Von maskenhafter Eindringlichkeit
Frauendarstellungen im Stil der Neuen Sachlichkeit bei Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler
Zum 100-jährigen Jubiläum der Neuen Sachlichkeit gibt die Kunstsammlung der Städtischen Museen Calw Einblicke in das Schaffen jener Künstlergrößen, die eng mit der Stadt verbunden sind: Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler. Nach 1933 wurden sie von den Nationalsozialisten systematisch aus dem Kunstbetrieb gedrängt und zählen heute zur sogenannten Verschollenen Generation.
Die digitale Ausstellung zeigt ausschließlich Werke aus der eigenen Sammlung, die sich im ehemaligen Hallenbad der Stadt Calw befindet. Entstanden ist dabei ein vielfältiges Panorama, das unterschiedliche Sichtweisen auf die Rolle der Frau und ihre Stellung innerhalb der neu formierten Gesellschaft in Deutschland in den Fokus rückt.
Eine virtuelle Ausstellung von
Die Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit beeinflussen die Kunstgeschichte in Deutschland maßgeblich. Ihre Wirkung entfaltet sich unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges ab 1918 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten im Januar 1933. In dieser Zeit entwickelt sich die Neue Sachlichkeit zur prägenden Stilrichtung. Die Künstler*innen zeichnen dabei ein unverhohlenes Spiegelbild der Weimarer Republik und ihrer Gesellschaft, das bis heute Gültigkeit besitzt.
Größen wie Otto Dix, George Grosz, Jeanne Mammen, Christian Schad, Karl Hubbuch oder Lotte Laserstein gehören zu den prägenden Zeitgenossen ihrer Epoche. Mit ihrer oftmals schonungslosen und kritischen Sichtweise thematisieren sie die politischen und ökonomischen, vor allem jedoch die sozialen Auswirkungen des Krieges. Auch dessen Folgeerscheinungen wie Massenarbeitslosigkeit, Inflation und die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich finden Eingang in ihre Werke. Auf diese Weise rückt die Darstellung des Menschen in den Mittelpunkt ihres künstlerischen Schaffens.
In diesem künstlerischen Umfeld sind auch die Calwer Künstler Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler tätig. Als Teil der Berliner Künstleravantgarde der 1920-Jahre nehmen sie an deren Kulturbetrieb teil, präsentieren unter anderem gemeinsam mit der Novembergruppe ihre Werke in zahlreichen und Aufsehen erregenden Ausstellungen und feiern internationale Erfolge. Dabei fallen vor allem ihre Frauenporträts ins Auge, mit denen sie grotesk, bisweilen aber auch süffisant, karikierend und würdevoll die extremen und ambivalenten Lebensbedingungen des weiblichen Geschlechts und das Bild der Neuen Frau jener Jahre künstlerisch festhalten.
Kurt Weinhold: Bingo, 1952
Städtische Museen Calw
01
Das eigene Ich
Rudolf Schlichter
6. Dezember 1890 // Calw – 3. Mai 1955 // München
Schon während der Schulzeit gestaltet Rudolf Schlichter erste Illustrationen zu biblischen Geschichten oder orientiert sich an literarischen Vorlagen, etwa an den Werken von Karl May. 1904 beginnt er eine Lehre als Emailmaler, bevor er die Kunstgewerbeschule in Stuttgart besucht. 1910 folgt ein Studium an der Karlsruher Kunstakademie. Er verkauft erste pornografische Grafik und wird schließlich 1916 zum Kriegsdienst einberufen. Er entzieht sich jedoch dem Fronteinsatz und lässt sich nach Kriegsende in Berlin nieder, wo er sich der Novembergruppe anschließt und der KPD beitritt. In diesem Umfeld knüpft Schlichter engen Kontakt zu George Grosz und steht wie dieser mit seinen Werken für das Antibürgerliche. Gemeinsam thematisieren sie die "spießbürgerliche" Moral jener Zeit, das Verbrechen und die Prostitution. 1924 wird Schlichter zum Mitbegründer der Künstlervereinigung Rote Gruppe, zu der auch Otto Dix gehört. Bereits ein Jahr später ist er in der Ausstellung Neue Sachlichkeit der Mannheimer Kunsthalle zu sehen.
Kurt Weinhold
28. September 1896 // Berlin – 2. September 1965 // Calw
Kurt Weinholds Jugend, die er in Essen und Bonn verbringt, ist durch eine intensive Auseinandersetzung mit der bildenden Kunst, der Musik und der Literatur geprägt. 1915 wird er zur Front eingezogen, 1917 nach einer Gehorsamsverweigerung jedoch als "kriegsunbrauchbar" eingestuft. Trotz der Kriegswirren kann er seine künstlerische Ausbildung fortsetzen. 1922 folgen die Hochzeit mit Margarete Schüz und die Niederlassung in Calw, 1924 lernt er hier Rudolf Schlichter kennen. Schlichter führt ihn in die Berliner Kunstkreise ein und ermöglicht ihm so die regelmäßige Teilnahme an Ausstellungen der Preußischen Akademie der Künste. Er schließt sich der Stuttgarter Sezession an und feiert mit seinem Triptychon Die Schirmolympiade große Erfolge. 1934 verleiht ihm der Preußische Staat den Rom-Preis, verbunden mit einem neunmonatigen Aufenthalt in der Villa Massimo.
