Albert Blum
Ein Lehrerleben
Die Schulgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist ein Spiegelbild der politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Zeit: Kaiserreich, Weimarer Republik, NS-Regime, Nachkriegszeit … radikale Veränderungen bestimmen auch die Lebensgeschichte des Oberlehrers Albert Blum. Dieser übergab nach seiner Pensionierung seinen gesamten Lehrernachlass der „Arbeitsstelle für Schulgeschichte“ der Pädagogischen Hochschule in Weingarten. Ergänzend wurden dort Interviews über sein Leben aufgezeichnet. Zusammen ergeben die Dokumente eine historisch wertvolle Sammlung, die uns interessante Einblicke in die damalige Gesellschaft bietet und exemplarisch steht für ein typisches Lehrerleben im 20. Jahrhundert.
01
Albert Blums Kindheit
Albert Blum wird am 14. Februar 1905 in Königseggwald, einem kleinen Dorf in der Nähe von Ravensburg, als zweites von sechs Kindern einer katholischen Familie geboren. Sein Vater Albert ist Metzger und betreibt außerdem zusammen mit seiner Frau Blandine eine Gastwirtschaft.
Albert Blum berichtet über seine Kindheit:
„Ich habe eine wunderschöne Kindheit gehabt. Mich wundert heut noch, wie wir eigentlich von selber aufgezogen wurden. Überall waren wir praktisch übrig. Wir durften nicht in die Wirtschaft reingehen; wir durften nicht in die Metzgerei. Wir sind in der Küche aufgewachsen mit der Magd.“
02
Albert Blum in der Volksschule
Mit sechs Jahren kommt Albert Blum 1911 in die Schule im nahegelegenen Altshausen. Damals regiert Kaiser Wilhelm II. das Deutsche Reich, sein Bild hängt in den meisten Klassenzimmern. Hauptlehrer Schwarz thront auf seinem Pult und überblickt die ganze Schar. Vorsprechen und Nachsprechen, militärische Strenge und Disziplin bestimmen den Unterricht.
In den Volksschulen der kleineren Dörfer werden alle acht Jahrgänge in einem Klassenzimmer unterrichtet, sodass oft bis zu 80 Kinder eng zusammengepfercht in den Bänken sitzen. Die Schulpflicht verlangt acht Jahre Schulbesuch, die Kinder beenden die Schule also mit 14 Jahren und beginnen meist eine Lehre.
Körperliche Strafen sind damals noch üblich und erlaubt. So fällt auch Albert Blums erste Erinnerung an die Schule entsprechend aus:
„In der Volksschule bekam ich einmal von meinem Lehrer Urban Schwarz Hosenspanner; weshalb weiß ich nicht mehr. Ich betrachtete diese pädagogische Aktion meines Lehrers als eine schreiende Ungerechtigkeit. Ich rächte mich dadurch, dass ich ihm in den Oberschenkel biss. Er muss nicht viel gemerkt haben; wahrscheinlich war meine Beißkraft zu schwach oder seine Hosen und Unterhosen zu dick.“
Für diese so genannten „Hosenspanner“ müssen sich die Jungen über eine Bank oder das Knie des Lehrers beugen. Dadurch spannt die Hose über das Gesäß und die Schläge mit dem Stock sind wesentlich schmerzhafter. Weil sich diese Bestrafung für Mädchen aufgrund der Kleider nicht geziemen würde, erhalten sie stattdessen sogenannte „Tatzen“, also Schläge auf die offene Handfläche.
Wichtigstes Fach ist oft der Religionsunterricht, weil in ihm Sittsamkeit und Gottesfürchtigkeit vermittelt werden sollen.
„Wenn mein Pfarrer Mathias Wörz in der Schule Religionsunterricht erteilte, mußte mein Lehrer Aufsicht schieben. Er saß vorn in der linken Ecke. Wenn ein Schüler ungezogen war, mußte er den Prügelmeister machen; der Pfarrer war immer fein heraus.“
1914 beginnt der Erste Weltkrieg, der bis 1918 andauert. Albert Blums Vater wird als Soldat eingezogen.
