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Drucksteine erzählen

Die Geschichte der Brüder Gerson und ihrer Steindruckerei Paul Pittius

Eine virtuelle Ausstellung von

Drucksteine erzählen

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Das Deutsche Technikmuseum in Berlin erwarb 2017 eine historische Steindruckwerkstatt mit einer Druckpresse, verschiedensten Arbeitsmaterialien und fast hundert Lithografiesteinen. Einige dieser Steine haben eine besondere Geschichte. Sie gehörten einst der Steindruckerei und Luxuskartenfabrik Paul Pittius in Berlin, deren Eigentümer Martin und Julius Gerson als Juden im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Die Ausstellung folgt dem Weg der Steine zurück in die Zeit, erzählt die Geschichte der Druckerei und erinnert an das Schicksal der beiden Brüder. Sie ist das Ergebnis der Provenienzforschung am Deutschen Technikmuseum und entstand gemeinsam mit den Familien der ehemaligen Eigentümer.

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Provenienzforschung im Deutschen Technikmuseum

Was ist Provenienzforschung?

Provenienzforschung beschäftigt sich mit der Herkunft der Objekte im Museum und der Geschichte ihrer früheren Eigentümer*innen. Ziel ist es, im Nationalsozialismus geraubte Kulturgüter zu identifizieren und gemeinsam mit den Erb*innen eine faire und gerechte Lösung zu finden.

Im Zentrum der Provenienzforschung standen in der Vergangenheit hauptsächlich Gemälde und Kunstsammlungen. Doch es waren nicht nur Kunstwerke, die das NS-Regime den meist jüdischen Verfolgten raubte oder auf andere Weise entzog, sondern ebenso auch Radios, Schreibmaschinen, Fahrräder und Fotoapparate sowie ganze Unternehmen samt Maschinen. Diese digitale Ausstellung möchte zeigen, dass sich auch solche Gegenstände heute in Museen befinden und die Erforschung ihrer Herkunft möglich und notwendig ist.

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Drei Drucksteine mit Botschaft

"Nicht sehr viel Zeit mehr, um noch was zu retten..."

Die Drucksteine kamen mit der 2017 von Dietmar Liebsch übernommenen Lithografiewerkstatt ins Museum. Er hatte diese unter großen Mühen in der DDR aufgebaut und sie seit 1972 gemeinsam mit seiner Frau, der Lithografin Helga Liebsch betrieben. Vor dem ehemaligen Standort der Firma Paul Pittius in der Köpenicker Straße 110 in Berlin-Mitte erzählt er, wie er an den Grundstock seiner Werkstatt gelangte. 1964 sollte die Druckerei Pittius geschlossen und das Gebäude abgerissen werden. Helga Liebsch war bei Pittius beschäftigt und erfuhr, dass auch die Maschinen, Arbeitsmaterialien und Steine entsorgt werden sollten. Dietmar Liebsch erwarb daraufhin Teile der Ausstattung für 50 Ostmark beim Konkursverwalter und lagerte alles ein. So begann die Geschichte seiner Werkstatt und endete die Geschichte der einst bedeutenden Steindruckerei Paul Pittius.

Ausschnitt aus dem Interview mit dem Lithografen und Offset-Drucker Dietmar Liebsch, Minute 33:23-34:27

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Die Steindruckerei und Luxuskartenfabrik Paul Pittius

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Die Eigentümer der Firma Paul Pittius: Julius und Martin Gerson

Paul Otto Hermann Pittius und Albert Wolff gründeten 1899 die Firma Paul Pittius. 1904 schied der Gründer Paul Pittius aus, das Unternehmen behielt allerdings seinen Namen. Zur gleichen Zeit stiegen die Brüder Julius und Martin Gerson in das Geschäft ein und führten es seit 1919 als offene Handelsgesellschaft – Julius als kaufmännischer, Martin als technischer Leiter. Julius Gerson wurde 1868 in Frankfurt/Oder als Sohn eines Getreidehändlers geboren, sein jüngerer Bruder Martin kam dort 1871 zur Welt. Gemeinsam zogen sie um 1900 nach Berlin und gründeten hier zunächst mit ihrem Bruder Georg einen Getreidegroßhandel, bevor sie die Firma Paul Pittius übernahmen.

Julius und Martin Gerson waren beide politisch aktiv. Julius war seit 1898 SPD-Mitglied, ab 1917 dann in der USPD und im Spartakusbund. Beide gehörten dem „Bund Neues Vaterland“ an, der bedeutendsten pazifistischen Vereinigung während des Ersten Weltkriegs, die 1914 gegründet und 1916 verboten wurde. Während dieser Zeit wurden ihre beiden Wohnhäuser in Berlin-Dahlem zu einem Treffpunkt des sozialdemokratischen und sozialistischen Berlins: Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, Franz Mehring oder Hugo Haase gehörten zum Freundeskreis. Sie dürften zudem den Druck von pazifistischen Flugschriften finanziert und wahrscheinlich auch organisiert haben und gerieten darum in das Visier der politischen Polizei. 1918 wurde Julius wurde deswegen angeklagt, letztendlich aber freigesprochen.
Als Mitglieder des mittlerweile in „Deutsche Liga für Menschenrechte“ umbenannten pazifistischen Bundes, blieben die beiden Brüder auch nach dem Ersten Weltkrieg ihren Überzeugungen treu. Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 waren sie als Juden und politische Gegner des Nationalsozialismus besonderer Gefahr ausgesetzt.

