Das Kriegsende 1945
Eindrücke
Eine virtuelle Ausstellung von
Woran erinnern sich diejenigen, die im Mai 1945 Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene waren?
In der Ausstellung „Kriegsende 1945. Eindrücke“ berichten fünf Zeitzeugen und Zeitzeuginnen aus ihrer Sicht von den letzten Kriegstagen in Berlin, Hülsede, Karlsruhe, Trebitsch (heutiges Tschechien) und Schleswig-Holstein. Sie erzählen von Angst, Freude, Erleichterung und Scham. Begleitet werden ihre Berichte von historischen Objekten und Fotografien aus den Sammlungen des Deutschen Historischen Museums, die diese Zeit dokumentieren.
Die Ausstellung wurde realisiert von der Deutschen Digitalen Bibliothek mit freundlicher Unterstützung des Lebendigen Museum Online (LeMO) der Stiftung Deutsches Historisches Museum. Sie möchte einen kleinen Beitrag zum Gedenken an den Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus leisten, der sich am 8. Mai 2020 zum 75. Mal jährt.
Im besiegten, besetzten und weitgehend zerstörten Deutschland stieß das formale Kriegsende im Mai 1945 auf nur noch wenig Interesse.
Für die meisten Deutschen war der Krieg mit der Besetzung ihres Heimatortes durch die vorrückenden Alliierten ab Herbst 1944 weitgehend beendet.
Die Sorgen der Menschen galten dem alltäglichen Überlebenskampf und dem Wohlergehen nächster Angehöriger, zu denen die Verbindung häufig abgebrochen war.
Millionen Flüchtlinge, Ausgebombte und elternlose Kinder blickten angesichts von Verlust und Zerstörung einer unsicheren Zukunft entgegen. Enttäuschung, Trauer und Resignation bestimmten die Gefühlslagen 1945 ebenso wie Optimismus und weitgespannte Hoffnung auf eine bessere Zeit.
»So erlebte ich die letzten Tage des Krieges«
Tagebuchaufzeichnungen von Gerda Langosch (*1923), Berlin
»Sonnabend, 20.4.45, Verkehrsstufe III. - d.h. es durften nur noch Leute mit roten Fahrausweisen (Rüstungsarbeiter usw.) die Verkehrsmittel benutzen. Also bestand für mich und für fast alle anderen Hausbewohner keine Möglichkeit, die Arbeitsstätten aufzusuchen. Von weitem hörte man auch schon die Abschüsse der Artillerie.
- Der Anfang vom endgültigen Ende war jetzt gekommen, das war uns allen klar.
Die große Frage war, wie lange werden wir im Keller zubringen müssen? Brot hatten wir fast alle nicht mehr, ebenso kein Fett. Also hieß die Losung: Essen beschaffen! Aber wie?!?«
»Drüben am Lehrter Bahnhof gibt es Kartoffeln! Herr Glasneck und Herr Rochlitz kommen schon mit einem Sack voll Kartoffeln zurück, mein Vater hat nur noch ein paar bekommen. Die Kartoffeln lagerten in den Waggons und wären in die Hände der Russen gefallen, wenn wir sie uns nicht geholt hätten. Aber das sahen die Polizisten nicht ein, die plötzlich vor uns standen und alle von den Kartoffelwaggons fortjagten.
Mein Vater versuchte es aber trotzdem noch einmal, und ich ging auch mit. Das war eine Kletterei über die Kieler Brücke, die keine richtigen Stufen mehr hatte. Mein Vater brachte noch Kartoffeln, bei mir war es aus. Na, wenigstens hatten wir jetzt soviel Kartoffeln, daß wir ein paar Wochen damit auskamen.«
»Die Kriegsmusik kam immer näher und näher. Es dröhnte und krachte über unseren Köpfen, die Hölle war los. - Wo stehen die Russen?
Die Treffer der Artillerie kamen immer näher. Auch hatte wohl schon die Stalinorgel* eingesetzt. Es dröhnte und rauschte in der Luft, dazwischen knatterten die Bordwaffen der Tiefflieger, die besonders mittags sehr stark von den Russen eingesetzt wurden.«
* Stalinorgel: sowjetischer Mehrfachraketenwerfer
»Wie die Männer beobachteten, waren die Russen von der Seestraße weiter gen Westen gezogen und schossen von Moabit herüber. Schon tauchten Wehrmachtsangehörige in unserem Keller auf.
