Glaube im Gleichschritt?
Die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig im Nationalsozialismus
- Glaube im Gleichschritt?
- 01 Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“
- 02 Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“
- 03 Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit
- 04 Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer
- 05 Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie
- 06 Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand
- 07 Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung
- 08 Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit
- 09 Verwendete Quellen und Literatur
- Glaube im Gleichschritt?
- 01 Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“
- 02 Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“
- 03 Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit
- 04 Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer
- 05 Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie
- 06 Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand
- 07 Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung
- 08 Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit
- 09 Verwendete Quellen und Literatur
Eine virtuelle Ausstellung von
Calvinismus im Kernland des Luthertums
Auch wenn das nach 1926 entstandene Einstiegsfoto recht ruhig anmutet, war Leipzig an der Wende zu den 1930er Jahren ein pulsierendes Handels- und Messezentrum und mit rund 700.000 Einwohnerinnen und Einwohnern die viertgrößte Stadt des Deutschen Reichs. In konfessioneller Hinsicht dominierte in der Stadt seit der Einführung der Reformation zu Pfingsten 1539 und geprägt durch das nahe Wittenberg das Luthertum. Aber auch eine kleine Minderheit reformierter Protestantinnen und Protestanten, die sich auf den Genfer Reformator Johannes Calvin (1509–1564) anstelle Martin Luthers (1483–1546) beriefen und deshalb auch Calvinisten genannt wurden, waren in Leipzig zu Hause. Die ersten waren als niederländische Kaufleute bereits im 16. Jahrhundert nach Leipzig gekommen, mussten im lutherischen Sachsen ihren Glauben jedoch als „Kryptocalvinisten“ (geheime Calvinisten) im verborgenen leben und befanden sich in ständiger ökonomischer Konkurrenz zur alteingesessenen Leipziger Kaufmannschaft, die z. B. im Mai 1593 im Leipziger „Calvinistensturm“ eskalierte, einer Revolte gegen des Calvinismus verdächtige Leipziger Kaufmänner.
Titelbild: StadtAL, 0563 (Fotosammlung), Nr. 34125: Fleischerplatz mit der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig im Hintergrund, nach 1926, Ansichtspostkarte, Druck bzw. Verlag nicht bekannt.
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Leipziger „Calvinistensturm“
Erstürmung und Plünderung des Hauses des Calvinisten Adolph Weinhaus am Naschmarkt in Leipzig am 20. Mai 1593
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Hugenottenimmigration nach Leipzig und hugenottische Gemeindegründung
Als die französischen Calvinisten, genannt Hugenotten, mit dem Edikt von Fontainebleau (1685) Ludwigs XIV. (1638–1715) ihre Religionsfreiheit verloren, setzten Emigrationswellen in die Niederlande, die reformierte Schweiz und nach Übersee ein. Rund 20.000 französische Glaubensflüchtlinge, genannt Réfugiés, gingen nach Brandenburg, wo Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620–1688) ihnen Glaubensfreiheit und großzügige Steuerprivilegien versprach, um sein nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) darniederliegendes Kurfürstentum wieder aufzubauen. Nur eine kleine Minderheit von rund 250 Hugenottinnen und Hugenotten wanderte nach Sachsen ein und ließ sich in Dresden und Leipzig nieder. Im September 1700 beantragten die Leipziger Réfugiés die Gründung einer französischsprachigen reformierten Gemeinde, was ihnen mit dem Duldungsdekret des sächsischen Kurfürsten ein Jahr darauf genehmigt wurde.
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Titelblatt des Edikts von Potsdam von 1685
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„Gott gebe Wachstum“ – „Gott gab Wachstum“
Mit der Wahl Georg Joachim Zollikofers (1730–1788) zum zweiten Pfarrer, der nun vorwiegend deutsch predigen sollte, gewann die reformierte Gemeinde zu Leipzig immer stärker an Ausstrahlungskraft in die Stadtgesellschaft als Ort liberalen Denkens und großer Toleranz. Im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wuchs die Gemeinde, wie auch die Stadt Leipzig im Zuge der Industrialisierung, rasant und umfasste 1928 schließlich rund 15.000 Gemeindeglieder. Großkaufleute und Verleger aus der Leipziger Oberschicht prägten maßgeblich das Gemeindeleben; genannt seien z. B. die Familien Baedecker, Reclam, Meiner oder Dufour. 1929 wurde in Chemnitz eine Zweiggemeinde gegründet. Bereits im März 1899 war die noch heute bestehende reformierte Kirche zu Leipzig an prominenter Stelle am Tröndlinring 7 westlich des Hauptbahnhofs eingeweiht worden und kündete vom neuen Selbstbewusstsein der Leipziger reformierten Diaspora. Kirchturm und die Dächer von Kirche und angeschlossenem Predigerhaus ragen hinten rechts auf dem Einstiegsbild über die Bäume hinaus. Weil aus der kleinen hugenottischen Gemeindegründung eine stattliche Großstadtgemeinde geworden war, konnte eine Gemeindechronik von 1950 den Wahlspruch der Leipziger reformierten Gemeinde „Gott gebe Wachstum“ (lat. Deus det incrementum) rückblickend als Erfüllung neu deuten: „Gott gab Wachstum“.
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Fassade der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig am Tröndlinring 7
Links der lateinische Wahlspruch Deus det incrementum, Gott gebe Wachstum
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Frank Vincentz
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Zum Ausstellungsprojekt
Als am 30. Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler die Nationalsozialisten die Macht an sich rissen, blieb die reformierte Gemeinde zu Leipzig von den folgenden kirchenpolitischen Turbulenzen nicht unberührt. Das 325. Gründungsjubiläum der Evangelisch Reformierten Kirche zu Leipzig nahm eine Gruppe Studierender zum Anlass, sich im Rahmen eines Hauptseminars im Sommersemester 2025 mit der Geschichte der Gemeinde im „Dritten Reich“ zu befassen. Wir verschafften uns einen Überblick über die Kirchengeschichte der NS-Zeit, wälzten Akten im Gemeindearchiv und fassten unsere Ergebnisse in Texten zusammen. Das Produkt der Auseinandersetzung mit dem Thema stellt diese virtuelle Ausstellung dar. Sie füllt zugleich eine Forschungslücke, denn selbst der umfangreiche Sammelband „In der Mitte der Stadt. Die evangelisch-reformierte Kirche zu Leipzig von der Einwanderung der Hugenotten bis zur Friedlichen Revolution“ des ehemaligen Leipziger reformierten Pfarrers Hans-Jürgen Sievers (1943–2019) aus dem Jahr 2000 enthält keinen Aufsatz zur Gemeindegeschichte im Nationalsozialismus. So soll diese Ausstellung auch einen Beitrag zur Schließung dieser Forschungslücke sowie der Information von Gemeinde, Stadtöffentlichkeit und darüber hinaus über das Schicksal der Gemeinde und ihrer Mitglieder in der Zeit des Nationalsozialismus leisten.
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Gruppenfoto der Kuratorinnen und Kuratoren der Ausstellung
von links nach rechts, oben: Deborah Simon, Annika Hackel, Michelle MacQuarrie, Johann Meyer unten: Lorenzo Fucke, Johnny Leopold, Elias Huff, Wiebke Schmal nicht im Bild: Stefanie Nocht, Paul Vorkefeld
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Universität Leipzig/Thomas Linke, 4. Juli 2025
01
Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“
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Ansprache des Bischofs Hossenfelder zum Luthertag am 19. November 1933
Bundesarchiv, Bild 102-15234
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unbekannter Urheber/Bundesarchiv, Bild 102-15234
Beschreibung
Feier und Ansprache des Bischofs Hossenfelder zum Luthertag am 19.11.1933 vor dem Berliner Schloß, Fahnenbanner mit DC (=Deutsche Christen) und Hakenkreuz an den Fenstern.
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Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus
„Kirchenkampf“ in Dresden und Leipzig
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Die Ruine der Frauenkirche nach dem 17. September 1945: Sinnbild für den Irrweg der in den Nationalsozialismus involvierten lutherischen Landeskirche Sachsens
Deutsche Fotothek, df_ps_0000385_001
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Richard Peter (1895–1977)
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Die Verfassung als Bewahrerin der Gemeinde?
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Verfassung der evangelisch-reformierten Gemeinden in Sachsen vom 29. November 1931
Erstellt nach: Verfassung der evangelisch-reformierten Gemeinden in Sachsen vom 29. November 1931 (erstmalig in Kraft getreten am 29. Mai 1870, geändert zum 3. Juli 1909 und zum 29. November 1931). In: Gresch, Eberhard (Hg.): Reformierte Gemeinden in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Vierzehn Beiträge zu ihrer Geschichte und Gegenwart. Tagungsschrift zum 40. Deutschen Hugenottentag vom 2. bis 4. Oktober 1998 in Dresden (Tagungsschriften der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V. 13). Bad Karlshafen 1998, 90–93.
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Universität Leipzig/Johann Meyer, 2025
Beschreibung
Verfassung der evangelisch-reformierten Gemeinden in Sachsen vom 29.11.1931
Der „Bund evangelisch-reformierter Kirchen Deutschlands“
02
Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“
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ehemalige Reformierte Kirche in Dresden am Friedrichsring (heute Dr.-Külz-Ring)
1892–1894 nach Plänen von Harald Julius von Bosse im Stil der Neoromanik erbaut, 1945 bei den Luftangriffen auf Dresden ausgebrannt, 1963 gesprengt
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SchiDD
Beschreibung
Ehemalige Reformierte Kirche in Dresden am Friedrichsring, 1945 zerstört.
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Verfassungskrise oder „Kirchenkampf“?
Der sogenannte Dresdener „Verfassungskonflikt“ war ein Machtkampf um die Führung der Dresdener reformierten Gemeinde, der zwischen 1933 und 1935 in mehreren Etappen ausgetragen wurde. Was der Konfliktgegenstand genau war, ist bis heute umstritten. Auf den ersten Blick ging es vor allem um Vergehen des Pfarrers Richard Zitzmann (1892–1981) und des Dresdener Konsistoriums, die mit der Bekämpfung der Gemeindeversammlung die gemeinsame Verfassung gefährdet haben sollten. Doch es gibt auch eine andere Deutung: Pfarrer Zitzmann sei wegen der jüdischen Vorfahren seiner Frau und seiner Verbindung zur Bekennenden Kirche aus der Gemeinde verdrängt worden. Die Archivarbeit für diese Ausstellung erhärtet diese Sichtweise und gibt Aufschluss über die Rolle des Leipziger Konsistoriums in den konfliktreichen Entwicklungen.
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Untertitel 1
Ein Konflikt eskaliert
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Ein umstrittener Pfarrer
Obwohl er nur von 1930 bis 1935 Pfarrer in der Dresdener reformierten Gemeinde war, wirken die Spuren Richard Zitzmanns bis heute nach. Wiederholt wurde ihm ein ausgesprochen schwieriger Charakter vorgeworfen, was sich aus den Quellen gleichwohl nicht belegen lässt. Deutlich wird hingegen, wie bestimmt sich Zitzmann für kirchliche Freiheiten gegenüber staatlichem Einfluss einsetzte.
1922 heiratete der Theologe mit Eugenie Lebrecht (1897–1946) eine Frau, die christlich erzogen wurde, aber väterlicherseits jüdische Großeltern hatte. Für Zitzmann wurde dies, sowie seine Tätigkeit in der Bekennenden Kirche, in Dresden zum Problem.
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Pfarrer Richard Zitzmann (1892–1981) im Jahr 1943
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Eberhard Gresch
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Aus: Gresch, Eberhard: Bekenntnispfarrer Richard Zitzmann (1892–1981). Seine Vertreibung aus der Evangelisch-reformierten Gemeinde Dresden. In: Herbergen der Christenheit. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte 34/35 (2010/2011 [2013]), 175-194.
Beschreibung
Zitzmann im Jahre 1943
Der Ausbruch des Konfliktes
Wie die lutherischen Gemeinden der Stadt befand sich die reformierte Gemeinde zu Dresden in einer kirchenpolitisch aufgeheizten Situation. Bereits kurz nach der Machtübergabe an Hitler hatte es erfolglose Angriffe aus deutschchristlicher Richtung gegen Richard Zitzmann gegeben. Ende Mai 1934 forderten zehn Gemeindemitglieder öffentlich die Absetzung Zitzmanns und den Rücktritt des Konsistoriums, das ihn bisher gestützt hatte. In ihrer Begründung stellten die Antragsteller Zitzmann als selbstsüchtigen Unruhestifter dar. Das Konsistorium hielt zu ihm und verschob die Gemeindeversammlung. Außerdem entzog es den Antragstellern den Status als Gemeindehaupt. Am 4. Dezember 1934 eskalierte der Konflikt, als das Konsistorium mit Verweis auf die „Gefahr einer inneren Zersetzung der Gemeinde“ einen drastischen Schritt wählte und den Großteil der Gemeindehäupter abberief.
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Antrag zehn ehemaliger Dresdener Vorsteher und Diakone auf Entlassung Zitzmanns und Rücktritt des Konsistoriums vom 25. Mai 1934
Absetzungsantrag gegen Pfarrer Zitzmann
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Beschreibung
Antrag zehn ehemaliger Dresdener Vorsteher und Diakone auf Entlassung Zitzmanns und Rücktritt des Konsistoriums vom 25.05.1934
Ein zäher Machtkampf
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Porträt von August de Haas (1901–1956)
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Archiv der Evangelisch-reformierten Gemeinde zu Dresden
Ministerielle Entscheidungen
Das im Juli 1935 gegründete Reichskirchenministerium verfolgte kurzfristig das Ziel, die immer noch nicht völlig gleichgeschaltete Kirche zu „befrieden“. Die „Verfassungskrise“ der Dresdener reformierten Gemeinde sollte auf staatlichen Beschluss bereinigt werden. Der Entscheid des Reichskirchenministers vom 2. November 1935 bewertete das Handeln des Dresdener Konsistoriums als verfassungsbrüchige „Willkürmaßnahme“ und billigte im gleichen Zuge das Gegenkonsistorium um Gustav Rosenhagen und dessen Beschlüsse. Nur neun Tage später wurde die Anordnung ausgeführt, indem das alte Konsistorium abgesetzt und durch das neue ersetzt wurde. Zitzmann wurde Ende des Jahres fristlos entlassen, bildete zwischenzeitlich eine Bekenntnisgemeinschaft und war weiterhin in Auseinandersetzungen mit dem neuen Konsistorium involviert. Wiederholt wurde der Pfarrer vom NS-Regime bespitzelt und vorübergehend verhaftet. Zum Schutz seiner Frau erlebte er die letzten Monate des „Dritten Reichs“ im Untergrund.
Neuer Pfarrer wurde 1936 August de Haas (1901–1956), laut Rosenhagen habe die Gemeinde damit nun „endlich einen Pfarrer, wie sie sich ihn wünscht.“ De Haas' Nähe zur NSDAP drückte sich nicht zuletzt in seiner Mitgliedschaft in der SA aus, die er erst 1938 auf staatlichen Druck aufgab.
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Untertitel 2
Leipzig vermittelt
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Nun geht die bedauerliche Dresdner Krise aber auch die Leipziger Gemeinde an, weil es um die uns beiden gemeinsame Verfassung geht. Wird dieses gemeinsame Dach an einer Seite aufgebrochen, kann das eindringende Wetter auch die andere Seite ergreifen.
Rechtsanwalt Dr. Pietsch (Teil der Dresdener Opposition um Rosenhagen) am 11. März 1935 an das Leipziger Konsistorium (AerKL 479)
Verbindungen
Das Konsistorium der Leipziger Gemeinde war bemüht, sich aus dem Konflikt in Dresden herauszuhalten. Schon 1933 hatte das sächsische Volksbildungsministerium offensiv die „Gleichschaltung“ des Dresdener Konsistoriums verlangt, daher wollte man in Leipzig kein Aufsehen erregen. Zugleich bestanden zwischen beiden Konsistorien personelle Verbindungen.
Aus Leipzig wurde schließlich der Gemeindevorsteher und Schriftführer des Konsistoriums Walter Schubart (1934–1945 Vorsteher im Konsistorium) beauftragt, die Vermittlungen zu leiten. Der in die NSDAP eingetretene Schubart korrespondierte dabei weitaus intensiver mit der oppositionellen Gruppe um Rosenhagen. Rosenhagen warnte die Leipziger Gemeinde vor einem Auseinanderfallen der Verfassungsgemeinschaft, falls das jetzige Dresdener Konsistorium im Amt bleibe. Auch sei ein staatliches Durchgreifen in den Gemeinden unter Entzug des Körperschaftsstatus vorstellbar, besonders, da das Volksbildungsministerium Recht und Anlass dazu bereits gegeben sah. Wie der Brief des Leipziger Konsistoriums an das Ministerium belegt, bot Leipzig sich in dieser aufgeheizten Situation im Januar 1935 an, intern zu vermitteln.
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Schreiben des Leipziger Konsistoriums an das sächsische Volksbildungsministerium vom 15. Januar 1935
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Vermittlungsversuche
In „die sachlichen und persönlichen Differenzen“ wollte sich das Leipziger Konsistorium seiner Ansicht nach nicht einmischen, sondern nur die ordnungsgemäße Kirchenverwaltung wieder ermöglichen. In intensiven, zähen Briefwechseln und Treffen bemühte sich Leipzig, eine Einigung zwischen Konsistorium und Opposition zu erreichen. Zwei Vermittlungsvorschläge wurden unterbreitet. Deren Kernpunkte waren, die abberufenen Gemeindehäupter wieder einzusetzen und die Gemeindeversammlung einzuberufen. Gleichzeitig sollte unter Ausschluss Zitzmanns ein Teil des jetzigen Konsistoriums gesichert im Amt bleiben. Die Integrität des Dresdener Konsistoriums wurde so trotz Zugeständnissen in Frage gestellt. Im Juni 1935 informierte Leipzig das Volksbildungsministerium über den Vorschlag mit dem Verweis, bei einem Scheitern „unsere Rechtsansicht dem Ministerium zu unterbreiten“. Beide Konfliktparteien lehnten den Vorschlag ab, am 17. Juli scheiterte die Schlichtung endgültig.
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Schreiben Walter Schubarts an Gustav Rosenhagen vom 14. November 1935
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Beschreibung
Schreiben Walter Schubarts an Gustav Rosenhagen am 14. November 1935 zur Lösung des Verfassungskonfliktes in Dresden.
„Mit Rat und Tat zur Seite“
Die staatlichen Ministerien waren dem Dresdener Konsistorium um Zitzmann wenig wohlgesonnen. Auch die Leipziger um Walter Schubart fügten sich in dieses Bild ein. So wurde den oppositionellen Antragstellern attestiert, „in ehrlicher Absicht der Förderung der Gemeinde" gedient zu haben. Nach dem Scheitern der Vermittlungsbemühungen übermittelten sie dem Volksbildungsministerium die Ansicht, dass ein Eingreifen des Staates nun rechtmäßig und angebracht sei. Der bereits angesprochene Entscheid des Reichskirchenministers vom 2. November berief sich explizit auch auf sie „Auffassung der Evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig“.
Im Rückblick lobte das auf staatliches Betreiben hin eingesetzte Konsistorium die „Leipziger Schwestergemeinde, deren Konsistorium in der ganzen schweren Zeit uns mit Rat und Tat zur Seite stand“. Zugleich zeigt der Brief Schubarts an Rosenhagen wenige Tage nach dem ministeriellen Urteil die Überzeugung und einen gewissen Stolz, dass die Leipziger Auffassung zu diesem Entscheid maßgeblich beigetragen habe. Schubart begrüßte das staatliche „Machtwort“, kritisierte „Z[itzmann]“ nochmals scharf und entschuldigte sich sogar für das kompromisshafte Vorgehen während der Schlichtungsversuche. Von kompromissorientierter Neutralität lässt sich beim Verhandlungsführer des Leipziger Konsistoriums nur schwerlich sprechen.
Es wundert mich andererseits nicht, dass Herr Zitzmann Widerstand leistet. Über kurz oder lang wird aber auch er einsehen, dass das völlig nutzlos ist, und dass er sich nur recht bald von Sachsen fortbegibt und sich eine Stelle irgendwo sucht, wo er seine innere religiöse Auffassung besser an den Mann bringen kann.
Walter Schubart am 14. November 1935 an Alexander Tridon, seinen Schwager und Mitglied des abgesetzten Konsistoriums in Dresden (AerKL 479)
Zwischen Autonomie ...
... und Kollaboration
Dagegen muss der Aufsichtsbehörde das Recht zuerkannt werden, über den äusseren Rahmen, in dem sich das Gemeindeleben abspielt, und insbesondere über das Rechtsverfahren, nach dem Rechte erteilt oder entzogen werden, zu unterrichten und gegebenenfalls einzugreifen, denn ebenso wie der Staat nach dem ius circa sacra die Befugnis hat, eine Gemeinde als Religionsgemeinschaft anzuerkennen […], so muss auch der Staat nach dieser Anerkennung darüber wachen, dass in der Betätigung des Gemeindelebens diese allgemeinen Rechtsgrundsätze gewahrt bleiben, die auf allen Rechtsgebieten, dem öffentlichen, privaten und kirchlichen auch ungeschrieben gelten.
Das Leipziger Konsistorium an das sächsische Volksbildungsministerium am 30. August 2025 (AerKL 479)
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Untertitel 3
Geistliche disziplinieren
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Disziplinarhöfe
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Porträt von Hanns Kerrl (1887–1941), Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten
Aus: Kienast, Ernst (Hg.): Der Großdeutsche Reichstag 1938, IV. Wahlperiode. Berlin 1938.
