"Und wieviele sind es, die bis heute noch nicht das Geringste von ihren Lieben gehört haben." - Sicht einer Ehefrau und Mutter
Katharina Arens geb. Eifler, seinerzeit wohnhaft in Koblenz-Kesselheim, führte unregelmäßig Tagebuch und schrieb unter anderem in der Zeit vom 22. März 1945 bis zum 3. April 1949 ihre Erlebnisse und Gedanken briefartig nieder. Ihr Mann Peter Arens war seit Februar 1945 vermisst, ebenso ihr um die Jahreswende 1944/45 zur Waffen-SS eingezogener Sohn Erich Arens und ihre beiden Brüder:
„22. März [1945]:
[...] Seit 14 Tagen nun sind wir ja ganz von allem abgeschnitten, wir haben hier amerikanische Besatzung. Ja meine Lieben, es ist soweit! Was ich schon lange befürchtet habe, ist eingetroffen, die Amerikaner sind am Rhein und immer noch wird dieser wahnsinnige Kampf fortgesetzt. So sehr ich auf einen guten Frieden und den Sieg gehofft habe und so gut es für uns und unsere Kinder wäre, zu siegen, aber wie soll das noch geschehen? Die Sache ist ja schon lange aussichtslos, die Materialübermacht des Feindes ist zu groß. Hätte man die sooft in großen Tönen und dunklen Versprechungen prophezeite durchschlagende neue Waffe gegen die große feindliche Luftflotte wirklich gehabt und zur Anwendung gebracht, unsere tapferen deutschen Soldaten hätten den Krieg nicht verloren. Aber wir sind ja alle schmählich belogen und betrogen worden. Ich habe es im Herbst schon zu einem alten Kämpfer, der bei uns in Quartier lag, gesagt: ‚Es ist der größte Schwindel der Jahrtausende, dem das arme deutsche Volk zum Opfer fiel‛. Aber es ist noch schlimmer gekommen, wie ich mir vorgestellt habe. Darunter verstehe ich hauptsächlich, daß der unselige Krieg noch weitergeht, täglich müssen noch tausende elend umkommen, um einigen, die gut im Bunker sitzen, das Leben um ein paar Monate zu verlängern. Wenn ich über Tage die vielen Bomber sehe, die ins Reich fliegen, so will sich mir das Herz im Leibe umdrehen. Was richten die nicht alles für Unheil an? Wieviele müssen wieder sterben, Hab und Gut verlieren und dann? Die Kette der Armen, Gequälten wird immer länger.“
„25. März:
[...] Es war am 8. März, der Volkssturm war nachts zusammengerufen worden, um den Ort zu verteidigen. Die Begeisterung der nur mangelhaft ausgebildeten Leute war denkbar klein. Als dann die Hiobsbotschaft kam, die Amerikaner kommen, sie sind schon an der eisernen Hand[1], da wurden selbst die, die vorher noch geprahlt hatten, ganz still. Ein Gerücht jagte das andere, aber Tatsache blieb doch, die Amerikaner kamen immer näher und es war nur mehr eine Frage von Stunden, daß sie hier sein konnten. Überall wo der Volkssturm verteidigte, wurden die Ortschaften nutzlos geopfert, noch zu den Volkssturmmännern. Unsere Soldaten, wenigstens ein großer Teil der Westmacht[2], zog fluchtartig über die wenigen, noch vorhandenen Rheinbrücken zurück, alles was hinderlich war zurücklassend. Auf der Urmitzer Brücke sind noch eine gute Anzahl junger Soldaten mit in die Luft gesprengt worden. Es kam hier, wie es kommen mußte, und wie es auch der Lage entsprechend am besten war. Weiße Fahnen wehten überall, Gewehre, Munition, Panzerfäuste und was immer nur zur Ausrüstung diente, wurde unschädlich gemacht.
Ich hätte nie geglaubt, daß unser schöner Vater Rhein die Amerikaner auf die rechte Seite kommen ließ, soviel Waffen, Munition und vor allem Nationalsozialismus in jeder Aufmachung hat er in diesen Tagen geschluckt. Wie mancher kunstvoll hergestellte Hitlerkopf wurde seinen kühlen Wellen anvertraut. Aber es hat ihm garnichts imponiert davon, die Amerikaner sind tatsächlich schon in breiter Front übergesetzt und heute waren wir Zeuge eines schweren Kampfes um Vallendar. Von Weitersburg wurde beobachtet, wie es besetzt wurde. Es ist jetzt 10 Uhr abends, es scheint, daß Vallendar gefallen ist, der Kanonendonner kommt aus größerer Entfernung, jedenfalls wird jetzt um den Ehrenbreitstein gekämpft. Was wird die Nacht und der morgige Tag bringen?
Aber ich will nicht vorgreifen, sondern der Reihe nach erzählen. Am 9. März rollten dann die ersten amerikanischen Panzer hier ein, ließen ein paar Mann am Ortseingang als Posten zurück und verschwanden wieder. Der Krieg hielt für Kesselheim den Atem an und tatsächlich schien es, als ob an den nächstfolgenden Tagen niemand mehr an den Krieg dächte.