Es waren 4 von der Luftwaffe, die, wie sie uns erzählten, in der Fuhrmannstr. kämpften und einen schwerverwundeten Kameraden, der allerdings unterwegs gestorben wäre, zur Charité transportiert hatten und nun auf dem Rückweg zu ihrer Truppe sich bei uns im Keller etwas ausruhen wollten. Der jüngste von ihnen, ein 16½jähriger Berliner, war sehr traurig über den Tod des Kameraden, der sein bester Freund gewesen war.«
»Am liebsten wären sie gar nicht mehr aus unserem Keller herausgegangen, sie schenkten den Männern Zigarren und Zigaretten, nur damit wir sie nicht rausschmissen.
Einerseits taten uns die armen Kerle ja leid, aber auf der anderen Seite durften wir nicht zu freundlich zu ihnen sein, da sie sich sonst ganz festsetzen würden und unser Leben dadurch gefährdet wäre. Es war eine fürchterliche Situation, aber in solchen Momenten wird man, ja muß man einfach hart und egoistisch sein.«
»Es ging nun schon dem Ende der Woche zu. Die Russen setzten immer mehr Stalinorgeln ein. Kein Mensch getraute sich aus dem Keller. Das Haus zitterte vom Bersten der Granaten, Steine und Dachziegel fielen, Fensterscheiben zersprangen.
Immer wieder neue Soldaten kamen und gingen. Sie verlangten nach Wasser. Und wir konnten ihnen doch keines geben, denn der Wasserhahn im Keller lief schon einige Tage nicht mehr, und wir waren froh, wenn wir das bißchen Wasser, welches die Männer unter Beschuß und Lebensgefahr von weit her geholt hatten, für uns behalten konnten. Zum Abwasch des Geschirrs nahmen wir schon Kanalwasser. Aber meiner Mutter und mir krampfte sich das Herz zusammen, wir konnten es nicht mit ansehen, wie die Soldaten schweißtriefend und keuchend in den Keller kamen und kein Mensch ihnen Wasser gab. Wir gaben ihnen doch ein paar Schluck.«
»Soldaten kamen und gingen. Viele saßen im Nebenraum, und Frau Prächter gab ihnen zu essen.
Plötzlich tauchte ein ganz junger Leutnant, die Brust voller Auszeichnungen, mit vorgehaltener Pistole auf und schrie:
"Scheißkerle, Feiglinge, Saubande verfluchte, wollt ihr machen, daß ihr aus dem Keller kommt!!!"
Wir dachten, wir hörten nicht recht. Ja, ist denn der Kerl total verrückt?! Sieht er denn nicht, daß alles verloren ist! Alle Soldaten fragten einstimmig, womit sie denn kämpfen sollten, es wären doch keine Waffen mehr da. "Sucht euch welche zusammen, draußen liegen genug herum", schrie wiederum der Leutnant.«
»Gleich, gleich mußte doch der Russe kommen. Und die nicht verwundeten Soldaten waren immer noch bei uns im Keller und wußten nicht wohin, ergeben wollten sie sich aber auch nicht. Die Gefahr für uns im Keller wurde immer größer, als wir plötzlich auf dem Hofe das "Urrey"-Rufen der Russen vernahmen, und da klopften sie auch schon mit ihren Gewehrkolben an unsere Kellertür.
Das war am 30.4.45, 8.05 Uhr.
Unsere Herzen standen für einige Minuten still.
Die Russen sind da!!«
- Gerda Langosch
»Der Feind schenkte uns Schokolade«
Eintrag von Jürgen Wiese aus Hamburg, Juli 2002
»Ich habe Hemmungen, meine Erinnerungen zum Kriegsende aufzuschreiben, weil sie überhaupt nicht die Not und Verzweiflung reflektieren, die damals überall in Deutschland geherrscht haben.
