Monuments Men in Marburg
Das Staatsarchiv Marburg als Central Collecting Point
Eine virtuelle Ausstellung von
Einführung
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg richtete die amerikanische Militärregierung in Marburg die erste Sammelstelle für versprengte Kulturgüter (Central Collecting Point) ein. Ziel war es, während der nationalsozialistischen Herrschaft geraubte Objekte zusammenzutragen und ihren rechtmäßigen Besitzern wieder auszuhändigen.
Die von den verantwortlichen »Monuments Men« zusammengetragenen Kulturgüter verblieben im besiegten Land und wurden nicht zur »Kriegsbeute«. Damit setzten die Alliierten konsequent die »Haager Landkriegsordnung« von 1907 um, in der unter anderem der Schutz kulturhistorisch bedeutender Bauwerke sowie ein Verbot des Raubes von Kulturgütern fixiert worden war.
Deutscher Kunstschutz im Ersten Weltkrieg
Schon im Ersten Weltkrieg hatte der rheinische Provinzialkonservator Paul Clemen im Auftrag Kaiser Wilhelms II. Maßnahmen wie die Evakuierung bedrohter Bestände und den Schutz des immobilen Bestandes in den von Deutschen besetzten Gebieten initiiert. Dies war eine Reaktion auf die massive Kritik am zerstörerischen Vorgehen deutscher Truppen bei der Eroberung Belgiens.
Deutscher Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg
Während des Zweiten Weltkriegs ließ das NS-Regime in eroberten Gebieten im Westen Maßnahmen zum Schutz von Kulturwerken durch den rheinischen Landeskonservator Franz Graf Wolff Metternich durchführen, organisierte aber parallel dazu einen ideologisch begründeten Raub immensen Ausmaßes innerhalb Europas.
Mit zunehmendem Kriegsverlauf lagerten zudem deutsche Institutionen ihre Bestände in Bergwerke, Burgen und andere Orte dezentral außerhalb größerer Städte aus. Während für die preußischen Staatsarchive die Maßnahmen zentral koordiniert wurden, organisierten andere Institutionen diese selbst, oftmals mit Hilfe der regionalen Denkmalpflege.
Amerikanischer Kunstschutz im Zweiten Weltkrieg
Angesichts des Kulturgutraubes, der den Alliierten nicht verborgen geblieben war, und der Erwartung weiterer Kriegszerstörungen in Europa formierte sich in den USA im August 1943 die »American Commission for the Protection and Salvage of Artistic and Historic Monuments in War Areas«. Diese erstellte Karten und Listen mit kulturhistorisch bedeutenden Bauwerken und Sammlungen sowie amerikanischen und europäischen Kontaktpersonen.
Monuments Men
Als operative Einheit etablierte das US-Kriegsministerium im Herbst die »Monuments, Fine Arts, and Archives Section« (MFA&A), deren Mitarbeiter die geraubten Kulturgüter sicherstellen sowie für die Sicherheit der Bauwerke sorgen sollten. Diese »Monuments Men« agierten ab 1944 in Europa unmittelbar hinter den Frontlinien. Ostern 1945 erreichten die Kunstschutzoffiziere Walker Hancock und George Stout Siegen, wo sie in einem Erzbergwerk eingelagerte Bestände inspizierten und deren Zustand registrierten. Gemeinsam zogen sie weiter nach Marburg, wo sich ihre Wege trennten.
Einrichtung der Sammelstelle
In Marburg, wo unmittelbar nach der Besetzung Ende März durch amerikanische Truppen über das Schloss, die Elisabethkirche und den Jubiläumsbau ein militärisches Besetzungsverbot (»off limits«) verhängt worden war, inspizierten Hancock und Stout diverse Einrichtungen der Stadt und informierten sich über Depots im weiteren Umkreis. Aufgrund der Dringlichkeit der Evakuierung wegen des schlechten Zustandes mancher eingelagerter Kunstwerke und wegen der von Osten herannahenden Sowjetarmee entschied sich Hancock, in Absprache mit dem Hauptquartier in Marburg eine Sammelstelle einzurichten.
Central Collecting Point im Staatsarchiv
Hancocks Wahl fiel auf das erst 1938 eröffnete und seit März 1945 von einer amerikanischen Einheit besetzte Gebäude des Staatsarchivs, dessen Magazine infolge der kriegsbedingten Verlagerung eines Großteils des Archivguts in Ausweichdepots weitgehend leer standen. Schon einen Tag nach der Kapitulation des Deutschen Reiches wurden am 9. Mai die ersten Objekte aus einem Bergwerk im thüringischen Bernterode eingeliefert, womit der Marburg Central (Art) Collecting Point (CCP) seine Arbeit aufnahm.
Mitarbeiter
Mitarbeiter des CCP mit dem Leiter Francis Bilodeau (ab Dezember 1945; Mitte) und dem Sekretär Joachim Steinbacher (3. v.l.), 1946
Struktur
Während das Bauamt mit der Instandsetzung des leicht kriegsbeschädigten Gebäudes beauftragt wurde, waren die vor Ort verbliebenen Angestellten des Staatsarchivs und zusätzlich eingestellte Arbeiter für die Registrierung und Unterbringung der eintreffenden Objekte zuständig. Mitarbeitende des Kunstgeschichtlichen Institutes und des Bildarchivs Foto Marburg inventarisierten im Auftrag Hancocks die Kunstwerke und erstellten fotografische Reproduktionen.
