„Hinaus zum Kampfe rief das Vaterland“ – Die Chronik des Haller Rektors Christian Frederking zum Ersten Weltkrieg
Quellen aus dem Kreisarchiv Gütersloh
Eine virtuelle Ausstellung von
Einleitung
„Krieg! Mobilmachung!“ verkündet ein Telegramm, das die kleine Stadt Halle in Westfalen am Samstag, den 1. August 1914 erreichte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht. Polizeisergeant Höfener fuhr mit dem Fahrrad durch die Straßen und machte bekannt: „Es ist mobil!“ Eindrücke wie diese notierte Christian Frederking, der Rektor der Höheren Privatschule, in seiner Kriegschronik. Er beobachtete von Halle aus die Kriegslage, fing Stimmungen ein und hielt Ereignisse zeit- und lebensnah fest. Einige der Eindrücke können in dieser digitalen Ausstellung zu Quellen aus dem Kreisarchiv Gütersloh nunmehr nachgelesen werden.
01
Christian Frederking – Eine Biographie
Kurzer Blick über ein langes Leben
Christian Frederking wurde 1860 in Hahlen bei Minden geboren und wuchs im ländlichen Milieu auf. Er war 38 Jahre alt, als ihm 1898 die Leitung der Höheren Privatschule für Knaben und Mädchen zu Halle übertragen wurde. Ab August 1914, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, führte er die vorliegende Kriegschronik, in der er auch die Anfänge der Weimarer Republik schildert. Im Jahr 1923 trat an die Stelle der Höheren Privatschule eine kommunale Mittelschule, an die man Christian Frederking nicht mehr übernahm. Er war mittlerweile 63 Jahre alt, und im Herzen blieb er kaisertreu. Christian Frederking erlebte am Ort seines Wirkens auch den Zweiten Weltkrieg. Er verstarb am 20. Juli 1945, seine Ehefrau Hermine folgte ihm am 10. Juli 1952.
Frederkings Wirken als Rektor der Privatschule
In der Lindenstadt Halle war Rektor Frederking eine geachtete Persönlichkeit, die man gern zu Gast hatte. Die Schüler nannten ihn respektlos „Pin“. Und wie es ja oft ist, niemand wusste warum. Rektor Christian Frederking war ein Lehrer, wie es sie überall gab: Ordnung liebend, tüchtig, streng, etwas eigensinnig – und sehr gerecht, das wurde ihm oft bescheinigt.
Seine ehemalige Schülerin Wilhelmine Schengberg schrieb rückblickend über ihn: „Diese Schule bildete den absoluten Gegensatz zu dem sonst so geruhsamen Städtchen, denn hier herrschte unumschränkt der strenge und kuriose Schulleiter Herr Frederking, genannt Pin.“ Er habe sich alle Freiheiten herausgenommen. „Wenn er z.B. lange beim abendlichen Bier gesessen hatte, erschien er morgens müde in der Schule, setzte sich der Klasse gegenüber in einen bequemen Sessel, legte die Arme auf die Lehnen, Brille vorn auf die Nase, Kopf zurück und schloß die Augen. In diesem Moment mußte die Klasse im Chor sprechen: 'Onkel ist müde.' Er schlief dann die ganze Stunde und keiner hätte aufzumucken gewagt.“
Glückliche Jahre in Halle
Frederking wurde in Halle schnell heimisch. Von seinem leidenschaftlichen Tatendrang zeugen die Errungenschaften während seiner über 40-jährigen Tätigkeit als Vorsitzender des Verschönerungs-Vereins, den er 1901 ins Leben rief. Wer in Halle Rang und Namen hatte, der gehörte dem Verschönerungs-Verein als Mitglied an. Den dauernden Verbleib in Halle besiegelte 1911 der Bau des schönen Frederking'schen Wohnhauses an der Kaiserstraße, direkt neben der Schule. „Pin“ konnte seinen Zuständigkeitsbereich nun direkt vom Wohnzimmer aus überwachen.