Ich war sieben Jahre alt. Wir wohnten eigentlich in Bielefeld, eine Stadt, die wegen der ständigen Bombenangriffe auch nicht mehr als sicher galt, und waren deshalb in ein kleines Dorf namens Hülsede im Weserbergland evakuiert worden. Dort hatten die Behörden viele Mütter mit ihren Kindern in Sicherheit gebracht. Alle hausten auf engstem Raum und sehr primitiv, weshalb die Mütter ihre Kinder tagsüber bei jedem Wetter zum Spielen nach draußen schickten. Schule gab es nicht, dafür aber jede Menge Spielkameraden.«»Für uns Kinder war es trotz großer Entbehrungen eine herrliche Zeit. Maikäfer gab es in Hülle und Fülle. In den Sandkisten spielten wir vorwiegend Krieg.
Hin und wieder fanden sich im Wald Stahlhelme, richtige Waffen und auch Uniformen, die fliehende junge Soldaten weggeworfen hatten, um der Gefangenschaft zu entgehen, so daß wir sogar richtig Krieg spielen konnten, was auch geschah. Der Umgang mit den Waffen war mir allerdings nicht geheuer, das überließ ich lieber den älteren Jungen.«
»Sehr genau kann ich mich noch an den Einmarsch der Engländer in Bielefeld erinnern, dem ich vom Straßenrand aus verbotenerweise zusah.«
»Das war also der Feind, der nur Schrecken, Not, Hunger, Zerstörung, Tod und alle nur denkbaren anderen Grausamkeiten verbreitete.
Dieser Inbegriff für alles Schreckliche sah aber sehr menschlich aus, war sogar freundlich zu uns Kindern und schenkte uns auch noch Schokolade. Ich war völlig verstört.«
- Jürgen Wiese
"8. Mai 1945 Als Wehrmachtssoldat in Tschechien"
Eintrag von Werner Mork (*1921) aus Kronach, Februar 2010
»Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte ich als Wehrmachtssoldat in Tschechien. Ende April 1945 hatte sich mein Regiment in der Gegend um Trebitsch gesammelt. Mit den noch vorhandenen Fahrzeugen hatten wir uns in eine Art von Wagenburg eingeigelt. Der Grund war die sehr kritisch gewordene Situation infolge der jetzt überall auftauchenden und angreifenden tschechischen Partisanenverbände. Wir hatten es jetzt mit zwei Gegnern zu tun. Die tschechischen "Freiheitskämpfer" waren sehr aktiv geworden, sie waren nun neben den Russen ein zusätzlicher Schrecken für uns.
Es bestanden keine Verbindungen mehr, wir erhielten keine Befehle mehr, wir kamen uns hilflos und verlassen vor. Es entstand eine Art von Mutlosigkeit mit dem miesen Gefühl, dass wir nun wohl den Russen endgültig ausgeliefert seien. Aber für noch größer hielten wir die Gefahr, vorher von den Tschechen umgebracht zu werden, nur würden wir es denen nicht leicht machen. Wir würden uns dann wirklich bis zur letzten Patrone verteidigen, nicht kampflos aufgeben; lebend sollten die uns nicht in ihre Hände bekommen, darüber herrschte bei uns Einigkeit.«
»Doch dann war plötzlich das Ende des Krieges da. Der neue "Führer" des Rest-Reiches, Großadmiral Karl Dönitz, gab die "Bedingungslose Kapitulation" des Reiches und der Wehrmacht bekannt.
Vom Himmel über uns kamen aus russischen Flugzeugen jetzt keine Bomben mehr auf uns hernieder, sondern Flugblätter mit der Mitteilung der Kapitulation und eine Anweisung darüber, wie wir uns beim Inkrafttreten des Waffenstillstands zu verhalten hätten.«
»Ich hatte überlebt als ein stinknormaler kleiner Landser, ohne besonderen Rang, nur ein Obergefreiter ohne eigenes Dazutun und ohne jede Art von Auszeichnungen. Ein Nichts dieser Wehrmacht wollte jetzt nur noch nach Hause, wollte versuchen, im Frieden endlich eine reale Existenz aufzubauen, eine Familie und ein Heim zu haben, um dann den Wahn des Krieges langsam zu vergessen [...]«
- Werner Mork
"Da war der Krieg zu Ende"
Eintrag von Ella Spychalski (*1928 ) aus Hattingen , November 2007
»Jetzt ist April, jeder in der Fabrik weiß, dass unsere Arbeit sinnlos ist, aber niemand wagt es, laut darüber zu reden oder der Arbeit fernzubleiben. Keiner weiß, wie es weitergehen soll. An besagtem Gründonnerstag - es ist Frühstückspause, wir kauen an unserem Margarinebrot und trinken den üblichen lauwarmen Rübenschnitzelkaffee - gibt mir mein Vorarbeiter einen Wink. "Du sollst zum alten Rimmelsbacher kommen, und zwar schnellstens!" teilt er mir mit. Mir klopft das Herz bis zum Hals, als ich mich auf den Weg zum Personalbüro mache.
