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Teuflisch!

Mephisto in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek

Mit Mephistopheles stellte Goethe seinem Faust einen Mit- und Gegenspieler zur Seite: Er beobachtet und kommentiert, ist scharf und treffend in seinen Urteilen, spart weder mit Ironie noch Polemik und Widerspruch. Er liebt das Spiel mit dem Schein, gefällt sich als Schalk und vulgärer Possenreißer genauso wie als „Herr der Ratten und der Mäuse“. Er ist galant, er parliert und flirtet, verführt und verneint, zieht im Hintergrund die Fäden und tut vor allem eines: Er holt Faust ins Leben, treibt ihn an und vorwärts.

Er tritt uns in seiner ganzen Vielgestaltigkeit entgegen: in aufwendig illustrierten Büchern, auf Werbeplakaten, Spielkarten und Fotografien. Er begegnet uns in Comics, auf CDs und Schallplattencovern wie auf Tellern, Bierflaschen und Einkaufstüten.

Diese mediale Vielfalt ist typisch für die Geschichte des Faust-Stoffs. Bereits die Legenden um den historischen Faust, einen Teufelsbeschwörer aus dem frühen 16. Jahrhundert, waren populär und fanden in Büchern, auf Bildern und in der Musik Verbreitung. Als im 19. und 20. Jahrhundert der Faust-Stoff – und insbesondere Goethes Faust – zum „heiligen“ Gegenstand der Nationalkultur avancierte, traf er auf die neuen Massenmedien.

Die Faust-Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek besteht heute aus über 21.000 Objekten und Publikationen zur historischen und literarischen Faust-Figur aus dem Zeitraum 1500 bis zur Gegenwart. Damit ist sie die weltweit größte Sammlung zum Faust-Stoff.
Wir laden Sie ein, den wandelbaren Mephistopheles auf seinen medialen Wegen durch unsere Faust-Sammlung zu begleiten. Der Rundgang setzt die Themenschwerpunkte „Buch“, „Grafik“ und „Theater“.

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Goethes Mephisto in illustrierten Buchausgaben

Die Figur des rast- und ruhelosen, stets unzufriedenen Faust, der mit dem Teufel darum wettet, dass er ihm keinen Augenblick der Ruhe und kein erfülltes Glück verschaffen kann, beschäftigte Goethe fast sein ganzes Leben lang. Er lernte den Faust-Stoff bereits als Kind über das Puppentheater in Frankfurt am Main kennen, schrieb die ersten Szenen als junger Mann und stellte das Drama kurz vor seinem Tod fertig.

Unter den vielen Faust-Ausgaben, die seitdem erschienen sind, finden sich zahlreiche illustrierte Buchausgaben. Ob als Pracht- und Luxusausgaben, populäre Ausgaben in Sonderreihen, Pressendrucke, Künstlerbücher oder Comics – sie alle führen den Lesern die Szenen des Dramas in unterschiedlichen Techniken und Stilen lebendig vor Augen.

Collage aus Buchseiten verschiedener Faust-Ausgaben vom 19. bis zum 21. Jahrhundert

Dabei faszinierte die Künstler neben Faust vor allem Mephisto aufgrund seiner wechselnden Rollen und Masken. Während im 19. Jahrhundert der historistische Stil der Zeit die Faust-Illustrationen prägte, interpretierten Künstler im 20. Jahrhundert das Drama auf freiere und individuellere Weise.

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Goethes Mephisto in frühen Grafiken

Zur Ostermesse 1808 erschien der erste Teil von Goethes Faust. Schnell entstanden die ersten Illustrationen. Sie prägten die Faust-Ikonographie nachhaltig und trugen maßgeblich zur Verbreitung des Dramas und seiner Popularität auch außerhalb des deutschsprachigen Raumes bei.

Der Dresdner Künstler Moritz Retzsch begann bereits 1808 Szenen nach Goethes Faust zu zeichnen. Die Illustrationen erschienen 1816 als „Umrisse zu Goethe’s Faust“. Mehrere Nachdrucke und Neuauflagen in den folgenden Jahren, auch in England und Frankreich, zeugen von ihrem Erfolg.

Ebenfalls 1816 erschienen „Bilder zu Goethe’s Faust“ von Peter von Cornelius. Während Goethe Retzschs Zeichnungen aufgrund ihrer Schlichtheit und klaren Linienführung sehr schätzte, fand er die Bilder von Cornelius zu stark an der deutschen Kunst des 16. Jahrhunderts angelehnt. Die Klassik schien ihm als Stil besser geeignet als der damals als ‚altdeutsch‘ bezeichnete Stil der Dürerzeit, an dem sich Cornelius orientiert hatte.

Die Illustrationsfolgen von Retzsch und Cornelius waren dem Maler Eugène Delacroix bekannt, als er nach 1825 seine bildlichen Interpretationen entwarf. Sie erschienen 1828 in der französischen Ausgabe des Faust. Als „wild und geistreich“ beschrieb Goethe die ersten Lithographien, die er von Delacroix sah, und nannte ihn einen Künstler von „unläugbarem Talent“.

In Delacroixs Bildern wird Mephisto zur zentralen Figur. In der Lithographie zur Szene „Straße“ bleibt er nicht als Beobachter klein im Hintergrund wie bei Cornelius und Retzsch. Er gewinnt vielmehr die gleiche Bildpräsenz wie Faust und ähnelt ihm auch in Haltung, Kleidung und Profil. Diese deutliche Nähe beider Figuren in der Darstellung verweist auf ihre unauflösliche Verbindung und zeigt Mephisto als dämonisches Alter Ego Fausts.

