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Frauen mit Beruf(-ung)

Die Geschichte Sareptas

Eine virtuelle Ausstellung von

Entdecken Sie die über 150-jährige Geschichte von Sarepta

Dies ist die Geschichte von Frauen, die in einer Zeit, in der es für Frauen kaum möglich war, einen qualifizierten Beruf auszuüben, der Berufung zum Dienst in einer evangelischen Schwesternschaft folgten.

Die Sarepta Diakonissen trugen als qualifizierte Pflegekräfte nicht nur ihren Teil zum Ausbau der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel bei, sondern prägten auch Krankenhäuser, Kindergärten und Kirchengemeinden in ganz Westfalen. In den 1930er Jahren war Sarepta die weltweit größte Diakonissenschaft mit rund 2.000 Schwestern.

Diese Ausstellung zeigt die Entwicklung der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta von ihren Anfängen 1869 in Bielefeld über Phasen der Professionalisierung und Krisenzeiten bis zur neuen Form der Sarepta Schwesternschaft seit 2004.

Noch nie veröffentlichte Quellen aus dem Hauptarchiv der v. Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel geben einen Einblick in die Frauen- und Diakoniegeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts.

01
Gründung

Eine Diakonissenanstalt für Bielefeld!

Am 31. März 1869 zogen drei Schwestern aus dem Kaiserswerther Mutterhaus in ein kleines, nahe der Neustädter Marienkirche gelegenes Haus in Bielefeld ein. Unter ihnen war Emilie Heuser, die erste Vorsteherin der neuen Diakonissenanstalt. Zusammen mit der in Kaiserswerth ausgebildeten, aber noch nicht eingesegneten Bielefelderin Caroline Niemann formten sie das Fundament für eine neue Schwesternschaft.

Die Gründung einer Diakonissenanstalt, und damit zugleich des ersten evangelischen Krankenhauses in Bielefeld, beruhte vor allem auf der privaten Initiative des Likörfabrikanten Gottfried Bansi. Vor dem Hintergrund der Zunahme der frühindustriellen Verelendung kämpfte Bansi lange Zeit vergeblich für die Verpflichtung von ausgebildeten Gemeindeschwestern nach Bielefeld. Später verfolgte er entschieden die Gründung einer Diakonissenanstalt, die aber erst mit der zunehmenden Konkurrenz zwischen Katholiken und Protestanten in der professionellen Krankenpflege Zustimmung fand.

Friedrich Simon (07.01.1833 bis 21.11.1912) war von 1869 bis 1872 der erste Vorsteher der Westfälischen Diakonissenanstalt.

Theologische Unterstützung durch Friedrich Simon

Gottfried Bansi gelang es, den sozial stark engagierten Pfarrer Friedrich Simon als Mitinitiator und Seelsorger für die zu gründende Diakonissenanstalt zu gewinnen. Simon leitete seit 1867 die Rheinisch-Westfälische Epileptischenanstalt. Neben dem ideell und finanziell engagierten Bansi gab es jetzt eine theologisch kompetente Person zum Aufbau der Anstalt.

Anstaltsidee mit mangelnder Unterstützung

Die Idee zu einer eigenständigen Diakonissenanstalt kam 1866 im Zusammenhang mit den Gründungsvorbereitungen für die Epileptischenanstalt auf. Für eine Realisierung fehlte jedoch die Unterstützung einflussreicher Kreise wie der Inneren Mission, der Kirchengemeinden oder der Stadt Bielefeld. Auch die Diakonissenanstalt Kaiserswerth sah keine Veranlassung, den Aufbau in Westfalen zu unterstützen.

Referat von Friedrich Simon, „Über die Diakonissenanstalt in Bielefeld…“.
Pastor Friedrich Simon beschrieb, wie es „gegen alles Erwarten“ plötzlich doch noch zur Gründung der Diakonissenanstalt kam.

Konfessionelle Konkurrenz als Impuls zur Eröffnung der Bielefelder Diakonissenanstalt

Lange Zeit schien die Realisierung der Diakonissenanstalt gefährdet. Im November 1868 trat die entscheidende Wende ein. Die katholische Kirchengemeinde Bielefelds plante den Erwerb eines Hauses neben der evangelischen Neustädter Kirche. Dort sollte eine Ausbildungsstätte für Barmherzige Schwestern eingerichtet werden. Bansi ergriff sofort die Initiative und kaufte selbst das Haus als zukünftiges Anstaltsgebäude der Diakonissen an.

