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Alfred Auerbach (1923-2006) – eine Lebensgeschichte

Ausstellung zum hundertsten Geburtstag eines Zeitzeugen

Eine virtuelle Ausstellung von

Alfred Auerbach bei einem Besuch im Rathaus der Stadt Telgte.
Anlässlich des hundertsten Geburtstages von Alfred Auerbach am 20. April 2023 soll mit dieser virtuellen Ausstellung auf das Leben und Wirken eines Zeitzeugen zurückgeblickt werden. Die gezeigten, größtenteils im Stadtarchiv verwahrten Archivalien, dokumentieren Auerbachs Leben in Telgte, den Verlust seiner gesamten Familie sowie seine Auswanderung nach Palästina in der NS-Zeit, und sein späteres Engagement, über das Unaussprechliche zu berichten.

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Das Leben in Telgte bis 1939

Alfred Auerbach, Sohn von Jakob und Jeanette Auerbach, wuchs mit seinen zwei Brüdern Erich und Kurt und seiner Tante Fanny, der unverheirateten Schwester des Vaters, in einem Haus in der Steinstraße in Telgte auf.  Auf dem Foto zu sehen sind v. l. Erich, Jakob, Kurt, Jeanette, Alfred und Fanny.

Alfred wird der einzige Überlebende seiner Familie sein. 

Im Jahr 1933 ergriffen die Nationalsozialisten, mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler, die Macht in Deutschland. Bereits kurze Zeit später positionierten sich die ersten SA-Mitglieder vor dem Geschäft Jakob Auerbachs und verwehrten Kunden den Zutritt. Die Einnahmen gingen immer weiter zurück, die Familie musste Ausgrenzung und Anfeindungen erleben. 

Interviewausschnitt, Alfred Auerbach berichtet
Für Alfred war die Schulzeit 1937 mit 14 Jahren beendet. Aufgrund seines jüdischen Glaubens fand er keinen Ausbildungsplatz.  Alfred war gezwungen, eine Arbeit anzunehmen und musste aufgrund des fehlenden Abschlusses Hilfsarbeiten im Tief- und Straßenbau verrichten, die mit schwerer körperlicher Arbeit verbunden waren. Er war am Brückenbau in Hiltrup, bei der Überführung des Kanals über die Ems bei Greven, bei der Pflasterung des münsterischen Domplatzes und bei Bauarbeiten an der Warendorfer Straße in Münster beteiligt. Oft war er abends so erschöpft, dass er es kaum mehr schaffte, mit dem Rad nach Hause zu fahren. Alfred ist auf dem Klassenfoto der katholischen Volksschule in der 3. Reihe als 4. v.l. zu sehen. 

Die Novemberpogrome im Jahr 1938 markierten einen weiteren Umbruch im Leben der Familie. Die Synagoge in Telgte wurde völlig zerstört. Das Geschäft von Jakob Auerbach wurde verwüstet und geplündert, das Haus durchsucht.

Schließlich musste Jakob Auerbach sein Geschäft aufgeben und seinen gesamten Besitz zwangsverkaufen. Das Geld kam auf ein Sperrkonto, sodass die Familie mittelos wurde.

Zu sehen ist in der oberen linken Bildhälfte der Turm der Telgter Synagoge vor ihrer Zerstörung.

02
Auswanderung

Während sich die Lage für die Familie Auerbach in Telgte immer weiter verschärfte, erhielt Alfred die Gelegenheit, die zionistische Hachschara-Einrichtung Schniebinchen in der Niederlausitz zu besuchen. Hier konnten jüdische Jugendliche eine Ausbildung absolvieren, die auf die Auswanderung nach Palästina vorbereitete. 

Die Ausbildungseinrichtungen bereiteten vor allem auf land- und hauswirtschaftliche sowie handwerkliche Fertigkeiten für das Leben in Palästina vor. Daneben wurde modernes Hebräisch gelernt. Außerdem bemühte sich die Organisation darum, den Teilnehmenden Visa für das damalige Palästina zu besorgen. Die Einwanderungspolitik der britischen Mandatsregierung war streng.

Alfred Auerbach in der Hachschara-Einrichtung Schniebinchen (Niederlausitz).
Steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung Alfred Auerbach.

Zur Bewilligung eines Ausreiseantrages musste zunächst eine steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung eingeholt und nachgewiesen werden, dass keine Vorstrafen vorlagen.

Nachdem Alfred am 31. Juli 1939 bescheinigt worden war, ohne Steuerschulden zu sein und auch das Visum vorlag, stand seiner Auswanderung nach Palästina nichts mehr im Wege. Als jüdischer Emigrant durfte er nicht mehr als zehn Reichsmark mitnehmen.