Das Personal des Provinzialkonservators Friedrich Bleibaum half ebenfalls bei der Inventarisierung und zudem bei der Restaurierung beschädigter Objekte. Des Weiteren war Bleibaum für den Schutz der Bauwerke in der Provinz Hessen-Nassau sowie die während des Krieges von ihm angelegten Depots verantwortlich.
Fotografische Dokumentation von Kunstwerken
Die unter Leitung von Richard Hamann von Foto Marburg seit Juni 1945 gefertigten Reproduktionen wurden überwiegend mit großformatigen Plattenkameras auf Film- oder Glasnegative im Format bis 18 x 24 cm belichtet. Seltener kam eine Kleinbildkamera der Firma Leica zum Einsatz, mit der Objekte des Kunstgewerbes oder auch Skulpturen aus unterschiedlichen Perspektiven dokumentiert wurden. Gemälde wurden meist auf eine Staffelei gestellt – bei sehr hohem Format vereinzelt auch auf die Seite gedreht. Im März 1946 arbeiteten zwölf Fotografinnen und Fotografen an der Dokumentation der Werke. In etwa 16 Monaten entstanden mehr als 4000 Fotografien.
Bestände
In der Marburger Sammelstelle lagerten zur Hochzeit über 4.200 Kunstwerke, 14.000 Bücher und 17.500 Meter Aktenmaterial aus vorrangig deutschem Besitz, welche in den letzten zwei Kriegsjahren aus öffentlichen, kirchlichen und privaten Sammlungen in diverse Depots evakuiert worden waren. Die Bestände wurden hauptsächlich im Staatsarchiv, temporär auch in Räumen des Marburger Kunstgeschichtlichen Instituts, des Provinzialkonservators und des Landgrafenschlosses untergebracht.
Meisterwerke der Kunst
Die Kunstwerke wurden nach Kriegsende aus zahlreichen, vorrangig in Mitteldeutschland liegenden Depots zusammengetragen – aus Siegen, Bernterode, Homburg, Petersberg (Halle) und anderen –, wohin sie zum Schutz vor Bombenangriffen evakuiert worden waren. Auf diese Art und Weise kamen Meisterwerke namhafter Künstler nach Marburg, darunter Werke von Albrecht Dürer, Jan Vermeer, Rembrandt, Tizian, Antoine Watteau, Caspar David Friedrich, Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Auguste Renoir und vielen mehr.
Mitarbeitende des Kunstgeschichtlichen Instituts und von Foto Marburg erfassten auf sogenannten Property Cards für jedes Kunstwerk die zentralen Angaben. Notiert wurden zudem die CCP-Inventarnummer, das Depot, aus dem das Werk kam, das Ankunftsdatum und der Tag, an dem es Marburg wieder verließ.
Raubkunst
Als Raubgut konnten rund 200 Objekte identifiziert werden, die aus Amsterdam, Luxemburg, Metz, Paris und Warschau stammten. Allerdings unterblieb, wenn kein Verdachtsmoment vorlag, aus personellen und zeitlichen Gründen eine aktive Provenienzrecherche. Der Kathedralschatz von Metz wurde schon im September 1945 an Frankreich übereignet, während andere Objekte zur weiteren Bearbeitung in den Wiesbadener Central Collecting Point verbracht wurden.
Ausstellungen
Am 10. Oktober 1945 richteten Richard Hamann, Marburgs Oberbürgermeister Eugen Siebecke und Universitätsrektor Julius Ebbinghaus eine Petition an die Militärregierung, in der sie um die Bewilligung einer Ausstellung mit den Beständen baten. Neben der kulturellen verwiesen die Antragsteller explizit auf die positive politische Wirkung, die diese Kooperation mit sich brächte. Schon am 14. November konnte Hamann im Universitätsmuseum die erste, 30 Gemälde umfassende Schau »Masterpieces of European Painting« eröffnen. Bis Juni 1946 fanden im Staatsarchiv und Jubiläumsbau insgesamt zwölf Ausstellungen statt, die mitunter nur einem ausgewählten Publikum zugänglich waren.
Blick in die Ausstellung
Bewahrung des Kulturerbes
Die Kulturgutschutz-Aktivitäten der Alliierten, initiiert und vorangetrieben durch die USA, stellten ein Novum in der Geschichte dar. Die Gewinner beließen die rechtmäßig im Lande befindlichen Kulturgüter, unrechtmäßig erworbene restituierten sie, wenn möglich, an die ursprünglichen Besitzer und sorgten parallel für den Schutz von Bauwerken.
Diese Maßnahmen konnten allerdings nur umgesetzt werden, weil die Alliierten aus Personalgründen pragmatisch auch auf deutsche Institutionen und ihre Mitarbeiter zurückgriffen. Sie alle einte ein Ziel: die Bewahrung des reichen europäischen Kulturerbes. Gemeinsam erreichten sie den Wiederbeginn des kulturellen Lebens in Deutschland.
Ausblick
Die Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges im Umgang mit dem kulturellen Erbe führten im November 1945 zur Gründung der UNESCO, die die »Haager Landkriegsordnung« weiterentwickelte und 1954 die »Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten« verabschiedete. Als zusätzlicher Berater fungiert seit 1996 Blue Shield International mit Sitz in Den Haag, während für die Ahndung von Verstößen seit 2002 der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag zuständig ist. Angesichts weltweiter bewaffneter Konflikte hat im Oktober 2019 zudem das Pentagon gemeinsam mit dem Washingtoner Smithsonian Institute eine Neuauflage der »Monuments Men« angekündigt.
Abschluss
Mitarbeiter des CCP beladen einen Truck mit Objekten aus dem Rheinland vor dem Staatsarchiv Marburg.