Gründung des ersten Diakonissenhauses

Das Hauptargument, das seit Ende 1868 für die Errichtung einer Diakonissenanstalt sprach, war nun nicht mehr allgemein die Verbesserung der Krankenpflege, sondern die Sicherstellung evangelischer Krankenpflege in Bielefeld. Innerhalb weniger Wochen erhielten Bansi und Simon Zusagen über eine Aufbauhilfe vom Kaiserswerther Mutterhaus. Bereits im Januar 1869 fanden mehrere Gründungsversammlungen statt und ein erster Vorstand wurde gewählt.

Protokollbuch I, 1. Sitzung zur Gründung der Diakonissenanstalt, 14.01.1869.

Das erste Diakonissenhaus in der Bielefelder Innenstadt

Das Haus in der Kreuzstraße musste nach dem übereilten Einzug der Schwestern komplett zum Anstaltsgebäude umgebaut werden. Es gab kein Mobiliar und die Räume befanden sich in einem schlechten Zustand. Weil das erste Diakonissenhaus viel zu klein war, um die notwendige Geschlechtertrennung für die Aufnahme von kranken Männern und Frauen vornehmen zu können, wurde es als Provisorium betrachtet.

Emilie Heuser (09.01.1822 – 14.10.1898) in jüngeren Jahren.

Emilie Heuser war Sareptas erste Vorsteherin

1869 wurde Schwester Emilie Heuser von ihrem Mutterhaus in Kaiserswerth mit dem Aufbau einer Diakonissenanstalt in Bielefeld beauftragt. Die als Apothekerin ausgebildete Diakonisse hatte zuletzt die Leitung der Schwestern im Gütersloher Krankenhaus übernommen und war jahrelang im Vorderen Orient tätig gewesen. Mit ihr kam eine Frau mit viel Berufserfahrung als Vorsteherin nach Bielefeld, was trotz der Anfangsschwierigkeiten den erfolgreichen Aufbau der Diakonissenanstalt gewährleistete.

Einsegnung der ersten Bielefelder Schwester am
25. April 1869

Die Einsegnungsfeier fand gleich nebenan, in der gut gefüllten Neustädter Kirche statt. In einer Ansprache an die Gemeinde hob Generalsuperintendent Franz Julius Wiesmann aus Münster die besondere Bedeutung dieser Feier für die Stadt und Gemeinde Bielefeld und weiter, für die ganze Provinz Westfalen hervor. Dann wurde die erste westfälische Diakonisse in einem westfälischen Diakonissenhaus, Caroline Niemann, eingesegnet.

Im Bielefelder Sonntagsblatt vom 2. Mai 1869 wurde für den Eintritt in das neue Mutterhaus geworben.

02
Aufbauphase

Die Aufbauphase im neuen Mutterhaus

1872 wurde Friedrich von Bodelschwingh Vorsteher der Bielefelder Diakonissenanstalt, Friedrich Simon hatte die Pfarrstelle gewechselt. Gleich nach seinem Amtsantritt sorgte Bodelschwingh für eine enge räumliche und personelle Verknüpfung von Diakonissenanstalt und Epileptischenanstalt, die er beide leitete. Die Diakonissenanstalt übte besonders auf junge, durch die Frömmigkeit der Ravensberger Erweckung geprägte Frauen eine große Anziehungskraft aus. Ihnen wurde außerdem die Möglichkeit geboten, einen Beruf zu erlernen, was für Frauen aus der westfälischen Landbevölkerung damals ungewöhnlich war. Der Diakonissenberuf brachte gesellschaftliche Anerkennung und unbeabsichtigt emanzipatorische Konsequenzen mit sich. Im Mutterhaus waren die Schwestern in die patriarchalische Ordnung Kaiserswerther Prägung eingebunden und bildeten eine Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft.

Das neue Mutterhaus

Das 1872 bis 1875 im neugotischen Stil errichtete Mutterhaus beherbergte Schwesternwohnungen, Kapelle und Krankenhaus. Als neues evangelisches Krankenhaus, mit 130 Betten, wurde es schnell bekannt und geschätzt. Es stand vor allem mittellosen und unheilbar kranken Männern, Frauen und Kindern offen. Sonntags wurden die beweglichen Trennwände zwischen Krankensälen und Kapelle entfernt, damit alle am Gottesdienst teilhaben konnten.

Das neue, zweite Mutterhaus bot vielen Diakonissen Sareptas bis in die 1990-er Jahre eine Heimat.
Friedrich von Bodelschwingh d. Ä., 1831-1910.

Emilie Heuser und Friedrich von Bodelschwingh leiten die Diakonissenanstalt nach dem Familienmodell

Emilie Heuser richtete die Diakonissenanstalt nach dem ihr bekannten Kaiserswerther Familienmodell aus: Der Anstaltsgeistliche (Vater) war für alle äußeren Angelegenheiten zuständig. Ihm untergeordnet war die Vorsteherin (Mutter), die sich um die innere Mutterhausverwaltung und die Schwesternangelegenheiten kümmerte. Die Diakonissen galten als ledige Töchter, die sich den Eltern anvertrauten und ihnen Gehorsam schuldeten.