Die Meute war losgelassen. Kaum, daß die armen Rekrutenkinder, es waren schon viele 16jährige dabei, ihre Massenquartiere verlassen hatten, waren schon die Hyänen da und plünderten, was nicht niet- und nagelfest war. Privatwäsche und Kleider und besonders alles Wehrmachtsgut mußte dran glauben. Die von Fa. Persich in Koblenz auf dem Schulspeicher sichergestellten Haushaltwaren wurden geplündert, einem im Pfarrsaal befindlichen Lager an Möbel und Matratzen der N.S.V. erging es nicht besser. Am tollsten ging es an der Bahn zu. Dort standen zwischen Bombentrichtern und völlig zerstörten Wagen noch eine ganze Anzahl unbeschädigter Wagen mit kostbaren Ladungen. Es war wie ein Rausch über den Menschen. Viele vergaßen sich soweit, daß sie das ganze Flüchtlingsgut, viele Waggons mit fertiggepackten Möbeln und Wäschestücken einfach, roh und sinnlos plünderten. Was hinderte, wurde einfach zerschlagen. Wertvolle Koffer wurden aufgeschnitten, um schneller an den Inhalt zu kommen. Erbsen, Bohnen, Mehl und viele andere Lebensmittel wurden in großen Mengen heimgefahren. Dann kam noch der Pi Park[3] dazu und verschiedene Magazine. Es war ein Wettbewerb, wie man sich ihn unter Habgierigen [...] nicht emsiger vorstellen kann. Auch viele Russen, Polen und Holländer[4] beteiligten sich und jeder schleppte weg, was er konnte. [...1
Erst nach ein paar Tagen, abgesehen von diesen Räubereien, lebten wir plötzlich hier wie im Frieden, kamen die ersten Verordnungen der Besatzung. Die Ausgangszeit wurde von vormittags 10 – nachmittags 5 Uhr festgesetzt. Die Polen stellten plötzlich jede Arbeit ein, alle Männer sind noch heute erwerbslos, kurzum, es wurde nichts mehr geschafft. Am 18.3. wurde Höfers Alfred von den Amerikanern abgeführt. Er hatte vor kurzem einen amerikanischen Piloten, der hier notlandete, geschlagen, gewiß ein dummer, unüberlegter Jungenstreich. 2 Tage später wurde unser Ortsgruppenleiter, Münzel Hannes, und sein engster Mitarbeiter, Herr Schönhagen, per Auto weggebracht. Maria, Elli und seine 2 Kinder befinden sich auf dem Westerwald, sodaß in dem Haus jetzt nur ein paar Russen und deutsche Mädchen hausen.
Parteigenosse N. N. hatte sich abends vorher mit dem Fahrrad per gemacht, wie es heißt, ohne Ziel. Aber wer glaubt, wird selig.
Gestern wurde ausgeschellt, daß anstelle des Bürgermeisters, Herrn Josef Münzel, Metzgermeister Wilhelm Schrauth Bürgermeister von Kesselheim geworden ist. N. N., der bei der Passausgabe keinen erhalten hatte und nicht aus dem Hof durfte, hat nun nachträglich einen Pass bekommen. Er befürchtet, daß die Polen ihn angeschwärzt haben und daß er schließlich auch noch weg muß. [...] Weiter wurde bekannt gemacht, daß die an der Bahn entwendeten Lebensmittel bis heute, den 27.3. Nachmittag 4 Uhr, beim Bürgermeister abgegeben sein müßten.
Seit gestern ist hier alles ruhig wie im tiefsten Frieden. Nach der heftigen Schlacht am Sonntag wurde es schon nachts etwas ruhiger und am Montag verebbte der Kanonendonner ganz. Heute ging ein amerikanischer Sanitäter von Haus zu Haus und forderte die Leute auf, nicht mehr im Keller zu schlafen, da dies ungesund sei. Hier sind viele Menschen mit einem juckenden Ausschlag behaftet. Auch ich quäle mich schon wochenlang damit herum. Nachdem ich mindestens schon 10 x vergebens auf den Arzt gewartet habe, kam er gestern endlich, leider bekam der Bote (?) die verschriebene Salbe in Mülheim nicht, da ich dafür Fett bringen muß.
Nun geben sich die Bauern wieder mit Macht an die Feldarbeit. Es ist ja kaum zu glauben, aber wie ein böser, schneller Spuk raste das Kriegsgeschehen über Kesselheim und hat das Dorf fast nicht berührt. Ich kann der Ruhe, man hört noch nicht mehr einen Schuß knallen, noch nicht trauen. Mit unserer Landwirtschaft sieht es faul aus. Unser Leo[5] ist wohl noch hier, hat aber keine Lust mehr zur Arbeit. Und wenn ich um jede Arbeit anhalten und bitten muß, so ist das kein schönes Gefühl. [...] Kunstdünger, neue Saatkartoffeln, Kleesamen und verschiedene andere Sämereien fehlen ganz. Es wird schwer werden, aber wenn ich noch einigermaßen einen Fuhrmann bekomme, so soll es schon gehen, es gilt ja, dem großen Hunger vorzubeugen, der unweigerlich kommt. Unsere Maria[6], die gewiß auch nicht ohne Fehler ist, hat sich doch besser bewährt wie Leo, sie arbeitet ruhig durch weiter und hat die Absicht zu bleiben. Jetzt zeigt sich mal so richtig, wes Geistes Kind ein jeder der Ausländer ist. Während viele unbeirrt um alles treu und fleißig für ihren Chef weiterarbeiten, machen andere nur das Allernötigste und der kleinste Rest tut gar nichts, ist frech und geht spazieren. Wenn sie sich das nun immer leisten können, so haben sie viel erreicht in den Jahren ihrer Gefangenschaft. Es heißt, daß die Polen alle von hier wegkommen, wohin, ist unbekannt.
