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Marathon statt Sprint

Der lange Weg zum Kreishaus Gütersloh

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Der lange Weg zum Kreishaus Gütersloh

Zum 1. Januar 1973 wird der Kreis Gütersloh aus den Kreisen Halle (Westf.) und Wiedenbrück sowie der Stadt Harsewinkel und der Gemeinde Schloß Holte-Stukenbrock gebildet. Damit müssen auch zwei Kreisverwaltungen zu einer verschmolzen werden. Die Verwaltungsleitung mit dem Oberkreisdirektor sitzt nunmehr in Wiedenbrück auf dem Reckenberg. Die Kreisverwaltung selbst ist in den drei Städten Rheda-Wiedenbrück, Halle (Westf.) und Gütersloh auf neun Standorte verteilt. Dies entspricht keineswegs den Anforderungen an eine moderne und effiziente Verwaltung. Zudem legt das sog. Bielefeld-Gesetz, das die Gründung des Kreises Gütersloh geregelt hat, unmissverständlich fest: „Sitz der Kreisverwaltung ist die Stadt Gütersloh“. Für die Verantwortlichen besteht also Handlungsbedarf, ein Kreishaus in Gütersloh zu errichten! Es entwickelt sich ein Auf und Ab mit vielen Diskussionen. 25 Jahre werden Planung und Bau des Kreishauses schließlich benötigen.

… wir wissen aus Erfahrung, wie lange ein Kreishausbau dauern kann

Hans Schwier, Fraktionssprecher der SPD im Kreistag Halle (Westf.), bereits am 9. März 1971 in einer Kreistagssitzung

1972 │ Beginn der Planungen

Handlungsbedarf erkennt Hans Scheele, Oberkreisdirektor des Kreises Wiedenbrück, bereits zu einem Zeitpunkt, als der Kreis Gütersloh offiziell das Licht der Welt noch gar nicht erblickt hat. Er stellt im Mai 1972 beim Innenminister des Landes NRW einen Antrag auf Einplanung von Landeszuschüssen für einen Kreishausneubau in Gütersloh. Nur so könne es gelingen, den erforderlichen Neubau eines Kreishauses möglichst schnell zu verwirklichen.

Die Gütersloher gehen noch einen Schritt weiter und machen sich schon Gedanken über den Standort des neuen Kreishauses. Ein Zeitungsleser des Westfalen-Blatts schlägt das Industrieareal südlich der Sundernstraße im östlichen Gütersloh vor. Hier könne eine Gruppe von Verwaltungshochhäusern mit Tiefgaragen und großzügigen Grünanlagen errichtet werden. Die Grünanlagen würden den Ruf der "Gartenstadt Gütersloh" weiterhin garantieren, während die Hochhäuser Gütersloh ein großstädtisches Gepräge verleihen können.

1974-1976 │ 18 Grundstücke zur Auswahl

Nur ein Jahr nach Gründung des Kreises Gütersloh stellt die Kreisverwaltung erste Überlegungen zum Standort des neuen Kreishauses an. Er soll über eine gute Anbindung an den öffentlichen Personennahverkehr verfügen und schnell über Hauptverkehrsstraßen erreichbar sein. Auf Basis dieser Überlegungen beginnt die Kreisverwaltung mit der Grundstückssuche. Insgesamt 18 Grundstücke ermittelt sie als mögliche Standorte für das neue Kreishaus.

Landrat Paul Lakämper und Oberkreisdirektor Dr. Werner Sturzenhecker gehen 1976 davon aus, dass noch in diesem Jahr über den Standort entschieden wird. Allerdings legt der Kreis in den ersten Jahren sein Hauptaugenmerk erst einmal auf Bauprojekte im Bildungs- und Sozialbereich.

1979 │ Entscheidung für einen Standort

1979 ist dann das Jahr der Entscheidung für einen Standort. Von den ursprünglich 18 Grundstücken stehen nur noch drei zur Auswahl. Es handelt es sich um Flächen an der Herzebrocker Straße und an der B 61 / Pavenstädter Weg sowie um das ehemalige Grundstück Niemöller & Lütgert an der Hohenzollernstraße. Letzteres bevorzugt die Stadt Gütersloh zur Belebung der Innenstadt.