„Meine Mutter mußte nun das Geschäft, Metzgerei und Wirtschaft allein weiterführen. Unsere Magd Elise stand ihr treu zur Seite. Das Fleisch bezogen wir in Säckchen von der Metzgerei Hummler in Altshausen.“
Vater Blum überlebt den Krieg.
03
Albert Blums Realschulzeit
Als Realien bezeichnet man wirkliche Dinge, Gegenstände oder auch Sachkenntnisse. Die Schwerpunkte des Unterrichts trägt die Realschule also schon im Namen: In ihr wird seinerzeit mehr Wert auf naturwissenschaftliche Fächer wie Biologie, Physik und Chemie gelegt. Sie ist wie heute eine weiterführende Schule zwischen Volksschule und Gymnasium.
„In der Realschule durfte ich als Einziger an einem Würfel Steinsalz lecken und der ganzen Klasse mitteilen, daß es nach Salz schmeckt.“
Bereits mit 13 Jahren, nach Abschluss der Realschule, stellt sich für Albert Blum die Frage der Berufswahl.
04
Albert Blum in der Aspirantenanstalt
„Ich habe spielend gelernt - und darum sagte eines Tages mein ehemaliger Dorfschullehrer in der Wirtschaft zu den Eltern: Der muß Lehrer werden.“
Damals wird der Beruf des Kindes noch häufig von den Eltern bestimmt – schließlich müssen sie auch die Ausbildung bezahlen. Ein Studium kostet damals ca. 10.000 Mark, eine Ausbildung zum Beamten oder Volksschullehrer hingegen „nur“ rund 2.000 Mark. Diese Summe kann Familie Blum aufbringen und so ist Alberts Berufsweg entschieden.
„1918 schickte mich mein Heimatlehrer zu seinem Freund Martin Epple ins Studienheim nach Rottweil. Dort war die Aspirantenanstalt untergebracht. Hier wurde man gedrillt für die Aufnahmeprüfung ins Lehrerseminar. Bei der Aufnahmeprüfung 1920 war ich unter 129 der zehnte. Aber ich könnte nicht sagen, wie Rottweil aussieht, obwohl ich zwei Jahre dort war. Man ist praktisch gar nie rausgekommen.“
Die Aspiranten- oder Präparandenanstalt bereitet die angehenden Lehrer nach ihrer Schulzeit auf das Lehrerseminar vor. Da die Volksschullehrerausbildung noch nicht akademisch ist, braucht man in Württemberg dafür auch kein Abitur. Einer der Mitschüler von Albert Blum in dieser Aspirantenanstalt ist der spätere Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger - doch besonderes pädagogisches Vorbild wird deren Leiter, Martin Epple:
„Epple – das war für mich der geborene Lehrer... Er war jeden Tag da, und am Sonntag hat er auch nach uns geguckt. Er war ein Meister des Worts. Aus dem Handgelenk heraus, ohne schriftliche Notizen, diktierte er uns Musteraufsätze und Dispositionen zu Aufsätzen.
05
Albert Blum im Lehrerseminar
„1920 kam ich ins Lehrerseminar nach Saulgau. Wir erhielten dort eine Ausbildung, die völlig auf den künftigen Lehrerberuf ausgerichtet war. Wir mussten viel und fest arbeiten. Eine umfangreiche Seminarordnung regelte das Zusammenleben. Freie Nachmittage gab es am Mittwoch und Samstag bis 16 Uhr. Und wenn einer zu spät gekommen ist, da hat der Unterlehrer an der Türe gestanden mit der Uhr...“
Die Lehrerausbildung ist damals zweigeteilt: Gymnasiallehrkräfte benötigen ein Studium. Denn man geht davon aus, dass das studierte Wissen sie zum Unterrichten in den entsprechenden Fächern befähigt, auch ganz ohne pädagogische Ausbildung. Lehrerinnen und Lehrer an Volksschulen müssen alle Fächer unterrichten, allerdings auf einem niedrigeren Niveau. Darum werden spezielle Lehrerseminare eingerichtet, in denen sie einerseits ein großes Wissensspektrum lernen und anderseits auch pädagogisch ausgebildet werden. Trotz dieser umfangreichen Ausbildung genießen Volksschullehrerinnen und -lehrer weniger Ansehen als Lehrkräfte am Gymnasium – und werden wesentlich schlechter bezahlt.