Im Herzen kaisertreu…
Die letzten Jahre vor seiner Pensionierung endeten im Missklang. Da die Privatschule finanziell nicht mehr zu halten war, sah sich die Stadt Halle 1922 zur Übernahme der renommierten Bildungsstätte gezwungen. Sie wurde in eine städtische Mittelschule umgewandelt. Die sozialdemokratische Ratsmehrheit weigerte sich, den geachteten, aber im Herzen kaisertreu und antidemokratisch gebliebenen Rektor zu übernehmen. Frederking blieb nichts anderes übrig, als bis zu seiner Pensionierung als Lehrer an der Dorfschule im nahen Künsebeck zu arbeiten. Frustriert kommentierte er: „In Halle befasste ich zuletzt Obertertianer mit englischen und französischen Klassikern und im lateinischen mit Cäsars gallischem Krieg – in Künsebeck bekam ich die Schulanfänger und brachte ihnen 1+1=2 bei.“
Ihre letzten gemeinsamen Lebensjahre verbrachten die Eheleute Frederking beschaulich in ihrem schmucken Zuhause. Christian, durch Ehrenmitgliedschaften – unter anderen seit 1936 im Historischen Verein für die Grafschaft Ravensberg – ausgezeichnet, war mit den Hallern längst versöhnt. Er starb am 20. Juli 1945 im Alter von 85 Jahren. Seine Frau Hermine folgte ihm 1952. Beide fanden auf dem Haller Friedhof ihre letzte Ruhe.
02
Auszüge aus der Kriegschronik
Mobilmachung in Halle
„Es war gegen 6 Uhr nachmittags, als der Polizeisergeant Höfener mit der Nachricht an mir vorbei fuhr: ‘Es ist mobil.’ Da ich am Berliner Tor zu tun hatte, ging ich durch die Straßen der Stadt. Wie ein Lauffeuer hatte sich die Nachricht verbreitet, überall wußte man es schon, denn vor allen Türen und auf den Straßen standen die Menschen zu zweien, dreien oder in Gruppen zusammen. Radfahrer fuhren in Erregung zwischen den Menschen durch, um es auch denen noch zuzurufen, die es noch nicht wissen sollten. Vor der Post und der Redaktion des Haller Kreisblatts standen Männer und Frauen gedrängt, um noch etwas Neues zu erfahren. Die Gesichter aller waren ernst, tiefernst, denn jedermann wußte, was diese Mobilmachung zu bedeuten hatte, und der eine fragte den anderen: müssen Sie mit? Müssen Sie mit? Wer muß von Ihnen mit? […] Dazwischen dröhnten die schweren, dumpfen Schläge der Stundenglocke, die von der nahen Kirche herüberschallten. Aber aus all dem erhebt sich die Freude, daß diese furchtbare Ungewißheit die nun schon so lange auf Deutschland lastete, endlich behoben war, und vor allem die Gewißheit, daß wir im Bunde mit Österreich der beiden Mächte Rußland und Frankreich wohl Herr werden würden.“
Gerüchteküche
„Eine andere Nachricht traf noch an demselben Tage ein: Französische Autos sind unterwegs, vom Rhein her (Richtung Holland-Belgien) kommend, die eine französische Kriegsanleihe nach Rußland bringen wollen. Die Autos sind anzuhalten. Es war gegen 9 Uhr abends. Da ertönte plötzlich das Feuersignal. Es wird von den anderen Hupen sofort aufgenommen und schauerlich tönt die Symphonie dieser Klänge durch die Stille der Nacht. […] Ich eile nun auf die Straße und höre, daß die Feuerwehr alarmiert ist, um die goldbeladenen Autos abzufangen. Bei Lüttgert wird ein Leiterwagen quer über die Straße gefahren; am Berliner Tor versperrt ebenfalls ein schwerer Wagen den Weg. […] Alle Tore sind besetzt. Man wartet voller Erregung auf die Autos, doch lange Zeit vergebens. Die Klugschnacker, die alles besser wissen, fangen schon an, die brave Feuerwehr zu verulken. ‘Doch horch! Welch seltsamer Ton! Sind das nicht die Schwingungen, wie sie der Motor eines fernen Autos erzeugt? […] Ha, das kommt von Münster über Versmold! Jetzt auf gepaßt! Wir verhalten uns ruhig, bis K. auf ein gegebenes Zeichen bläst, und dann springen wir zu.’ Das Auto nähert sich, die Fahrt etwas verlangsamend, dem Bahnübergang, die Hupe ertönt, man springt zu und – entdeckt Kreistierarzt Baumhöfener in dem Auto.“
Ehemalige Schüler unter den Gefallenen