Der Personalchef kommt gleich zur Sache: "Wir wissen alle, dass der Krieg verloren ist. Der Ami kann in ein paar Tagen hier sein, und wer weiß, was dann alles passiert!" Ich habe keine Ahnung, worauf er hinaus will. "Du fährst doch regelmäßig zu deiner Mutter in den Odenwald. Kurz, mir wäre es recht, wenn du morgen verschwinden würdest. Die fünfzig Kilometer schaffst du noch, und ich bin froh um jedes Mädchen, für das ich nicht mehr verantwortlich bin!" Ich stehe da wie vom Donner gerührt. "Aber mein Fahrrad geht nicht. Da ist die Vordergabel gebrochen!" stotterte ich. "Das wird heute noch bei uns geschweißt, und morgen will ich dich hier nicht mehr sehen!" schneidet er mir das Wort ab. Vor Aufregung bringe ich kaum einen Dank heraus. Mit einem väterlichen "Das schaffst du schon!" schiebt er mich zur Tür hinaus.«
»Am frühen Morgen des Karfreitags 1945 nehme ich all meinen Mut zusammen und starte in Richtung Norden. [...] Am seidigblauen Himmel ist kaum ein Wölkchen zu sehen. Das bedeutet Tieffliegerwetter! Die Angst, meine heimliche Begleiterin seit vielen Bombennächten, überfällt mich. Mein Magen krampft sich zusammen, meine Knie zittern. Am liebsten würde ich umkehren. Aber ich muss mich zusammenreißen, ich will und muss jetzt diese fünfzig Kilometer hinter mich bringen, ich will zu meiner Mutter! [...]
Ein unbegreiflich schöner Sternenhimmel steht über dem schlafenden Land, als ich mein Fahrrad den alten Totenweg von Walldürn zum Dorf meiner Vorfahren hinaufschiebe. [...] Mitten in der Nacht klopfe ich an die Tür zum "Sauers-Haus", rufe: "Macht auf, ich bin's!". Todmüde und unendlich glücklich falle ich in die Arme meiner Mutter.«
»Am Morgen des Weißen Sonntags klopft ein amerikanischer Offizier an unsere Hintertür. Er ist mit einem alten Fahrrad unterwegs, sieht nach üppigem Essen und guter Seife aus und möchte "a cup of water, please!".
Ich bin mit meinen Sprachkenntnissen aus zwei Jahren Englischunterricht (wir durften die Sprache des Feindes lernen, um ihn besiegen zu können) zur Stelle, soll ihm auf Geheiß der Tante Milch oder Kaffee oder Apfelmost anbieten. "Water please, only water!" bittet er höflich.
Den ersten Schluck aus seinem Glas soll ich trinken. Ich begreife, dass er uns misstraut, und schäme mich.«
»Am 8. Mai hören wir die Nachricht von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Alle sind erleichtert, dass das sinnlose Töten ein Ende hat. Es gibt keine Zeitungen, und auch die Post funktioniert noch nicht. Das Radio meldet, dass Russen, Amerikaner, Engländer und Franzosen Deutschland in vier Besatzungszonen aufgeteilt haben. Ich lebe mit meiner Mutter immer noch als geduldeter Gast im Elternhaus meines Vaters. Von dem haben wir seit seiner Einberufung zum Volkssturm im März 1945 keine Nachricht. Auch von meinem Bruder, der seit Januar 1945 vermisst ist, wissen wir nichts. Wir beide wollen nur noch eines: Zurück nach Karlsruhe, meinen Vater suchen.«
»Wir trampeln und schieben und trampeln, gönnen uns nur kurze Pausen. Gegen 19 Uhr sind wir 15 km vor Heidelberg in Neckargemünd. Wir klopfen an die Tür eines bescheidenen Hauses am Ortsrand und bitten um Unterkunft für die Nacht. Die Bewohner, Herr und Frau Huber, beide Mitte fünfzig, nehmen uns freundlich auf.