Die Ausbildung zum Volksschullehrer ist bei aller Theorie eher praxisorientiert, besonders die musische Bildung:
„Also, man hat alle Lieder durchsingen und vorsingen müssen, die fürs 1. bis 4. Schuljahr waren. Orgelunterricht war Pflicht, eine Plage für manchen Unbegabten. Ich belegte dagegen freiwillig mehr Übungsstunden als vorgesehen.“
Diese Begeisterung für Musik prägt Albert Blums weiteres Leben. Bis ins hohe Alter ist er im Kirchenchor und als Organist tätig
Doch zurück zum Lehrerseminar: Erst nach fünf Jahren können dessen Mitglieder ihr Wissen auch praktisch anwenden, an der Übungsschule des Seminars.
„Ich empfand eine große Diskrepanz zwischen dem überwiegend darbietenden Unterricht, den die Mehrzahl der Lehrer im Seminar selbst praktizierten, und dem entwickelnden, veranschaulichenden Unterrichtsstil. Ich wollte mich mit den Schulkindern unterhalten, mit ihnen arbeiten und nicht bloß vorschwätzen die ganze Zeit.“
Im März 1926 legt Albert Blum die 1. Volksschuldienstprüfung mit der Note „gut“ ab.
„In der Lehrprobe mußte ich bei einem 2. Schuljahr der Seminarübungsschule das Lesestück „Wie eine Stieglitzmutter für ihre Kinder sorgte“ behandeln. Als wir vom Nest sprachen, meinte ein Schüler, die Vogelmutter dürfe zum Nestbau keine harten Strohhalme verwenden, die würden den Vogelkindern „ins Fiedle steche“. Bei diesem banalen Wort huschte ein Lächeln über das sonst strenge Gesicht des Prüfungsvorsitzenden.“
Zwar bestehen alle Lehramtskandidaten wie Albert Blum die Prüfung, doch gibt es wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage in den 1920er Jahren kaum freie Stellen für Junglehrerinnen und Junglehrer. Viele müssen sich eine Tätigkeit in einem anderen Beruf suchen.
06
Junglehrer in der Weimarer Republik
Albert Blum indes hat Glück, er erhält eine Stelle als Erziehungsgehilfe im Konradihaus in Schelklingen auf der Schwäbischen Alb. Hier sind Jugendliche zwischen 14 und 21 Jahren untergebracht, deren Eltern aus finanziellen oder anderen Gründen nicht selbst für ihre Kinder sorgen können. Der Dienst beginnt morgens um 5 Uhr und endet nicht vor 22 Uhr. Das Monatsgehalt beträgt nach Abrechnung von Kost, Wohnung und Steuern etwa 90 Mark.
„Schon damals wurde mir klar: Nicht die Jungen gehören in die Anstalt, sondern die Eltern, die ihre Erziehungspflicht ihren Kindern gegenüber gröblich verletzt haben. Eine Zeitlang hatten wir 220 junge Menschen beieinander, die alle beschäftigt und verköstigt sein wollten. Ich musste die Neuzugänge bei der Arbeit beobachten und dann dem Direktor den Beruf vorschlagen, für den sich der Betreffende eignet. In der Anstalt hatten wir eine Schreinerei, Schusterei, Buchbinderei, Gärtnerei und zwei landwirtschaftliche Güter zur Selbstversorgung. Meine Gruppe machte Perldecken. Die Glasperlen lieferte eine Stuttgarter Firma zentnerweise. Für die gefertigten Perldecken wurde ein minimaler Lohn bezahlt. Wir mußten ja froh sein, daß wir für die Ungelernten eine Beschäftigung hatten. Abends erteilte ich Fortbildungsunterricht in Deutsch und Rechnen. Ein Junge meinte: „Das ist gut, daß Sie uns das Rechnen lernen, da kann ich nun wenigsten meinen Lohn ausrechnen, den ich einmal bekomme, wenn ich aus der Anstalt entlassen bin.“
Ende der 1920er Jahre werden endlich wieder mehr Lehrkräfte eingestellt. Für Albert Blum beginnt nun ein Junglehrerleben, wie es typisch ist in den Jahren der Weimarer Republik. Die jungen Lehrerinnen und Lehrer werden als Vertretungen an die verschiedensten Schulen geschickt, wo sie oft nur kurze Zeit unterrichten und so kaum Gelegenheit haben, heimisch zu werden.
