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Glaube im Gleichschritt?

Die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig im Nationalsozialismus

01
Der Weg der Leipziger Reformierten in den „Kirchenkampf“

Die evangelische Kirche im Nationalsozialismus

Das Verhalten der reformierten Gemeinden im Nationalsozialismus lässt sich nur mit Blick auf die Entwicklungen in der evangelischen Kirche insgesamt verstehen. So reagierten viele Protestanten zustimmend auf die Machtübergabe an Hitler und die zunächst bemüht kirchenfreundliche Haltung der Nationalsozialisten.Der sogenannte „Kirchenkampf“ ergriff ab 1933 auch die reformierten Gemeinden des Reiches. Doch anders als der Begriff andeutet, war dies keine Geschichte eines einheitlichen kirchlichen Widerstandes gegen den NS-Staat. Vielmehr entwickelten sich innerprotestantische Konflikte darum, wie auf staatliche „Gleichschaltungsversuche“ und ideologische Angriffe in den eigenen Gemeinden reagiert werden sollte. Auch entspann sich ein Machtkampf um die Leitung und Ordnung der evangelischen Kirche im Schatten des diktatorischen Regimes.Am Beispiel der beiden größten sächsischen Städte lässt sich demonstrieren, welch unterschiedliche Richtungen im „Kirchenkampf“ vertreten wurden und wie verschieden diese auf lokaler Ebene wirkten.

02
Neutrale Schlichter? Die Leipziger Gemeinde im Dresdener „Verfassungskonflikt“

Verfassungskrise oder „Kirchenkampf“?

Der sogenannte Dresdener „Verfassungskonflikt“ war ein Machtkampf um die Führung der Dresdener reformierten Gemeinde, der zwischen 1933 und 1935 in mehreren Etappen ausgetragen wurde. Was der Konfliktgegenstand genau war, ist bis heute umstritten. Auf den ersten Blick ging es vor allem um Vergehen des Pfarrers Richard Zitzmann (1892–1981) und des Dresdener Konsistoriums, die mit der Bekämpfung der Gemeindeversammlung die gemeinsame Verfassung gefährdet haben sollten. Doch es gibt auch eine andere Deutung: Pfarrer Zitzmann sei wegen der jüdischen Vorfahren seiner Frau und seiner Verbindung zur Bekennenden Kirche aus der Gemeinde verdrängt worden. Die Archivarbeit für diese Ausstellung erhärtet diese Sichtweise und gibt Aufschluss über die Rolle des Leipziger Konsistoriums in den konfliktreichen Entwicklungen.

03
Gemeindewachstum und reformierte Jugendarbeit

Die Entwicklung der Gemeindegliederzahlen und religiöser Bildung in und durch die reformierte Gemeinde zu Leipzig spiegeln die sich wandelnden kirchen- und schulpolitischen Großwetterlagen der Weimarer Republik und der NS-Zeit wider. Die Gemeinde verzeichnete zwar durchgehend mehr Ein- als Austritte, erstere erreichten jedoch in der „nationalprotestantischen Euphorie“ des Jahres 1933 einen nie dagewesenen Höhepunkt. Unter den Beigetretenen befanden sich zahlreiche Lehrkräfte, die aus Sorge um ihre berufliche Zukunft Mitglied der reformierten Gemeinde wurden. Die ab 1936 offen kirchenfeindliche Haltung des nationalsozialistischen Regimes zwang die Gemeinde immer stärker, Religionsunterricht und Jugendarbeit in den Raum der Gemeinde zu verlagern, blieb dabei jedoch von der „Gleichschaltung“ kirchlicher Jugendverbände im NS-Staat nicht verschont.

04
Rudolf Mühlhausen: Pfarrer, Prediger, Freimaurer

„Glauben, wie wir es meinen, ist nicht Sache des Intellekts, sondern des Herzens und des Willens.“

Adam Rudolf Mühlhausen am 2. April 1934 zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum

Mühlhausen, Rudolf: Sieghafter Glaube. Predigt gehalten am Tage seines 25 jährigen Amtsjubiläums (2. Osterfeiertag, 2. April). In: Bonhoff, Carl / Mühlhausen, Rudolf (Hg.): Osterpredigten 1934 gehalten in der evangelisch-reformierten Kirche Leipzig. [Leipzig] [1934], 11–16, hier: 12.

