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Kriegsende 1944/1945

Koblenz erinnert sich

Stadtarchiv Koblenz
„Der Zeitzeuge macht die Besonderheit der Zeitgeschichte aus.“[1]

Um möglichst viel über die Geschichte herauszufinden, werden seit jeher verschiedenste Quellen herangezogen und kritisch ausgewertet. Dazu gehören auch mündliche und schriftliche Berichte von sogenannten „Zeitzeugen“. Dabei handelt es sich um Menschen, die ein bestimmtes historisches Ereignis oder einen ganzen Zeitraum mit den dazugehörigen, historisch relevanten Akteuren selbst miterlebt haben. Über diese persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen können sie entweder zeitgleich oder nachträglich Zeugnis ablegen, sie produzier(t)en Geschichtserzählungen. Durch „eine besondere Aura […] als Vermittler*innen einer berührenden Präsenz der Vergangenheit in der Gegenwart“[2] wirk(t)en sie sehr glaubwürdig. Ohne Zweifel sind diese Zeitzeugenberichte besondere und ertragreiche historische Quellen. Sie müssen aber – wie alle anderen Quellen auch – immer einer kritischen Betrachtung unterzogen und die „story behind the stories“ mitgedacht werden. Die „(Selbst-)Deutung von Zeitgenossen“[3], der ausgesprochen subjektive und zeitbedingte „Bericht des Zeitzeugen ist nicht historische Wahrheit, sondern eine Konstruktion, an der Wahrnehmung, Erinnerungsvermögen, historisches Wissen, ethische Überzeugungen und sprachliche Ausdrucksfähigkeit beteiligt sind.“[4] Vor diesem Hintergrund kommt es immer wieder auch zu einer „Deutungskonkurrenz zwischen Zeitzeugen und Zeitgeschichtsforschern“[5].

Grundsätzlich sind Erinnerungen einer Einzelperson und einer Gemeinschaft – auch als auf die jeweilige Gegenwart bezogene, interpretative Auswahl und damit Hervorhebung sowie zugleich Verdrängung – nicht selten trügerisch, zurechtgerückt, manipuliert und manchmal sogar gänzlich fehlerhaft (Stichwort „false memories“), denn das menschliche Gedächtnis ist kein „aufgeräumter Speicher, der Erinnerungen verlässlich ablegt.“[6] Dies muss beim Lesen und der Aus-/Bewertung von Zeitzeugenberichten Beachtung finden.

Das „Ende der Ära all jener, die noch Zeugnis ablegen können“[7], ist nah.

Die Zahl jener, die die Endphase des Zweiten Weltkrieges und die ersten Nachkriegsjahre in Koblenz selbst miterlebt und aus ihrem eigenen – und dem zeitgenössischen – (Selbst-)Verständnis von Gesellschaft, Volk, Nation, Staat, Heimat und Vaterland heraus erzählen können, schwindet von Jahr zu Jahr. Umso wichtiger sind die Aufzeichnungen von Koblenzerinnen und Koblenzern, die vom Stadtarchiv im Zusammenhang mit einer Ausstellung über die Bombenangriffe auf Koblenz und die Kämpfe im März 1945 gesammelt und 1996 erstmals im sechsten Band der Reihe „Koblenzer Beiträge zur Geschichte und Kultur“ unter dem Schwerpunktthema „1945-1949: Kriegsende und Neubeginn in Koblenz“ kommentiert veröffentlicht wurden. Auch danach blieb das Bedürfnis von Koblenzer Zeitzeugen, sich über ihre Erinnerungen auszutauschen und diese auch schriftlich für die Nachwelt festzuhalten, bestehen. Mit Unterstützung des Stadtarchivs wurden dazu etwa Bürgertreffen im „Arbeitskreis Zeitzeugen“ organisiert[8].

Über die Ausstellung

In Auswahl werden die genannten Zeitzeugenberichte in der nachfolgenden kleinen Ausstellung auszugsweise präsentiert, in gebotener Kürze historisch kontextualisiert und um passende (historische) Abbildungen ergänzt. Wie auch bei allen Quellen anderer historischer Epochen müssen Aussagen, Wortwahl und Formulierungen in den hier veröffentlichten Erinnerungen als Ausdruck vergangenen Denkens und Empfindens, also als „zeitgerecht“, sowie deren Verfasser als „Kinder ihrer Zeit“ angenommen und verstanden werden.

Es geht in der vorliegenden Ausstellung ausdrücklich nicht um historische Fakten und Daten, sondern um das ganz persönliche Wahrnehmen, Erleben und (Um-)Denken sowie die individuellen Zuschreibungen und Interpretationen der Menschen, die diese Zeit hier in Koblenz erlebt haben.

Die Zeitzeugenberichte werden zu Ausstellungszwecken „nur“ in Auszügen und (teilweise) bearbeitet wiedergegeben. Die eckigen Klammern markieren Auslassungen und/oder Erklärungen. Rechtschreibung und Grammatik im Originaltext (inkl. Fehler) wurden in der Abschrift übernommen.

 

[1] Siehe Steinbacher: Zeitzeugenschaft, S. 145.

[2] Siehe Loewy u. a.: Vorwort, S. 8.

[3] Siehe Steinbacher: Zeitzeugenschaft, S. 148.

[4] Siehe Imhof: Oral History.

[5] Siehe Steinbacher: Zeitzeugenschaft, S. 156.

[6] Siehe „Psychologie: Wie lassen sich falsche Erinnerungen enttarnen?“.

[7] Siehe Loewy u. a.: Vorwort, S. 9.

[8] Vgl. Schmidt: Altstadt als Abenteuerspielplatz, S. 15.

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Verwendete und weiterführende Literatur
  • Imhof, Werner: Oral History. Chancen, Grenzen, Praxis, 13. November 2008, in: bpb. Bundeszentrale für politische Bildung, abrufbar unter URL: https://www.bpb.de/lernen/historisch-politische-bildung/geschichte-begreifen/42324/oral-history/ (Aufruf: 13.1.2025).
  • Loewy, Hanno u. a.: Vorwort, in: Reichwald, Anika u. a. (Hrsg.): Ende der Zeitzeugenschaft? Über den Umgang mit Zeugnissen von Überlebenden der NS-Verfolgung, Göttingen 2024, S. 6-10.
  • Olenik, Alexander u. a. (Hrsg.): Die „Bonner Republik“ in Zeitzeugengesprächen. Geschichte und Erinnerung aus regionaler Perspektive: Eine Einführung, in: Olenik, Alexander u. a. (Hrsg.): Die „Bonner Republik“ in Zeitzeugengesprächen. Geschichte und Erinnerung aus regionaler Perspektive, Köln 2024 (Stadt und Gesellschaft. Studien zur Rheinischen Landesgeschichte, Bd. 12), S. 9-22, hier S. 9-10.
  • „Psychologie: Wie lassen sich falsche Erinnerungen enttarnen?“, abrufbar unter URL: https://www.fernuni-hagen.de/universitaet/aktuelles/2024/03/am-erinnerungen-unterscheiden.shtml (Aufruf: 17.1.2025).
  • Schmidt, Dinah: Die Altstadt als Abenteuerspielplatz, in: Rhein-Zeitung Koblenz, Nr. 216, 15. September 2012, S. 15.
  • Steinbacher, Sybille: Zeitzeugenschaft und die Etablierung der Zeitgeschichte in der Bundesrepublik Deutschland, in: Sabrow, Martin; Frei, Norbert (Hrsg.): Die Geburt des Zeitzeugen nach 1945, Göttingen 2012 (Beiträge zur Geschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 14; Geschichte der Gegenwart, Bd. 4).




Zerstörte Löhrstraße

19. März 1945

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Quelle

Stadtarchiv Koblenz

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Luftangriffe auf Koblenz

„Sehr viele Tote! 6. November 1944. Koblenz brennt!“[1]

Mit dem deutschen Angriff auf Polen begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg, der bis 1945 schwere materielle Schäden sowie unzählige Verletzte und Tote mit sich gebracht hat. Neben der –  vor allem anfänglichen – Euphorie und Siegessicherheit machten sich Angst und Sorgen in der Bevölkerung breit, der Erste Weltkrieg war vielen Zeitgenossen noch in lebhafter Erinnerung. Im Laufe dieses Krieges, bei dem „die militärische Niederlage Deutschlands 1942 längst absehbar“[2] und spätestens mit Stalingrad besiegelt war, kam es zwar auch zu Luftangriffen auf die Stadt Koblenz, sie blieb aber zunächst – auch im Vergleich zu anderen deutschen Städten dieser Zeit – vom Bombenkrieg noch einigermaßen „verschont“. Von Experten wird sie für diese Zeit sogar als „friedliche Insel“[3] und als „Zufluchtsort“[4] bezeichnet. Während Koblenz zu Beginn des (Luft-)Krieges noch kein wichtiges Angriffsziel war, änderte sich die Situation mit der Zeit und mit dem Beginn des „Totalen Krieges“. Auch Koblenz bekam die „systematischen Flächenbombardierungen reiner Wohnviertel fernab von Militär- und Industrieanlagen“[5] zu spüren, mit denen man Moral und Durchhaltewillen der Menschen brechen wollte. Die Stadt an Rhein und Mosel geriet vor allem aufgrund ihrer Einbindung in das westdeutsche Eisenbahnnetz mehr und mehr ins Visier, es folgten größere amerikanische und britische Luftangriffe, so etwa der amerikanische Angriff am Abend des 22. April 1944, einem Samstag. Von diesem waren vor allem die Koblenzer Altstadt und der Stadtteil Goldgrube betroffen. Mehr als 100 Menschen wurden dabei getötet, knapp 4000 wohnungslos. Auch die Luftangriffe vom 21. und 25. September 1944 richteten in der Altstadt, in Lützel, in der Neu- und Vorstadt, auf dem Oberwerth sowie auf der rechten Rheinseite in Ehrenbreitstein, Pfaffendorf und Horchheim enorme Sach- und Personenschäden an; weitere folgten. Die Menschen suchten sowohl in den regulären Luftschutzbunkern als auch in den ehemaligen preußischen Befestigungsanlagen, zum Beispiel im Ehrenbreitsteiner Stollen, Schutz – oft vergeblich. Die Versorgung mit Gütern des täglichen Bedarfs war größtenteils nicht mehr gegeben, Lebensmittel wurden weiter rationiert, die Evakuierung der noch lebenden Koblenzer Bevölkerung nach Thüringen begann am 24. September 1944. Der verheerendste unter den Luftangriffen war der britische am Abend des 6. November 1944. Dieser wird hinsichtlich Art, Ausmaß und Folgen als „Inferno“[6] bezeichnet; der letzte erfolgte am 29. Januar 1945.

[1] Siehe StAK S 4 Nr. 3, S. 120.

[2] Siehe Scriba: Der Zweite Weltkrieg.

[3] Siehe Schnatz: Flammenmeer, S. 7.

[4] Ebd.

[5] Siehe Scriba: Der Zweite Weltkrieg.

[6] Siehe Schnatz: Flammenmeer, S. 20-28.

____________________

Verwendete und weiterführende Literatur
  • Schnatz, Helmut:Der Luftkrieg im Raum Koblenz 1944/45. Eine Darstellung seines Verlaufs, seiner Auswirkungen und Hintergründe, Boppard 1981 (Veröffentlichungen der Kommission des Landtages für die Geschichte des Landes Rheinland-Pfalz, 4).
  • : Ganz Koblenz war ein Flammenmeer. 6. November 1944, Gudensberg-Gleichen 2004 (Deutsche Städte im Bombenkrieg).
  • Scriba, Arnulf: Der Zweite Weltkrieg, in: LeMO. Lebendiges Museum Online, 20. August 2014, abrufbar unter URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg(Aufruf: 20.2.2025).
  • Boberach, Heinz: Nationalsozialistische Diktatur, Nachkriegszeit und Gegenwart, in: Energieversorgung Mittelrhein GmbH (Hrsg.): Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 170-223, hier S. 186, 188-189.


Maschinenschriftliche Erinnerungen Gertrud Schüller

Maschinenschriftliche Aufzeichnung, Ca. 1945

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Quelle

Gertrud Schüller, Koblenz

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StAK_S_3_Nr_1_S_205_206.jpg
Maschinenschriftliche Erinnerungen von Gertrud Schüller, niedergeschrieben um 1945.

"Wie im Traume stieg ich mit dem Kind ins Freie." - Sicht einer Ehefrau und Mutter

Gertrud Schüller, seinerzeit wohnhaft in Koblenz-Goldgrube, Overbergplatz 1, erinnert sich nachträglich an den Luftangriff auf Koblenz vom 22. April 1944:

„Der 22. April war Samstag, es war herrliches Wetter. Das Kind stand im Wagen auf dem Balkon, wir hatten uns Sessel, Liegestuhl und Kissen mit hinausgenommen, um die warme Sonne zu genießen, auf der Bleiche lagen die Windeln. Es gab am Nachmittag Voralarm, und ich ging noch einkaufen. Als ich zurückkam, mußte Theo zur NSV-Abrechnung in die Nachbarschaft gehen. Nun gab es Vollalarm. Ich fütterte Wolfgang, überlegte, ob ich ihn bei dem Alarm ins Bett legen solle, und zog ihn dann doch aus. Für alle Fälle hatte ich sein Jäckchen, Mützchen, Decken zurechtgelegt und die Koffer in den Keller gebracht. Ich bügelte in der Küche Kinderhemdchen. Zwischendurch lief ich zum Fenster, wenn es zu sehr brummte. Da sah ich die helle Rauchfahne, das Angriffszeichen. Im Vorbeilaufen riß ich meinen Mantel vom Haken, Wolfgangs Decke, Bügeldecke, Jäckchen, Mützchen, rannte ins Schlafzimmer, das Licht brannte schon nicht mehr, die Bomben fielen schon, riß Wolfgang aus dem Bett, zurück in die Küche. Durchs Fenster sah ich schon den Dreckpilz einer ganz in der Nähe eingeschlagenen Bombe, holte noch rasch Geld, Lebensmittelkarten, Kerze und Streichhölzer und stürzte runter. Das alles spielte sich in nur wenigen Sekunden ab, ich hatte alles, was ich brauchte.

Es fielen im Moment keine Bomben mehr, und ich wollte nicht in unseren Keller, weil ich ganz alleine im Haus war. Ich rannte auf die Straße, schellte im Nebenhaus Sturm, es machte niemand auf. Ein Haus weiter rannte ich, schellte dort, es wurde gerade geöffnet, als Theo aus der Goldgrube kam. Ich stammelte ein paar Worte der Entschuldigung und lief mit Theo in unser Haus zurück, gleich in den Keller. Theo wollte nochmal rauf gucken, weil es noch still war, aber ich ließ ihn nicht gehen, denn es waren nun wieder Flieger zu hören.

Ich zog Wolfgang an, wir setzten uns dicht nebeneinander auf zwei Stühle, Wolfgang zwischen uns, zwei Kerzen brannten. Da – nun krachte es wieder. Es kam immer näher, die Detonationen wurden gewaltiger, und plötzlich erzitterten alle Wände und Decken, wir hörten ein Krachen und Bersten, die Luft war angefüllt mit Staub und Schutt, man meinte, ersticken zu müssen. Gedacht habe ich in diesen furchtbaren Sekunden viel. Mein erster Gedanke war, nun hat uns auch das Schicksal ereilt, nun geht es uns auch nicht besser wie schon Tausenden im Rheinland, nun ist unsere schöne Wohnung, die Möbel, alles, was darin ist, hin, nun haben wir gar nichts mehr. Der zweite Gedanke war, du lieber Gott, laß uns hier bloß nicht umkommen, hilf uns hier heraus. […]

Während des Stein- und Schutthagels steckten wir beide dicht die Köpfe zusammen, um Wolfgang zu schützen. Die rückwärtige Kellerwand mit einem Stück Decke stürzte ein, vorher kippte der Tisch um, die beiden Kerzen erloschen. Der Schutt traf uns nicht direkt, er rollte zwischen unseren Stühlen durch bis zur gegenüberliegenden Wand. Als sich der Staub und Schutt gelegt hatte, wagten wir es, uns zu rühren. […] Theo tastete sich über den Schutt zur Tür und ging zum Kellerflur, er kam aber nicht weit, dort war alles eingestürzt, der Weg ins Freie abgeschnitten. Es blieb uns nur der Kellerdurchbruch. Im Finstern suchte er Hacke und Beil, die ja in jedem Keller bereitliegen mußten, und schlug erst einen Kellerverschlag ein, tastete sich zum Durchbruch, räumte Kisten und Koffer zur Seite, die davor standen, und schlug in den Durchbruch. Unser Hausnachbar hörte dies und machte von seiner Seite aus den Durchbruch auf.