Ich kann nicht gerade klagen. Wenn auch die Zügel der Disziplin gelockert sind, und ab und zu eine Stunde ausgesetzt wurde, Leo und Maria arbeiten weiter, allerdings nur das Nötigste. Es wurde heute sogar von der Militärbehörde angeordnet, daß die Ausländer bei den Bauern arbeiten müßten.“
„29. März, Gründonnerstag:
Heute gegen Abend ging es wie ein Lauffeuer durch das Dorf: Waffenstillstand! Hitler und Göbbels haben sich erschossen! Es wird wohl etwas daran sein, man hörte heute kein einziges Flugzeug. Wie sieht es mit der Wahrheit aus? Wir sind nur auf Gerüchte angewiesen. Auf jeden Fall! Armes, betrogenes deutsches Volk! Welchen Leidensweg hast Du hinter Dir und wie dunkel und arm ist der Weg, der vor Dir liegt? Arme irregeführte deutsche Jugend, wie und wo ist Deine Zukunft? Meines Erachtens wäre eine Kugel für Hitler und Göbbels viel, viel zu milde. Mußten sie bei der Aussichtslosigkeit der Sache nicht längst den Kampf einstellen? Aber immer noch mehr Menschen wurden hingemordet, Städte und Dörfer, Hab und Gut in Schutt und Asche gelegt. Unendliches Leid liegt auf dem deutschen Volke. Für ein solches Kriegsende sind Millionen der besten deutschen Männer und Jungen gefallen, verkrüppelt und verschwunden, jeder Tag der Ruhe und Sicherheit der Führerclique mußte mit Strömen von Blut und unendlichen Opfern von Hab und Gut ergaunert werden.
„1. April, Ostersonntag:
Nun ist alles wieder ohne Hoffnung, ohne Licht und ohne Glauben, trotz Ostern und Auferstehung. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, daß es tatsächlich nur ein Gerücht war, daß der Kampf weitergeht. Und wer noch an Waffenstillstand glauben sollte, der wird durch die Unmenge der einfliegenden schweren amerikanischen Bomber eines anderen belehrt. [...] Wie war ich beruhigt und voll Hoffnung, als es hieß: Friede! Und nun statt dessen nicht enden wollende Verbände feindlicher Bomber, die alle ins immer kleiner werdende Reich fliegen und Tod und Verderben bringen. Du mein lieber Mann, und ihr meine beiden Brüder, Euer Geschick hat sich schon erfüllt, Ihr seid entweder gefangen und habt ein einigermaßen erträgliches Leben, oder aber, so schmerzlich es für uns alle wäre, Ihr seid jedem Schrecken und jeglicher Erdenlast enthoben. Und nur Dich, meinen lieben Jungen, weiß ich in dem schrecklichen Berlin, bedroht von allen Seiten, und keinerlei Nachricht, wie es dort und überhaupt in Deutschland zugeht, gelangt zu uns.
[...] Am Freitag rückte hier die ganze Besatzung wieder ab, wohin unbekannt. Wir haben gar kein Militär hier und die Russen und Polen werden wieder merklich frecher. Ich sähe sehr, sehr schwarz, wenn wir ihrer Willkür und Herrschaft ausgeliefert werden. Wie kamen die meisten, außer Gefangenen, hier an? Zerlumpt und zerrissen und wie kommen sie heute? Alle in guter anständiger Kleidung, haben ihr gutes Essen und gute Bezahlung und doch noch dieser große Deutschenhaß.
Überhaupt, jeder, der kommt, will sich rächen! Haben die Deutschen so Schweres verbrochen? Und vor allem die Soldaten? Mußten sie nicht immer ihre Pflicht tun? Gewiß, es gibt immer Elemente ohne jede Hemmung, aber der weitaus größte Teil, und dazu rechne ich ganz selbstverständlich Euch meine beiden Lieben und auch meine Brüder, sind grundanständig und schonen den lieben Nächsten und sein Eigentum. Soll denn jetzt die Rache am deutschen Volk erst anfangen? Sind denn die Millionen deutscher Gefallener, bestes junges Blut, Männer, Söhne und Brüder keine Opfer? Die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben aufs Gräßlichste ums Leben kamen, klagen die gar nicht an? Unser armes, von amerikanischen und englischen Flugzeugen durch Bomben völlig zerstörtes deutsches Vaterland bedarf es noch weiterer, größerer Rache? O, guter Gott, erbarme Dich, öffne auch unseren Feinden Herz und Augen, damit sie ein Einsehen haben, daß das Maß voll ist und daß sie auch ihre Taten zu verantworten haben.“
„5. April:
In Neuendorf wurden heute neue Stellungen ausgeworfen und amerikanische Flakgeschütze aufgestellt. Es gehen wieder allerlei Gerüchte. Deutsche Flugzeuge seien in der vergangenen Nacht über Köln gewesen. Die deutsche Führung hätte die Bewohner des Rheinlandes zum Bandenkrieg aufgerufen, für beides die Flakstellungen. Dann wird wieder erzählt, Hitler hätte vor kurzem in einer Rede erwähnt, er würde sich am Rheinland schwer rächen dafür, daß es so schnell kapituliert habe. Adolf Hitler! Sinnst Du auch noch auf Rache am Rheinland? Wohlan denn, tue Deinen Gefühlen keinen Zwang an. Aber komme erst und schaue Dir das Rheinland mal an und dann bringe ihm, was noch fehlt. Tatsache ist jedenfalls, daß es heute Abend seit langer Zeit wieder das 1. mal geschossen hat, ob es Artillerie oder Flak war, konnte ich nicht entscheiden.
