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KOLONIALE KONTEXTE IM FRÜHEN PLAKAT | 1854–1914

Eine dekoloniale Sammlungsinventur

Eine virtuelle Ausstellung von

01
DEKOLONIALE INVENTUR | Kritische Bearbeitung einer Plakatsammlung

In der Online-Datenbank (recherche.smb.museum) fordern die Bildstörer „KONTEXT“ dazu auf, sich mit den Motiven auseinanderzusetzen.

Dekoloniale Plakatinventur

Die Kunstbibliothek der Staatlichen Museen zu Berlin hat in ihrer Sammlung 3800 Plakate der Jahre 1854 bis 1914 – aus einer Zeit also, die stark vom Kolonialismus geprägt war. Die Plakate entstanden in Europa und den USA, die als industrialisierte Kolonialmächte Länder im globalen Süden besetzten und ausbeuteten. Wie spiegelt sich dieser imperialistische Zeitgeist in Werbung für Kulturangebote, Industrieprodukte und neue Luxusgüter? Eine kritische Inventur der frühen Plakate ging dieser Frage nach. Sie fand koloniale Bezüge auf verschiedensten Ebenen: von eklatantem Rassismus bis zu exotisierenden Stereotypen, von Pseudowissenschaft bis zu sogenannten „Kolonialwaren“. Die Bildmotive zu hinterfragen und ihre Kontexte zu erforschen war Ziel des dekolonialen Projekts.

Digitale Publikation

Im Projekt wurden 240 frühe Werbeplakate aus der Sammlung der Kunstbibliothek analysiert. Ein Teil davon wird in dieser ddbstudio Ausstellung gezeigt. Die übrigen Plakate und vollständigen Forschungsergebnisse sind ebenfalls online zugängig. Eine bei arthistoricum.net veröffentlichte digitale Publikation steigt über ein Essay und Motivgruppen tiefer in das Thema ein. Sie ist hier kostenfrei zum Download verfügbar:

Publikation „Koloniale Kontexte im Frühen Plakat, 1854–1914“ (Deutsch)

Publication "Colonial Contexts in Early Posters, 1854–1914“ (English)

Datenbank-Kollektion

Auf "Sammlungen Online", der Objektdatenbank der Staatlichen Museen zu Berlin, sind die 240 beforschten Plakate über eine sogenannte Kollektion zugänglich. In den Datensätzen finden sich Details zu jedem einzelnen Werk, inklusive einer kontextualisierenden Beschreibung und Schlagworten.

Zur Datenbank

Wo Bilder zum Download verfügbar stehen, werden problematische Motive nur mit dem Bildstörer „KONTEXT“ angeboten. Für einige Plakate sind aufgrund diskriminierender Inhalte keine downloadbaren Bilddateien verfügbar.

Wessen Perspektive?

Die 130 Jahre alte Plakatsammlung der Kunstbibliothek ist vom Blick weißer Kunstkenner*innen geprägt, die sich mehr für gestalterische Qualität als motivische Inhalte interessierten. Sie nahmen in Kauf, dass Menschen aus kolonisierten Ländern und nicht-europäischen Kulturkreisen in Werbebildern ausschließlich als Subjekte westlicher Betrachtung, Imagination und Kontrolle dargestellt wurden.  

Dekoloniale Museumsarbeit hinterfragt auch solche Rezeptionsmuster. Multiple Perspektiven auf Bestände helfen, hartnäckige Narrative aufzubrechen. In dieser Ausstellung tragen Anna Yeboah, Tahir Della und hn. lyonga mit Impulsbetrachtungen von fünf Plakaten zur kolonialismus- und diskriminierungskritischen Neubewertung bei. Ihre Stimmen sind auf den roten Seiten zu hören.

Die Faust über der Reichsflagge trägt einen Ring, der die kolonisierte Schlange mit gebieterischen Lichtstrahlen bezwingt.

Neue Imperien

Mit der Erfindung des farbigen Massendrucks wird in den 1880er-Jahren die moderne Werbung geboren. Damit erlebt das Werbeplakat in Europa und den USA seine erste Hochphase in der Epoche des Imperialismus. Im deutschen Kontext ist die Parallele besonders markant: Die dreißig Jahre, in denen das Kaiserreich im Besitz eigener Kolonien war (1884–1914), sind weitgehend deckungsgleich mit der Entstehungszeit der untersuchten Plakate.

AUDIO IMPULS | hn. lyonga

Gedanken zum Plakat Palm Cigarren

hn. lyonga ist ein Schwarzer, Queerer, interdisziplinärer Künstler, Dichter und Kurator. In seiner Abeit beschäftigt er sich mit historisch kolonialisierten und marginalisierten Gesellschaften. hn. lyonga war Neighbor in Residence 2023 im Gropius Bau und ist derzeit Co-Koordinator von BARAZANI.berlin - Forum Kolonialismus und Widerstand. 

Palm-Cigarren waren ein Verkaufsschlager der Weimarer Jahre. Im Interview teilt hn.lyonga seine Gedanken zur Bildsprache der berühmte Marke.