Dort war es hell, das Haus stand noch, nur die Wand zum Garten war herausgerissen. Zuerst reichten wir Wolfgang raus, nachdem ich vorher mit ihm in dem Schutt hingefallen war. Dann stieg ich aus und schleppte die beiden Koffer, die ich wie ein Wunder im Finstern noch an ihrem Platz fand, und Theo kam nach. Wir befanden uns in der Waschküche des Nebenhauses. Wie im Traume stieg ich mit dem Kind ins Freie. Wir waren gesund herausgekommen, Wolfgang hatte zu alledem keinen Ton gesagt. Nun sah ich zu der Stelle hin, an der einst unser Haus gestanden hatte. Ich sah einen großen Trichter an der Stelle, wo die Küche war. Alles war in diesen Trichter reingerutscht, und oben auf dem ganzen Schutt lag mein Nachttisch umgekehrt, die Schubladen waren herausgerutscht und leer. Mit Wolfgang auf dem Arme ging ich vorsichtig an dem Trichter vorbei zur Straße. Ich sah mich um und stellte fest, daß von den sechs zusammenstehenden Häusern nur noch eins, unser Nachbarhaus, stand. Gegenüber war auch eine Lücke gerissen. […]

Noch immer war es draußen nicht ruhig. Der eigentliche Luftangriff war vorüber, aber man hörte in kurzen Abständen Detonationen, denn in der Altstadt war eine Waffenhandlung (Münzplatz) getroffen worden, es hatte dort auch Tote gegeben, und die Munition ging nach und nach in die Luft. Dann sahen wir, wie große Rettungswagen kamen und die Trichter umfuhren, denn in unserer Nähe hatte es viele Tote gegeben. […] Wir zogen vor, zu meiner Schwiegermutter (Mayener Straße)[1] zu gehen. Theo ging zuerst und bereitete seine Mutter vor. Dort war alles unbeschädigt, sogar das Licht brannte, aber Wasser hatten sie auch keins. Wolfgang, der unterwegs schon geschlafen hatte, legten wir in Ingeleins Bett, Oma gab uns ihre Ehebetten. Sie machte uns noch was zu essen, und wir gingen erschöpft zu Bett. Ich zog mich ganz aus und rieb den Staub mit einem trockenen Handtuch ab, dann zog ich mich wieder an, und wir legten uns mit den Kleidern ins Bett.

Natürlich gab es nachts Alarm. Die Altstadt brannte lichterloh, Koblenz war ein hervorragendes Bombenziel. Im Drahtfunk hieß es, mit einem erneuten Angriff auf Koblenz sei zu rechnen. Ich zitterte vor Angst und Aufregung so, daß ich mich nicht mehr beherrschen konnte. Wolfgang wurde wieder aus seinem wohlverdienten Schlaf gerissen und brüllte, so laut er nur konnte. Meine Schwägerin trug ihn herum, weil ich ihn vor Zittern nicht halten konnte. Aber keine Bombe fiel, und als Schutzleute kamen und sagten, es sei Entwarnung, die Sirenen hatten versagt, atmeten wir auf. […]“

Entnommen aus: StAK S 3 Nr. 1, S. 205-208.

[1] Lützel.





Overbergplatz 1 in Koblenz-Goldgrube

Fotografie s/w, März 1944

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Overgergplatz 1-03.1944 KEIN PHYSISCHES ORIGINAL VORHANDEN.jpg
Overbergplatz 1, noch unzerstört, März 1944.


Luftangriff 22. April 1944

Fotografie, 22. April 1944

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Unbenannt (345).jpg
Luftangriff am 22. April 1944. Blick von der Festung Ehrenbreitstein auf die brennende Stadt Koblenz.


Overbergplatz 1 in Koblenz-Goldgrube

Fotografie s/w

Aus der Sammlung von

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Overbergplatz 1-22.04.1944-02 KEIN PHYSISCHES ORIGINAL VORHANDEN.jpg
Overbergplatz 1, durch den Luftangriff zerstört, 22. April 1944.


Overbergplatz 1 in Koblenz-Goldgrube

Fotografie s/w, 22. April 1944

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Overbergplatz 1-22.04.1944-01 KEIN PHYSISCHES ORIGINAL VORHANDEN.jpg
Overbergplatz 1, durch den Luftangriff zerstört, 22. April 1944.


Maschinenschriftliche Erinnerungen Erich Müller

Maschinenschriftliche Aufzeichnung, 1991

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Stadtarchiv Koblenz

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StAK_S_3_Nr_1_S_177_178.jpg
Maschinenschriftliche Erinnerungen von Erich Müller, niedergeschrieben im Jahr 1991.


"Wir Kinder wußten damals nicht, [...], daß wir nichts mehr zu essen bekommen." - Sicht eines Zwölfjährigen

Im Jahr 1991 hielt Erich Müller, geboren 1932 und seinerzeit wohnhaft in Koblenz, seine Erinnerungen an verschiedene Erlebnisse als zwölfjähriger Junge im Jahr 1944 schriftlich fest:

„1944 wohnten wir in der Vorstadt von Koblenz in der Laubach am Schützenhof. Wir waren 9 Kinder, 2 waren in Ehrenbreitstein verheiratet, 7 waren noch bei Vater und Mutter. Wir hatten viele Freunde und waren oft im Rhein schwimmen oder im Wald. Im Frühjahr 1944 wurde mein Vater zur Wehrmacht eingezogen, und zwar nach Baumholder. Wir Kinder waren mit unserer Mutter allein.

Am Schützenhof hatten wir einen Tiefbunker, bei Fliegeralarm gingen wir in diesen Bunker, oder auch nicht. Im Mai 1944 standen wir bei Fliegeralarm mit einigen Müttern und Kindern auf der Straße. Die Flieger flogen über uns hinweg. Auf einmal hörten wir ein Pfeifen, und es knallte. Am Bunkereingang war eine Bombe eingeschlagen: 9 Tote und viele Verletzte. Lange Zeit gab es Fliegeralarm, aber es geschah nichts, wir hatten Ruhe. […]

Am 21. September 1944 schrieb mein Vater, er werde nach Koblenz verlegt. Er teilte uns auch mit, wann er bei uns vorbeifahren werde. […] Vater kam am anderen Morgen, er war die ganze Nacht im Einsatz. Nach herzlicher Begrüßung legte sich mein Vater bis zum Essen hin.

Wir spielten auf der Straße, sahen zum Himmel und erkannten ganz hoch ein Flugzeug, das mehrere Male über Koblenz flog. Ich sagte dies meiner Mutter, die rauskam und ebenfalls zum Himmel schaute. Sie sagte: „Junge, das hat nichts Gutes zu bedeuten“. Sie ging in die Küche, kam wieder raus und sagte: „Geh´ rauf und rufe Frau Ringling – wir gehen in den Keller!“ Frau Ringling war schwerhörig, sie ging mit mir. Mutter sagte noch: „Laß Vater noch schlafen!“

Wir gingen dann schon vor in den Felsenkeller vom Bad Laubach. Kaum waren wir am Bunker angekommen, gab es Fliegeralarm, und es dauerte nicht lange, da kamen auch schon die Flieger. Eine Autokolonne deutscher Soldaten, die aus Frankreich zurückkehrten, hielt an und kam zu uns in den Keller. Die Erde unter uns bebte, Feuer kam durch den Luftschacht.

Kurz darauf kam auch mein Vater. Er sagte zu meiner Mutter: „Wir haben nichts mehr!“ Auf dem Oberwerth und in der Laubach war alles am Brennen. Nach dem Alarm gingen wir nachschauen und sahen nur noch Asche. Das gute Essen, das meine Mutter für Vater gekocht hatte, war hin. Am Abend gingen wir auf die Königsbach, wo für uns gekocht wurde. Vater bekam 2 Tage Urlaub, und wir gingen mit unserer Habe nach Ehrenbreitstein zu meinen 2 Geschwistern[1]. […]

In Ehrenbreitstein angekommen, machten wir uns direkt auf den Weg in den Bunker, in dem die Ehrenbreitsteiner Einwohner ihren festen Platz hatten. So blieb für uns nur noch der Wassergang. Wir nannten ihn Wassergang, weil es von der Decke tropfte. Schließlich erhielt Vater eine leere Mansardenwohnung am Platz in „Kaufmanns Haus“. Von der Wehrmacht bekamen wir Stroh und Decken, so daß wir hier bis zum 18. November 1944 leben konnten.

Um 24 Uhr gab es Voralarm, Mutter sagte zu Vater: „Wir gehen schon mal in den Bunker“. Aber nicht alle wollten mit in den Bunker, ein Teil der Kinder blieb bei Vater, Mutter ging mit drei Kindern in den Bunker, wo wir fast zwei Stunden bei Voralarm saßen. Schließlich sagte meine Mutter: „Ich glaube, es gibt keinen Vollalarm mehr. Wir können zu den anderen nach Hause gehen!“ Wir waren kaum den halben Weg gegangen, da gab es Vollalarm – wir schnell wieder zurück auf unseren Platz im Bunker. Noch während des Alarms kam meine Schwester mit einem Mann, der ein Kind im Arm hielt, das an den Händen blutete. Ein Arzt beugte sich über das Kind, da merkte ich erst, daß es mein jüngster Bruder Werner, 2 ½ Jahre, war. Der Arzt konnte nur noch den Tod feststellen. Meine Schwester Thea wurde in den Verbandsraum gebracht. Nun hatte ich keine Ruhe mehr. Ich lief zum Ausgang, um zu sehen, ob noch einer kommt. Nichts, ich lief den ganzen Gang durch, nichts. Schließlich sah ich, wie ein Priester einem Mann die letzte Ölung gab. Plötzlich entdeckte ich einen Jungen, zusammengerollt auf dem Boden liegen. Ich fragte: „Heinz, bist Du es?“ Er sagte: „Ja“. Ich fragte ihn nach Vater und Addi. Er meinte, die müßen auch da sein. Also lief ich wieder den Gang entlang. Endlich entdeckte ich Addi, aber von Vater immer noch nichts. Ich kam wieder zu dem Mann, dem der Priester die letzte Ölung gab, und ich sah, daß es mein Vater war.

Kurz darauf wurden die Verwundeten aus dem Bunker, ins Auto und dann inn den Kemperhof gebracht. Mutter wußte von allem noch nichts. Mit weinenden Augen mußte ich ihr sagen, was mit Vater, Heinz und Addi passiert war[2]. Ich kann es heute nicht mehr wiedergeben, was da auf einmal los war. […] Mein Bruder Werner lag 3 ½ Wochen in der Leichenhalle des Krankenhauses Ehrenbreitstein. Die Leichenhalle lag voll mit Toten. Schließlich bekamen wir einen Sarg und konnten Werner in Pfaffendorf beerdigen. Das Grab wurde einen Tag vorher gegraben und Werner nachts in das offene Grab gelegt. Es war sehr kalt, der Himmel klar und Fliegeralarm – so standen wir am Grab.

[…] Nun kam das Neue Jahr 1945. Wir saßen im Bunker, da kam der Ortsgruppenleiter und sagte zu Mutter: „Ihr müßt nach Thüringen!“ Meine Mutter antwortete: „Ohne meinen Mann und meine Kinder fahre ich nicht!“ Am 2. Januar gingen wir zu Vater und den Geschwistern und erzählten von dem, was der Ortsgruppenleiter gesagt hatte.

Wir Kinder wußten damals nicht, daß er auch sagte, daß wir nichts mehr zu essen bekommen. Vater wollte sich auf jeden Fall beim Arzt um die Entlassung kümmern.

Wir gingen wieder zurück nach Ehrenbreitstein in den Bunker. Schlimm war, daß wir gar nichts zu essen hatten. Ich ging in die Öffentliche Küche, wo mir eine Frau heimlich belegte Brote gab. Meine Mutter hatte noch einige Bons, mit denen ich am andern Tag morgens um 6 Uhr nach Koblenz ging. Hier stellte ich mich an für Brot. In der Laubach war ebenfalls eine Öffentliche Küche, in der eine frühere Nachbarin das Essen ausgab. Ich ging zu ihr hin und habe ihr unser Leid erzählt. Sie versprach, uns zu helfen.

Ich ging auch noch zu unserem Haus, grub mir durch den gefrorenen Boden einen Weg in den Keller und holte unser Eingemachtes. Ich holte mir noch einen Schlitten, auf den ich alles auflud. Auf dem Heimweg nach Ehrenbreitstein gab es Fliegeralarm, ich zog meinen Schlitten von Baum zu Baum. Als ich an der Stadthalle ankam, rief ein Mann aus irgendeiner Ecke, ich solle in den Keller gehen. Ich dachte nicht daran, lief weiter auf die Pfaffendorfer Brücke zu. Hier kam ein Leutnant mit Koffer auf mich zu. Er fragte, wo ich hinwolle. Ich sagte: „Nach Ehrenbreitstein“. Da legte er seinen Koffer auf meinen Schlitten, und wir gingen zusammen weiter.

Auf der halben Brücke sahen wir Tiefflieger auf uns zukommen. Wir legten uns hin, sie schossen aber auf uns. Wir blieben liegen, bis wir sie nicht mehr sahen. So kamen wir schließlich doch noch gesund am Bunker an. […]

Schließlich teilte der Ortsgruppenleiter mit, daß am nächsten Tag um 9 Uhr morgens der Zug nach Thüringen gehe. Zwei BDM-Mädels halfen uns aus dem Bunker und in den Zug und gaben uns noch ein paar belegte Brote mit. Wir hatten ein I.-Klasse-Abteil, aber ohne Glas im Fenster! Unterwegs hielt der Zug plötzlich an, alle – außer meinem Vater[3], der ja nicht laufen konnte – mußten raus: Es kamen Tiefflieger.“ […]

Über Gotha und Erfurt gelangte die Familie für einige Zeit nach Tröchtelborn, bis sie dann im Juni 1945 über Gotha, Eisenach, Wartha, Gießen und Montabaur schließlich wieder nach Koblenz zurückkehren konnte. 

„Wir fuhren dann mit dem Zug bis nach Montabaur, wußten aber nicht, wie wir weiter nach Ehrenbreitstein kommen sollten. Vater und Bruder Willi organisierten bei Vaters Verwandten in Montabaur schließlich einen Lastwagen, auf dem wir bis Koblenz fuhren.

In Arenberg angekommen, sahen wir Koblenz, ein Schrei auf dem Auto, Tränen in den Augen: Wir waren wieder zu Hause.“

Entnommen aus: StAK S 3 Nr. 1, S. 177-181, 186.


[1] Im Oktober und November war die Familie bei Familienangehörigen in Hachenburg, kehrte dann aber nach Ehrenbreitstein zurück.

[2] Der Vater war erheblich verletzt und lag im Kemperhof.

[3] Der Vater wurde am 5. Januar 1945 entlassen und kehrte zu seiner Familie zurück.



Schützenhof und Schützenstraße in Koblenz

Hersteller: Verlag Viktor Ullmann, Koblenz, Nr. 45, Ansichtskarte, 1916

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Quelle

Stadtarchiv Koblenz

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StAK_FA_4,21_Nr_10_Bild_100.jpg
Südliche Vorstadt Koblenz, Schützenhof und Schützenstraße. Blickrichtung Norden, links Restauration Schützenhof, Außenansicht.


Laubach in Koblenz

Ansichtskarte, Ca. 1900

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Quelle

Stadtarchiv Koblenz

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StAK_FA_4,21_Nr_8_Bild_156.jpg
Südliche Vorstadt Koblenz, Laubach. Blickrichtung stadtauswärts, ca. 1900.


Bombenangriff 25. September 1944

Fotografie s/w, 25. September 1944

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Stadtarchiv Koblenz

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FA_1_16_1939-1945_Bombenangriff 25.09.1944  KEIN PHYSISCHES ORIGINAL VORHANDEN.jpg
Bombenangriff auf Koblenz am 25. September 1944.


Tunnel im Felsenbunker Ehrenbreitstein

Fotografie

Aus der Sammlung von

Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz

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Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz, U. Pfeuffer

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Felsenbunker Ehrenbreitstein_GDKE Rheinland-Pfalz  U. Pfeuffer (1).jpg
Tunnel im Luftschutzstollen (Felsenbunker) Festung Ehrenbreitstein (Foto: GDKE Rheinland-Pfalz/U. Pfeuffer).


Tunnel im Felsenbunker Ehrenbreitstein

Fotografie

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Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz

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Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz, U. Pfeuffer

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Felsenbunker Ehrenbreitstein_GDKE Rheinland-Pfalz  U. Pfeuffer (2).jpg
Tunnel im Luftschutzstollen (Felsenbunker) Festung Ehrenbreitstein (Foto: GDKE Rheinland-Pfalz/U. Pfeuffer).


Tunnel im Felsenbunker Ehrenbreitstein

Fotografie

Aus der Sammlung von

Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz

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Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) Rheinland-Pfalz, U. Pfeuffer

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Felsenbunker Ehrenbreitstein_GDKE Rheinland-Pfalz  U. Pfeuffer (3).jpg
Tunnel im Luftschutzstollen (Felsenbunker) Festung Ehrenbreitstein (Foto: GDKE Rheinland-Pfalz/U. Pfeuffer).