Zwischen November 1929 und Oktober 1933 besetzt Albert Blum sechs verschiedene Stellen. Zuerst unterrichtet er ein Jahr lang eine 5. Klasse in Tübingen. Er bezieht ein winziges Zimmerchen mit einem kleinen Ofen im Dachgeschoss des Hauses, in dem auch sein Rektor wohnt.
„Oh, hat’s mich gefroren. In der Folge begann eine Magen-Darmerkrankung, die mein Leben lang immer wieder auftrat.“
Danach geht es ins württembergische Münsingen, wo Albert Blum sieben Klassen in einer kleinen katholischen Volksschule betreut. Nebenan steht eine voll ausgebaute, bestens ausgerüstete evangelische Volksschule, doch in Württemberg sind die christlichen Schulen konfessionell getrennt. Das geht so weit, dass in Buchau die jüdischen Kinder zusammen mit den katholischen in eine Schule gehen - und die Evangelischen in eine andere.
„Ich habe mich damals schon gefragt: Wozu diese Trennung? Im Berufsleben ist doch auch alles zusammen.“
Im Januar 1931 wird Albert Blum an die Katholische Volksschule nach Reutlingen versetzt, wo er zwei Jahre bis zum April 1933 bleiben kann.
„Ich wurde in ein 4. Schuljahr eingewiesen. Die meisten Schüler sollten damals schon in die Realschule oder aufs Gymnasium. Gleich in den ersten paar Tagen kam eine Mutter und drohte mir: „Wehe Ihnen, wenn mein Bub die Aufnahmeprüfung in die Realschule nicht besteht!“
In dieser Zeit legt Blum seine zweite Dienstprüfung ab. Während der Vorbereitungszeit bedeutet das: Aufs Heimfahren verzichten und oft bis in die Nacht arbeiten. Die Prüfung findet in einer fremden Klasse in Stuttgart statt.
„Wie die Stockfische saßen die Schüler da. Als ich fertig war, hieß es: Sie können gehen“. Keine eigene Stellungnahme, kein Kommentar der Prüfungskommission. Das hat mir damals gar nicht gepaßt, diese Art und Weise!“
Doch die Prüfung wird als bestanden gewertet.
07
Lehrer während der nationalsozialistischen Diktatur 1933 - 1945
Im September 1933 erhält Albert Blum das Angebot, die Stelle als Leiter der privaten, kirchlichen Anstaltsschule der Piuspflege in Oggelsbeuren zu übernehmen, einem kleinen Dorf nordwestlich von Biberach. Schon einen Monat später tritt er seinen Dienst an. Die dort lebenden Jungen sind der Obhut der Eltern entzogen worden.
„Ich hielt dort Schule wie an jeder öffentlichen Volksschule. Das 1.-4. Schuljahr hatte eine Lehrschwester von Untermarchtal, Klasse 5-8 betreute ich. Jede Klasse zählte 50 Buben. Zum normalen Unterricht kam die Lernstunde jeden Schultag und die Aufsicht in der Freizeit. Ich war praktisch Tag und Nacht an das Haus gebunden, hatte auch keine Ferien.“
Die Nationalsozialisten stehen den kirchlichen Schulen ablehnend gegenüber. Das führt auch dazu, dass Blum erst 1937 zum „ständigen Lehrer“ ernannt wird. Später wird es Probleme bei der Frage geben, ob er in dieser Zeit beim Staat oder der katholischen Kirche angestellt war. Zunehmend werden von Seiten des NS-Staates die Lehrpläne bestimmt, an die sich Albert Blum nach eigener Aussage auch hält:
„Der Stoff, den ich bekommen habe, das war für mich gleichsam der Wegweiser fürs Dritte Reich. Das hat mir damals imponiert, die Art und Weise, der Bau der Reichsautobahn. Ja, habe ich gedacht, das ist doch was Feines, wenn man da so schön dahinfahren kann. Kein Gedanke, daß dahinter Vorbereitung für einen kommenden Krieg steckt. Ich weiß nicht, waren wir so erzogen oder war die Propaganda damals bereits so weit vorangeschritten, daß wir den Blick noch gar nicht gehabt haben für die weitere Zukunft. Wirklich wichtig für mich war jedoch die persönliche Beziehung zu meinen Schülern. Und ich muß sagen, die Buben, mit einem ganz großen Interesse habe die den Unterricht verfolgt. Ich weiß nicht, lag das an mir persönlich, weil ich das Vater-Kind-Verhältnis praktisch gehabt habe zu den Buben da.“
Albert Blum ist kein Mitglied der NSDAP. Er tritt aber der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und dem Nationalsozialistischen Lehrerbund bei:
„Das ist alles automatisch gegangen. Aber ich ging immer noch in die Kirche und spielte dort die Orgel. Die haben gegen die Kirche tun können, was sie wollten, das hat mich nicht geniert.“
Wie er zu den Jugendorganisationen der Nationalsozialisten steht? Albert Blum gründet für die Jungen der Anstaltsschule eine eigene Jungvolk- Gruppe, die er selbst anführt.
