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Klingendes Gedächtnis

Das Deutsche Musikarchiv der Deutschen Nationalbibliothek

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Über das Deutsche Musikarchiv

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Gesetzlicher Sammelauftrag

Gesetzlicher Sammelauftrag

Unser gesetzlicher Sammelauftrag umfasst alle veröffentlichen Noten und Tonaufnahmen deutscher Verlage und Labels. Zur Erhaltung und Verzeichnung werden diese Medien in unserem Haus bibliografisch erschlossen und langzeitarchiviert. Auf unsere Tonträger können Sie in digitaler Form in den Lesesälen zugreifen. Zudem können Sie in unserer Musikausstellung die Entwicklung der Tonträgerindustrie von den Anfängen der Schallaufzeichnung bis heute nachverfolgen.

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Historie

Historie

1970 als Abteilung der damaligen Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main gegründet, hatte das Deutsche Musikarchiv zunächst seinen Sitz im Herrenhaus in Berlin Lankwitz, welches zuvor von der Familie Siemens bewohnt und im Auftrag von Friedrich Christan Correns erbaut worden war. Basis bildete die Sammlung von Musikalien und einzelnen Tonträgern der Deutschen Musik-Phonothek in Berlin (1961–1969), welche 1970 übernommen wurde. Als die Magazinräume der historischen Villa den räumlichen und archivierungstechnischen Anforderungen nicht mehr genügten, wechselte das Deutsche Musikarchiv 2010 an den Leipziger Standort der Deutschen Nationalbibliothek, wo es im vierten Erweiterungsbau seinen Platz fand. Dort bereits vorhandene Musikalien und Tonträger aus der Sammlung der damaligen Deutschen Bücherei und der Berliner Bestand wurden in den neuen Magazinräumen zusammengeführt.

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Bestand

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Besondere Sammlungen: Nachlässe

Besondere Sammlungen: Nachlässe

Auf Ebay kann man eine Columbia-Schallplatte mit der Eröffnungsszene aus „Tristan und Isolde“, 1928 dirigiert von Karl Elmendorff und eingespielt vom Orchester der Bayreuther Festspiele, über den Sofort-Kaufen-Button erwerben. Ein Exemplar dieser Aufnahme befindet sich auch in der Sammlung des Deutschen Musikarchivs - kein besonderes Stück also, sollte man meinen. Betrachtet man aber die Provenienz des Exemplars, stellt sich die Einordnung anders dar. Die Aufnahme im Deutschen Musikarchiv ist Teil eines besonderen Bestands. Sie gehört zur Schallplattensammlung Thomas Manns. Der Dichter hatte seine Tonträger 1933 in die Schweiz und von dort 1938 ins amerikanische Exil mitgenommen. In den USA hat Mann die Sammlung ergänzt und Teile bei seinem Umzug in die Schweiz 1952 in seinem Haus in Pacific Palisades zurückgelassen. Von dort hatte sie sein Neffe Klaus H. Pringsheim übernommen und Jahrzehnte später dem Deutschen Musikarchiv übereignet.

Mit dieser Herkunft wird die Columbia-Schallplatte vom Trägermedium der Aufnahme zu einem Objekt mit Geschichte, das an weitere Sammlungen anschließen kann. Etwa an den Nachlass des Exilforschers Ernst Loewy im Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Loewy war 1936 mit der Jugendalijah als 16jähriger nach Palästina entkommen, 1956 nach Deutschland zurückgekehrt und seit 1983 als Referent beim Deutschen Rundfunkarchiv tätig. In dieser Eigenschaft befasste er sich als großer Bewunderer Thomas Manns in den 1970er Jahren mit der Erfassung der Mann’schen Schallplattensammlung in Kilchberg. Dort versuchte er, Informationen zu eben jenen in den USA verbliebenen Tonträgern zu erhalten. Denn: um Thomas Manns Schallplattensammlung zu rekonstruieren, sind beide Bestände zu berücksichtigen und mit anderen Quellen zu kombinieren. Mit Blick auf den Aufbewahrungsort der Schallplatte zur Zeit des Exils Thomas Manns lassen sich Verbindungslinien zu anderen Objekten ziehen, etwa zu einem Brief an den Schriftsteller Hans Meisel vom 1. Februar 1942, der in der Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs präsentiert wird. „Das Haus ist fertig, wir ziehen am 3. oder 4. ein. […] Ueberhaupt werden wir nie schöner gewohnt haben (Futurum exactum), als nun im Elend“, beschreibt Mann sein neues Domizil in Pacific Palisades, San Remo Drive 1550, in dem auch die Plattensammlung ihren Platz fand, „das Grammophon mit dem Radio zusammen befand sich im Living Room ganz hinten […] auf der rechten Seite an der Wand etwas weiter vorn neben dem Sofa an der Rückwand. Neben dem Grammophon nach vorn stand der Plattenschrank“, erinnert sich Frido Mann.