Handschriftlicher Bericht Schwester Humilitas

Handschriftliche Aufzeichnung, 1945

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Stadtarchiv Koblenz

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Buchdeckel der Chronik und handschriftliche, tagebuchähnliche Aufzeichnungen von Schwester Humilitas, verfasst im Jahr 1945.

„Wo man hinsieht rings ein Flammenmeer.“ -

Schwester Humilitas (bürgerlicher Name Johanna Maria Demuth Freiin von Ow-Wachendorf), geboren 1895 und gestorben 1982, seinerzeit im Kemperhof tätig, um bei der Pflege der Patienten zu helfen, schrieb im zweiten Band ihrer "Chronik der Krankenanstalten der Stadt Koblenz zu Kemperhof und der dort wirkenden Schwestern des heiligen Karl Borromäus", die auch die Zeit von 1939 bis 1945 umfasst, über den verheerenden Luftangriff auf Koblenz am 6. November 1944 Folgendes zeitgleich nieder:

„6. November 1944

„Sehr viele Tote! Koblenz brennt! Dies war der furchtbarste aller Angriffe. Wo man hinsieht rings ein Flammenmeer. Marienhof brennt ganz ab. Bis zum nächsten Morgen wüten die Flammen. Auch unser liebes altes Bürgerhospital brennt vollständig aus. […]. Von dem schönen alten Bau ist fast nichts mehr zu sehen. Die armen Schwestern kommen hier an, schmutzig und totmüde. Doch sind sie sowie die Insassen alle am Leben. St. Castor ist zur Hälfte abgebrannt, Liebfrauen´s Türme und Dach. Auch unser Kemperhof brannte ganz tüchtig. […] Draußen in der Stadt sieht es trostlos aus. Von der Innenstadt ist nicht viel mehr übrig. Alles glimmt noch. Phosphorbomben fangen immer wieder an zu brennen. Moselweiß, Koblenz-Lützel und Metternich stehen zwar noch, sind aber arg mitgenommen. […]“





Städtisches Bürgerhospital

Hersteller: Adolf Hirsch, Koblenz, Fotografie, Ca. 1900

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Städtisches Bürgerhospital, Kastorstraße 94 (am so genannten Kastorplatz oder Hospitalplatz); Außenansicht, ca. 1900 (Foto: Adolf Hirsch, Koblenz).


Kastorkirche und Kastorbrunnen

Hersteller: Viktor Ullmann, Koblenz, Nr. 203, Ansichtskarte, Ca. 1910

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Basilika St. Kastor und Kastorbrunnen, Ansicht von Nordwesten, ca. 1910 (Hersteller: Viktor Ullmann, Koblenz, Nr. 203).


Zerstörtes Koblenz 7. November 1944

Fotografie (Luftbild) s/w, 7. November 1944

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US-Luftbild von Koblenz nach dem Bombenangriff, 7. November 1944.


U. S.-Flaggenhissung Festung Ehrenbreitstein

Fotografie s/w, 6. April 1945

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Die Amerikaner in Koblenz

„Im Allgemeinen machen die Amerikaner keinen schlechten Eindruck.“[1]

Noch bevor die zwölfjährige Herrschaft des NS-Terrorregimes und der Zweite Weltkrieg sowie die Existenz des Deutschen Reiches und des preußischen Staates mit der deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945 praktisch beendet waren, hatte der amerikanische Einmarsch in die Stadt Koblenz bereits am 17. März 1945 begonnen. Begleitet von Straßen- und Häuserkämpfen waren zehn Tage später schließlich auch die rechtsrheinischen Gebiete in amerikanischer Hand und der Kampf um Koblenz vorbei. Von vielen Zeitgenossen noch eher als (bittere) Niederlage und Zusammenbruch empfunden, gilt dieses Kriegsende heute als Befreiung.

Ein großer Teil der Bevölkerung, darunter auch (hochrangige) NS-Funktionäre, hatte Koblenz zuvor verlassen. Ein bereits im Vorfeld ausgewählter Personenkreis um Franz Lanters (1877 – 1956, Hafen- und Verkehrsdirektor) und Josef Schnorbach (Stadtinspektor) sollte, geschützt in einem Bunker, unter Aufsicht und in Kooperation mit der amerikanischen Militärregierung die Minimal- bzw. Notverwaltung der Stadt übernehmen. Dies gestaltete sich nicht immer konfliktfrei. Franz Lanters befand sich im Kemperhof in Behandlung, als er am 17. März 1945 dort erstmals auf die Amerikaner traf. Im Zuge des (Wieder-)Aufbaus einer provisorischen Stadtverwaltung und der (Re-)Organisation erster kommunalpolitischer Strukturen wurde Lanters zum Bürgermeister ernannt. Als solcher kümmerte er sich in der Folgezeit um die Aufgaben, Belange und Probleme der zum Großteil zerstörten Stadt Koblenz. Dazu gehörten neben anderem zunächst vor allem die Trümmerbeseitigung und die Versorgung der nach und nach wieder heimkehrenden Koblenzer Bevölkerung etwa mit Lebensmitteln, Unterkünften, Wasser, Gas und Strom; Schulunterricht und Infrastruktur waren (noch) zweitrangig.

Man schlug sich auf unwegsamen Straßen zu Fuß, mit der notdürftig instandgesetzten Eisenbahn und/oder in wenigen noch funktionsfähigen Kraftfahrzeugen - sofern Treibstoff vorhanden war - aus den Evakuierungsgebieten zurück nach Koblenz durch. Die meisten Menschen waren wohnungs- und besitzlos; trotz caritativer Unterstützung kämpften sie in ihrer zerstörten Heimatstadt unter „primitivsten Sorgen“[2] mit- und gegeneinander ums Überleben (Plündern, Stehlen, Hamstern, Tauschgeschäfte). Deren Gefühlslage wird wohl ambivalent gewesen sein: Trostlosigkeit, Niedergeschlagenheit, quälende Ungewissheit hinsichtlich der Zukunft, Kraft- und Hoffnungslosigkeit sowie große Ängste auf der einen, aber auch Erleichterung wegen des Endes der Kriegshandlungen und des NS-Terrorregimes auf der anderen Seite.

Infolge der Potsdamer Konferenz[3] ging dann im Juli 1945 die Besatzungsherrschaft von den – oftmals als eher zugewandt, hilfsbereit und gerecht erinnerten – Amerikanern auf die Franzosen über.

[1] Siehe StAK S 4 Nr. 3, S. 148.

[2] Siehe Bellinghausen: 2000 Jahre Koblenz, S. 340.

[3] Beratungen der Staatschefs der Sowjetunion, der USA und von Großbritannien im Potsdamer Schloss Cecilienhof vom 17. Juli bis 2. August 1945 bzgl. der Zukunft von Deutschland und Europa.

____________________

Verwendete und weiterführende Literatur
  • Bellinghausen, Hans (Hrsg.): 2000 Jahre Koblenz. Geschichte der Stadt an Rhein und Mosel, Boppard 1973, S. 336-415, hier S. 336-342.
  • Boberach, Heinz: Nationalsozialistische Diktatur, Nachkriegszeit und Gegenwart, in: Energieversorgung Mittelrhein GmbH (Hrsg.): Geschichte der Stadt Koblenz, Bd. 2: Von der französischen Stadt bis zur Gegenwart, Stuttgart 1993, S. 170-223, hier S. 189-191.
  • Borck, Heinz-Günther; Dorfey, Beate; Kramp, Mario; Schmidt, Hans Josef (Hrsg.): Vor 60 Jahren. Krieg und Frieden an Rhein und Mosel 1944-1946. Ausstellung des Landeshauptarchivs Koblenz, des Mittelrhein-Museums und des Stadtarchivs Koblenz (Ausstellungskatalog), Koblenz 2005 (Veröffentlichungen der Landesarchivverwaltung Rheinland-Pfalz, 105), 120.
  • Grau, Andreas; Würz, Markus: Potsdamer Konferenz, in: LeMO. Lebendiges Museum Online, 13. April 2016, abrufbar unter URL: https://www.hdg.de/lemo/kapitel/nachkriegsjahre/befreiung-und-besatzung/potsdamer-konferenz.html(Aufruf: 10.3.2025).
  • Scriba, Arnulf: Der Zweite Weltkrieg, in: LeMO. Lebendiges Museum Online, 20. August 2014, abrufbar unter URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/zweiter-weltkrieg (Aufruf: 20.2.2025).


Maschinenschriftliche Erinnerungen Franz Lanters

Maschinenschriftliche Aufzeichnung, 1945

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Maschinenschriftliche, tagebuchähnliche Aufzeichnungen von Franz Lanters, verfasst im Jahr 1945.

"Die einzelnen Räume im Rathaus wurden fast sämtlich von den Amerika­nern in Anspruch genommen [...]." - Sicht der Stadtverwaltung

Franz Lanters, geboren 1877 und gestorben 1956, seinerzeit kommissarischer Leiter bzw. Bürgermeister der Stadt Koblenz, schrieb in der Zeit vom 17. März bis zum 4. April 1945 seine Erlebnisse zeitgleich tagebuchartig nieder:

                                                                                                    „Koblenz, den 17. März 1945

Heute früh um 9.20 Uhr drangen amerikanische Soldaten unter Führung eines Oberleutnants in den unterirdischen Zugang zum Ostbunker des Krankenhauses Kemperhof[1]. Zusammen mit Amtmann Schmitz[2] ging ich den Leuten entgegen und bat sie, nicht zu schiessen. Der Leutnant frug mich, ob Soldaten im Bau seien; eine Frage, die ich bejahen musste, da sich etwa 12 deutsche Soldaten unter Führung eines Leutnants im Ostbunker aufhielten. Der amerikanische Leut­nant frug mich, ob die deutschen Soldaten bereit wären, sich zu erge­ben, andererseits müsste er mit al­len Waffen gegen den Ostbunker, der umstellt sei, vorgehen. Ich hatte vorher mit dem deutschen Leutnant gesprochen, der einsah, dass er gegen die Uebermacht und die bessere Bewaffnung der Amerikaner nichts ausrichten konnte, und der bemüht war, Kämpfe im Bunker im Interesse der Kranken zu vermeiden. Ich sagte dem amerikanischen Leutnant, dass aus diesem letzteren Grunde der deutsche Leutnant bereit wäre, sich mit seinen Leuten zu ergeben.

Die zweite Frage des amerikanischen Leutnants lautete, ob Waffen im Hause seien. Ich konnte ihm versichern, dass ausser in den Zimmern der deutschen Soldaten keine Waffen dort wären[3].

Eine weitere Frage des amerikanischen Leutnants, warum die Soldaten sich im Hause aufhielten, beantwortete ich dahingehend, dass die Solda­ten sich hier nicht aufhalten, sondern sich kämpfend aus dem Gelände auf den Bunker zurückgezogen hätten.

Der Leutnant erbat alsdann mein Wort, nachdem ich ihm erklärt hatte, dass ich der kommissarische Leiter der Koblenzer Stadtverwaltung sei, dass im Hause keine weiteren Waffen und auch keine weiteren deutschen Soldaten vorhanden seien. Wenn ich dieses Wort gäbe, dann würde er die Kranken schonen und von einer Durchsuchung der Zimmer Abstand neh­men. Ich gab mein Wort und kann bestätigen, dass daraufhin die Amerika­ner durchaus höflich die Sache weiter behandelten und dass keine Kran­kenzimmer von ihnen betreten wurden.

Im Laufe des Tages wurde ich noch mehrere Male für Kleinigkeiten in An­spruch genommen, so unter anderem, dass die Bevölkerung die Bunker nicht verlassen durfte, weil draussen scharf geschossen würde, wodurch sie verletzt werden könnten.

                                                                                                   „Koblenz, den 18. März 1945

Heute vormittag holten mich zwei amerikanische Soldaten mit einem Auto ab und fuhren mich erst zu einem Hause in der Koblenzerstrasse und später nach der Steinstrasse. Ich hatte hier eine ganze Reihe von Bespre­chungen mit höheren und niederen Offizieren durchzuführen. Die Leute wollten wissen, warum nicht der richtige Oberbürgermeister da wäre, was ich damit erklärte, dass der richtige Oberbürgermeister Soldat sei und der kommissarische Oberbürgermeister sich augenblicklich jenseits des Rhei­nes befinde. Ich wäre zurückgeblieben, um mit noch 7 weiteren Herren und 3 Damen die Interessen der Zivilbevölkerung zu wahren. Man legte mir eine Anzahl von Bekanntmachungen vor und ersuchte mich, diese zu unterschreiben. Die Bekanntmachungen waren allgemeiner Natur und konnten infolgedessen von mir bedingungslos unterschrieben werden. Nur eine Bekanntmachung über Aufhebung von Gesetzen konnte ich nicht unterschreiben, da ich mich hierzu nicht befugt fühlte. Aber man be­stand auf meiner Unterschrift, während ich darauf bestand, hier nur ‚ge­sehen‛ zu unterschreiben, was schliesslich auch geschah.

Im Laufe der Verhandlungen erklärte man mir, dass die Zivilbevölkerung sich selbst verwalten müsse und dass die Amerikaner nur die Oberauf­sicht führen würden. Etwaige Hilfe bei der Beschaffung von Lebensmit­teln, Heizmaterial und dergleichen wurde strickte [!] abgelehnt.

Ich habe dem amerikanischen Oberst und dem Kapitän, mit dem ich heute nachmittag verhandelte, erklärt, dass ich in meiner Sorge um die Zivilbe­völkerung bereit sei, nach jeder Seite hin loyal zu arbeiten, aber ich möchte dringend bitten, keine Forderungen an mich zu stellen, deren Erfüllung sich mit meiner deutschen Ehre nicht vereinbaren würde. – Die Amerika­ner gaben mir hierauf keine Antwort, aber ich hatte das Gefühl, als ob sie Verständnis für meinen Standpunkt hätten.

Der Oberst erklärte mir alsdann, dass die amerikanische Armee mich als Bürgermeister der Stadt Koblenz anerkenne und bestätige, was ich noch dahin berichtigte, dass ich erklärte, ich sei nicht Bürgermeister, sondern lediglich kommissarischer Leiter der Stadtverwaltung. Als solcher hätte ich auch die Bekanntmachungen unterschrieben. Die Amerikaner beharr­ten jedoch dabei [!], von mir als dem Bürgermeister der Stadt zu reden.

Heute nachmittag besuchte mich ein Major der amerikanischen Armee mit 2 Adjutanten, der Fragen stellte über die Zahl der Bevölkerung sowie über die Wasser- und Elektrizitätsversorgung. Etwaige direkte Ersuchen stellte der Major an mich nicht.“

 

                                                                                                   „Koblenz, den 18. März 1945

Heute besuchten mich zwei Offiziere des Amerikanischen Sicherheits­dienstes und stellten eine Reihe von Fragen nach Führern der Partei und dergleichen, die ich nicht anders beantworten konnte, als dass alle Führer der Partei Koblenz verlassen hätten.

Die beiden Herren sagten, es sei ihnen mitgeteilt worden, dass sich noch deutsche Soldaten in Zivilkleidern in Koblenz verborgen hielten. Diese Soldaten müssten sich unverzüglich auf dem Rathaus melden, um in Kriegsgefangenschaft abgeführt zu werden. Wer sich nicht unverzüglich meldet, wird schwer bestraft, und ebenso werden alle Leute, die solche Flüchtlinge verbergen, schwer bestraft. Ich erklärte, dass es gegen meine Ehre ginge, deutsche Männer an die Amerikanische Armee auszuliefern. Die beiden Offiziere erwiderten mir darauf:

  1. Es wäre eine falsche Auffassung von mir, dass ich die Leute ausliefere; ich solle bloss den Leuten den Befehl der Amerikanischen Armee mittei­len.
  2. Wenn ich diese Mitteilung nicht machen wolle, dann müsste man mich absetzen und vor ein Militärgericht stellen; die versteckten Männer wür­den sie dann so finden, dass sie alle Häuser rücksichtslos durchsuchen würden, und ich hätte es dann auf meinem Gewissen, wenn dabei Sachen vorkämen, die sie selbst zu verhindern wünschten.

Es sollen sich ferner alle Männer melden, die bis vor 6 Monaten der Wehr­macht angehört haben.

Weiterhin sollen von der Stadtverwaltung Listen aufgestellt werden über alle in Koblenz anwesenden Angehörigen der SA, SS, Geheime Stapo, SiPo sowie SHD[4].

Es sind ferner auf dem Rathaus abzuliefern: Waffen jeder Art sowie Kame­ras, Ferngläser sowie Rundfunk-Sende-Apparate.

Wir wurden unterbrochen durch das Hinzukommen des derzeitigen Ame­rikanischen Gouverneurs, des Obersten Reed.