Es wäre für uns im Moment besser, wenn wir wieder Besatzung herbekämen, die Polen nehmen sich sehr viel heraus, sie wollen nicht mehr schaffen und plündern, wo es nur etwas zu plündern gibt. Heute Abend war unser Leo so besoffen, daß er nicht zum Essen und nicht zum Füttern kam. Alle Keller in Koblenz, wo Wein lagerte, wurden von Polen, Russen und auch Deutschen geplündert. Unser Leo und unsere Maria, die am Dienstag auch hin waren und ganz gut gefaßt hatten, wurden geschnappt, mußten alles zurückgeben und konnten eben noch so entkommen. Sogar Mädchen und Frauen aus Kesselheim wurden festgeholt und müssen zur Strafe bei den Amerikanern im Bunker 5 Tage Kartoffel schälen.“
„8. April:
[...] Allerlei Gerüchte schwirren wieder. Wir hören und sehen ja nichts. Keine Zeitung, kein Radio, keine Post. Nur der Weg von Mund zu Mund. Einmal heißt es, Berlin sei gefallen, dann wieder, die Russen seien wieder ganz aus Deutschland rausgeschlagen, die neuen Waffen seien eingesetzt worden. Rußland habe Japan den Krieg erklärt. Was ist Wahrheit?
„9. April:
[...] Es ist gar nicht zu beschreiben und unglaublich, welche Unmengen Jagd-, Schlacht- und Transportflugzeuge von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch ununterbrochen von und nach dem kleinen hartbedrängten deutschen unbesetzten Raum fliegen. Wie muß es dort aussehen und zugehen. Wieviele Tote, Trümmer, Elend und Hunger muß es noch geben, bis daß unsere Regierung den Kampf für aussichtslos aufgibt?
[...] Wir stecken schon wieder tief in der Arbeit. Die Polen begeben sich allmählich wieder alle ans arbeiten und überhaupt kommt alles wieder so ziemlich in seine normale Bahn. Allerdings Licht und Wasser fehlen noch, fast alle Männer und Jungen sind noch ohne Arbeit. Markt können wir in jeder beliebigen Menge wieder abliefern. Zu kaufen bekommen wir schon wochenlang nichts als Brot und etwas Fleisch. Unser Leo hat auch sein seliges Gleichgewicht wiedergefunden. Er arbeitet langsam, aber sicher, ich muß schon himmlische Geduld haben, bin aber doch froh, wenn unser Feld nicht brach liegen bleibt. Letztes Jahr beim Einsäen glaubte ich schon fest, im Herbst sei Schluß und Du daheim, wie wird es dieses Jahr zur Zeit der Ernte sein? Ob wir es ernten können? Immer öfter hört man, daß Kesselheim so großes Glück hatte. Viele andere Orte haben Verluste und Beschädigungen an Häusern. Für unser Dörflein war es bestimmt Glück, daß die Soldaten schleunigst über den Rhein machten, wären sie hier geblieben, sähe es heute nicht so friedlich in unserem Dörflein aus. Es hätte den gewaltigen Vormarsch ja auch nicht aufgehalten, noch nicht mal gehemmt, so gewaltig war das Material des Feindes und so kümmerlich ausgerichtet unser Volkssturm.“
„17. April:
[...] Man hört so allerlei durchsickern von den entsetzlichen Bombenangriffen, von Hunger und sonstigen Begleiterscheinungen in und um Berlin. Wann wird dieser wahnwitzige Widerstand aufgegeben? Wieviele Jungen müssen noch tot oder zum Krüppel geschossen werden? Wieviele noch durch Bomben umkommen und Hab und Gut verlieren? Ist niemand, der der völlig aussichtslosen Sache ein Ende machen kann? Hier wird erzählt, Hitler habe einen Nervenzusammenbruch, sein Nachfolger sei Himmler. Er wird wohl noch brutaler die Menschen opfern. Die feindlichen Fronten seien noch 220 km voneinander. Die größte Schlacht aller Zeiten tobe um Berlin. Was ist Wahrheit? In Köln sei die Pest ausgebrochen. Ich beneide die Menschen, und es sind derer nicht wenige, die von all dem unberührt bleiben und eifrig ihren täglichen Pflichten nachgehen und tun, als ob der Krieg für sie ganz vorbei wäre [...].“
„20. April:
[...] Führersgeburtstag! Bei uns wurde er eingeleitet durch einen Umzug der Polen und Ukrainer mit Musik und einem ganz schrecklichen Gegröhle, wie hier ähnlich bei den wüstesten Saufgelagen noch nichts gehört wurde. Es war einfach ein Hohn auf Alles und kein Mensch hat sie gestört. Es hat anscheinend aber doch Staub aufgewirbelt, denn heute Abend kam eine amerikanische Streife und hat um 8 1/2 Uhr alle Polen von der Straße gejagt. Wir können jetzt von morgens 7 – abends 8 1 / 2 Uhr raus und zwar bis 6 km im Umkreis [...].“
„22. April:
[...] Der Hunger steht vor dem ganzen Land. Was soll das noch geben? Die Landstraßen sind übersät mit Wanderern aller Art, mit und ohne Gepäck, alles auf Schusters Rappen. Es ist aber auch sehr unsicher jetzt, viele Russen und andere Ausländer sind auch unterwegs und plündern und stehlen, was ihnen vor die Finger kommt. Am letzten Samstag wurde in St. Sebastian eine Frau erschossen und heute in Weitersburg ebenfalls eine, in beiden Fällen war ein Russe der Täter. Es ist ja kaum Besatzung hier und die Russen überschwemmen das Land. Auf der rechten Rheinseite müssen die Menschen tatsächlich schon hungern [...].“
„29. April:
[...] Hier in Miesenheim ist ein Gefangenenlager von deutschen Soldaten, sie liegen unter freiem Himmel 7000 Mann. Wieviele liegen so in Wind und Wetter. Es sind auch schon verschiedene Soldaten heimgekommen, die sich durchgeschlagen haben. Wie kommen sie an? Zerlumpt, halbverhungert in schäbiger Civilkleidung, immer in Gefahr, von der Besatzung aufgegriffen zu werden. Einige kamen schon übergeschwommen. Jetzt steht aber Tag und Nacht eine Wache am Rhein und ohne Pass ist es wohl unmöglich, rüberzukommen [...].
