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Paul Seawright

Beasts Of Burden / Things Left Unsaid

Eine virtuelle Ausstellung von

Die Arbeitsweise von Paul Seawright ist auf den ersten Blick dokumentarisch und klar. Dennoch entziehen sich seine zumeist in Serien angelegten Fotoprojekte einer schnellen Lesbarkeit. Sie richten den Blick auf Details, den Kontext oder auch auf Nebenschauplätze von gesellschaftlichen oder politischen Realitäten, längst über Nordirland hinaus, deren öffentliche Wahrnehmung normalerweise von einer stark am Ereignis orientierten Berichterstattung bestimmt ist.

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eine Ausstellung entsteht...

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Die Ausstellung

Beasts Of Burden / Things Left Unsaid

In der Städtischen Galerie Nordhorn stellt er zwei formal sehr unterschiedliche Serien einander gegenüber, in denen sich jedoch zwei wesentliche Aspekte einer selektiven medialen Wahrnehmung von Kriegsschauplätzen auf künstlerische Weise begegnen.

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Beasts Of Burden

Beasts Of Burden

Mit seiner aktuellen Serie  »Beasts of Burden« (2020) wendet er sich einem in der öffentlichen Aufmerksamkeit wenig präsenten Aspekt in der Geschichte des Genozids in Ruanda zu, der 1994 für weltweites Entsetzen sorgte. Damals töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit in rund 100 Tagen bis zu eine Million Menschen der Tutsi-Minderheit. Seitdem durchlebt das Land einen mühsamen und schmerzvollen Prozess der Versöhnung zwischen den Menschen der beiden ethnischen Gruppen, die bis heute teils in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander leben. Eines der Projekte, die im kleinsten nachbarschaftlichen Kontext arbeiten, besteht in der gemeinsamen Aufzucht einer Kuh durch zwei Menschen oder Familien jeweils aus der Gruppe der Opfer und der Täter. Paul Seawrights Porträts von Mensch und Tier lenken den Blick auf eine höchst archaische Form gemeinsamen Handelns, die in einem irritierenden Kontrast zu der hochtechnisierten Medienwelt und Kommunikation industrialisierter Gesellschaften zu stehen scheint.

Die Motive in Paul Seawrights Bildern erzeugen eine besondere Spannung: Er verwendet die Fotografie, ein der Konvention nach unbedingt dem Sichtbaren verbundenes Medium, in ihrer ganzen Präzision der authentischen Wiedergabe, doch gleichzeitig gelingt es ihm, die Aufmerksamkeit jeweils auch auf etwas zu lenken, was unsichtbar bleibt. So spürt er konsequent in der Wirklichkeit seiner Bilder jenen blinden Flecken nach, die durch Gewalt, Konflikte und Ausgrenzung in unserem Bewusstsein erzeugt werden. Die Bilder von „Beasts of Burden“  nehmen keine Gräueltaten der Vergangenheit in den Blick. Sie bieten Außenstehenden keinen Bericht von Geschehnissen und keine wertenden Kategorien wie Schuld und Vergebung an. Die porträtierten Menschen sind in Verbindung mit der abgebildeten Umgebung leicht als Bewohner dörflicher Regionen zu erkennen. Sie bleiben jedoch als Personen isoliert, und es wird weder über ihr soziales Gefüge noch über ihre Tätigkeiten oder ihre Rolle im Genozid etwas erzählt. Die Kühe dagegen werden ausschnitthaft vor neutralem Bildgrund und in Nahaufnahme gezeigt, als Porträt des Kopfes oder auch in Details ihres Körpers.

