Steppenwolf und Malerfreund
Gunter Böhmer illustriert Hermann Hesse
Eine virtuelle Ausstellung von
Gunter Böhmer lernt Hermann Hesse im Jahr 1933 kennen, als der Dichter den jungen Kunststudenten zu sich in seine Wahlheimat Montagnola im Tessin einlädt. Von da an entwickelt sich eine Freundschaft, die über mehrere Jahrzehnte Bestand hat. Böhmer lässt sich ebenfalls in Montagnola nieder und wird nicht nur Hesses „Gärtnerbursche und Bocciakugelbemaler“, wie er sich selbst bezeichnet. Er begleitet den Dichter vielmehr malend und schafft damit eindrucksvolle Zeugnisse von Hermann Hesses Leben und der Landschaft des Tessins. Darüber hinaus illustriert er zahlreiche Werke des Dichters und auch internationale Buchklassiker. Nicht zuletzt entsteht so ein bemerkenswerter Bilderzyklus zu einem der bekanntesten und bedeutendsten Romane Hermann Hesses: Der Steppenwolf.
Im Zentrum der hier gezeigten Ausstellung stehen eben diese Illustrationen, die sich im Original als Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg in der Gunter Böhmer-Stiftung in Calw befinden. Angereichert wird die digitale Präsentation mit Abbildungen vielfältiger Werke und Dokumente rund um die Freundschaft und das Schaffen Gunter Böhmers und Hermann Hesses aus den Calwer Museums- und Stiftungsbeständen.
Im Zentrum der hier gezeigten Ausstellung stehen eben diese Illustrationen, die sich im Original als Dauerleihgabe des Landes Baden-Württemberg in der Gunter Böhmer-Stiftung in Calw befinden. Angereichert wird die digitale Präsentation mit Abbildungen vielfältiger Werke und Dokumente rund um die Freundschaft und das Schaffen Gunter Böhmers und Hermann Hesses aus den Calwer Museums- und Stiftungsbeständen.
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Hermann Hesse und Gunter Böhmer - Eine Dichter-Maler-Freundschaft
Hermann Hesse und Gunter Böhmer - Eine Dichter-Maler-Freundschaft
Der aus Dresden stammende Gunter Böhmer ist erst 21 Jahre alt und Student an der Kunstakademie Berlin, als er dem berühmten Dichter einen Brief mit einigen seiner Radierungen nach Montagnola sendet und ihm eröffnet, Illustrationen zu seinen Werken anfertigen zu wollen. Hermann Hesse lädt den talentierten jungen Maler daraufhin ein, ihn zu besuchen. Im April 1933 reist Böhmer nach Montagnola und wohnt von nun an im Dachgeschoss von Hesses ehemaliger Wohnstätte, der Casa Camuzzi. Schon kurz darauf schlägt Hermann Hesse seinem damaligen Verleger Samuel Fischer vor, Gunter Böhmer eine Neuausgabe seines 1900 erstmals erschienenen Werks Hinterlassene Schriften und Gedichte von Hermann Lauscher illustrieren zu lassen und so erhält Gunter Böhmer seinen ersten Auftrag. Bald folgen Bilderzyklen zu Hesses Märchen und ein illustriertes Buch über Hesses Mutter Marie, geschrieben von dessen Schwester Adele.
Gunter Böhmer begleitet Hermann Hesses Leben rund 30 Jahre lang malerisch. So entstehen nicht nur zahlreiche Portraits des Autors, sondern auch eine Reihe von Skizzen, die private Einblicke in dessen Leben gewähren. Zu einigen so gezeichneten Episoden verfasst Böhmer auch Texte, die eine ganz andere – teilweise sehr humoristische – Seite des späteren Literaturnobelpreisträgers zeigen.
Auch gemeinsame Malausflüge in die Umgebung Montagnolas gehören in diesen Jahren zum Programm. Hier entstehen zahlreiche von Hesses farbenfrohen Aquarellen, denn der Dichter hat bereits 1916 auf Anraten seines Psychotherapeuten mit dem Malen begonnen und seine Techniken im Laufe der Zeit stetig weiterentwickelt.
Neben dem Malen verbindet die beiden auch die Liebe zur Literatur, was sich im gegenseitigen Vorlesen ausdrückt. Der junge Maler hilft dem passionierten Gärtner Hesse zudem bei der Gartenarbeit rund um dessen Wohnhaus Casa Rossa, die manchmal von einer Partie Boccia unterbrochen wird. Hierher rührt auch Böhmers Selbstbeschreibung als „Gärtnerbursche und Bocciakugelbemaler“. So ist es auch nicht verwunderlich, dass viele von Böhmers Zeichnungen den Dichter mit seinem typischen Sonnenhut in der Natur oder bei der Arbeit in seinem Garten zeigen.
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Der Steppenwolf
Der Steppenwolf
Der Steppenwolf, der 1927 beim S. Fischer Verlag erscheint, gilt als eines der weltweit erfolgreichsten Werke Hermann Hesses und erhält durch die Hippie-Generation in den 1960er- und 1970er-Jahren einen regelrechten Kultstatus.
