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Evangelische Bühnengilde Koblenz

"Es geht hier um höhere Dinge als blosses Theaterspielen!"

Eine virtuelle Ausstellung von

Die rheinische Provinzialkirche in der Weimarer Republik

Mit dem Ende des landesherrlichen Kirchenregiments und den verheerenden Weltkriegserfahrungen kam es nicht nur zu einem Umbruch in der Organisation der evangelischen Landeskirchen, sondern auch in der Öffentlichkeitswirkung des Protestantismus, der sich nun neu positionieren musste. Auf die ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che re­agier­te die evangelische Kir­che mit Spe­zia­li­sie­rung und Fürsorge. Aus­schüs­se so­wie ei­gens ein­ge­rich­te­te Pfarr­äm­ter un­ter an­de­rem für so­zia­le Fra­gen, Ju­gend- und Stu­den­ten­seel­sor­ge wurden gebildet. Das Angebot wurde von der Bevölkerung begeistert angenommen, der erste Rheinische Kirchentag 1924 in Köln wurde eine regelrechte Massenveranstaltung.

Der Facettenreichtum der Gemeindearbeit ist auch heute noch ein Merkmal der modernen Volkskirche.
Dabei bemühte man sich seit den 20er Jahren den Gemeinden die christliche Botschaft abwechslungsreich zu vermitteln.
An den Gemeindeabenden wurde den Mitgliedern Unterhaltung und Erbauung geboten, auch in Form von Laienschauspielen. Seit 1926 stand der 'Evangelische Volksbildungsdienst für das Rheinland' den Gemeinden mit einer eigenen 'Laienspielberatungsstelle' zur Seite, um die Laienspielbewegung in den einzelnen Gemeinden zu unterstützen. Pionierarbeit leistete hier die Evangelische Gemeinde Koblenz.

Der höhere Zweck der Bühnengilde

Als Element des evangelischen Laienspiels bildete sich 1922 die 'Evangelische Bühnengilde Koblenz' (EBK), eine kleine Laienspieltruppe, die das Koblenzer Gemeindewesen in der Weimarer Republik mit ihren Theateraufführungen maßgeblich prägte.

Der Gründer und Vorsitzende der Gruppe, Presbyter Walter Hoerder – eigentlich Inhaber eines Koblenzer Bettengeschäfts –, sah in der Bühnengilde einen wichtigen Zweig der Gemeindearbeit, um in den unsicheren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg unterhaltende Zerstreuung und religiöse Erbauung zu bieten.

Beginnend als Teil des 'Ausschusses zur Organisation für Gemeindeabende' wurde die EBK 1924 ausgegliedert, um "zur Förderung des Gemeindelebens gute Kunst jeder Art, besonders aber dramatische Kunst [...] in uneigennütziger Weise und bei größtmöglicher Vollendung zu pflegen".  (Satzung der EBK)
Die Erlöse wurden der Gemeinde für wohltätige Zwecke übergeben.

Religiöse Erbauung

Einen Teil des Repertoires der Bühnegilde bildeten Stücke zur christlichen Erbauung der Gemeinde. Abgesehen von den Mysterienspielen, die Themen aus dem Alten Testament behandelten, sollte die evangelische Gesinnung natürlich im Vordergrund stehen. Hoerder musste allerdings als Regisseur und Vorsitzender der Gilde bald feststellen, dass das erbaulich-religiöse Genre in der Literatur "für evangelische Zwecke" deutlich unterrepräsentiert sei und sich zudem "meist am Rand des Kitsches" bewege.

Zerstreuende Unterhaltung

Besonders gut kamen Lustspiele, also Komödien, und historische Dramen bei den Zuschauern an, wobei auch hier auf reformatorische Inhalte Wert gelegt wurde und der Übergang von Unterhaltung und Erbauung meist fließend war.

Problematisch an der Inszenierung dieser weltlichen Stücke war, dass Werke des Deutschen Bühnenvereins und angeschlossener Verleger aufgrund eines Kartellbeschlusses in Absprache mit dem Stadttheater geplant werden mussten, um kein konkurrierendes Angebot zu bieten. Da die EKB sehr professionell an die Stücke heranging und nicht selten von der Kommunalpresse gelobt wurde, war ein konkurrenzloses Miteinander der beiden Bühnengesellschaften zunehmend erschwert. Erst 1928 erteilte ein neuer Intendant am Koblenzer Stadttheater zwar keine allgemeine Genehmigung, aber immerhin wurden gegen einzelne Inszenierungen keine Einwände mehr erhoben.