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Robert Röhr, Magdeburg , Wikimedia Commons
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Fotografie Hans Kerrl, 1938 oder früher
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Eine reformierte Disziplinarordnung
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Deckblatt des Entwurfs der Disziplinarordnung vom Oktober 1936
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Beschreibung
Deckblatt der Disziplinarordnung der evangelisch-reformierten Gemeinden zu Leipzig vom 7. März 1937.
Nachwehen des Konfliktes
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Untertitel 4
Ein reformiertes Bekenntnis im „Führerstaat“?
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Reformierte Zerreißproben
Bekenntnisfragen
Wie im Dresdener „Verfassungskonflikt“ deutlich wurde, stand das neu eingesetzte Konsistorium der Bekennenden Kirche kritisch gegenüber. Ablehnung erfuhren besonders die bekenntniskirchlichen Christen des Wuppertaler Profils, die auffallend staatskritisch eingestellt waren. Durch den Beitritt zum Reformierten Bund hatte Pfarrer Zitzmann die Dresdener Gemeinde dieser Bewegung temporär nähergebracht.
Auch der Leipziger Verhandlungsführer Walter Schubart kritisierte eine Annäherung an die in Wuppertal konzentrierte Bekennende Kirche, „zumal diese es dahin gebracht haben, dass man reformiert gleich staatsfeindlich ansieht“. Beide Gemeinden können also sicherlich nicht einem bekenntniskirchlichen Profil zugeordnet werden, auch wenn Einzelne wie Pfarrer Hugo Specht (1893–1943, Gemeindepfarrer der reformierten Gemeinde zu Leipzig 1937–1943) mit ihr sympathisierten.
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Ort der Barmer Bekenntnissynode im Mai 1934: Die Gemarker Kirche in Wuppertal im Jahr 1890
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Gobel
Beschreibung
Ort der Bekenntnissynode. Die Gemarker Kirche 1890.
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Ein Weg der loyalen Mitte
Gleichzeitig ergeben die Quellen für Leipzig das Bild einer Gemeinde, die mit der Einheit der Gemeinde auch deren Eigenständigkeit erhalten wollte. Festlegungen auf eine kirchenpolitische Richtung sollten vermieden werden, gerade um ein gemeinsames reformiertes Bekenntnis zu erhalten, das auch abweichende Positionen integrierte. Sonst bestehe die Gefahr, dass man „uns, insbesondere die Gemeinden mit liberaler Auffassung, wie sie im Bund ev[angelisch]-ref[ormierter] Gemeinden zusammengeschlossen sind, an die Wand drückt“.
Gerade in der Kooperation mit staatlichen Akteuren sah man die Möglichkeit, die kleiner werdenden Handlungsspielräume auszuschöpfen. Doch obwohl ein so tiefgreifender Konflikt wie in Dresden vermieden werden konnte, befanden sich auch die Leipziger auf keinem ruhigen, ungestörten Weg der Mitte.
03
Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit
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Luftaufnahme der Reformierten Kirche zu Leipzig
Blick von der Richard-Wagner-Straße in Richtung Norden: im Vordergrund Ringmessehaus, Hotel Fürstenhof (jeweils hakenkreuzbeflaggt) und Reformierte Kirche; im Hintergrund der Zoo mit Gesellschaftshaus. Aus: Oehme, Ursula / Ebert, Karin / Kaufmann, Christoph / Kloeppel, Claudia: Verwundungen. 50 Jahre nach der Zerstörung von Leipzig. Leipzig 1993, 99; wiederum aus: Sächsisches Staatsarchiv, Staatsarchiv Leipzig, Messeamt I 20202, Nr. F 2375.
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Hansa Luftbild AG
Die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen und religiöser Bildung in und durch die reformierte Gemeinde zu Leipzig spiegeln die sich wandelnden kirchen- und schulpolitischen Großwetterlagen der Weimarer Republik und der NS-Zeit wider. Die Gemeinde verzeichnete zwar durchgehend mehr Ein- als Austritte, erstere erreichten jedoch in der „nationalprotestantischen Euphorie“ des Jahres 1933 einen nie dagewesenen Höhepunkt. Unter den Beigetretenen befanden sich zahlreiche Lehrkräfte, die aus Sorge um ihre berufliche Zukunft Mitglied der reformierten Gemeinde wurden. Die ab 1936 offen kirchenfeindliche Haltung des nationalsozialistischen Regimes zwang die Gemeinde immer stärker, Religionsunterricht und Jugendarbeit in den Raum der Gemeinde zu verlagern, blieb dabei jedoch von der „Gleichschaltung“ kirchlicher Jugendverbände im NS-Staat nicht verschont.
Weimarer Republik
Kirchenaustritte und Übertritte aus der lutherischen Landeskirche
Nach der Novemberrevolution von 1918 und dem verlorenen Ersten Weltkrieg gerieten die deutschen evangelischen Kirchen, die den Krieg bis zuletzt religiös legitimiert hatten, in eine schwere Glaubwürdigkeitskrise, die sich in einer Kirchenaustrittswelle niederschlug. Auch die reformierte Gemeinde zu Leipzig war hiervon betroffen, vermutlich weil sich der Gemeindepfarrer Rudolf Mühlhausen (1879–1958, Gemeindepfarrer 1909–1935) als besonders engagierter Kriegsprediger exponiert hatte. 1921 erreichten die Austritte aus der Gemeinde mit 116 ihren Höhepunkt. Reichsweit nahm die Leipziger Kirchenaustrittsbewegung den Spitzenplatz ein: Ein Kirchenaustrittsgesetz vom 4. August 1919 ermöglichte allen mindestens Vierzehnjährigen in Sachsen den unbürokratischen und kostenfreien Kirchenaustritt.
SPD und KPD, die in der Stadtverordnetenversammlung dominierten, ermutigten – unterstützt von der Leipziger Volkszeitung als Organ der politischen Linken und atheistischen Freidenkervereinen – offen zum Kirchenaustritt. Auch die reformierte Gemeinde zu Leipzig blieb davon nicht unberührt.
Im Gegensatz zur sächsischen Landeskirche konnte die Gemeinde den Mitgliederschwund jedoch mehr als ausgleichen: Ebenfalls im Jahr 1921 traten 118 lutherische Protestantinnen und Protestanten in die Leipziger reformierte Gemeinde über. Die Zahl der Übertritte aus der lutherischen sächsischen Landeskirche steigerte sich sogar bis auf 359 im Jahr 1926, bevor diese wieder abnahmen. Insgesamt traten von 1920 bis 1932 2.648 Lutheranerinnen und Lutheraner der Gemeinde bei, jedoch nur 62 Katholikinnen und Katholiken sowie 21 Konfessionslose.
Ausschlaggebend war hierfür erstens die Anziehungskraft des liberaltheologischen Profils der reformierten Gemeinde im Gegensatz zum konservativ-orthodoxen Luthertum, insbesondere für die weltoffene städtische Bevölkerung Leipzigs. Gerade Pfarrer Mühlhausen vermochte es als begnadeter Kanzelredner, Menschen für einen mit der Moderne kompatiblen Protestantismus zu begeistern. Neue Pfarrer sowie Konfirmandinnen und Konfirmanden verpflichteten sich mit einem Eid bzw. Gelübde, den Charakter der Gemeinde als „Hort protestantischer Gewissensfreiheit“ zu erhalten. Zweitens spielten aber auch profane Gründe eine Rolle: Lutherische Christinnen und Christen konnten durch einen Übertritt zur reformierten Gemeinde der Zahlung der Kirchensteuer entgehen, die erst 1919 eingeführt worden war. Während in Dresden deshalb auch die reformierte Gemeinde eine zehnprozentige Kirchensteuer einführte, um „Kirchensteuerflucht“ als Übertrittsgrund auszuschließen, blieb die Leipziger reformierte Kirche bei der bisherigen Praxis, bei der Mitglieder nur Beiträge in selbst zu bemessender Höhe entrichteten.
Die Übertrittswelle erregte in der lutherischen sächsischen Landeskirche einen gewissen Unmut, der in „gehässigen Angriffen“ auf die reformierte Gemeinde zu Leipzig im „Markus-Boten“ der lutherischen Markuskirchgemeinde in Leipzig-Reudnitz und in der (lutherischen) Sächsischen Kirchenzeitung zum Ausdruck kam. Die reformierte Stammgemeinde in Leipzig trat den neu hinzugekommenen Gemeindemitgliedern mit einem gewissen Misstrauen entgegen, das sich in dem Ausschluss von Partizipationsmöglichkeiten zeigte: Trotz des Gemeindewachstums nahm die Zahl der mitbestimmungsberechtigten Gemeindehäupter nicht zu und verharrte bei einer Zahl von rund 200 Personen.
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Werbeblatt des Bundes sozialistischer Freidenker, 1922
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Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.-Nr. D7702
Auf dem Brachfeld lag Unmut und Verdrossenheit eines Volkes, das müde und verbraucht war von Krieg und Hunger […]. Mit ehrlichem Trotz und mit dem kühnen Glauben, daß das deutsche Volk sich auf die Dauer doch nicht verlieren kann, haben [einige] immer und immer wieder Saat gestreut und die junge Saat gehegt und gehütet. Die Saat ging auf. […] Es ist wie ein Wunder, was vor unseren Augen geschieht: das Volk hat sich zu sich selbst zurückgefunden, zu deutschem Selbstgefühl, zu Ehre und Würde. Ein neuer deutscher Mensch ist geworden, dem man seine innere Wiedergeburt am Gesicht ansieht. […] Sie sind alle voll Zucht und Sitte und Straffheit, voll Freundlichkeit und auch voll Freude. […] Der deutsche Mensch hat sich auf das besonnen, was über den Krämersorgen und -fragen liegt: auf seinen Gott. […] [I]ch frage in diese überfüllte Kirche hinein: wer hat euch hierherkommandiert? Niemand, Niemand, aber getrieben hat euch der neue deutsche Geist, der nun frei geworden ist, der deutsche Geist, der keine Lust hat im Staube zu wühlen, der seine Schwingen kühn ausbreitet und in breiten Kreisen sich zur Sonne hebt. […] Die deutsche Ernte ist da.
Gemeindepfarrer Rudolf Mühlhausen in seiner Predigt zum Erntedankfest 1933
Mühlhausen, R[udolf]: Erntedankfest. In: Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig 6 (1933) 2, 1–4, hier: 3.
Die nationalprotestantische Euphorie des Jahres 1933
Die „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 versetzte den deutschen Protestantismus in eine allgemeine patriotische Hochstimmung. Die vielfach verhasste Weimarer Republik war endlich Geschichte, nationalistische und protestantische Gesinnung konnten endlich wieder stolz zur Schau gestellt werden, die wirtschaftliche Situation schien sich nach der Weltwirtschaftskrise wieder zu bessern. Reichskanzler Adolf Hitler (1889–1945) gab sich zunächst betont kirchenfreundlich, weil er zur Festigung seiner Machtposition auf die Zustimmung der evangelischen Bevölkerungsmehrheit angewiesen war.
Einen Höhepunkt des „evangelischen Vertrauensfeldzugs“ Hitlers bildete der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933. Mit katholischen und evangelischen Festgottesdiensten und einem Staatsakt in der Potsdamer Garnisonkirche wurde der am 5. März neu gewählte Reichstag eröffnet, in dem die NSDAP zusammen mit der DNVP eine Mehrheit besaß. Der Katholik Hitler verneigte sich beim Staatsakt demonstrativ vor Reichspräsident Paul von Hindenburg (1847–1934), was im deutschen Protestantismus als demonstrative Unterwerfung der nationalsozialistischen Bewegung unter die alten nationalprotestantisch-bürgerlichen Eliten des Deutschen Kaiserreichs verstanden wurde, die Hindenburg repräsentierte.
Auch die Leipziger reformierte Gemeinde wirkte an der Inszenierung des Bündnisses von Nationalsozialismus und Nationalprotestantismus mit: Das Konsistorium beschloss auf Bitte der Reichsregierung, zum „Tag von Potsdam“ neben der Kirchenfahne mit lila Kreuz auf weißem Grund am Kirchturm auch die schwarz-weiß-rote Reichsflagge am Pfarrhaus aufzuziehen. Am 3. Juli 1933 bestimmte das Konsistorium, zusätzlich noch eine Hakenkreuzflagge anzuschaffen und alle drei Fahnen künftig aus den oberen Turmluken des Kirchturms zu hissen. Selbst der reformierte Gemeindepfarrer Rudolf Mühlhausen, der der DNVP und dem Stahlhelm beigetreten war, dem Nationalsozialismus aber durchaus kritisch gegenüberstand, ließ sich von der allgemeinen nationalen Begeisterung mitreißen, wie seine Predigt vom Erntedankfest 1933 veranschaulicht.
In dieser nationalprotestantischen Begeisterung setzte ein großer Zustrom in die Kirchen ein. Die evangelisch-reformierte Kirche zu Leipzig verzeichnete für das Jahr 1933 einen Rekordwert von insgesamt über 2.000 Aufnahmegesuchen. Im Gegensatz zur Zeit der Weimarer Republik, in der es sich bei den Beitrittsuchenden vor allem um lutherische Christinnen und Christen handelte, bestand nun die überwältigende Mehrheit von 1.781 der 2.026 im Jahr 1933 Beigetretenen aus „Dissidenten“, die vor einiger Zeit aus der Kirche (meist der lutherischen sächsischen Landeskirche) ausgetreten waren. Trotz individueller Prüfung jedes einzelnen Aufnahmegesuchs durch die Gemeindepfarrer und teilweise erst nach einer sechsmonatigen Probezeit, in der die Beitrittswilligen ihren Willen zur aktiven Beteiligung am Gemeindeleben unter Beweis stellen mussten, hatte das Konsistorium die nicht ganz unbegründete Befürchtung, „daß sich auch einige nicht ganz aufrichtige Mitgänger unter den Aufgenommenen befinden“.
Die religiöse Euphorie des Jahres 1933 und der überwältigende Zustrom zur reformierten Kirche entfalteten eine geradezu sedative Wirkung: Die beginnenden Ausgrenzungen und Verfolgungen von Jüdinnen und Juden sowie anderen Minderheiten, von Andersdenkenden und Nonkonformen wurde kaum wahrgenommen.
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Übertritte zur und Austritte aus der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
Daten nach: Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991, 162f. (AerKL 606).
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Johannes Hohlfeld/Johann Meyer
Man räumte dem Gottlosen die Freiheit ein, sich verletzt zu fühlen, wenn in seiner Gegenwart gebetet wurde. Jeder Lehrer konnte Religionsunterricht ablehnen und dadurch zur Schau tragen, daß Religion und Christentum etwas Entbehrliches und Unnötiges wären. […] Die Freiheit des marxistisch gerichteten Erziehers war alles […]. […] Bestand doch in Sachsen bis zu den Verordnungen dieser letzten zwei Wochen eine geradezu frevelhafte Entrechtung der national und christlich gesinnten Lehrerschaft.
Sächsischer Minister für Volksbildung Wilhelm Hartnacke (1878–1952) im Frühjahr 1933
Hartnacke, W[ilhelm]: Der Neubau des deutschen Schulwesens. Rundfunkrede des Beauftragten des Reichskommissars für das Sächsische Volksbildungsministerium. 3. Auflage. Leipzig 1933, 8f.
Kirchenbeitritte von Lehrkräften
Unter den 1933 beigetretenen Konfessionslosen befanden sich besonders viele Lehrkräfte. Dies war durch die Schulpolitik des ehemaligen Dresdener Stadtschulrats Wilhelm Hartnacke (1878–1952, DVP, seit 1931 DNVP, 1933–1934 NSDAP) bedingt, der im März 1933 Minister für Volksbildung von Sachsen im Kabinett des nationalsozialistischen Ministerpräsidenten Manfred von Killinger (1886–1944) geworden war. Neben der rigiden Beschränkung des Zugangs zu höheren Bildungseinrichtungen, die sogar über die Vorgaben aus Berlin hinausging, war die umfassende „Rekonfessionalisierung“ des sächsischen Schulsystems sein Hauptanliegen.
Die sozialdemokratische sächsische Landesregierung hatte zuvor mit dem Übergangsschulgesetz vom 22. Juli 1919 Konfessionsschulen in kommunale Leitung überführt. Leitbild war eine „weltliche Schule“ anstelle einer dem christlichen Bildungsideal verpflichteten Bekenntnis- oder Konfessionsschule. Der konfessionelle Religionsunterricht war im gleichen Jahr aus dem Lehrplan gestrichen und als Ersatzfach „Lebenskunde“ eingeführt worden. Mit dem Inkrafttreten der Weimarer Reichsverfassung und einem Urteil des Reichsgerichts 1920 wurde das Übergangsschulgesetz aufgeweicht: Weltliche Gemeinschaftsschulen und konfessionelle Bekenntnisschulen bestanden nun nebeneinander. Schülerinnen und Schüler bzw. deren Erziehungsberechtigte konnten von da an zwischen konfessionellem Religionsunterricht und bekenntnisfreier Lebenskunde wählen. Der Anteil derer, die in Leipzig Letzteres besuchten, lag im sächsischen Vergleich vorn. Auch in der Leipziger Lehrerschaft regte sich Widerstand: Viele traten aus der Kirche aus und verweigerten die Erteilung des Religionsunterrichts unter kirchlicher Aufsicht.
Wilhelm Hartnacke schaffte mit Ostern 1933 das Fach Lebenskunde ab und zwang auch konfessionslose Schülerinnen und Schüler zur Teilnahme am Religionsunterricht. Er führte außerdem die Rahmung des Unterrichts durch Andacht, Gebet und Choralgesang wieder ein. Mit der Verordnung über „Vaterländische und christliche Schulerziehung“ vom 14. März 1933 verpflichtete er alle Lehrkräfte auf „die Erziehung deutscher Jugend zum nationalen und völkischen Gedanken, zum Christentum und zu echter Volksgemeinschaft“. „Äußerungen und Handlungen der Klassenverhetzung und undeutscher Gesinnung, Verletzungen des religiösen, christlichen und völkischen Empfindens“ hätten „die schärfsten Maßnahmen des Dienststrafverfahrens“ zur Folge.
Besonders den Lehrpersonen und Mitarbeitenden der Kultusverwaltung, die zu Weimarer Zeiten aus der Kirche ausgetreten waren, drohte ein Arbeitsverbot. Ein Beitritt zur Leipziger reformierten Gemeinde bot die Möglichkeit, unter veränderten politischen Vorzeichen die Arbeitsstelle zu erhalten, ohne den „dogmatischen Zwang“ der lutherischen Landeskirche Sachsens und ohne erhebliche Kirchensteuerzahlungen leisten zu müssen.
Im Konsistorium der reformierten Gemeinde zu Leipzig führte die Lehrerbeitrittswelle zu Diskussionen: Zwei Vorsteher befürchteten, dass mit den Lehrkräften auch „manche unliebsamen, auch ehemals kommunistische Elemente zu uns kommen.“ Der Leipziger Pfarrer Max Scheibe (1870–1935, Gemeindepfarrer 1902–1934) und der Dresdener reformierte Pfarrer Richard Zitzmann (1892–1981) begriffen die Situation hingegen als Chance, gemäß dem Jesuswort in Mt 11,28 Menschen für den christlichen Glauben zu gewinnen. Trotz kritischer Stimmen auch unter den Gemeindehäuptern wurde schließlich für die Aufnahme votiert. Mit Eingaben an das sächsische Volksbildungsministerium und das Reichsinnenministerium setzte sich das Konsistorium erfolgreich dafür ein, dass der Religionsunterricht wie bisher allgemein evangelischen und keinen lutherischen Charakter erhielt und somit auch reformierte Lehrkräfte diesen weiter erteilen konnten.
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Porträtaufnahme von Volksbildungsminister Wilhelm Hartnacke (1878–1952)
Aus: Wagner, Andreas: Mutschmann gegen von Killinger. Konfliktlinien zwischen Gauleiter und SA-Führer während des Aufstiegs der NSDAP und der „Machtergreifung“ im Freistaat Sachsen. Beucha 2001, 141 (Nr. 182).
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Sächsisches Staatsarchiv, Hauptstaatsarchiv Dresden, 11848 NS-Gauverlag Sachsen GmbH, Zeitungstext- und Bildarchiv, Bildarchiv Nr. 182, Fotograf: Hugo Erfurth († 1948)
Artikel aus dem „Sächsischen Kirchenblatt“ 1933 zum Übertritt lutherischer Lehrkräfte
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Artikel aus dem „Sächsischen Kirchenblatt“ 1933 zum Übertritt lutherischer Lehrkräfte
Aus: Stamm, [Hans]: „Konfessionelles“ aus Leipzig. In: Sächsisches Kirchenblatt 83 (7.4.1933) 14, 197–198 (AerkL 609).
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Jedenfalls ist der Gang und die Form dieses [Konfirmandenu]nterrichts insofern ungewöhnlich beeinflußt worden, als er auf viele in dieser großen Zahl Rücksicht nehmen mußte, die bisher noch auf keine Weise in das Wesen unserer christlichen Frömmigkeit eingeführt worden waren. Ihnen gegenüber galt es vor allem, erst einmal einen tiefen, nachhaltigen Eindruck vom Leben des Heilandes und seiner frohen Botschaft zu vermitteln und eines der Evangelien möglichst ganz mit ihnen zu durchzudenken, auf die Gefahr hin, daß manche Stücke des sonst behandelten Lehrstoffs verkürzt werden müßten.