Richard Ziegler
3. Mai 1891 // Pforzheim – 23. Februar 1992 // Pforzheim
Richard Ziegler studiert ab 1911 Philologie sowie Philosophie und beginnt zu dieser Zeit mit seinen ersten malerischen Arbeiten. Unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg, setzt er sein Studium in Heidelberg fort und schließt es 1919 mit der Promotion ab. Bereits in dieser Zeit bildet sich seine eigenwillige Orthographie heraus: Er schreibt konsequent lautmalerisch und verzichtet fast vollständig auf Groß- und Kleinschreibung, was sich in seinen Tagebüchern, Notizen und sogar in den Titeln seiner Kunstwerke widerspiegelt. Nach Studienreisen in die Schweiz und nach Italien zieht er 1925 nach Berlin. Dort erhält er schnell Zugang zu intellektuellen Kreisen und nimmt bereits ein Jahr später an Ausstellungen der Novembergruppe teil. Dabei dominiert die Darstellung der Menschen in der Großstadt sein Schaffen, vornehmlich der Frauen, die er jedoch ohne die enge, spießbürgerliche Auffassung von Sittlichkeit und Moral zeichnet. Vielmehr erzeugt Ziegler mit seinen typisierenden Porträts von mondänen Damen und Halbwelt-Dirnen, mit seinen Szenen aus der U-Bahn und dem Theater, von den Straßen, Varietés und Kabaretts ein genaues Bild der damaligen Moden und Leidenschaften.
02
Frauenporträts
Das Frauenbild wird nach dem Ende des Ersten Weltkrieges durchlässiger und die Rolle der Frau verändert sich in der Weimarer Republik erheblich. Als direkte Folge des Ersten Weltkrieges arbeiten viele von ihnen in männlich dominierten Bereichen und erobern erstmals in größerer Zahl neue Berufe wie Telefonistin, Stenotypistin oder Verkäuferin. Diese weiblichen Angestellten gelten als Inbegriff der Weimarer Modernität, die als Prototypen der Emanzipation sowie als Repräsentantinnen der Neuen Frau von den Massenmedien glorifiziert werden. Neben der Einführung des Frauenwahlrechts gibt es dank liberalerer Gesetze auch politische Aktivistinnen und hochqualifizierte Akademikerinnen. Als Produzentinnen wie Konsumentinnen nehmen Frauen nun aktiv an der Kultur teil, schreiben eigene Texte, geben Zeitschriften heraus, malen, illustrieren und entdecken die Möglichkeiten der Medien für sich. All dies führt zu einer Änderung der Moralvorstellungen und zu einem neuen weiblichen Selbstverständnis. In der bildenden Kunst ändert sich das Bild der Frau ebenfalls und die Künstler*innen setzen sich mit den neuen Geschlechterrollen auseinander: häufig werden berufstätige, unabhängige und selbstbewusste Frauen abgebildet.
Das Porträt ist eine der beliebtesten Bildgattungen der Neuen Sachlichkeit und ermöglicht den Künstler*innen, den Menschen ungeschönt und frei von romantischen Vorstellungen in den Mittelpunkt zu rücken. Da die Emotionen in den Hintergrund treten, wirken die Bilder der Neuen Sachlichkeit oftmals technisch und nüchtern, um eine größtmögliche Reduktion zu bewirken. Befreit von Korsett und komplizierter Frisur offenbart sich das neue weibliche Selbstbild durch Mimik und Gestik sowie durch Kleidung und Accessoires – Parallelen finden sich auch in der Modefotografie für Werbung und Zeitschriften.
Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler malen im Laufe ihrer Karriere unzählige Porträts. Unter ihnen sind Auftragsporträts, Selbstbildnisse, Porträts von Modellen, Freundinnen und Freunden, Familienmitgliedern sowie den jeweiligen Partnerinnen. Auffällig oft sind die Frauen- und Mädchenporträts nach klassischen Kompositionstypen als Brustbild oder sitzend in einer Dreiviertel-Ansicht gemalt.
Richard Ziegler: Zwei Schwestern, 1932
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
Das Porträt Zwei Schwestern zählt zu den wichtigsten Bildern der Neuen Sachlichkeit in der Richard-Ziegler-Stiftung Calw. Richard Ziegler porträtiert die beiden Schwestern Marta und Erna Ehrlich 1932 im Exil auf der Insel Korčula. Bei dem Gemälde handelt es sich um eine Auftragsarbeit für den mit ihm befreundeten Zagreber Bauunternehmer Ernest Ehrlich und dessen Frau Laura. Dank dieser Porträtaufträge ist es ihm möglich, ein Haus in Korčula zu erwerben – ein Refugium, das er jedoch wenige Jahre später wieder verlassen muss.
Ziegler porträtiert die beiden Schwestern höchst individuell in Türkis und Gelb, gleichzeitig bilden sie ein gesellschaftliches Rollenbild ab. Kleidungsstil und Haarschnitte der beiden jungen Frauen zeugen von einer gewissen Modernität. Ihre weiblich-elegante Anmutung stimmt jedoch nicht mit dem Körperbild der androgynen, mit Kurzhaarschnitt, Zigarette und kühl distanziertem Blick posierenden Neuen Frau überein. Zieglers Zwei Schwestern scheinen zwischen konservativen und modernen Einflüssen ein eigenes weibliches Selbstverständnis auszuformulieren, das sich ab 1930 zunehmend etablierte. Damit deutet das Doppelporträt auf eine wichtige Thematik: die Auseinandersetzung vieler Frauen mit den gesellschaftlich konstruierten Weiblichkeitsmodellen. Ziegler bildet diese Diskrepanz zwischen Ideal und Lebensrealität auf sensible Weise ab.
Rudolf Schlichter: Die Mutter, 1927
Städtische Museen Calw
Rudolf Schlichter prägt unsere Vorstellung vom Erscheinungsbild der Menschen der Weimarer Republik wie kaum ein anderer Künstler. Seine Arbeiten können als Dokumente der Zeit betrachtet werden. Bereits früh entstehen realistische Porträts, die durch ihre sachliche Realitätstreue fast wie Fotografien wirken.