Der Oberkreisdirektor kann dieser Argumentation jedoch nicht folgen. Ganz im Gegenteil: Er vertritt die Auffassung, dass derartige Verwaltungsgebäude außerhalb der Dienst- und Geschäftszeiten das Stadtbild veröden. Er empfiehlt dem Kreistag daher das Grundstück an der Herzebrocker Straße als neuen Standort für das Kreishaus. Der Kreistag folgt dieser Argumentation und entscheidet sich im Juni 1979 mit großer Mehrheit für den Standort an der Herzebrocker Straße. Damit sind die Weichen gestellt. Doch zwei Streitpunkte verhindern einen
zeitnahen Beginn der Bauarbeiten am Kreishaus.

1979-1980 │ Heftiges Tauziehen zwischen Stadt und Kreis

Ein Streitpunkt betrifft den Standort des Kreishauses und führt zu einem heftigen Tauziehen zwischen Stadt und Kreis. Denn die Stadt hält an ihrem Wunsch fest, das neue Kreishaus auf dem ehemaligen Gelände „Niemöller & Lütgert“ anzusiedeln. Gleichzeitig beharrt der Kreis auf seinem Wunsch, an der Herzebrocker Straße zu bauen. Hierfür ist jedoch die Zustimmung des Gütersloher Stadtrates nötig, die dieser verweigert.

Erst Ende 1980 bahnt sich eine Lösung des Streits an. Nach Druck vom Regierungspräsidenten und vom Innenminister beugt sich der Gütersloher Rat „mehrheitlich, wenn auch zähneknirschend“ den Wünschen des Kreises. Damit ist der Weg frei. Kritisch kommentiert von den Zeitungen: „So einfach ist das also. Da braucht der Oberkreisdirektor nur drohend den Zeigefinger erheben […] und schon kuscht ein ganzer Stadtrat“. (Westfalen-Blatt vom 29.11.1980)

1979-1980 │ Zentral oder Dezentral?

Ein weiterer Konflikt bremst den Start für einen Kreishausneubau. Kurz vor der endgültigen Entscheidung zugunsten eines Standortes hat der Oberkreisdirektor dargelegt, dass er möglichst alle Dienststellen der Kreisverwaltung im Kreishaus unterbringen wolle, also eine zentralisierte Verwaltung anstrebt. Neben wirtschaftlichen Erwägungen für eine effiziente Verwaltung spricht aus seiner Sicht vor allem die geringe durchschnittliche Besuchshäufigkeit durch die Kreiseinwohner für diese Lösung.

Der Vorschlag des Oberkreisdirektors stößt nicht nur auf Gegenliebe in der Politik. Der Fraktionschef der SPD im Kreistag, Herbert Zachau, etwa lehnt eine „rigorose Zentralisierung“ ab. Die Kreisverwaltung in Gütersloh brauche nicht alle Ämter und Institutionen wie Polizei, Kfz-Zulassungsstelle und Rettungsdienst in einem Komplex vereinen. Er plädiert für starke Nebenstellen, schließlich stehe man bei den Politikern in Halle (West.) und Wiedenbrück im Wort.

1981 │ Grundstückskauf: Es geht voran

1981 kommt noch einmal deutlich Schwung in die Sache. Das gewünschte Grundstück an der Herzebrocker Straße kann in diesem Jahr schließlich erworben werden. Um in den Planungen voranzukommen, legt der Oberkreisdirektor unmittelbar danach ein Raumprogramm vor. Das neue Kreishaus soll knapp 600 Mitarbeiterplätze und einen parlamentarischen Trakt mit Sitzungssaal und Besprechungsräumen aufnehmen. In Halle (Westf.) und Rheda-Wiedenbrück sollen nur noch kleinere Auskunftsstellen bestehen bleiben.

Kritik an den Plänen kommt aus der Politik und der Bevölkerung. Die Kreisverbände der CDU und der FDP fordern eine stärker dezentralisierte Kreisverwaltung. Auch viele Zeitungsleser äußern sich ablehnend: „Die Bürger wollen keine Mammutverwaltungen, sie wollen eine bürgernahe und überschaubare Bürokratie. […] Wir wollen die Verwaltung als moderne Dienstleistung und nicht als Horror in Verwaltungsburgen, wie jetzt in Gütersloh vorgesehen.“ (Die Glocke vom 27.6.1981)

Sorgen Sie dafür, daß der Kreis Gütersloh endlich ein Kreishaus in seiner Kreisstadt Gütersloh baut

Regierungspräsident Walter Stich zu Oberkreisdirektor Günter Kozlowski

1982-1989 │ Erwecken aus dem Dornröschenschlaf

Bisher konnte der Kreis bei seinen Planungen darauf bauen, dass das Land NRW den Kreishausneubau großzügig unterstützen würde. Schließlich war er eine Folge der kommunalen Neugliederung. Doch 1982 fällt die Möglichkeit für Landeszuweisungen weg. Das Thema Kreishausneubau wird erst einmal in eine der unteren Schubladen gelegt und nicht weiter verfolgt.