Carl Bonhoff (1865–1937, Gemeindepfarrer 1894–1909 und 1918–1934)
Bonhoff, Carl: Zur Konfirmation der Knaben am 25. März 1934. In: Mühlhausen, Rudolf / Bonhoff, Carl (Hg.): Konfirmationsreden 1934 gehalten in der evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [Leipzig] [1934], 8–15.
Konfirmationen und Freizeiten auf Spiekeroog
Die Beitrittswelle des Jahres 1933 hatte zur Folge, dass sich die Zahl der Konfirmandinnen und Konfirmanden von 113 im Jahr 1933 auf 271 zu Ostern 1934 mehr als verdoppelte. Zugleich waren die Vorkenntnisse der Konfirmandinnen und Konfirmanden aufgrund der fehlenden reformierten Sozialisierung wesentlich geringer. Wilhelm Hartnacke wurde am 20. März 1935 im Zuge innerparteilicher Auseinandersetzungen zwischen Ministerpräsident von Killinger und Gauleiter Martin Mutschmann (1879–1947) entlassen. Sein Nachfolger als Leiter des sächsischen Ministeriums für Volksbildung Arthur Göpfert (1902–1986) stand religiöser Bildung an der Schule distanzierter gegenüber als sein Vorgänger, sodass der Zustrom von Lehrkräften deutlich abebbte. In den Folgejahren nahmen auch die Zahlen der Konfirmandinnen und Konfirmanden wieder kontinuierlich ab. Sie betrug 1936 beispielsweise „nur“ noch 168.
Von 1935 bis 1938 führte die Leipziger Gemeinde jährlich im Sommer Kindererholungsfreizeiten auf der Nordseeinsel Spiekeroog durch. Dort besaß die Göttinger reformierte Gemeinde, die wie Leipzig Mitglied im Bund evangelisch-reformierter Kirchen Deutschlands Mitglied war, ein Ferienhaus, das sie der Leipziger Gemeinde für vier Wochen zur Verfügung stellte. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 wurden auf Spiekeroog Truppen zur Luftraumüberwachung stationiert und die Insel für den Badetourismus gesperrt, sodass die Gemeinde auf Landheime auf dem Festland ausweichen musste, bis sie die Kinderfreizeiten 1942 angesichts der Kriegslage und in Ermangelung eines geeigneten Freizeitheims schließlich einstellen musste.
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Das „Haus Göttingen“ auf der Nordseeinsel Spiekeroog, um 1935
Aus: Konsistorium der ev.-ref. Gemeinde zu Leipzig: Kinder-Ferien an der Nordsee! In: Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig 7 (Februar 1935) 1, [7].
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Die „Schipperklause“ im „Haus Göttingen“ auf der Nordseeinsel Spiekeroog
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Gruppenfoto der fünften Leipziger Kinderfreizeit im „Haus Göttingen“ auf der Insel Spiekeroog vom 7. Juni bis 5. Juli 1939
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Und dann erwartet euch über und hinter all den kleinen Pflichten eine ganz hohe Pflicht; die heißt: Gehorsam. – Vergangene Jahre haben in irriger Gefühligkeit und in Verkennung der Gesetze des sittlichen Lebens diese Pflicht mehr und mehr aufgelockert. Die Jugendlichen wurden mit den Leckerbissen politischer und parteilicher Rechte überfüttert, so daß ihre innere Gesundheit geschädigt wurde; mit dem prickelnden Wein der Freiheitsphrasen wurden sie trunken gemacht, daß sie im Rausch die Tatsache ihrer Unreife vergaßen und in ihrer Anmaßlichkeit ein Zerrbild echten Jungseins boten. Jung-Deutschland, deine erste Tat heißt Gehorchen.
Gemeindepfarrer Rudolf Mühlhausen an die Konfirmanden des Jahres 1933
Mühlhausen, Rudolf: Mit Gott wollen wir Taten tun! Zur Konfirmation der Knaben am 9. April 1933. In: Bonhoff, Carl / Mühlhausen, Rudolf (Hg.): Konfirmationsreden 1933 gehalten in der evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [Leipzig] [1933], 10–15, hier: 12.
Die Eingliederung der reformierten Jugend in die Hitlerjugend und den Bund deutscher Mädel
Das Konsistorium betonte in seinem Jahresbericht vor der Gemeindehäupterversammlung am 11. März 1934, dass „[i]rgendwelche Eingriffe oder Anordnungen von politischen oder kirchlichen Behörden […] erfreulicher Weise nicht vorgekommen“ seien. Da die Leipziger reformierte Gemeinde nicht der Reichskirche angehörte, besaß sie tatsächlich noch größere Spielräume als die evangelischen Landeskirchen. Im Bereich der innergemeindlichen Jugendarbeit traf dies jedoch nicht zu.
Am 19. Dezember 1933 schloss der deutschchristliche Reichsbischof und Vertraute Adolf Hitlers Ludwig Müller (1883–1945) ein Abkommen mit Reichsjugendführer Baldur von Schirach (1907–1974) über die Eingliederung aller evangelischen Jugendverbände in die Hitlerjugend (HJ) und den Bund deutscher Mädel (BdM). Wer Mitglied eines evangelischen Jugendverbandes bleiben wollte, musste zwangsweise auch der HJ bzw. dem BdM beitreten. Dadurch suchten die Nationalsozialisten, ihr totalitäres Weltanschauungs- und Erziehungsmonopol auch in der kirchlichen Jugendarbeit durchzusetzen. Dass Müller die Verhandlungen mit von Schirach eigenmächtig ohne Rücksprache mit den Leitungen der evangelischen Landeskirchen oder der Jugendverbände aufgenommen hatte, verschärfte seinen zunehmenden Ansehensverlust im deutschen Protestantismus und führte in einigen Landeskirchen zu einer Intensivierung des „Kirchenkampfs“. Manche Jugendverbände lösten sich vor der „Gleichschaltung“ selbst auf oder protestierten erfolglos, andere erhofften sich (vergeblich) volksmissionarische Einflussmöglichkeiten in der Hitlerjugend.
In der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig waren zwei Jugendgruppen tätig, eine für Mädchen und eine für Jungen. Bereits im Februar 1933 hatten sich die Leiterin und der Leiter der Jugendgruppen unterschriftlich verpflichtet, „die Jugend im nationalsozialistischen Sinne zu erziehen.“ Obwohl die Gemeinde der Reichskirche nicht angehörte, erhielt auch sie am 13. März 1934 schließlich die Anordnung, ihre Jugendgruppen in die nationalsozialistischen Jugendverbände zu überführen. An zwei Sonntagen und zwei Abenden unter der Woche pro Monat solle die Jugend zur Hitlerjugend gehen, an den beiden anderen Sonntagen und zwei weiteren Abenden unter der Woche der Kirche zur Verfügung stehen.
Bei kirchlichen Jugendveranstaltungen seien fürderhin „staatspolitische, rassepolitische u[nd] ähnl[iche] Vorträge sowie sportliche Betätigung, Wanderungen usw.“ zu unterlassen, lediglich reine „Wortverkündigung“ sei zulässig. Um die Verbindung der Jugendlichen mit der Gemeinde dennoch nicht abreißen zu lassen, sollten diese für kleinere Hilfstätigkeiten in der Gemeinde herangezogen werden. Dass Teile der Gemeindejugend durchaus mit innerer Überzeugung Angehörige der HJ waren, zeigt ein Beschluss des Konsistoriums vom 2. März 1937, dem zufolge Jungen, die in Uniform zu ihrer Konfirmation erschienen, zumindest beim Gang zur Abendmahlsfeier ihre Waffe ablegen sollten. Offenbar sah sich das Konsistorium dazu genötigt, dies explizit festzuhalten.
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der Hitlerjugend gewidmetes Jugend-Denkmal
Bildhauer Walter Zschorsch (1888–1965), Aufstellung 1938 an der Grünanlage der Straßengabelung Reitzenhainer (heute Prager) und Naunhofer Straße in Leipzig-Thonberg, 1942 Einschmelzung zur Metallgewinnung für Kriegszwecke (Aufnahme: 1942)
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Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inv.-Nr. F/5913/2005
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Viele Stimmen erheben sich gegen die Lebensauffassung, wie sie euch etwa in der Kirche oder in eurem Elternhaus begegnet ist, und klagen sie an, daß sie kein Recht mehr habe, der Jugend von heute Gesetze vorzuschreiben. Ihre Gebote stünden den Forderungen unserer Zeit fern. Sie seien lebensfeindlich und wirklichkeitsfremd. Von einer neuen Sittlichkeit und von einem neuen Glauben wird geredet. Von der Umwertung aller Werte. Wie soll man aber den Schritt ins Leben wagen, wenn man kein klares Ziel mehr vor Augen hat?
Richard Schlier (1892–1968, Gemeindepfarrer 1934–1953) an die Konfirmanden des Jahres 1936
Schlier, R[ichard]: Höherkommen! Zur Konfirmation der Knaben am 5. April 1936. In: Schlier, R[ichard] / Bachmann, H[ans] (Hg.): Konfirmationsreden 1936 gehalten in der evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [Leipzig] [1936], 3–8, hier: 4f.
Religionsunterricht in der Zeit der „Entkonfessionalisierung“ und den Kriegsjahren
Nachdem die „Gleichschaltung“ der evangelischen Kirchen in einer deutschchristlichen Reichskirche gescheitert war, schlug die Grundhaltung der Nationalsozialisten gegenüber den Kirchen ab 1936 in offene Feindseligkeit um. Unter der von Innenminister Wilhelm Frick (1877–1946) geprägten Formel von der „Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens“ sollten das Christentum geschwächt und die Kirchen weitestmöglich aus der Öffentlichkeit verdrängt werden. An deren Stelle sollte der Nationalsozialismus als „politische Religion“ treten. Die 1929 in Chemnitz gegründete Zweiggemeinde der Leipziger reformierten Gemeinde bekam diesen antikirchlichen politischen Kurs z. B. zu spüren, als dieser seit 1938 keine schulischen Räume mehr für kirchliche Veranstaltungen wie Gottesdienste, Konfirmandenunterricht usw. mehr überlassen wurden. Auf die Zahl der Gemeindeglieder hatte die Entkonfessionalisierungspolitik in der Leipziger reformierten Gemeinde im Gegensatz zu vielen anderen Kirchen jedoch kaum Auswirkungen: Die Zahl der Übertritte überschritt auch ab 1936 in jedem Jahr die der Austritte, sodass das Konsistorium in seinem Jahresbericht für das Jahr 1938 festhielt, „daß in unserer Gemeinde von einer Austrittsbewegung in keiner Weise gesprochen werden kann, daß vielmehr ein ständiger Zuwachs im Mitgliederbestand erfolgt.“
Merklich war der Einfluss der „Entkonfessionalisierungspolitik“ jedoch beim schulischen Religionsunterricht, der systematisch zurückgedrängt wurde: 1936 wurde der Zwang zur Teilnahme am Religionsunterricht aufgehoben. Im April 1940 wurde er für die letzten drei Klassen der höheren Schulen gänzlich abgeschafft. An reformierte Lehrkräfte erging ein gänzliches Verbot zur Erteilung von Religionsunterricht an lutherischen Konfessionsschulen. Mit einer Anordnung vom Herbst 1940 durfte Religionsunterricht nur noch nachmittags erteilt werden, woraufhin sich einige Lehrkräfte weigerten, diesen weiter zu erteilen.
Das Leipziger Konsistorium beschloss, den Rückgang religiöser Bildung reformierter Prägung angesichts der Zurückdrängung des schulischen Religionsunterrichts und der zugenommenen Zahl neu beigetretener Familien dadurch zu kompensieren, indem ab dem 1. Oktober 1936 zusätzlich zum einjährigen Konfirmandenunterricht ein halbjähriger Vorkonfirmandenunterricht mit zwei Wochenstunden im Gemeindehaus eingeführt wurde. Die Lehrkräfte wurden durch die Kirche ausgewählt und bezahlt. Staatlichen Lehrkräften drohte durch den Nebenerwerb jedoch eine Gehaltskürzung. Auch als Ersatz zum schulischen Religionsunterricht wurde der Vorkonfirmandenunterricht von der Leipziger Schulbehörde nicht anerkannt.
Insgesamt versuchte die Leipziger reformierte Gemeinde, Maßnahmen zum bestmöglichen Erhalt religiöser Bildung trotz der kirchenfeindlichen Schulpolitik zu ergreifen. Dies vollzog sich um den Preis weitestgehender Aufgabe der Schule als Ort kirchlicher Unterweisung zugunsten des Lernortes Gemeinde. Grundsätzliche und offene politische Kritik am Nationalsozialismus entwickelte sich daraus nicht. Damit steht die reformierte Gemeinde zu Leipzig durchaus repräsentativ für viele evangelische Kirchengemeinden in der Zeit des Nationalsozialismus.
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Der Städtische Schulrat für die Volksschulen teilt dem Konsistorium der evangelisch-reformierten Gemeinde am 29. Februar 1936 mit, dass deren Vorkonfirmandenunterricht nicht als Ersatz des schulischen Religionsunterrichts anerkannt werden könne
Aus: AerKL 476 > Reformierter Religionsunterricht
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Ausblick
Entwicklung der Gemeindegliederzahlen und des Religionsunterrichts in der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR
Am Reformationstag 1950 gab die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig anlässlich ihres 250-jährigen Bestehens eine kleine Chronik der Gemeindegeschichte heraus, deren Titel das Gemeindemotto „Gott gebe Wachstum“ (lat. Deus det incrementum) rückblickend umformulierte in „Gott gab Wachstum“. Tatsächlich war die Gemeindegeschichte bis zu diesem Zeitpunkt durch eine fortwährende Zunahme der Mitgliederzahlen auch in einem schwierigen gesellschaftlichen und kirchenpolitischen Umfeld geprägt. Nach 1945 setze erstmals eine deutliche Verringerung der Mitgliederzahlen ein, die einerseits durch Flucht nach Westdeutschland bis zum Mauerbau 1961 und andererseits durch die antikirchliche Religionspolitik des SED-Regimes begründet war, die auch reformierte Christinnen und Christen zum Kirchenaustritt bewegte.
Die sowjetische Militäradministration und das SED-Regime forcierten außerdem die Auslagerung des schulischen Religionsunterrichts in den ausschließlichen Zuständigkeitsbereich der Kirchen. Die reformierte Gemeinde übernahm diesen deshalb bereits 1945 in eigener Verantwortung und konnte dabei von ihren Erfahrungen profitieren, die sie unter der nationalsozialistischen „Entkonfessionalisierungspolitik“ gemacht hatte. 1946 wurde der reformierte Religionsunterricht so durchgeführt, dass in je einer Schule im Norden, Süden, Osten und Westen Leipzigs reformierter Religionsunterricht für das dritte bis sechste Schuljahr eingeführt worden war, da die reformierten Kinder Leipzigs über das gesamte Stadtgebiet verteilt wohnten. Ein Zwang zur Teilnahme war zwar verboten, da aber keine Schülerinnen und Schüler im 7. oder 8. Schuljahr zum Vor- und zum Konfirmandenunterricht zugelassen wurden, die nicht auch am Religionsunterricht oder religiösen Unterweisungen in der Gemeinde teilgenommen hatten, existierte dennoch „ein heilsamer Druck zur Teilnahme.“ Vollständig aus der Schule verbannt werden konnte der Religionsunterricht erst mit dem Erlass des Ministers für Volksbildung Fritz Lange (1898–1981) aus dem Jahr 1958.
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Titelbild der Kurz-Gemeindechronik „Gott gab Wachstum“, 1950
Eule, Wilhelm: Gott gab Wachstum. Kleine Chronik zum 250 jährigen Bestehen der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 + 31. Oktober + 1950. [Leipzig] [1950].
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04
Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer
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Gemälde Adam Rudolf Mühlhausens (1879–1958, Gemeindepfarrer 1909–1935) im Konsistoriumszimmer
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„Glauben, wie wir es meinen, ist nicht Sache des Intellekts, sondern des Herzens und des Willens.“
Adam Rudolf Mühlhausen am 2. April 1934 zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum
Mühlhausen, Rudolf: Sieghafter Glaube. Predigt gehalten am Tage seines 25 jährigen Amtsjubiläums (2. Osterfeiertag, 2. April). In: Bonhoff, Carl / Mühlhausen, Rudolf (Hg.): Osterpredigten 1934 gehalten in der evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [Leipzig] [1934], 11–16, hier: 12.
Vorwort
Ein Jahr später (1935) wurde er abgesetzt. Ein Pfarrer, dessen fesselnde Rhetorik ein Dorn im Auge des Nationalsozialismus war. Genau wie seine Mitgliedschaft bei den Freimaurern. Kurz gesagt: Pfarrer, Liberaler, Kritiker, Freimaurer und dennoch nationalkonservativ. Wer war überhaupt Rudolf Mühlhausen? War er alles gleichzeitig? Gab es einen Wandel? War sein Leben eine „Sache des Intellekts“ oder „des Herzens und des Willens“?
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Büste Adam Rudolf Mühlhausens (1879–1958, Gemeindepfarrer 1909–1935) im Konsistoriumszimmer
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Eine kurze Biographie
Mühlhausen, der 1879 in Kassel geboren wurde, trat 1909 als Pfarrer in die Leipziger evangelisch-reformierte Gemeinde ein. Schnell bewies er sich als gekonnter Redner, aber auch als überzeugter Befürworter des Ersten Weltkrieges (1914–1918). Dies war keine Seltenheit, denn die allgemeine Kriegseuphorie hielt das damalige Deutsche Reich fest in Händen. Mühlhausens Engagement ging so weit, dass er sich als Feldprediger bewarb, aber abgelehnt wurde. Somit fokussierte er sich mehr auf die Veröffentlichung seiner Predigten. Allein im ersten Kriegsjahr (1914) wurden seine Predigten in gleich drei Bänden abgedruckt, was literarisch eine herausragende Leistung ist. Ob er zu dieser Zeit schon Mitglied der Freimaurerloge „Minerva zu den drei Palmen“ war, ist unklar.
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Veröffentlichung von Kriegspredigten Mühlhausens aus dem Ersten Weltkrieg
Mühlhausen, Rudolf: Der Sturm bricht los. Reden und Aufsätze aus den ersten Wochen des Weltkriegs 1914. Leipzig 1914.
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Zirkel und Winkel
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Ablack-man
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Wer sind die Freimaurer?
Einige denken bei der Freimaurerei an eine Sekte, die die Weltgeschicke eigenhändig und aus profitorientierten Interessen lenkt. Vor allem die Bücher von Dan Brown (Bsp.: Sakrileg [2003], Illuminati [2000], Inferno [2013]) haben dieses Bild geprägt. Fakt ist, dass sich die Freimaurer tatsächlich als Geheimbund sehen und dieser häufig bedeutende Persönlichkeiten wie Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832), Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791), Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) und sogar US-amerikanische Präsidenten wie George Washington (1732–1799) oder Franklin D. Roosevelt (1882–1945) in seinen Reihen zählte. Eine Liste weiterer Berühmtheiten ist auf Wikipedia zu finden.
Es existieren mehrere Unterschiede zwischen einem Geheimbund und einer Sekte. Die Freimaurer können nicht als Sekte bezeichnet werden, da die typischen Merkmale (Abspaltung des Individuums von anderen Gesellschaften, Religiöse Sondergemeinschaften, Manipulation der Mitglieder) nicht vorhanden sind. Die Grundpfeiler des Geheimbundes resultieren aus der Zeit der Aufklärung: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität. Die Brüder wollen sich also freiwillig weiterentwickeln und vor allem der Austausch mit verschiedenen Meinungen, die nicht gegen die Menschenwürde verstoßen, ist zentral für die Freimaurerei. Es existieren durchaus Riten innerhalb der Logen und die Verschwiegenheit der Mitglieder regt die Fantasie an, aber kein Bruder (und inzwischen auch keine Schwester) wird eine Meinung, ein Weltprinzip oder gar eine drastische Lebensveränderung aufgezwungen.
Die Anfänge der Freimaurer
Die Geschichte der Freimaurerei lässt sich bis zum 16. Jahrhundert auf den britischen Inseln zurückverfolgen. Damals haben Steinmetze und deren Gilden Werkgeheimnisse ausgetaucht, worauf die Verschwiegenheit bis heute basiert. Es ging also nicht um „Geheimniskrämerei“, sondern um Privatsphäre, heutzutage würde man „Betriebsgeheimnis“ sagen. Aufgrund des Ursprungs aus dem Baugewerbe kam es zu den bekanntesten Symbolen für die Freimaurerei: Zirkel und Winkel. 1717 entstand die erste Großloge in London. Wenig später 1736 die schottische Großloge. Von der britischen Insel aus verbreiteten sich die Logen in die gesamte Welt. Wann genau die ersten Freimaurer eine Loge in den Vereinigten Staaten von Amerika eröffneten, ist aus den Recherchen nicht einheitlich hervorgegangen. Viele Berühmtheiten wie Benjamin Franklin (1706–1790) oder Thomas Jefferson (1743–1826) zählten zu den Freimaurern. 1773 kam es zu der ersten Großloge „Grand Orient de France“ in Frankreich. Deutlich früher in Spanien: 1728 soll „Las Tres Flores de Lys“ in Madrid durch Engländer gegründet wurden sein. 1731 in Florenz, Italien.