Die Diakonissenanstalt erhält 1876 den Namen „Sarepta“

Der Name „Sarepta“, auf Deutsch „Schmelzhütte“, ging auf einen Vorschlag Bodelschwinghs zurück. Er war in Anlehnung an ein Wort des Propheten Maleachi gewählt: „Er wird sitzen und schmelzen und das Silber reinigen.“ (Maleachi 3,3). Im Mutterhaus, bis 1911 zugleich Krankenhaus, sollten die Seelen der Kranken und der Schwestern durch Leiden und aufopfernden Dienst geläutert werden zum ewigen Heil.

Aufnahmebedingungen für die Sarepta Schwesternschaft.

Aufnahme, Ausbildung und Einsegnung einer Diakonisse

Um in Sarepta aufgenommen zu werden, sollte eine Frau über 18 und unter 40 Jahre alt, gesund, ledig und kinderlos oder verwitwet sein. Die Ausbildung einer Diakonisse bestand aus drei Elementen: Zu der religiösen Grundausbildung trat eine Elementarbildung und schließlich eine fachliche Ausbildung, meistens in der Krankenpflege. Erst nach mehreren Jahren wurde die Schwester in das kirchliche Amt einer Diakonisse eingesegnet.

Hülfsschwestern,
Freie Hülfsschwestern
und Freie Hülfen in Sarepta

„Hülfsschwestern“ wurden die Diakonissenanwärterinnen genannt. „Freie Hülfsschwestern“ waren Frauen – häufig aus der höheren Gesellschaftsschicht –, die nur zeitweise auf den Stationen des Mutterhauses arbeiteten und am geistlichen Leben teilnahmen. „Freie Hülfen“ – später „Helferinnen“ – waren Frauen ohne Ausbildung, meist aus dem bäuerlichen westfälischen Umland, die im Mutterhaus und auf den Stationen mithalfen.

Eine Sarepta-Schwester und eine Freie Hilfsschwester, Foto um 1930.

Demut und Dienst:
das Diakonissen-Leitbild

Sarepta entwickelte sich zu einer Genossenschaft gut qualifizierter, hart arbeitender Schwestern. Berufliche Selbständigkeit und Selbstbewusstsein galten jedoch als Gefahr für die innere Entwicklung der jungen Frauen wie für den Zusammenhalt der Gemeinschaft. Daher wurde eine gegenseitige Erziehung der Schwestern zur Demut verlangt, die auf das Brechen des Eigenwillens zielte. Tugenden wie Liebe, Gehorsam, Treue und Hoffnung auf ein seliges Sterben sollten zu einem selbstaufopfernden Dienst führen.

„Berufsordnung“, die jede Diakonisse bei der Einsegnung erhielt.
„Der Schmelzer“ war Sinnbild für die Reinigung der Seelen der Schwestern im entsagungsvollen Dienst.

Sterbefrömmigkeit

Der Tod war in Bethel wegen der geringen Lebenserwartung der Patientinnen und Patienten fast alltäglich. Daher erlangte die von Bodelschwingh geprägte Sterbefrömmigkeit eine große Bedeutung. In der Begegnung mit Leiden und Sterben, so Bodelschwingh, konnte das „selbstsüchtige Ich“ überwunden werden. Sterben wurde als frommes Leiden und reinigende Kraft begriffen. Diese Ewigkeitsorientierung sollte dabei helfen, die schwere Arbeitslast zu bewältigen.

03
Wachstum

Sarepta wächst und wächst und …

Was mit vier Schwestern begann, weitete sich schnell aus. Für Frauen gab es Ende des 19. Jahrhunderts nur wenige Möglichkeiten, einer qualifizierten Berufstätigkeit nachzugehen. Der Eintritt in eine Diakonissenschaft war ein alternatives Lebensmodell, jenseits von Ehe und Familie. 25 Jahre nach Gründung waren über 600 Frauen in Sarepta tätig. Anfang der 1940er Jahre zählten mehr als 2.000 Schwestern zum Diakonissenmutterhaus, das damit als das weltweit größte galt.  Die Diakonissen hatten in der Regel einen Volksschulabschluss und konnten – nach Krankenpflegeausbildung und Weiterbildungen – den Weg in eine eigenverantwortliche Tätigkeit finden: als Hausmutter in einem Pflegehaus, als Leiterin einer Gemeindespflegestation, als Kindergartenleiterin oder als Lehrschwester in den Ausbildungszweigen der Diakonissenschaft.