»Wie entsteht eine Stimme? Wie wird sie definiert? Bei diesem Bild liegt das Problem schon in der Erschaffung der Sprache.«

hn. lyonga

02
ORIENTALISMUS | Die Erfindung des generisch Fremden

03
DIE WELT EROBERN | Visuell gestalteter Besitzanspruch

AUDIO IMPULS | Tahir Della 

Gedanken zum Plakat Von Atlantis nach Äthiopien

Tahir Della ist Aktivist, Sprecher der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Fachreferent für Dekolonialisierung im Berliner Promotorenprogramm „Eine Welt“. Er engagiert sich seit den 1980er-Jahren gegen Rassismus und für die Sichtbarmachung diasporischer Perspektiven. 

Viele der unzähligen Manufakte, die Leo Frobenius aus Afrika exportierte, sind heute im Humboldt-Forum. Tahir Della reflektiert darüber im Interview.

»Der mystifizierende Blick auf Afrika zeigt: wir müssen uns von Fantasiebildern verabschieden, um den Kolonialismus aufzuarbeiten.«

Tahir Della

Der „weiße Held“ in der weiten Welt

Das Heldentum des einzelnen weißen Mannes steht im Mittelpunkt der kapitalistischen Erzählweise: Stets habe er sich seinen Reichtum durch harte Arbeit verdient. Der Begriff des „Eroberns“ wird positiv besetzt, ungeachtet der – oft gewaltsamen – Rücksichtslosigkeit, die darin mitschwingt. Als die Goldgräber Ende des 19. Jahrhunderts im Klondike einfielen, gingen sie ohne jede Rücksicht auf die dort lebenden Yukon First Nations und ihr Ökosystem vor. Die verheerenden Folgen dauern bis heute an.

04
ÜBERLEGENHEITSFANTASIEN | Bildliche Narrative der Abwertung

Futtermais für deutsche Masttiere, billig importiert aus den Gebieten der vertriebenen „Sioux Nations“ – hier karikiert als rennender Sack.

Spott als Strategie

In frühen Plakaten sind Kolonisierte in ihrem eigenen kulturellen Umfeld entweder in folklorisierender „Tracht“ oder mit wenig Bekleidung dargestellt. Man sieht sie in impulsiven oder untergebenen Bewegungen. „Humoristische“ Werbung zielt oft auf Kolonisierte ab – der Zeitgeist diktiert, dass man über sie lachen darf. So werden Angehörige außereuropäischer Gesellschaften in vielen Plakatmotiven zu Kindern, Tieren oder Waren herabgewürdigt oder für dumm erklärt. Dieser Suprematismus ist ideelle Grundlage für rücksichtslosen Raubbau und Umgang mit in den Kolonien lebenden Menschen, die weithin als Ressource betrachtet werden.

AUDIO IMPULS | Anna Yeboah 

Gedanken zum Plakat Von Tieren und Menschen

Anna Yeboah ist Architektin und Kuratorin. Sie arbeitet zu Machtsystemen in Architektur und Stadtplanung, u. a. als Dozentin am Institut für Geschichte und Theorie Gestaltung der Universität der Künste Berlin. Seit 2020 leitet sie das Modellprojekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ für die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland. 

Dieses Plakat wirbt für ein Buch. Autor ist Carl Hagenbeck, Hamburger Zoodirektor und internationaler „Völkerschau“-Entrepreneur.

»Wenn man weiß, was bei Hagenbeck alles passiert ist, macht dieses friedliche Bild einen arg betroffen.«

Anna Yeboah

05
DIENEN UND HERRSCHEN | Einprägsame Hierarchieklischees

AUDIO IMPULS | hn. lyonga

Gedanken zum Plakat Prunier Cognac

hn. lyonga ist ein Schwarzer, Queerer, interdisziplinärer Künstler, Dichter und Kurator. In seiner Abeit beschäftigt er sich mit historisch kolonialisierten und marginalisierten Gesellschaften. hn. lyonga war Neighbor in Residence 2023 im Gropius Bau und ist derzeit Co-Koordinator von BARAZANI.berlin - Forum Kolonialismus und Widerstand. 

»Wenn ich das Bild ansehe, fühle ich mich sehr klein. Es spiegelt eine Art ständiger Unterwerfung wider, eine krasse Ausbeutung.«

hn. lyonga

06
SPEKTAKULÄRE STEREOTYPE | Werben für Kultur und Unterhaltung

AUDIO IMPULS | Anna Yeboah

Gedanken zum Plakat Kolonialausstellung im Deutschen Kolonial-Museum

Anna Yeboah ist Architektin und Kuratorin. Sie arbeitet zu Machtsystemen in Architektur und Stadtplanung, u. a. als Dozentin am Institut für Geschichte und Theorie Gestaltung der Universität der Künste Berlin. Seit 2020 leitet sie das Modellprojekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ für die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland. 

»Koloniale Ausstellungen waren Propagandamittel: Sie wollten zeigen, dass Deutschland die Welt offensteht – durch Annexion und Extraktion.«

Anna Yeboah