Die Freimaurerei in Deutschland
In Deutschland wurde 1737 in Hamburg die erste Loge gegründet, die weder einen Namen noch eine Zugehörigkeit zu einer Großloge hatte. 1743 erhielt sie schließlich den Namen „Absalom“. Von da an keimte die Freimaurerei in Deutschland auf. 1738 wurde die Loge „Aux trois aigles blancs“ in Dresden gegründet, 1740 eine weitere in Berlin, 1741 in Bayreuth, Frankfurt an der Oder, Frankfurt am Main, Breslau, Meiningen und Leipzig („Aux trois compas“). Kleinere Logen breiteten sich zudem aus. 1766 wurde „Minerva zu den drey Palmen“ gegründet, zu der später Rudolf Mühlhausen gehören sollte.
Während der Aufklärung (1685–1815) waren die Freimaurerlogen ein privater Ort, an denen sich Männer unterschiedlicher Konfessionen und Stände als Gleichgestellte begegneten. Hier sei aber zu erwähnen, dass Mitglieder der unteren Stände dennoch der Zutritt verwehrt wurde. Leipzig war ab 1805 das Zentrum der deutschen Freimaurerei.
Wahrscheinlich trat Mühlhausen zwischen 1918 und 1926 in die Loge „Minerva zu den drei Palmen“ ein. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Hochzeit der Leipziger Freimaurerlogen. Neben Minerva gab es zwischen den Weltkriegen noch die zwei größeren Logen „Balduin zur Linde“ (Gründung 1776) und „Apollo“ (Gründung 1805). Trotz wachsender nationalsozialistischer Anfeindungen verzeichneten 1926 die 18 Logen und ähnliche Organisationen ungefähr 2.800 Mitglieder. Doch die Nationalsozialisten schwächten schließlich die Zugänge ab.
Die deutschen Freimaurer im NS-Regime
Schon 1918 verbreiteten sich antisemitische Verschwörungstheorien von einer jüdisch-freimaurerischen Weltverschwörung, zum Beispiel über die Werke von Erich Ludendorff (1865–1937), Alfred Rosenberg (1893–1946) und Friedrich Wichtl (1872–1921). Auch Hitler bezeichnete die Freimaurerei in „Mein Kampf“ als „Werkzeug des Judentums“. Heutige Verschwörungstheorien basieren auf Schriften dieser Zeit. Da nur vereinzelt stärkerer Widerstand aus den Logen hervorging und eine einheitliche Front gegen die Nationalsozialisten ausblieb, kam es 1933 seitens der NSDAP zu einem verschärften Vorgehen, was 1935 in die Zwangsauflösung der „Minerva“ und die sowohl wirtschaftliche, gesellschaftliche als auch politische Isolation ihrer Mitglieder mündete. Mühlhausen verteidigte im Jahr 1930 in einem Vortrag vor geladenen Gästen die Freimaurerei mit den Worten: „Nein wir sind kein Geheimbund und wüssten auch gar keinen Grund, warum wir es sein möchten. Wir sind rechtlich nichts anderes, als was jede geschlossene Gesellschaft ist. […] aus demselben Grunde, der die Mysterien Bünde aller Zeiten in Abgeschiedenheit getrieben hat: Der Wunsch in den Stunden hohen seelischen Erlebnis, fern vom Getümmel und Neugier der Straße, als Bruder unter Brüdern als Vertrauter unter Vertrauten“ (im Freimaurer-Wiki nachzulesen).
Mit der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ 1933 kamen zunehmend mehr Menschen in die deutschen Kirchen, auch in Leipzig. Mühlhausen begrüßte dies und sprach von einem „Wunder“ im Rahmen des erwachenden Nationalsozialismus, von einer „neuen Zeit“, die nun anbreche. Schon vorher war er als national-konservativer Pfarrer bekannt. Am Totensonntag 1933 verkündete er: „[Die] Schmach [des Ersten Weltkrieges] ist getilgt. […] Ein Wunder geschah, zu dem ich meinen helfenden Segen gegeben“ habe. Er predigte viel über die zwei Millionen deutschen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefallen waren, und glorifizierte sie als Auferstandene. Seine Rhetorik bewegte sich auf einem schmalen Grat zwischen konservativer Kirchenkritik und völkischer Ideologie. Auf der anderen Seite stand der Freimaurer Mühlhausen. In der Loge „Minerva zu den drei Palmen“ war er ein zentrales Mitglied, huldigte den Ideen des Humanismus und des Völkerfriedens vom Lehrstuhl der Loge und beteiligte sich an Aufklärungsarbeiten, die zur Entmystifizierung der Freimaurerei beitragen sollten. Damit stand er zwischen den Stühlen, besonders als das Konsistorium der reformierten Gemeinde zu Leipzig beschloss, dass die eigenen Prediger nur in einer Loge oder (kirchen-)politischen Organisation sein dürften, wenn das Konsistorium dies eindeutig befürworte. Mühlhausen war nicht der einzige reformierte Pfarrer, der aufgrund seiner Mitgliedschaft bei den Freimaurern angefeindet wurde. Ähnlich erging es Pfarrer Johannes Maresch (1882–1949), der 1943 sein Amt als Geistlicher Inspecteur für die elf französisch-reformierten Gemeinden in Berlin-Brandenburg niederlegen musste, nachdem er aufgrund seiner früheren Mitgliedschaft in der „Großen Loge von Preußen“ denunziert worden war, obwohl er seit 1933 offen pronationalsozialistisch auftrat.
Der Neutralitätsbeschluss des Konsistoriums
Hier ist ein Auszug der Beschlüsse des Konsistoriums der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig zu sehen, mit denen das Konsistorium den Pfarrern die Mitgliedschaft in Organisationen oder Bewegungen ohne dessen ausdrückliche Zustimmung untersagte: „Die Mitgliedschaft der Herren Geistlichen der Gemeinde in einer kirchlichen Organisation oder Bewegung (z. Bsp. Front der bekennenden Kirche, Deutscher Christen u.s.w.) ist nur zulässig bei jeweiliger Zustimmung des Konsistoriums. Das Gleiche gilt für die Mitgliedschaft in irgend einer Loge oder logenähnlichen Vereinigung.“ Anlass für den ersten Satz des Beschlusses war die Spaltung der Dresdener reformierten Gemeinde in eine bekenntnisreformierte Gemeinde um Pfarrer Richard Zitzmann (1892–1981) und eine Teilgemeinde um Oberstudiendirektor Gustav Rosenhagen (1861–1945). Das Leipziger Konsistorium wollte eine solche Spaltung um der Einheit der Gemeinde willen für Leipzig unbedingt verhindern. Anlass für den zweiten Satz des Beschlusses war offensichtlich die Causa Mühlhausen, die vom Konsistorium als ebensolche Gefahr für die Einheit der Gemeinde betrachtet wurde.
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Niederschrift über die Sitzung der Vorsteher der evangelisch-reformierten Gemeinde am 27. Mai 1935
Aus: AerKL 496 > Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935).
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Der stille Widerstand Mühlhausens
Mühlhausen war somit ständig in einem Zweifrontenkrieg gefangen: Kooperation mit den Nationalsozialisten auf der einen, Humanität auf der anderen Seite. Wie schon eingangs erwähnt, war er ein großer Redner und es benötigt ein genaueres Lesen seiner Predigten. So erwähnte er auch einen Kampf, den er gegen innere und äußere Mächte führte. Er wetterte zwar gegen die Weimarer Republik und bediente sich der NS-Begrifflichkeiten, zeigte sich aber zugleich als Verfechter religiöser Freiheit und Eigenständigkeit. Zweiteres trat mit den Jahren vermehrt ein. Mühlhausen musste an vielen Stellen seiner Predigten mit den Ideologien der Nationalsozialisten decken, um selbst nicht ein Opfer ihrer Verbrechen zu werden.
In den darauffolgenden Jahren kam es zu mehreren Umständen, die schließlich zu seiner Absetzung als Pfarrer aufgrund von Logenzugehörigkeit 1935 führten. Dennoch blieb er in den Diensten der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. Zudem erwies er sich als Schlüsselfigur zur Erhaltung der Freimaurerei unter dem NS-Regime. Mühlhausen organisierte inoffizielle Treffen ehemaliger Logenmitglieder im Gasthaus „Thüringer Hof“ und präsentierte sie als Stammtisch von Ruhestandspfarrern.
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Gaststätte Thüringer Hof in Leipzig um 1900
Aus: Brogiato, Heinz Peter: Leipzig um 1900. Erster Band: Die Innenstadt in kolorierten Ansichtskarten aus dem Archiv des Leibniz-Instituts für Länderkunde Leipzig e.V. Leipzig 2009, 39.
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Weitere Informationen
Der Austritt von Mühlhausen aus der Gemeinde
Am 19. Oktober 1934 bat Mühlhausen um Versetzung in den Ruhestand, da er keine Belastung für die Gemeinde durch seine Logenzugehörigkeit sein wollte. Aufgrund der Befürchtung, dass Gottlob Hees (1908–1957), Hilfspfarrer in der Leipziger Gemeinde aus Göttingen, zum Pfarrer gewählt würde, zog Mühlhausen sein Angebot des Rücktritts jedoch wieder zurück. Hees war Mitglied der Sturmabteilung und dem Nationalsozialismus deutlich stärker zugewandt als Mühlhausen. Hees' Konflikt mit Mühlhausen wirkte sich insofern auf das Konsistorium aus, dass es keinen Pfarrer gab, der für Hees' Pflichttreue sprechen wollte. Am 7. Oktober 1934 wollten einige nationalsozialistisch gesinnte Gemeindeglieder Pfarrer Hees auf der Gemeindehäupterversammlung noch einmal „ins rechte Licht“ stellen und hoben seine Arbeit für die Jugend hervor.
Nicht einmal zwei Wochen später spitzte sich der innergemeindliche Konflikt nochmals zu und die nationalsozialistischen Gemeindeglieder drohten, die NSDAP-Kreisleitung darauf aufmerksam zu machen, dass in der Leipziger reformierten Gemeinde ein Freimaurer als Pfarrer Dienst tue, falls Mühlhausen nicht von sich aus zurücktrete. So kam es auch zu unangekündigten spätabendlichen Besuchen und Erpressungsversuchen ihm gegenüber. Der Abstand zum Konsistorium wurde Tag für Tag größer, was Mühlhausen wiederum zu einer Erklärung zwang (siehe Archivdokumente auf der nachfolgenden Folie). Am 29. Oktober 1934 behauptete er schließlich, dass er aus der Loge ausgetreten sei. Im Frühjahr 1935 gestand Mühlhausen jedoch ein, in die Nachfolgeorganisation der Loge, den „Christlichen Orden Deutscher Dom“, eingetreten zu sein. Mühlhausen verkündete seine Treue zur Loge und trat als Pfarrer der evangelischen-reformierten Gemeinde zurück.
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Aufnahme des Konsistoriums am 1. April 1934
Pfarrer: Gottlob Hees (oben, 4. von links), Richard Schlier (unten, 3. von links), Karl Bonhoff (unten, 4. von links), Rudolf Mühlhausen (unten, 5. von links)
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Archivalien zur Entlassung Mühlhausens
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„Erklärung“ Mühlhausens vom 29. April 1935
Aus: AerKL 496 > Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)
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Mühlhausen steht zur Loge – Schreiben Mühlhausens an den Leipziger Gemeindevorsteher Walter Schubart vom 3. April 1935, Seite 1
Aus: AerKL 496 > Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)
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Mühlhausen steht zur Loge – Schreiben Mühlhausens an den Leipziger Gemeindevorsteher Walter Schubart vom 3. April 1935, Seite 2
Aus: AerKL 496 > Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)
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Unterstützung für Gottlob Hees – Stellungnahme der Diakone der evangelisch-reformierten Gemeinde zur Leipzig vom 9. Oktober 1934 zur Pfarrerwahl, Seite 1
Aus: AerKL 498 Pfarrerwahlen > Pfarrerwahl 1934 > Allgemeines
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Unterstützung für Gottlob Hees – Stellungnahme der Diakone der evangelisch-reformierten Gemeinde zur Leipzig vom 9. Oktober 1934 zur Pfarrerwahl, Seite 2
Aus: AerKL 498 Pfarrerwahlen > Pfarrerwahl 1934 > Allgemeines
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Gemeindehäupter beklagen, dass Pfarrer Mühlhausen sich offen gegen die Wahl von Gottlob Hees ausspreche – Schreiben mehrerer Gemeindehäupter vom 15. Oktober 1934 an das Konsistorium
Aus: AerKL 498 Pfarrerwahlen > Pfarrerwahl 1934 > Kandidaten > G. Hees
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Nachwort
1945, nach Ende des Zweiten Weltkrieges, konnte Mühlhausen sein Amt als Pfarrer wieder aufnehmen und blieb bis zu seinem Tode am 6. Oktober 1958 der Leipziger Gemeinde erhalten. Sein seelsorgerlicher Stil, der sich mit bildreicher Poetik und hohen autobiografischen Anteilen mischte, war für einige Deutsche ein Licht in der dunklen Nachkriegszeit. Die letzte Predigt hielt Mühlhausen am 15. September 1957 über Psalm 90,12: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden!“
Mühlhausen bleibt im Gedächtnis der Gemeinde als jemand, der zwar nationalkonservative Ansichten hatte und diese vermehrt äußern musste, um nicht von den Nationalsozialisten verhaftet zu werden, aber er war auch ein liberaler Pfarrer, der sich gegen die Übernahme der Kirche durch die Nationalsozialisten einsetzte. Gleichzeitig organisierte er einen Widerstand im Untergrund und blieb der Freimaurerei treu. Liest man tiefer in seinen Predigten, so zeigt sich der Groll, den er gegen die Nationalsozialisten hatte. Somit können wir hier von einem Pfarrer sprechen, dessen Glauben sowohl vom Herzen als auch vom Intellekt geführt wurde.
05
Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie
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Johannes Hohlfeld (links im hellen Anzug) hält eine Ansprache auf der Reise des Neuen Leipziger Männergesangvereins vom 18. bis 30. April 1925
Aus: Hohlfeld, Johannes: Eine großdeutsche Sängerfahrt nach Österreich. Die Reise des Neuen Leipziger Männergesangvereins vom 18. bis 30. April 1925 nach der Ost- und Südmark. Leipzig 1925, 6.
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Zwischen Autonomie und Anpassung
In diesem Ausstellungsteil wird rekonstruiert, wie sich Johannes Hohlfeld (1888–1950) vom liberal geprägten Kritiker zu einem Akteur entwickelte, dessen genealogische Forschung im NS-Staat eine Schlüsselrolle für „Ariernachweise“ und „Ahnenpässe“ spielte. Auf Grundlage zeitgenössischer Publikationen und Protokolle wird seine inhaltliche Verschiebung hin zu einem völkisch-biologistischen Gesellschaftsmodell sichtbar. Parallel dazu erscheint die reformierte Gemeinde zu Leipzig als Unterstützerin, indem sie Hohlfelds Projekte mitfinanzierte und ihm Zugang zu Kirchenbüchern ermöglichte. Innerhalb dieses Zusammenhangs wird untersucht, inwiefern die Deutung der Hugenotten als Integrationsvorbild zur Reproduktion von nationalsozialistischen Narrativen beitrug.
Dr. Johannes Hohlfeld
Johannes Hohlfeld wurde 1888 in Reichenbrand bei Chemnitz geboren und wuchs in einem lutherischen Umfeld auf. Er studierte Geschichte, Germanistik und klassische Philologie in Leipzig und Wien und wurde 1911 zu Stadtrechnungen des ausgehenden Mittelalters promoviert. 1912 wurde er Assistent an der „Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte“ in Leipzig, die er ab 1924 als Geschäftsführer leitete. 1919 trat er der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) bei und kandidierte 1932 in Leipzig als Spitzenkandidat der inzwischen in Deutsche Staatspartei (DStP) umbenannten DDP. In seinem 1926 erschienenen Buch „Geschichte des Deutschen Reiches“ übte er deutliche Kritik an der NSDAP, die 1935 gegen ihn verwendet und als Begründung für seinen angestrebten Ausschluss als Geschäftsführer herangezogen wurde. Bereits 1934 hatte er die Zentralstelle in eine Stiftung umgewandelt, um ihr Vermögen vor Enteignung zu schützen. Ungeachtet der gegen ihn erhobenen Vorwürfe blieb er bis zu seinem Tod (1950) als Geschäftsführer im Amt. Über Dr. Hans Breymann (1873–1958), Rechtsanwalt, Mitbegründer und Vorsitzender der Zentralstelle, der zugleich Gemeindevorsteher in der reformierten Gemeinde zu Leipzig war, knüpfte Hohlfeld Kontakt zur Gemeinde, der er 1939 als Mitglied beitrat.
Die folgenden Seiten zeigen Hohlfelds ambivalente Rolle zwischen frühem Kritiker und späterem Mitträger rassenideologischer Theorien sowie die Bedeutung der reformierten Gemeinde in diesem Zusammenhang.
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Porträt von Dr. Johannes Hohlfeld (* 1. Januar 1888 in Reichenbrand; † 21. April 1950 in Leipzig)
Aus: Hohlfeld, Johannes: Eine großdeutsche Sängerfahrt nach Österreich. Die Reise des Neuen Leipziger Männergesangvereins vom 18. bis 30. April 1925 nach der Ost- und Südmark. Leipzig 1925, 3.
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Beschreibung
Porträt von Johannes Hohlfeld (1925)
Wenn auch der sächsisch-kommunistische Partikularismus [...] den Fluch einer gewissen Lächerlichkeit an der Stirn trug, war er als Vorkämpfer der kommunistischen Opposition doch ein gefährlicher Gegner. [...] Ohne das Eingreifen des Reiches [...] wäre wohl ein Bundesstaatenkrieg [...] Wirklichkeit geworden. [...] In diesen Kreisen glühte noch der Gedanke der nationalen Befreiung [...] Sie bekämpften die Reichsregierung [...] wegen ihrer Schwäche. An die Sohlen dieser [...] Bewegung hatte sich aber eine Partei geheftet, die sich erschöpfte in [...] gedankenarmem Antisemitismus: die nationalsozialistische Partei unter Führung des zugewanderten österreichischen Demagogen Adolf Hitler.
Hohlfeld, Johannes: Geschichte des Deutschen Reiches. 2. Aufl. Leipzig 1926, 750f.
Von Kritik zu Konformität
Während Hohlfeld sich 1929 in seiner Abhandlung zur „Völkische[n] Frage“ noch deutlich von rassenbiologischen Theorien, etwa den von Hans F. K. Günther (1891–1968) vertretenen, distanzierte und hervorhob, dass man auf diese Weise „allenfalls zu der Aufstellung eines rassigen Schönheitsideals der alten Germanen“ gelange, „in keiner Weise aber zur Klarheit darüber, was eigentlich das deutsche Volk, wie es sich geschichtlich entwickelt hat, ist und wer zu ihm gehört“, entwarf er in seinem programmatischen Aufsatz „Wege zur Volksgenealogie“ von 1937 ein völkisch-biologistisches Modell der deutschen Gesellschaft.
Er bezeichnete den Einzelnen nun als „unentrinnbar dem Wesen und dem Schicksal seines Volkes verhaftet“ und sah in der genealogischen Forschung ein Mittel, um die „Bande des Blutes“ offenzulegen sowie ein Gefühl kollektiver Zusammengehörigkeit zu stiften. Dabei lehnte er die moderne Individualisierung ab und betonte „Sippe“, „Stamm“ und „Rasse“ als tragende Einheiten der Gesellschaft. Der Begriff Rasse wurde nun ausdrücklich in die Reihe der „natürlichen menschlichen Gemeinschaften“ eingeordnet. So schrieb er, „wie oft der Fabrikherr und sein Arbeiter nicht nur eines Namens, sondern auch eines Blutes sind“ und hob insbesondere das Bauerntum als „Nährboden des ganzen Volkstums“ hervor.
Vor dem Hintergrund, dass 1935 sein Ausschluss als Geschäftsführer der Zentralstelle gefordert wurde, lässt sich in dem zwei Jahre später erschienenen Aufsatz eine deutliche inhaltliche und sprachliche Positionsverschiebung erkennen, die als Anpassung an die ideologischen Vorgaben des NS-Staates interpretiert werden kann.
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Deckblatt von Band III der „Leipziger Geschlechter“ (1939)
Hohlfeld, Johannes: Leipziger Geschlechter. Band 3: Die reformierte Bevölkerung Leipzigs 1700–1875 (Stamm- und Ahnentafelwerk der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte 19). Leipzig 1939.
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Beschreibung
Bearbeitet von Dr. Johannes Hohlfeld. Erfasst die reformierte Bevölkerung Leipzigs zwischen 1700 und 1875. Erschienen im Stamm- und Ahnentafelwerk der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte.
Vererbte Identität?
In Hohlfelds 1939 erschienenem Werk „Leipziger Geschlechter“ beschrieb er genealogische Forschung als Mittel zur Stärkung des Bewusstseins der Zusammengehörigkeit. Die reformierten Familien wurden dabei als geschlossener Verband gezeichnet, dessen Zugehörigkeit nicht durch Glauben oder Gemeindeleben, sondern durch vermeintlich vererbbare Abstammung bestimmt sei. Besonders hervorgehoben wurden dabei die Hugenotten, die als verfolgte französische Reformierte im 17. Jahrhundert nach Deutschland geflohen waren und dort eigene Gemeinden gegründet hatten. In nationalsozialistischen Kreisen galten sie als Vorbild gelungener „Einvolkung“. Vertreter wie Alfred Rosenberg (1892/93–1946) stilisierten die Hugenotten zur „Auslese besten germanischen Blutes“ und lobten sie als Beispiel dafür, dass Migration und „rassische Reinheit“ sich nicht ausschließen müssten. Hugenotten wurden gezielt als Gegenbild zum „fremdrassigen“ und „nicht integrierbaren Juden“ konstruiert. Ihre Geschichte wurde so instrumentalisiert, um rassistische Ausgrenzungspolitik zu legitimieren.