„Ich habe mir gesagt: Ich sehe es nicht ein, daß unsere Fürsorgezöglinge zeitlebens Buben zweiter Klasse sind. Mir sind sie genauso viel wert, wie die draußen im Dorf. Deshalb habe ich mich für die Gründung einer eigenen Jungvolkgruppe eingesetzt, unabhängig von der Gruppe im Dorf. Solange ich da war, wollte ich verfügen, was meinen Buben beigebracht wird, erzieherisch und auch allgemein weltanschaulich.“
Als der Kreisamtsleiter bemängelt, das „Führerbild“ gehöre in das Blickfeld des Schülers, nicht das Kruzifix, entgegnet Albert Blum:
„Nein! Die Schüler sehen den Führer genauso gut wie das Kreuz hier. Solange ich hier bin, bleibt das Kreuz hier hängen!“
Später verrät er, dass direkt nach dem Besuch des Kreisamtsleiters wieder die Heiligenbilder ihren Platz im Klassenzimmer eingenommen haben.
Die nationalsozialistische Partei nimmt auch durch politische Lehrgänge Einfluss. An solchen muss Albert Blum im Sommer 1936 und Januar 1939 teilnehmen. Sie sind fast militärisch organisiert, mit Wach- und anderen Diensten. Die nationalsozialistische Weltanschauung durchdringt alles, sogar die Unterhaltungen zwischen den Lehrern.
Obwohl Albert Blum sich bemüht, bei den Machthabern nicht anzuecken, wird er 1938 bei einer Tagung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes vom Kreisamtsleiter diffamiert – mit den Worten „Der Blum ist auch bei den Pfaffen angestellt.“
Blum ist innerlich tief getroffen. Er fühlt sich der katholischen Kirche sehr verbunden und empfindet die Bezeichnung eines Priesters als „Pfaffen“ als Herabsetzung seines persönlichen Glaubens.
08
Albert Blums Einberufung zum Kriegsdienst
Bereits kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs erhält Albert Blum am 26. August 1939 seine Einberufung als Soldat:
„Die Schulstube vertauschte ich mit der Schreibstube des Pionier Brücken-Bau-Bataillons 552. Meine Waffe war die Schreibmaschine; mit ihr schrieb ich die Bataillonsbefehle und schriftlichen Arbeiten aus der Personalabteilung II ab.“
Während des gesamten Krieges arbeitet er in der Schreibstube, in Frankreich, Rumänien, der Ukraine, Ungarn, Bulgarien und Südrussland. Albert Blum ist mit einer längeren Krankheitsunterbrechung insgesamt sechs Jahre in der Wehrmacht tätig. Aus dieser Zeit liegen nur wenige Fotos und Dokumente vor. Welche Aufgaben er genau in dieser Zeit hat und ob und inwiefern er an den Verbrechen der Wehrmacht beteiligt ist, lässt sich nicht mehr feststellen.
Beim Rückzug gerät er in Österreich im Mai 1945 in us-amerikanische Kriegsgefangenschaft, wird aber bereits im Juli wieder freigelassen.
