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Kunst + Krise

November 1922: Klee, Kokoschka, Kollwitz & Co. retten Museum vor dem Aus

November 1922: Nichts geht mehr

Die Heizung in den Büros, das Licht in den Ausstellungsräumen, die Gehälter der Mitarbeitenden: Alles ist zu teuer. Wirtschaftskrise und Hyperinflation haben das Deutsche Museum für Buch und Schrift in Leipzig Anfang der 1920er Jahre in den Ruin getrieben. Was nun? Das Museum - eine der zentralen Institutionen der „europäischen Hauptstadt des Buches“ - einfach schließen?

„Golden Twenties?“

Kultur im Zeitalter der Extreme

Während die 1920er Jahre mit Kabarett, Dada, Jazz und Kurzhaarschnitt gemeinhin als Metapher für den kulturellen Aufbruch – für die Moderne schlechthin – gelten, so ist das Jahrzehnt zugleich geprägt von Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise, die große Bevölkerungsschichten in die Arme radikaler Parteien treiben. Eine Zeit zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und wirtschaftlicher Bedrohung; ein Jahrzehnt der Fragilität und Extreme.

Die Inflation macht auch vor der Kultur keinen Halt: Anfang der 1920er Jahre steht das Deutsche Museum für Buch und Schrift in der stolzen Buchstadt Leipzig am Rande seiner Existenz. Um das Museum vor seiner Schließung zu bewahren, steht als ultima ratio der Verkauf des wertvollsten Objekts an: der pergamentenen Gutenberg-Bibel. Die Politik hat dem Verkauf des Buches der Bücher ins Ausland schon zugestimmt, da regt sich Widerstand gegen diesen Ausverkauf der Kultur. Und der Assistent des Museums hat eine geniale Idee…

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Am Ende

Schnell kommt ein Gedanke ins Gespräch, der zwar „schmerzlich [ist], bei der jetzigen Lage aber doch immerhin diskutabel“, so Museumsdirektor Schramm im Juli 1920: 

Der Verkauf des wohl kostbarsten Stückes im Besitz des Museums, der 42zeiligen Gutenbergbibel, steht im Raum.

Rettungsaktion für die Gutenbergbibel

Obgleich der Verein regelmäßig großzügige Stiftungen von Firmen des Buchgewerbes erhält, rückt der Bibelverkauf immer näher. Je realer die Verkaufsabsichten werden, desto mehr Widerstand regt sich aber in den prominenten Reihen der Buchmenschen in Leipzig. 

Mit den Worten „wertvoller sei es doch, die Bibel zu besitzen, als dieses Papiergeld“, positioniert sich der Direktor der Akademie der graphischen Künste und Buchgewerbe in Leipzig, Walter Tiemann (1876–1951), ebenso wie der Insel-Verleger Anton Kippenberg (1874–1950) eindeutig gegen die Veräußerung des wertvollen Objekts. 

Die Vorstandsmitglieder des Trägervereins sind sich einig: Der Verkauf ist keine Option, eine Rettungsaktion für die Gutenbergbibel muss her.

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Tatendrang

Direktionsassistent des Museums Hans-Heinrich Bockwitz

Hans-Heinrich Bockwitz und seine Idee

Das Museum scheint seinem Schicksal nicht ausweglos ergeben zu sein, heckt der junge Direktionsassistent des Museums Hans-Heinrich Bockwitz (1884–1954) doch einen so raffinierten wie aussichtsreichen Plan aus:

Bockwitz hatte „den Gedanken (…), führende deutsche Künstler zu einer Stiftung von Originalblättern zu veranlassen, die, zu einem Mappenwerk vereint, zu Gunsten des Museums als Ehrengeschenk an Stifter abgegeben werden sollten.“ (in: Sitzung des Vorstandes des Deutschen Vereins für Buchwesen und Schrifttum am 14. November 1922)

Die Idee der „Künstlerspende für das Deutsche Buchmuseum“ ist geboren und wird unvermittelt eingeleitet.

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Das Bangen

Die Bücher- und Graphikspende kann Ende 1923 an die Öffentlichkeit herangetragen werden. Schramm und Bockwitz scheuen sich nicht, um weitere Bücher- und Graphikspenden zu bitten, da diese in den ersten Monaten des Jahres 1924 noch nicht das erwartete Ergebnis eingebracht haben. Dank weiterer Spenden kann ein Erlös von 4.000 Mark verzeichnet werden, was die Fortführung der Künstlerspenden ermöglicht. 