Auch Hohlfeld griff diese Denkfigur auf, wenn er in seiner genealogischen Auswertung die Hugenotten als eine besonders integrationsfähige, aufstiegsorientierte und bürgerlich angepasste Gruppe beschrieb und gleichzeitig betonte, dass „die Juden“ keine genealogisch einheitliche Gruppe bildeten. So unterscheidet er etwa zwischen eingewanderten polnischen Jüdinnen und Juden, alteingesessenen Familien und nichtjüdischen Trägern jüdisch klingender Namen und rahmt Jüdinnen und Juden so als zersplitterte, nicht eindeutig zuzuordnende Gruppierung ein. Trotz der Differenzierungen einerseits fasst er sie andererseits als Kollektiv zusammen und lehnt „Mischehen“ ebenso wie die religiöse Gleichstellung von zum Protestantismus konvertierten jüdischen Menschen ab.
Der getaufte Jude war dem evangelischen Christen Glaubensgenosse, der katholische Deutsche war es nicht! Wir alle haben erkennen müssen, welches Unheil aus dieser sonderbaren Auffassung erwachsen ist – einer Auffassung, die aus einer völligen Verkennung der natürlichen Grundlage der ehelichen Verbindung entstanden ist, deren Zweck das artgleiche und nicht das rassevermischte Kind ist. […] Weltanschauliche Übereinstimmung und Rassengleichheit zusammen sind die Grundbedingungen für ein gesundes Familienleben [und] die friedliche Entwicklung des Volkslebens.
Hohlfeld, Johannes: Leipziger Geschlechter. Band 3: Die reformierte Bevölkerung Leipzigs 1700–1875 (Stamm- und Ahnentafelwerk der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte 19). Leipzig 1939, VI.
Wissenschaft im Dienst der Ideologie
Der Nachweis der arischen Abstammung, der heute in Deutschland als Voraussetzung fast jeder wesentlichen beruflichen Betätigung, als notwendige Bedingung der Angehörigkeit zu Volk und Staat, Heer und Partei gefordert wird, gilt mit Unrecht als eine revolutionäre Neuerung. In Wahrheit ist er die Wiederaufnahme eines Brauches der urständisch bis ins frühe Mittelalter verfolgbar ist, und nur in der Abwendung des liberalen 19. Jahrhunderts von den Bindungen der Vergangenheit zeitweise zwar nicht ganz in Vergessenheit geraten, so doch stark in den Hintergrund geraten war.
Hohlfeld, Johannes: Von der Genealogie zur Sippenkunde. Ein geistesgeschichtlicher Wandel in Deutschland. In: Familiengeschichtliche Blätter 42 (1944) 1/2, 2.
Kirchenbücher als Ausgrenzungsgrundlage?
Hohlfelds Forschung stützte sich vor allem auf kirchliche Quellen. Tauf-, Trau-, Sterbe- und Konfirmationsregister waren wichtige Belege zur Bestätigung „deutscher“ Abstammung. Im April 1936 behandelte das Konsistorium der reformierten Gemeinde zu Leipzig erstmals offiziell einen Antrag Dr. Hans Breymanns. Darin wurde die finanzielle Unterstützung für Hohlfelds genealogisches Projekt sowie die Gewährung der Einsicht in Kirchenbücher beantragt. Während Dr. Lampe, einer der Vorsteher der reformierten Gemeinde Leipzigs, dabei Bedenken äußerte, hob Dr. Arthur Meiner (1865–1952), ebenfalls Vorsteher, ausdrücklich den Wert der Forschung auch für die Geschichte der eigenen Kirche hervor. Letztlich bewilligte das Konsistorium die Zahlung eines ersten Zuschusses in Höhe von 250 RM und gestattete die Nutzung der Kirchenbücher, was den Beginn einer kontinuierlichen Unterstützung markiert. In den folgenden Jahren wurden weitere Gelder bewilligt und Exemplare von Hohlfelds Werken für die Gemeindebibliothek bestellt, was das wohlwollende und aktive Engagement der Gemeinde zum Ausdruck brachte.
Dass die reformierte Gemeinde zu Leipzig Hohlfeld bereitwillig Zugang zu ihren Kirchenbüchern gewährte und ihn finanziell unterstützte, hing möglicherweise damit zusammen, dass er nicht als überzeugter Nationalsozialist galt und daher weniger Vorbehalte auslöste. Faktisch trug die Gemeinde damit jedoch zur praktischen Nutzung genealogischer Forschung für „Ariernachweise“ bei.
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Brief Hans Breymanns an das Presbyterium der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig vom 26. Februar 1936
Aus: AerKL 476 > Konsistorialakten 1936
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Kirche im Dienst der Ideologie
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Familienkarte aus der Gemeindegliederkarte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
Eintrag zu Dr. phil. Alfred Johannes Hohlfeld und Elsa Jenny Henriette Hohlfeld, geb. Jacoby, aufgenommen am 27. August 1939
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Aneignung statt Distanz?
Auf der Bundessynode der evangelisch-reformierten Gemeinden im Februar 1941 in Leipzig ließ die reformierte Gemeinde zu Leipzig den Theologen Prof. Otto Weber (1902–1966) als Hauptredner auftreten. Weber, der ab 1934 Professor für Reformierte Theologie an der Universität Göttingen war, trat 1933 der NSDAP und den Deutschen Christen bei. Aus letzteren schied er Ende 1933 aus, hielt jedoch ausdrücklich an seiner Loyalität zur NSDAP fest. Von 1940 bis 1945 arbeitete er im Geistlichen Vertrauensrat der Deutschen Evangelischen Kirche. Sein Leipziger Festvortrag „Das Erbe der Väter als Anspruch an unsere Gemeinde“, knüpfte inhaltlich an seinen Vortrag „Die geschichtliche Bedeutung der Hugenotten“ von 1939 an, dessen Exemplare die Leipziger reformierte Gemeinde in großer Stückzahl erwarb und verbreitete. Darin zeichnete Weber die Hugenotten als eine vorbildlich integrierte, arbeitsame und dem Staat loyale Gruppe. Ihre Zugehörigkeit legitimierte er über eine gemeinsame Glaubensüberzeugung sowie eine Opfer- und Leistungslogik. Dadurch erschien die hugenottische Vergangenheit nicht als Exil- und Freiheitsgeschichte, sondern als deutsche Nationalerzählung.
Bemerkenswert ist, dass sich die reformierte Gemeinde zu Leipzig als organisatorisch eigenständig verstand und eine Eingliederung in die Reichskirche vermeiden wollte, zugleich aber Haltungen wie die oben genannten ohne Widerspruch aufgriff. So konnte eine mit den Deutungsmustern der NS-Zeit kompatible Sicht in Leipzig ein prominentes kirchliches Podium erhalten und im evangelisch-reformierten Rahmen legitim erscheinen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass sowohl Hohlfelds Rolle als auch die der reformierten Gemeinde zu Leipzig nahelegen, dass äußere Eigenständigkeit im NS-Staat inhaltliche Anschlussfähigkeit nicht ausschließen musste, sondern sogar stützen konnte.
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Porträt Otto Webers (1902–1966) von ca. 1935
Aus: Bülow, Vicco von: Otto Weber (1902–1966). Reformierter Theologe und Kirchenpolitiker (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen 34). Göttingen 1999, [5].
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06
Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand
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Teelichter
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Weitere Informationen
Hugo Specht war ein Pfarrer, der von 1937 bis 1943 in der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig, der predigte und sich um die Gemeindeglieder kümmerte. In diesem Ausstellungsteil werden sein Leben, seine Wahl zum Pfarrer und seine Einstellung zum Widerstand beleuchtet. Ausschnitte aus seinen Predigten geben einen Einblick in seine Gedanken und Ansichten. Er ist dem gemäßigten Teil der Bekennenden Kirche zuzuordnen, dabei jedoch offen für eine „mittige“ Position.
Leben
Hugo Eduard Reinhold Specht wurde am 6. Oktober 1893 in Zell im Wiesental (Baden) geboren. Seine Schwester beschrieb das Elternhaus als liebevoll und unterstützend und vermerkte den Fokus auf Dankbarkeit und Hilfsbereitschaft in der Erziehung. Sein Vater, Hermann Specht, war über 40 Jahre lang als Pfarrer tätig, seine Mutter Hannah Specht sorgte für das familiäre Wohl. Hugo Specht besuchte die Schulen in Zell, Lörrach und Karlsruhe und begann 1912 ein Theologiestudium in Heidelberg. Dieses wurde jedoch unterbrochen, als er sich als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg (1914–1918) meldete. Eine schwere Infektion zwang ihn zu einem dreijährigen Aufenthalt im Lazarett.
Nach dieser Zeit nahm er 1917 sein Theologiestudium in Marburg wieder auf. Am 5. Dezember 1922 heiratete er Anna Auguste Mayer, mit der er bis 1929 fünf gemeinsame Kinder bekam. Im selben Jahr wurde Specht nach Schopfheim versetzt, bevor er am 1. Oktober 1937 als Pfarrer an die reformierte Kirche zu Leipzig wechselte. Trotz seines Dienstes in der Ferne kehrte er gelegentlich in seine Heimat zurück, zuletzt im Herbst 1943.
Am 4. Dezember 1943 kam Hugo Specht bei einem alliierten Bombenangriff auf Leipzig ums Leben. Zwei Bomben trafen sein Mietshaus, wobei er, seine Familie sowie die Gemeindehelferin Christa Hippe verschüttet wurden. Eine Bergung war nicht mehr möglich. Zu seinem Gedenken fand am 19. Dezember 1943 ein Gedächtnisgottesdienst in der evangelischen Kirche in Zell im Wiesental statt. Ein weiterer Trauergottesdienst wurde am 30. Januar 1944 in der Leipziger Michaeliskirche abgehalten.
Von Schopfheim nach Leipzig
In der Gemeinde Schopfheim genoss Pfarrer Hugo Specht ein hohes Ansehen. Seine große Menschlichkeit, Warmherzigkeit und Klugheit machten ihn zu einem geschätzten Seelsorger, der viele Freundschaften pflegte und das Vertrauen der Gemeindemitglieder in besonderer Weise besaß. Als er den Wunsch äußerte, das Pfarramt zu verlassen, zeigte sich sogar Landesbischof Julius Bender (1983–1966) in Karlsruhe wenig begeistert – ein Zeichen dafür, wie sehr Spechts Wirken geschätzt wurde.
In Schopfheim wurde währenddessen über die Nachfolge diskutiert. Eine Gemeindehäupterversammlung befasste sich mit der anstehenden Pfarrerwahl, doch die Entscheidung darüber wurde mehrfach verschoben. Offenbar war man mit den bisherigen Bewerbern nicht zufrieden – insbesondere, da unter den Kandidaten auch Pfarrer Emil Lind (1890–1966) war, ein Mitglied der „Deutschen Christen“ und Teil des NSDAP-Opferrings, was bei Teilen der Gemeinde auf Ablehnung stieß.
In diesem Zusammenhang fiel schließlich der Name Hugo Specht. Es scheint, dass er als möglicher Nachfolger ins Gespräch gebracht wurde. Auch der Bewerber Kasimir Ewerbeck (1891–1973) zog sich zurück, nachdem er erfahren hatte, dass seine Person auf Wunsch des Konsistoriums geprüft werden sollte – und das, obwohl er selbst Mitglied der NSDAP war und daher aus Sicht der Gemeindeleitung der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig eigentlich als unproblematisch galt. Möglicherweise wird darin eine gewisse politische Vorsicht seitens der Gemeinde oder des Konsistoriums sichtbar.
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Evangelische Stadtkirche zu Schopfheim, Landkreis Lörrach, 2010
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Latschari
Beteiligte, Orts- und Zeitangaben
Zeit
02.07.2010
Weitere Informationen
Specht bat um eine schnelle Entscheidung zur Gastpredigt, welche er am 27. Juni 1937 hielt und von den Gemeindegliedern Lob erhielt. Anschließend reichte er seine Bewerbung nach, es folgten Gehaltsverhandlungen und eine Überprüfung seiner Person. Auch hier fiel das Urteil durchweg positiv aus: Man lobte seine eindrucksvollen Predigten, sein Engagement als Seelsorger und Freund der Jugend – ein „Gewinn für jede Gemeinde“. Das Konsistorium hatte sich ausdrücklich einen Pfarrer gewünscht, der zwischen den Lagern der „Bekennenden Kirche“ und den „Deutschen Christen“ eine neutrale Haltung einnehmen konnte. In Specht sah man genau diese vermittelnde Figur.
Hugo Specht und der Widerstand
Über das widerständige Verhalten von Pfarrer Hugo Specht ist nur wenig bekannt. Einige Hinweise finden sich vor allem in den Aussagen seiner Schwester Helene Specht (1888–mind. 1955) sowie in den Inhalten seiner Predigten, die teilweise doppeldeutig formuliert waren und deshalb sowohl als religiöse Ermutigung als auch als unterschwellige Kritik am nationalsozialistischen Regime verstanden werden konnten.
Eine Formulierung, die auf die düsteren politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse anspielen könnte, ist in der Predigt zu lesen, die Hugo Specht Heiligabend 1937 hielt. Im Jahr 1938, kurz vor Ostern, sprach er von einem Geist, den man nicht „heilig“ nennen könne, wenn er im Dienst der „furchtbaren Zerstörung“ stehe – wie es etwa durch die „moderne Kriegschemie“ oder, noch furchtbarer, „den Geist des Bolschewismus“ geschehe, der „in tausend persönlichen Schicksalen“ zu spüren sei. Solche Aussagen zeigen ein Ringen mit den Entwicklungen seiner Zeit und deuten auf eine bewusste Auseinandersetzung mit ideologischer Vereinnahmung von Religion und Gewalt.
Im Januar 1939 sprach Specht von einem Jahr, das „ernste große Entscheidungen“ mit sich bringe – Entscheidungen, die nicht nur das Jahr, sondern bereits „die nächste Stunde“ beträfen. Er warnte davor, sich in der „Gewohnheit“ zu verlieren, die sich auch als Illusion entpuppen könne. Ende desselben Jahres fragte er – nach dem Sieg über Polen –, ob nun endlich der Frieden komme. Doch es blieb bei Ungewissheit, verbunden mit dem Appell, sich innerlich auf das Bevorstehende vorzubereiten.
Vielleicht müssen wir durch große Finsternisse hindurch, bis uns dafür die Augen aufgehen, bis Not und Sehnsucht uns das Licht sehen lehren.
Specht, Hugo: Weihnacht. In: Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig 9 (1937) 5.
Darum sind solche Zeiten, wie die gegenwärtige, im Grunde genommen Zeiten voller Hoffnung. Kapitulieren? Das gibt es nicht für eine Kirche, die um die Kraft des Heiligen Geistes weiß. Verzagen? Wie könnte das eine Kirche, der Gott ‚den Geist der Kraft und der Liebe und der Zucht‘ gegeben hat!
Specht, Hugo: Pfingsten. In: Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig 13 (1941) 3.
Aussagen wie diese lassen darauf schließen, dass Hugo Specht nicht mit dem nationalsozialistischen System übereinstimmte. Dennoch ist eine eindeutige Einordnung seines Handelns schwierig. Es gibt keine Hinweise auf eine aktive Beteiligung an organisierten Widerstandsgruppen. Die Darstellung seiner Schwester Helene, die ihn als aktiven Widerstandskämpfer beschrieb, lässt sich daher nicht belegen und könnte – zumindest in Teilen – dem Wunsch entspringen, das Andenken ihres Bruders in einem bestimmten Licht zu bewahren.
Vieles deutet jedoch darauf hin, dass Spechts Haltung eher der stillen, persönlichen Opposition zuzuordnen war. Seine Predigten zeigen eine innere Distanz zum Regime und eine bewusste geistliche Gegenhaltung, die er jedoch vor allem im geschützten Raum der Kirche und des Privaten äußerte. Diese Form des nonkonformen Verhaltens, getragen von theologischer Überzeugung und tiefem Glauben, prägte sein Bild als einen Mensch, der trotz aller äußeren Anpassung nicht innerlich mitging.
Tod und Gedenken
Am 4. Dezember 1943 wurde das Mietshaus in der Erfurter Straße 8 in Leipzig, in dem Pfarrer Hugo Specht mit seiner Familie lebte, von zwei Bomben getroffen und stürzte in sich zusammen. Die Familie hatte sich zuvor im Luftschutzkeller versammelt, doch dieser besaß keinen Durchbruch zu benachbarten Häusern, was eine Flucht unmöglich machte. In den ersten Momenten nach dem Angriff konnte Hugo Specht noch mit den Rettungskräften sprechen. Er berichtete von den bereits ums Leben Gekommenen und bat um Wasser. Doch kurz darauf kam es zu einem weiteren Einsturz des Gebäudes, wodurch die Rettungsarbeiten zum Erliegen kamen. Die letzten Lebenszeichen von Familie Specht und der Gemeindehelferin Christa Hippe verstummten schließlich – ein tragisches Schicksal, das viele tief erschütterte. Der Verlust des geschätzten Pfarrers und seiner Familie wurde als schwerer Schlag empfunden.
Beim Trauergottesdienst, welcher von einem Luftalarm unterbrochen wurde, am 30. Januar 1944 um 12 Uhr sprachen der Leipziger reformierte Pfarrerskollege Richard Schlier (1892–1968) und der Dresdener reformierte Pfarrer August de Haas (1901–1956) für die Jugendvereine und äußerten sich in respektvoller und wertschätzender Art. In bleibendem Gedenken wurde außerdem eine „Hugo-Specht-Spende“ ins Leben gerufen, aus der in den folgenden fünf Jahren junge Theologiestudenten unterstützt wurden – ein stilles Vermächtnis des tief verwurzelten Engagements von Pfarrer Specht.
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Gedenktafel in Leipzig
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
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Leipziger Südfriedhof
Zeugnisse des Luftangriffs auf Leipzig in der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943
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Gedenkstein der Leipziger Opfer im Zweiten Weltkrieg, Südfriedhof Leipzig, 2025
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Deborah Simon
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Deborah Simon
Beteiligte, Orts- und Zeitangaben
Zeit
27.10.2025
Ort
Leipzig
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Massengrab der Opfer des Luftangriffs vom Dezember 1943 auf Leipzig, Südfriedhof Leipzig, 2025
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Deborah Simon
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Deborah Simon
Beteiligte, Orts- und Zeitangaben
Zeit
27.10.2025
Ort
Leipzig
Also im Allgemeinen kann ich nur sagen, dass sämtliche Auskünfte über Herrn Pfarrer Specht ihn als einen tüchtigen gewissenhaften Menschen, als guten Seelsorger und guten Pfarrer schildern, dessen Gewinnung für jede Gemeinde von Vorteil sei.
Auszug aus dem Bericht des Konsuls Dr. Hermann Voß (1927–1944 Gemeindevorsteher, gestorben 1944) 1937 über seine persönlichen Erkundigungen über Pfarrer Specht (AerKL 498).
07
Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung
Informationen über die verwendeten Medien
Gedenkstätte am Ort der ehemaligen Großen Synagoge in Leipzig, Ecke Gottschedstraße Zentralstraße (in der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 in Brand gesteckt und zerstört)
Kunstwerk von 2001 der Leipziger Architekten Anna Dilengite (*1969) und Sebastian Helm (*1970), Ansicht von Nordosten
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Heinrich Stürzl
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Vorwort
Die reformierte Gemeinde zu Leipzig steht im Zentrum dieses Ausstellungsteils – eine Gemeinde, die sich in den Jahren des Nationalsozialismus zwischen Anpassung, Schweigen und menschlicher Anteilnahme bewegte. Anhand von Protokollen, Briefen und Taufregistern wird sichtbar, wie die Gemeinde auf die Verfolgung der Jüdinnen und Juden reagierte – oder eben nicht reagierte.
Während offizielle Dokumente kaum Stellung zu den nationalsozialistischen Verbrechen nehmen, erzählen andere Quellen von stillen Zeichen der Hilfe, etwa durch die Taufe jüdischer Gemeindemitglieder. Zugleich wird deutlich, wie innere Spannungen, politische Anpassung und Angst vor Repressionen das Handeln bestimmten.
Ergänzt wird diese Perspektive durch die bewegende Lebensgeschichte des jüdischen Verlegers Max Hinrichsen und seiner Frau Marie-Luise von Siegroth, deren Biografie den persönlichen Mut, den Verlust und die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung eindrücklich veranschaulicht.
Die reformierte Gemeinde über die nationalsozialistischen Maßnahmen der Jüd*innenverfolgung
Geschehnisse, die während der Zeit des Nationalsozialismus schrecklicherweise Teil des Alltags waren, gingen wohl kaum an der Öffentlichkeit vorbei. So müsste man davon ausgehen, dass die nationalsozialistischen Maßnahmen der Jüd*innenverfolgung ein breit diskutiertes und weitergetragen Thema waren und dass sich Meinungen bestimmter Institutionen oder Einzelpersonen aus Dokumenten von Zeitzeugen extrahieren lassen.
Mit Blick auf die Protokolle des Gemeindekonsistoriums der reformierten Gemeinde zu Leipzig fällt allerdings auf, dass diese Geschehnisse kaum erwähnt, gar außer Acht gelassen wurden. So findet beispielsweise die Reichspogromnacht (9. November 1938) keinerlei Erwähnung in den Konsistoriumsprotokollen. Im letzten Protokoll vor der Reichspogromnacht, das vom 7. November 1938 stammt, lässt sich kein Hinweis auf die Komplikationen und Grausamkeiten der Zeit finden. Auch das darauffolgende Protokoll vom 11. Januar 1939 erwähnte die Geschehnisse nicht.