Die beiden Sicherheits-Offiziere sagten mir dann noch, sie würden mich morgen noch in Anspruch nehmen, und ich erwiderte ihnen, sie sollten sich wohl überlegen, was sie von mir verlangten; denn ich würde nichts tun, was ich als Deutscher mit meinem Gewissen nicht verantworten könne.“

 

                                                                                                   „Koblenz, den 19. März 1945

Heute früh ersuchte mich der amerikanische Oberst Reed, mit ihm zum Rathaus zu fahren, das er, wie er sagte, gestern besichtigt und für passend gefunden habe, für sein Military Government (Militärische Regierung) einzurichten. Auch ich hätte meinen Amtssitz in das Rathaus zu legen, da­mit ich jederzeit erreichbar wäre.

Die einzelnen Räume im Rathaus wurden fast sämtlich von den Amerika­nern in Anspruch genommen und auf die verschiedensten Abteilungen verteilt.

Es wurde unter anderem auch die Aufstellung einer deutschen Polizei be­sprochen, deren Leitung ich dem Stadtoberinspektor Meyer übertrug. Ich machte aber gleichzeitig dem Captain Husser den Vorschlag, den meines Wissens zurückgebliebenen Polizei-Hauptmann Otto zu suchen und ihn mit der Leitung der Zivilen Ordnungspolizei zu betreuen. Ebenso könnte Oberleutnant Strick, der ebenso meines Wissens zurückgeblieben war, für diese Aufgabe herangezogen werden.

Gegen 10 Uhr erschienen unerwartet etwa 50 deutsche Polizeibeamte un­ter starker Bewachung auf dem Rathaus. Sie waren im Bunker in der Nagelsgasse gefunden und gefangen genommen worden. Die Situation für diese Leute war sehr ernst, sie sollten erschossen werden, und ich hatte ihrethalben schwere Auseinandersetzungen. Sie wurden aber schliesslich alle für den Dienst als Ordnungspolizei verpflichtet. Die Führung über­nimmt Hauptmann Otto.

Vom Städtischen Personal trafen inzwischen ein: die Herren Hütte[5], Lan­genbach, Meyer, Deboeser[6], Hammacher sowie Fräulein Kohlbecher und Ernest. Hauptmann Hollis verlangte von mir einen Dienstplan, den ich unverbindlich und bis auf weiteres wie folgt aufgestellt habe:

A) Leitung und Verbindung nach den Amerikanern hin (Lanters)
B) Stellvertretende Leitung sowie Allgemeines und Sonderaufgaben (Schnorbach)
C) Finanzen und Steuern (Hütte und Langenbach)
D) Wasser, Strom, Gas, Maschinen (Gerke)
E) Strassen (Hammacher)
F) Polizei (Meyer)

(Letzterer wird eine andere Aufgabe erhalten, da für die Polizei nunmehr Hauptmann Otto bestimmt ist.)

Für die Finanzabteilung ist der Tresorraum im Erdgeschoss vorgesehen, wo Herr Hütte sich etablierte. Das von ihm verwaltete Geld wurde dort untergebracht, und den Schlüssel liess sich der Amerikanische Offizier der Finanzabteilung, Captain Chapman, aushändigen, der bis auf weiteres jede Auszahlung untersagt.

Der leitende Hauptmann der amerikanischen Rechtsabteilung, MacKeever, verlangte den Leiter unserer Rechtsabteilung zu sprechen; also Herrn Rechtsanwalt Prengel, der sich nach meinen Informationen z. Zt. auf Burg Thurant bei Alken aufhält. Die Amerikaner werden ihn dort holen lassen. Der Leiter der Amerikanischen Rechtsabteilung verlangte ferner, dass morgen alle in Koblenz sich aufhaltenden Richter und Rechtsanwälte bei ihm sich melden sollten. Zu diesem Zweck werden morgen früh Beamte in den Bunker entsandt, um dort die Juristen ausfindig zu machen.

Zur Reinmachung des Rathauses wurden von den Amerikanern etwa 30 Frauen aus den Bunkern geholt.

Für die Instandsetzung der Fenster wurde Schreinermeister Männersdörfer und für das Öffnen verschlossener Türen und so weiter Schmiedemei­ster Gangeler herangezogen, da die Amerikaner ausdrücklich erklärten, keine Türen und Schränke beschädigen zu wollen.

Am Nachmittag holten die Amerikaner von sich aus die Herren Winke und Gerch vom Rittersturz, die den Auftrag erhielten, mit aller Schnellig­keit für die Wiederherstellung der Wasserleitung zu sorgen. Ebenso soll die Heranführung von Elektrischem Strom schleunigst durchgeführt wer­den. Da vom hiesigen Elektrischen Werk niemand zurückgeblieben ist, soll der Elektrizitäts-Direktor Hutten aus Andernach diese Sache durch­führen. Es werden in der Nähe des amerikanischen Elektrizitäts-Offiziers, Lieutenant Brewer, einige Büros eingerichtet für die deutschen Herren die­ser Branche, damit enges Zusammenarbeiten gewährleistet ist.

Die leitenden Amerikanischen Offiziere gaben mir wiederholt zu verste­hen, dass die Zivilverwaltung der Stadt Koblenz unbedingt auf eigenen Füssen [zu stehen habe] und für eigene Verantwortung arbeiten müsse, dass aber die amerikanischen Spezialisten die Oberaufsicht übernehmen würden. Oberst Reed, der der oberste amerikanische Beamte im Regie­rungsbezirk Koblenz sein wird, betonte ausdrücklich vor den Herren der Stadt, dass Koblenz nicht eine X-beliebige Stadt sei, sondern eine Stadt, die nunmehr zum 2ten Male von der amerikanischen Armee besetzt sei, und auf die die Augen der ganzen Welt gerichtet wären[7]. Es sei deshalb not­wendig, dass die Stadt sowohl eine musterhafte Zivilverwaltung als auch eine musterhafte Militärverwaltung habe. Infolgedessen erwartet der Gouverneur Anspannung aller Kräfte, um dieses Ziel zu erreichen.

Der Dienst beginnt um 8 Uhr vormittags und endet um 5 Uhr nachmittags. Die Angestellten der Stadt erhalten einen Passierschein, laut dessen sie während dieser Zeit die Strassen passieren dürfen.

Die übrige Bevölkerung muss vorerst in den Häusern bleiben und darf nur die Strassen zwischen 11 und 1 passieren, um sich mit Lebensmitteln und Wasser einzudecken. Oberst Reed versprach mir, in dieser Beschränkung bald Erleichterungen eintreten lassen zu wollen, wenn sich die Bevölke­rung ordentlich verhält.

In den nächsten Tagen werden sämtliche Einwohner der Stadt Koblenz re­gistriert werden durch Ausfüllung eines Fragebogens in dreifacher Zahl. Von diesen ausgefüllten Fragebogen, die erst vollzählig der amerikani­schen Behörde vorzulegen sind, erhalten der Einwohner, die Stadtverwal­tung und die amerikanische Behörde je ein Exemplar. Dieser Schein gilt alsdann als Ausweis für die Einwohner. Er gilt aber nicht als Pass für den Besuch eines anderen Ortes.“

 

                                                                                                  „Koblenz, den 22. März 1945

Auf heute nachmittag 3 Uhr hatte Oberst Reed angeordnet, dass die leiten­den Herren der einzelnen Abteilungen der Stadtverwaltung sich im Sit­zungssaal versammeln sollten. Er hielt eine Ansprache ungefähr des Inhalts, dass Koblenz nicht eine einfache Stadt, sondern eine Hauptstadt sei, die nun­mehr zum 2. Male von der amerikanischen Armee besetzt wäre. Die Augen der ganzen Welt, insbesondere aber die Augen der USA, ruhten nun auf Ko­blenz. Infolgedessen müsste nicht nur die Militärverwaltung, sondern auch die Zivilverwaltung eine erstklassige sein. Man spräche in der Welt viel von deutscher Organisationskunst und nun könnte die Stadtverwaltung Koblenz zeigen, ob dieser Ruf berechtigt sei oder nicht. Augenblicklich müsste er sa­gen, dass er noch nichts zu tadeln gefunden habe mit Ausnahme der Tatsache, dass das Rathaus viel sauberer zu sein habe, als es augenblicklich wäre.

Er ermahnte die einzelnen Abteilungsleiter, ihr bestes herzugeben, um eine Musterverwaltung zu schaffen. Für alle Unterlassungen, Fehler und Mängel würde er den Bürgermeister haftbar machen, aber auch die Abtei­lungsleiter. Von morgen ab könnte die Bürgerschaft von Koblenz die Strassen von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr betreten. Er hoffe, dass die Bürgerschaft sich so benähme, dass diese Erleichterung, die hier sehr früh eingeführt worden wäre, auch bestehen bleiben könnte.

Bezüglich der Religion äussert sich Oberst Reed dahin, dass es zu den Grundsätzen der amerikanischen Nation gehöre, der Religion volle Frei­heit zu gewähren und ihr, wenn notwendig, auch ihre Unterstützung an­gedeihen zu lassen. Gottesdienst in grösserem Umfange dürfte z. Zt. noch nicht abgehalten werden, da dieses Volksansammlungen bedeutet, die aber im Operationsgebiet nicht geduldet werden könnten. Es dürfen infol­gedessen nur Gottesdienste in kleinerem Umfange, und zwar in den Bun­kern, abgehalten werden. Auch die Hospitalkapelle und andere Kapellen würden als grosse Kirchen vorläufig betrachtet.

Für morgen habe ich durch die Polizei feststellen zu lassen, welche auslän­dischen Arbeitskräfte noch in Koblenz verblieben sind. Diese sollen erfasst und in ein Lager abgeschoben werden. Etwaiger Raub, der sich bei ihnen befindet, wird ihnen abgenommen werden.

Gestern wurde im Luftschutzkeller des Rathauses ein Gefängnis einge­richtet, in das sofort 15 Ausländer eingeliefert wurden. Diese werden von einem Militärgericht abgeurteilt werden. Für das wahrscheinlich ständige Militärgericht hat sich die amerikanische Armee den grossen Sitzungssaal eingerichtet.

Die Amerikaner haben sich nunmehr das ganze Hauptgebäude zu eigen gemacht. Für die Stadtverwaltung ist der Seitenbau zur Verfügung gestellt worden. Ich selbst muss mit meinem Vertreter Schnorbach im Hauptbau neben dem Zimmer des Captain Hollis verbleiben. Desgleichen sind die Direktoren des Gaswerkes, Herr Hutten vom Elektrizitätswerk Ander­nach, Herr Gerke, Herr Deboeser und Herr Hammacher in der Nähe des amerikanischen Fachoffiziers im 2. Stock untergebracht. Oberstadtinspek­tor Meyer, der das Wirtschaftsamt führt, sitzt bei Major Mason im Erdge­schoss in den Zimmern 10-15. Hauptmann Otto sitzt bei Major Husser in Zimmer 254. Heute früh war der oberste Feldarzt der amerikanischen Ar­mee bei mir, um mit mir die Frage der Koblenzer Hospitäler zu bespre­chen. Wir waren beide einig darüber, dass für die stark dezimierte Bevöl­kerung von Koblenz ein einziges Hospital, und zwar der Kemperhof, ge­nüge, und dass der Marienhof aufzulösen sei. Heute abend fand dieser­halb, unter meinem Vorsitz, zwischen den Verwaltungen und Ärzten der beiden Krankenhäuser eine Besprechung statt. Es wurden mehrere Vor­schläge gemacht, die überdacht und übermorgen nochmals besprochen werden sollen. Dem amerikanischen Feldarzt ist alsdann zu berichten.

Von der Gauleitung war angeordnet worden, dass drei Beamte zur Weiter­führung der Verwaltung hier zurückbleiben sollten. Herr Oberbürgermei­ster Dr. Gorges[8] bestimmte, dass 10 Beamte, einschliesslich der weiblichen Schreibkräfte, hier verbleiben sollten, da drei Beamte keine Verwaltung führen könnten. Ich wiess gleich darauf hin, dass auch mit 10 Beamten keine Verwaltung zu führen sei. Ich fand diese meine Ansicht schon gleich in den ersten Tagen vollauf begründet, da 10 Beamte nicht im entferntesten in der Lage sind, den auf sie einstürzenden Fragen und Notwendigkeiten der Bevölkerung gerecht zu werden. Die Amerikaner überlassen die Sor­gen der zivilen Bevölkerung der Verwaltung und überwachen nur scharf deren Massnahmen. Es war notwendig, dass für die Ernährung, Beklei­dung und so weiter der Wirtschaftsausschuss einberufen wurde. Dass auch, um Epidemien zu verhüten, die Wasserleitung wieder instandgesetzt werden muss, dass elektrische Kraft herangeführt wird, dass die Strassen gereinigt und die Kanäle instandgesetzt werden müssen und an­deres mehr. Alles dieses sind Notwendigkeiten, die im Interesse der zivi­len Bevölkerung durchgeführt werden müssen und einen entsprechenden grossen Beamten- und Arbeiterstab verlangen.

Am heutigen Morgen begann die Registrierung der Koblenzer Bevölke­rung, die unter Leitung amerikanischer Offiziere durchgeführt wird. Es werden von jeder Person 4 Karten ausgestellt, die im Durchschlagsverfah­ren auf der Schreibmaschine hergestellt werden. Eine Fotografie wird nicht verlangt. Jedoch ist ein Fingerabdruck angebracht. Diese Karte gilt für den Aufenthalt in Koblenz, jedoch nicht für eine Reise von Ort zu Ort. Man hofft, die Registrierung in 4 Tagen durchzuführen. Da von jeder Per­son eine Karte an die deutsche Verwaltung abgeführt wird, weiss diese Bescheid über die Zahl der Einwohner und kann sich somit auf die Ernäh­rung und so weiter einstellen.

Die Beerdigung von Toten war eine geraume Zeit unterblieben, so dass eine Anzahl von etwa 60 Leichen an den verschiedensten Stellen und Häu­sern vorhanden waren, die auf Anordnung der Amerikaner von Seiten der Stadtverwaltung mit allen Ehren und unter Hinzuziehung der Geistlich­keit beerdigt werden mussten. Unter den Leichen war auch die einer Selbstmörderin, die schon 8 Tage in ihrer Wohnung gehangen hatte. Ame­rikanische Leichen wurden von den Amerikanern selbst beigesetzt.“

                                                                                                  „Koblenz, den 27. März 1945

Ich hatte dem Obersten Reed gestern früh gemeldet, dass im Markenbild­chenweg eine über 50 Jahre alte Frau in Gegenwart ihres Mannes, ihres Sohnes und drei anderer Leute vergewaltigt worden wäre. Oberst Reed war empört, da das zu den schwersten Verbrechen gehöre, die ein ameri­kanischer Soldat begehen könne. Er wolle trachten, den Schuldigen zu fin­den, um ihn exemplarisch zu bestrafen. Bereits am Nachmittag fand eine Besprechung mit 3 hohen Front-Offizieren statt, die auch den guten Willen betonten, den Soldaten zu finden und auch zu bestrafen. Man sagte mir, dass er, wenn man ihn finde, erschossen würde. Auf heute vormittag war die Familie N. N. mit ihren Freunden, 6 Personen, zur Verhandlung zum Obersten Reed befohlen worden. Der Fall wurde gerichtsmässig von dem Leiter der öffentlichen Sicherheit, Captain Husser, behandelt. Alle Beteilig­ten wurden vernommen, und es scheint, dass man nach der Beschreibung, die von dem Soldaten gegeben wurde, in der Lage sein wird, ihn zu fin­den. Oberst Reed dankte den Erschienenen für ihr Kommen und sprach höflich sein Bedauern aus und versprach, mit aller Energie die Bestrafung des Täters herbeiführen zu wollen.

Der inzwischen versetzte Leiter des Gesundheitswesens, Major van Haam, hatte mit mir die Frage der Hospitäler in Koblenz besprochen und war mit mir der Ansicht, dass angesichts der stark verminderten Bevölke­rung ein Hospital genügen würde. Kurz vor seiner Abreise legte er seine Anregungen schriftlich nieder, und diese sind der gegenwärtigen Nieder­schrift beigefügt.

Oberst Reed will unverzüglich die deutsche Gerichtsbarkeit wieder ins Leben rufen, er wird bereits in den nächsten Tagen ein Gericht mit den hier anwesenden Richtern eröffnen. Dies wird das, wie er mir sagte, erste deut­sche Gericht im amerikanisch besetzten Gebiet sein.

Gelegentlich einer Besprechung über die Ernährungsfrage mit Oberst Reed sagte ich ihm, dass wohl noch in den umliegenden Ortschaften genü­gend Kartoffeln und Getreide lagern würde, um der Bevölkerung der Stadt Koblenz über geraume Zeit hinwegzuhelfen; ich hätte aber keine Gewalt, um in den Dörfern Nahrungsmittel zu requirieren, da ich nur für den Stadtkreis Koblenz und nicht für die umliegenden Dörfer Kesselheim, Mülheim, Bubenheim usw. zuständig sei. Es sei notwendig, dass hier eine zentrale Instanz mich unterstütze. Herr Oberst Reed sagte daraufhin, dass er nicht nur die Militärregierung für den Stadtkreis Koblenz, sondern für den ganzen ehemaligen Regierungsbezirk Koblenz darstelle. Es sei aber Grundsatz der amerikanischen Regierung, die Deutschen für sich selbst sorgen zu lassen. Zu diesem Zweck wolle er schnellstens eine Deutsche Regierung für den Regierungsbezirk Koblenz ins Leben rufen, die dann die von mir erwähnte Zentral-Gewalt ausüben könne. Oberst Reed ver­langte, dass ich sofort alle in Koblenz verbliebenen Beamten der Regie­rung feststellen und ihm melden solle. Zu diesem Zweck wurde ich beauf­tragt, einen Aushang in den Bunkern und an sonstigen geeigneten Stellen zu machen, in dem alle Regierungsbeamten ersucht werden, sich sofort auf dem Rathaus zu melden.