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Mephisto in der Gebrauchsgrafik

[Werbeschild]: Burtscheider Sprudel, nur echt mit dem Mephisto, anerkannt feinstes Tafelwasser, Mineralquelle Aachen-B.. Köln: Kraemer, [ca. 1920]

Die Gebrauchsgrafik gehört zum Bereich der angewandten Kunst. In der Faust-Sammlung finden sich viele Beispiele dieser Grafik. Sie belegen, wie stark Goethes Drama Eingang in die visuelle Alltagskultur fand und für kommerzielle und dekorative Zwecke verwendet wurde.

Ob Spielkarten, ein Stoff-Etikett für „Shawls“ der Marke Mephisto, ein Exlibris des Mephisto-Schauspielers Ernst von Possart, Notgeld-Scheine vom Brockenwirt Rudolf Schade, Sammelbilder für Liebigs Fleischextrakt, eine Zigarettenwerbung von Sapristi oder eine politisch-satirische Zeitschrift: Sie alle greifen auf den Faust-Stoff und besonders auf die Mephisto-Figur zurück, deren Bekanntheit und Popularität sie damit voraussetzen und zugleich weiter befördern.

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Mephisto auf der Bühne

Goethes Faust auf die Bühne zu bringen war und ist bis heute eine Herausforderung für alle Theaterschaffenden. Goethe selbst scheiterte an den technischen Bühnengegebenheiten seiner Zeit und gab 1812 den Plan auf, Faust I selbst zu inszenieren. Erst 1829 gelang es August Klingemann, den ersten Teil in Braunschweig stark gekürzt zur Aufführung zu bringen. Dieser Fassung folgte das Großherzogliche Weimarer Hoftheater mit seiner Inszenierung im selben Jahr.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts etablierte sich Goethes Faust auf den Spielplänen. Es war vor allem die Rolle des Mephistopheles, die unter den führenden Schauspielern begehrt war. Dessen stetes Rollen- und Maskenspiel galt als Herausforderung. Ob als Teufel mit Umhang und Pferdefuß, als Narr mit Schellenkappe, als greise Göttin oder in der Rolle des Gelehrten - Mephisto bot ihnen die Möglichkeit, ihre ganze Könnerschaft unter Beweis zu stellen. Die Fotografien, die sie in ihren Kostümen und typischen Posen zeigen, lassen erahnen, wie abwechslungsreich das teuflische Spiel gewesen sein muss.

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Mephisto im Papiertheater

Im 19. Jahrhundert erlebte das Papiertheater als Spielzeug für Kinder seine Blütezeit. Im kleinen Format imitierte es die Gegebenheiten einer realen Theaterbühne. Verlage lieferten die passenden Ausschneidebögen für Figuren und Dekorationen sowie Theatertexte, die originale Bühnenwerke zum Teil drastisch gekürzt und bearbeitet wiedergaben. Die ausgeschnittenen Figuren konnten mit Holz, Draht oder Magneten zwischen den Kulissen geführt werden.

Auf den zahlreichen überlieferten Faust-Ausschneidebögen ist Mephisto leicht durch seine typischen Attribute erkennbar:
Eine Kappe mit Hahnenfeder, spitze Nase und Kinn, häufig ein spitzer Schnauz- und Kinnbart, außerdem spitz zulaufende Schuhe, ein Degen, ein enges Wams und Beinkleid mit Pluderhosen sowie ein kurzer Mantel. Und Rot ist die Farbe des Teufels!

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Mephisto im Puppenspiel

Im 18. Jahrhundert gab es über hundert Puppentheater im deutschsprachigen Raum, die durch die Städte wanderten und auf Jahrmärkten auftraten. Besonders beliebt beim Publikum war die Legende um den Schwarzmagier Doctor Faustus, der im 16. Jahrhundert gelebt haben soll. Es hieß, er habe seine Seele dem Teufel verschrieben und sei nach dem Tod zur Hölle gefahren. Über eine Puppenspielbühne und fahrende Schauspieler lernte Goethe den Faust-Mythos als Kind in Frankfurt am Main kennen.

Auch im 19. und 20. Jahrhundert blieb der Faust-Stoff in seinen unterschiedlichen Fassungen und Bearbeitungen im Puppentheater lebendig – und auch noch im 21. Jahrhundert.

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Mephisto und kein Ende

Die medialen Wege Mephistos in der Faust-Sammlung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek führen bis in die Gegenwart:

Auf einer Audio-CD ist ein „Sprachduell“ zu hören, dass sich die beiden Musiker Thomas D. und Bela B. liefern: Faust vs. Mephisto. Im Booklet nennt Bela B. Mephisto „ein Vorbild für jeden Rockstar“ und macht aus dessen Schlaflied einen Rock-Song.
In seinem Soloprogramm „Mephistos Faust“ interpretiert Georg Schramm den politischen Kabarettisten als eine Art Mephisto, der „stets verneint“ und damit alles in Frage stellt.
Fatma Aydemir überführt Mephisto in ihrem Theaterstück „Doktormutter Faust“, das 2023 im Schauspiel Essen Premiere feierte, ins 21. Jahrhundert. Sie inszeniert ihn als genderfluide Person, die „je nach Szene mal als Frau, mal als Mann gelesen“ wird, „mal als weder das eine noch das andere“.

Und das Spiegel-Magazin fragt, ob Goethe nicht selbst am Ende „ein zynischer Mephisto“ gewesen sei anlässlich des 250. Geburtstages des Dichterfürsten. Bis heute reizt Mephisto zum Nach- und Weiterdenken – ein Ende ist nicht absehbar.