Es lässt sich also zusammenfassen, dass sich die reformierte Gemeinde zu Leipzig mit ihren Äußerungen bezüglich des Nationalsozialismus zurückhielt. Aus den Briefen, die aus dieser Zeit in der Gemeinde überliefert sind, geht hervor, dass vermutlich verschiedene politische Meinungen in der Gemeinde vertreten waren, wodurch vorstellbar ist, dass man politische Themen gemieden hat, um Problemen aus dem Weg zu gehen. Besonders für die Zeit des Zweiten Weltkriegs (1939–1945) erscheint es logisch, dass mit Meinungen wider den Nationalsozialismus sparsam umgegangen wurde, um die reformierte Gemeinde zu Leipzig vor Schlimmerem zu bewahren und um das vermeintliche „Neutralitätsgebot“ der Kirche zu wahren.
Jüd*innentaufen in der reformierten Gemeinde
Anders, als man vielleicht erwarten würde, traten im 20. Jahrhundert viele neue, bisher anderskonfessionell geprägte Menschen in die Leipziger reformierte Gemeinde über. Dies hatte vielseitige Gründe. Besonders signifikant sind die Lutheraner*innen, welche von der lutherischen in die reformierte Kirche übertraten. So gab es von 1900 bis 1932 insgesamt 2802 Übertritte von Menschen, die vorher in einer lutherischen Gemeinde verzeichnet waren. Zu vermuten ist vor allem ein Motiv der „Steuerflucht“, um auf diese Weise den Steuerzahlungen an die lutherische Landeskirche zu entkommen. Überzeugungsübertritte sind jedoch ebenfalls denkbar.
Diese Übertritte sorgten im Vorstand der reformierten Gemeinde zu Leipzig zunächst für Unruhen, da diese übergetretenen Lutheraner*innen vor allem als „Steuerflüchtlinge“ angesehen wurden, welche vermutlich lediglich aus ökonomischen Gründen übergetreten seien und keinen Beitrag zum Gemeindeleben leisten würden. Damit kam der Gedanke einer Gefahr der „Überfremdung“ der Gemeinde auf, womit die eigentlichen Werte verloren gehen würden. Die Gemeinde konnte sich jedoch auf die Auffassung einigen, dass Übertritte aus Überzeugung eine große Bereicherung für die Gemeinde seien, welche unter allen Übertritten vermutlich ebenfalls eine große Rolle spielten. Die sogenannten „Steuerflüchtlinge“ würden keine Gefahr darstellen. Die Sorgen wurden somit obsolet.
Anders sah dies in Bezug auf Jüd*innen aus, welche sich in der reformierten Kirche zu Leipzig taufen lassen wollten. Insgesamt ließen sich in dem Zeitraum von 1878 bis 1944 144 Jüd*innen in der reformierten Gemeinde zu Leipzig taufen, wobei die meisten Taufen vor 1933 stattfanden. Auffällig ist, dass zwischen 1937 und 1943 gar keine Jüd*innentaufen stattgefunden haben. Dass die reformierte Gemeinde zu Leipzig diese Zahl von Jüd*innentaufen durchgeführt hat, war nicht selbstverständlich, da sich hier noch einmal mehr als bei den Lutheraner*innenübertritten Streitpunkte ergaben. Hohlfeld konkludierte: „[D]ie Frage der Taufen erwachsener Jüd*innen erregte die Gemüter mehr als es die Sache wert war.“
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Kreisdiagram zu Jüd*innentaufen in der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
Datengrundlage: tabellarische Aufstellung von Edith Markert vom 7. November 2021 auf Basis der Einträge in die Taufbücher der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
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Edith Markert
Beschreibung
Kreisdiagramm mit dem Verhältnis der Jüd*innentaufen von 1878 bis 1944
Angaben zum Objekt
Abmessung/Umfang
1 Diagramm
Sprache
Deutsch
Beteiligte, Orts- und Zeitangaben
Beteiligte Personen und Organisationen
Edith Markert & Annika Hackel
Zeit
30.05.25
Ort
Leipzig
Zeitliche Verteilung der Jüd*innentaufen in der reformierten Gemeinde zu Leipzig
Mit Blick auf die nebenstehende Statistik fällt auf, dass sich Jüd*innentaufen fast kontinuierlich von 1879 bis 1944 ereignet haben. Diese haben also nicht nur zur Zeit des Nationalsozialismus eine Rolle gespielt, sondern waren auch bereits im 19. Jahrhundert von Bedeutung.
Besonders viele Jüd*innen werden in der Zeit um 1897 und 1933 getauft. Zunächst lässt sich eine positive Haltung gegenüber Jüd*innentaufen beobachten. Aus dem Diagramm lässt sich entnehmen, dass viele Jüd*innen auf diese Option zurückgreifen konnten. Vor allem um das Jahr 1933 unterstützte die reformierte Gemeinde zu Leipzig gefährdete Jüd*innen oder jüdisch-stämmige Mitglieder*innen tatkräftig, mithilfe von Taufen oder in Einzelfällen auch eines Darlehens. Die meisten Taufen wurden vermutlich von Pfarrer Mühlhausen (1879–1958) durchgeführt, welcher besonders mit seiner Unterstützung auffiel.
Auffallend ist außerdem, dass die Jüd*innentaufen in den offiziellen Statistiken der Gemeinde nicht separat geführt werden. Dort ist nur von Taufen von „Erwachsene(n) (inc. Juden)“ die Rede, wodurch der Fokus von den Jüd*innentaufen abgewendet wurde, was dem Eklat vermutlich entgegenwirken sollte. Laut offizieller Statistik der Gemeinde gab es in den Jahren von 1900 bis 1945 41 Erwachsenen- inklusive Jüd*innentaufen. Dies stimmt mit dem uns vorliegenden Taufverzeichnis nicht überein. In jenem sind im gleichen Zeitabschnitt 77 Jüd*innentaufen verzeichnet.
Gar keine Jüd*innentaufen fanden hingegen von 1937 bis 1943 statt, was eine klare Haltung der reformierten Kirche zu Leipzig zu dieser Zeit bezeugt. Wohingegen viele Jüd*innen in den Jahren von 1933 bis 1936 noch vermutlich die letzte Option sahen, um dem Schicksal, das auf eine Großzahl der jüdischen Menschen zukam, zu entkommen und einer anderen Konfession beizutreten, schien dies ab 1937 aufgrund der sich zuspitzenden politischen Lage nicht mehr möglich zu sein.
Ein Grund für diese schlagartige Veränderung von zehn Taufen alleine im Jahr 1933 auf null Jüd*innentaufen von 1937 bis 1943 könnte im Wechsel des Konsistoriums liegen, welches sich 1934 neu zusammensetzte. Besonders im Jahr 1934 gab es häufige kritische Äußerungen in Bezug auf die Jüd*innentaufen, welche in der reformierten Gemeinde zu Leipzig durchgeführt wurden. Exemplarisch hierfür ist Wolfgang Meiner, der ehemalige Rechnungsprüfer der Gemeinde, welcher aufgrund einer kürzlich vollzogenen Taufe und Trauung eines Juden sein Amt niederlegte.
Auf Basis der Protokolleinträge lässt sich vermuten, dass das neu zusammengesetzte Konsistorium deutlich NSDAP-näher war und eine Tendenz zu nationalsozialistischer Ideologie bestand, womit auch die kritische Einstellung gegenüber Jüd*innentaufen einherging.
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Anzahl der jüdischen Getauften in der reformierten Kirche pro Jahr
Datengrundlage: tabellarische Aufstellung von Edith Markert vom 7. November 2021 auf Basis der Einträge in die Taufbücher der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
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Edith Markert
Beschreibung
Fließdiagramm der pro Jahr getauften Jüd*innen
Warum ließen sich Jüd*innen reformiert taufen?
Es läge nahe zu vermuten, dass der Übertritt in die größere sächsische lutherische Landeskirche einfacher gewesen wäre. Jedoch wird schnell deutlich, dass diese schon viel früher als die reformierte Kirche zu Leipzig gegen Jüd*innentaufen vorgegangen war und Jüd*innentaufen damit erschwert und unterbunden hatte. 1933 äußerte das Kirchenregiment, dass die Judentaufe „als Eingangstor für fremdes Blut in den ‚deutschen Volkskörper‘“ diene, was den Zeitgeist wohl repräsentierte. Dass Jüd*innen aus diversen Gründen in die reformierte Gemeinde zu Leipzig statt in die lutherische Landeskirche übertraten, ist also nicht verwunderlich, da die reformierte Kirche mit Pfarrer Mühlhausen eine gegenteilige Meinung vertrat.
Warum sich Jüd*innen bereits vor 1933 in der reformierten Kirche haben taufen lassen, liegt vermutlich an der Möglichkeit des sozialen Aufstiegs, welcher durch den Eintritt in eine protestantische Glaubensgemeinschaft zumeist gewährleistet werden konnte, um sich der Gesellschaft zu assimilieren und dem Antisemitismus, welcher schon damals alltagspräsent war, zu entkommen.
Besonders um die Zeit des Nationalsozialismus liegt nahe zu vermuten, dass Jüd*innen in der Taufe in der reformierten Gemeinde eine Chance sahen, um dem Holocaust zu entkommen, um so das Label „Jüd*in“ abzulegen. Mit Blick auf die Todesdaten der übergetretenen Jüd*innen wird jedoch deutlich, dass eine Großzahl jener davor nicht bewahrt werden konnte und dennoch deportiert wurde. Auch innerhalb der Gemeinde der reformierten Kirche zu Leipzig gab es klare Meinungen, wie ein Schreiben von Wolfgang Meiner zeigt (1897–1977):
Informationen über die verwendeten Medien
Schreiben des Rechnungsprüfers der Gemeinde Wolfgang Meiner vom 1. November 1934 an das Konsistorium
Aus: AerKL 496 > Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Max Hinrichsen - Verleger zwischen Leipzig und London
Max Hinrichsen (1901–1965) wurde am 6. Juli 1901 in Leipzig geboren als ältester Sohn des Musikverlegers Henri Hinrichsen (1868–1942). Nach dem Besuch der Nikolaischule begann er 1919 eine Ausbildung in verschiedenen Musikverlagen, die ihn nach Berlin, Zürich und schließlich nach New York führte. Besonders in den USA sammelte er wertvolle Erfahrungen in Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für den Musikbetrieb.
1931 trat Max als Teilhaber in den traditionsreichen Leipziger Familienverlag C.F. Peters ein. Drei Jahre später heiratete er Marie-Luise von Siegroth und Slawikau – eine Ehe, die nicht nur gesellschaftliche Vorbehalte, sondern auch die Bedrohungen durch die nationalsozialistische Rassenpolitik überstehen musste.
1937 floh das Paar gegen den Willen der Familie nach Großbritannien. Dort setzte Max seine verlegerische Arbeit fort, zunächst als Vertreter für Peters beim Londoner Musikverlag Novello & Co., wenig später mit seiner eigenen Firma, Hinrichsen Ltd., gegründet 1938. Neben klassisch-romantischen Werken verlegte er vor allem Musik britischer Komponisten aus Vergangenheit und Gegenwart.
1945 gründete er zusätzlich die Peters Edition und kämpfte in einem aufsehenerregenden Rechtsstreit mit Novello erfolgreich um die Nachdruckrechte seines Verlags. 1947 erhielt Max Hinrichsen die britische Staatsbürgerschaft. Er blieb bis zu seinem Tod am 17. Dezember 1965 eine prägende Gestalt des internationalen Musikverlagswesens. Seine zweite Ehefrau, Carla Eddy Hinrichsen (1922–2005), übernahm anschließend die Leitung des Unternehmens.
Informationen über die verwendeten Medien
die neugeborene Tochter Irene Lawford-Hinrichsen mit ihrem Vater Max Hinrichsen und Noten des C. F. Peters Verlags
Aus: Lawford-Hinrichsen, Irene: Five Hundred Years to Auschwitz. A Family Odyssey from the Inquisition to the Present. Harrow 2008, 127.
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Julie Lawford
Marie-Luise von Siegroth und Slawikau
Geboren in eine adlige Familie, wuchs die Tochter der Baronin Elisabeth von Siegroth und Slawikau nach dem frühen Tod ihres streng katholischen Vaters mit einer für die damalige Zeit ungewöhnlich freigeistigen Erziehung auf. Während ihre Brüder strenger Disziplin und militärischer Laufbahn folgten, durfte sie einen freieren Lebensweg einschlagen.
Der Erste Weltkrieg (1914–1918) riss eine tiefe Lücke in die Familie: Ihr ältester Bruder Hanns (1895–1915) fiel 1915 mit nur 19 Jahren in den Schützengräben Frankreichs. Joachim (1896–1945), der zweite Bruder, stieg zum Generalmajor der Wehrmacht auf. Aus Angst um seine Karriere brach er alle Kontakte ab, als seine Schwester einen jüdischen Mann heiratete — eine Verbindung, die nach den 1935 eingeführten „Rassegesetzen“ verboten war.
Der jüngste Bruder Eberhard dagegen blieb seiner Schwester treu und nahm sogar Unterstützung vom jüdischen Schwager an. Mutig stellte sich die junge Frau gegen die drohenden gesellschaftlichen und politischen Zwänge ihrer Zeit.
Ihre überstürzte Heirat 1935 war ein Akt des Widerstands gegen ein unmenschliches System und Ausdruck persönlicher Entschlossenheit. Ihre Mutter, die verwitwete Baronin, unterstützte sie und verbrachte fortan ihre Zeit zwischen Berlin und dem neuen Zuhause ihrer Tochter in Leipzig.
Informationen über die verwendeten Medien
Hochzeitsfoto mit Max Hinrichsen und Marie-Luise von Siegroth und Slawikau vom 28. Juni 1934
Aus: Lawford-Hinrichsen, Irene: Five Hundred Years to Auschwitz. A Family Odyssey from the Inquisition to the Present. Harrow 2008, 126.
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Julie Lawford
Verfolgte Klänge - Edition Peters
Max und Marie-Luise Hinrichsen führten in Leipzig ein bürgerliches, kultiviertes Leben. Doch mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde ihre Ehe – eine Verbindung zwischen dem jüdischen Verleger Max Hinrichsen und der nichtjüdischen Marie-Luise – zunehmend zum Ziel staatlicher Repression. Als 1935 ihre Tochter Irene (1935–2017) geboren wurde, verweigerte der Staat die Anerkennung ihrer evangelischen Taufe. Nach der nationalsozialistischen Rassengesetzgebung galt das Kind als „Mischling ersten Grades“, und die Eltern wurden der sogenannten „Rassenschande“ beschuldigt.
Die antisemitischen Gesetze griffen tief in das Leben der Familie ein. Auch das traditionsreiche Musikverlagsunternehmen C. F. Peters, das seit Generationen in Familienbesitz war, geriet zunehmend unter Druck. Der Verlag, einst eine feste Größe im Leipziger Musikleben, wurde im Zuge der nationalsozialistischen „Arisierung“ schrittweise enteignet und aus jüdischer Hand gedrängt.
Während Max’ Bruder Walter (1907–1969) 1936 in die USA emigrierte, blieb Max zunächst in Leipzig, in Sorge um den Vater Henri (1868–1942) und das Unternehmen. Doch die wachsende Gefahr für Marie-Luise und die gemeinsame Tochter zwang ihn schließlich zum Handeln. Im November 1937 verließ die Familie Deutschland in Richtung Großbritannien, wo Max im Exil die Hinrichsen Edition Ltd. gründete – den Grundstein der späteren Peters Edition London. Der Bruch mit dem Vater, der in Deutschland blieb und an eine Besserung der Lage glaubte, war schmerzhaft und endgültig.
Das Schicksal von Max und Marie-Luise Hinrichsen steht exemplarisch für viele jüdische Familien, die durch das nationalsozialistische Regime entwurzelt wurden – geprägt von Entrechtung, dem Verlust ihrer Lebensgrundlage und dem Mut, in der Fremde einen Neubeginn zu wagen.
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Edition Peters
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Universität Leipzig/Wiebke Schmal
08
Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit
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beschädigte reformierte Kirche am Tröndlinring, um 1946, Fotograf unbekannt
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Leibniz-Institut für Länderkunde e.V., Signatur: Eu068-2439
Die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig in der Zeit der „Entkonfessionalisierung“ und im Zweiten Weltkrieg
Der Krieg, der Luftangriff vom 4. Dezember 1943 und die zunehmend offen kirchenfeindliche Haltung des NS-Regimes erschwerten das Gemeindeleben und beeinflussten die Gefühle und Lebensverhältnisse der Gemeindemitglieder sehr stark bis Kriegsende, vor allem wegen fehlender Gottesdienste. Themen wie die Konfirmation von Jugendlichen und der Religionsunterricht mussten auf die Zeit nach dem Krieg verschoben werden. Trotzdem blieben die Mitgliederzahlen der Gemeinde konstant und der Kirchenalltag wurde mit Mindestbesetzung und ohne eigenes Kirchengebäude aufrechterhalten. Die Gemeinde gab weder den Glauben noch ihre Gemeinde auf. Kurz nach dem 8. Mai 1945 wurde immer wieder indirekt betont, dass das Ziel die Erhaltung der evangelisch-reformierten Gemeinde sei. Die Kirchenstruktur brach trotz vieler Erschütterungen nie zusammen. Auch aus den Jahresberichten der Gemeindehäupterversammlung geht hervor, dass mit jedem Schlag gegen die Gemeinde versucht wurde, das Band innerhalb noch mehr zu stärken, was bis zum Kriegsende auch gelang.
Entkonfessionalisierungspolitik
Mit „Entkonfessionalisierungspolitik“ werden politische Maßnahmen der Nationalsozialisten bezeichnet, die darauf abzielten, den Einfluss bestimmter Konfessionen, z. B. der evangelisch-reformierten Gemeinde, auf staatliche Institutionen, Gesetze und das öffentliche Leben zu verringern oder ganz zu beseitigen. Besonders betroffen war dabei der Religionsunterricht. Es erfolgte eine gezielte Überwachung der Kirche durch die Nationalsozialisten. Ab 1938 wurde die Kirche als Staatsfeind betrachtet. Unter den „kriegsnotwendigen“ Einschränkungen litt das Verhältnis von Staat und Kirche und die steigende Infragestellung des Kirchenregiments verstärkte sich. Folgen waren z. B. das Aufschieben von Geldern der Nationalsozialisten für Restaurierungsarbeiten am Kirchengebäude, der Einzug der Kirchenglocken, die Einschränkung der Versammlungsfreiheit und die zentrale Zensur. Ziel war es, die innerkirchlichen Strukturen einbrechen zu lassen. Im Einzelnen war auch die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig davon betroffen.
1.1 Versammlungsfreiheit?
Mit dem Verbot des Volksmissionsabends im April 1936 nahm die Einschränkung der Versammlungsfreiheit eine neue Dimension an. Einen Monat später waren sogar Kinderfeste betroffen, da die Nationalsozialisten der Auffassung waren, es handle sich um geheime Austauschtreffen. Ausnahme waren sogenannte Jugendcamps und Waldgottesdienste, die jedoch ab 1937 untersagt wurden. Das Abhalten weltlicher Veranstaltungen war für „konfessionelle Vereine“ ab dem 1. Oktober 1935 verboten. Die Kirche wurde damit gezielt aus dem öffentlichen Raum ferngehalten. Mit dem Kriegszustand verschlimmerte sich die Lage. Es wurden wegen der Angst vor Luftangriffen Ausgangssperren verhängt und die Menschen konnten nicht mehr den Gottesdienst besuchen. Innerkirchliche Veranstaltungen konnten nicht besucht werden und „das kirchliche Vereinsleben erstarb unter dem allgemeinen Versammlungsverbot“.
1.2 Pressefreiheit?
Auch die Einschränkungen der Pressefreiheit hatten starke Auswirkungen auf die evangelisch-reformierte Gemeinde. Es fing mit Verbot einzelner Flugblätter im Jahre 1936 an, steigerte sich mit Bild- und Schrifteinschränkungen, bis hin zur Verwandlung von Flugblättern in leblose Terminkalender. Die Flut an nationalsozialistischer Propaganda überflutete auch diese Gemeinde. Fadenscheinige Ausreden wie Papiermangel (1. März 1943) wurden genutzt, um gezielt den kirchlichen Einfluss auf die Öffentlichkeit einzudämmen, um nach und nach die Kirchenartikel aus den Zeitungen und von den Flugblättern zu entfernen. Die Kirche musste sich auf innerkirchliche Presse im Geheimen beschränken. Die Nationalsozialisten nahmen der Kirche ihre Stimme, mit der sie zuvor Menschen außerhalb der Gemeinde erreicht hatte. Der Bedeutungsverlust durch die Unterdrückung der kirchlichen Presse bis Kriegsende wurde von der Gemeinde als eines der kritischsten Probleme gesehen. Sie hatten dem Staat allerdings nichts entgegenzusetzen und auch keine Mitspracherechte.
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Ankündigung der Einstellung des Gemeindeblattes, 1941
Aus: Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig mit Chemnitz 13 (Ende Mai 1941) 3, [4].