Hiesig und auswärtig

Der Pflege- und Fürsorgebereich war seit Ende des 19. Jahrhunderts angewachsen. Hier waren Sarepta-Diakonissen nachgefragte Arbeitskräfte. Im Jahr 1913 gehörten knapp 1.300 Diakonissen, Hilfs- und Probeschwestern zur Schwesternschaft. 62 wurden in den eigenen Arbeitsgebieten gebraucht – vor allem den Krankenhäusern und der Psychiatrie. Die anderen waren in auswärtigen Stationen im Einsatz.

Statistik aus dem Jahresbericht von 1913.
Lageplan der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel, um 1934.

Die eigenen Arbeitsgebiete

Am äußeren Rand der v. Bodelschwinghschen Anstalten Bethel konzentrierten sich die Häuser, die in Trägerschaft des Diakonissenmutterhauses standen: die somatischen Krankenhäuser, mit dem Allgemeinkrankenhaus Gilead (32), dem Infektionskrankenhaus Samaria (71) und dem Kinderkrankenhaus Sonnenschein (48). Die Häuser Daheim (15) und Magdala (55) bildeten den psychiatrisch-neurologischen Klinikbereich.

Rund 20 Prozent der Diakonissenschaft waren hier tätig

Im Dienst für Bethel

Sarepta stellte seit 1873 das weibliche Pflegepersonal für die Anstalt Bethel. Die Diakonissen und Helferinnen pflegten Frauen und Kinder mit Behinderungen, Epilepsie und psychischen Erkrankungen. Jeweils eine Diakonisse leitete als Hausmutter ein Pflegehaus, in dem sie mit den anderen Schwestern auch wohnte.

Diakonissen bei der Ausbildung im Kindergarten-Seminar, 1931.

Entsandt in Außenstationen

Mit ihrer langen, fachlich qualifizierten Ausbildung waren Sarepta-Diakonissen begehrte Arbeitskräfte in der staatlichen und konfessionellen Wohlfahrtspflege. Kernauftrag wurden die auswärtigen Stationen: Krankenhäuser, Gemeindepflegestationen, Kindergärten oder Altenheime, vor allem in Westfalen.

Rund 70 Prozent der Diakonissenschaft waren hier tätig

Gemeindeschwester seit 35 Jahren

Die Marienkirchengemeinde in Herford verabschiedete 1982 die Diakonisse Magdalene Wellmann. Seit 1947 war sie dort Gemeindeschwester. Unterwegs mit dem Fahrrad, zwischen häuslicher Krankenpflege und der Leitung von Gemeindekreisen. Damit leisteten Diakonissen vor Ort wichtige seelsorgliche Arbeit und machten diakonisch-christliche Werte sichtbar.

Gemeindebrief Juni 1982

04
Amrum

Christliches Seehospiz auf Amrum

Bibelstunden mit Bodelschwingh in den Dünen und Dünenkaffee mit den Diakonissen – das konnte Bethel in Bielefeld nicht bieten. Aber auf Amrum, dem laut Friedrich von Bodelschwingh „idyllischsten Plätzchen an der ganzen Nordsee“, wurden diese Unterhaltungen angeboten.

1890 wurde das Seehospiz, eine Ferienstätte für christlich gesinnte Besucher, an der Nordspitze der Insel errichtet und in den folgenden Jahrzehnten als Erholungsstätte ständig erweitert. 176 Sarepta-Diakonissen sorgten für das leibliche und seelische Wohl der zahlreichen Gäste, die vor allem im Sommer, aber auch zu Weihnachten, die familiäre Atmosphäre genossen.

Doch finanzielle und personelle Probleme machten den Abschied von der Insel erforderlich. 1990 trennte sich der Sarepta-Vorstand von Amrum und für die Diakonissen ging eine traditionsreiche Zeit am Meer zu Ende.

Zeitungsartikel „Eine lange Tradition geht zu Ende“, Unsere Kirche, Ausgabe 30, 22.07.1990.

Sareptas Rückzug von Amrum

Der Wandel im Fremdenverkehr sowie finanzielle und personelle Probleme waren Hauptgründe für den Sarepta-Vorstand, sich von der Arbeit auf Amrum zu trennen. Der damalige Sarepta-Vorsteher, Pastor Wolfgang Finger, verkündete beim feierlichen Festaktjubiläum am 6. Juli 1990, dass Sarepta diese Arbeit mit der ihr derzeit zur Verfügung stehenden Kapazität nicht weiterführen könne.