Für heute Nachmittag wurde von Oberst Reed eine Besichtigungsfahrt nach den Orten nördlich der Mosel angesetzt. Wir fuhren mit zwei ameri­kanischen Autos und besichtigten zuerst Metternich, wo der Ortsbauern­führer zum Bürgermeister ernannt worden war. Herr Rath hatte sehr gut gearbeitet und bereits listenmässig die in Metternich wohnenden Angehö­rigen der Deutschen Wehrmacht festgestellt. Die Registrierung der Ein­wohner hatte bereits stattgefunden. Ich traf Oberbaurat Gerhards[9] und Oberinspektor Knobloch, die sich beide zum Dienst melden werden, wenn der Fährverkehr auf der Mosel wieder aufgenommen werden kann. Dieser ist heute nochmals scharf untersagt worden. In einigen Tagen soll er aber errichtet werden. Wir besuchten auch die Ortschaften Lützel, Neuendorf und Wallersheim. In Lützel war Landgerichtsrat Hammes[10], in Neuendorf Versicherungsbeamter Sauer und in Wallersheim der Ortsbauernführer Schüller zum Bürgermeister ernannt worden. In allen Orten war die Regi­strierung durchgeführt worden. Die provisorischen Bürgermeister melde­ten alle, dass aus jedem Ort noch ein Überschuss an Kartoffeln nach Ko­blenz abgegeben werden kann. Die Schwierigkeit besteht darin, dass keine Brücke vorhanden ist, über die ein Transport geleitet werden kann. […]“

 

                                                                                                     „Koblenz, den 4. April 1945

Unter Zuziehung des Herrn Hütte hatte ich heute eine eingehende Bespre­chung mit dem Finanzmann der amerikanischen Militär-Regierung, Herrn Hauptmann Chapman, da eine Reihe von Fragen zu klären waren.

I. Es ist eine grosse Menge von Beamten, Angestellten, fremder Bürokräfte, Arbeiter usw. eingestellt worden, die teils Arbeit für die Stadtverwaltung, teils für den kommenden Regierungsbezirk und teils für die Amerikaner selbst leisten. [...]

Capt. Champan entschied wie folgt: Die Beamten, die bisher noch kein Gehalt für April bekommen haben, sollen dieses jetzt bekommen. Dassel­be gilt auch für die Angestellten. [...]

Die Arbeiter sind wöchentlich nachträglich zu entlöhnen.

[...] der Stadt wird anheimgestellt, die Gelder, die sie für die Einrichtung einer Regierung für den Regierungsbezirk Koblenz und für die deutschen Bediensteten der Amerikaner ausgibt, später vom Reich wieder einzuzie­hen.                                                                        .

Es wird nicht zu umgehen sein, dass ein Wohlfahrtsamt bald wieder einge­richtet wird, da es in Koblenz Leute gibt, die ohne Vermögen sind und, falls sie kein Geld bekommen, verhungern müssen. Dies soll nicht gesche­hen, und solchen Leuten muss aus der Kasse der Stadt ein bescheidenes Auskommen gezahlt werden.

Auch Rentenempfänger, die sonst ihre Renten aus der staatlichen Fürsorge beziehen, sollen ebenfalls eine Unterstützung bekommen, die die Stadt alsdann später vom Reich wieder einzuziehen hat. Bezüglich der Kranken­kassen sagte Hauptmann Chapman, dass diese auch nach dem Inneren Deutschlands geflüchtet seien und die hiesigen Krankenkassen-Angehörigen nunmehr ohne Schutz wären. Sobald die vereinigten Armeen in Berlin einziehen, soll diese Frage ihre Lösung finden. Wahrscheinlich wird es so kommen, dass das Reich den hiesigen Kassen so viel Geld zur Verfügung stellen muss, dass diese ihren Betrieb, d. h. die Unterstützung der Kran­ken, übernehmen können. Bis dahin muss auch wieder die einzige öffentli­che Kasse, die hier ist, also die Stadtkasse, eingreifen und dann verausgab­te Gelder später zurückfordern. Bezüglich der Stabilität der Reichsmark sagte Capt. Chapman, dass im Verkehr zwischen Deutschen die Reichs­mark bis auf weiteres ihre Gültigkeit behalte. Die von der amerikanischen Armee ausgegebene Militär-Mark ist der deutschen Mark gleichzustellen. Die Kaufkraft für beide Marksorten ist demnach die gleiche.

Eine Erhöhung der Preise für die Waren darf nicht stattfinden. Dass ein Dollar den Wert von 10 Reichsmark hat, hat an sich mit uns nichts zu tun, da die Amerikaner nicht mit Dollars bezahlen. Sie wechseln vielmehr auf einer eigenen Bank ihre Dollars gegen Militär-Mark um, und so wird ver­hindert, dass Dollars in Deutschland in Umlauf kommen.

[...] Angesichts der augenblicklichen Geschäftslage hat Capt. Chapman beschlossen, dass nur noch eine Bank zugelassen sei, und er habe als sol­che die Kreissparkasse vorgesehen. Auf unsere Einwendung, dass es doch eher angebracht sei, die Städt. Sparkasse in Koblenz als einzige Bank auf­zutun, erwiderte Herr Chapman, dass die Kreissparkasse z. Zt. über mehr als 2 Millionen Reichsmark und die Städt. Sparkasse nur noch über 600.000 Reichsmark verfüge und dadurch die Kreissparkasse die gegebenere Bank sei, da sie flüssiger sei und der Geschäftswelt eher das nötige Kapital zur Verfügung stellen könnte. Später soll dann, je nach Bedarf, auch wieder die Städt. Spark. und andere Banken ihren Betrieb aufnehmen können. Auf unsere Bitte erklärte sich Capt. Chapman bereit, für die neue Bank nicht den Namen Kreissparkasse zu wählen, sondern eine neutrale Bezeich­nung, da er einsieht, dass es hart für Koblenz ist, wenn nicht die eigene Bank der Stadt, sondern die des Landkreises ihren Betrieb hier aufnimmt. Die neue Bank soll in dem Gebäude der Deutschen Bank aufgetan werden. Die Sparkassen erhalten nicht das Recht, die bei ihnen liegenden Spar- bezw. Scheckkonten auszuzahlen. Dieses Geld soll aber nicht verloren, sondern vorübergehend eingefroren sein.

Auf unsere Frage nach der weiteren Stabilität der Mark erwiderte Capt. Chapman, dass eine Herabsetzung des Wertes der Mark durch das Deut­sche Reich nur unter Zuziehung der alliierten Mächte stattfinden könne. Dieses sei eine Frage der Zukunft, über die er sich heute unmöglich äussern könne.

 

Entnommen aus: StAK N 51, S. 1-3, 5-7, 10-12, 20-21, 23-25.

 

 

[1] Das städtische Krankenhaus Kemperhof verfügte über einen West- und einen Ostbunker, die jedoch nicht für die Allgemeinheit zugänglich waren. Beide waren als Hochbunker ausgeführt. Der Westbunker wurde im März 1943, der Ostbunker ein Jahr später fertiggestellt.

[2] Stadtamtmann Schmitz, Verwaltungsleiter der städtischen Krankenanstalten.

[3] Nach einem Bericht der Krankenhausverwaltung lagerten jedoch noch am 27. 3. 1945 auf dem Grundstück des Kemperhofs Waffen und Munition aus Wehrmachtsbeständen in erheblichem Um­fang (StAK 623 Nr. 7595, S. 59).

[4] Eigentlich: SD (Sicherheitsdienst der SS).

[5] Sparkassendirektor Wilhelm Hütte.

[6] Technischer Stadtamtmann Jakob Deboeser.

[7] Am 12.12.1918 wurde Koblenz von amerikanischen Truppen besetzt. Die letzten Amerikaner ver­ließen die Stadt nach der Übergabe an die Franzosen im Januar 1923.

[8] Dr. Konrad Gorges, * 17.7.1898 Kassel, 17.11.1968 Bernkastel-Kues. 1938-1945 Oberbürgermeister von Trier, seit 1943 zugleich Oberbürgermeister von Luxemburg, 12.2.-12.3.1945 kommissarischer Oberbürgermeister von Koblenz; bis 1948 interniert.

[9] Robert Hermann Emil Gerhards, Stadtoberbaurat, * 12. 6.1898 Düsseldorf, + 14.10.1950 Koblenz.

[10] Vielleicht identisch mit Oberregierungsrat Dr. Hammes (vgl. StAK 623 Nr. 7218, S. 1).





Moselüberquerung der Amerikaner

Fotografie s/w, 1945

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StAK_FA1,16_1939-1945_Moselüberquerung_Amerikaner_bei_Kobern_Mrz_1945  KEIN PHYSISCHES ORIGINAL VORHANDEN.jpg
Die Amerikaner überqueren die Mosel bei Kobern, März 1945.


Amerikanische Infanterie

Charles A. Sullivan, U. S. Army, Fotografie s/w, 16. März 1945

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StAK_FA_2_Nr_4325.jpg
Amerikanische Infanterie vor dem Sturm des Hauses Koblenzer Straße 20 in Moselweiß (Familie Beuerle, neben der Moselweißer Kirche), 16. März 1945.


Deutsche Kriegsgefangene

16. März 1945

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StAK_FA 1,16 - 1939-1945_Deutsche Kriegsgefangene unter Gülser Brücke 16.03.1945.jpg
Deutsche Kriegsgefangene unter der Gülser Brücke, 16. März 1945.


Amerikanische Infanterie

U.S. Army, Fotografie s/w, 18. März 1945

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StAK_FA_2_Nr_4316.jpg
Amerikanische Infanterie beim Vorstoß in der Goldgrube (Beatusstraße); im Hintergrund das Kehlreduit der Feste Kaiser Alexander, 18. März 1945.


US-Soldaten Löhrrondell

18. März 1945

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StAK FA 1,16 - 1939-1945_US-Soldaten Löhrrondell 18.03.1945.jpg
Amerikanische Soldaten am Löhrrondell, 18. März 1945.


U. S.-Panzer

Hersteller: U. S. Army, 18. März 1945

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StAK_FA_2_Nr_4824_Amerikanischer Panzer mit Infanteristen in der LöhrstraßeEcke Fischelstraße, Blickrichtung Vier Türme, 18. März 1945 (StAK FA 2 Nr. 4824; Foto US Army).jpg
Amerikanischer Panzer mit Infanteristen in der LöhrstraßeEcke Fischelstraße, Blickrichtung Vier Türme, 18. März 1945.


U. S.-Soldaten im Polizeipräsidium Koblenz

Hersteller: U. S. Army, Fotografie s/w, 18. März 1945

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StAK_FA_2_Nr_4335.jpg
Erstürmung des Polizeipräsidiums am Kaiser-Wilhelm-Ring durch Infanteristen der US Army am 18. März 1945, um Akten sicherzustellen.


Bürgermeister Franz Lanters

Fotografie (Porträt) s/w

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FA1 Lanters, Franz (1877-1956).jpg
Franz Lanters (1877-1956), Hafen- und Verkehrsdirektor, Koblenzer Bürgermeister vom 18. März bis 8. Juni 1945.


Handschriftliche Berichte Schwester Humilitas

Handschriftliche Aufzeichnung, 1945

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Collage_Sr_Humilitas.png
Buchdeckel der Chronik und handschriftliche, tagebuchähnliche Aufzeichnungen von Schwester Humilitas, verfasst im Jahr 1945.


"Tag der Entscheidung: Übergabe des Kemperhofes an den Feind" - Sicht einer geistlichen Krankenschwester

Schwester Humilitas, die bezüglich des Luftangriffes vom 6. November 1944 bereits zu Wort gekommen ist, hielt auch ihre Erlebnisse in der Zeit vom 16. bis zum 30. März 1945 zeitgleich fest:

„16. März 1945.

Heute ein herrlicher Frühlingsmorgen, mit Sonnenschein und Vogelsang.

Schon ist das Frühlingsidyll vorbei. Es kracht von allen Seiten. Mittags liegt der Kemperhof wieder unter Beschuß. Eine Granate nach der anderen schlägt ein. Der Bunker zittert unter den Einschlägen, doch sie prallen an den harten Bunkerwänden ab. Wir liegen im Sperrfeuer zwischen Metternich, wo die Amerikaner liegen und der Karthause. Die Spannung wird immer größer.“

„17. März 1945.

Tag der Entscheidung: Übergabe des Kemperhofes an den Feind.

Morgens 8.30 Uhr steht der Feind am Kemperhof. Die ersten Panzer sind bereits am Kemperhof vorbei, ohne daß ein Schuß gefallen ist. Unser Militär hatte sich im Medico einquartiert, um von den Fenstern aus den Feind zu erwarten. Aber niemand feuert. Das ist unser Glück. Unsere Soldaten sind zum Teil im Ostbunker, wo sie sich nachts tüchtig Mut angetrunken haben.

Daher sind sie morgens nicht gerüstet. Da sie sehr laut gewesen und die Nachtruhe des Bunkers gestört haben, ruft Oberarzt Dr. Leimbach den Kampfkommandanten von Koblenz an, der sofort einen Offizier schickt, um nach dem Rechten zu sehen. Er kommt fast mit den Amerikanern an, und macht sich so schnell wie möglich wieder aus dem Staub. Wir im Ostbunker werden auf Anordnung von Herrn Amtmann Schmitz aus dem Korridor in unsere Zellen verwiesen.

Man weiß ja nicht, ob es zum Kampf kommen wird. Eine Handgranate hätte genügt, im Bunker eine schwere Explosion hervorzurufen, da im Bunker viel Munition aufgestapelt ist. Es kommt aber anders! Unsere Soldaten stehen am Gartenausgang im Erdgeschoß des Bunkers. Unverhofft kommen die Amerikaner durch das Haus, wahrscheinlich durch das Medico durch den langen Bunkergang die Bunkertreppe herauf. Plötzlich stehen sie unserm Oberleutnant gegenüber. Der Kampf ist beendet! ‚Hände hoch!‛ kommandiert der Amerikaner. Mann für Mann wird als Gefangener abtransportiert. Draußen sitzen unsere armen Jungens und warten, was nun mit ihnen geschehen soll. Nachmittags werden sie in Autos abtransportiert. Welch schweren Zeiten sie entgegen gehen, das ahnt wohl keiner.

Wir sind nun Gefangene im Bunker.

Keiner darf ihn verlassen. Was mit dem Haus, den Zimmern, unseren Sachen passiert weiß niemand. Nachdem der Ostbunker übergeben ist, folgt der Westbunker, eine halbe Stunde später. Kein Arzt darf ohne Erlaubnis vom Ostbunker in den Westbunker, wir Schwestern nur in Begleitung von einem amerikanischen Offizier. Zu derselben Zeit steht ein Kranker im Waisenhaus am Fenster. Ein Schuß kracht, der Mann sinkt tot zusammen.

Im Allgemeinen machen die Amerikaner keinen schlechten Eindruck. Einer zeigt uns seinen Rosenkranz und beteuert, daß er auch eine Ordensschwester in Amerika habe. Haus und Bunker werden vom Feinde gründlich durchsucht. An jeder Türe stehen Posten mit aufgepflanztem Bajonett. Ab 6.00 Uhr darf Niemand mehr den Bunker verlassen. Verstohlen geht man das Brevier[1] beten, zwischen Ostbunker und Waisenhaus, um etwas Luft zu schöpfen abends, wenn es dunkelt und man nicht gesehen wird. Über uns ziehen tausende von Flugzeugen mit ihren totbringenden Bomben. Wir haben sie nicht mehr zu fürchten, aber wem mögen sie gelten? Die Luft in den Bunkern, worin wir nun als Gefangene sitzen, wird immer verbrauchter.

Heute die erste Nacht als Gefangene, aber ohne Bomben. Man kann mal wieder durchschlafen und sich entkleiden.“

„18. März 1945.

Passions-Sonntag.

Die Nacht war recht unruhig. Von deutscher Seite schweres Artilleriefeuer von der anderen Rheinseite. Es kracht in allen Fugen. Unsere Klausur im Neubau ist getroffen, auch die Waschküche. Von Zeit zu Zeit gehen wachhabende Amerikaner durch den Bunker. Es kommen neun deutsche Verwundete in den Ostbunker, die hier vom amerikanischen Arzt nachgesehen werden, und dann als Gefangene ins Lazarett eingeliefert werden. Ich darf als Dolmetscher mit ihnen sprechen, was sonst streng verboten ist. Manchen steht der Tod im Gesicht geschrieben. Man kann noch eben den letzten Gruß den Angehörigen schreiben.