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Things Left Unsaid

Die Serie »Things Left Unsaid« (2014) zeigt die eigentlich verborgene interne Landschaft eines Nachrichtenstudios im US-Fernsehen, einen Ort, wo für eine große Zahl von Menschen Wirklichkeit konstruiert wird. Inspiriert von den Theorien über elektronische Kriegsführung und Massenkommunikation als Waffe, vor allem durch den französischen Philosophen Paul Virilio, zeigt Seawright in seinen Fotografien Fragmente von Räumen, in denen Informationen durch Auswahl in Nachrichten umgewandelt und verbreitet werden.

Thomas Niemeyer, Leiter der Städtischen Galerie Nordhorn

Things Left Unsaid

Um sich diesem Werk ganzheitlich zu nähern, braucht es eine Betrachtung der besonderen Beziehung zwischen Bild und textlicher Information. Für sein 2014 entstandenes Projekt „Things Left Unsaid“, was zu Deutsch so viel heißt wie „das Ungesagte“, besuchte Paul Seawright ein US-amerikanisches Studio in dem Nachrichtensendungen für das Fernsehen gedreht werden. Was auf den Bildern zu sehen ist, ist der Blick hinter die Kulissen eines Ortes an dem für Millionen Fernsehzuschauer jeden Tag ein gutes Stück der weltweiten Wirklichkeit hergestellt wird. Der Inhalt der Bilder, die in der Ausstellung zu sehen sind, ist in den Nachrichten freilich komplett ausgeblendet.

Things Left Unsaid

Formal betrachtet könnte man sagen, dass es sich bei dieser fotografischen Serie um eine Reihe von Stillleben handelt – einem alten künstlerischen Genre –, bei dem jeweils die Farben auf wenige Töne reduziert sind, sodass die Details die Technik oder der Strukturen im Vordergrund stehen. Die Dinge, die der Künstler hier zu Bildkompositionen zusammenfügt, stehen in einem ganz eklatanten Widerspruch zu der, mitunter großen politischen oder gesellschaftlichen Bedeutung, die an jenen Orten produziert werden.

Der Anlass dieser Bilderreihe lag eigentlich schon viel weiter zurück, nämlich Beginn der 1990er Jahre, als die Vereinigten Staaten von Amerika im Krieg mit dem Irak lagen. Später bekannt geworden als der zweite Golfkrieg. Doch was damals radikal neu war, nämlich, dass ein internationaler Konflikt in einem so hohen Maße überhaupt erst an den Bildschirmen Realität wurde. Diese Problematik ist dann in den späteren Jahren noch viel dramatischer geworden, nämlich als Hunderttausende, wenn nicht Millionen Kameras in den Social Media das Bild der Welt noch vielfältiger machten, aber auch schwieriger zu bewerten. Insofern hat Paul Seawrights Reihe bis heute eine ganz bedrückende Aktualität.

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Warum werden beide Serien zusammen gezeigt?

Dass diese beiden, formal sehr unterschiedlichen Projekte von Paul Seawright etwas miteinander zu tun haben könnten, fällt nicht sofort ins Auge. Tatsächlich aber geht es bei beiden um Kommunikation zwischen Menschen. Bei „Things Left Unsaid“ ist es, das fällt natürlich sofort auf, die Massenkommunikation über zum Beispiel Fernsehnachrichten, heute würde das Internet dabei eine bedeutendere Rolle spielen. Bei „Beasts Of Burden“ hingegen geht es um eine Kommunikation, die durch das gemeinsame Pflegen eines Tieres, vielleicht sogar ganz ohne Sprache auskommt.

Anders ausgedrückt: Wenn die Entwicklung der menschlichen Verständigung als ein langer Prozess betrachtet würde, stünde die Serie „Beasts Of Burden“ ganz am Anfang, während das, was wir im Fernsehen oder Internet als Nachrichten sehen, eigentlich der vorläufige Endpunkt dessen ist, was wir Entwicklung der Kommunikation nennen.
Wo in dieser Entwicklung der Kommunikation oder der Bedeutung der Verständigung hat die Kunst eigentlich ihren Platz? Und was gibt uns die Kunst beim Verstehen von Kommunikation?