Der Währungsverfall hatte am 30. November 1923 seinen Höhepunkt erreicht, ab 1. Dezember des gleichen Jahres gab die Reichsbank die goldbasierte Rentenmark heraus. Ein Brief, der gestern noch 50 Milliarden Mark kostete, wird am Folgetag für 3 Pfennige befördert.

Das Bangen um die weitere Existenz des Museums

Gleichwohl steht das Museum am Rande seiner Existenz. Nun wird Ende 1924 auch die Auflösung des Vereins für Buchwesen und Schrifttum beantragt. Hinzu kommt, dass die Zuschüsse des Museums vom Staat Sachsen und der Stadt Leipzig 1926 gekürzt werden, sodass es unvermeidbar wird, die aktuellen Räumlichkeiten des Museums aufzugeben und den Bestand zu magazinieren.

Alle Teile waren sich freilich bewußt, daß das Deutsche Buchmuseum nicht geschlossen werden durfte. Stadt wie Staat suchten nach Unterkunftsräumen.

Albert Schramm: „Die neuen Räume des Buchmuseums“. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Buchwesen und Schrifttum. Jg. 8. 1925, S. 107-110.

Verkleinerung und Umzug des Museums

Mithilfe der dankbar angenommenen Unterstützung aus staatlichen und städtischen Reihen gelingt es im Dezember 1925, das Buchmuseum in den Westflügel der Deutschen Bücherei zu verlegen.

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Ein Neuanfang?

Aufgrund der finanziellen Notlage, in der sich das Museum befindet, beschließen die Verantwortlichen, die geplanten zwei Mappen auf eine Mappe mit 15 Arbeiten zu reduzieren und die Fortsetzung der Künstlerspende um ein weiteres Jahr zu verschieben.

Im November 1926 kann endlich eine Folgemappe mit 15 Original-Graphiken in 150 Exemplaren angeboten werden. Enthalten sind unter anderem Arbeiten von Walter Gramatté, Karl Schmidt-Rottluff und Hermann Struck. An den Erfolg der ersten Künstlerspende kann die Fortsetzungsmappe nicht anknüpfen. 

Josef Hegenbarth, "Tanzende"

Für das Deutsche Buch- und Schriftmuseum stellten die „Golden Twenties“ weniger eine Blütezeit oder eine Zeit des Aufbruchs und Wachstums dar. Vielmehr war es eine Zeit geprägt von Kündigungen, Notbeschlüssen, Einsparmaßnahmen, Kürzungen und Umzügen. Es war ein Bangen um kulturelle Schätze und um die eigene Existenz.

Blickt man in die Gegenwart – genau 100 Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Künstlerspende – so ist das Museum, das seit 1950 Abteilung der damaligen Deutschen Bücherei ist, in einer zweifellos komfortablen Lage. Aber es ist wieder Krieg in Europa, der der Kultur auch in den 20er Jahren des 21. Jahrhunderts wieder Einsparungen auferlegt. Vor 100 Jahren, in einer weitaus dramatischeren Situation, haben Solidarität, Kreativität, Hilfsbereitschaft und Durchhaltevermögen das Fortbestehen des Museums in schwieriger Zeit gesichert. Das ist Motivation und Ansporn zugleich.

Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende

Wer heute vorsichtig in den großformatigen Kassetten der beiden Künstlerspenden von 1922 und 1926 blättert, dessen Blick bleibt bei drei leeren Passepartouts hängen. Vermutlich die Folge eines Diebstahls, der es auf die kostbarsten Graphiken abgesehen hatte: Paul Klees Lithografie, ein Selbstbildnis von Käthe Kollwitz und ein Männerkopf von Karl Schmitt-Rottluff. Alle drei Blätter sind 2006 in einer Ausstellung im Deutschen Buch- und Schriftmuseum gezeigt worden. Die Grafiken wurden nachweislich nach Ende der Ausstellung wieder in die Mappen zurücksortiert, die Spuren des Verlusts liegen bis heute im Dunkeln. 

An der Aufklärung dieses Verlusts weiterzuarbeiten, sind wir der für die Geschichte des Museums zentralen Künstlerspende und ihrer Initiatoren schon aus Dankbarkeit schuldig.