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Das Schicksal der Gersons und ihres Unternehmens nach 1933

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NS-Raubgut im Museum

Faire und gerechte Lösung

Julius und Martin Gerson wurden nach 1933 als Juden und politische Gegner des Nationalsozialismus verfolgt und mussten ihr Unternehmen unter Zwang veräußern. Daher sind die Drucksteine, die sich heute im Deutschen Technikmuseum befinden, als NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut - kurz NS-Raubgut - zu betrachten. Nach Maßgabe der 1998 formulierten Washingtoner Prinzipien soll NS-Raubgut an die Beraubten oder deren Erb*innen zurückgegeben oder mit diesen gemeinsam eine andere faire und gerechte Lösung gefunden werden.

Nachdem das Deutsche Technikmuseum den Fund der Drucksteine publizierte, traten Angehörige der Gersons mit dem Museum in Kontakt - zunächst um sich über die völlig vergessene Geschichte der Firma Paul Pittius zu erkundigen. Durch gemeinsame Recherchen konnte mehr zu dem Unternehmen und insbesondere zum Schicksal der Brüder Gerson in Erfahrung gebracht werden. Mit Miki Marcu, der Enkelin und Erbin von Julius Gerson, wurde anschließend die Frage nach dem weiteren Umgang mit den Drucksteinen erörtert. Sie entschied, dass diese im Deutschen Technikmuseum verbleiben dürfen und eine Ausstellungstafel an Martin und Julius Gerson und die Steindruckerei Paul Pittius erinnern soll.

Am 23. März 2023 wurde auf Initiative der Familie ein Stolperstein für Julius Gerson vor dem Haus Im Dol 23 in Berlin-Dahlem verlegt. An Martin Gerson erinnert seit 2016 ein Stolperstein vor dem Haus Hohenzollerndamm 35 a.

Epilog oder was diese Ausstellung nicht erzählt

Diese Ausstellung hat sich darauf beschränkt, der Herkunft der Drucksteine zu folgen und an die Geschichte ihrer Eigentümer, der Brüder Julius und Martin Gerson zu erinnern. Sie erzählt aber viele weitere Geschichten nicht. So ließ sie die acht Geschwister der Gersons unerwähnt, von denen zwei im Nationalsozialismus deportiert und ermordet wurden und ein Bruder im Untergrund überlebte.

Sie erzählt auch nicht die Geschichte ihrer Familien. Die Kinder der Gersons verließen Deutschland unmittelbar nach Machtantritt der Nationalsozialisten. Martins Tochter Susi und seine Ehefrau Rosa wurde 1940 ins französische Internierungslager Gurs verschleppt. Nach ihrer Freilassung wenige Monate später heiratete Susi den Künstler Alberto Magnelli, einen bedeutenden Vertreter der abstrakten Malerei. Als das Departement 1943 von Deutschen Truppen besetzt wurde, wurden Susi und Rosa von Bekannten versteckt, bevor sie dann mit falschen Pässen in Paris untertauchten, wo sie 1944 befreit wurden. Julius Sohn Heinz wanderte zunächst nach Palästina aus und trat dann der britischen Armee bei. Im November 1945 kam er als Soldat nach Berlin und machte sich hier auf die Suche nach überlebenden Familienmitgliedern. Julius Tochter Eva, die nach dem Krieg als Philologin arbeitete, ihr Mann, der Schriftsteller und Historiker Valeriu Marcu und die gemeinsame Tochter flohen mit Hilfe des Rettungsnetzwerks des US-Amerikaners Varian Fry in die USA.

Die Ausstellung ging auch nicht auf die Rolle der beiden langjährigen Mitarbeiter der Steindruckerei Paul Pittius ein, die das Unternehmen ab 1936 übernahmen und dabei halfen, Vermögenswerte der Gersons vor dem Zugriff des Staates in Sicherheit zu bringen. Nach 1945 unterstützte Philipp Kühnlein nicht nur die überlebenden Familienmitglieder der Gersons finanziell, sondern vertrat auch ihre Angelegenheiten vor verschiedenen Wiedergutmachungsämtern.

Die Ausstellungsmacher*innen hoffen, dass andere diese bisher unerzählten Geschichten aufgreifen und weitererzählen.  

Danksagungen

An erster Stelle danken wir Miki Marcu, der Enkelin von Julius Gerson. Ihre Bereitschaft, die Lithografiesteine im Museum zu belassen, gibt uns die Möglichkeit mit den originalen Steinen an Julius und Martin Gerson zu erinnern.

Unser besonderer Dank gilt Angelika Lemke, die mit uns gemeinsam die Geschichte von Julius und Martin Gerson erforschte und die Erstellung dieser Ausstellung begleitete. Sie hat nicht nur den Kontakt zur Erbin vermittelt, sondern ihre eigenen Recherchen und umfangreiches Material aus Familienbesitz beigesteuert.

Danke an Norbert Nicking und Familie für die Gespräche über die Familiengeschichte und die Zustimmung, davon in dieser Ausstellung berichten zu dürfen.

Danke an Philip Kochman und die Familie von Philipp Kühnlein für die Materialen zur Firma Paul Pittius, mit denen der Arbeitsalltag bei Paul Pittius gezeigt und mit deren Hilfe weitere Steine identifiziert werden konnten.

Diese Ausstellung enstand im Rahmen des vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Projekts "Identifizierung von NS-Raubgut in den zwischen 1982 und 1989 inventarisierten Beständen des Deutschen Technikmuseums".