"Nehmt ruhig noch Brot, es ist genug da!" redet uns Herr Huber zu. Er ist Bäckermeister und arbeitet in einer Großbäckerei. "Immer nur Kommissbrot für die Wehrmacht!" stöhnt er. "Unser Willi hat Konditor gelernt!", schaltet sich die Hausfrau ein. Ihr Mann fällt ihr ins Wort: "Der backt die schönsten Butterkremtorten. Wenn er zurückkommt, bauen wir unser eigenes Geschäft auf. Bäckerei und Konditorei Huber, da kann der Willi ein reicher Mann werden. Hunger ham die Leute immer!"«
»Am anderen Morgen fahren wir in aller Frühe weiter in Richtung Heidelberg [...]
In einem Dorf, das durch die Zonengrenze in zwei Hälften geteilt ist, kommen wir anstandslos an den amerikanischen Wachsoldaten vorbei. Die Franzosen, die zehn Meter weiter ihr Wachhäuschen haben, verweigern uns die Durchfahrt, weil wir keine Passierscheine haben. Sie lassen nicht mit sich reden. Mit bekümmerten Mienen und hilflosen Gebärden können wir die Franzosen davon überzeugen, dass wir auf Befehl der Amis zurück in unsere - die französische - Zone müssen. Sie winken uns durch, und mir fällt ein Zentnerstein vom Herzen. Am liebsten würde ich laut jubeln.«
»Am späten Nachmittag erreichen wir die Stadtgrenze von Karlsruhe. Auf schattigen Wegen fahren wir durch den Hardtwald in Richtung Schloss. [...] Der Arbeitsplatz meines Vaters ist unser Ziel.
Auf den letzten hundert Metern sagen wir kein Wort mehr, wagen auch nicht, uns anzusehen. Es ist später Nachmittag, als wir auf den Hof der Firma Eugen von Steffelin einbiegen. Und da, auf der Rampe vor seinem Lagerhaus, da steht unser Papa in seinem grauen Kittel, als sei er nie weggewesen. Wir lassen unsere Räder fallen, sind bei ihm, können nicht aufhören, uns zu umarmen und zu weinen und zu lachen. Da ist der Krieg für uns zu Ende.«
- Ella Spychalski
"Kriegsende in Niederkleveez"
Eintrag von Susanne Weinreich aus Hamburg, Juli 2002
»Wir Kinder aus Niederkleveez, Oberkleveez und Bösdorf gingen alle in die einklassige Dorfschule bei Oberkleveez. Ich bin in meiner bewußten Kindheit nur mit Krieg aufgewachsen.
Mein Bruder mußte in den Krieg. Er kam nach kurzer Grundausbildung an die Ostfront und wurde in Stalingrad vermißt. Dann kam die Nachricht, daß mein einer Onkel in Brest gefallen war und der andere im Osten vermißt wurde. Daher herrschte in unserer Familie, wie auch in unzähligen anderen, große Trauer. Oft hörte ich meine Mutter nachts weinen und ich wußte, daß sie an meinen Bruder Walter dachte.«
»Im Radio spielten sie ein Lied, das mir besonders gut gefiel, es lautete:
Und ist der Krieg erst einmal aus,
kommt der Landser auch nach Haus,
und am Abend brennt das Licht,
und verdunkeln braucht man nicht.
Ach, wie herrlich würde es sein, wenn wir keinen Krieg mehr hätten, dachte ich oft. Aber wir mußten immer verdunkeln.«
»Dann wurde ein Volkssturm aufgestellt, in dem alle Männer, die noch irgendwie laufen konnten, zusammengefaßt waren.