Im November 1989 besucht Regierungspräsident Walter Stich den Kreis Gütersloh und mahnt den Bau eines Kreishauses in Gütersloh an: „Gütersloh muß eine echte Kreisstadt werden“. Das Land NRW gibt ebenfalls neue Impulse für einen Kreishausneubau. Es betont, dass es ein neues Polizeiverwaltungsgebäude in Gütersloh bauen müsse, welche mit dem Kreishausneubau verbunden werden könnte. Die Glocke titelt entsprechend, das „Land weckt [die] Kreishausplanung aus [dem] Dornröschenschlaf“. (Die Glocke vom 21.12.1989)

1989 │ Breite Mehrheit für Kreishaus

Ende 1989 zeichnet sich eine breite Zustimmung für den Kreishausneubau ab, die aber erst im folgenden Jahr in konkrete Beschlüsse gipfelt. Grund für die breite Zustimmung ist unter anderem die Abkehr des neuen Oberkreisdirektors Günter Kozlowski von der bisherigen Konzeption eines zentralen Kreishauses in Gütersloh.

Stattdessen heißt nun „Dreipoligkeit“ die neue Losung. Das bedeutet, dass die Kreisverwaltung auf drei Gebäudekomplexe gestrafft werden soll: Auf das neue Kreishaus in Gütersloh, das Kreishaus in Halle (Westf.) und das Kreishaus in Rheda-Wiedenbrück auf dem Reckenberg. Eine möglichst weitgehende Zentralisierung ist damit vom Tisch. Zufrieden zeigt sich der Fraktionsvorsitzende der SPD, Herbert Zachau. Schließlich habe man das Grundstück für das neue Kreishaus 1981 nicht gekauft, „um hier auf Dauer ein landwirtschaftliches Gelände zu unterhalten. Das wäre ja der teuerste Acker im ganzen Kreis Gütersloh.“ (Westfalen-Blatt vom 21.12.1989)

1990 │ Das Provisorium wird verabschiedet

Im Rahmen der Haushaltsberatungen stimmt der Kreistag im Februar 1990 nun auch formal einem Kreishausneubau zu. Kreistagsmitglied Dr. Dieter Meyer-Gieseking (CDU) hebt die integrative Kraft eines Kreishauses hervor: „Das Provisorium wird nun Ende des Jahres großjährig, und es sollte damit feierlich verabschiedet werden. Nach innen und außen muß endlich deutlich werden, daß wir der Kreis Gütersloh sind mit einem Zentrum in der Mitte, das notwendiges integrierendes Kreisbewußtsein schafft“. (Die Glocke vom 26.2.1990)

Im Juni genehmigt der Kreistag dann auch das überarbeitete Raumkonzept für den geplanten Neubau und beschließt die Durchführung
eines Architektenwettbewerbs. Der Neubau trifft nun auf eine parteiübergreifende breite Zustimmung in der Politik. Die stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Ursula Bolte und der CDU-Fraktionsvorsitzende Günter Kramer zeigen sich beeindruckt von der Harmonie in den entscheidenden Sitzungen. Auch die FDP, die bisher einem Neubau skeptisch gegenüberstand, spricht von einem fairen Kompromiss.

Lange hat der Kreis Gütersloh kurzgetreten; jetzt werden die Schritte länger auf dem Wege zu einem eigenen Verwaltungsbau in der Kreisstadt Gütersloh

Mitarbeiterzeitung Kreis Intern

1991 │ Der Gewinner steht fest

1991 schreibt der Kreis einen Architektenwettbewerb für sein neues Kreishaus aus, den die Arbeit des Büros Prof. Gerber + Partner aus Dortmund gewinnt. Der Juryvorsitzende Professor Herbert Pfeiffer zeigt sich sehr angetan von dem Entwurf: „Das Haus wird schöner und besser als alle anderen vergleichbaren neuen Verwaltungsgebäude der weiteren Umgebung.“ Dem ersten Sieger sei es am besten gelungen, aus dem „Standort ohne Gesicht“ eine „Insel der Landschaft“ zu machen; zudem hebt Professor Pfeiffer die „filigrane Struktur“ des dreigeschossigen Gebäudes hervor. (Neue Westfälische vom 25.5.1991) Bereits im Juli 1991 stellt das Architekturbüro Gerber seinen Siegerentwurf dem Kreistag vor. Dieser beauftragt im Anschluss die Dortmunder Architekten mit dem Neubau des Kreishauses.