Ganz beruhigt sind sie, als sie eine deutsche Schwester sehen, und wie schwer ist es mir, als sie weiter transportiert werden. […]

Unsere armen Soldaten werden als Gefangene über die Mosel gehetzt, wohin? – Sie sehen zerlumpt und übermüdet aus, – dumpfe Resignation in ein unabwendbares Schicksal! Das Ende von Großdeutschland und was für ein Ende!“ […]

„19. März 1945.

Heute Morgen tobt der Kampf um Oberwerth, Schützenhof und Mainzerstrasse. Gegen Mittag erfolgt die Übergabe. Auf der anderen Seite tobt der Kampf weiter! Russen und Polenbanden laufen raubend und plündernd in die von den Deutschen geräumten Häuser, kommen mit neuen Schuhen und Anzügen, alles deutsches Eigentum. Zu uns Schwestern sind die Amerikaner von großer Höflichkeit. Sie schenken uns volles Vertrauen.“

„22. März 1945.

Ehrenbreitstein, Hochheim und Pfaffendorf sind immer noch in deutscher Hand. Die Sonne scheint so warm wie im Sommer. Es sproßt und grünt überall, und über uns immer noch das dumpfe, zischende Sausen der Granaten, hinüber und herüber.

Auf der anderen Seite beobachtet man die Einschläge. Was mögen unsere armen Soldaten da drüben noch durchmachen!

Und doch ist dieses alles nichts im Vergleich zu den Terrorangriffen. Auch der Schaden ist viel geringer.“

„30. März 1945.

Karfreitag.

Stundenlang überfliegen uns schwerste Bomber. Wir nehmen an, daß es Berlin gilt.

Die armen Menschen! Ob die andere Rheinseite in Feindeshand ist, wissen wir nicht genau. Die Gerüchte widersprechen sich.

Wir dürfen die Bunker immer noch nicht verlassen. Auch der Gottesdienst ist noch im Bunker. Man spricht von französischer Besatzung. –″

 

Entnommen aus: StAK S 4 Nr. 3, S. 120, 122 und 146-153.

Zu Ausstellungszwecken auszugsweise und bearbeitet wiedergegeben, die eckigen Klammern markieren Auslassungen. Rechtschreibung und Grammatik im Originaltext wurden in der Abschrift übernommen.

 

[1] Stundengebet bzw. Textbuch für das Stundengebet.



Kemperhof

Foto: Hermann Menzel, Koblenz, Fotografie s/w, Ca. 1939

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StAK_FA_2_Nr_4258.jpg
Städtisches Krankenhaus Kemperhof, halbrechts Liegehallen, um 1939.


Krankenhausbunker Kemperhof

Fotografie s/w, Ca. 1941

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FA1 Krankenhausbunker Kemperhof, um 1941-01.jpg
Bau des Krankenhausbunkers Kemperhof, um 1941.


Amerikanische Infanteristen

Harvey A. Weber, U. S. Army, Fotografie s/w, 18. März 1945

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StAK_FA_2_Nr_2095.jpg
Amerikanische Infanteristen bei der Annäherung an ein Gebäude auf dem Gelände des Krankenhauses Kemperhof, 18. März 1945.


Familie Arens

Fotografie

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Privatbesitz von Irmgard Leiberger, Koblenz

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Irmgard Leiberger, Koblenz

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StAK_FA_11_Familienfoto.jpg
Familie Arens; v. l. n. r.: Katharina, Tochter Irmgard, Sohn Erich und Peter Arens.

"Und wieviele sind es, die bis heute noch nicht das Geringste von ihren Lieben gehört haben." - Sicht einer Ehefrau und Mutter

Katharina Arens geb. Eifler, seinerzeit wohnhaft in Koblenz-Kesselheim, führte unregelmäßig Tagebuch und schrieb unter anderem in der Zeit vom 22. März 1945 bis zum 3. April 1949 ihre Erlebnisse und Gedanken briefartig nieder. Ihr Mann Peter Arens war seit Februar 1945 vermisst, ebenso ihr um die Jahreswende 1944/45 zur Waffen-SS eingezogener Sohn Erich Arens und ihre beiden Brüder:

„22. März [1945]:

[...] Seit 14 Tagen nun sind wir ja ganz von allem abgeschnitten, wir haben hier amerikanische Besatzung. Ja meine Lieben, es ist soweit! Was ich schon lange befürchtet habe, ist eingetroffen, die Amerikaner sind am Rhein und immer noch wird dieser wahnsinnige Kampf fortgesetzt. So sehr ich auf einen guten Frieden und den Sieg gehofft habe und so gut es für uns und unsere Kinder wäre, zu siegen, aber wie soll das noch gesche­hen? Die Sache ist ja schon lange aussichtslos, die Materialübermacht des Feindes ist zu groß. Hätte man die sooft in großen Tönen und dunklen Versprechungen prophezeite durchschlagende neue Waffe gegen die gro­ße feindliche Luftflotte wirklich gehabt und zur Anwendung gebracht, unsere tapferen deutschen Soldaten hätten den Krieg nicht verloren. Aber wir sind ja alle schmählich belogen und betrogen worden. Ich habe es im Herbst schon zu einem alten Kämpfer, der bei uns in Quartier lag, gesagt: ‚Es ist der größte Schwindel der Jahrtausende, dem das arme deutsche Volk zum Opfer fiel‛. Aber es ist noch schlimmer gekommen, wie ich mir vorgestellt habe. Darunter verstehe ich hauptsächlich, daß der unselige Krieg noch weitergeht, täglich müssen noch tausende elend umkommen, um einigen, die gut im Bunker sitzen, das Leben um ein paar Monate zu verlängern. Wenn ich über Tage die vielen Bomber sehe, die ins Reich flie­gen, so will sich mir das Herz im Leibe umdrehen. Was richten die nicht alles für Unheil an? Wieviele müssen wieder sterben, Hab und Gut verlie­ren und dann? Die Kette der Armen, Gequälten wird immer länger.“

„25. März:

[...] Es war am 8. März, der Volkssturm war nachts zusammengerufen wor­den, um den Ort zu verteidigen. Die Begeisterung der nur mangelhaft aus­gebildeten Leute war denkbar klein. Als dann die Hiobsbotschaft kam, die Amerikaner kommen, sie sind schon an der eisernen Hand[1], da wurden selbst die, die vorher noch geprahlt hatten, ganz still. Ein Gerücht jagte das andere, aber Tatsache blieb doch, die Amerikaner kamen immer näher und es war nur mehr eine Frage von Stunden, daß sie hier sein konnten. Über­all wo der Volkssturm verteidigte, wurden die Ortschaften nutzlos geop­fert, noch zu den Volkssturmmännern. Unsere Soldaten, wenigstens ein großer Teil der Westmacht[2], zog fluchtartig über die weni­gen, noch vorhandenen Rheinbrücken zurück, alles was hinderlich war zurücklassend. Auf der Urmitzer Brücke sind noch eine gute Anzahl jun­ger Soldaten mit in die Luft gesprengt worden. Es kam hier, wie es kom­men mußte, und wie es auch der Lage entsprechend am besten war. Weiße Fahnen wehten überall, Gewehre, Munition, Panzerfäuste und was immer nur zur Ausrüstung diente, wurde unschädlich gemacht.

Ich hätte nie geglaubt, daß unser schöner Vater Rhein die Amerikaner auf die rechte Seite kommen ließ, soviel Waffen, Munition und vor allem Na­tionalsozialismus in jeder Aufmachung hat er in diesen Tagen geschluckt. Wie mancher kunstvoll hergestellte Hitlerkopf wurde seinen kühlen Wel­len anvertraut. Aber es hat ihm garnichts imponiert davon, die Amerika­ner sind tatsächlich schon in breiter Front übergesetzt und heute waren wir Zeuge eines schweren Kampfes um Vallendar. Von Weitersburg wurde beobachtet, wie es besetzt wurde. Es ist jetzt 10 Uhr abends, es scheint, daß Vallendar gefallen ist, der Kanonendonner kommt aus größerer Entfer­nung, jedenfalls wird jetzt um den Ehrenbreitstein gekämpft. Was wird die Nacht und der morgige Tag bringen?

Aber ich will nicht vorgreifen, sondern der Reihe nach erzählen. Am 9. März rollten dann die ersten amerikanischen Panzer hier ein, ließen ein paar Mann am Ortseingang als Posten zurück und verschwanden wieder. Der Krieg hielt für Kesselheim den Atem an und tatsächlich schien es, als ob an den nächstfolgenden Tagen niemand mehr an den Krieg dächte.

Die Meute war losgelassen. Kaum, daß die armen Rekrutenkinder, es wa­ren schon viele 16jährige dabei, ihre Massenquartiere verlassen hatten, waren schon die Hyänen da und plünderten, was nicht niet- und nagel­fest war. Privatwäsche und Kleider und besonders alles Wehrmachtsgut mußte dran glauben. Die von Fa. Persich in Koblenz auf dem Schulspei­cher sichergestellten Haushaltwaren wurden geplündert, einem im Pfarr­saal befindlichen Lager an Möbel und Matratzen der N.S.V. erging es nicht besser. Am tollsten ging es an der Bahn zu. Dort standen zwischen Bombentrichtern und völlig zerstörten Wagen noch eine ganze Anzahl unbeschädigter Wagen mit kostbaren Ladungen. Es war wie ein Rausch über den Menschen. Viele vergaßen sich soweit, daß sie das ganze Flücht­lingsgut, viele Waggons mit fertiggepackten Möbeln und Wäschestücken einfach, roh und sinnlos plünderten. Was hinderte, wurde einfach zer­schlagen. Wertvolle Koffer wurden aufgeschnitten, um schneller an den Inhalt zu kommen. Erbsen, Bohnen, Mehl und viele andere Lebensmittel wurden in großen Mengen heimgefahren. Dann kam noch der Pi Park[3] dazu und verschiedene Magazine. Es war ein Wettbewerb, wie man sich ihn unter Habgierigen [...] nicht emsiger vorstellen kann. Auch viele Rus­sen, Polen und Holländer[4] beteiligten sich und jeder schleppte weg, was er konnte. [...1

Erst nach ein paar Tagen, abgesehen von diesen Räubereien, lebten wir plötzlich hier wie im Frieden, kamen die ersten Verordnungen der Besat­zung. Die Ausgangszeit wurde von vormittags 10 – nachmittags 5 Uhr festgesetzt. Die Polen stellten plötzlich jede Arbeit ein, alle Männer sind noch heute erwerbslos, kurzum, es wurde nichts mehr geschafft. Am 18.3. wurde Höfers Alfred von den Amerikanern abgeführt. Er hatte vor kur­zem einen amerikanischen Piloten, der hier notlandete, geschlagen, gewiß ein dummer, unüberlegter Jungenstreich. 2 Tage später wurde unser Orts­gruppenleiter, Münzel Hannes, und sein engster Mitarbeiter, Herr Schön­hagen, per Auto weggebracht. Maria, Elli und seine 2 Kinder befinden sich auf dem Westerwald, sodaß in dem Haus jetzt nur ein paar Russen und deutsche Mädchen hausen.

Parteigenosse N. N. hatte sich abends vorher mit dem Fahrrad per ge­macht, wie es heißt, ohne Ziel. Aber wer glaubt, wird selig.

Gestern wurde ausgeschellt, daß anstelle des Bürgermeisters, Herrn Josef Münzel, Metzgermeister Wilhelm Schrauth Bürgermeister von Kessel­heim geworden ist. N. N., der bei der Passausgabe keinen erhalten hatte und nicht aus dem Hof durfte, hat nun nachträglich einen Pass bekom­men. Er befürchtet, daß die Polen ihn angeschwärzt haben und daß er schließlich auch noch weg muß. [...] Weiter wurde bekannt gemacht, daß die an der Bahn entwendeten Lebensmittel bis heute, den 27.3. Nachmittag 4 Uhr, beim Bürgermeister abgegeben sein müßten.

Seit gestern ist hier alles ruhig wie im tiefsten Frieden. Nach der heftigen Schlacht am Sonntag wurde es schon nachts etwas ruhiger und am Mon­tag verebbte der Kanonendonner ganz. Heute ging ein amerikanischer Sa­nitäter von Haus zu Haus und forderte die Leute auf, nicht mehr im Keller zu schlafen, da dies ungesund sei. Hier sind viele Menschen mit einem juckenden Ausschlag behaftet. Auch ich quäle mich schon wochenlang damit herum. Nachdem ich mindestens schon 10 x vergebens auf den Arzt gewartet habe, kam er gestern endlich, leider bekam der Bote (?) die ver­schriebene Salbe in Mülheim nicht, da ich dafür Fett bringen muß.

Nun geben sich die Bauern wieder mit Macht an die Feldarbeit. Es ist ja kaum zu glauben, aber wie ein böser, schneller Spuk raste das Kriegsge­schehen über Kesselheim und hat das Dorf fast nicht berührt. Ich kann der Ruhe, man hört noch nicht mehr einen Schuß knallen, noch nicht trauen. Mit unserer Landwirtschaft sieht es faul aus. Unser Leo[5] ist wohl noch hier, hat aber keine Lust mehr zur Arbeit. Und wenn ich um jede Arbeit anhalten und bitten muß, so ist das kein schönes Gefühl. [...] Kunstdünger, neue Saatkartoffeln, Kleesamen und verschiedene andere Sämereien feh­len ganz. Es wird schwer werden, aber wenn ich noch einigermaßen einen Fuhrmann bekomme, so soll es schon gehen, es gilt ja, dem großen Hunger vorzubeugen, der unweigerlich kommt. Unsere Maria[6], die gewiß auch nicht ohne Fehler ist, hat sich doch besser bewährt wie Leo, sie arbeitet ruhig durch weiter und hat die Absicht zu bleiben. Jetzt zeigt sich mal so richtig, wes Geistes Kind ein jeder der Ausländer ist. Während viele unbe­irrt um alles treu und fleißig für ihren Chef weiterarbeiten, machen andere nur das Allernötigste und der kleinste Rest tut gar nichts, ist frech und geht spazieren. Wenn sie sich das nun immer leisten können, so haben sie viel erreicht in den Jahren ihrer Gefangenschaft. Es heißt, daß die Polen alle von hier wegkommen, wohin, ist unbekannt.

Ich kann nicht gerade klagen. Wenn auch die Zügel der Disziplin gelockert sind, und ab und zu eine Stunde ausgesetzt wurde, Leo und Maria arbeiten weiter, allerdings nur das Nötigste. Es wurde heute sogar von der Militär­behörde angeordnet, daß die Ausländer bei den Bauern arbeiten müßten.“

„29. März, Gründonnerstag:

Heute gegen Abend ging es wie ein Lauffeuer durch das Dorf: Waffenstill­stand! Hitler und Göbbels haben sich erschossen! Es wird wohl etwas dar­an sein, man hörte heute kein einziges Flugzeug. Wie sieht es mit der Wahrheit aus? Wir sind nur auf Gerüchte angewiesen. Auf jeden Fall! Ar­mes, betrogenes deutsches Volk! Welchen Leidensweg hast Du hinter Dir und wie dunkel und arm ist der Weg, der vor Dir liegt? Arme irregeführte deutsche Jugend, wie und wo ist Deine Zukunft? Meines Erachtens wäre eine Kugel für Hitler und Göbbels viel, viel zu milde. Mußten sie bei der Aussichtslosigkeit der Sache nicht längst den Kampf einstellen? Aber im­mer noch mehr Menschen wurden hingemordet, Städte und Dörfer, Hab und Gut in Schutt und Asche gelegt. Unendliches Leid liegt auf dem deut­schen Volke. Für ein solches Kriegsende sind Millionen der besten deut­schen Männer und Jungen gefallen, verkrüppelt und verschwunden, jeder Tag der Ruhe und Sicherheit der Führerclique mußte mit Strömen von Blut und unendlichen Opfern von Hab und Gut ergaunert werden.

„1. April, Ostersonntag:

Nun ist alles wieder ohne Hoffnung, ohne Licht und ohne Glauben, trotz Ostern und Auferstehung. Es hat sich mittlerweile herausgestellt, daß es tatsächlich nur ein Gerücht war, daß der Kampf weitergeht. Und wer noch an Waffenstillstand glauben sollte, der wird durch die Unmenge der ein­fliegenden schweren amerikanischen Bomber eines anderen belehrt. [...] Wie war ich beruhigt und voll Hoffnung, als es hieß: Friede! Und nun statt dessen nicht enden wollende Verbände feindlicher Bomber, die alle ins immer kleiner werdende Reich fliegen und Tod und Verderben bringen. Du mein lieber Mann, und ihr meine beiden Brüder, Euer Geschick hat sich schon erfüllt, Ihr seid entweder gefangen und habt ein einigermaßen er­trägliches Leben, oder aber, so schmerzlich es für uns alle wäre, Ihr seid jedem Schrecken und jeglicher Erdenlast enthoben. Und nur Dich, meinen lieben Jungen, weiß ich in dem schrecklichen Berlin, bedroht von allen Sei­ten, und keinerlei Nachricht, wie es dort und überhaupt in Deutschland zugeht, gelangt zu uns.