05
Johannes Hohlfeld: Wissenschaft, Kirche und Ideologie

Zwischen Autonomie und Anpassung

In diesem Ausstellungsteil wird rekonstruiert, wie sich Johannes Hohlfeld (1888–1950) vom liberal geprägten Kritiker zu einem Akteur entwickelte, dessen genealogische Forschung im NS-Staat eine Schlüsselrolle für „Ariernachweise“ und „Ahnenpässe“ spielte. Auf Grundlage zeitgenössischer Publikationen und Protokolle wird seine inhaltliche Verschiebung hin zu einem völkisch-biologistischen Gesellschaftsmodell sichtbar. Parallel dazu erscheint die reformierte Gemeinde zu Leipzig als Unterstützerin, indem sie Hohlfelds Projekte mitfinanzierte und ihm Zugang zu Kirchenbüchern ermöglichte. Innerhalb dieses Zusammenhangs wird untersucht, inwiefern die Deutung der Hugenotten als Integrationsvorbild zur Reproduktion von nationalsozialistischen Narrativen beitrug.

06
Pfarrer Hugo Specht: Glaube, Seelsorge, Widerstand

Hugo Specht war ein Pfarrer, der von 1937 bis 1943 in der evangelisch-reformierten Kirche zu Leipzig, der predigte und sich um die Gemeindeglieder kümmerte. In diesem Ausstellungsteil werden sein Leben, seine Wahl zum Pfarrer und seine Einstellung zum Widerstand beleuchtet. Ausschnitte aus seinen Predigten geben einen Einblick in seine Gedanken und Ansichten. Er ist dem gemäßigten Teil der Bekennenden Kirche zuzuordnen, dabei jedoch offen für eine „mittige“ Position.

07
Die reformierte Gemeinde und die nationalsozialistische Judenverfolgung

Vorwort

Die reformierte Gemeinde zu Leipzig steht im Zentrum dieses Ausstellungsteils – eine Gemeinde, die sich in den Jahren des Nationalsozialismus zwischen Anpassung, Schweigen und menschlicher Anteilnahme bewegte. Anhand von Protokollen, Briefen und Taufregistern wird sichtbar, wie die Gemeinde auf die Verfolgung der Jüdinnen und Juden reagierte – oder eben nicht reagierte.

Während offizielle Dokumente kaum Stellung zu den nationalsozialistischen Verbrechen nehmen, erzählen andere Quellen von stillen Zeichen der Hilfe, etwa durch die Taufe jüdischer Gemeindemitglieder. Zugleich wird deutlich, wie innere Spannungen, politische Anpassung und Angst vor Repressionen das Handeln bestimmten.

Ergänzt wird diese Perspektive durch die bewegende Lebensgeschichte des jüdischen Verlegers Max Hinrichsen und seiner Frau Marie-Luise von Siegroth, deren Biografie den persönlichen Mut, den Verlust und die Flucht vor der nationalsozialistischen Verfolgung eindrücklich veranschaulicht.

08
Kriegsalltag und Entnazifizierung in der Nachkriegszeit

Die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig in der Zeit der „Entkonfessionalisierung“ und im Zweiten Weltkrieg

Der Krieg, der Luftangriff vom 4. Dezember 1943 und die zunehmend offen kirchenfeindliche Haltung des NS-Regimes erschwerten das Gemeindeleben und beeinflussten die Gefühle und Lebensverhältnisse der Gemeindemitglieder sehr stark bis Kriegsende, vor allem wegen fehlender Gottesdienste. Themen wie die Konfirmation von Jugendlichen und der Religionsunterricht mussten auf die Zeit nach dem Krieg verschoben werden. Trotzdem blieben die Mitgliederzahlen der Gemeinde konstant und der Kirchenalltag wurde mit Mindestbesetzung und ohne eigenes Kirchengebäude aufrechterhalten. Die Gemeinde gab weder den Glauben noch ihre Gemeinde auf. Kurz nach dem 8. Mai 1945 wurde immer wieder indirekt betont, dass das Ziel die Erhaltung der evangelisch-reformierten Gemeinde sei. Die Kirchenstruktur brach trotz vieler Erschütterungen nie zusammen. Auch aus den Jahresberichten der Gemeindehäupterversammlung geht hervor, dass mit jedem Schlag gegen die Gemeinde versucht wurde, das Band innerhalb noch mehr zu stärken, was bis zum Kriegsende auch gelang.