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
1. Gottesdienste
1.1 Der Ton in den Gottesdiensten
In einer Zeit der politischen Unruhe zeichneten sich Gottesdienste oft durch Nächstenliebe, den Glauben an Jesus Christus und Gottesvertrauen aus. Der Gottesdienst gab den Menschen Hoffnung und einen sicheren Hafen. In der Zeit des Nationalsozialismus konzentrierten sich die Nationalsozialisten darauf, den Christen diesen Glauben zu nehmen und sie wollten eine alternative Hoffnungsquelle in der NS-Weltanschauung bieten. Als diese im Laufe des Krieges aber immer weniger trug, wandten sich die Menschen wieder dem christlichen Glauben zu. Der Gottesdienst stellte eine Stütze für die Menschen dar, indem er sich noch stärker auf Hoffnung fokussierte. Gerade kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges, wo die Spannungen kaum mehr auszuhalten waren, berief sich auch die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig auf den Geist der Hoffnung und den Glauben an Gott.
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erster Gottesdienst in der wiederaufgebauten Kirche am 5. Juni 1949
auf der Kanzel: Pfarrer Richard Schlier (1892–1968, Gemeindepfarrer 1934–1953)
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
1.2 Regelmäßigkeit der Gottesdienste
Bis zu Beginn des Krieges fanden die Gottesdienste wie gewohnt am Sonntag statt. Die Kirche hatte mit Beginn des Krieges allerdings sehr mit Unterbrechungen oder gänzlichen Absagen der Gottesdienste zu kämpfen. Gründe dafür waren Fliegeralarm, Luftangriffe, Ausgangssperren (durch die Gefahr von Luftangriffen), Unterbrechungen durch Überwachungen und Verhaftungen der Polizei nach den Gottesdiensten. Diese Ereignisse nahmen während des Krieges stetig zu. Die Teilnehmerzahlen sanken. Gottesdienste fingen aufgrund des Fliegeralarms regelmäßig zu unterschiedlichen Zeiten an. Am 30. Januar 1944 wurde der Trauergottesdienst für den bei einem alliierten Luftangriff ums Leben gekommene Pfarrer Hugo Specht (1893–1943, Gemeindepfarrer 1934–1943) durch einen Fliegeralarm unterbrochen und konnte erst nach 30 Minuten und polizeilicher Entwarnung fortgesetzt werden.
1.3 Die Folgen des Krieges
Krieg, Leid und Tod waren Alltag. Trauergottesdienste gehörten zur Tagesordnung. Gedächtnisgottesdienste folgten auf die zahlreichen Luftangriffe auf Leipzig. Im Verlauf des Krieges fanden immer wieder mehr Menschen zum Glauben und zur Kirche zurück. Menschen, die in der nationalen Euphorie des Jahres 1933 der Gemeinde beigetreten und unter dem Druck der staatlichen „Entkonfessionalisierungspolitik“ ab 1936 wieder ausgetreten waren, meldeten sich unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens aus freien Stücken wieder zu Gottesdiensten und zur Gemeinde. Die Kirche prüfte jeden Antrag sorgfältig. In Gottesdiensten wurde ab dem 23. Mai 1944 explizit auch durch die Gemeinde auf Disziplin, Kleiderwahl und Verhalten beim Abendmahl geachtet. Ein genauer Grund wurde nicht genannt, aber die Gemeinde hatte vermutlich Bedenken, dass durch die neu beigetretenen Mitglieder die reformierten Traditionen einbrachen.
1.4 Ausweichmöglichkeiten und Lösungsansätze
Gottesdienste fanden nach der Zerstörung der Kirche durch den Luftangriff vom 4. Dezember 1943 im Konfirmandenzimmer statt, da es der nächstgrößere Raum war, bevor die Michaelisgemeinde ihre Kirche zur Verfügung stellte. Nach Unterbrechungen wurde der Gottesdienst meist wie gewohnt fortgeführt. Die Predigt wurde dann länger gehalten und im Anschluss folgten ab 1942 sogar noch zusätzliche Kinderstunden zu den Gottesdiensten. Diese fielen nicht unter öffentliche Veranstaltungen, für die es zu der Zeit ein Verbot gab, sondern waren als Zusammentreffen von Familien und deren Kindern deklariert. Kleine Amtshandlungen innerhalb des Konsistoriums wie Taufen oder kleinere Andachten waren noch möglich, im Konfirmandensaal sogar Trauungen.
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Porträt von Pfarrer Richard Schlier (1892–1968, Gemeindepfarrer 1934–1953)
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2. Pfarrer Richard Schlier
2.1 Druck auf die Pfarrer
Mit zunehmender „Entkonfessionalisierung“ durch die Nationalsozialisten gerieten auch Pfarrer immer mehr ins Visier. Bei regimekritischen Ansichten wurden Pfarrer aus ihren Ämtern verbannt, verhört oder sogar verhaftet und zusätzlich bestraft. Auch Pfarrer Richard Schlier (1892–1968) sollte zum Eintritt in die NSDAP bewegt werden. Im April 1941 erschien der Militäroberpfarrer in der Gemeinde, der in erster Linie einen Gottesdienst abhalten wollte und versuchte, Pfarrer Schlier davon zu überzeugen auch das Amt des Militäroberpfarrers zu bekleiden. Pfarrer Schlier wurde nicht zum Kriegsdienst eingezogen und hatte auf entsprechenden Beschluss am 5. Juli 1938 den Führereid abgelegt, obwohl die reformierte Gemeinde zu Leipzig von keiner staatlichen Stelle hierzu aufgefordert worden war. Er diente trotzdem nicht dem Nationalsozialismus.
2.2 Wirken des Pfarrers
Pfarrer Schlier prägte die Gemeinde durch die NS-Zeit hinweg. Sein Handeln war vor allem durch Zurückhaltung geprägt. 1939, noch vor Kriegsbeginn, hielt er eine Vortragsreihe zur Rückbesinnung auf den Glauben. Einige dieser Vorträge hielt er nach dem Krieg. Sie handelten von den Fragen, was Glauben heißt, warum die Kirche reformiert ist, wie Gottes Wille aussieht, den gottgewordenen Menschen und warum Erlösung wichtig ist.
Er setzte sich für die Diakonie ein, unterstützte die Förderung von Studenten und Jugendlichen, machte sich für den Religionsunterricht und die Religionslehrer stark, leitete verschiedene religiöse Arbeitsgemeinschaften, hielt die Kirche größtenteils aus politischen Verstrickungen und Abhängigkeiten heraus, gab den Menschen Hoffnung durch seine Gottesdienste, versuchte die Entlassung der zum Kriegsdienst eingezogenen Pfarrer zu erwirken und wahrscheinlich am bekanntesten von ihm ist, dass er und seine Helfer nach dem Luftangriff auf die Kirche zwölf Stunden lang das Feuer davon abhielten, Teile des Gemeindehauses zu erfassen. Er trat für die Unabhängigkeit der Kirche ein und plädierte dafür, den Frieden der Gemeinde zu wahren und Kirchenangelegenheiten auch innerkirchlich zu lösen, deshalb wurde die Notbundrichtung vor, während und nach dem Krieg von ihm abgelehnt. Er sah die verpflichtenden staatlichen Anordnungen nie als verpflichtend an, aber steuerte oft in Richtung eines Kompromisses. Er war Ansprechpartner in vielen kirchlichen und persönlichen Anliegen und gab der Kirche durch die Berufung auf den Glauben großen Rückhalt, wodurch er weltlicher Gewalt trotzte.
3. Der Führereid
3.1 Mit dem Strom schwimmen
Gerade Pfarrer Schlier empfahl den Konsistoriumsmitgliedern, den „Führereid“ freiwillig abzulegen, bevor sie der Staat darum bat. So entging man der Aufmerksamkeit der Nationalsozialisten. Viele Pfarrer und Kirchenmitglieder, gerade wenn sie der NSDAP angehörten, sprangen 1938 auf die Welle freiwilliger Eide in der Kirche auf Adolf Hitler auf. Der „Führereid“ war nicht verpflichtend, außer für Parteiangehörige. Wichtig war es auch nur den „Führereid“ abzulegen. Der Interpretation blieb dabei freier Spielraum. Die Konsistoriumsmitglieder sahen allerdings nicht Adolf Hitler als Herrn an oder als jemanden, der dem Herrn ähnlich war. Sie beriefen sich auf Jesus Christus und ihren Glauben und schafften durch die Kluft zwischen ihrem Glauben und dem „Führereid“ eine gewisse politische und persönliche Neutralität für sich. Sie tendierten zur Mitte. Sie verloren nie ihren geistigen Gehalt nach ihren Entscheidungen. Der Führereid war eine Anpassungsmaßnahme der Kirche.
Die Kriegsnot beeinträchtigte das Kirchengeschehen bis aufs Empfindlichste.
Pfarrer Richard Schlier 1944
3.2 Der Zustand der Kirche am Ende des Krieges
Die letzten Kriegsmonate können nur noch als „dahin vegetierend“ beschrieben werden, während „das Kriegsgewitter über sie hinweg zog und die Menschen das gottgegebene Ende erwarteten“. Die Prioritäten änderten sich. Die Kirche hatte im Krieg allerdings nicht ihre Aufgabe gefunden. Sie befand sich in einem Schwebezustand. Das Kirchengebäude war nicht für Gottesdienste, Andachten oder andere kirchliche Handlungen verfügbar. Man hatte dem Staat nichts entgegenzusetzen, stand unter der Kriegsnot, konnte seine Kirche baulich nicht erneuern, verlor Einfluss bei den Menschen (Presse- und Versammlungsverbot), verlor diakonische Einrichtungen und konnte die eigenen Leute nicht einmal auf einem eigenen Friedhof begraben. Die Kirche und ihre Gemeinde litten unter allen Kriegszuständen und dem Druck der Nationalsozialisten. Sie bedachten nicht den Charakter des Krieges als christenfeindlich und stellten kurz vor Ende des Krieges fest, dass eine Positionierung in politischen Bereichen viele außerkirchliche Schäden hätten vermeiden können. Das Konsistorium diskutierte ab dem 2. November 1942 explizit über eine Erneuerung der Kirche im politischen und innerkirchlichen Rahmen.
4. Diakonie
4.1 Vor dem Krieg
Die Kirche unterstützte viele Einrichtungen wie Ärzte, Kinder- und Jugendheime, Verwitwete und Unterkünfte für Obdachlose. Besonders sticht die Hilfe für Kinder und Jugendliche aus den Aufzeichnungen der Gemeinde heraus. Die Jugendlichen wurden für die Konfirmation eingekleidet. Jugendfahrten und andere Freizeitaktivitäten wurden finanziert und auch Familien der Gemeindemitglieder wurden durch die Beiträge unterstützt. Es wurde vermehrt dafür gesorgt, dass die Kinder und Jugendlichen beschäftigt werden, um sie in die Gemeinde zu integrieren.
4.2 Der Kriegszustand
4.2.1 Was änderte sich?
Zu Kriegsbeginn veränderte sich die Alltagssituation schlagartig. Pfarrer und andere Gemeindemitglieder wurden für den Kriegsdienst eingezogen. Die Zahl der Diakonieeinrichtungen, die unterstützt werden können, sanken aufgrund mangelnden Personals (Gemeindehelfer) und fehlenden Geldes von über 30 auf 10. Gebäude wurden durch Luftangriffe zerstört, Kinder und Ehefrauen blieben zurück und die Unterbringung der Kinder in Kinderheimen war ab Juni 1940 nicht mehr möglich. Die Armen- und Krankenhilfe war kaum noch zu bewerkstelligen.
4.2.2 Hilfeleistungen
Zu Kriegsdienst eingezogene Pfarrer, Gemeindemitglieder und ihre Familien wurden direkt nach Kriegsbeginn unterstützt. In der Sitzung vom 4. September 1939 wurde deutlich, dass die Familien und Eingezogenen unterstützt wurden. Es kamen neue Familienhäuser und Seelsorgeangebote mit Beginn des Krieges hinzu. Besonders im Krieg hat man versucht, Frauen von Eingezogenen und Ärzteeinrichtungen auszuhelfen. Hauptaugenmerk lag dabei auf der Betreuung der Bombenopfer und Flüchtlinge. Das Konsistorium entschied sich trotz seiner Skepsis dazu, vorübergehend Gemeindehelferinnen zu beschäftigen. Eine dieser Gemeindehelferinnen war Christa Hippe (✝1943).
4.2.3 Frau Hippe
Christa Hippe begann ihren Dienst als Gemeindehelferin am 1. Juni 1942. Sie war durch ihr Wirken in verschiedenen Hilfseinrichtungen und besonders in der Arbeit mit den Jugendlichen nicht mehr wegzudenken. Sie betreute anfangs nur den Kindergottesdienst und hielt ihn auch bei Abwesenheit des Pfarrers ab. Sie besuchte die Eltern zu Hause, damit sie ihre Kinder zum Gottesdienst schickten. In den Taufbüchern ergänzte sie nötige Eintragungen. Sie hielt für 60 Kinder drei Kinderstunden in der Woche ab. Dabei wurden biblische Erzählungen, Sprüche und kirchliche Lieder besprochen. Sie gestaltete mit den Kindern kindliche, biblische Zeichnungen. Bei großen Feiern wie Ostern und Weihnachten unterstützte sie die Gemeinde tatkräftig. Sie unterstützte Angebote, bei denen Jugendliche in Häusern anderer Gemeindemitglieder unterkamen. Sie gehörte auch den Frauen an, die sich für den Frauendienst, also die Armen- und Krankenhilfe, einsetzten und eigene Wohnräume zur Verfügung stellten. Andere Frauen und sie selbst kümmerten sich um die Armen und Kranken. Das Konsistorium äußerte sich nur positiv und stellte sie auch fest an, da sie das Ansehen der Kirche innerhalb Leipzigs positiv beeinflusste. Sie machte sich für die Gemeinde unentbehrlich. Frau Hippe starb beim Luftangriff auf Leipzig am 4. Dezember 1943. Es wurde auch im Konsistorium öffentlich das Beileid ausgesprochen.
5. Gemeindestruktur
5.1 Einzug der Kirchenglocken
Mit der Beschlagnahmung der zwei großen Kirchenglocken Ende November/Anfang Dezember 1941 gingen nicht nur den Gemeindemitgliedern, sondern allen Menschen in der Umgebung der Kirche zwei wichtige Symbole verloren. Das Ereignis wurde beschrieben als „Entwurzelung der Identität der evangelisch-reformierten Kirchengemeinde“. Die Kirchenglocken gaben den Gemeindemitgliedern ein Gefühl von Verbundenheit der Menschen zu Gott und stellten eine akustische Erinnerung an ein vergangenes Erlebnis sowie ein Zeichen der Orientierung dar. Durch die „Metallspende“ verlor die Kirche an spiritueller Bedeutung. Das Konsistorium beschrieb, dass ein „Zusammenrufen der Menschen“ mit nur einer kleinen Glocke deutlich schwieriger werden würde.
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kleine Kirchenglocke der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig/Johann Meyer, 23. Mai 2025
5.2 Der Luftangriff am 4. Dezember 1943
5.2.1 Vorsichtsmaßnahmen
Bereits am 6. Juli 1942 wurde festgelegt, dass alle Holzbalken im Pfarrhaus, im Gemeindehaus und vor allem im Dachstuhl der Kirche imprägniert werden sollten. Das Konsistorium sorgte sich wegen der Luftangriffe. Im September wurden zusätzlich noch Schriftstücke und Bilder ausgelagert (Abschnitt 5.4). So wollte man die Kirche und wichtige Dokumente vor potenziellen Bränden schützen.
5.2 Der Luftangriff am 4. Dezember 1943
5.2.2 Verluste und Schadensausmaß
Am 4. Dezember 1943 fiel dann eine Bombe direkt in den Dachstuhl der Kirche. Zu den Opfern des Luftangriffs gehörten auch die Gemeindehelferin Christa Hippe, Pfarrer Hugo Specht (1893–1943) und seine Familie. Die Kirche wurde schwer getroffen und größtenteils zerstört. Der Schaden umfasste mehr als 500.000 RM. Das Pfarrhaus war leicht beschädigt, aber durch den nächtlichen Einsatz der Bewohner im Gemeindehaus wurde ein größerer Schaden vermieden. Das Feuer und die Löscharbeiten verursachten mittlere Brand- und Wasserschäden im obersten Stockwerk. Es sind nur Erd- und Kellergeschosse verschont geblieben. Abendmahlskelche, die im Kirchengebäude gelagert waren, wurden restlos zerstört. Pläne der Kirche konnten allerdings gerettet werden.
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nach dem Luftangriff vom 4. Dezember 1943 bis 1949 wiederhergestellter Kircheninnenraum
Aus: Eule, Wilhelm: Gott gab Wachstum. Kleine Chronik zum 250 jährigen Bestehen der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 + 31. Oktober + 1950. [Leipzig] [1950].
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
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Kircheninnenraum nach dem Luftangriff vom 4. Dezember 1943
Aus: Eule, Wilhelm: Gott gab Wachstum. Kleine Chronik zum 250 jährigen Bestehen der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 + 31. Oktober + 1950. [Leipzig] [1950].
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5.2 Der Luftangriff am 4. Dezember 1943
5.2.3 Folgen
Es folgten viele Gedenkgottesdienste, viele Menschen trauerten. Die Kirche war zerstört, und an einen Wiederaufbau war in der Kriegszeit nicht zu denken. Es konnten nur die Trümmer beseitigt werden. Abläufe des innerkirchlichen Lebens waren nun drastisch eingeschränkt. Kleinere Amtshandlungen wie Taufen, Andachten sowie Trauungen konnten im Konsistoriumszimmer stattfinden. Die Gottesdienste und andere Veranstaltungen konnten in der Michaeliskirche abgehalten werden. Die Zerstörung war ein tiefer Einschnitt in das Stadtbild Leipzigs und ein tragischer Verlust für die Menschen. Die Gemeinde besaß seitdem keinen eigenen repräsentativen Sakralbau mehr, was ihre Sichtbarkeit und Selbstwahrnehmung stark veränderte.
5.3 Wegzug/Flucht
Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges, dem Einzug von Männern zum Kriegsdienst, den Luftangriffen und der Beschlagnahmung der Kirchenglocken stiegen die Angst und die Unsicherheit in der Kirchengemeinde. In der Gemeinde wurde diskutiert, ob Gemeindemitglieder bei Flucht aus Leipzig noch Mitglieder bleiben dürften. Unter bestimmten Bedingungen wurde dem zugestimmt. Die Kirche sah ihren inneren Zusammenhalt als gefährdet an. Der Zusammenhalt wurde trotzdem gestärkt, da Gemeindemitglieder ohne Verlängerung ihrer Mitgliedschaft noch als Gemeindemitglieder angesehen wurden, obwohl sie aus Angst vor Bombardierungen ins Umland flohen. Kein Fall wurde protokolliert, in dem Kriegsflüchtlinge aus der Gemeinde ausgeschlossen wurden.
5.4 Bilder und Schriftgut
Nach Einzug der Kirchenglocken fürchtete das Konsistorium auch um sein Schriftgut. Die Begründung wurde in den Protokollen als „Angst vor den Kriegsfolgen“ beschrieben. Die Äußerung in den Protokollen deutet die Angst vor möglichen Bombardierungen an. Am 7. September 1942 wurde beschlossen, dass Bilder fotografiert und sowohl das Schriftgut als auch die Bilder bei Gemeindemitgliedern bzw. außerhalb des Kirchengebäudes aufbewahrt werden sollen. Im Frühjahr des folgenden Jahres wurde das Schriftgut aufgrund der Luftangriffe durch die Alliierten ausgelagert.
5.5 Hilfe von Außen
Nach dem Luftangriff auf das Kirchengebäude und das Pfarrhaus der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig waren Veranstaltungen wie Gottesdienste oder Versammlungen im Kirchengebäude nicht mehr möglich. Die Michaelisgemeinde stellte ihre Kirche für Gottesdienste und andere Veranstaltungen zur Verfügung. Dadurch fand man mithilfe anderer Gemeinden wieder inneren kirchlichen Halt.
Folgen des Krieges
Die folgenden Bilder verdeutlichen nochmal das drastische Ausmaß der Zerstörung.
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Zerstörung des Kircheninnenraums – Blick auf die Kanzel
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Kirche während des Wiederaufbaus (1948/49)
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Zerstörung des Kircheninnenraums
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Zerstörung des Kircheninnenraums – Blick von unter der hinteren Empore
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Zerstörung des Kircheninnenraums – Blick auf die Emporen
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Neubeginn
Wiederaufbau und Gemeindearbeit
Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges stand die reformierte Gemeinde zu Leipzig vor eine ungewissen Zukunft. Die amerikanischen Truppen haben bei ihrer Befreiung der Stadt Leipzig diverse Gebäude übernommen, unter anderem auch das teilweise zerstörte Kirchengebäude der Gemeinde. Trotz diesen Umstandes hat die Gemeindeführung einstimmig beschlossen, alle Möglichkeiten auszuschöpfen um das Leid der Bevölkerung zu lindern und die Gemeindearbeit wieder aufzunehmen.
Die Besatzungsmächte haben der Gemeinde die Erlaubnis der Glaubensausübung gewährt. Die Gottesdienste fanden, ausweichend, im Gemeindesaal und zu hohen Feiertagen in der Michaeliskirche statt. Nach und nach wurden die Männer-, Frauen- und Jugendgruppen wieder aufgebaut und der Religionsunterricht etabliert. Mit der Anstellung von Pfarrer Heinz Schefer (1910–1976) am 2. Dezember 1945 wurde die Gemeindearbeit weiter intensiviert.