Zu den bekanntesten Kunstwerken der Weimarer Republik zählen heute seine Porträts von Egon Erwin Kisch oder Bertolt Brecht und dessen Frau Helene Weigel. Schlichter bildet allerdings nicht nur literarische und kulturelle Größen seiner Zeit ab – es sind vor allem die Randgruppen der Gesellschaft und Menschen aus der Großstadt, die ihn interessieren.
Rudolf Schlichters schonungsloser Blick bildet die harte, unsentimentale Schale des Menschen ab, die er sich in den dunklen Zeiten des Krieges zulegen muss, um zu überleben. Schlichter, der früh den Vater verliert, wächst als jüngstes von sechs Geschwistern auf. Auch seiner Mutter, die nun alleine den Lebensunterhalt der Familie sichert, sieht man ihr schweres Leben an, das von ihrer harten Arbeit als Näherin geprägt ist.
In seiner Biografie Das widerspenstige Fleisch schreibt er über sie:
Für meine Mutter war das eine harte Sache, alles von ihrem im Anfang recht kargen Verdienst zu bestreiten. Es war auf jeden Fall ein jämmerliches und armseliges Leben. Ihre einzige Erholung war, abends nach dem täglichen ununterbrochenen Schuften einige Stunden zum Fenster hinauszuschauen, um Luft zu schnappen.
Kurt Weinhold: Cora mit den grünen Hosen, 1953
Städtische Museen Calw
Kurt Weinhold gilt als einer der besten Porträtisten des 20. Jahrhunderts. Er wird zu einem Meister dieses Faches und bleibt der Gattung zeitlebens verbunden.
Um 1930 notiert er in seinem Skizzenheft das in seine Worte gefasste Dürerzitat:
Die Kunst hat zwei Aufgaben: die Passion darzustellen und das menschliche Angesicht aufzubewahren.
Durch Porträtaufträge, v.a. während des Zweiten Weltkrieges, bestreitet Kurt Weinhold einen Großteil seiner Einnahmen und sichert dadurch den Lebensunterhalt seiner Familie. In dieser Zeit entstehen zahlreiche Porträts der Calwer Bevölkerung, etwa jenes von Rosemarie Stübler (1941). Sein Ruf bringt ihm auf diese Weise in den folgenden Jahren viele gewichtige Aufträge ein – wie Porträts von Willi Baumeister oder Theodor Heuss – die ihm eine finanzielle Unabhängigkeit gewähren und große Bildprojekte ermöglichen.
Über die Begegnung mit Rudolf Schlichter hinaus ist das Jahr 1924 für Weinhold durch die Geburt seiner Tochter Corona, genannt Cora, bedeutend – sie wird neben seiner Frau sein häufigstes Modell.
03
Erotischer Blick auf die Frau
Die Aktdarstellungen der Neuen Sachlichkeit spiegeln häufig den Bruch mit sexuellen Tabus wider. Vor allem Rudolf Schlichter ist für seine expressiven und oft kraftvollen Darstellungen von Frauen bekannt, die auf eine starke, selbstbewusste Art gezeigt werden. Seine Werke sind von einer gewissen Direktheit geprägt und geben die sich wandelnden Machtverhältnisse zwischen Mann und Frau wider.
Erotische Darstellungen dieser Zeit zeigen Frauen als fürsorgliche Ehefrau, als leidenschaftliche Geliebte oder als moralisch fragwürdiges, käufliches Lustobjekt. Die Aktbilder dienen auch dem Voyeurismus: Frauen werden direkt oder heimlich – z.B. beim Umziehen – von Männern beobachtet und bewertet. Auch Richard Zieglers Werke beschäftigen sich vielfach mit erotischen Motiven, sie betonen dabei die Schönheit und Sinnlichkeit des menschlichen Körpers. Seine Bilder offenbaren oft intime Szenen, die die erotische Ausstrahlung und das Selbstbewusstsein der dargestellten Personen hervorheben. Zieglers Bild Mädchen unter sich zeigt, dass die neue weibliche Freiheit und lesbische Liebe auch die Fantasie der Männer – häufig klischeehaft – anregt.
Richard Ziegler: Mädchen mit Katze, 1928
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
Rudolf Schlichters Ölgemälde Balgende Frauen wurde 1928 auf der Großen Berliner Kunstausstellung präsentiert. Das Gemälde gilt heute als verschollen, es existieren jedoch zwei bekannte Vorstudien. Die Skizze aus den Calwer Beständen zeigt zwei miteinander kämpfende Frauen, möglicherweise handelt es sich bei ihnen um Prostituierte. Beide tragen Stöckelschuhe und sind ansonsten nur leicht bekleidet.
Die Szene wirkt wie eine Mischung aus Kampf und Vergewaltigung. Die unterliegende Frau ringt nach Atem, während die auf ihr sitzende Kontrahentin sie würgt. Ihr Rock ist während des Kampfes hochgerutscht und legt ihr Gesäß frei. Bei dieser Zeichnung kommen auch Schlichters eigene Vorlieben zutage, die sein Werk maßgeblich bestimmen: Schuhfetischismus, Strangulation und eine von Gewalt geprägte Sexualität. Vor allem die Schnür-/Knopfstiefel finden immer wieder Eingang in seine Bilder.
Die Heirat und Ansiedlung in Calw bedeutet für Kurt Weinhold einen gravierenden Einschnitt in seinem Leben. Persönlich bringt ihm die Gründung einer Familie innerliche Festigung und die endgültige Loslösung von seinen Eltern. Seine Frau Margarete ist mit wenigen Ausnahmen sein bevorzugtes Modell für eine Vielzahl von Darstellungen mit erotischen Akzentuierungen. In Margarete sieht er die ideale Geliebte, sie ist ihm, wie man seinen Briefen an sie entnehmen kann, vor allem geistige Ergänzung. Mit ihr kann er auch seine Gedanken zur Kunst teilen, so schreibt er ihr am 21. August 1939:
Ich dachte gestern abend darüber nach, daß es mir möglich ist, jede menschliche Regung durch alle Landschaften der Seele und des Geistes, von höchster Lust und Freude bis zum tiefsten Schmerz, Verzweiflung, Verbrechen, alles, alles zu erleben und wiederzugeben, echt und glaubhaft darzustellen.