Das Wissen um den Kontext eröffnet zusätzliche Perspektiven auf Sammlungsstücke. Mit der Aufnahme in ein Archiv verlieren die Objekte ihre ursprüngliche Funktion, gewinnen aber neue Nachbarschaften und Verbindungen hinzu. In Ausstellungen werden sie dann wiederum in neue Kontexte gestellt und offenbaren ihre Geschichten.

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Historische Abspielgeräte

Historische Abspielgeräte

Für jeden Tonträger in seinem Bestand verfügt das Deutsche Musikarchiv auch über das adäquate Abspielgerät – von den ersten Modellen der frühen Schallaufzeichnung bis zu luxuriösem, wie von Geisterhand musizierendem Mobiliar.

Einige Highlights haben wir für Sie in Bild und Ton auf den nächsten Seiten zusammengestellt.

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Digital Humanities

Digital Humanities

Die rasante Entwicklung von Computertechnologien und Internet haben seit der Jahrtausendwende zu einem neuen Forschungsbereich geführt: den Digital Humanities (digitale Geisteswissenschaften). Die besonderen Stärken des Computers liegen in der schnellen und verlässlichen Verarbeitung riesiger Datenmengen, im Aufdecken von Mustern und Zusammenhängen in diesen Daten und in Möglichkeiten ihrer anschaulichen Visualisierung. Hierdurch sind neue Zugänge zum kulturellen Erbe entstanden, bei denen nicht nur einzelne herausragende Meisterwerke mit hermeneutischen Methoden interpretiert werden. Es wird auch danach gefragt, welche besonderen ästhetischen Qualitäten die massenhaft überlieferten kulturellen Erzeugnisse auszeichnen und welche Rückschlüsse sie auf kulturelle und soziale Entwicklungen zulassen.

Während in den Literaturwissenschaften diese Ansätze bereits weit verbreitet sind, hat die Digital Musicology mit den Besonderheiten von Musikdaten zu kämpfen: Partituren lassen sich anders als Texte nicht einfach durch Einscannen zu computerlesbaren Daten verarbeiten, sondern müssen Note für Note eingegeben werden. Allerdings gibt es ein riesiges Repertoire von Musikaufnahmen, für die in der Musikinformatik zahlreiche Verfahren der automatisierten Auswertung und Beschreibung entwickelt wurden, die auch für die wissenschaftliche Analyse von Audiodaten eingesetzt werden können.

Eines der in diesem Kontext entstandenen Forschungsprojekte ist das Jazzomat Research Project an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar. Es widmet sich seit 2012 der Erforschung der hohen Kunst der Jazzimprovisation, wie sie seit den 1920er Jahren auf unzähligen Schallplatten dokumentiert ist. Wie haben sich die Eigenheiten der Improvisationen im Laufe der Jazzgeschichte verändert? Auf welches Vokabular von Spielmustern (Patterns) greifen die Jazzmusiker beim Improvisieren zurück? Um diese Fragen zu beantworten, wurde eine umfangreiche Datenbank von transkribierten Soli erstellt, die Weimar Jazz Database, die mit Hilfe von Web-Tools hinsichtlich zahlreicher musikalischer Merkmale ausgewertet und nach Patterns durchsucht werden kann – was wiederum Rückschlüsse auf Tradierungsweisen und kreative Prozesse im Jazz zulässt.

Jazzomat der HfM Weimar