Als der Roman entsteht, befindet sich der Dichter mit fast 50 Jahren in einer tiefen Lebenskrise. Nach seiner Scheidung von der Schweizer Berufsfotografin und Mutter seiner drei Söhne, Mia, geborene Bernoulli, scheitert auch die Ehe mit seiner zweiten Ehefrau Ruth, gebürtige Wenger. Genauso wie Hermann Hesse tanzt die Romanfigur Harry Haller mit jungen Frauen den Foxtrott, ist aber auch geplagt von Selbstmordgedanken. Neben persönlichen Erfahrungen spiegelt sich im Roman und in der Figur Harry Hallers auch Hesses langjährige Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse wider.
„[Der Steppenwolf] ist um das Intermezzo des Traktats herum so streng und straff gebaut wie eine Sonate und greift sein Thema reinlich an.“
Herman Hesse an M. W., 13.11.1930
„Aufgabe des Steppenwolf war: Unter Wahrung einiger für mich ,ewiger‘ Glaubenssätze die Ungeistigkeit unserer Zeittendenzen und ihre zerstörende Wirkung auch auf den höherstehenden Geist und Charakter zu zeigen. Ich verzichtete auf Maskeraden und gab mich selbst preis, um den Schauplatz des Buches wirklich ganz und schonungslos echt geben zu können, die Seele eines weit über Durchschnitt Begabten und Gebildeten, der an der Zeit schwer leidet, der aber an überzeitliche Werte glaubt.“
Hermann Hesse an P. A. Riebe, 1931 oder 1932
„Selten merkt einer, daß das Buch außerdem von dem Krieg handelt, den es 16 Jahre vorher mit jedem Jahr näher kommen sah, und weiter von einer festen, objektiven Glaubenswelt.“
Hermann Hesse an Dr. Lenwandowski, Sommer 1943
Herman Hesse an M. W., 13.11.1930
„Aufgabe des Steppenwolf war: Unter Wahrung einiger für mich ,ewiger‘ Glaubenssätze die Ungeistigkeit unserer Zeittendenzen und ihre zerstörende Wirkung auch auf den höherstehenden Geist und Charakter zu zeigen. Ich verzichtete auf Maskeraden und gab mich selbst preis, um den Schauplatz des Buches wirklich ganz und schonungslos echt geben zu können, die Seele eines weit über Durchschnitt Begabten und Gebildeten, der an der Zeit schwer leidet, der aber an überzeitliche Werte glaubt.“
Hermann Hesse an P. A. Riebe, 1931 oder 1932
„Selten merkt einer, daß das Buch außerdem von dem Krieg handelt, den es 16 Jahre vorher mit jedem Jahr näher kommen sah, und weiter von einer festen, objektiven Glaubenswelt.“
Hermann Hesse an Dr. Lenwandowski, Sommer 1943
Bereits 1961 entwirft Gunter Böhmer den Umschlag für eine Suhrkamp-Hausbuch-Ausgabe von Hermann Hesses Steppenwolf. Seine 13 Illustrationen für den Steppenwolf-Zyklus, die im Jahre 1974 im Auftrag des Verlages für die Suhrkamp-Literaturzeitung entstehen, werden jedoch nicht gedruckt. Die Illustrationen, für die der Künstler Tuschfeder, Tuschpinsel und Deckweiß verwendet, erscheinen schließlich aber 1981 in einer bibliophilen Ausgabe von insgesamt 1000 nummerierten Exemplaren, wovon die ersten 200 von Gunter Böhmer signiert sind. Vier Jahre später erscheint außerdem eine weitere Ausgabe beim Suhrkamp-Verlag, diesmal mit farbigen Aquarellen Böhmers.
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Text und Bild - Gunter Böhmer als Illustrator
Text und Bild - Gunter Böhmer als Illustrator
Nach seinen ersten Illustrationen für Hesses Hermann Lauscher entwickelt sich Böhmer im Laufe der Jahre zu einem gefragten Buchillustrator. Die Verbindung zur Literatur zeigt sich bei ihm bereits früh, denn neben seinem Kunststudium absolviert Böhmer in Dresden auch ein Studium der Germanistik. Außer zahlreichen weiteren Werken Hesses, wie Stunden im Garten, Klingsors letzter Sommer und Unterm Rad, illustriert Böhmer insgesamt über 150 Werke der Weltliteratur, darunter auch von Autoren wie Charles Dickens, Joseph von Eichendorff, Franz Kafka und Thomas Mann. Darüber hinaus entstehen zahlreiche Buchumschläge sowie eigene Publikationen. Auch während er von 1960/61 bis 1976 als Professor für Freie Graphik an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart lehrt, entstehen weitere Illustrationen. Kennzeichnend für Böhmers Tätigkeit als Illustrator ist seine Herangehensweise, ein Buch als Gesamtwerk zu betrachten, bei dem Text und Bild zusammenwirken, und sich in die Intention des Autors hineinzuversetzen. So entstehen eindrucksvolle bildnerische Annäherungen an literarische Werke, als Tuschezeichnungen oder in Aquarelltechnik.