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Frauen erobern das Stadtbild
Es sind vor allem die Frauen, die das Bild der Großstädte der 1920er-Jahre selbstbestimmt dominieren. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und den dadurch entstandenen neuen Freiheiten, wollen sich Frauen nicht wieder in alte Rollenmuster zurückdrängen lassen, brechen daher mit traditionellen weiblichen Lebensentwürfen und stellen gesellschaftliche Strukturen in Frage.
Selbstbewusst rauchend sitzen sie auch ohne männliche Begleitung in den Cafés und Nachtlokalen, flanieren durch die Großstadt, tummeln sich vor den Schaufenstern und kleiden sich dabei adrett und extravagant. Ein heruntergerutschter Träger, sichtbare Strümpfe und starke Schminke deuten nicht länger auf Zwielichtigkeit, sondern viel mehr auf die Lässigkeit der Damen.
Zeitschriften, Werbung, Filme und Romane prägen und vermitteln diese neuen schillernden Frauenbilder. Die gewonnene Freiheit führt wiederum zu neuen Konsum- und Kulturangeboten, die dankbar angenommen werden, will man doch gerade nach den Schrecken des Krieges das Leben in vollen Zügen genießen.
Die deutsche Reichshauptstadt Berlin, damals nach London und New York drittgrößte Metropole der Welt, ist ein Schmelztiegel für alles Extravagante und Neue jenseits der bürgerlichen Enge. Frauen wählen ihre Geliebten – ob männlich oder weiblich – selbst und Frauen wie Lotte Hahm gründen Lesben-Bars wie die Monokel-Diele und die Manuela-Bar. Das Monokel ist eines der wenigen lesbaren Zeichen für homosexuelle Frauen. Vieles scheint für kurze Zeit möglich. Die Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit halten dieses vibrierende Lebensgefühl der Nachkriegszeit in allen Schattierungen fest – so auch die Calwer Künstler.
Richard Ziegler: Frauen im Café, 1927
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
Richard Ziegler gilt in den Berliner Künstlerkreisen der 1920er-Jahre als aufmerksamer Beobachter seiner direkten Umgebung und besticht durch sein scharfes Auge. Ziegler, der mit seinen Bildern das Leben im Berlin der Goldenen Zwanziger Jahre festhält, bildet die Frauenwelt auf unterschiedliche Weise ab: mondäne Damen sitzen beispielsweise rauchend in Cafés und zeigen sich kokett in Glockenhut und Strumpfbandhaltern. Ziegler selbst genießt die Nähe zu Frauen und fühlt sich wohl in ihrer Gesellschaft. Seine Arbeiten wirken dabei oftmals sinnlich, aber auch amüsant, wie das Bild Mädchen unter sich zeigt – die neue weibliche Freiheit beflügelt auch die männliche Fantasie des Künstlers. Eines ist jedoch vielen seiner Abbildungen gemeinsam: die Maskenhaftigkeit, die wie eine Schablone wirkt.
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Die Neue Frau
Die veränderten sozialen und ökonomischen Bedingungen münden letztlich im Typus der Neuen Frau, der zu einer Ikone der 1920er-Jahre wird. Die jungen, ledigen Frauen, die in den Großstädten häufig als Angestellte arbeiten, gelten als Prototypen dieses neuen Frauenbildes und werden durch die Medien und die Unterhaltungsindustrie oftmals klischeehaft dargestellt. Konsum, Kino und Kultur ersetzen – zumindest in der populären Darstellung – die drei K´s "Kinder, Küche und Kirche".
Dieser gesellschaftliche Wandel geht auch mit äußerlichen Veränderungen des Frauenbildes einher: sie entledigen sich des engen Korsetts und präsentieren sich nun selbstbewusst mit frechem Bubikopf, eng anliegendem Hut, rotgeschminkten Lippen und wahlweise im kurzem Rock oder mit Frack und Zylinder – ganz nach dem Vorbild von Filmstars wie Marlene Dietrich.
In vielen Darstellungen ist diese "Androgynisierung" der Frau zu beobachten und die Verschmelzung von männlichen und weiblichen Attributen wird zum Sinnbild der Gleichberechtigung, die jedoch auch als Bedrohung der traditionell patriarchalischen Gesellschaft wahrgenommen wird. Vor allem der Garçonne-Stil, der durch einen besonders maskulinen Frauentyp gekennzeichnet ist, unterstreicht diesen Eindruck: neben einer androgynen Figur und Kurzhaarfrisur trägt sie "typische" Männerkleidung und -accessoires wie beispielsweise Smoking, Fliege, Melone oder Manschettenknöpfe. Auch bei der Mode ist alles auf Tempo, Mobilität und Bewegung sowie auf die Nutzung der neuen – zum Teil verruchten – Freiräume hin ausgerichtet. Die Zigarette als Symbol der Emanzipation wird zu einem unverzichtbaren Requisit der Neuen Frau.
Richard Ziegler: Ohne Titel, 1928/1929
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
Lässig, unnahbar und modern wirkt die junge Frau mit Zigarette und Motorrad, die Richard Ziegler hier verewigt hat. In zahlreichen Zeichnungen hält er diesen neuen weiblichen Esprit und das Spiel mit sexueller Identität fest. Die Abgebildeten verkörpern beispielhaft diesen neuen emanzipierten Frauentypus, der in Zeitschriften und Feuilletons propagiert wird.