Mein Vater, der nur noch eine heile Hand hatte, mußte auch dorthin und bekam den Auftrag, die beiden Brücken, die über die Swentine in Plön gehen, zu sprengen. Er weigerte sich und sagte, daß der Krieg doch nur noch ein paar Tage dauern würde und dann hätten wir ja auch keine Brücken mehr.
Wegen dieser Äußerung wäre er fast in den letzten Kriegstagen noch erschossen worden.«
»Ende April 1945 kam die Nachricht im Radio, daß der Führer im heldenhaften Kampf um Berlin gefallen und sein Nachfolger Admiral Dönitz sei.
Nur wenige Tage später kam die Kapitulation. Plötzlich wimmelte es im ganzen Dorf von englischen Soldaten.«
»Für mich [...] war entscheidend, daß es keine Bombenangriffe mehr gab, keine Tiefflieger, keine Todesanzeigen mit im Krieg gefallenen Menschen und daß wir abends nicht mehr verdunkeln mußten und ohne Angst schlafen konnten.
Wir saßen in unserem Zimmer und das Rollo blieb zum ersten Mal oben. Der Mond schien durch das Fenster und ich dachte: "Du lieber Mond, du scheinst so schön und friedlich", und eine tiefe Dankbarkeit stieg in meinem Herzen auf. Meine Eltern und Geschwister, wir sangen zusammen das Lied: "Der Mond ist aufgegangen....", und das ist seitdem mein Lieblingslied.«
- Susanne Weinreich
Epilog
Bei ihrem Vormarsch befreiten die alliierten Streitkräfte schätzungsweise acht bis zehn Millionen ausländische Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge auf deutschem Boden. Diese empfingen die Alliierten mit großer Erleichterung.
Noch in den letzten vier Kriegsmonaten 1945 kamen allein in den Konzentrationslagern und auf Todesmärschen etwa die Hälfte der meist ausländischen KZ-Häftlinge zu Tode. Viele, die überlebt hatten, kämpften mit den gesundheitlichen und psychischen Folgen von Lagerhaft, Misshandlungen und Unterernährung. Zehntausende starben noch nach ihrer Befreiung.
Millionen fielen bis zum Kriegsende den nationalsozialistischen Verbrechen zum Opfer: Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, Sinti und Roma, Homosexuelle und Menschen, die als politische Gegner, als religiös oder sozial missliebig galten.
Als am 8. Mai 1945 die deutsche Wehrmacht gegenüber den alliierten Streitkräften bedingungslos kapitulierte, endete der Zweite Weltkrieg in Europa.
Der Krieg, den das nationalsozialistische Deutschland 1939 mit dem Angriff gegen Polen ausgelöst hatte, hinterließ einen in weiten Teilen verheerten Kontinent. Allein sechs Millionen europäische Juden fielen dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer, in weiten Teilen Europas war jüdisches Leben ausgelöscht.
Sechs Jahre Krieg hatten weltweit über 60 Millionen Opfer gefordert.
Die vollständigen Zeitzeugenberichte bei Lebendiges Museum Online (LeMO) des Deutschen Historischen Museums
Gerda Langosch (*1928, † vor 2017): So erlebte ich die letzten Tage des Krieges 1945
Berlin [Tagebuch, unmittelbar nach Kriegsende 1945 verfasst - DHM-Bestand, Inv.Nr. Do2 95/3734]
Werner Mork (*1921, † um 2014): 8. Mai 1945 Als Wehrmachtssoldat in Tschechien
Kronach, Februar 2010
Ella Spychalski (*1928): Da war der Krieg zu Ende
Hattingen, November 2007
Susanne Weinreich (Lebensdaten unbekannt): Kriegsende in Niederkleveez
Hamburg, Juli 2002
Jürgen Wiese (Lebensdaten unbekannt): Der Feind schenkte uns Schokolade
Hamburg, Juli 2002
Texte
Die Ausstellungstexte zur Kapitulation basieren auf dem Kapitel "Das Kriegsende 1945" (LeMO) von Arnulf Scriba.
Der Epilog basiert auf dem Text "Deutschland - Von der Kapitulation zur Teilung" von Babette Quinkert, aus: 1945 – Niederlage. Befreiung. Neuanfang. Zwölf Länder Europas nach dem Zweiten Weltkrieg.