Es wird ein hartes Leben in Deutschland geben, unfrei und geknechtet. Was ist übriggeblieben von dem künstlich hochgebauten Luftschloß des 3. Reiches? Ein verarmtes, dem Hunger und Elend preisgegebenes, belogenes Volk, ganz Deutschland ist ein Trauerhaus und ein Trümmerhaufen [...]. Heute gehen wieder allerlei Gerüchte: Himmler habe Amerika bedingungslose Kapitulation angeboten, diese sei abgelehnt worden mit dem Hinweis, die Kapitulation sei sämtlichen alliierten Mächten zu unterbreiten. Göring sei mit Frau und Kind nach Japan geflohen. Der Kampf in Berlin gehe weiter, Hitler habe einen Bluterguß im Kopf, er sei mit Steinen beworfen worden. Sind es alles plumpe Lügen oder ist etwas Wahres daran? Bringt uns der Mai den heißersehnten Frieden? [...]“
„1. Mai:
[...] Gestern ging wieder rund, daß ganz bestimmt Waffenstillstand sei. Hitler sei schwer verwundet worden und dann gestorben, er habe in vorderster Front gekämpft. Mölders, Göring und Rommel seien im K.Z.-Lager gefunden worden und habe am Radio geredet. Alle deutschen Soldaten bis auf die Italienkämpfer haben die Waffen niedergelegt. Mussolino sei gefangen worden beim Fluchtversuch und gehängt worden mit dem Kopf nach unten[7]. Und heute? Alles wieder Schwindel! Der Kampf in Berlin geht mit unverminderter Härte weiter. [...]
Es kommt jetzt Samstags wieder eine Zeitung und zwar die Frankfurter[8]. In der letzten Nummer standen ganz entsetzliche Enthüllungen aus deutschen K.Z.-Lagern drinne. Man soll glauben, eine deutsche Feder würde sich sträuben, solches zu schreiben und soll es tatsächlich solche satanischen Elemente geben, die derartige brutalen und bestialischen Greueltaten verübten? Und diese verrohte, verkommene Sorte Menschen hat viele Millionen reiner deutscher Kinder von 16 Jahren mit allen erlaubten und unerlaubten Prahlereien und Androhungen gezwungen, sich freiwillig in ihre Reihen zu melden? Und diesen armen, irregeführten Knaben, die jetzt mit Tod und Elend diesen Henkern noch jede weitere Stunde Lebensdauer erkämpfen müssen, hängt für ewig die Schmach der SS an. [...]“
„6. Mai:
[...] Nun soll endgültig Waffenstillstand sein. Alle Truppen hätten die Waffen niedergelegt, nur in Norwegen wird noch gekämpft. Berlin ist seit einigen Tagen gefallen, in den letzten 24 Stunden seien dort noch 13.000 deutsche Soldaten gefallen. In den letzten 4 Monaten an der Ostfront im Ganzen 1 Million. [...] Es fing an, als die Amerikaner näher kamen und hier keine Bomben mehr fielen, täglich, ja fast stündlich nicht endenwollende Einflüge ins Innere Deutschlands. Jeden Abend sagte der luxemburgische Sender, daß Berlin aufs Neue angegriffen worden sei. [...]
[...] kein Mensch konnte ahnen, daß es so glatt abginge hier. Man mußte ja mit schweren Kämpfen hier am Rhein rechnen und dann sollte der Brükkenkopf Koblenz bis aufs Letzte verteidigt werden. Ich hatte ja selbst schon Quartier ausgemacht, um nach rückwärts zu gehen, da wir sicher glaubten, hier könnten wir nicht bleiben. Aber es kam so ganz anders. Unser Dörflein blieb unberührt vom Kriegsgeschehen. [...] ich glaubte, die Fronten brächen zusammen. Als dann die Amerikaner am Rhein waren, hoffte ich jeden Tag auf das Kriegsende. Aber es kam nicht, statt dessen ließ unsere rücksichtslose Führung die Kriegslawine durch das ganze deutsche Land rasen. Das blutige Ringen um Berlin und sein Fall brachte erst den solange heißersehnten Waffenstillstand. Was wird er uns bringen? Die Toten haben ihre Ruhe, ihre zerschundenen, zerschossenen und von Bomben zermalmten Körper haben ausgelitten. Wird es nicht viele Lebende geben, die diese Toten beneiden müssen? Was wartet auf viele nach härtesten Jahren des Kampfes? Armut, Not, Hunger und Schande. Ich denke dabei an die Guten, die Idealisten, die mit gutem, gläubigen Herzen vertrauten, die nur das Gute glaubten und von der schlechten, der Schattenseite der Idee nichts ahnten, geschweige denn was wußten [gestrichen: glaubten]. Wie werden sie für ihr blindes Vertrauen bestraft werden? [...]“
„20. Mai, Pfingstsonntag:
[...] Hier rundum sind viele Gefangenenlager[9] und was man davon hört, läßt einen Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen. Hunger, Hunger und nochmals Hunger. Und dazu quälender Durst. Irmgard war heute 2x hingefahren mit Brot und Kaffee. Die Bevölkerung schafft hin, was sie entbehren kann. Und muß dann noch gute Wachposten antreffen, um den Soldaten das Zeug geben zu dürfen. [...]