Die Geschlechterrollen werden visuell aufgebrochen, wodurch ein neuer ästhetischer Anspruch entsteht. In Zieglers Darstellungen der Neuen Frau spiegeln sich nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungen wider, sondern auch die rasend schnellen Entwicklungen im Bereich Industrie und Technik bzw. des urbanen Lebens – so stellt er Frauen beispielsweise in der Untergrundbahn, auf dem Fahrrad oder Motorrad dar.
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Licht und Schatten der Großstadt
Wie kaum ein weiteres Phänomen steht der vielfältige Amüsierbetrieb für die Roary Twenties der Weimarer Gesellschaft. Während der Flitterglanz der Kabaretts und Revuen das Publikum nahezu hypnotisiert, Frauen nun erstmals ohne männliche Begleitung Cafés und Bars besuchen und der Jazz nicht nur das rasante Tempo sowie die Kurzlebigkeit der Zeit symbolisiert, können sich auch die Calwer Künstler diesem Umfeld nicht entziehen. Gerade in verruchten Etablissements und in den zahllosen Kabaretts, umgeben von Tanz und dem gedankenlosen Konsum von Vergnügungen aller Art, treten sie als Beobachter der Zeit auf und halten diese in ihren Werken fest.
Dass nun die Frau als "Ernährerin der Familie" geschildert wird, ist neu und spiegelt schonungslos die extremen Bedingungen in einer Gesellschaft, die durch den verlorenen Weltkrieg, durch Inflation und Massenarbeitslosigkeit aus den Fugen geraten ist. Zugleich verdoppelt sich im Vergleich zur Vorkriegszeit die Zahl der polizeilich gemeldeten Prostituierten. Im Gegensatz zu Otto Dix und George Grosz üben Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler oftmals Empathie für die Prostituierten aus, indem sie die Prostitution als Massenphänomen verstehen.
Das vielseitige Vergnügungsangebot der Weimarer Republik symbolisiert den Ausdruck eines Traumzustands, gepaart mit einer ausgelebten Wirklichkeitsflucht und radikalen Neuerungen im Kulturbetrieb. Verpönt von den einen, gefeiert von den anderen, stehen die Musik, die Kabaretts, Revuen und die Nachtclubs für das ambivalente Verhalten der gesamten deutschen Gesellschaft gegenüber dem neuen Zeitgeist. Diese Licht- und Schattenseiten sollten dann paradoxerweise aber auch die Kräfte der Zensur und Repression der neuen Machthaber heraufbeschwören.
Richard Ziegler: Ruhepause, 1928
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
Rudolf Schlichter, Kurt Weinhold und Richard Ziegler stellen in ihren Berliner Jahren mehr und mehr die Menschen der Großstadt mit ihren Lüsten und Leiden in den Fokus ihrer Arbeiten. Darin sind jedoch weniger die zeittypischen sozialkritischen Aspekte zu finden. Dennoch verweisen die Künstler auf den Fall der gesellschaftlichen Schranken und sehen in dieser Art der Schilderung der verfallenden Sitten das Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich keinem Reglement unterwirft.
Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen wie Anita Berber, Fritzi Massary oder Hannelore Ziegler gehören in jenen Jahren zu den großen Stars auf den Berliner Bühnen. Hannelore Ziegler wird besonders für die "vollendete Form des expressionistischen Tanzes" (Neues Wiener Journal, 20. November 1919) sowie ihren außergewöhnlichen tänzerischen Rhythmus gefeiert. Richard Ziegler fertigt nach einem Auftrittsbesuch wie im Rausch innerhalb weniger Stunden 20 Kantstiftzeichnungen an, die in besonderem Maße die Wärme, Liebe und Grazie ihrer Erscheinung unterstreichen. Fritzi Massary wiederum beeinflusst als berühmteste Operettensängerin ihrer Zeit und Berliner Sehenswürdigkeit mit ihrem modischen Geschmack auch das weibliche Publikum.
Sinnbildlich für die Zeit stehen neben dem von Max Reinhardt gegründeten Schall und Rauch, in dem absurde Komik, Parodien und Satiren sowie Chansons und Gedichte vorgetragen werden, auch das Kabarett Größenwahn von Rosa Valetti oder Trude Hesterbergs Wilde Bühne. Sie sind Vorläufer zahlreicher Tanzlokale und Ballhäuser, die mit zahlreichen Revuen mit den berühmten Tiller-Girls leichte Unterhaltung bieten und alte und neue Stars auf die Bühne bringen: Claire Waldoff, die Comedian Harmonists, Josephine Baker, Margo Lion oder Hans Albers.
Im Berlin der 1920er-Jahre prägt die Prostitution das allgemeine Straßenbild, etwa im Scheunenviertel, rund um den Alexanderplatz oder im Tiergarten. Während der Schriftsteller Stefan Zweig in der Stadt "das Babel der Welt" sieht, schreibt die US-Schauspielerin Louise Brooks vom Sex "als dem Geschäft der Stadt, das die Prostituierten zu Maschinen degradiere, die nur die geschlechtliche Hingabe und die notwendigsten primitivsten Lebensbedürfnisse kennen würden."
Auch die Calwer Künstler können sich diesen Eindrücken nicht entziehen. Mit ihren grotesken Werken machen sie jedoch auf den nackten Kampf ums Überleben der über eine Million Kriegswitwen in der Stadt aufmerksam. Als Beobachter ihrer Zeit, aber auch als Besucher von Bordellen, wie im Falle von Rudolf Schlichter, findet hier keine moralische Verurteilung statt.