1992 │ Die Zahlen kommen auf den Tisch

Im Oktober 1992 wird die erste Kostenschätzung für das Kreishaus veröffentlicht: 109 Millionen DM. Die Reaktionen auf die Kosten lassen nicht lange auf sich warten. Der Journalist Lothar Schmalen vom Westfalen-Blatt und der FDP-Kreisvorsitzende Ralf Westhagemann etwa stellen klar, dass sie zwar den Neubau unterstützen, aber dass 109 Millionen DM zu viel seien.

Es folgen intensive Diskussionen über mögliche Einsparpotenziale am Kreishaus. Durch verschiedene Maßnahmen können Einsparungen von 10 Millionen DM gegenüber der ersten Kostenschätzung erreicht werden. Doch dem Kreistag reicht das noch nicht. Mitte Dezember 1992 dann die Lösung: Die Planung des Kreishauses soll auf Grundlage des bisherigen Konzeptes vorangetrieben werden. Aber erst wenn die Ausschreibungsergebnisse mit den genauen Kosten vorliegen, soll entschieden werden, welche Teile des Konzeptes sofort realisiert werden.

1994-1995 │ Erster Spatenstich für das Kreishaus

Danach geht alles ganz schnell. Anfang Juli 1994 wird die Baugenehmigung erteilt, Ende Juli mit den ersten Bauarbeiten begonnen. Den ersten Spatenstich führt Landrat Franz-Josef Balke am 10. August 1994 mit dem Bagger aus. Begleitet wird der Spatenstich von einer Protestaktion der Kreistagsfraktion der Grünen. Das Westfalen-Blatt nimmt den Ersten Spatenstich zum Anlass für eine plastische Rückschau: „Als der Kreis Gütersloh vor 21 Jahren aus der Taufe gehoben wurde, trug er bereits eine Hypothek mit sich. […] Der neue Kreis sei gehalten, den Schwerpunkt seiner Verwaltung in die Kreisstadt zu verlegen. Heute mittag, ‘High noon’ um 12.00 Uhr, wird die Hypothek endlich beglichen“. (Westfalen-Blatt 10.8.1994)

Am 22. September 1995 kann das Richtfest gefeiert werden. Oberkreisdirektor Günter Kozlowski spricht von einer vorbildlichen Zusammenarbeit von Politik und Verwaltung, während sich Landrätin Ursula Bolte über den eingehaltenen Kosten- und Zeitrahmen erfreut zeigt. „Nach fast 25 Jahren gelangen wir heute auf die Zielgerade unseres Marathonlaufes als Kreis Gütersloh“, erinnert die Landrätin an die bewegte Vorgeschichte des Kreishauses.

1997 │ Übergabe des Kreishauses

Der Umzug in das neue Kreishaus beginnt früher als geplant. Den Anfang macht das Straßenverkehrsamt, das bereits im Oktober 1996 umzieht. Anfang 1997 ist es dann endlich soweit: Am 18. Januar wird das neue Kreishaus seiner Bestimmung übergeben. Bis zuletzt wird noch gearbeitet, die Schreiner gehen erst mitten in der Nacht, die letzte Putzkolonne sogar erst kurz vor der Festveranstaltung.

Oberkreisdirektor Günter Kozlowski betont in seiner Rede, dass ihn das Thema seine gesamte Amtszeit begleitet habe. Landrätin Ursula Bolte zeigt sich erleichtert, dass für den Kreistag die 24jährige Wanderschaft durch die Sitzungssäle der kreisangehörigen Kommunen und die Aulen der kreiseigenen Schulen nunmehr beendet sei. Der Architekt Professor Eckhard Gerber wünscht sich in seiner Rede zur Übergabe des Kreishauses, dass das Gebäude zu einem neuen Mittelpunkt für den Kreis Gütersloh wird. Die Architektur sei von Klinker, Stahl, Beton, Buchenholz und vor allem Glas geprägt. „Wo Licht ist, da ist auch Kommunikation“, so die einfache Erklärung Professor Gerbers.