine Wohnung, der Verlag und die Schneider-Fachschule untergebracht. Er begann mit seinem Geld besonders wertvolle und kostbare Bücher zu sammeln. Sein Ziel: die ersten Drucke aller europäischen Druckorte aus dem 15. Jahrhundert zusammentragen. Seine bald tausende Bände umfassende Sammlung nannte er »Bibliographisches Museum«.
Gutenbergbibel
In seiner Sammlung befand sich auch ein Pergament-Exemplar der 42-zeiligen Gutenberg-Bibel von 1454. Er erwarb sie 1878 und ließ sie, wie fast alle seiner Bücher, nach seinem Geschmack neu einbinden. Außerdem ließ er die freien Stellen um den Text herum mit Zeichnungen und Verzierungen im Stil des 15. Jahrhunderts versehen, um die wenigen originalen Buchmalereien »zu vervollständigen«. Was aus heutiger Sicht eine unzulässiger Eingriff in Gutenbergs Original ist, war für den Historismus des 19. Jahrhunderts normal.
1885 verkaufte Klemm seine Sammlung für 400.000 Mark an das Königreich Sachsen, das sie als Gründungsbestand an das neue Leipziger Buchgewerbemuseum gab. Um die Sammlung weiter zu vergrößern, spendete Klemm 50.000 Mark des Verkaufserlöses an das Museum. Klemms Sammlung befindet sich noch immer in dem Museum, das heute Deutsches Buch- und Schriftmuseum heißt. 1945 wurden die 150 wertvollsten Bücher der Sammlung, darunter auch die Gutenberg-Bibel, von den Sowjets nach Moskau gebracht, wo sie bis heute in der Russischen Staatsbibliothek liegen.