Das Urteil des Paris geht zurück auf eine Episode der griechischen Mythologie, bei der der junge Prinz Paris das Urteil fällen muss, welche der drei Göttinnen Hera, Athene oder Aphrodite die schönste sei. Das Motiv wurde von zahlreichen Künstlern verschiedener Epochen aufgegriffen und variiert. Auch Ziegler widmet sich diesem Motiv auf vielfältige Weise und überträgt es hier auf die Welt der Prostitution: ein Freier sucht sich die "schönste" unter den drei Prostituierten aus.
Der thematische Bezug, der eine provokante Mischung aus Mythologie und moderner Malweise darstellt, lässt sich nur über den Bildtitel herstellen und stellt moralische sowie gesellschaftliche Vorstellungen in Frage. Frauen werden zum Objekt der Begierde degradiert und sind der Begutachtung von außen ausgesetzt – auch außerhalb des Bordells.
07
Gesellschaftskritik
Die Neue Sachlichkeit befasst sich nicht nur mit den Vergnügungstempeln und Modeerscheinungen der Goldenen Zwanziger Jahre, sondern zeigt – mal provokant-satirisch oder auf groteske Art – die schonungslose Realität, die nach dem Ersten Weltkrieg herrscht. Die sozialen Missstände und Klassenunterschiede innerhalb der Gesellschaft sind unübersehbar und Teil des Stadtbildes. Verzweiflung, Not und Armut macht sich in der Bevölkerung breit und fördert die instabilen politischen Verhältnisse, die vermehrt zu Gewalt auf den Straßen führt.
Die Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit setzen sich mit den sozialkritischen Themen ihrer Zeit auseinander. Ihre bevorzugten Motive sind Proletarier, Kriegsverwundete, Arbeitslose, Mütter, verwahrloste Kinder, Bettler und Prostituierte. Auch die Calwer Künstler halten in ihren Werken das soziale Elend, schwere menschliche Schicksale und die generelle gesellschaftliche Unsicherheit fest, ohne sie zu verherrlichen oder zu beschönigen. Richard Ziegler beschäftigt sich beispielsweise in seinem gleichnamigen Gemälde mit dem Paragraph 218, der Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellt, wohingegen Rudolf Schlichter – einer der zentralen Künstler des veristischen Flügels innerhalb der Neuen Sachlichkeit – ausgemergelte Mütter und ihre Kinder im täglichen Existenzkampf zeigt. Den Porträtierten steht ihre Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Ziegler fragt in seinen Bildern nach der Moral in der Gesellschaft und innerhalb der Familie und inwieweit das Schicksal bzw. die schwierige wirtschaftliche Situation der Frauen von Männer ausgebeutet und ausgenutzt wird. Die "Frauenfrage" prägt auch weitere politische Debatten, zum Beispiel über Eherechte, Prostitution und Frauenlöhne bis hin zu kulturkritischen Erörterungen von Mode und sexueller Orientierung.
Richard Ziegler: Paragraph 218, 1931
Richard-Ziegler-Stiftung Calw
In der Öffentlichkeit wird der Paragraf 218 (auch als "Klassenparagraf" bezeichnet, da er v.a. ein Problem von Arbeiterinnen war) besonders kontrovers diskutiert, steht das Abtreibungsverbot – seit 1871 im Strafgesetzbuch des Deutschen Kaiserreichs verankert – doch im Widerspruch zur neuen gesellschaftlichen Position der Frauen. Die Gründe für einen solchen Eingriff können unterschiedlich sein: Eine ungewollte Schwangerschaft vergrößert oft die Not und Armut kinderreicher Familien und stigmatisiert unehelich schwangere Frauen, da sie nicht dem weiblichen Keuschheitsideal entsprechen – ledige Mütter werden somit als Kriminelle gebrandmarkt. Viele Frauen sehen in einer Abtreibung daher den einzigen Ausweg und setzen damit oft auch ihr eigenes Leben aufs Spiel.
Richard Zieglers Gemälde Paragraph 218 zeigt in einem fast karikaturartigen Stil eine Schwangere, umringt von vier verschiedenen "moralischen" Instanzen, die alle auf sie einreden: ein Arzt, eine Krankenschwester, eine Vertreterin des Bürgertums und ein Geistlicher. Dieses gesellschaftskritische Bild spiegelt künstlerisch die Debatte mit seinen moralischen, religiösen sowie medizinischen Gesichtspunkten wider, die die Betroffene und ihre Probleme scheinbar völlig außer Acht lassen.
Trotz der emanzipatorischen Errungenschaften der Frauen, ist die Ehe in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts häufig noch von traditionellen Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt und beschränkt die Frauen vor allem auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter. Diese Rollenverteilung wird durch gesellschaftliche Normen und religiöse Überzeugungen gestützt. Frauen erlangen zwar mehr Rechte, doch die Ehe bleibt ein patriarchalisches Konstrukt, das die individuelle Freiheit einschränkt. Sie ist geprägt von gesellschaftlichem Druck, Konformität und der Erwartung, dass die Ehe dauerhaft und stabil sein solle.
Erst im Laufe der Zeit verändern sich diese Einstellungen, was schließlich zu einer kritischeren Sicht auf die traditionelle Ehe führt. Dies zeigt auch das Ölgemälde Ehen werden im Himmel geschlossen von Richard Ziegler. Das titelgebende Sprichwort vermittelt die Idee, dass die Ehe nicht nur eine menschliche Entscheidung ist, sondern etwas, das von Gott oder dem Schicksal vorbestimmt wird. Während das Sprichwort romantisch ist, kann es auch dazu führen, dass Menschen die aktive Gestaltung ihrer Beziehung vernachlässigen oder unrealistische Erwartungen entwickeln. Auch die Zeichnung Der Besuch deutet in diese Richtung: Während im Hintergrund die Ehefrau mit Kind und Heiligenschein auf ihren Mann wartet, ist dieser mit seinem "Besuch" beschäftigt.
"Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, diesen Satz prägt Bertolt Brecht in der Ballade Wovon lebt der Mensch aus dem Theaterstück Die Dreigroschenoper. Die Uraufführung findet am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin statt. Die Dreigroschenoper wird zum größten Theatererfolg der Weimarer Republik, durch die Nationalsozialisten jedoch 1933 bereits wieder verboten. Das Stück wird bis zu diesem Zeitpunkt in 18 Sprachen übersetzt und mehrere tausend Mal an europäischen Bühnen aufgeführt.
Richard Ziegler greift das berühmt gewordene Zitat in dieser Zeichnung, die ca. 1929/1930 entsteht, auf und wandelt es leicht ab: „Dreigroschenoper. Die Moral des Hungrigen und die Moral des Satten. Das Leben der Wirklichkeit und das Leben des moralischen Kitsches.“
Beginnt man nah am Originaltext, so ergibt sich, dass zunächst das Überleben eines Menschen – hier in Form des Grundbedürfnisses Nahrung – gesichert sein muss, bevor er sich mit moralischen Vorstellungen auseinandersetzen kann. Über den Hungrigen zu urteilen, fällt dem Satten leicht – beide Realitäten könnten gegensätzlicher nicht sein.
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Das Ende
Mit der Weltwirtschaftskrise, die im Börsenkrach vom 25. Oktober 1929 ihren Ausgangspunkt hat, ist es mit dem kurzfristigen Aufschwung Mitte der 1920er-Jahre endgültig vorbei. Die Arbeitslosenzahlen steigen wieder stark an, Banken geraten aufgrund des Abzugs von amerikanischem Kapital in Insolvenzen und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Kommunist*innen, Sozialist*innen und Nationalsozialist*innen stehen ab 1930 auf der Tagesordnung.
Darüber hinaus erfahren ab 1930/31 Demonstrations-, Versammlungs- und Pressefreiheit starke Einschränkungen. Die NSDAP erreicht bei der Reichstagswahl im November 1932 die meisten Stimmen und fordert die Position des Reichskanzlers, zu dem Adolf Hitler schließlich am 30. Januar 1933 ernannt wird. Der Terror im großen Maßstab gegen Andersdenkende nimmt seinen Anfang, die Weimarer Republik findet ihr Ende.
So heterogen wie die Kunstschaffenden der Neuen Sachlichkeit stilistisch und motivisch arbeiten, so unterschiedlich sind ihre Reaktionen zuerst auf den Aufstieg der NSDAP und dann den Führerstaat. Jüdische Kunstschaffende, wie etwa Felix Nussbaum, werden kategorisch aus Ausstellungen ausgeschlossen und in der Folge deportiert und ermordet. Jene neusachlichen Maler, die dem sozialkritischen Verismus nahestehen, werden aus ihren Ämtern entlassen und emigrieren entweder ins Ausland oder in die Provinz. Einige führende Nationalsozialist*innen, aber auch das konservative Publikum schätzen handwerkliche Perfektion in Form von altmeisterlichen Maltechniken und den sachlichen Zugang zur Realität. Daher führen so manche konservativ arbeitende Kunstschaffende ihr zeitloses Werk unbehelligt fort und können sogar Karriere machen. Entscheidend sind Haltung und Themenwahl, die der NS-Kulturpolitik entsprechen müssen. Künstlerische Opposition gegen das Regime findet nur mehr im Geheimen statt.
Die Künstler*innen der Neuen Sachlichkeit reflektieren in ihren Werken den Geist der Zeit, versuchen nüchtern und realistisch den Glanz und das Elend dieser ambivalenten Epoche darzustellen und mit ihren Gemälden, Grafiken und Skulpturen die Gräuel des Ersten Weltkrieges und deren Folgen zu verarbeiten. Es stellt sich heraus, dass die Nachkriegszeit unmittelbar in die Vorkriegszeit übergeht, um in eine neue Katastrophe zu münden.
Rudolf Schlichter: Größe und Untergang, 1933
Städtische Museen Calw
Rudolf Schlichter
Noch vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten verlässt Rudolf Schlichter gemeinsam mit seiner Ehefrau Elisabeth, genannt Speedy, Berlin und zieht in das katholische Rottenburg am Neckar. Zunehmend distanziert er sich von politischen Themen und wendet sich neben dem Katholizismus vor allem der Landschaftsmalerei zu. Indes erkennt ihm die Reichsschrifttumskammer wegen anarchistischer und pornographischer Inhalte seiner autobiographischen Schriften 1935 nicht die "Eignung zu einem kulturschöpferischen Beruf" zu. Im Januar 1938 erfolgt ein einjähriger Ausschluss Schlichters aus der Reichskammer der bildenden Künste, wenig später verbüßt er "wegen unnationalsozialistischer Lebensführung" eine dreimonatige Untersuchungshaft. Auch in München, wohin er 1939 übersiedelt, ist der Künstlerhaushalt vor Nachstellungen nicht sicher. Im September 1942 wird bei einem Bombenangriff auf die Stadt Wohnung und Atelier getroffen, die meisten Bilder jedoch nicht beschädigt. In der Folgezeit verdient Schlichter vor allem mit Buchillustrationen seinen Lebensunterhalt. Nach 1945 arbeitet er u.a. für den Simpl und stellt wieder seine Werke aus.
So taumeln wir dahin, zwischen Apokalypse und verlorenem Paradies, sehr nahe der ersten und sehr entfernt vom letzteren; zwischen Sehnsucht und Selbsthass hin und her gerissen, traumverloren und traumentronnen.