09
Lehrermangel nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Zweiten Weltkrieg herrscht extremer Lehrermangel. Viele Lehrer sind im Krieg gefallen - oder dürfen nicht mehr unterrichten, da sie sich politisch für den Nationalsozialismus eingesetzt haben. Die Alliierten wollen unbedingt verhindern, dass das Gedankengut des NS-Regimes an die Kinder weitergegeben wird. Darum urteilen Schiedsgerichte darüber, ob es sich bei den einzelnen Lehrkräften um überzeugte Nationalsozialisten handelt oder um Mitläuferinnen und Mitläufer. Letztere dürfen ab 1947, nach Tilgung ihrer Strafe, in den Schuldienst zurückkehren.
Albert Blum wird als „unbelastet“ eingestuft und kann nach dem Krieg sogleich wieder ins Lehramt einsteigen. Dabei ist in der Nachkriegszeit viel Improvisation gefragt: Die wenigen Lehrkräfte müssen oft über 100 Kinder gleichzeitig unterrichten, sämtliche Schulbücher aus der Zeit des Nationalsozialismus sind verboten und auch an Unterrichtsmaterialien herrscht großer Mangel
Albert Blum schreibt im Oktober 1947, zwei Jahre nach Kriegsende, an einen Lehrerkollegen:
„Wir bekommen hier so gut wie nichts. Keine Tafeln, Griffel, Hefte, Federn, Bleistifte usw. An Schulbüchern haben wir bis jetzt die Fibel und das Lesebuch für die Schuljahre 2 bis 5. Für jedes Kind habe ich bis jetzt 2 Hefte zugewiesen bekommen.“
Neue Lehrkräfte werden dringend benötigt. Und so nimmt Albert Blum in den Herbstferien 1946 an einem fünftägigen Kurs in Tübingen teil, der ihn dazu befähigt, Laienlehrerinnen und -lehrer auszubilden. Im Oktober 1946 wird ihm ein „Nichtlehrer“ als Hospitanten zur Ausbildung zugeteilt, der im Januar 1947 als Laienlehrer angestellt wird. Damit hat Blum wenigstens ein bisschen Unterstützung. Der Religionsunterricht wird weiterhin vom Ortspfarrer und der Handarbeitsunterricht von einer Lehrerin erteilt.
10
Hauptlehrer in Berg bei Friedrichshafen
In seiner Heimatgemeinde Königseggwald herrschen ähnliche Verhältnisse. Über 130 Kinder sitzen in einer Klasse. Die Gemeinde beantragt daraufhin 1946 eine zweite Lehrerstelle und richtet ein zusätzliches Schulzimmer ein. Obwohl Albert Blum die Chance hat, als Rektor nach Altshausen zu wechseln, übernimmt er diese zweite Lehrerstelle in Königseggwald. Vor allem, um seine inzwischen zur Witwe gewordene Mutter unterstützen zu können. Als der Inhaber der ersten Lehrerstelle im Herbst 1951 versetzt wird, geht Albert Blum davon aus, dass er dessen Posten und auch die dazugehörige Dienstwohnung übernehmen kann. Dank persönlicher Beziehungen zum Bürgermeister soll jedoch beides ein jüngerer Kollege erhalten. Das veranlasst Albert Blum, sich nach einem neuen Wirkungsfeld umzusehen.
Im Mai 1955 wird er zuerst kommissarisch und dann endgültig Lehrer und Rektor der Volksschule Berg bei Friedrichshafen.