05
Ausbildungslandschaft

Die Ausbildungslandschaft

Im Kleinen und Großen Kursus wurden angehende Diakonissen in Religion, Bibelkunde und Seelsorge auf ihren Beruf vorbereitet. Zudem hatte jede eine Krankenpflegeausbildung zu durchlaufen. Danach konnte sie sich auf verschiedene Fachbereiche spezialisieren. Sarepta richtete 1912 eine eigene Krankenpflegeschule ein und reagierte auf die in den zwanziger Jahren einsetzende Spezialisierung und Professionalisierung im beruflichen Bereich. Bis Mitte der 1930er Jahre waren zahlreiche weitere Ausbildungsgänge geschaffen: Säuglingspflegeschule, Schule für Laboratoriumsassistentinnen, Diätschule, Kindergartenseminar, Gemeindeschwestern-Kursus. Damit konnte sich das Diakonissenmutterhaus attraktiv halten, um weiterhin genügend Anmeldungen von interessierten jungen Frauen zu bekommen. Schließlich wollte man keine weltlichen Kräfte in seinen Einrichtungen beschäftigen müssen.

Staatliche Prüfung in der Krankenpflege

Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einer enormen Professionalisierung und Technisierung im Krankenhausbereich. Das führte zu einem neuen Anforderungsprofil in der Pflege. Nun wurde die Ausbildung standardisiert und in Preußen im Mai 1907 die erste staatliche Ausbildung- und Prüfungsordnung für die Krankenpflege erlassen. Das bedeutete auch für Sarepta eine Veränderung …

Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Minden, Stück 24, Jahrgang 1907.
Schreiben des Regierungspräsidenten in Minden an die Westfälische Diakonissenanstalt Sarepta, 12.07.1909.

Die erste Krankenpflegeschule in Sarepta

Erst am 2. Januar 1912 wurde die Krankenpflegeschule eröffnet. Bis dahin war die Ausbildung in der Pflege zwar gut – worauf sich die Mutterhausleitung stets berief –, aber die Schwestern hatten vor allem am Krankenbett gelernt und wurden kaum theoretisch geschult.

Gedanken zur Ausbildung der Diakonissen

Pastor Erich Meyer forderte zwar dezidiert eine fachliche Ausbildung für die Schwestern. Trotzdem tat sich der Vorsteher der Diakonissenanstalt auch 1927 noch schwer mit der beruflichen Professionalisierung. Er warnte stets vor einer „Übersteigerung der Ausbildung“, weil er fürchtete, mit zu viel Ausbildung ginge die rechte „Innerlichkeit“ einer Diakonisse verloren. Doch der Konkurrenzdruck überholte die Vorbehalte.

Vortrag von Erich Meyer, Wege und Ziele unserer Schwesternbildung, Mai 1927.
Pflege im Kinderkrankenhaus, 1930er Jahre.

Die Säuglingspflegeschule 

Nach der Einweihung des neuen Kinderkrankenhauses im April 1929 konnte die seit langem angestrebte Säuglingspflegeschule am 1. Oktober 1929 endlich ihre Arbeit aufnehmen. Nun war auch hier eine qualifizierte Ausbildung gewährleistet, die zudem staatlicherseits im Kampf gegen die hohe Säuglingssterblichkeit gewünscht war.

Der typische Ausbildungsweg einer Diakonisse

Nach der Volksschule arbeitete Sophie Lingemann zunächst als Hausmädchen, entschied sich dann kurz vor ihrem 22. Geburtstag, am 1. Oktober 1920, zum Eintritt in die Diakonissenschaft. Einige Monate später wurde sie zur Probeschwester berufen. Nach einem Jahr und acht Monaten durfte sie den knapp dreimonatigen Kleinen Kursus besuchen, der mit der Ernennung zur Hilfsschwester endete. Die Ausbildung zur Krankenschwester und der Große Kursus, an dessen Ende die Einsegnung stand, erfolgte fünf Jahre nach dem Eintritt in die Diakonissenschaft. In dieser Zeit hatte Schwester Sophie in verschiedenen Krankenhäusern in Westfalen und in Frauenpflegehäusern der Anstalt Bethel gearbeitet. Die feierliche Einsegnung zur Diakonisse fiel auf den 11. April 1926. Ihr weiterer beruflicher Schwerpunkt lag auf der Pflege von Frauen mit Epilepsie in Betheler Häusern. Hier bekam sie am 8. Februar 1937 die ersehnte Leitungsfunktion: Mit 38 Jahren wurde sie Hausmutter des Hauses Klein-Bethel, das sie nun über 25 Jahre leiten würde, auch als es 1960 unter dem Namen Philippi in die Zweiganstalt Eckardtsheim umzog.