Das Ende des Zweiten Weltkrieges führt bei Rudolf Schlichter zu einer sehr produktiven Schaffensphase, in der er sich mit den Ereignissen des Dritten Reiches auseinandersetzt und sich auf die Suche nach einem Neuanfang begibt. Anknüpfungspunkte findet er im französischen Surrealismus, jedoch mit dem Unterschied, dass seine unwirklichen Welten nicht mehr unterbewussten Traumbildern entspringen, sondern einen direkten Gegenwartsbezug haben. Seine Themen sind dabei der Untergang der Kulturwelt, aber auch Technik- und Zivilisationskritik. Obwohl er stilistisch überwiegend gegenständlich-realistisch bleibt, finden sich auch abstrakte und formelhafte Arbeiten, um inhaltliche Aussagen zu verstärken. Insgesamt zeichnet Schlichters Werk Hoffnungs- und Trostlosigkeit sowie eine apokalyptische Stimmung aus.
Kurt Weinhold
Laut eigenen Angaben wird Kurt Weinhold 1937 in der Ausstellung Entartete Kunst in München aufgeführt und im selben Jahr erscheint Wolfgang Willrichs Buch Säuberung des Kunsttempels, in dem ihm Ausstellungstätigkeit bei der "roten Novembergruppe" angelastet wird.
Die politischen Ereignisse drängen den Künstler mehr und mehr in die Innere Emigration, Aufträge bleiben aus, die finanzielle Situation gerät in Schieflage. Mit Kriegsbeginn wird er als Zeichner zu einem Baustab nach Freudenstadt eingezogen, malt aber vornehmlich Soldaten gleichen oder höheren Ranges. Dank seiner Verbindungen wird er schließlich 1940 aus dem Kriegsdienst entlassen, während in den kommenden Jahren Porträtreisen durch ganz Deutschland es ihm ermöglichen, auf Grund seiner offenen Systemkritik unterzutauchen.
In den letzten Kriegswochen beteiligt er sich an Sabotageakten gegen die Zerstörung Calws durch die Nationalsozialisten und kann nach Kriegsende noch im selben Jahr wieder an einer Ausstellung zum Thema Kunst gegen den Krieg der Württembergischen Staatsgalerie teilnehmen. Noch bis zu seinem Tod im Jahre 1965 stellt Kurt Weinhold regelmäßig in Stuttgart aus.
Das deutsche Volk im großen und ganzen macht mir allmählich immer mehr Angst, ich möchte beizeiten fort, ehe Stumpfsinn, Raffgier und Grobheit wieder in der Katastrophe enden.
Mit seinem grotesken Werk Chimären vor der Kathedrale, entstanden zwischen 1933 und 1945, greift Weinhold ein düsteres Bild einer verlogenen und entgotteten Gesellschaft auf, die sich in dieser Zeit von christlichen und humanistischen Idealen abwendet.
So verkörpern die nackten Frauengestalten die geistlose, trieb- und lasterhafte sündige Welt und symbolisieren das Verderben, während die in einem langen Umhang gewundene Chimäre in Ergänzung das Bedrohliche und Traumhafte der Zeit betont. Der "kopflose" Priester wird zum Symbol für Bedrohung, Tod und Unterwelt und seinem Segensgestus steht die Umklammerung des Dolches entgegen. Aus dem Priester wird dadurch ein Beschwörer des Bösen und die Chimäre verkündet nicht mehr Hoffnung der Auferstehung, sondern den Schrecken des Untergangs.
Richard Ziegler
Wie für Rudolf Schlichter und Kurt Weinhold markiert die Zeit ab 1933 für Richard Ziegler eine tiefe Zäsur. Im Februar 1933 zeigt er in einer Einzelausstellung in der Kölner Bücherstube am Dom letztmalig seine Opal- und Wachsdrucke, bevor er anschließend zusammen mit seiner jüdischen Lebensgefährtin Edith Lendt auf die dalmatische Insel Korčula emigriert.
Dort schafft er in erster Linie zahlreiche Landschaftspastelle, arbeitet aber auch an Zeichendruckfolgen, wie etwa zu Heinrich Manns Henri Quatre sowie an Monotypien zu den Tätern und Opfern des Nationalsozialismus. 1937 siedelt er nach London über, wo er 1940 als "feindlicher Ausländer" in Huyton interniert wird. Anschließend arbeitet Ziegler für verschiedene Zeitungen und Magazine, wie etwa für die Zeitschrift Lilliput.
1948 erhält Ziegler die britische Staatsbürgerschaft und verlegt 1962 seinen Wohnsitz nach Mallorca. Seit 1958 sind seine Werke wieder in Deutschland zu sehen, eine internationale Wiederentdeckung seines Werkes setzt allerdings erst in den 1980er-Jahren ein, als es in London und New York präsentiert wird. 1982 wird in Calw die Richard-Ziegler-Stiftung gegründet, seine letzten Lebensjahre verbringt er schließlich ab 1989 wieder in Pforzheim.
Meine Arbeit ist staatsfeindlich und kulturwidrig, sie bringt mir eher Gefängnis als Geld ein. Denn wir leben in Tagen der Wiederaufrichtung der deutschen Moral und Sitte. Es ist Zeit, daß ich fortkomme. In Deutschland sind mir die Gefängnisse zu voll mit meinesgleichen. Nacht, Schweigen, meine Arbeit verbergen, untertauchen. Nüchtern rechnen, fordern, handeln. Allen Mißtrauen, auf keinen warten, arbeiten und wachen.
Bereits während seines Exils auf Korčula entstehen ab 1934 zahlreiche Monotypien über Täter und Opfer des Nationalsozialismus, die sich Ziegler "von der Seele zeichnet". Fünf Jahre später bekommt der englische Verleger Stanley Unwin das Werk zu Gesicht und veröffentlicht eine Reihe der Monotypien 1941 unter dem Titel We make history. Das Buch erscheint unter dem Pseudonym Robert Ziller, um Zieglers in Deutschland lebende Eltern nicht zu gefährden. Es erscheint auch in den Niederlanden, Dänemark, Russland und Jugoslawien.
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