Wir sind besiegt! Wir sind nur auf die Großmütigkeit unserer Gegner angewiesen. Für die großen Fehler unserer rücksichtslosen, brutalen Kriegsführer muß das ganze Volk schwer, schwer büßen. Aber die Zahl der Unschuldigen überwiegt bei weitem die der wirklich Schuldigen. Wieviel Mütter und Frauen gaben blutenden Herzens ihre Männer und Söhne her und wieviel Männer und Söhne verließen schweren Herzens Heimat und Familie, nur dem eisernen Muß gehorchend. Wieviel Gutes ist in diesem Krieg geschehen an Gefangenen und Fremdarbeitern aller Art, stille, versteckte Guttaten, die ja niemand sehen, und niemand wissen durfte. Aber sie waren doch da und wurden immer dankend angenommen. Jetzt ist das alles vergessen, einfach nicht gewesen, und alle wirklichen und dazugedichteten Greuel, wovon die Wenigsten etwas wußten, werden aufgebauscht, vergrößert, verzerrt. Welche Not und welche Trübsal werden noch über Deutschland kommen? [...]“
„3. Juni:
[...] Jeden Tag kommen Soldaten heim aus allen Richtungen, immer sind es nur die Angehörigen, die dann überglücklich sind, der größte Teil ist enttäuscht, die Frauen und Mütter können kaum die Tränen zurückhalten, sie müssen weiter aushalten und warten, warten! [...]“
„10. Juni:
[...] Für Wahrsagerinnen und derartige Sachen mehr ist eine Blütezeit. Hier wird mittelst Gebetbuch und Schlüssel gefragt und die Antworten sind oft verblüffend. Nach diesem Buch müßte Erich im Juni und zwar recht bald und Du mein lieber Peter im Juli kommen. Nun bin ich ja alles andere wie abergläubig, aber was man gern hat, das glaubt man gern. Es sind schon verschiedene auf das Buch gekommen, aber das kann ja auch Zufall sein. Ich halte das Ganze für Suggestion. Ich will weiter meine Hoffnung und mein ganzes Vertrauen auf den lieben Herrgott setzen [...].“
„24. Juni 1945:
[...] Es sei durchs Radio gekommen, daß die SS-Soldaten erst nach 20 Jahren heimkommen dürften, außer denen, die seit 44 dazu gezwungen wurden. Nun ist Erich ja erst 1945 eingetreten, aber die Angst um ihn ist riesengroß. [...] Ich hoffe ja zuversichtlich, wenn er noch lebt, kommt er nochmal heim. Als Schlimmstes stelle ich mir vor, er wäre im Endchaos umgekommen und es wäre niemand, der es uns sagte und dann müßte ich mich bis zu meinem Ende mit dem Gedanken quälen, Erich sei in Gefangenschaft und müßte Schreckliches leiden. Guter Herrgott, nimm das Opfer meines Lebens an, ich will alles, was kommt, geduldig tragen, eine einzige Bitte erfülle mir: Gib mir Gewißheit über das Schicksal meines Kindes, mein ganzes Leben soll ein einziger Dank an Dich sein. [...]“
„1. Juli 1945:
[...] Hätte ich die Gewißheit, er wäre tot, ich wollte ganz ruhig sein und nur für ihn beten, aber so, der schreckliche Gedanke an zwanzigjährige Gefangenschaft mit bitterem Hunger und schwerer körperlicher Quälerei, der die SS-Truppen bestimmt ausgesetzt sind, läßt mein armes Denken Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen. Es heißt ja, daß die, die seit 1944 zur SS kamen, entlassen würden. Ich muß aber leider annehmen, daß, wenn Erich noch lebt, in russischer Gefangenschaft ist und wird der Russe sich an diese Abmachungen halten, oder ist er auch gegen die jungen, schuldlosen Kinder gleich brutal? [...]“
„23. September 1945:
[...] Meine Gedanken kreisen Tag und Nacht um Dich, mein lieber Junge. Und wo kann ich Dich finden? Jetzt habe ich mich endlich so weit durchgerungen, daß ich denke, Du hast nichts mit der entsetzlichen SS zu tun. Du warst ja kein Freiwilliger und warst noch keine 10 Wochen Soldat. [...] Erst wähnte ich ihn durch Bomben umgekommen, dann im Endkampf gefallen, dann als SS Mann dem Hunger und der Quälerei ausgesetzt und immer, wenn wieder eine neue Schreckensbotschaft von Hunger, Elend und Epidemien in Lägern kam, glaubte ich Erich dabei. [...] Es ist soviel Leid und Elend, Hunger und Not im armen, geschlagenen Vaterlande, daß es zu egoistisch ist, nur ans eigene Leid zu denken. Wieviele haben auch ihre Lieben verloren und dazu noch alles Hab und Gut, haben keine Stellung und kein Einkommen mehr und müssen doch noch weiterleben. Und ich habe die Gewißheit, daß Du mein lieber Mann heimkommst und darf auch noch hoffen, daß unser lieber Junge wiederkommt. [...]“
„1. November [1945]:
[...] Heute ist Allerheiligen, wieder in althergebrachter Weise. Wer nur kann, geht zu seinen Lieben auf den Friedhof. Aber wieviele können das nicht. Wo überall in der weiten Welt liegen sie begraben, verscharrt. Wo sind meine Brüder, wo mein lieber Junge? Sind sie noch am Leben, oder müssen wir sie unter den Toten suchen, unter den vielen, entsetzlich vielen Toten dieses harten Ringens, das eine gewissenlose Machthaberbande heraufbeschworen und nur für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit unnötig verlängert haben. Aber es ist alles vorbei, alles verloren. Eine Trauer, eine Trostlosigkeit ohne gleichen liegt über ganz Deutschland. Hunger, grenzenlose Armut und Elend bleiben übrig vom Glanz des III. Reiches. Und dafür alle diese vielen, vielen Opfer an kostbaren Menschenleben, an Hab und Gut. [...]“
„2. Dezember:
[…] Was war ich bei Kriegsende froh und glücklich im Gedanken, das Morden hört auf, das große Sterben ist zu Ende. Was wurde unseren Soldaten auf Flugblättern bei Niederlegung der Waffen nicht alles versprochen und zugesichert! Wieviel Soldatenleben unserer Feinde wurden dadurch, daß unsere Truppen keinen oder doch nur schwachen Widerstand mehr leisteten, gerettet und können wieder gesund heim zu den Ihren! Und was war für unsere Soldaten der Lohn? Für viele monatelanges Schmachten in elenden Lägern unter freiem Himmel, ohne Decke, ohne jeden Schutz Regen, Kälte, Sturm und glühender Hitze ausgesetzt. Wieviele sind tatsächlich verhungert oder durch Unterernährung so krank geworden, daß sie elend, und oft noch ohne jede Pflege sterben mußten. Viele, viele Lagerfriedhöfe in Deutschland geben hiervon beredtes Zeugnis. Es war ja hoffentlich nicht überall wie gerade hier im Rheinland, es war ja gewiß ein schwieriges Problem mit den vielen Millionen deutscher Gefangener, aber es hätte doch vieles können vermieden werden. Wie mag es in russischer Gefangenschaft sein? Man hört die widersprechendsten Schilderungen, in einem Lager ist es gut, in anderen wieder sehr schlecht. Ich will fest hoffen, wenn Erich noch lebt [...].“
Am 15. Dezember 1945 erfuhr Katharina Arens, dass ihr Sohn am Leben ist und es ihm gut geht, er aber in russischer Kriegsgefangenschaft ist.