Das Aus für die Schule im Nationalsozialismus

Eine neue Verordnung fasste 1940 die Bereiche Labor und Radiologie zusammen. Am 30. September 1941 erlosch automatisch die staatliche Anerkennung der Schule für Laboratoriumsassistentinnen. Nun wollte Sarepta sie um den Bereich Radiologie erweitern. Doch der Regierungspräsident lehnte mit der Begründung ab, dass „konfessionellen Verbänden solche Schulen nicht mehr bewilligt werden sollen“.

Absage des Regierungspräsidenten an die Diakonissenanstalt Sarepta, 04.10.1941.
Diakonissen in der Diätküche, 1930.

Die Diätschule und der Nationalsozialismus

Als die Vorschriften über die Ausbildung und staatliche Prüfung von Diätassistentinnen erlassen wurden, stellte Sarepta gleich einen Antrag auf Schulgründung. Den genehmigte der Regierungspräsident für den 2. Januar 1938, doch der Innenminister lehnte eine weitere konfessionelle Schule ab. In Bielefeld setzten sich Gesundheitsamt und sogar die Deutsche Arbeitsfront ein, damit die Schule doch noch am 1. April beginnen konnte.

06
Nationalsozialismus

Sarepta im Nationalsozialismus

Die Leitung der Diakonissenanstalt Sarepta stimmte dem neuen Regime der Nationalsozialisten uneingeschränkt zu. Die Schwesternschaft musste in die „Reichsfachschaft deutscher Schwestern und Pflegerinnen“ und damit in die „Deutsche Arbeitsfront“ eingegliedert werden. Trotzdem wurden Diakonissen in Außenstationen aus ihrer Arbeit hinausgedrängt und durch Schwestern der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt ersetzt.

Auch von der nationalsozialistischen Rassenpolitik war die Diakonissenanstalt beeinflusst. Sarepta wirkte bei der Durchführung des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ mit und war von der Sonderaktion gegen jüdische Anstaltspatienten im Rahmen der „Aktion T 4“ betroffen.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs bekam die Diakonissenanstalt auch die Folgen der Luftangriffe zu spüren.

Das nationalsozialistische Gedankengut wurde in die Schwesternschaft hineingetragen

Die leitenden Pastoren der Diakonissenanstalt Sarepta Erich Meyer und Paul Kirschsieper bemühten sich, zentrale nationalsozialistische Elemente wie „Führerprinzip“ und „Volksgemeinschaft“ biblisch zu begründen und in die Diakonissenschaft hineinzutragen.

Vortrag von Pastor Kirschsieper auf der Herbstkonferenz 1933.
Schwesternbrief von Schwester C. Börner, 05.07.1934, zum Thema Eugenik.

Sarepta im Zeitgeist

Viele Schwestern begrüßten die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und ließen sich von dem rassenpolitischen Gedankengut leiten. In einem Schwesternbrief der Unterrichtsleiterin Schwester Caroline Börner wird deutlich, wie stark die Schwesternschaft hinter dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ stand.

Auszüge aus der Krankenakte einer Patientin der psychiatrischen Abteilung Bethesda.

Die Bedrohung für jüdische Patientinnen

Im Rahmen der „Sonderaktion“ innerhalb der „Aktion T4“ sollten am 21. September 1940 alle jüdischen Patienten aus den Anstalten Bethel und Sarepta nach Wunstorf verlegt werden. Der leitende Arzt der psychiatrisch-neurologischen Abteilungen Dr. Karsten Jaspersen entschied, seine Patientinnen stattdessen frühzeitig zu entlassen.

Zwangssterilisationen

Am 1. Januar 1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft, das auch von den leitenden Ärzten Sareptas befürwortet wurde. 94 Frauen aus den psychiatrischen Abteilungen Sareptas wurden in der Folgezeit im anstaltseigenen Krankenhaus Gilead zwangssterilisiert. Die meisten Frauen galten als „schizophren“. Auch auf den Außenstationen waren Diakonissen bei Sterilisationen beteiligt.

Auszüge aus der Krankenakte von Anneliese R., sterilisiert am 20.06.1939.

07
Nachwuchsmangel

Der Nachwuchsmangel und die Folgen

Seit Anfang der 1950er Jahre hatte der prekäre Nachwuchsmangel für die Diakonissenanstalt Sarepta weitreichende Folgen. Für Frauen waren die beruflichen Möglichkeiten vielfältiger geworden. Wer einen sozialen oder pflegerischen Beruf ausüben wollte, konnte das in vielen Bereichen tun – mit weitaus mehr privater Selbstständigkeit als in einem Diakonissenmutterhaus.