„Wieder wird mal einer der früheren Schüler unserer Schule, der Kriegsfreiwillige Heinrich Jückemöller aus Amshausen (Steinhagen), als gefallen gemeldet. Er ist am 11. November beim Sturm auf Dixmuiden den Heldentod gestorben. Er war mir ein lieber Schüler; er hatte die Vorbereitung für Untersekunda in 4 Jahren erlangt und wurde nachher, nach 1 Jahr, noch vom Mündlichen in Salzuflen dispensiert. Jetzt haben die Eltern erst Nachricht erhalten. Es wurde vorher schon erzählt, daß er verwundet in eine Scheune gebracht und dort verbrannt sei, da die Scheune von einer Granate in Brand geschossen sei. Ein anderer Schüler, Heinrich Meyer, Sohn des hiesigen Buchbindermeisters, ist auch gefallen (27. Febr.) bei einem Patrouillengang bei Ratlov in Galizien. Wie mir die Eltern mitteilten, hat er einen Schuß in den Kopf erhalten. Ein schöner Soldatentod, und doch, welch ein Schmerz für die Eltern!“
Halle wird Garnisonstadt
„Zu den vielen Überraschungen, die der Krieg mit sich gebracht, gehört für Halle die Garnison. In der letzten Zeit hatten die Gerüchte immer bestimmtere Gestalt angenommen, daß Halle doch noch Militär erhalten würde. […] Eines guten Abends teilte mir nun Amtmann Wolf mit, daß die Garnison gesichert sei, und auch die Zeitung brachte bald die frohe Kunde. Die Nr. 92 des H. Kr. [Haller Kreisblattes] brachte dann die Aufforderung: ‘Die Fahnen heraus! - wenn am morgigen Donnerstag 22. April die Soldaten in unsere Stadt einrücken, um längere Zeit im Dienste fürs Vaterland unsere Mitbürger zu sein. Wir können ihnen mit Rücksicht auf die ernste Zeit keinen festlichen Empfang bereiten, wie es vielleicht in Friedenszeiten der Fall wäre, aber wir wollen ihnen doch ein herzliches Willkommen zurufen und darin wetteifern, unsern braven Vaterlandsverteidigern den Aufenthalt in unserer Stadt so angenehm wie möglich zu gestalten. Auch damit stellt man sich in den Dienst des Vaterlandes.’“
Verschärfter U-Bootkrieg
„Ich komme aus der Schule […], meine Frau ruft mir zu: ‘Lies mal das Haller Kreisblatt. Der scharfe U-Bootkrieg ist erklärt.’ Und siehe da, wovon wir schon so manches mal gesprochen, was wir seit Monaten u. Tagen ersehnt hatten, das soll nun Wirklichkeit werden. ‘Der verschärfte U-Bootkrieg beginnt’, so steht es in großen Lettern als Überschrift im Haller Kreisblatt. Unter vollem Einsatz aller Waffen soll die Beschränkung, die die deutsche Regierung sich bisher in der Verwendung ihrer Kampfmittel zur See auferlegt hat, fallen. Da schmeckt das Essen noch mal so gut. Meine 6 Jungens jubeln, als ich es ihnen erzähle; sie nehmen sich auch das Blatt her und lesen: ‘Ha, das ist fein, jetzt geht’s los, jetzt kriegens die Engländer aber.’ Ich habe keine Ruhe. Ich mache einen Spaziergang über die Lindart, rede Hauptmann Schröder an: ‘Jetzt haben wir den Krieg gewonnen’, rede Frau Gerichtsrat Bertelsmann mit ihrer Tochter an, rede den Gepäckträger von der Bahn an, aber der meint: ‘Ja, das hätten wir schon früher machen müssen’ und rede Gärtner Terwort auf dem Wege nach Hesseln an.“
Brennnesseln – Sammeln fürs Vaterland
„Die Sammeltätigkeit der Schulen ist jetzt vielverzweigt; es gibt kaum noch etwas, was den Schulen nicht zu Sammeln aufgegeben wird, und doch unterziehen sich Lehrer und Schüler all diesen Tätigkeiten mit unermüdlichem Eifer. Diese sind 1) Das Werben bei Kriegsanleihen. Unsere Höhere Privatschule hat sich von der 2. Kriegsanleihe an gut beteiligt, bei der bis jetzt letzten (achten) mit 14.000 M. 2) Das Sammeln von Flaschen aller Art, von denen besonders Medizinflaschen sehr begehrt waren und direkt an die Apotheken abgegeben wurden. […] 6) Das Sammeln von Brennesseln, als Ersatz für die fehlende Baumwolle. Die Stengel müssen mindestens 60 cm lang und ungeknickt sein. Der größte Teil der Brennesseln wird von den Sammlern auf diese Weise erfaßt. Auch der Staat hat, wie berichtet wird, Millionen von Hektaren mit Nesseln bepflanzt, die Spinnmaschinen sind dazu hergerichtet, so daß diese Nesselgewebe uns eine gute Hülfe im Durchhalten sein werden. […]. 7) Frauenhaarsammlung zur Herstellung von Treibriemen für Unterseebote. 8) Sammlung von Altgummi, von Korken etc.“