[...] Am Freitag rückte hier die ganze Besatzung wieder ab, wohin unbe­kannt. Wir haben gar kein Militär hier und die Russen und Polen werden wieder merklich frecher. Ich sähe sehr, sehr schwarz, wenn wir ihrer Will­kür und Herrschaft ausgeliefert werden. Wie kamen die meisten, außer Gefangenen, hier an? Zerlumpt und zerrissen und wie kommen sie heute? Alle in guter anständiger Kleidung, haben ihr gutes Essen und gute Bezah­lung und doch noch dieser große Deutschenhaß.

Überhaupt, jeder, der kommt, will sich rächen! Haben die Deutschen so Schweres verbrochen? Und vor allem die Soldaten? Mußten sie nicht im­mer ihre Pflicht tun? Gewiß, es gibt immer Elemente ohne jede Hemmung, aber der weitaus größte Teil, und dazu rechne ich ganz selbstverständlich Euch meine beiden Lieben und auch meine Brüder, sind grundanständig und schonen den lieben Nächsten und sein Eigentum. Soll denn jetzt die Rache am deutschen Volk erst anfangen? Sind denn die Millionen deut­scher Gefallener, bestes junges Blut, Männer, Söhne und Brüder keine Op­fer? Die Hunderttausende Männer, Frauen und Kinder, die durch Bomben aufs Gräßlichste ums Leben kamen, klagen die gar nicht an? Unser armes, von amerikanischen und englischen Flugzeugen durch Bomben völlig zer­störtes deutsches Vaterland bedarf es noch weiterer, größerer Rache? O, guter Gott, erbarme Dich, öffne auch unseren Feinden Herz und Augen, damit sie ein Einsehen haben, daß das Maß voll ist und daß sie auch ihre Taten zu verantworten haben.“

„5. April:

In Neuendorf wurden heute neue Stellungen ausgeworfen und amerikani­sche Flakgeschütze aufgestellt. Es gehen wieder allerlei Gerüchte. Deut­sche Flugzeuge seien in der vergangenen Nacht über Köln gewesen. Die deutsche Führung hätte die Bewohner des Rheinlandes zum Bandenkrieg aufgerufen, für beides die Flakstellungen. Dann wird wieder erzählt, Hit­ler hätte vor kurzem in einer Rede erwähnt, er würde sich am Rheinland schwer rächen dafür, daß es so schnell kapituliert habe. Adolf Hitler! Sinnst Du auch noch auf Rache am Rheinland? Wohlan denn, tue Deinen Gefühlen keinen Zwang an. Aber komme erst und schaue Dir das Rhein­land mal an und dann bringe ihm, was noch fehlt. Tatsache ist jedenfalls, daß es heute Abend seit langer Zeit wieder das 1. mal geschossen hat, ob es Artillerie oder Flak war, konnte ich nicht entscheiden.

Es wäre für uns im Moment besser, wenn wir wieder Besatzung herbekä­men, die Polen nehmen sich sehr viel heraus, sie wollen nicht mehr schaf­fen und plündern, wo es nur etwas zu plündern gibt. Heute Abend war unser Leo so besoffen, daß er nicht zum Essen und nicht zum Füttern kam. Alle Keller in Koblenz, wo Wein lagerte, wurden von Polen, Russen und auch Deutschen geplündert. Unser Leo und unsere Maria, die am Dienstag auch hin waren und ganz gut gefaßt hatten, wurden geschnappt, mußten alles zurückgeben und konnten eben noch so entkommen. Sogar Mädchen und Frauen aus Kesselheim wurden festgeholt und müssen zur Strafe bei den Amerikanern im Bunker 5 Tage Kartoffel schälen.“

„8. April:

[...] Allerlei Gerüchte schwirren wieder. Wir hören und sehen ja nichts. Keine Zeitung, kein Radio, keine Post. Nur der Weg von Mund zu Mund. Einmal heißt es, Berlin sei gefallen, dann wieder, die Russen seien wieder ganz aus Deutschland rausgeschlagen, die neuen Waffen seien eingesetzt worden. Rußland habe Japan den Krieg erklärt. Was ist Wahrheit?

„9. April:

[...] Es ist gar nicht zu beschreiben und unglaublich, welche Unmengen Jagd-, Schlacht- und Transportflugzeuge von morgens früh bis abends spät und die ganze Nacht hindurch ununterbrochen von und nach dem kleinen hartbedrängten deutschen unbesetzten Raum fliegen. Wie muß es dort aus­sehen und zugehen. Wieviele Tote, Trümmer, Elend und Hunger muß es noch geben, bis daß unsere Regierung den Kampf für aussichtslos aufgibt?

[...] Wir stecken schon wieder tief in der Arbeit. Die Polen begeben sich allmählich wieder alle ans arbeiten und überhaupt kommt alles wieder so ziemlich in seine normale Bahn. Allerdings Licht und Wasser fehlen noch, fast alle Männer und Jungen sind noch ohne Arbeit. Markt können wir in jeder beliebigen Menge wieder abliefern. Zu kaufen bekommen wir schon wochenlang nichts als Brot und etwas Fleisch. Unser Leo hat auch sein seliges Gleichgewicht wiedergefunden. Er arbeitet langsam, aber sicher, ich muß schon himmlische Geduld haben, bin aber doch froh, wenn unser Feld nicht brach liegen bleibt. Letztes Jahr beim Einsäen glaubte ich schon fest, im Herbst sei Schluß und Du daheim, wie wird es dieses Jahr zur Zeit der Ernte sein? Ob wir es ernten können? Immer öfter hört man, daß Kes­selheim so großes Glück hatte. Viele andere Orte haben Verluste und Be­schädigungen an Häusern. Für unser Dörflein war es bestimmt Glück, daß die Soldaten schleunigst über den Rhein machten, wären sie hier geblie­ben, sähe es heute nicht so friedlich in unserem Dörflein aus. Es hätte den gewaltigen Vormarsch ja auch nicht aufgehalten, noch nicht mal gehemmt, so gewaltig war das Material des Feindes und so kümmerlich ausgerichtet unser Volkssturm.“

„17. April:

[...] Man hört so allerlei durchsickern von den entsetzlichen Bombenan­griffen, von Hunger und sonstigen Begleiterscheinungen in und um Ber­lin. Wann wird dieser wahnwitzige Widerstand aufgegeben? Wieviele Jun­gen müssen noch tot oder zum Krüppel geschossen werden? Wieviele noch durch Bomben umkommen und Hab und Gut verlieren? Ist nie­mand, der der völlig aussichtslosen Sache ein Ende machen kann? Hier wird erzählt, Hitler habe einen Nervenzusammenbruch, sein Nachfolger sei Himmler. Er wird wohl noch brutaler die Menschen opfern. Die feind­lichen Fronten seien noch 220 km voneinander. Die größte Schlacht aller Zeiten tobe um Berlin. Was ist Wahrheit? In Köln sei die Pest ausgebro­chen. Ich beneide die Menschen, und es sind derer nicht wenige, die von all dem unberührt bleiben und eifrig ihren täglichen Pflichten nachgehen und tun, als ob der Krieg für sie ganz vorbei wäre [...].“

„20. April:

[...] Führersgeburtstag! Bei uns wurde er eingeleitet durch einen Umzug der Polen und Ukrainer mit Musik und einem ganz schrecklichen Gegröhle, wie hier ähnlich bei den wüstesten Saufgelagen noch nichts gehört wur­de. Es war einfach ein Hohn auf Alles und kein Mensch hat sie gestört. Es hat anscheinend aber doch Staub aufgewirbelt, denn heute Abend kam eine amerikanische Streife und hat um 8 1/2 Uhr alle Polen von der Straße gejagt. Wir können jetzt von morgens 7 – abends 8 1 / 2 Uhr raus und zwar bis 6 km im Umkreis [...].“

„22. April:

[...] Der Hunger steht vor dem ganzen Land. Was soll das noch geben? Die Landstraßen sind übersät mit Wanderern aller Art, mit und ohne Gepäck, alles auf Schusters Rappen. Es ist aber auch sehr unsicher jetzt, viele Rus­sen und andere Ausländer sind auch unterwegs und plündern und steh­len, was ihnen vor die Finger kommt. Am letzten Samstag wurde in St. Sebastian eine Frau erschossen und heute in Weitersburg ebenfalls eine, in beiden Fällen war ein Russe der Täter. Es ist ja kaum Besatzung hier und die Russen überschwemmen das Land. Auf der rechten Rheinseite müssen die Menschen tatsächlich schon hungern [...].“

„29. April:

[...] Hier in Miesenheim ist ein Gefangenenlager von deutschen Soldaten, sie liegen unter freiem Himmel 7000 Mann. Wieviele liegen so in Wind und Wetter. Es sind auch schon verschiedene Soldaten heimgekommen, die sich durchgeschlagen haben. Wie kommen sie an? Zerlumpt, halbverhun­gert in schäbiger Civilkleidung, immer in Gefahr, von der Besatzung auf­gegriffen zu werden. Einige kamen schon übergeschwommen. Jetzt steht aber Tag und Nacht eine Wache am Rhein und ohne Pass ist es wohl un­möglich, rüberzukommen [...].

Es wird ein hartes Leben in Deutschland geben, unfrei und geknechtet. Was ist übriggeblieben von dem künstlich hochgebauten Luftschloß des 3. Reiches? Ein verarmtes, dem Hunger und Elend preisgegebenes, beloge­nes Volk, ganz Deutschland ist ein Trauerhaus und ein Trümmerhaufen [...]. Heute gehen wieder allerlei Gerüchte: Himmler habe Amerika bedin­gungslose Kapitulation angeboten, diese sei abgelehnt worden mit dem Hinweis, die Kapitulation sei sämtlichen alliierten Mächten zu unterbrei­ten. Göring sei mit Frau und Kind nach Japan geflohen. Der Kampf in Ber­lin gehe weiter, Hitler habe einen Bluterguß im Kopf, er sei mit Steinen beworfen worden. Sind es alles plumpe Lügen oder ist etwas Wahres dar­an? Bringt uns der Mai den heißersehnten Frieden? [...]“

„1. Mai:

[...] Gestern ging wieder rund, daß ganz bestimmt Waffenstillstand sei. Hitler sei schwer verwundet worden und dann gestorben, er habe in vor­derster Front gekämpft. Mölders, Göring und Rommel seien im K.Z.-Lager gefunden worden und habe am Radio geredet. Alle deutschen Solda­ten bis auf die Italienkämpfer haben die Waffen niedergelegt. Mussolino sei gefangen worden beim Fluchtversuch und gehängt worden mit dem Kopf nach unten[7]. Und heute? Alles wieder Schwindel! Der Kampf in Ber­lin geht mit unverminderter Härte weiter. [...]

Es kommt jetzt Samstags wieder eine Zeitung und zwar die Frankfurter[8]. In der letzten Nummer standen ganz entsetzliche Enthüllungen aus deut­schen K.Z.-Lagern drinne. Man soll glauben, eine deutsche Feder würde sich sträuben, solches zu schreiben und soll es tatsächlich solche satani­schen Elemente geben, die derartige brutalen und bestialischen Greueltaten verübten? Und diese verrohte, verkommene Sorte Menschen hat viele Millionen reiner deutscher Kinder von 16 Jahren mit allen erlaubten und unerlaubten Prahlereien und Androhungen gezwungen, sich freiwillig in ihre Reihen zu melden? Und diesen armen, irregeführten Knaben, die jetzt mit Tod und Elend diesen Henkern noch jede weitere Stunde Lebensdauer erkämpfen müssen, hängt für ewig die Schmach der SS an. [...]“

„6. Mai:

[...] Nun soll endgültig Waffenstillstand sein. Alle Truppen hätten die Waf­fen niedergelegt, nur in Norwegen wird noch gekämpft. Berlin ist seit eini­gen Tagen gefallen, in den letzten 24 Stunden seien dort noch 13.000 deut­sche Soldaten gefallen. In den letzten 4 Monaten an der Ostfront im Gan­zen 1 Million. [...] Es fing an, als die Amerikaner näher kamen und hier keine Bomben mehr fielen, täglich, ja fast stündlich nicht endenwollende Einflüge ins Innere Deutschlands. Jeden Abend sagte der luxemburgische Sender, daß Berlin aufs Neue angegriffen worden sei. [...]

[...] kein Mensch konnte ahnen, daß es so glatt abginge hier. Man mußte ja mit schweren Kämpfen hier am Rhein rechnen und dann sollte der Brükkenkopf Koblenz bis aufs Letzte verteidigt werden. Ich hatte ja selbst schon Quartier ausgemacht, um nach rückwärts zu gehen, da wir sicher glaubten, hier könnten wir nicht bleiben. Aber es kam so ganz anders. Un­ser Dörflein blieb unberührt vom Kriegsgeschehen. [...] ich glaubte, die Fronten brächen zusammen. Als dann die Amerikaner am Rhein waren, hoffte ich jeden Tag auf das Kriegsende. Aber es kam nicht, statt dessen ließ unsere rücksichtslose Führung die Kriegslawine durch das ganze deutsche Land rasen. Das blutige Ringen um Berlin und sein Fall brachte erst den solange heißersehnten Waffenstillstand. Was wird er uns bringen? Die Toten haben ihre Ruhe, ihre zerschundenen, zerschossenen und von Bomben zermalmten Körper haben ausgelitten. Wird es nicht viele Leben­de geben, die diese Toten beneiden müssen? Was wartet auf viele nach här­testen Jahren des Kampfes? Armut, Not, Hunger und Schande. Ich denke dabei an die Guten, die Idealisten, die mit gutem, gläubigen Herzen ver­trauten, die nur das Gute glaubten und von der schlechten, der Schatten­seite der Idee nichts ahnten, geschweige denn was wußten [gestrichen: glaubten]. Wie werden sie für ihr blindes Vertrauen bestraft werden? [...]“

„20. Mai, Pfingstsonntag:

[...] Hier rundum sind viele Gefangenenlager[9] und was man davon hört, läßt einen Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen. Hunger, Hunger und nochmals Hunger. Und dazu quälender Durst. Irmgard war heute 2x hingefahren mit Brot und Kaffee. Die Bevölkerung schafft hin, was sie ent­behren kann. Und muß dann noch gute Wachposten antreffen, um den Soldaten das Zeug geben zu dürfen. [...]