Die Mutterhausleitung reagierte strategisch. Sie zog die Diakonissen aus den Außenstationen ab und konzentrierte sich auf die eigenen Hilfefelder: das Krankenhaus Gilead, das Kinderkrankenhaus und die neurologisch-psychiatrische Frauenabteilung. Außerdem wurden Alternativen geschaffen. Dass die Diakonissenschaft auch in Zukunft kaum noch Zulauf haben würde, das war allen Akteuren bereits Anfang der 1950er Jahre klar. Angestrebtes Ideal wurde nun die „evangelisch geprägte Krankenschwester“.

Die Diakonissenanstalt Sarepta wirbt in einem reich bebilderten Prospekt für ihre Arbeit

Der Anteil der arbeitenden Diakonissen sank rapide – trotz Werbemaßnahmen zur Steigerung der Attraktivität. Gab es 1953 noch 1.571 arbeitende Diakonissen, waren es zwanzig Jahre später nur noch 673. Im Jahr 1978 befanden sich 487 Diakonissen im Arbeitsprozess, aber 700 im Feierabend, also im Ruhestand.

Prospekt der Diakonissenanstalt Sarepta 1952.
Zeitungsartikel, Westfalen-Blatt, 18. April 1966.

Die dramatischen Folgen des Nachwuchsmangels

Zunächst wurden die personalintensiven Krankenhäuser in den Außenstationen aufgegeben, die Gemeindepflegestationen dagegen möglichst gehalten. Hier war der christlich-pflegerische Auftrag mit nur ein oder zwei Diakonissen besonders gut umzusetzen. 1956 hatte Sarepta 240 Gemeindepflegestationen inne, bis 1970 immerhin noch knapp unter 200. Erst in den 1970er Jahren folgte die rasche Aufgabe auch dieser Stationen.

Der Schwesternmangel betraf bald auch die Anstalt Bethel

Bis Mitte der 1960er Jahre bemühte sich Sarepta, das komplette weibliche Personal für die Frauenpflegehäuser der Anstalt Bethel im Bereich Epilepsie, Behindertenhilfe und Psychiatrie zu stellen. Immerhin hing am christlich gebundenen Personal das Selbstverständnis der großen und prominenten Einrichtung Bethel. Doch aus dieser „Verantwortung“ musste sich die Diakonissenanstalt nach und nach zurückziehen.

Auszug aus dem Arbeitsbericht der v. Bodelschwinghschen Anstalten 1965/66, gehalten am 03.07.1966.

Pflegevorschulen als erfolgreiches Modell gegen den Nachwuchsmangel im Pflegebereich

Viele junge Frauen waren nach ihrem Schulabschluss erst 14 Jahre alt. Eine Krankenpflegeausbildung konnten sie aber nicht vor ihrem 18. Lebensjahr beginnen. In einer Pflegevorschule sollten sie diese Zeit überbrücken und sich auf den Krankenpflegeberuf vorbereiten. Ein „sicherer Weg“, wie der Zeitungsartikel beschreibt, aber die Konkurrenz von Frauenberufen in der freien Wirtschaft war groß.

Zeitungsartikel, Westfalen-Blatt, 01.03.1961.
Zeitungsartikel, Bielefelder Tageblatt, 09.09.1978.

25 Jahre Ravensberger Schwesternschaft

Eine weitere Strategie gegen den Nachwuchsmangel war die Gründung der Ravensberger Schwesternschaft, die mehr Freiräume bot. Auch sie galt als Glaubens- und Dienstgemeinschaft, mit der Tracht als Zugehörigkeitssymbol. Sie war aber keine Lebensgemeinschaft, die Schwestern erhielten einen kündbaren Dienstvertrag. Ab 1968 wurde auch die verheiratete Ravensberger Schwester nach und nach zur Selbstverständlichkeit.

08
Ravensberger Schwesternschaft

Ravensberger Schwesternschaft

Da nach dem Zweiten Weltkrieg die Zahl der Schwestern immer weiter zurückging, war für die Mutterhausleitung von Sarepta Handlung geboten. Als Alternative zu den Diakonissen entstand 1953 die Ravensberger Schwesternschaft. Diese christliche Glaubens- und Dienstgemeinschaft vereinte evangelische Frauen aus verschiedenen Berufen, wie z. B. Erzieherinnen, Krankenschwestern, Sozialarbeiterinnen oder Altenpflegerinnen. Die Schwesternschaft war eng an das Mutterhaus gebunden, doch im Unterschied zu den Diakonissen konnten die Schwestern heiraten und lebten nicht genossenschaftlich. Die Ravensberger Schwesternschaft passte sich flexibler an gesellschaftliche Verhältnisse der Zeit an und wich damit mehr und mehr von dem traditionellen Diakonissenmodell ab.