In den städtischen Akten wurde Alfreds Ausreise dokumentiert. Seinen beiden Großcousinen, Ilse und Margot Auerbach, gelang die Ausreise in die USA. 

Nach dem Fortgang Alfreds bekundete auch der Rest seiner Familie den Wunsch, Deutschland zu verlassen. Auch Jakobs Cousin, Hermann Auerbach, wollte mit seiner Ehefrau zu den Töchtern Ilse und Margot in die USA emigrieren. 

Zu einer Auswanderung kam es jedoch bei beiden Familien nicht mehr. Alfred hatte Deutschland im letzten Moment verlassen können: Von Oktober 1939 bis April 1940 verhängten die Briten eine Einwanderungssperre nach Palästina, und auch die Ausreise nach Amerika war nicht mehr möglich.

Die meisten Länder verhängten von Beginn an sehr strenge Einreisebestimmungen, was eine Ausreise deutlich erschwerte und vielen Ausreisewilligen zum Verhängnis wurde. Das 1941 von den Nationalsozialisten beschlossene Ausreiseverbot für Jüdinnen und Juden machte eine Auswanderung schließlich unmöglich.

Ausreisebemühungen der Familien Auerbach.
Nachweisung über den Wegzug der Familie Auerbach.

Nachdem die Auerbachs den Repressionen in Telgte nicht mehr standhalten konnten und sogar die Obdachlosigkeit drohte, zog die Familie nach Wuppertal zu Verwandten. 

Nach dem Fortgang der Familie erklärte der Telgter Bürgermeister die Stadt für "judenfrei".

Am 26.10.1941 wurden Jakob, Fanny und Kurt Auerbach von Wuppertal aus ins Ghetto Litzmannstadt deportiert. Erich Auerbach wurde aus einer Hachschara-Einrichtung bei Paderborn nach Auschwitz deportiert.

Jakob Auerbach starb am 25. Mai 1942 im Ghetto Litzmannstadt.

Fanny Auerbach starb am 8. August 1942 im Ghetto Litzmannstadt.

Kurt Auerbach starb 1942 auf dem Weg in ein weiteres Vernichtungslager.

Erich Auerbach starb 1945 auf einem Todesmarsch, kurz vor der Befreiung durch die Alliierten.

Während des Krieges hatte Alfred keinerlei Kontakt zu seiner Familie und keine Informationen über deren Verbleib. 1941 erreichte ihn eine Rot-Kreuz-Karte mit der Nachricht des Todes seiner Mutter, die bereits 1940 an den Folgen der Strapazen und der Unterdrückung durch das NS-Regime in einem Krankenhaus in Münster gestorben war. Erst nach dem Krieg erfuhr Alfred von der Ermordung seiner restlichen Familienmitglieder. 

2004 wurden fünf Stolpersteine als Andenken an die Familie Auerbach vor ihrem Haus in der Steinstraße verlegt. Klara Auerbach war 1939 zu ihrem Bruder Jakob nach Telgte gezogen.

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Palästina

Alfred fand Arbeit und Unterkunft bei einer jüdischen Familie in einer bäuerlichen Siedlung, einem Moshav, in Kfar Chajim

Neben Arbeiten im Stall und auf dem Feld, lernte Alfred die ihm bisher fremde Sprache Hebräisch. 

Sein Vorname wurde geändert; Alfred hieß jetzt Efraim.

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Besuche in Telgte

Ich war 1962 in den USA, um meine Verwandten mütterlicherseits zu besuchen. Von der Bundesrepublik Deutschland habe ich ein Visum zur Durchreise für zwei Tage bekommen. Da bin ich zum ersten Mal seit meiner Auswanderung vor 23 Jahren nach Telgte gekommen. Ich habe zuerst den Friedhof besucht, aber alle Gräber meiner Familie waren verschwunden [...]. In Telgte übernachten, das konnte ich nicht.

Alfred Auerbach, StA Telgte, Best. E, Nr. 75

1973 und 1978 unternahm Alfred Auerbach weitere Reisen in die BRD. Unter anderem, um auf dem jüdischen Friedhof in Münster nach dem Grab seiner Mutter zu suchen. Beide Male blieb die Suche erfolglos.  Erst 1994 wurde das Grab gefunden. 
Dora und Alfred Auerbach am Grab von Jeanette Auerbach auf dem jüdischen Friedhof in Münster.

Ich komme jetzt gerne wieder nach Telgte, aber es ist auch schwer für mich zu kommen, weil immer wieder die schlechten Erinnerungen zurückkommen. 

Alfred Auerbach, StA Telgte, Best. E, Nr. 75