In den Nachkriegsjahren, so in den Protokollen der Gemeindeversammlungen, wurde die Gemeindearbeit mehr und mehr intensiviert. Die regelmäßigen Gottesdienste und die Bibelstunden in den jeweiligen Gemeindegruppen verschafften der notleidenden Bevölkerung und Mitgliedern Trotz und Hoffnung. Trotz aller finanziellen Unsicherheiten tat die Gemeinde alles in ihrer Macht stehende.
Im Jahr 1946 bekam die reformierte Gemeinde zu Leipzig eine Anfrage für eine stärkere Zusammenarbeit, mündend in einen Zusammenschluss der reformierten Gemeinden in der Ostzone. Dieser Anfrage standen die Gemeindemitglieder skeptisch gegenüber, da befürchtet wurde, die Selbstständigkeit zu verlieren. In den folgenden Jahren wurde die Zusammenarbeit mit Schwestergemeinden in Halle und Dresden vertieft, aber immer unter der Wahrung der Selbstständigkeit.
In den Nachkriegsjahren fand eine konstruktive Zusammenarbeit mit den Besatzungsmacht statt. Die Glaubensausübung wurden seitens der Politik gewährleistet, jedoch praktizierte die sowjetische Besatzungsmacht und später die DDR eine klare Trennung zwischen Kirche und Staat. Dies war im Sinne der Leipziger reformierten Gemeinde.
Entnazifizierung
Zwischen Schweigen und Neubeginn
Die Rolle der reformierten Gemeinde zu Leipzig in der Zeit des Nationalsozialismus wurde seitens der Gemeinde zunächst nicht aufgearbeitet. In den Gemeindeprotokollen der Jahre 1946 bis 1952 finden sich keine Erkenntnisse über die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen. Lediglich auf Druck der sowjetischen Besatzungsmacht traten die Mitglieder aus dem Konsistoriums aus, welche der NSDAP angehörten. Dies geschah, um einer entsprechenden behördlichen Anordnung zuvorzukommen.
Formal unabhängig und sich, nach außen hin, neutral haltend, zog sich die Gemeinde in ihren Glauben und die Arbeit für Hilfsbedürftige zurück. Im Hinblick auf die Verbrechen der NS-Zeit, stellt sich die Frage, warum den Verfolgten der Nationalsozialisten nicht geholfen wurde. Es wurde kein aktiver Widerstand geleistet und nach der bedingungslosen Kapitulation fanden keine Gedenkveranstaltungen für die Opfer der Nationalsozialisten statt.
Was waren die Motive für diese Haltung? Angst, Überforderung, Ausgrenzung bei Anerkennung der eigenen Schuld?
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Porträt von Heinz Schäfer (1910–1976, 1946–1974 Gemeindepfarrer)
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Pfarrermangel
Bereits kurz nach der bedingungslosen Kapitulation des Deutschen Reichs am 7. und 9. Mai 1945 war die reformierte Gemeinde zu Leipzig, durch eigene Opfer, in ihrer Arbeit eingeschränkt.
Schon früh wurde über die Anstellung eines zweiten Pfarrers diskutiert. Die „überreich anfallenden“ seelsorgerischen und gemeindlichen Arbeiten sorgten für ein Umdenken innerhalb der Gemeinde. Am 2. Dezember 1945 wurde, auf Wunsch von Pfarrer Mühlhausen, Pfarrer Heinz Schefer in der Gemeinde angestellt. Aus früheren Zeiten bestand zwischen der Gemeinde und Pfarrer Schefer eine gute Verbindung.
In seiner Zeit bis zum krankheitsbedingten Rückzug im Jahr 1974 gelang es Pfarrer Schefer, die Gemeinde durch die wirtschaftlichen schwierigen Jahre bis 1953 zu führen und die diakonische Arbeit neu zu strukturieren. Dies führte zu einer Festigung und Belebung der Gemeinde.
Verhältnis zu den Besatzungsmächten
In der gesamten Besatzungszeit von Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum vollständigen Rückzug der sowjetischen Verwaltung war die Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat strikt getrennt, jedoch gab es keine Einflussnahme und Beschränkung durch den Staat.
Jedoch übte die sowjetische Besatzungsmacht großen Einfluss auf die Kirchen aus, um die Umwälzung des Staates und der Bevölkerung voran zu treiben. Beispielhaft ist die Einflussnahme im Zuge des Volksentscheid zur Enteignung von Nazieigentum 1946 zu benennen.
Die reformierte Gemeinde zu Leipzig bekam kurz nach Ende der Kampfhandlungen die Erlaubnis der Religionsausübung. Diverse Gemeindegruppen wurden aufgebaut und die hauseigene Gemeindezeitschrift „Friede und Freiheit“ wurde lizenziert.
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Plakat zum Volksentscheid über Enteignungen in Sachsen, 1946
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Stiftung Haus der Geschichte; EB-Nr. H 1997/12/0124
Weitere Informationen
Volksentscheid
Nach der bedingungslosen Kapitulation und der Aufteilung in die vier Besatzungszonen verfolgten die Besatzer die Politik der vier „D“. Diese standen für die Denazifizierung, Demilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung. Diese politische Grundsätzen vereinbarten die Allierten im Zuge der Potsdamer Konferenz (1945) für die Nachkriegszeit Deutschlands.
In der sowjetischen Besatzungszone wurde eine Diktatur, unter dem Deckmantel eine Demokratie, nach sowjetischen Vorbild errichtet. Nach und nach wurden zahlreiche Betriebe enteignet und die Politik der „industriellen Abrüstung“ betrieben. Hiermit wurde die Reparationsforderungen durchgesetzt.
Im Zuge dessen fand am 30. Juni 1946 der Volksentscheid über das „Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“ statt. Im großer Mehrheit stimmte die Bevölkerung von Sachsen für eine Enteignung. Durch eine gemeinsame öffentliche Stellungnahme trugen die reformierten Gemeinden zu Leipzig und zu Dresden zum erfolgreichen Verlauf des Volksentscheids mit bei, was die sowjetische Besatzungsmacht mit der Erteilung einer Lizenz zur Veröffentlichung der gemeinsamen Zeitschrift „Friede und Freiheit“ honorierte (erschienen bis 2006). Wie aus den Protokollen hervorgeht, war die Gemeinde vielmehr mit dem eigenen Wiederaufbau und der Hilfeleistung für Bedürftige beschäftigt. Politische Öffentlichkeitsarbeit stand nachrangig gegenüber der Glaubensausübung. Dieses Verhalten passt auch zu der angestrebten Trennung zwischen Kirche und Staat.
Trotz der versuchten Zurückhaltung bei politischen Themen wurden kleinere Gemeinden durch politischen Einflussnahme unter Druck gesetzt. So wies Oberst Tjulpanov (Leitender der Propaganda- und Informationsabteilung der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland) seine Politoffiziere dazu an, die kirchlichen Gemeinden für das Referendum zu aktivieren. Nach „individueller Arbeit” gelang es, unter anderen die evangelisch-reformierten Gemeinden zu Leipzig und zu Dresden für den Volksentscheid zu aktivieren.
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Stellungnahme der Leipziger und Dresdener reformierten Gemeinden zum Volksentscheid im Juni 1946
Aus: AerKL 492, 153
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Evangelisch Reformierte Kirche zu Leipzig
Zusammenarbeit
In der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) gab es wiederholt Bestrebungen zum stärkeren Zusammenschluss der Gemeinden. Dies ging nicht von staatlicher Stelle aus, sondern aus den Gemeinden selbst. In der alltäglichen Arbeit und in der gegenseitigen Unterstützung unmittelbar nach dem Krieg fand ein reger Austausch zwischen den Gemeinden statt. Beispielhaft ist die Zusammenarbeit zwischen der reformierten Gemeinden zu Leipzig und zu Dresden bei der Veröffentlichung der Zeitschrift „Friede und Freiheit“.
Einen Zusammenschluss unter einen gemeinsamen Dachverband fand nicht statt. Die Gemeinden wollten ihre Selbstständigkeit wahren.
09
Verwendete Quellen und Literatur
01 Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“
Literatur
Bechtholsheim, Sophie von: Die staatstreue Opposition. Die Bekennende Kirche und der Kirchenkampf in Dresden 1933–1939. In: Pommerin, Reiner (Hg.): Dresden unterm Hakenkreuz (Dresdner Historische Studien 3). Köln, Weimar, Wien 1998, 67–93.
Hein, Markus: Evangelische Kirche. In: Hehl, Ulrich von (Hg.): Geschichte der Stadt Leipzig. Band 4: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Leipzig 2019, 372–379, 1010–1011.
Lindemann, Gerhard: „Christenkreuz und Hakenkreuz“. Dresdner Kirchen im „Dritten Reich“. In: Dresdner Hefte. Beiträge zur Kulturgeschichte 29 (2011), 27–34.
Wilhelm, Georg: Die Diktaturen und die evangelische Kirche. Totaler Machtanspruch und kirchliche Antwort am Beispiel Leipzigs 1933–1958 (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen 39). Göttingen 2004.
Wilhelm, Georg: Doppelte Diktaturerfahrung. Die evangelische Kirche von 1933 bis 1968. In: Bünz, Enno / Kohnle, Armin (Hg.): Das religiöse Leipzig. Stadt und Glauben vom Mittelalter bis zur Gegenwart (Quellen und Forschungen zur Geschichte der Stadt Leipzig 6). Leipzig 2013, 485–497.
02 Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“
Quellen
archivalische Quellen
Mappe „Disziplinarordnung 1936–1938“ (AerKL 479).
Mappe „Verfassungskonflikt in der Dresdner Ref. Gemeinde 1934“ (AerKL 479).
Mappe „Dienststrafordnung für die Geistlichen der Ev.-ref. Gemeinde zu Leipzig. Fassung vom 7. März 1937“ (AerKL 479).
Mappe „Konsistorialakten 1936“ (AerKL 476).
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1931–1937 (AerKL 491).
gedruckte Quellen
Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991. In: AerKL 606.
Literatur
Gresch, Eberhard: Pfarrer Richard Zitzmann. Seine Verdrängung als Bekenntnispfarrer aus der Dresdner reformierten Gemeinde. In: Friede und Freiheit. Monatsblatt der evangelisch-reformierten Kirchen in Sachsen 46 (Juli/August 1991) 4, 4–9.
Gresch, Eberhard: Bekenntnispfarrer Richard Zitzmann (1892–1981). Seine Vertreibung aus der Evangelisch-reformierten Gemeinde Dresden. In: Herbergen der Christenheit. Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte 34/35 (2010/2011 [2013]), 175–194.
Lekebusch, Sigrid: Die Reformierten im Kirchenkampf. Das Ringen des Reformierten Bundes, des Coetus reformierter Prediger und der reformierten Landeskirche Hannover um den reformierten Weg in der Reichskirche (Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte 113). Köln 1994.
Meier, Kurt: Der evangelische Kirchenkampf. Band 2: Gescheiterte Neuordnungsversuche im Zeichen staatlicher „Rechtshilfe“. Göttingen 1984 [EV 1976].
van Norden, Günther: Reformierte Profile im Kirchenkampf. In: Freudenberg, Matthias (Hg.): Profile des reformierten Protestantismus aus vier Jahrhunderten. Vorträge der Ersten Emder Tagung zur Geschichte des Reformierten Protestantismus (Emder Beiträge zum reformierten Protestantismus 1). Wuppertal 1999, 71–86.
03 Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit
Quellen
Archivalische Quellen
AerKL 491 Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1931–1937 (Sitzungen des Konsistoriums am 14. März 1933 [S. 73f.], 3. April 1933 [S. 75–79], 3. Juli 1933 [S. 91–95], 8. Januar 1934 [S. 114–117], 9. April 1934 [S. 128–131], 29. Juni 1936 [S. 204f.], 1. September 1936 [S. 206–208], 21. September 1936 [S. 208–210], 2. März 1937 [S. 224f.]).
AerKL 492 Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1938–1950 (Sitzungen des Konsistoriums am 5. Dezember 1938 [S. 17], 3. Juni 1940 [S. 40], 9. September 1940 [S. 42f.], 10. Oktober 1940 [S. 43f.]).
Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991, 114–163 (AerKL 606).
Mühlhausen, Rudolf / Linnemann, Rudolf: Jahresbericht des Konsistoriums für die am Sonntag Lätare, 11. März 1934 abzuhaltende Jahresversammlung der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig (AerKL 598 > Gemeindehäupterversammlung am 11. März 1934).
Schlier, [Richard] / Schubart, Walter: Jahresbericht des Konsistoriums der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig für das Jahr 1938 (AerKL 599 > Gemeindehäupterversammlung am 19. März 1939).
Publizierte Quellen
Hartnacke, W[ilhelm]: Der Neubau des deutschen Schulwesens. Rundfunkrede des Beauftragten des Reichskommissars für das Sächsische Volksbildungsministerium. 3. Auflage. Leipzig 1933.
Literatur
Heiland, Vanessza: Die Leipziger Debatten um den schulischen Religionsunterricht infolge der Novemberrevolution 1918. In: Schuster, Dirk / Bamert, Martin (Hg.): Religiöse Devianz in Leipzig. Monisten, Völkische, Freimaurer und gesellschaftliche Debatten. Das Wirken religiös devianter Gruppierungen im Leipzig des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2012, 41–66.
Hein, Martin: „Die Stunde der Entscheidung ist da“. Bekennende Kirche und Schule im Nationalsozialismus. In: Ders.: Weichenstellungen der evangelischen Kirche im 19. und 20. Jahrhundert. Beiträge zur Kirchengeschichte und Kirchenordnung (Arbeiten zur Kirchengeschichte 109). Berlin, New York 2009, 145–160 [Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für Theologie und Kirche 104 (2007) 1, 44–58].
Kraft, Friedhelm: Religionsdidaktik zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Versuche zur Bestimmung von Aufgaben, Zielen und Inhalten des evangelischen Religionsunterrichts, dargestellt an den Richtlinienentwürfen zwischen 1933 und 1939 (Arbeiten zur Praktischen Theologie 8). Berlin, New York 1996.
Thierfelder, Jörg: Religionspolitik in der Weimarer Republik. In: Doering-Manteuffel, Anselm / Nowak, Kurt (Hg.): Religionspolitik in Deutschland. Von der frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. Martin Greschat zum 65. Geburtstag. Stuttgart, Berlin, Köln 1999, 195–213.
04 Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer
Quellen
Archivalische Quellen
Mappe „Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)“ (AerKL 496).
Mappen „Konsistorialakten 1934, 1936, 1937“ (AerKL 476).
Pfarrerwahlen (AerKL 498).
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1931–1937 (AerKL 491).
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1938–1950 (AerKL 492).
Literatur
Böhl, Franziska: Geschichte der Leipziger Logen im 20. Jahrhundert. In: Schuster, Dirk / Bamert, Martin (Hg.): Religiöse Devianz in Leipzig. Monisten, Völkische, Freimaurer und gesellschaftliche Debatten. Das Wirken religiös devianter Gruppierungen im Leipzig des 20. Jahrhunderts. Stuttgart 2012, 109–138.
Böhl, Franziska: Die Sächsischen Freimaurer zwischen Anpassung und Unterdrückung 1918–1945. In: Heydemann, Günther / Schulte, Jan Erik / Weil, Francesca (Hg.): Sachsen und der Nationalsozialismus (Schriften des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung 53). Sonderausgabe der Landeszentrale für politische Bildung. Göttingen, Bristol 2014, 267–281.
Fischer, Gerhard: Die Hugenotten in Berlin. Berlin [Ost] 1988, 82.
Habermas, Jürgen: Soziale Strukturen der Öffentlichkeit. In: Peter Pütz (Hrsg.): Erforschung der deutschen Aufklärung. Königstein 1980, S. 139–145.
Schildmacher, Siegfried: Freimaurer - Geheimbund oder Ethikschule? Geschichte und heutiges Wirken der Freimaurer in Hannover. Hannover 2012.
Süß, Alexander: Die Loge Minerva zu den drei Palmen in Leipzig. Leipzig 2016.
05 Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie
Quellen
archivalische Quellen
Mappe „Konsistorialakten 1936“ (AerKL 476).
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1938–1950 (AerKL 492).
gedruckte Quellen
Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991, 131f. In: AerKL 606.
Literatur
Bülow, Vicco von: Otto Weber (1902–1966). Reformierter Theologe und Kirchenpolitiker (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen 34). Göttingen 1999.
Fuhrich-Grubert, Ursula: Hugenotten unterm Hakenkreuz. Studien zur Geschichte der Französischen Kirche zu Berlin 1933–1945. Mit einem Geleitwort von Ilja Mieck (Veröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin 85). Berlin, New York 1994, 420–444, 447–470.
Gailus, Manfred (Hg.): Kirchliche Amtshilfe. Die Kirche und die Judenverfolgung im „Dritten Reich“. Göttingen 2008.
Hohlfeld, Johannes: Genealogie und völkische Frage. In: Vierteljahresschrift für Politik und Geschichte 1 (1929) 2, 131–137.
Hohlfeld, Johannes: Leipziger Geschlechter. Band 3: Die reformierte Bevölkerung Leipzigs 1700–1875 (Stamm- und Ahnentafelwerk der Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte 19). Leipzig 1939, VI–XXIII.
Hohlfeld, Johannes: Wege zur Volksgenealogie. In: Deutsche Monatshefte in Polen 4 (14) (1937) 5, 174–185.
Weber, Otto: Die Bedeutung der Hugenotten in Geschichte und Gegenwart. Eine für weitere Kreise bestimmte Umarbeitung meines Vortrages beim Göttinger Hochschultag 1938, erschienen in „Göttinger Akademische Reden“, Nr. 6, 1938, und „Der Deutsche Hugenott“, 1938, Heft 3 (Kämpfende Kirche. Flugschriften christlicher Deutscher 59/60). Potsdam [um 1938].
Weiss, Volkmar: Vorgeschichte und Folgen des arischen Ahnenpasses. Zur Geschichte der Genealogie im 20. Jahrhundert. Neustadt an der Orla 2013, 179–213.
06 Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand
Quellen
archivalische Quellen
Mappe „Pfarrerwahlen 1937–1945“ (AerKL 498).
gedruckte Quellen
Gemeindeblatt der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig mit Chemnitz (1937–1941).
Specht, Helene & Erb, Jörg: In Gottes Händen: Pfarrer Hugo Specht zum Gedächtnis. Evangelischer Pressverband für Baden 1951.
Specht, Hugo: Von der Heimkehr. Flugschriften christlicher Deutscher/Heft 42. Stiftungsverlag. Potsdam 1937.
07 Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung
Quellen
arichivalische Quellen
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1931–1937 (AerKL 491).
Protokollbuch der ev.-ref. Gemeinde 1938–1950 (AerKL 492).
Aufstellung „Getaufte Juden in der reformierten Kirche zu Leipzig“ (AerKL).
Mappe „Pfarrer Adam Rudolf Mühlhausen (1909–1935)“ (AerKL 496) .
publizierte Quellen
Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991, 114–116, 158–163. In: AerKL 606.
Literatur
Held, Steffen: Ausgrenzung und Verfolgung der Juden. In: Hehl, Ulrich von (Hg.): Geschichte der Stadt Leipzig. Band 4: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Leipzig 2019, 312–320, 1006.
Held, Steffen: Zwangsarbeit und Deportation der Juden. In: Hehl, Ulrich von (Hg.): Geschichte der Stadt Leipzig. Band 4: Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart. Leipzig 2019, 432–435, 1018f.
Lawford-Hinrichsen, Irene: Five Hundred Years to Ausschwitz. A Family Odyssey from the Inquisition to the Present. Harrow 2008, 124–130.
08 Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit
Quellen
Protokolle der Konsistoriumssitzungen(AerKL 492).
Jahresbericht der Gemeindehäupterversammlungen vom 27.3.1938, 19.3.1939, 31.3.1940, 16.3.1941, 22.3.1942, 28.3.1943, 2.4.1944 (AerKL 599).
Literatur
Hohlfeld, Johannes: Geschichte der evangelisch-reformierten Gemeinde zu Leipzig. 1700 bis 1950. Korrigierte und leicht veränderte Bearbeitung des Manuskripts von Thoralf Spiess. Leipzig 1950/1991, 137–144. In: AerKL 606.
Wilhelm, Georg: Die Diktaturen und die evangelische Kirche. Totaler Machtanspruch und kirchliche Antwort am Beispiel Leipzigs 1933–1958 (Arbeiten zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Reihe B: Darstellungen 39). Göttingen 2004, 124–202.
Creuzberger, Stefan: „Klassenkampf in Sachsen“. Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) und der Volksentscheid am 30. Juni 1946. In: Historisch-Politische Mitteilungen. Archiv für Christlich-Demokratische Politik (1995) 2, 119–130.
Badstübner, Rolf et al.: Die antifaschistisch-demokratische Umwälzung. Der Kampf gegen die Spaltung Deutschlands und die Entstehung der DDR von 1945 bis 1949 (Deutsche Geschichte 9). Berlin 1989, 196–205.
Eine virtuelle Ausstellung von
Team
01 Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“
Elias Huff
02 Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“
Elias Huff
03 Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit
Johann Meyer
04 Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer
Lorenzo Fucke, Stefanie Nocht
05 Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie
Michelle MacQuarrie
06 Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand
Deborah Simon
07 Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung
Annika Hackel, Wiebke Schmal
08 Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit
Paul Vorkefeld, Johnny Leopold
Impressum
Universität Leipzig
Theologische Fakultät
Institut für Kirchengeschichte
Beethovenstraße 25
04107 Leipzig
https://www.theol.uni-leipzig.de/institut-fuer-kirchengeschichte/
Prof. Dr. iur. Eva Inés Obergfell
+49 341 97-35430
+49 341 97-35439
sekr.kirchengeschichte [at] uni-leipzig.de
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