„Im Gegensatz zu Königseggwald war mein Wirken als Haupt- bzw. Oberlehrer in Berg bei Friedrichshafen umso erfreulicher. Über 22 Jahre wohnte ich in dem herrlich gelegenen Schulhaus mit Blick über Friedrichshafen, den Bodensee, hinüber in die Schweiz zum Säntis und den Schweizer Bergen. Höhepunkte im Berger Schulleben waren die Schulausflüge, die internen Weihnachtsspiele, der Briefwechsel mit der Schule in Berg bei Neu-Ulm und mit unserer ehemaligen Mitschülerin Kirsten Staub in Saltsjörbaden in Schweden, sowie die Geburtstagsfeier des 100-jährigen Rektors Anton Schmid in Martinsheim Berg am 24. Juni 1964.“
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung in der Bundesrepublik werden auch die Schulen besser ausgestattet, sodass Albert Blum 1959 an einen Freund schreiben kann:
„Dank dem Entgegenkommen des Herrn Bürgermeisters habe ich jetzt die wichtigsten Lehrmittel für den Unterricht beisammen und kann so nach modernen Grundsätzen unterrichten. Ausgezeichnet sind unsere Schulfilme. Mein Apparat funktioniert immer tadellos. Die Auswahl an Unterrichtsfilmen ist sehr groß; ich möchte den Schulfilm im Unterricht nicht mehr missen.“
Berg ist damals noch eine zweiklassige Volksschule, in der Albert Blum die Oberschülerinnen und Oberschüler von der fünften bis zur achten Klasse unterrichtet. Alle sitzen gemeinsam in einem Klassenzimmer. Im zweiten Klassenraum wird die Unterstufe von den Klassen 1 bis 4 zusammen beschult. Noch komplizierter wird die Lage, wenn ein Lehrer länger erkrankt, wie Blums Bericht Ende Dezember 1960 an einen Lehrerkollegen zeigt:
„Seit Oktober bin ich mit meinen 75 Schülern allein. Du kannst dir den Unterricht in 2 Schulsälen ja vorstellen: das reinste Katz- und Mausspiel. Ich war vor Weihnachten restlos erledigt. Die Sache wäre verhältnismäßig einfach, wenn ich alle Schüler in 1 Raum hätte und die Unruhestifter und Faulenzer wie früher strafen dürfte. Heute darf man ja keinen mehr anrühren und nicht einmal ein gestrenges Wörtlein wagen...“
Albert Blum hat jedoch nach eigenem Bekunden im Laufe seiner Karriere gelernt, milder mit den Kindern umzugehen:
„Zunächst war ich sehr streng. Das war noch die Überlieferung. Heute bedauere ich diese Haltung. Im Laufe meiner Berufsjahre wurde ich zu einem eher gütigen „Herr Oberlehrer“, der für seine großzügige Notengebung bekannt war.“
Im Rahmen der Schulreform verlegt man die Klassenstufen 5 bis 8 in das nahegelegene Ailingen. Dort wird jeder Jahrgang einzeln unterrichtet, was einen weitaus effektiveren Unterricht ermöglicht. Die Grundschule in Berg wird in zwei Klassen aufgeteilt, und auch hier besteht die Überlegung, sie nach Ailingen zu verlegen. Albert Blum stellt sich deutlich gegen diese Pläne und will verhindern, dass bereits die kleinen Schulkinder Bus fahren müssen.
Mit der Unterstützung der Eltern bestreitet er diesen Kampf erfolgreich – und so besteht die Grundschule in Berg heute noch, wenn auch seit 2019 in einem Neubau, dem Bildungshaus Berg. Hier arbeiten Grundschule und Kindergarten unter einem Dach kooperativ zusammen. Das alte denkmalgeschützte Schulhaus steht aber weiterhin.
11
Ruhestand und Erinnerungen
Eigentlich könnte Albert Blum im Sommer 1970 in den Ruhestand gehen, doch der Lehrkräftemangel und die Freude an seinem Beruf veranlassen ihn, seine Dienste weiter zur Verfügung zu stellen. Weitere sechs Jahre unterrichtet er noch und geht erst 1976 in Ruhestand.
Rückblickend charakterisiert er sein Lehrerdasein:
„Ich habe praktisch jede Minute für die Kinder geopfert. Für mich war das ein gegenseitiges Geben und Nehmen, ein Schaffen, sodass ich die Arbeit gar nicht als Arbeit empfunden habe. Der Beruf eines Dorfschullehrers hat mein Leben vollständig ausgefüllt. Wenn ich wieder auf die Welt käme und man würde mich fragen: „Was willst du werden?“. Voll Freude würde ich rufen: ‚Ein Dorfschul-Meister!‘“
Ehemalige Schülerinnen und Schüler erinnern sich in diesen Interviews an ihre Schulzeit unter Albert Blum.
Das Video mit Untertiteln finden Sie unter: https://www.youtube.com/watch?v=m1bwgUYrrxw
Begriffserklärungen
Tatzen: Schläge auf die Handfläche
Hosenspanner: Schläge auf das Gesäß