Wir sind besiegt! Wir sind nur auf die Großmütigkeit unserer Gegner an­gewiesen. Für die großen Fehler unserer rücksichtslosen, brutalen Kriegs­führer muß das ganze Volk schwer, schwer büßen. Aber die Zahl der Un­schuldigen überwiegt bei weitem die der wirklich Schuldigen. Wieviel Mütter und Frauen gaben blutenden Herzens ihre Männer und Söhne her und wieviel Männer und Söhne verließen schweren Herzens Heimat und Familie, nur dem eisernen Muß gehorchend. Wieviel Gutes ist in diesem Krieg geschehen an Gefangenen und Fremdarbeitern aller Art, stille, ver­steckte Guttaten, die ja niemand sehen, und niemand wissen durfte. Aber sie waren doch da und wurden immer dankend angenommen. Jetzt ist das alles vergessen, einfach nicht gewesen, und alle wirklichen und dazugedichteten Greuel, wovon die Wenigsten etwas wußten, werden aufge­bauscht, vergrößert, verzerrt. Welche Not und welche Trübsal werden noch über Deutschland kommen? [...]“

„3. Juni:

[...] Jeden Tag kommen Soldaten heim aus allen Richtungen, immer sind es nur die Angehörigen, die dann überglücklich sind, der größte Teil ist ent­täuscht, die Frauen und Mütter können kaum die Tränen zurückhalten, sie müssen weiter aushalten und warten, warten! [...]“

„10. Juni:

[...] Für Wahrsagerinnen und derartige Sachen mehr ist eine Blütezeit. Hier wird mittelst Gebetbuch und Schlüssel gefragt und die Antworten sind oft verblüffend. Nach diesem Buch müßte Erich im Juni und zwar recht bald und Du mein lieber Peter im Juli kommen. Nun bin ich ja alles andere wie abergläubig, aber was man gern hat, das glaubt man gern. Es sind schon verschiedene auf das Buch gekommen, aber das kann ja auch Zufall sein. Ich halte das Ganze für Suggestion. Ich will weiter meine Hoffnung und mein ganzes Vertrauen auf den lieben Herrgott setzen [...].“

„24. Juni 1945:

[...] Es sei durchs Radio gekommen, daß die SS-Soldaten erst nach 20 Jah­ren heimkommen dürften, außer denen, die seit 44 dazu gezwungen wur­den. Nun ist Erich ja erst 1945 eingetreten, aber die Angst um ihn ist riesen­groß. [...] Ich hoffe ja zuversichtlich, wenn er noch lebt, kommt er nochmal heim. Als Schlimmstes stelle ich mir vor, er wäre im Endchaos umgekom­men und es wäre niemand, der es uns sagte und dann müßte ich mich bis zu meinem Ende mit dem Gedanken quälen, Erich sei in Gefangenschaft und müßte Schreckliches leiden. Guter Herrgott, nimm das Opfer meines Lebens an, ich will alles, was kommt, geduldig tragen, eine einzige Bitte erfülle mir: Gib mir Gewißheit über das Schicksal meines Kindes, mein ganzes Leben soll ein einziger Dank an Dich sein. [...]“

„1. Juli 1945:

[...] Hätte ich die Gewißheit, er wäre tot, ich wollte ganz ruhig sein und nur für ihn beten, aber so, der schreckliche Gedanke an zwanzigjährige Gefan­genschaft mit bitterem Hunger und schwerer körperlicher Quälerei, der die SS-Truppen bestimmt ausgesetzt sind, läßt mein armes Denken Tag und Nacht nicht mehr zur Ruhe kommen. Es heißt ja, daß die, die seit 1944 zur SS kamen, entlassen würden. Ich muß aber leider annehmen, daß, wenn Erich noch lebt, in russischer Gefangenschaft ist und wird der Russe sich an diese Abmachungen halten, oder ist er auch gegen die jungen, schuldlosen Kinder gleich brutal? [...]“

„23. September 1945:

[...] Meine Gedanken kreisen Tag und Nacht um Dich, mein lieber Junge. Und wo kann ich Dich finden? Jetzt habe ich mich endlich so weit durch­gerungen, daß ich denke, Du hast nichts mit der entsetzlichen SS zu tun. Du warst ja kein Freiwilliger und warst noch keine 10 Wochen Soldat. [...] Erst wähnte ich ihn durch Bomben umgekommen, dann im Endkampf ge­fallen, dann als SS Mann dem Hunger und der Quälerei ausgesetzt und immer, wenn wieder eine neue Schreckensbotschaft von Hunger, Elend und Epidemien in Lägern kam, glaubte ich Erich dabei. [...] Es ist soviel Leid und Elend, Hunger und Not im armen, geschlagenen Vaterlande, daß es zu egoistisch ist, nur ans eigene Leid zu denken. Wieviele haben auch ihre Lieben verloren und dazu noch alles Hab und Gut, haben keine Stel­lung und kein Einkommen mehr und müssen doch noch weiterleben. Und ich habe die Gewißheit, daß Du mein lieber Mann heimkommst und darf auch noch hoffen, daß unser lieber Junge wiederkommt. [...]“

„1. November [1945]:

[...] Heute ist Allerheiligen, wieder in althergebrachter Weise. Wer nur kann, geht zu seinen Lieben auf den Friedhof. Aber wieviele können das nicht. Wo überall in der weiten Welt liegen sie begraben, verscharrt. Wo sind meine Brüder, wo mein lieber Junge? Sind sie noch am Leben, oder müssen wir sie unter den Toten suchen, unter den vielen, entsetzlich vielen Toten dieses harten Ringens, das eine gewissenlose Machthaberbande her­aufbeschworen und nur für ihr Wohlergehen und ihre Sicherheit unnötig verlängert haben. Aber es ist alles vorbei, alles verloren. Eine Trauer, eine Trostlosigkeit ohne gleichen liegt über ganz Deutschland. Hunger, gren­zenlose Armut und Elend bleiben übrig vom Glanz des III. Reiches. Und dafür alle diese vielen, vielen Opfer an kostbaren Menschenleben, an Hab und Gut. [...]“

„2. Dezember:

[…] Was war ich bei Kriegsende froh und glücklich im Gedanken, das Mor­den hört auf, das große Sterben ist zu Ende. Was wurde unseren Soldaten auf Flugblättern bei Niederlegung der Waffen nicht alles versprochen und zugesichert! Wieviel Soldatenleben unserer Feinde wurden dadurch, daß unsere Truppen keinen oder doch nur schwachen Widerstand mehr leiste­ten, gerettet und können wieder gesund heim zu den Ihren! Und was war für unsere Soldaten der Lohn? Für viele monatelanges Schmachten in elen­den Lägern unter freiem Himmel, ohne Decke, ohne jeden Schutz Regen, Kälte, Sturm und glühender Hitze ausgesetzt. Wieviele sind tatsächlich verhungert oder durch Unterernährung so krank geworden, daß sie elend, und oft noch ohne jede Pflege sterben mußten. Viele, viele Lagerfriedhöfe in Deutschland geben hiervon beredtes Zeugnis. Es war ja hoffentlich nicht überall wie gerade hier im Rheinland, es war ja gewiß ein schwieri­ges Problem mit den vielen Millionen deutscher Gefangener, aber es hätte doch vieles können vermieden werden. Wie mag es in russischer Gefan­genschaft sein? Man hört die widersprechendsten Schilderungen, in einem Lager ist es gut, in anderen wieder sehr schlecht. Ich will fest hoffen, wenn Erich noch lebt [...].“

Am 15. Dezember 1945 erfuhr Katharina Arens, dass ihr Sohn am Leben ist und es ihm gut geht, er aber in russischer Kriegsgefan­genschaft ist.

„6. Januar 1946:

[...] Wie wollen wir doch glücklich und zufrieden sein, wenn wir mal wie­der alle zusammen sind. Wir hätten dann ja auch alle Ursache dazu. Wir haben noch unser Heim, unser Vieh, unsere Existenz, unser Essen, und das ist im armen, geschlagenen Deutschland unendlich viel. Wie arm, wie elend, wie hungernd und frierend jetzt viele Deutsche, vorwiegend in den zerstörten Städten, leben müssen, könnt Ihr Soldaten im Ausland Euch gar nicht vorstellen. Schon allein in diesen Ruinen leben zu müssen, stelle ich mir schrecklich vor. [...]“

„17. Februar 1946:

[…] Nun habe ich bereits von 3 Stellen Bescheid, daß Erich lebt, er befindet sich in einem politischen Gefangenenlager in Landsberg a./d. Warthe. Ich habe sogar einen kleinen, kostbaren Zettel von ihm mit den 3 Worten: ‚Erich Arens, lebt!‛ Nach diesem 1. Brief bekam ich noch einen von einem Mädel namens Rosemarie Neuling, auf meine Anfrage schrieb sie mir aus­führlich, Erich sei in einem Jugendlager, sei am 3.11. noch gesund gewesen und es ginge ihm einigermaßen erträglich. [...]“

„10. März 1946:

[…] Nun sind es bereits wieder über 4 Monate, daß ich nichts von Erich gehört habe. Kämen nicht immer wieder Nachrichten, daß so viele schon in russischer Gefangenschaft gestorben sind, so wäre das Warten leichter und die Hoffnung auf ein Wiedersehn weniger gefährdet. Aber ich will nicht undankbar sein, ich will diese schreckliche Zeit der Ungewißheit nicht vergessen und nicht das große Glück, daß Erich überhaupt noch aus diesem Endkampf gesund rauskam. Ich weiß ja, daß in dieses Gebiet keine Post geht und ich will nicht verzagen. Ich will ganz stark sein und fest hoffen, daß Erich eine menschliche Behandlung hat und er nicht zu hun­gern und zu frieren braucht. Wären nur nicht die großen Sorgen um einen neuen Krieg mit Rußland! Unser Herrgott wird doch ein Einsehen haben und endlich der Welt den langersehnten Frieden schenken. […]“

„9. März 1947:

[...] Welche Hoffnungen hatte ich nicht in das Jahr 1946 gesetzt. Eine große Freude durften wir erleben! Mein lieber Mann kam am 10. April ganz unverhofft aus England heim. Wie oft hatte ich mir unser Wiedersehn ausge­malt, aber die Wirklichkeit war ganz anders. Der Zufall wollte es, das ich an dem Tag in Koblenz war. An der belebtesten Straßenkreuzung an den 4 Türmen standen wir plötzlich einander gegenüber. Die Überraschung war beiderseitig und unsere Freude übergroß. Wir sind glücklich, daß wir uns wiederhaben, das wir zusammen arbeiten können. Ist es auch der Ar­beit besonders im Sommer manchmal zu viel, so müssen wir doch sagen, es geht uns gut. Wir haben unser Heim, unsere Arbeit, unser Auskommen und was viel ist im armen Deutschland, satt zu essen. Aber ein großes Leid, von unserem lieben Jungen haben wir nun schon seit über 1 Jahr nicht mehr das Geringste gehört. Wie war ich und wir aller voller Freude, als die Nachricht kam, daß Erich lebt und so voller Hoffnung auf baldige Post. Statt dessen gar nichts, jedes Lebenszeichen bleibt aus. [...]“

„23. März 1947:

[...] Wieder ist eine Woche Warten vorbei. Immer hoffe ich, immer warte ich auf Post, von Montags bis Samstags und dann wieder bis Montag ist, im­mer vergebens. Nun stehe ich mit 4 Berliner Familien in Briefwechsel, im­mer nur hoffend, der eine oder andere könnte mir mal etwas Positives schreiben. [...] Statt dessen fiel ich [...] auf einen ganz gerissenen Schwindler herein, der mit den besten Beziehungen zur russische Behörde auffuhr und uns ganz fest versprach, Erich in ganz kurzer Zeit heimzubringen. Welche Hoffnungen und Erwartungen hatten wir auf seine festen Versprechungen gesetzt, aber es war alles Lug und Trug. Es ging ihm nur darum, seine lee­ren Einmachtöpfe zu füllen, dafür machte er uns den ganzen Schwindel vor. Heute sitzt er wegen Rauschgiftfälschung und Schmuggel [...].“

„6. April 1947:

[...] Wieviele kommen heim und stehen buchstäblich vor dem Nichts. Kein Heim, keine Kleidung und nur das dürftigste Essen. Die Not und der Hun­ger in Deutschland sind grenzenlos. Und keinerlei Aussicht auf Besserung. Die Schäden, die der lange, kalte Winter angerichtet hat, sind schlimmer, als es erst den Anschein hatte. Im Ruhrgebiet streikten schon 100.000de von Arbeitern wegen der schlechten Ernährung. Hoffentlich haben die Sie­germächte doch bald ein Einsehen mit dem armen, zerquälten, verhunger­ten Deutschland und geben uns bald einen tragbaren Frieden. 2 Jahre ist der Krieg jetzt beendet, aber immer noch kein Friede. Statt dessen droht immer wieder erneut das Gespenst des Krieges. In Moskau tagt schon seit Anfang März die alliierte Friedenskonferenz. Aber es ist anscheinend sehr schwer für Deutschland das Richtige zu finden, denn die Beratungen hat­ten bis jetzt noch wenig Erfolg. Die Deutschen haben nichts mitzureden, gar nichts, sind überhaupt nicht zugelassen. Wir müssen auf die Großmü­tigkeit der Sieger bauen, wir sind ihnen auf Gedeih oder Verderb ausgelie­fert. Möge Gott ihnen allen das rechte Einsehen geben, daß die Schuld so verteilt wird, wie es wirklich ist. Wie immer, wenn ein Streit war, an alle Beteiligten.“

„20. April 1947:

Es kam eine Nachricht! Ich war so entsetzt, so bestürzt, ich konnte es nicht fassen. Anonym erhielten wir ein Schreiben des Inhaltes, Erich sei vom Lager Buchenwald auf dem Transport nach Russland. Der Schreiber will ihn am 25. Febr. in Brest-Litowsk getroffen haben. Der Brief war vom 10.3. datiert und kam aus dem Bezirk Potsdam. Die Nachricht traf uns alle furchtbar. Unser armer, armer Junge. Nun warst Du 2 Jahre in Deutschland in Gefangenschaft und statt nach Hause in das schreckliche Russland. [...]“

„25. Mai 1947:

[...] Und wieviele sind es, die bis heute noch nicht das Geringste von ihren Lieben gehört haben. Aus unserem Dorf sind es allein annähernd 20. Ich will sie nicht vergessen, diese schreckliche Zeit der Ungewissheit. Viel­leicht ist es doch möglich, daß Erich einmal persönlich schreibt.“

„21. Januar 1949:

[...] Jetzt sind schon bald 1 1 / 2 Jahre her, daß ich nicht mehr in Dich mein liebes, nicht vergessenes Tagebuch geschrieben habe. [...] Und was hat sich nicht alles ereignet in der Zwischenzeit! Erich hat geschrieben! Bis an das Ende meines Lebens wird mir der 3. Sept. 1947 der größte Freudentag mei­nes Lebens bleiben, der nur von dem Tag der Heimkehr Erichs kann über­troffen werden. [...] Mit Erich stehen wir seither in reger Post und jede an­kommende Karte gibt uns wieder neue Freude und neuen Mut. Wie groß war unsere und seine Hoffnung, daß er und alle anderen Kriegsgefangenen Weihnachten 1948 zu Hause wären. Aber wieder einmal ging eine schöne Hoffnung zuschanden. Welch großes Heimweh und Sehnsucht spricht aus jeder Karte, die er aus dem fernen Sibirien schickt.“

„3. April 1949:

Ich bin in großer Sorge um Erich. Nun sind es schon über 4 Jahre, wo mich und viele andere Mütter und Frauen dieser Alpdruck, diese bange Sorge treu begleitet. Der Russe schickt einen großen Teil seiner Gefangenen heim, verschiedene Transporte sind schon angekommen, weitere werden erwartet. Immer wieder hört man von Heimkehrern, daß überall strenge Kontrollen sind, daß alle SS Soldaten festgehalten würden und noch nicht heimdürften. Was ist mit Erich? Ob er viel krank ist, ob er auch noch zu­rückgehalten wird? Aus all seinen Karten spricht so eine große Sehnsucht nach der Heimat. Ich will ruhig sein und ganz fest auf Gott vertrauen, ich weiß ihm großen Dank für die Gewissheit, er lebt und will nun fest hoffen, daß auch er recht bald wieder in seine geliebte Heimat darf.“

Und tatsächlich kehrte Erich Arens am 23. Dezember 1949 aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause zurück.

Tagebuch im Privatbesitz von Irmgard Leihberger geb. Arens, Tochter der Verfasserin Katharina Arens geb. Eifler.

[1] Eiserne Hand, Flurbezeichnung bei Wolken.

[2] = Wehrmacht.

[3] Der 1940 von der Wehrmacht angelegte Pionierpark lag zwischen der Marienfelder Straße und dem Kesselheimer Weg.

[4] Zwangsverpflichtete Arbeiter und Kriegsgefangene.

[5] Der polnische Zwangsarbeiter.

[6] Die polnische Zwangsarbeiterin.

[7] Benito Mussolini, seit dem 25. 7.1943 entmachtet, jedoch am 12. 9.1943 von deutschen Fallschirm­jägern befreit, wurde am 28.4.1945 von kommunistischen Partisanen auf der Flucht in die Schweiz ergriffen und erschossen; seine Leiche wurde aufgehängt.

[8] Eine von den Amerikanern herausgegebene Zeitung („Frankfurter Presse").

[9] Etwa in Lützel und Metternich.





Kesselheim am Rhein

Hersteller: Verlag Foto Bubenheim, Koblenz, Florinsmarkt 8., Ansichtskarte, Ca. 1940

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StAK_FA_4,21_Nr_5_Bild_085.jpg
Kesselheim am Rhein. Teilansicht von Kesselheim vom Rhein, Pfarrkirche St. Martin und Pfarrhaus sowie Kaufhaus Felix Gille; ca. 1940.


Aufforderung zur Wiederaufnahme der Arbeit

Herausgeber: Oberregierungspräsidium Mittelrhein-Saar, Dr. [Hermann] Heimerich
Hersteller: Meininger-Druck, Neustadt an der Weinstraße, Plakat, 1945

Aus der Sammlung von

Stadtarchiv Koblenz

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Stadtarchiv Koblenz

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Plakat_Nr_24.jpg
Bulletin No. 2/Mitteilung Nr. 2 [englisch/deutsch]. Aufforderung an die Bauern und Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit, März-Juli 1945.


Irmgard Leiberger geb. Arens

Digitale Fotografie (Porträt) bunt, 11. März 2025

Aus der Sammlung von

Stadtrachiv Koblenz

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2025-03-11_Irmgard Leiberger geb. Arens.jpg
Irmgard Leiberger geb. Arens, Tochter der Tagebuchautorin Katharina Arens, in ihrem Haus in Koblenz-Kesselheim, 11. März 2025.

Archivalische Quellen

Fotosammlung
  • FA 1,16
  • FA 1,17
  • FA 1,60
  • FA 1,100
  • FA 1,240
  • FA 4,21
  • FA 4,24
  • FA 2
Nachlässe
  • N 51
Plakate
  • P 24
Sachthematische Sammlungen
  • S 3
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