Revolution in Halle
„… denn mittlerweile kam die Nachricht von dem bolschewistischen Aufstand in Kiel unter den Matrosen. […] Nun überstürzten sich die Nachrichten: Auch in Hamburg-Altona, Bremen, Lübeck hatten sich Soldatenräte gebildet, ebenso wäre es in Osnabrück unruhig. Da wünscht nun mancher hier in Halle das Militär aus Halle zum Teufel, denn auch nach hier könnte die Bewegung überspringen, da ja die meisten Soldaten dem Industriegebiet entstammten. Dann hörte man, daß es in Hannover besonders toll herginge etc. […] Der Ernst der Lage auch für unsere Garnison Halle wurde uns am Donnerstag Morgen klar. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag hatte der Major Saatweber hier vom Bataillon den Amtmann herausgekloppt und ihm mitgeteilt, daß Matrosen nach Halle unterwegs wären. Daraufhin wurden nun von Militär u. Polizei Maßregeln getroffen, und als die Haller am Donnerstag erwachten und sich den Schlaf aus den Augen rieben, erfuhren sie, daß am Bahnhof Halle, Bahnhof Hesseln u. Künsebeck, desgl. nach Werther, Bielefeld u. Bockel hin Maschinengewehre aufgestellt wären (in Hesseln z.B. 2), um den Matrosen einen gebührenden Empfang zu bereiten.“
Demobilisierung der Truppen
„9. Dezember [1918]. Durch Bekanntmachung im Haller Kr. werden die Bewohner aufgefordert, die Flaggen herauszuhängen, da im Laufe des Tages 50 Offiziere, 1.200 Mann u. 600 Pferde vom Inft. Rgt. Nr. 77 hier einträfen. Ich stand nach der Schule bei Schmedtmann und sah dem Einzuge dieser 77er in unsere Stadt zu. Wie ganz anders hatte man sich einstmals den Einzug unserer Truppen gedacht. Der ganze Aufzug der 77er hatte etwas Zigeunerhaftes. Begleitsoldaten waren nur noch wenig dabei, da die meisten schon in Osnabrück nach Oldenburg und in die nordwestlichen Teile Hannovers entlassen waren oder sich entlassen hatten. [...] Die Pferde waren in guter Verfassung, sie hatten in Belgien gute Weide gehabt, aber man sah die verschiedensten Rassen unter ihnen, von den schweren Belgiern bis herab zu den kleinen russischen Panje-Pferden. Sogar zwei Esel befanden sich im Zuge und erregten überall, besonders aber bei der l. [lieben] Jugend, Staunen und Heiterkeit. Die Wagen waren gar verschiedenartig, und man sah ihnen die lange Reise sehr wohl an. Die Mannschaften schauten ernst, zum Teil mißmutig drein. Man hätte weinen mögen bei diesem Anblick! Was war aus unserm stolzen Heere geworden! Wofür hatte es 4 ½ Jahre gekämpft, gelitten u. geduldet!“
Normalisierung des Lebens
„Heute, 16. Febr. [1919], war in unserer ev. Kirche Begrüßung der aus dem Felde Heimgekehrten durch die Gemeinde. Die Kirche war stark besetzt und bot einen ungewohnten Anblick. Seit 4 ½ Jahren waren nur Greise, Frauen u. Kinder zum Gottesdienst erschienen, jetzt sah man wieder junge Leute und Männer im mittleren Lebensalter. Das Aussehen aller war gut; die meisten waren in bürgerlicher Kleidung erschienen. Herr Pastor Nase predigte über einen Text aus Jesaias. Er ermahnte zum Vergessen des Vergangenen und zum vertrauensvollen Ausblick in die Zukunft. Vergessen sollten sie alles, was der Krieg Grauenvolles und Böses gezeigt hätte, vergessen sollten sie auch ihre Sünden und Vergehungen im Hinblick auf die vergebende Liebe Jesu Christi. […] In der Predigt machte P. Nase die Mitteilung, daß aus der Kirchengemeinde Halle 220 Krieger gefallen sind. Ein belebtes Bild bieten seit der Rückkehr unserer Truppen die Straßen wieder. Schon im Dezember, noch mehr im Januar und Februar sieht man wie vor dem Kriege leichte Gespanne u. Kutschwagen auf den Straßen, insbesondere sehe ich hier vor meinem Hause oft die 2 räderigen Gigs vorbeifahren. Mann und Frau sitzen eng an einander geschmiegt und glücklich lächelnd beisammen, froh der glücklichen Wiederkehr und der Beendigung des furchtbaren Krieges.“