Der Versuch, die Verbandsschwestern zu halten

Um eine Übernahme der Schwestern in die Schwesternschaft der Nationalsozialitischen Volkswohlfahrt zu verhindern, gründete das Kaiserswerther Mutterhaus 1939 die Verbandsschwesternschaft. Seit 1948 mehrten sich jedoch die Austritte der Verbandsschwestern aus Sarepta und damit einhergehend verringerten sich die Eintritte. Eine neu zu gründende Schwesternschaft sollte das Problem lösen. So entstand 1953 die Ravensberger Schwesternschaft.

Vortrag „Fragen der Ravensbergerschwesternschaft“ von Pastor Brandt auf der Konferenz 07.-10.11.1953.

Beweggründe für den Eintritt in die Ravensberger Schwesternschaft

Frauen traten aus sehr unterschiedlichen Beweggründen in die Ravensberger Schwesternschaft ein. Für junge Frauen war die Schwesternschaft interessant, um eine Ausbildung zu absolvieren. Für andere war eine evangelische Gesinnung, aber zugleich auch Selbstbestimmung ein Grund einzutreten. Außerdem gehörten berufliches Interesse und ein sicheres Einkommen zu den Motiven.  

Ravensberger Schwester im Pflegediensteinsatz bei einer älteren, bettlägerigen Dame, ca. 1980er Jahre.
Prospekt „Wer seid ihr?“, 1963.

Zusammenführung von Verbandsschwestern und Ravensberger Schwestern

Obwohl die Ravensberger Schwestern ein höheres Gehalt erhielten, traten viele Schwesternschülerinnen nach dem Examen der Verbandsschwesternschaft bei, denn dort hatten sie auch ihre Ausbildung absolviert.

1963 wurde die Übernahme der Schwesternschülerinnen in die Ravensberger Schwesternschaft beschlossen. Damit wurde das Ende der Verbandsschwesternschaft eingeleitet.

Wachsende Selbstbestimmung

Mit den Jahren wurde die Stimme der Selbstbestimmung der Ravensberger Schwesternschaft immer lauter. 1968 kam es dann zu den entscheidenden Änderungen, die zu mehr Gleichberechtigung von Ravensberger Schwestern und Diakonissen führen sollte: Diakonissen durften zu der Schwesternschaft übertreten. Außerdem durften verheiratete Frauen in der Schwesternschaft bleiben und auch eine Teilzeitbeschäftigung wurde möglich.

Konventbericht vom 17.09.1968.

09
Wandel

Neuorientierung in der Diakonissenschaft Sarepta

Der Nachwuchsmangel führt zu einer Neuorientierung in der Diakonissenschaft Sarepta seit Ende der 1960er Jahre. Diese manifestierte sich zunächst in einem neuen Mutterhaus, dem Haus der Stille. Es folgten stetige Diskussionen um eine neue Lebensordnung. Intensiv setzte sich die Diakonissenschaft mit der Bedeutung der evangelischen Räte – Armut, Keuschheit und Gehorsam – auseinander. Auch die Wesensmerkmale einer Glaubens-, Lebens- und Dienstgemeinschaft wurden neu definiert. Dabei ging es um die Frage: Welchen Weg kann man einschlagen, um Frauen zu motivieren, einer Diakonissenschaft beizutreten?

Die gesamte Entwicklung der Neuausrichtung mündete letztlich in eine Zusammenführung der Westfälischen Diakonissenanstalt Sarepta und der Ravensberger Schwesternschaft. Dieses geschah am 1. Januar 2004 unter dem Namen „Sarepta Schwesternschaft“.

Das Haus der Stille wird eingeweiht

Am 20. Januar 1973 wurde das Haus der Stille eingeweiht, das neue Mutterhaus. Es bedeutete gleichzeitig ein erstes Manifest für ein neues Selbstverständnis der Diakonissenschaft. Mit einem Gästetrakt und einer Kapelle sollte es zur Einkehr für die eigenen Schwesternschaften dienen, aber auch anderen Gruppen zur Besinnung, Stille, Meditation und Aussprache zur Verfügung stehen.

Die neue Lebensordnung von 1997

Die 1990er Jahre standen unter einem intensiven Diskussionsprozess zu theologischen, geistlichen und weltanschaulichen Fragen. So kam es unter anderem zur Lockerung beim Tragen der Tracht. Frauen, die nach dem 1. Januar 1996 in die Diakonissenschaft eintraten, bezogen ein Gehalt und zahlten einen Schwesternschaftsbeitrag. Ein gemeinsames Zeichen verbindet die Schwestern: Es stellt das leere Grab und die Kreuzwege menschlichen Lebens dar.

Die Veröffentlichung der neuen Lebensordnung zeigt auf dem Titelblatt das gemeinsame Zeichen.