Revolutionärer Nationalismus

Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik im Allgemeinen war durch Unruhen und Entbehrungen geprägt. Den Versailler Vertrag und die Besetzung des Rheinlandes empfanden viele als erdrückende Last und die mit den Gebietsverlusten im Osten einhergehenden Vertreibungen schürten den Nationalismus der Deutschen. In der Theaterwelt wurden diese Tendenzen mit völkisch-nationalen Werken künstlerisch verarbeitet.

Die nationale Begeisterung erfasste auch die evangelischen Gemeinden und die EBK bediente die Nachfrage gerne mit einer Auswahl an Volksschauspielen und Politdramen. Beim wachsenden Einfluss des Nationalsozialismus bemühte Hoerder sich um die Aufführungsrechte für 'Schlageter' von Hanns Johst - eine künstlerische Abrechnung mit der Weimarer Republik, die Mitte der 30er Jahre wegen antifranzösischer Haltung auf dem Index für das Berufstheater stand - und inszenierte das Stück 'Ostmark' vor einem begeisterten Publikum.

Das Ende der Bühnengilde

Offiziell blieb man zwar politisch neutral, aber nach der Machtübernahme Hitlers bemühte sich Hoerder verstärkt um patriotische, auch national-konservative Stücke. Dennoch läutete die Machtergreifung der NSDAP das Ende der Gilde ein.

Die Gleichstellung der Theater mit dem Theatergesetz 1934 entzog den Laienschauspielgruppen die Grundlage. Die Komödien und Dramen nicht-religiöser Tendenz sollten in jedem Fall den Berufsbühnen vorbehalten sein, um die Arbeitslosigkeit unter den Berufsschauspielern zu verringern. Außerdem wurden weitere Auflagen gemacht: Die Aufführungen durften nur noch Gemeindemitgliedern mit Mitgliedsausweis gezeigt werden, öffentlicher Kartenverkauf und Werbung für die Stücke waren verboten und für jede Inszenierung benötigte es die Einwilligung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Der Spielraum der EBK wurde dermaßen eingeschränkt, dass es für Hoerder nur zwei Möglichkeiten gab: Aufgabe oder "kunstloser Bühnenkitsch".  Am 12. April 1935 unterrichtete er das Presbyterium über das Ende der EBK, da sie unter diesen Auflagen ihren vor 14 Jahren erteilten Auftrag nicht mehr adäquat ausführen konnte.

Quellen und Literatur

Das Evangelische Rheinland 1924-1933 – Eine monatliche Umschau über Arbeiten und Aufgaben der Rheinischen Provinzialkirche, herausgegeben von Pfarrer Ludwig Seiler, Direktor des Evangelischen Presseverbandes für Rheinland. Onlinepublikation: https://www.archiv-ekir.de/index.php/2011-07-15-13-54-07/das-evangelische-rheinland

Jochen Rath: "Es geht hier um höhere Dinge als nur blosses Theaterspielen!". Die evangelische Bühnengilde Koblenz. In: Markus Dröge, Erich Engelke u.a. (Hgg.): Pragmatisch, preußisch, protestantisch... Die Evangelische Gemeinde Koblenz im Spannungsfeld von rheinischem Katholizismus und preußischer Kirchenpolitik (=Schriftenreihe des Vereins für Rheinische Kirchengeschichte, Bd. 161). Bonn 2003, S. 197-216.

Andrea Rönz: Der Nachlass Walter Hoerder und die Evangelische Bühnengilde Koblenz. In: Blog.archiv.ekir.de [Weblog], 29. April 2020. Onlinepublikation: https://blog.archiv.ekir.de/2020/04/29/das-findbuch-zum-nachlass-walter-hoerder-ist-online/

Alle Digitalisate in der Ausstellung und die Äußerungen Hoerders sind dem Bestand AEKR Boppard 7NL 133B (Nachlass Walter Hoerder) entnommen.

Weitere Bilder zur EBK befinden sich auf flickr und in der  Bildersammlung des AEKR.