Entkonfessionalisierungspolitik

Mit „Entkonfessionalisierungspolitik“ werden politische Maßnahmen der Nationalsozialisten bezeichnet, die darauf abzielten, den Einfluss bestimmter Konfessionen, z. B. der evangelisch-reformierten Gemeinde, auf staatliche Institutionen, Gesetze und das öffentliche Leben zu verringern oder ganz zu beseitigen. Besonders betroffen war dabei der Religionsunterricht. Es erfolgte eine gezielte Überwachung der Kirche durch die Nationalsozialisten. Ab 1938 wurde die Kirche als Staatsfeind betrachtet. Unter den „kriegsnotwendigen“ Einschränkungen litt das Verhältnis von Staat und Kirche und die steigende Infragestellung des Kirchenregiments verstärkte sich. Folgen waren z. B. das Aufschieben von Geldern der Nationalsozialisten für Restaurierungsarbeiten am Kirchengebäude, der Einzug der Kirchenglocken, die Einschränkung der Versammlungsfreiheit und die zentrale Zensur. Ziel war es, die innerkirchlichen Strukturen einbrechen zu lassen. Im Einzelnen war auch die evangelisch-reformierte Gemeinde zu Leipzig davon betroffen.

 

1.1 Versammlungsfreiheit?

Mit dem Verbot des Volksmissionsabends im April 1936 nahm die Einschränkung der Versammlungsfreiheit eine neue Dimension an. Einen Monat später waren sogar Kinderfeste betroffen, da die Nationalsozialisten der Auffassung waren, es handle sich um geheime Austauschtreffen. Ausnahme waren sogenannte Jugendcamps und Waldgottesdienste, die jedoch ab 1937 untersagt wurden. Das Abhalten weltlicher Veranstaltungen war für „konfessionelle Vereine“ ab dem 1. Oktober 1935 verboten. Die Kirche wurde damit gezielt aus dem öffentlichen Raum ferngehalten. Mit dem Kriegszustand verschlimmerte sich die Lage. Es wurden wegen der Angst vor Luftangriffen Ausgangssperren verhängt und die Menschen konnten nicht mehr den Gottesdienst besuchen. Innerkirchliche Veranstaltungen konnten nicht besucht werden und „das kirchliche Vereinsleben erstarb unter dem allgemeinen Versammlungsverbot“.

 

1.2 Pressefreiheit?

Auch die Einschränkungen der Pressefreiheit hatten starke Auswirkungen auf die evangelisch-reformierte Gemeinde. Es fing mit Verbot einzelner Flugblätter im Jahre 1936 an, steigerte sich mit Bild- und Schrifteinschränkungen, bis hin zur Verwandlung von Flugblättern in leblose Terminkalender. Die Flut an nationalsozialistischer Propaganda überflutete auch diese Gemeinde. Fadenscheinige Ausreden wie Papiermangel (1. März 1943) wurden genutzt, um gezielt den kirchlichen Einfluss auf die Öffentlichkeit einzudämmen, um nach und nach die Kirchenartikel aus den Zeitungen und von den Flugblättern zu entfernen. Die Kirche musste sich auf innerkirchliche Presse im Geheimen beschränken. Die Nationalsozialisten nahmen der Kirche ihre Stimme, mit der sie zuvor Menschen außerhalb der Gemeinde erreicht hatte. Der Bedeutungsverlust durch die Unterdrückung der kirchlichen Presse bis Kriegsende wurde von der Gemeinde als eines der kritischsten Probleme gesehen. Sie hatten dem Staat allerdings nichts entgegenzusetzen und auch keine Mitspracherechte.

 

Ankündigung der Einstellung des Gemeindeblattes, 1941 – Einschränkung der kirchlichen Pressefreiheit

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Verwendete Quellen und Literatur