„6. Januar 1946:
[...] Wie wollen wir doch glücklich und zufrieden sein, wenn wir mal wieder alle zusammen sind. Wir hätten dann ja auch alle Ursache dazu. Wir haben noch unser Heim, unser Vieh, unsere Existenz, unser Essen, und das ist im armen, geschlagenen Deutschland unendlich viel. Wie arm, wie elend, wie hungernd und frierend jetzt viele Deutsche, vorwiegend in den zerstörten Städten, leben müssen, könnt Ihr Soldaten im Ausland Euch gar nicht vorstellen. Schon allein in diesen Ruinen leben zu müssen, stelle ich mir schrecklich vor. [...]“
„17. Februar 1946:
[…] Nun habe ich bereits von 3 Stellen Bescheid, daß Erich lebt, er befindet sich in einem politischen Gefangenenlager in Landsberg a./d. Warthe. Ich habe sogar einen kleinen, kostbaren Zettel von ihm mit den 3 Worten: ‚Erich Arens, lebt!‛ Nach diesem 1. Brief bekam ich noch einen von einem Mädel namens Rosemarie Neuling, auf meine Anfrage schrieb sie mir ausführlich, Erich sei in einem Jugendlager, sei am 3.11. noch gesund gewesen und es ginge ihm einigermaßen erträglich. [...]“
„10. März 1946:
[…] Nun sind es bereits wieder über 4 Monate, daß ich nichts von Erich gehört habe. Kämen nicht immer wieder Nachrichten, daß so viele schon in russischer Gefangenschaft gestorben sind, so wäre das Warten leichter und die Hoffnung auf ein Wiedersehn weniger gefährdet. Aber ich will nicht undankbar sein, ich will diese schreckliche Zeit der Ungewißheit nicht vergessen und nicht das große Glück, daß Erich überhaupt noch aus diesem Endkampf gesund rauskam. Ich weiß ja, daß in dieses Gebiet keine Post geht und ich will nicht verzagen. Ich will ganz stark sein und fest hoffen, daß Erich eine menschliche Behandlung hat und er nicht zu hungern und zu frieren braucht. Wären nur nicht die großen Sorgen um einen neuen Krieg mit Rußland! Unser Herrgott wird doch ein Einsehen haben und endlich der Welt den langersehnten Frieden schenken. […]“
„9. März 1947:
[...] Welche Hoffnungen hatte ich nicht in das Jahr 1946 gesetzt. Eine große Freude durften wir erleben! Mein lieber Mann kam am 10. April ganz unverhofft aus England heim. Wie oft hatte ich mir unser Wiedersehn ausgemalt, aber die Wirklichkeit war ganz anders. Der Zufall wollte es, das ich an dem Tag in Koblenz war. An der belebtesten Straßenkreuzung an den 4 Türmen standen wir plötzlich einander gegenüber. Die Überraschung war beiderseitig und unsere Freude übergroß. Wir sind glücklich, daß wir uns wiederhaben, das wir zusammen arbeiten können. Ist es auch der Arbeit besonders im Sommer manchmal zu viel, so müssen wir doch sagen, es geht uns gut. Wir haben unser Heim, unsere Arbeit, unser Auskommen und was viel ist im armen Deutschland, satt zu essen. Aber ein großes Leid, von unserem lieben Jungen haben wir nun schon seit über 1 Jahr nicht mehr das Geringste gehört. Wie war ich und wir aller voller Freude, als die Nachricht kam, daß Erich lebt und so voller Hoffnung auf baldige Post. Statt dessen gar nichts, jedes Lebenszeichen bleibt aus. [...]“
„23. März 1947:
[...] Wieder ist eine Woche Warten vorbei. Immer hoffe ich, immer warte ich auf Post, von Montags bis Samstags und dann wieder bis Montag ist, immer vergebens. Nun stehe ich mit 4 Berliner Familien in Briefwechsel, immer nur hoffend, der eine oder andere könnte mir mal etwas Positives schreiben. [...] Statt dessen fiel ich [...] auf einen ganz gerissenen Schwindler herein, der mit den besten Beziehungen zur russische Behörde auffuhr und uns ganz fest versprach, Erich in ganz kurzer Zeit heimzubringen. Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten wir auf seine festen Versprechungen gesetzt, aber es war alles Lug und Trug. Es ging ihm nur darum, seine leeren Einmachtöpfe zu füllen, dafür machte er uns den ganzen Schwindel vor. Heute sitzt er wegen Rauschgiftfälschung und Schmuggel [...].“
„6. April 1947:
[...] Wieviele kommen heim und stehen buchstäblich vor dem Nichts. Kein Heim, keine Kleidung und nur das dürftigste Essen. Die Not und der Hunger in Deutschland sind grenzenlos. Und keinerlei Aussicht auf Besserung. Die Schäden, die der lange, kalte Winter angerichtet hat, sind schlimmer, als es erst den Anschein hatte. Im Ruhrgebiet streikten schon 100.000de von Arbeitern wegen der schlechten Ernährung. Hoffentlich haben die Siegermächte doch bald ein Einsehen mit dem armen, zerquälten, verhungerten Deutschland und geben uns bald einen tragbaren Frieden. 2 Jahre ist der Krieg jetzt beendet, aber immer noch kein Friede. Statt dessen droht immer wieder erneut das Gespenst des Krieges. In Moskau tagt schon seit Anfang März die alliierte Friedenskonferenz. Aber es ist anscheinend sehr schwer für Deutschland das Richtige zu finden, denn die Beratungen hatten bis jetzt noch wenig Erfolg. Die Deutschen haben nichts mitzureden, gar nichts, sind überhaupt nicht zugelassen. Wir müssen auf die Großmütigkeit der Sieger bauen, wir sind ihnen auf Gedeih oder Verderb ausgeliefert. Möge Gott ihnen allen das rechte Einsehen geben, daß die Schuld so verteilt wird, wie es wirklich ist. Wie immer, wenn ein Streit war, an alle Beteiligten.“
„20. April 1947:
Es kam eine Nachricht! Ich war so entsetzt, so bestürzt, ich konnte es nicht fassen. Anonym erhielten wir ein Schreiben des Inhaltes, Erich sei vom Lager Buchenwald auf dem Transport nach Russland. Der Schreiber will ihn am 25. Febr. in Brest-Litowsk getroffen haben. Der Brief war vom 10.3. datiert und kam aus dem Bezirk Potsdam. Die Nachricht traf uns alle furchtbar. Unser armer, armer Junge. Nun warst Du 2 Jahre in Deutschland in Gefangenschaft und statt nach Hause in das schreckliche Russland. [...]“
„25. Mai 1947:
[...] Und wieviele sind es, die bis heute noch nicht das Geringste von ihren Lieben gehört haben. Aus unserem Dorf sind es allein annähernd 20. Ich will sie nicht vergessen, diese schreckliche Zeit der Ungewissheit. Vielleicht ist es doch möglich, daß Erich einmal persönlich schreibt.“
„21. Januar 1949:
[...] Jetzt sind schon bald 1 1 / 2 Jahre her, daß ich nicht mehr in Dich mein liebes, nicht vergessenes Tagebuch geschrieben habe. [...] Und was hat sich nicht alles ereignet in der Zwischenzeit! Erich hat geschrieben! Bis an das Ende meines Lebens wird mir der 3. Sept. 1947 der größte Freudentag meines Lebens bleiben, der nur von dem Tag der Heimkehr Erichs kann übertroffen werden. [...] Mit Erich stehen wir seither in reger Post und jede ankommende Karte gibt uns wieder neue Freude und neuen Mut. Wie groß war unsere und seine Hoffnung, daß er und alle anderen Kriegsgefangenen Weihnachten 1948 zu Hause wären. Aber wieder einmal ging eine schöne Hoffnung zuschanden. Welch großes Heimweh und Sehnsucht spricht aus jeder Karte, die er aus dem fernen Sibirien schickt.“
„3. April 1949:
Ich bin in großer Sorge um Erich. Nun sind es schon über 4 Jahre, wo mich und viele andere Mütter und Frauen dieser Alpdruck, diese bange Sorge treu begleitet. Der Russe schickt einen großen Teil seiner Gefangenen heim, verschiedene Transporte sind schon angekommen, weitere werden erwartet. Immer wieder hört man von Heimkehrern, daß überall strenge Kontrollen sind, daß alle SS Soldaten festgehalten würden und noch nicht heimdürften. Was ist mit Erich? Ob er viel krank ist, ob er auch noch zurückgehalten wird? Aus all seinen Karten spricht so eine große Sehnsucht nach der Heimat. Ich will ruhig sein und ganz fest auf Gott vertrauen, ich weiß ihm großen Dank für die Gewissheit, er lebt und will nun fest hoffen, daß auch er recht bald wieder in seine geliebte Heimat darf.“
Und tatsächlich kehrte Erich Arens am 23. Dezember 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück.
Tagebuch im Privatbesitz von Irmgard Leihberger geb. Arens, Tochter der Verfasserin Katharina Arens geb. Eifler.
[1] Eiserne Hand, Flurbezeichnung bei Wolken.
[2] = Wehrmacht.
[3] Der 1940 von der Wehrmacht angelegte Pionierpark lag zwischen der Marienfelder Straße und dem Kesselheimer Weg.
[4] Zwangsverpflichtete Arbeiter und Kriegsgefangene.
[5] Der polnische Zwangsarbeiter.
[6] Die polnische Zwangsarbeiterin.
[7] Benito Mussolini, seit dem 25. 7.1943 entmachtet, jedoch am 12. 9.1943 von deutschen Fallschirmjägern befreit, wurde am 28.4.1945 von kommunistischen Partisanen auf der Flucht in die Schweiz ergriffen und erschossen; seine Leiche wurde aufgehängt.
[8] Eine von den Amerikanern herausgegebene Zeitung („Frankfurter Presse").
[9] Etwa in Lützel und Metternich.